Buch und Bildung: Eine Aufsatzfolge
Part 4
In einer Buchhändlerzeitschrift las ich den Satz: »Beruf ist, wozu sich einer berufen fühlt.« Das ganze Elend unserer Zeit kann nicht besser gekennzeichnet werden, als durch diese Behauptung. Denn ist sie richtig, wie viele Menschen haben dann einen Beruf? Fühlt sich ein Straßenkehrer zum Straßenkehren berufen? Hat sich nicht manch einer, der frei seinen Beruf wählte, einmal berufen gefühlt, merkt nun aber, daß er falsch gewählt hat, sei es, weil er den »Beruf« falsch beurteilt, sei es, daß er seine Begabung, seine Kräfte falsch eingeschätzt, oder, daß er die Zukunftsmöglichkeiten nicht richtig erkannt hat? Es ist gar nicht auszudenken, welches Elend der Seele mit diesem Satz als unabänderlich festgelegt ist: Die ganze Tragik unerfüllter und unerfüllbarer Wünsche dieses Erdenlebens ist in diesem Satz, so wie er in jener Zeitschrift gemeint ist, beschlossen.
Es gibt eine Geschichte des Wortes Beruf; sie wurde von dem Berliner Theologen Holl in einem Sitzungsbericht der preußischen Akademie der Wissenschaften kurz dargestellt von den Anfängen bis zu Luther. Dort findet man, daß es anfänglich im Christentum nur eine Berufung gab und das war die Berufung des Christenmenschen durch das Evangelium. Dann war die Berufung etwas, was nur dem Mönch zuteil wurde, also eine Berufung persönlichster Art, die nur die besonders Auserwählten unter den Christen erlebten. Im Mittelalter »gerät das Berufsbewußtsein in Spannung mit demjenigen Selbstgefühl, das der fortgehende wirtschaftliche und politische Aufstieg bei den schaffenden Ständen hervorrief.« Noch aber haben diese Stände nur einen Dienst, keinen Beruf. Einen entscheidenden Schritt vorwärts hat die Mystik getan: Eckart übersetzt 1. Korinth. 7, 20: »Es sind nicht alle Leute in einen Weg zu Gott gerufen« und darum ist ihm auch der niederste Stand mit der Erlangung des Höchsten vereinbar. Deshalb soll man auch in seinem Stand bleiben und Tauler bezeichnet sogar das Amt als eine »Ladung«, einen »Ruf«, der an uns ergeht. Das Wort Beruf war aber eine Bezeichnung, die auch bei Luther noch anfänglich rein kirchlich-religiöses Gepräge hatte. Erst Luthers Lehre vom allgemeinen Priestertum brachte die große Wandlung: Die Erfüllung der von einem Stand auferlegten Pflichten ist Gehorsam auf einen Befehl Gottes. Und so sagt Luther: »Es ist Gott nicht um das Werk zu tun, sondern um den Gehorsam.«
Hier bricht die geschichtliche Betrachtung Holls ab. Hätte er sie weitergeführt, so hätte er von solchem Höhepunkt immer mehr, wenn auch in Wellenlinien herunterführen müssen bis zu so selbstsüchtigen Deutungen, wie die eingangs erwähnte. Immer mehr ist die sittliche Größe eines jenseitigen Ziels dem persönlichen Nutzen, der Erfüllung diesseitiger Wünsche zum Opfer gefallen. Als einzigen Lichtpunkt sehe ich noch jenen Bildungsbegriff der klassischen Zeit und des Idealismus, der wenigstens ein jenseitiges Vollkommenheitsbild kennt, wenn ihm auch die religiöse Prägung mangelt. Zuletzt aber kommt die fast unverhüllte Diesseitigkeit zum Durchbruch, begründet mit »der berüchtigten Forderung des Lebens«.
Gewiß regt es sich unter der Kruste solcher Versachlichung und angenehmster Broterwerb gilt nicht mehr als die Summe sozialen Fortschritts. Man erkennt auch langsam, daß der Kampf etwa zwischen humanistischen und realistischen Bildungsanstalten ganz falsche Fronten zeigte, denn auf beiden Seiten war das Stoffliche mit drückender Schwere über das Sittlich-Geistige gelegt und das Berechtigungswesen machte sich auch in diesen Kämpfen mit seiner ganzen Unsittlichkeit breit. Ist aber der Bann wirklich schon gebrochen?
