Buch von der Deutschen Poeterey
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Buch von der deutschen Poeterei
von
Martin Opitz
Abdruck der ersten Ausgabe (1624)
Vierter Druck
Halle a. S. Verlag von Max Niemeyer 1913
Neudrucke deutscher Litteraturwerke des XVI. u. XVII. Jahrhunderts. No. 1.
Einleitung.
Seit dem Erscheinen dieser Ausgabe (1876. 1882) ist das Buch von der deutschen Poeterei Gegenstand eindringender Forschung geworden, durch welche seine Stellung in der Geschichte der Poetik, sowie die Beziehungen zu den Quellen Opitzens hinlänglich klargestellt worden sind. Abgeschlossen wurden diese Untersuchungen durch die mit Einleitung und eingehendem Commentar versehene Ausgabe: 'Martin Opitzens Aristarchus sive de contemptu linguae Teutonicae und Buch von der Deutschen Poeterey, herausgegeben von Dr. Georg ~Witkowski~.' Leipzig 1888.
Die wichtigeren Einzelabhandlungen sind: O. Fritsch, Martin Opitzens Buch von der d. P. Ein kritischer Versuch (Diss.), Halle 1884; -- K. Borinski, Die Kunstlehre der Renaissance in Opitz' Buch von der d. P. (Diss.), München 1883, und danach in desselben 'Die Poetik der Renaissance und die Anfänge der litterarischen Kritik in Deutschland', Berlin 1886, S. 63 ff.; -- W. Berghoeffer, Martin Opitz Buch von der d. P. (Göttinger Diss.), Frankfurt a/M. 1888; [-- R. Beckherrn, M. Opitz, P. Ronsard und D. Heinsius (Diss.) Königsberg 1888; -- G. Wenderoth, Die poetischen Theorien der französischen Plejade in Martin Opitz' deutscher Poeterei: Euphorion 13, 445-468.]
* * * * *
Das Buch von der deutschen Poeterei erschien in Breslau 1624. Die Ausgabe ist in 4^o und besteht aus 38 ungezählten Blättern (= 9½ Bogen) mit den Signaturen =A=-=K=, angehängt sind dann noch zwei Blätter »=An den Leser=« mit Signatur =L=.
Diese Ausgabe ($A$) liegt unserem Abdrucke zu Grunde. Derselbe ist für diesen Druck, unter Berücksichtigung der Ausgabe von Witkowski, von neuem mit dem Originale (Ex. der Stadtbibliothek in Leipzig) sorgfältig verglichen worden. Abgewichen ist von der Originalausgabe nur insofern, als ihre Druckfehler verbessert sind. Diese zerfallen in 3 Klassen:
1) Druckfehler, die von Opitz selbst in dem Anhange »=An den Leser=« (S. 59) als solche aufgeführt werden. Es folgt hier das Verzeichniss derselben nach Seite und Zeile unseres Abdrucks: 7 7 inimicæ vene. 9 27 {Ên' pote soi chronos outos en}. 10 7 =heutiges tagen=. 11 33 {idiorêta}. 12 11 =Marcilius=. 15 2 {men}. 15 30 d, escorte. 19 1 =habe=] =hate=. 23 21 =kürtze=] =kurtze=. 27 37 {tôê, ê psychê}. 29 6 =nechst=] =echst=. 29 11 L irrite. 32 7 ciel] liel. 32 21 =auff einandere=. 32 31 =abstehlen=] =abstehen=; -- =möge=] =mögen=. 37 20 =stehen=] =sehen=. 38 24 {thalaasta}. 38 25 {thal astan}. 38 29 distichion. 38 30 =Ancareonten=. 41 8 =nach=] =noch=. 41 20 =lateinischen ~vnd~= hexametros. 41 37 communs =~der~ gemeinen=. 43 39 =abschnitt=] =abschrit=. 44 35 =himmelront=. 44 40 =Iu summa=. 53 23 STRO. I. 56 4 {enkrinesthai}. -- Ausserdem gibt Opitz noch zu 15 29 =genawe= an, welches aber schon im Texte ebenso richtig dasteht.
