Buch und Bildung: Eine Aufsatzfolge
Part 3
Dürfen wir aber nur diese Lichtseite sehen? Gibt es nicht auch Nachtseiten des Schrifttums, die auch ihre Schatten auf die Religion werfen? Nicht von der Unzahl religionsloser oder religionsfeindlicher Schriften soll hier die Rede sein. Nein, in sich selbst birgt das Schrifttum einen tödlichen Keim, auch da, wo es edelstes Religionsgut vermittelt.
Die Schrift ist nur ein Bild des gesprochenen Wortes. Und wie uns auch das beste Bild eines Menschen uns diesen selbst nicht ersetzen kann, ebensowenig kann die Schrift das gesprochene Wort ersetzen. Ihr fehlt der Ton der Stimme, ihr fehlt die Geste. Selbst wenn das Geschriebene noch so lebendig anmutet, man die hinter ihr stehende Persönlichkeit greifen zu können meint, die meisten Fäden, die unsichtbar von der redenden Person zu den Hörern führen, sind zerschnitten. Man erinnere sich, wie manche Rede oder Predigt, die uns im Innersten gepackt hat, uns unbegreiflich schal anmutet, wenn wir sie später gedruckt lesen, wie mancher Satz als platt erscheint, der unter dem Blick der redenden Persönlichkeit erschütternd wirkte. »Ein Ding soll man wissen,« sagt Seuse, »so ungleich es ist, wenn man ein süßes Saitenspiel selber hört süß erklingen, im Vergleich dazu, daß man nur davon hört sprechen, ebenso ungleich sind die Worte, die in der lauteren Gnade empfangen werden und aus einem lebendigen Herzen durch einen lebendigen Mund ausfließen, im Vergleich zu den selbigen Worten, wenn sie auf das tote Pergament kommen. Denn so erkalten sie, ich weiß nicht wie, und verbleichen wie die abgebrochenen Rosen.«
Durch die Unzulänglichkeit schriftlicher Übermittlung entsteht eine doppelte Gefahr: Der Leser liest aus den Worten mit seiner Phantasie das heraus, was ihm entspricht, er ist weniger »gefesselt« als der unter dem Bann der Rede Stehende. Das Gespenst der falschen Deutung oder auch nur des Mißverständnisses erhebt sich drohend. Da aber, wo dem Leser die Phantasie mangelt, fehlt überhaupt das wichtigste Organ des Verstehens, das »Sich-in-den-anderen-Hineinversetzen«. Die Folge ist unfruchtbare Kritik, und an Stelle des Lesens, d. h. des _Zusammen_lesens der Buchstaben zu Gedanken des Schreibers, tritt ein _Zer_lesen und Zerpflücken: Die Schrift ist tot, wenn nicht der Leser ihr Leben gibt! Wie eine gepreßte Blume trotz vielleicht gut erhaltener Farbe tot ist und erst Leben gewinnt, wenn der Beschauer sie sich auf blühender Wiese, vom Wind bewegt, von der Sonne beschienen, umgeben von Gras und anderen Blüten, denkt, so hängt bei der Schrift alles davon ab, ob ein wirklicher Leser da ist.
Und darum hat Paulus (1. Korinth. 8, 1) recht, wenn er sagt: »Das Wissen blähet auf.« Denn Wissen ist nur das Ansammeln der toten Tatsachen. Tat_sachen_ sind tot, solange nicht eine schöpferische Phantasie aus ihnen Neues baut. Reden die Leute schon viel, so schreiben sie noch viel mehr aneinander vorbei. Ein wirklich guter Schriftsteller wird daran erkannt, daß er mit seiner Darstellungsweise den Leser so anregt, daß mühelos dessen Phantasie in Kraft tritt, um das an sich tote Satzgefüge zu beleben. Darum ist ein Buch um so toter, je _wissen_schaftlicher es ist; denn um so mehr ist das mit den Gedanken des Schreibers eingetreten, was Fendt in seinem Buch über die Entwicklung der christlichen Gottesdienstformen »Versachlichung« nennt. Nur nebenbei sei bemerkt, daß die fremdwortwütigen deutschen Gelehrten ihre Welscherei mit der Wissenschaftlichkeit begründen. Sie haben recht; aber sie dienen damit eben jenem Wissen, das aufbläht, weil es keine Phantasie gibt, die diesen toten Wortgebilden Leben einhauchen kann.