Verzichten wir auf eine umfassende Antwort und beschränken wir uns darauf, den Buchhandel als Beruf im Rahmen der Zeitlage zu betrachten. Es wird gar viel von den Kulturpflichten des Buchhändlers geredet und gar mancher ist tatsächlich Buchhändler geworden, weil er damit der Kultur näher zu sein glaubte, als beim Handel etwa mit Heringen. In Wirklichkeit aber verschrieb er sich im besten Fall einem tragischen Konflikt, im schlechteren wurde er zur Possenfigur.
Was ich mit dem tragischen Konflikt meine? Nun, ein tragischer Konflikt mehr oder minder ist jedem Beruf gegeben: Der Industriearbeiter leidet unter dem Fluch allein vom Marktwert der Ware Arbeitskraft abzuhängen, der Kapitalist unter dem, daß er meint, er besitze Kapital, obwohl das Kapital von ihm Besitz ergriffen hat; der Bauer stöhnt unter der Abhängigkeit vom Wetter, der König unter der Einsamkeit seiner Stellung und so fort und fort. Der Buchhändler aber ist mit dem Fluch beladen, mit _geistigen_ Gütern _handeln_ zu müssen und darum ist er entweder nie ganz ein wirklicher Kaufmann oder es verfolgt ihn der Haß der Geistigen, die behaupten, daß er Riemen aus ihrer Haut schneide. Es ist eine besondere Tragik: so eingekeilt zwischen erdenschwerer wirtschaftlicher Notwendigkeit und aufstrebender Geistigkeit zu leben.
Gewiß gibt es viele, die das nicht fühlen, aber verlieren Einsame wie Friedrich der Große an Tragik, weil es eine Menge Fürsten gab, die sich nur der Lichtseite ihres Daseins zuwandten? Sind nicht die wenigen Arbeiter, die nicht nur gedankenlose Gewerkschaftsmitglieder sind, maßgebender für das Elend ihres Standes, als jene Masse, die im Grund genommen das Streben nach oben der »Organisation« überlassen? Ist nicht _der_ Dichter menschlich der wertvollere, der immer und immer wieder empfindet, daß sein Werk aus der Bloßstellung seines Innersten entsteht? Und wiederum so fort und fort durch alle Stände und Berufe.
Der Buchhändler aber, der die Schwere seines Amtes nicht nur geistig erkennt, sondern auch sittlich fühlt, hat erst das richtige »Gefühl«, wozu er berufen ist: Er ist berufen seine Pflicht zu tun, »gehorsam« zu sein. Es ist lächerlich, zu glauben, daß uns die Vorsehung beruft, mit einer möglichst angenehmen Beschäftigung das Brot zu erwerben. Es ist darum im Grunde ganz gleich, ob einer Buchhändler wird ganz aus freier Wahl oder als Sohn seines Vaters, wegen seiner Freude an Büchern oder weil gerade beim Buchhändler eine Lehrstelle frei war: Maßgebend für seine Wertung ist nichts als seine Einstellung zu seiner Berufspflicht. Das Gebiet sittlicher Wertung kennt keine Erklärungen und Entschuldigungen aus Lust- und Unlustgefühlen.
Will also der Buchhandel auf der Höhe des Sittengesetzes stehen, dann muß er alles Kulturgeschwätz zu Hause lassen und klar und deutlich Stellung zu seiner Berufung nehmen. Er muß wie der Held in der Tragödie über dem Schicksal bleiben, auch wenn er an diesem Schicksal zugrunde geht; sonst hat er seinen Beruf nicht richtig erfaßt.