2) Ferner sind folgende gröbere Druckfehler verbessert, die zum Teil in allen, zum Teil auch nur in einzelnen der älteren Ausgaben beseitigt sind: 26 34 =satt=] =saat= (doch vgl. Anz. f. dtsch. alt. 14, 287). 27 17 =reime=] =reine=. 28 29 =denn=] =den=. 29 38 =Haupt-brecher-Löwen-zwinger=. 33 2 =erempel=. 36 28 =ö=] {o}. 40 2 =doppeltlaudender=. 40 10 =der andere=] =~das~ a.= 42 12 =abschritt= (43 39 derselbe Fehler von Opitz verbessert). 46 14 C'ouurir. 48 19 =nicht=] =nchit=. 48 23 =vneigeflochtenen=. 49 22 =Capittl=. 51 44 =Meisterück=. 56 29 =des Frawenz=. 57 30 statt =besitzen= das 2. mal =besetzen=. -- Nicht besonders erwähnt sind umgekehrte =n= oder =u=, wie 18 3 =vou= u. a.
3) Endlich sind nach Witkowski's Vorgange noch folgende Fehler verbessert: 9 7 =Volckern=. 9 27 {toi}] {soi}. 15 40 Pro longeant. 18 30 =saeit= (=sueit= Goldast statt =sneit=). 28 26 {Arêos}. 34 28 =mir=] =nur=. 36 29 =vnnd mitlere=. 37 21 Punkt nach =es=. 38 22 H. 38 23 {autên}. 49 3 Sous] Solus.[1]
[1] Unrichtig ändert Witkowski 46 18 =beseite= (mhd. #besîte#) in =beiseite=. -- Den von Witkowski S. 80 bemerkten Druckfehlern unserer ersten Ausgabe sind noch einige hinzuzufügen, die zum Teil auch von Witkowski übernommen sind: ausser geringfügigen (12 31 =großes=. 13 14 =Geistes, welchen=. 40 18 =auff=. 43 15 =auf=. 59 5 =erinnern=) der störendere 45 25 =~des~ Himmels kertzen=.
Die Abkürzungen sind aufgelöst. Häufiger ist nur =[=e]= für =en= (32 mal), =v[=n]= für =vnd= (12 m.), =[=n]= für =nn= (10 m.); ausserdem =[=m]= für =mm= (4 m.) und einmal =[=e]= für =em=.
* * * * *
Die auf $A$ folgenden Ausgaben waren ebenfalls Einzeldrucke; erst 1690 wurde das Werk in die Gesammtausgabe aufgenommen. Die Titel der einzelnen Ausgaben findet man verzeichnet bei Hoffmann von Fallersleben, Martin Opitz von Boberfeld (Leipzig 1858) und in Witkowski's Ausgabe S. 77-80, dessen Chiffern ich annehme. Sie erschienen: $B$ Frankfurt und Breslau 1634. $C$ Wittenberg 1634. $E$ Wittenberg 1635 (zum Drittenmahl auffgeleget). $G$ Wittenberg 1638 (zum Vierdtenmahl auffgeleget). $H$ Wittenberg 1641 (zum Fünfften mahl auffgeleget). $I$ Frankfurt a/M. 1645. Die erste Ausgabe, in welcher sich Hanman's Anmerkungen befinden (-- Jetzo aber von Enoch Hannman an vnterschiedlichen Orthen vermehrt vnd mit schönen Anmerckungen verbessert. Nunmehr zum sechstenmahl correct getruckt.). Über Hanmanns Anmerkungen s. Borinski, Poetik der Renaissance s. 285 ff., Witkowski s. 68 ff. -- $K$ Wittenberg 1647 (Nunmehr zum Sechsten mahl auffgeleget). Ohne Hanmanns Anmerkungen. $L$ Frankfurt a/M. o. J. (ca. 1650). Mit den Anmerkungen; »zum siebenden mal correct gedruckt«. $M$ Frankfurt a/M. 1658 dsgl., »zum achten mal correct gedruckt«. $N$ Breslau, Fellgibel o. J. Diese Ausgabe gehört in den 1. Teil der 1690 erschienenen Gesamtausgabe von Opitzens Werken, hat aber besonderen Titel und Paginierung und kommt auch separat vor. -- Die genannten Ausgaben sind sämmtlich 8^o (resp. 12^o); eine zweite Quartausgabe vom Jahre 1626 führt Grässe im Trésor des livres an und Goedeke im Grundriss^1. Die Angabe scheint aber auf Irrtum zu beruhen. Ueber eine 2. Ausgabe Wittenberg 1634 und eine Danziger 1635 [vielmehr 1634, s. u.], welche nicht nachweisbar sind, s. Witkowski $D$ u. $F$.