Wie kann er ihn aber richtig erfassen? Es ist so leicht darauf zu antworten, wenn man eben jene beiden Spannungspole im Auge behält, die ich oben andeutete! Als Kaufmann muß der Buchhändler sachlich handeln, muß nüchtern rechnen, muß Angebot und Nachfrage in das richtige Verhältnis bringen, muß tun, was rechnerisch Nutzen bringt, und lassen, was zum Schaden seiner Wirtschaftskraft dient. Als Mensch aber muß er der Herkunft seiner Ware aus den Landen geistiger Sehnsucht Ehre erweisen.
Zu beidem muß einiges gesagt werden: Man könnte einwenden, daß die harten Notwendigkeiten des Geschäftslebens sich nie mit jenen Idealen vertragen können. Und in der Tat, es gibt Buchhändler, denen es ganz gleichgültig ist, was sie verkaufen, wenn sie nur verkaufen. Sie sehen von jeder Beziehung zum geistigen Inhalt der Bücher ab. Ja, ich wage die Behauptung, es ist bei weitem die Mehrzahl. Und doch ist das ganz falsch gedacht, gerade kaufmännisch falsch gedacht, weil eben dadurch das verloren geht, was der gute Kaufmann braucht, die Warenkenntnis. Nur so ist zu erklären, daß der Buchhandel der geistigen Produktion so ratlos gegenübersteht. Eine Unmenge Verleger und noch mehr Sortimenter quälen sich ab, zwischen 30000 und 40000 literarische Geistesfrüchte marktfähig zu machen. Ich glaube, daß der Teil solcher Ernte, der letzten Endes in die Stampfmühle wandert, erschreckend groß ist. Arbeit und Kapital sind daran verloren. Das merken aber nur wenige Außenstehende, weil ganz im geheimen jener Weg zur Stampfmühle zurückgelegt werden kann. Die beteiligten Buchhändler aber könnten das oft bei richtiger Markt- und Warenkenntnis vermeiden: Der Verleger ließe manches ungedruckt, der Sortimenter nähme vieles nicht auf Lager. Heute meinen aber die meisten, der Wille, bei einem kaufmännischen Vermittlungsgeschäft Nutzen herauszuschlagen, mache zum Kaufmann. Ich stelle den Satz dagegen, daß kaufmännischer Erfolg, der ohne Warenkenntnis erzielt wird, kein »Verdienst« ist, sondern ein Glückszufall. Mit Beruf hat das wenigstens gar nichts, aber auch gar nichts zu tun.
Anderseits wird man mir entgegenhalten, daß viele trostlos schlechte Bücher in Massen verkauft würden, der Buchhändler, Verleger wie Sortimenter, kenne also den Markt! Darauf ist zu erwidern, daß -- ich werde das noch genauer darlegen -- selbstverständlich die große Menge der Bücherkäufer in ihren primitiven Bedürfnissen leicht erkennbar ist. Vom Standpunkt des Berufes aber kommt es auch da auf die wertvolle Oberschicht an. Wenn diese eben in ihren Bedürfnissen nicht richtig erkannt wird, so fehlt jede Möglichkeit, ein Werturteil über die kaufmännische Leistung abzugeben, denn zur Befriedigung niederer Instinkte gehört kein Können, sondern nur Mangel an Gewissen.
Hier muß aber gesagt werden, daß es auch verfehlt ist, den Buchhandel für die Durchschlagskraft minderwertigen Geschreibsels verantwortlich zu machen. Er steht zwischen Schreibern, die solches Zeug verbrechen, und Lesern, die es nicht nur kaufen, sondern zu kaufen verlangen. Jedes Volk hat nicht nur die Regierung, sondern auch den Buchhandel, den es verdient. Trösten kann hier nur die Äußerung, die Jakob Burckhardt in seinen weltgeschichtlichen Betrachtungen machte: »Eine einzelne Zeile in einem vielleicht sonst wertlosen Autor kann dazu bestimmt sein, daß uns ein Licht aufgeht, welches für unsere ganze Entwicklung bestimmend ist.« Wenn sich aber einer »berufen fühlt«, durch den Verkauf von literarischen Schmarren sein Brot zu verdienen, so kommt der Ruf aus diesseitigen Gefilden und hat nichts zu tun mit jenem Beruf, der aus dem Jenseits kommt.