Endlich wurde die Poeterei aufgenommen in die beiden in der Mitte des 18. Jahrhunderts veranstalteten Opitzausgaben: $O$ von Bodmer, Zürich 1745 (nur der 1. Teil erschienen, darin die Poeterei S. 1-70); $P$ von Triller, Frankfurt a/M. 1746 (Vier Bände, die Poeterei eröffnet den 1. Band).
Auf allen Ausgaben nach der ersten lautet der Titel »Prosodia Germanica, =Oder Buch von der deutschen Poeterey &c.=« Man wird kaum annehmen dürfen, dass der Zusatz »Prosodia Germanica« von Opitz selbst herrühre, da Opitz sicher nach der Ausgabe von 1624 bei keiner folgenden beteiligt gewesen ist. Dieselben zeigen nicht nur keine Veränderungen, sondern sind sogar derart aus der ersten Ausgabe, und dann wieder eine aus der andern, abgedruckt, dass das von Opitz selbst dort gegebene Druckfehlerverzeichniss ~nicht~ berücksichtigt worden ist, wie überhaupt das ganze Nachwort »=An den Leser=« (S. 59. 60) in allen Ausgaben von $B$ ab fehlt, so dass sich dieselben unsinnigen Druckfehler teils durch alle folgenden Ausgaben hindurchziehen, teils in einzelnen derselben verbessert werden, aber zuweilen durch Conjectur anders als Opitz vorgeschrieben. Z. B. sind die Fehler =Marcilius= statt =Manilius= 12 11, liel st. ciel 32 7, =der= st. =oder= 41 37 bis 1690 in allen Ausgaben, erst Triller und Bodmer bessern richtig. 32 31 steht 1624 =abstehen=, Opitz corrigiert =abstehlen=, die folgenden Ausgaben machen aus =abstehen= das nahe liegende =absehen=, und diese Lesart ist auch noch in $OP$ vorhanden. Ebenso ist in derselben Zeile 32 31 das =mögen= statt =möge= in allen späteren Ausgaben conserviert; u. a. m.
Es geht daraus hervor, dass für den Text der Poeterei allein die Ausgabe $A$ von 1624 in Betracht kommt.
~Heidelberg~ [Dritter Druck 1902]. $Wilhelm Braune.$
* * * * *
Auch dieser ~vierte~ Druck ist mit der Originalausgabe verglichen worden. Für Nachträge zur Einleitung bin ich G. Witkowski zu Dank verbunden; insbesondere hat er den alten Druck $F$ in der Buchhandlung von Gustav Fock (aus dem Nachlasse Reinhold Bechsteins) aufgefunden und mir den Titel der Ausgabe, deren Verbleib ihm nicht bekannt ist, freundlichst mitgeteilt:
$F$ Prosodia Germanica .... =Martin Opitzen= [wie in $C$] =Dantzig, Gedruckt durch Andream Hünefeldt, Im Jahr, 1634=. [12o =A=-=E= 11b].
~Heidelberg~ 1913. $W. B.$
_MARTINI OPITII_
Buch von der Deutschen Poeterey.
In welchem alle jhre eigen- schafft vnd zuegehör gründt- lich erzehlet, vnd mit exem- peln außgeführet wird.
Gedruckt in der Fürstlichen Stadt Brieg, bey Augustino Gründern.
In Verlegung David Müllers Buch- händlers in Breßlaw. 1624.
_Horatius ad Pisones:_
_Descriptas servare vices, operumque colores, Cur ego, si nequeo, ignoroque, Poëta salutor? Cur nescire, pudens pravè, quam discere malo?_
[A 2a] Denen Ehrenvesten, Wolweisen, Wolbenambten vnd Wolgelehrten HErren Bürgermeistern vnd Rathsverwandten der Stadt Buntzlaw, seinen günstigen Herren vnd beförderern.