Das aber ist das Elend unserer Zeit, daß man eben die Jenseitigkeit von Luthers Berufsbegriff wie vom idealistischen Bildungsbegriff verloren hat. »Das Neueste in der Welt«, sagt wieder Burckhardt, »ist das Verlangen nach Bildung als Menschenrecht, welches ein verhülltes Begehren nach Wohlleben ist.« Besser kann gar nicht gekennzeichnet werden, wohin wir abgerutscht sind: Jeder fühlt sich »berufen«, so angenehm wie möglich zu leben, und auch im Buchhandel ist dieser Grundsatz Trumpf. Wir werden vom Schicksal solange auf die Finger geklopft werden, bis wir die Abwegigkeit solcher Gesinnung nicht nur erkannt haben, sondern auch die Nutzanwendung aus solcher Erkenntnis gezogen haben: »Nicht auf das Werk kommt es an, sondern auf den Gehorsam.«
Das hat nichts mit frömmelnder Gesinnung oder mit Spenglers Periode der zweiten Religiosität zu tun. Im Gegenteil, es ist nur das Erwachen aus dem Rausche sinnlicher Diesseitigkeit zur Nüchternheit des Geistes. Gerade aber, weil der Buchhandel zwischen geistigem Höhenflug und niederziehender Erdenschwere eingespannt ist, könnte er »berufen« sein, die Wende zu bringen: Er könnte am ehesten frei sein von der Überheblichkeit jener Geistigen, die, weil sie literarisch, wissenschaftlich oder künstlerisch arbeiten, nicht fühlen, wie sehr sie nur Ausdruck ihrer Zeit sind; er könnte aber auch die Kurzsichtigkeit des Wertens nur nach dem wirtschaftlichen Nutzen als das kennzeichnen, was sie ist: als den absolutistischen Regierungsfehler des Fürsten dieser Welt.
Vom buchhändlerischen Markt oder über Grenzen der Wirksamkeit des Buches
Zwei geistige Eigenschaften sind es, die den tüchtigen Kaufmann auszeichnen: einmal die ausgebildete Begabung, die Beschaffenheit seiner Ware zu beurteilen, zum andern aber die Urteilskraft, die den Markt für seine Ware richtig einschätzt. Von der ersten Fähigkeit hängt die Warenkenntnis ab, die es an sich nur mit der inneren und äußeren Eigenschaft der Ware zu tun hat. Aus der zweiten Fähigkeit aber entsteht die Marktkenntnis, die, für sich betrachtet, nur die absetzbare Masse bestimmt. Auf den Buchhandel angewandt, richtet sich also die Warenkenntnis zunächst nur auf die Fragen: Ist der Inhalt des Buches gut? ist es gut geschrieben? wie ist das Papier? der Druck? der Einband? Die Marktkenntnis aber kann die Fragen beantworten: Wie viele Käufer kommen in Frage? wie verhält sich zu dieser Menge die zur Verfügung stehende Auflage? Nun ist es aber klar, daß Waren- und Marktkenntnis meist in stärkster innerer Wechselwirkung stehen. Edelste Ware ist nicht in Masse herstellbar, und Massenware muß auf das Hauptkennzeichen der Edelware verzichten: auf die Einzigartigkeit des Einzelstücks. Ein wirklicher Massenartikel kann nicht aus edelstem und darum seltenem Stoff hergestellt werden. Darum druckt man z. B. ein Rechenbuch für Volksschulen nicht auf feinstes Hadernpapier und bindet es nicht in Schweinsleder; Luxusdrucke aber werden beziffert, um damit ihrer Seltenheit Ausdruck zu geben.