EHrenveste, Wolweise, Wolbenambte vnd Wolgelehrte insonders günstige HErren,
Was bißanhero von einem vnnd dem andern, auch vornemen Leuten, zum offteren an mich ist begehret worden, das ich nemlich von vnserer Deutschen Poeterey, derselben art vnd zuegehör, etwas richtiges auffsetzen möchte, habe ich vorwichene tage zue wercke gebracht. Zwar erstlich, solchem ehrlichen begehren wie billich zue verhengen: nachmals aber, die jenigen vor derer augen diese vorneme wissenschafft ein grewel ist zue wiederlegen, vnd die, so sie als ein leichte ding vor handen zue nemen vnbedacht sich vnterstehen, ab zue halten, die gelehrten aber vnd von natur hierzue geartete gemüter auff zue wecken, mir, der ich dißfals bey weitem nicht genung bin, die hand zue bitten, vnd den weg so ich allbereit vmb etwas eröffnet vollendts zu bähnen. Weitleufftiger vnd eigentlicher zue schrei-[A 2b]ben hat mich nicht allein die enge der zeit, sondern auch sonsten allerley vngelegenheit verhindert, die mir von denen zuegefüget wird, welche, wann es bey jhnen stünde, wünschen wolten, das auch das gedächtniß der Poeterey vnnd aller gutten Künste vertilget vnd außgerottet würde. Ob mich nun wol dergleichen vnbilliche Wiederwertigkeit, die ich ohne meinen verdienst tragen muß, offtermals kaum nicht zwinget wie Nero zue sagen; _Vellem nescire literas_: jedoch habe ich, in erwegung derer Vrsachen die mir etwas beßers rahten, vnd das die Zahl vieler grossen Männer die mir huldt sein die wenigen abgünstigen weit hinwieget, zwar ietzund in diesem geringen wesen den willen mit meinem schlechten studieren etwas zue fruchten erweisen wollen: vnnd wil auch nachmals besten fleißes mich bemühen, an größeren vnd mehr wichtigen sachen (denn ich gar wol weiß, das es mit der Poeterey alleine nicht außgerichtet sey, vnd weder offentlichen noch Privatämptern mit versen könne vorgestanden werden) durch beystandt Göttlicher hülffe alle mein heil zue versuchen. Indeßen, Großgünstige HErren, wollen sie, zum pfande meiner künfftigen vorsorge wie mein geliebtes Vaterlandt vnnd sie meiner je mehr vnd mehr ruhm vnd ehre haben mögen, dieses buch auff, vnd annemen, vnd beynebenst geneiget erwegen das ich auch darumb jhnen solches billich vor andern zueschreiben sollen, damit ich nicht, wann ich [A 3a] sie in diesen vnd andern meinen schrifften lenger mit stilleschweigen vbergienge, von denen die meinen künfftigen vorsatz nicht wissen für vndanckbar möge gescholten werden. Welchen lasters ich nicht alleine anderwerts frey vnd ledig bin, sondern auch dißfals kühnlich sagen darff, das ich solche große liebe zue meinem Vaterlande trage, dergleichen zwar von allen erfordert, aber bey wenigen erfunden wird. Ich muß nur bekennen, das ich nicht vnlengst auß weit abgelegenen orten, da es mir an ehre, föderung, freundschafft vnd alle dem was ich bedürffend nicht gemangelt hette, mich mehrentheils darumb zuerücke gemacht, vnnd meinen zuestandt in vngewißheit gesetzet, das ich das verlangen, daheime vnd bey den meinigen die zeit zue verschliessen, nicht lenger ertragen können. Welches ich sonsten kaum so rundt herauß sagen wolte, auß furchte, das es mir von andern für eine zärtligkeit vnd weichmuth möchte außgeleget werden, wenn mir nicht wißend, das Vlyßes so sehr auff sein Ithaca zue geeilet, als Agamemnon auff sein _Mycène_, vnd der grosse mann hertzlich gewünschet, auch nur ein räuchlein so darauß auffgienge von fernen zue schawen. Der Vater der Musen Alfonsus in Sicilien, als jhm einer erzehlete wie Rom so gewaltig, Venedig so groß, Florentz so reich, Meilandt so Volckreich were, gab er jhm dieses gar gerne zue, aber, hub er darneben an, ich wil niergendts lieber sein als zue _Carioncilla_: [A 3b] welches ein flecken war, darinnen der löbliche vnnd tugendhaffte König gebohren vnd auffgewachsen. Kan mir also niemand zue rechte vbel deuten, das ich mein Buntzlaw, ohne ruhm zue sagen, die erzieherinn vieler stattlichen berühmbten leute, welche ich bey anderer gelegenheit schon wil zue erzehlen wissen, als ein Kind seine Mutter ehre, vnd bestes vermögens hand zue wercke lege, wie nicht alleine ich durch das Vaterland, sondern auch das Vaterland durch mich bekandter werde. Nebenst dieser gemeinen vrsache hiesiger meiner zueschreibung habe ich nicht weniger in acht zue nemen, die grosse gunst vnd freundschafft, mit welcher ein ietweder von den Herren mir bey aller vorgehenden gelegenheit zum offtersten begegnet: ja das sie auch mir entweder mit Blutfreundschafft oder verwandtniß bey gethan sind, oder, worunter ich Herren Sänfftleben verstehe, mich zue alle dem was ich weiß vnnd kan, wie wenig es auch ist angewiesen vnd geleitet haben. Werden also die HErren, in betrachtung obgemeldeter vrsachen, in guttem verstehen, das ich Jhren namen hiesigen geringfügigen buche, das doch hoffentlich an seinem orte wird ersprößlich sein, vorsetzen, vnd dadurch, weil anietzo nichts anders in meinem vermögen gewesen, nur etzlicher maßen mein danckbares gemüte vnd gutten vorsatz [A 4a] erweisen wollen. Befehle sie hiermit in den schutz des Höchsten, mich aber in jhre beharliche gunst vnd liebe; der ich gleichfalls jederzeit bin
E. E. W. Dienstwilligster Martin Opitz.
[A 4b] _AD DN. MARTINUM OPITIUM Poësin Germanicam ædentem, Parodia ex Carm. II. Lib. II. Horat._
_#Nullus argento color est, etc.#_
_INgenI nullus decor est, ineptis Illitæ chartis inimice venæ #Martie Opiti#, nisi patriæ aptos Vernet in usus. Vivet extento venerandus ævo #Heinsius# plectri genitor Batavi: Illum aget prorâ metuente sisti Gloria ad Indos. Altius scandes patriâ canendo Barbyto, qvàm si Latium peritæ Atticæ jungas, Syriæque Peithus Noveris artem. Carminis multos cacoêthes urit, Nec scit expelli; nisi mille vulgo Finxerit versus peregrina jactans Gutture verba. Conditam Almanis numeris Poësin Exteræ distans, solio polorum Inseret Phoebus populumque vernis Instruet uti Vocibus, laudem, & sine nube nomen Deferens illi, viridemque laurum, Teutonæ ingenteis repolit loqvelæ Qvisqvis acervos._
_Augustinus Iskra Siles:_
[B 1a] _MARTINI OPITII_
Buch von der Deutschen Poeterey.
Das I. Capitel.
Vorrede.
WIewol ich mir von der Deutschen Poeterey, auff ersuchung vornemer Leute, vnd dann zue beßerer fortpflantzung vnserer sprachen, etwas auff zue setzen vorgenommen; bin ich doch solcher gedancken keines weges, das ich vermeine, man könne iemanden durch gewisse regeln vnd gesetze zu einem Poeten machen. Es ist auch die Poeterey eher getrieben worden, als man je von derselben art, ampte vnd zuegehör, geschrieben: vnd haben die Gelehrten, was sie in den Poeten (welcher schrifften auß einem Göttlichen antriebe vnd von natur herkommen, wie Plato hin vnd wieder hiervon redet) auffgemercket, nachmals durch richtige verfassungen zuesammen geschlossen, vnd aus vieler tugenden eine kunst gemacht. Bey den Griechen hat es Aristoteles vornemlich gethan; bey den Lateinern Horatius; vnd zue unserer Voreltern zeiten Vida vnnd Scaliger so außführlich, das weiter etwas darbey zue thun vergebens ist. Derentwegen ich nur etwas, so ich in gemeine von aller Poeterey zue erinnern von nöthen zue sein erachte, hiervor setzen wil, nachmals das was vnsere deutsche Sprache vornemlich angehet, etwas vmbstendtlicher für augen stellen.
Das II. Capitel.
Worzue die Poeterey, vnd wann sie erfunden worden.