Nun ist es leicht, für ein solches Rechenbuch die mögliche Absatzziffer zu bestimmen, weil man die Zahl der dafür in Betracht kommenden Schüler feststellen kann, und auch bei manchem wissenschaftlichen Buch kann man fast auszählen, wie viele Büchereien, wie viele Institute und wie viele private Abnehmer dafür in Frage kommen. Bei der großen Menge des allgemeinen Schrifttums ist aber solch leichte Bestimmungsmöglichkeit nicht gegeben und die Festsetzung der Auflagenhöhe darum ein Glücksspiel. Und doch läßt sich der Zufall in mancher Hinsicht einschränken, wenn man die Frage ernstlich prüft: Wer kann alles für das Buch in Frage kommen? Wo sind die Grenzen der Wirksamkeit eines Buches? Jeder Verleger legt sich diese Frage bei der Bestimmung der Auflage, jeder Ladenbuchhändler sich die gleiche beim Einkauf vor. Er beantwortet sie aber nur gefühlsmäßig. Und doch muß es trotz der Unendlichkeit aller Möglichkeiten wenigstens einige Gesetze geben, die den Zufall zwar nicht einschränken, seine Möglichkeiten aber gesetzmäßig bestimmen.
Zunächst ist die Frage aufzuwerfen, ob es räumliche Grenzen für die Wirksamkeit des Buches gibt. So häufig es vorkommen mag, daß die in Frage kommenden Leser eines Buches räumlich geschlossen zusammenwohnen, so ist doch damit keine räumliche Grenze für die Wirksamkeit eines Buches gegeben, einfach deshalb, weil der Geist keine räumliche Grenzen kennt. Ein Buch, das z. B. in dem besonderen Dialekt einer Gegend, ja eines Dorfes geschrieben ist, wirkt schon über dessen Raum hinaus, wenn ein Forscher von außerhalb sich mit jenem Dorf oder der Gegend, in der es liegt, beschäftigt, ganz abgesehen davon, daß ja die Bewohner des Dorfes nicht festgebunden sind und den Raum ihrer engeren Heimat nicht nur verlassen können, sondern wohl auch häufig verlassen. Warum sollte nicht ein Siedler im brasilianischen Urwald mit Freuden ein Buch seiner engeren Heimat lesen, auch wenn wenige Kilometer von dieser Heimat entfernt die Mehrzahl der Menschen den Inhalt des Buches aus sprachlichen oder sonstigen Gründen nicht mehr verstehen oder wenigstens nicht mehr würdigen können. Man kann also ruhig sagen: Räumliche Grenzen gibt es für die Wirksamkeit des Buches nicht.
Es läge nun nahe, auch die zeitlichen Grenzen für die Wirksamkeit des Buches zu leugnen, weil wir jahrtausendalte schriftliche Überlieferungen besitzen und lesen können. Und in gewissem Sinne gibt es für das Buch eine zeitlich unbegrenzte Wirkung; d. h. solange es Menschen gibt, die den Willen haben, schriftliche Überlieferung zu lesen, kann ein Buch wirken. Die so gezogene Grenze erscheint uns wenigstens ebenso belanglos wie die Tatsache, daß die Wirksamkeit des Buches räumlich auf diese Erde beschränkt bleibt.
Wer tiefer eindringt, der fühlt aber doch noch eine andere zeitliche Grenze. Er fühlt, daß alte Überlieferungen zwar in gewissem Sinne weiterwirken, daß aber ein Teil abstirbt, ich glaube, sogar ein wesentlicher. Ich bin z. B. der festen Überzeugung, daß wir der Weltanschauung etwa der Zeit, in der das Nibelungenlied geschrieben ist, so fremd gegenüberstehen, daß wir zwar die große künstlerische Form, gewisse allgemein menschliche Züge der Helden u. a. einigermaßen erfassen können, das Lied selbst aber als Persönlichkeitsäußerung ist für uns wie eine zersprungene Glocke: Wir sehen die schöne Form, wir erkennen das gute Metall der Legierung, sie siegt aber nicht mehr. Da hilft keine Nacherzählung, da hilft kein Film, auch wenn er künstlerisch höher stünde als unser jetziger Nibelungenfilm mit seinen Pappdeckelwäldern, dem auslaufenden Drachenauge und der blutenden Siegfriedwunde. Wir müssen uns damit abfinden, daß der Buchstabe das Bild eines gestorbenen Lautes, der geschriebene Satz das Bild eines Gedankens ist, das nur solange lebendig wirkt, als die Menschen fähig sind, ebenso zu denken. Es mag Gedanken geben, die aller Menschheit begreiflich sind, solange es eine Menschheit gibt -- ich bin sogar vom Bestehen solcher ewiger Wahrheiten überzeugt --, das ändert aber nichts an der Tatsache, daß ein Buch, das aus einer Menge Gedanken besteht, eben doch in gewissem Sinne mit seiner Zeit stirbt. Mit Spengler glaube ich, daß wir z. B. die Antike niemals wirklich verstehen können, womit nicht gesagt ist, daß der Einfluß _unserer Auffassung_ einer vergangenen Menschheitsepoche nicht von größter Bedeutung sein kann.
Damit ist gezeigt, wo die eigentlichen Grenzen der Wirksamkeit des Buches zu suchen sind: auf rein geistigem Gebiet. Ich deutete schon oben an, daß die Sprache eine dieser Grenzen ist: Ein Buch in französischer Sprache ist einem Deutschen, der nicht Französisch gelernt hat, unverständlich. Ich behaupte noch mehr: Wer nicht ganz in französischem Wesen aufgewachsen und erzogen ist, dem bleibt vieles letzten Endes auch unverständlich, wenn er Französisch gelernt hat. Eine restlose Übersetzung einer Dichtung in eine andere Sprache ist unmöglich, es bleibt immer ein mehr oder minder wesentlicher Teil unübersetzbar.
Es leuchtet auch ein, daß ein Buch über die Relativitätstheorie nur dem physikalisch und philosophisch Gebildeten verständlich ist. Bei vielen Büchern liegen also gewisse Grenzen ihrer Wirksamkeit offen zutage, und doch fehlt auch hier Wesentliches: Es sind nur die Kenntnisse gegeben, die Vorbedingung für das Verständnis des Buches sind, nichts ist aber über die Fähigkeit ausgesagt, die zur Aufnahme des Inhalts unbedingt notwendig sind. Nun wird man zwar einwenden, daß auch die Kenntnisse gewisse Fähigkeiten beweisen; beschäftigt man sich aber mit der Begabung der Leserwelt überhaupt, so erkennt man, wie nahe das Nichtverstehen auch bei den »Gebildeten« liegt. Wir wundern uns oft, wie es möglich ist, daß oft eine wichtige Erkenntnis nur langsam und mit größten Schwierigkeiten weitere Kreise erfaßt. Stellt man aber eine Untersuchung über die Verteilung der Begabung in der menschlichen Gesellschaft an, so erklärt sich diese Tatsache leicht.
Schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hat sich ein Engländer mit der Begabung des Volkes befaßt, Francis Galton (Hereditary Genius, London 1869). Von einem Deutschen, Otto Ammon, wurde auf diese Untersuchungen aufgebaut und freilich mit gar manchem Trugschluß und unter der Einwirkung eines einseitigen Darwinismus Wertvolles zur Begabungsschichtung einer Bevölkerungsmasse klargestellt. Ich folge dem deutschen Buch (Die Gesellschaftsordnung und ihre natürlichen Grundlagen, 1. Auflage, Jena 1895), um das Wesentliche herauszuarbeiten.
Jedes Lebewesen vererbt auf seine Nachkommen eine Summe von Einzeleigenschaften. Die Gesetzmäßigkeit dieser Vererbung steht nach dem Mendelschen Gesetz heute wissenschaftlich fest. Die mögliche Mischung der Eigenschaften ist aber bei der Riesenzahl von Einzelwesen, die sich zur Zeugung von Nachkommen zusammenfinden können, eine sehr große. Auf dieser Tatsache aufbauend, läßt sich eine Rechnung aufmachen, deren Grundlagen sich am besten am Würfelspiel verdeutlichen lassen.