DIe Poeterey ist anfanges nichts anders gewesen als eine verborgene Theologie, vnd vnterricht von Göttlichen sachen. Dann weil die erste vnd rawe [B 1b] Welt gröber vnd vngeschlachter war, als das sie hette die lehren von weißheit vnd himmlischen dingen recht fassen vnd verstehen können, so haben weise Männer, was sie zue erbawung der Gottesfurcht, gutter sitten vnd wandels erfunden, in reime vnd fabeln, welche sonderlich der gemeine pöfel zue hören geneiget ist, verstecken vnd verbergen mussen. Denn das man jederzeit bey allen Völckern vor gewiß geglaubet habe, es sey ein einiger vnd ewiger GOtt, von dem alle dinge erschaffen worden vnd erhalten werden, haben andere, die ich hier nicht mag außschreiben, genungsam erwiesen. Weil aber GOtt ein vnbegreiffliches wesen vnnd vber menschliche vernunfft ist, haben sie vorgegeben, die schönen Cörper vber vns, Sonne, Monde vnd Sternen, item allerley gutte Geister des Himmels wehren Gottes Söhne vnnd Mitgesellen, welche wir Menschen vieler grossen wolthaten halber billich ehren solten. Solches inhalts werden vieleichte die Bücher des Zoroasters, den Man für einen der eltesten Lehrer der göttlichen vnd menschlichen wissenschafft helt, gewesen sein, welcher, wie Hermippus bey dem Plinius im ersten Capitel des 30. Buches bezeuget, zwantzig mal hundert tausendt Verß von der Philosophie hinterlassen hat. Item was Linus, wie Diogenes Laertius erwehnet, von erschaffung der Welt, dem lauffe der Sonnen vnd des Mondens, vnd von erzeugung der Früchte vorgegeben hat. Dessen werckes anfang soll gewesen sein:
{Ên pote toi chronos houtos en hô hama pant' epephykei}
Es war die zeit da erstlich in gemein Hier alle ding' erschaffen worden sein.
Neben diesem haben Eumolpus, Museus, Orpheus, Homerus, Hesiodus vnnd andere, als die ersten Väter der Weißheit, wie sie Plato nennet, vnd aller gutten ordnung, die bäw-[B 2a]rischen vnd fast viehischen Menschen zue einem höfflichern vnd bessern leben angewiesen. Dann inn dem sie so viel herrliche Sprüche erzehleten, vnd die worte in gewisse reimen vnd maß verbunden, so das sie weder zue weit außschritten, noch zue wenig in sich hatten, sondern wie eine gleiche Wage im reden hielten, vnd viel sachen vorbrachten, welche einen schein sonderlicher propheceiungen vnd geheimnisse von sich gaben, vermeineten die einfältigen leute, es müste etwas göttliches in jhnen stecken, vnd liessen sich durch die anmutigkeit der schönen getichte zue aller tugend vnnd guttem wandel anführen. Hat also Strabo vrsache, den Eratosthenes lügen zue heissen, welcher, wie viel vnwissende leute heutiges tages auch thun, gemeinet, es begehre kein Poete durch vnterrichtung, sondern alle bloß durch ergetzung sich angeneme zue machen. +Hergegen+, spricht er Strabo im ersten Buche, +haben die alten gesagt, die Poeterey sey die erste Philosophie, eine erzieherinn des lebens von jugend auff, welche die art der sitten der bewegungen des gemütes vnd alles thuns vnd lassens lehre. Ja die vnsrigen+ (er verstehet die Stoischen) +haben darvor gehalten, das ein weiser alleine ein Poete sey. Vnd dieser vrsachen wegen werden in den Griechischen städten die Knaben zueföderst in der Poesie vnterwiesen: nicht nur vmb der blossen erlüstigung willen, sondern damit sie die sittsamkeit erlernen.+ Ingleichem stimmet auch Strabo mit dem Lactantius vnd andern in diesem ein, es seyen die Poeten viel älter als die Philosophen, vnd für weise leute gehalten worden, ehe man von dem namen der Weißheit gewust hat: vnnd hetten nachmals Cadmus, Pherecydes, vnd Hecatéus der Poeten lehre zwar sonsten behalten, aber die abmessung der wörter vnd [B 2b] Verse auffgelöset: biß die folgenden nach vnd nach etwas darvon enzogen, vnd die rednerische weise, gleichsam als von einem hohen Stande, in die gemeine art vnd forme herab geführet haben. Solches können wir auch aus dem abnehmen, das je älter ein Scribent ist, je näher er den Poeten zue kommen scheinet. Wie denn Casaubonus saget, das so offte er des Herodotus seine Historien lese, es jhn bedüncke, als wehre es Homerus selber.
Das III. Capitel.
Von etlichen sachen die den Poeten vorgeworffen werden; vnd derselben entschuldigung.