Man denke sich z. B. die Begabung einer Bevölkerung im wesentlichen auf 4 Grundlagen aufgebaut, deren jede in 6 verschiedenen Graden in Frage kommt, so kann man jeder sozusagen einen Würfel zuteilen, jedem Grad eine Seite dieses Würfels. Nun ergibt sich, daß der günstigste Wurf mit 4 mal 6 Augen und der ungünstigste mit 1 mal 1 Auge nur je in einer Zusammenstellung möglich ist, die Würfe aber mit der Quersumme 2 und 5 sind schon mit je 4, die mit Quersumme 22 und 6 schon mit je 10 verschiedenen Zusammenstellungen möglich. Die größte Zahl von Mischungen liegt in diesem Fall bei der Quersumme 14, die 146 verschiedene Möglichkeiten der Mischung gibt. Stellt man dieses mathematische Ergebnis der verschiedenen Mischungsmöglichkeiten zeichnerisch dar, so erhält man die gestrichelte Kurve der Abb. 1:
Nun ist die Vierteilung der Begabung natürlich durchaus willkürlich, denn jede dieser Gruppen läßt sich wieder in eine Unzahl Einzelbegabungen auflösen. Fragt man nun, wie die Verhältnisse bei der Annahme von mehr Begabungsgruppen liegen, so ergibt sich, daß die Zahl der Mittelmäßigkeit zu, die der Spitzenbegabungen, sowohl im guten wie im schlechten Sinne, abnimmt; bei Begabungsgruppen gibt es eben die günstigste Quersumme von 48 und die ungünstigste von 8 nur einmal unter im ganzen 1679616 Möglichkeiten der Begabungsmischung, während im obigen Beispiel die Quersumme 24 und 4 einmal unter 1296 möglich war.
Gleiche Einwirkung auf die Kurve ergibt sich, wenn man statt 6 Graden der Begabung deren mehr annimmt. Nimmt man z. B. wie Galton in seiner Untersuchung über die Begabung von 1 Million Menschen 16 Grade an, so erhält man die ausgezogene Kurve der Abb. 1.
Die Zahl der Einzelbegabungen ist zwar ebenso wie deren möglicher Stärkegrad in keiner Weise festlegbar, immerhin kann man Galtons Einteilung der Begabung als grundlegendes Bild gebrauchen, man muß sich nur klar darüber sein, daß eben wegen der Vielzahl der möglichen Einzelbegabungen und ihrer Grade in Wirklichkeit der Aufstieg der Spitze zum »Talent und Genie« noch viel geringer ist, wie natürlich auch die nach unten gerichtete Spitze der Minderbegabung weniger abfällt. Die Masse einer Bevölkerung ist also unbedingt der Mittelmäßigkeit überantwortet. Aus ihr ragen Talent und Genie in jähem Aufstieg hervor, so daß die Absatzmöglichkeit von Büchern, die an der Grenze von Mittelmäßigkeit und des Talentes liegen, was die von ihnen geforderten Ansprüche von Aufnahmefähigkeit anlangt, in einem Fall noch verblüffend groß, im anderen, wo es sich nur um eine verhältnismäßig geringe Steigerung der Schwierigkeit handelt, schon außerordentlich gering sein kann. Obwohl also die Mittelmäßigkeit vorherrscht, besteht ein großer Trost! Er liegt in der Tatsache, daß der unter das Mittelmaß der Begabung fallende Mensch sehr wohl in einer Richtung Höchstbegabung besitzen kann, die nur durch Minderbegabung in anderer Richtung ausgeglichen wird. Und in der Tat können wir bei ganz Großen des Geistes oder der Seele ausgeprägte menschliche Schwächen feststellen, ja, wir tun dies gerne, weil gerade diese Schwächen uns über den Abstand, der uns im entscheidenden Punkt von ihnen trennt, hinwegtröstet.
Es ist also mit dem Bild der allgemeinen Verteilung der Begabung nur ein ganz roher Anhaltspunkt gegeben dafür, wo die Grenzen der Wirksamkeit eines Buches liegen. Immerhin leuchtet das wohl jedem ein, daß eben gerade das belanglose Schrifttum den breitesten Boden für Absatz hat. Es hat keinen Sinn, darüber zu jammern, daß etwa die Tarzan-Bücher einen Absatzerfolg erzielen, der im schreienden Mißverhältnis zum Absatz der Bücher steht, die menschlich wirklich wertvoll sind, von den Klassikern gar nicht zu reden.