Unter diesen Gesichtspunkten gesehen, gewinnt die Stellung Christi zum geschriebenen Wort ihren vollen Sinn. »Weh' euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr gleich seid wie die übertünchten Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Totenbeine und alles Unflats!« (Matth. 23, 27.) Das heißt eben, daß die Schriftgelehrten und Pharisäer Buchstabenwissen die Menge hatten, nicht aber den Sinn, der hinter der Schrift steht. Matth. 23, 17--22 liest sich wie eine Predigt gegen die Versachlichung. Zu den Schriftgelehrten und Pharisäern ist Mark. 3, 28--30 das Wort von der Sünde gegen den Heiligen Geist gesprochen. An einer Stelle (Luk. 11, 52) tritt deutlich hervor, daß Jesus nicht wegen der Versachlichung der alttestamentarischen Überlieferung den Schriftgelehrten und Pharisäern den Hauptvorwurf macht, sondern deswegen, weil sie diese Versachlichung zur Norm erhoben, indem sie für sich allein die Schriftkenntnis beanspruchten: »Weh' euch Schriftgelehrten! Denn ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen und wehret denen, die hineinwollen.« Dieser Schlüssel der Erkenntnis ist nichts anderes als jene unmittelbare Aneignung des eigentlichen Wortinhalts durch das eigene Vorstellungsvermögen, durch die ungebrochene Phantasie, wie gewöhnlich gesagt wird, d. h. eben durch jenes Organ, das im Gegensatz zur Wissenschaft aufs Ganze geht und auf Zergliederung verzichtet. »Nichts ist trennender vom Volke als Wissenschaft,« sagt Ricarda Huch[8], »die Trennung nach der wissenschaftlichen Ausbildung löst im Volke noch mehr auf als die Trennung nach Adel und Reichtum. Solange die Kultur auf der Phantasie beruht, ist sie dem ganzen Volke zugänglich; die Wissenschaft vereinzelt, ohne irgendeine neue Erkenntnis zu schaffen. Sie zerlegt die einheitliche Idee in Begriffe und macht damit eine Sprache, die nur von Eingeweihten verstanden werden kann; durch die Vorherrschaft dieser bewußten Sprache verkümmert die anschauliche, die aus dem Unbewußten quillt, die bewußte wird immer dürrer und lahmer, da sie des Zustroms aus der Quelle entbehrt, und putzt sich dementsprechend mit desto künstlicheren Lappen auf.« Es ist dies eine Wahrheit, die für unsere wissenschaftsfreudige Zeit schmerzlich ist. Daß sie von einer Frau so klar ausgesprochen wird, zeigt, daß eben die Frau unberührter von der Versachlichung unserer Kultur blieb.
Tritt nun hinsichtlich der religiösen Überlieferung eine Trennung zwischen Eingeweihten und Uneingeweihten ein, so ist die Religion in der Wurzel getroffen. Das ist die Erkenntnis, von der Jesus durchdrungen war. Denn ausdrücklich betont er ja, daß er nicht gekommen sei, um das Gesetz aufzulösen, und Matth. 5, 18 sagt er: »Bis daß Himmel und Erde vergehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe, noch ein Tüttel vom Gesetze,« und auch Lukas berichtet Kap. 16, 17 das gleiche. Und wie oft beginnt seine Antwort mit dem Hinweis: »Es steht geschrieben.« Freilich muß hier auch das 5. Kapitel des Matthäus herangezogen werden, in dem die mehrfache Gegenübersetzung »Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist« und dann das »Ich aber sage euch« wie ein Bruch mit dem Alten Testament erscheint. Dieser soll nicht geleugnet werden, aber gerade aus dieser Stelle erkennt man, daß dieser Bruch darin besteht, daß Jesus über das Alte Testament hinausgehen will. Er sagt mit kurzen Worten: Es genügt nicht, die Verbote des Gesetzes einzuhalten, sondern es gilt, die schlechte Handlung durch die gute zu ersetzen. Jesus erkannte klar, daß eben jener Bann, in den die Versachlichung der Überlieferung seine Zeit geschlagen hatte, nicht nur durch den Hinweis auf den Schaden selbst -- er hat es ja mit herben Worten den überheblichen Eingeweihten gegenüber oft getan -- gebrochen werden kann und darum mußte er über die Gesetzesüberlieferung hinausschreiten in die Welt der freien, gottbewußten, sittlichen Tat, die weit entfernt ist von jener buchstäblichen Einhaltung geschriebener Gebote, die noch dazu, wie er deutlich sah, immer mehr verblaßt waren unter der Einwirkung menschlicher Gesetze: »Ihr verlasset Gottes Gebot und haltet der Menschen Aufsätze,« sagt er Markus 7, 8.
Alexander von Humboldt sagt wohl einmal, daß die Sprache nicht nur ein ἔργον (ergon), ein Werk, sondern auch eine ἐνεργια (energia), eine lebendige Kraft sei. Das gilt ebenso vom Schrifttum, und Jesus hat das deutlich erkannt und suchte durch seine Lehre eben jene lebendige Kraft wirksam zu machen, während die Schriftgelehrten nur das Werk, die abgeschlossene Sache, kannten.
So steht die religiöse Persönlichkeit des Christus bewußt einerseits im Gegensatz zu dem Schrifttum, das seiner Jugend Religion vermittelte, anderseits aber nicht minder bewußt _in ihm_ selbst; nur sieht er es mit anderen Augen als seine abgestumpfte Zeit. »Hat euch nicht Moses das Gesetz gegeben? Und niemand unter euch tut das Gesetz.« (Joh. 7, 15 u. ff.) Er reckt sich zur ganzen Größe seiner religiösen Persönlichkeit und bringt sich selbst zum Opfer, um dem toten Buchstaben wieder neues Leben zu geben. Er fühlt sich von Gott dazu berufen und seines Sieges _im Sinne der Schrift_ sicher, darum sagt er: »Wer an mich glaubt, _wie die Schrift saget_, von des Leibes werden Ströme des lebendigen Wassers fließen.« (Joh. 7, 32.)
So bekommt der Anfang des Johannesevangeliums seinen Sinn: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.« Dieses Wort hatte höchste Schöpferkraft, es war Gestaltungskraft und »Sinn an sich«: »Dasselbige war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbige gemacht, und ohne dasselbige ist nichts gemacht, was gemacht ist.« Seine Lebenskraft wirkte auch in den Menschen: »In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.« Da aber kommt eben jene Finsternis der Versachlichung, jene geistlose Buchstabenleserei, die am Sinn vorbeigeht, indem sie meint, mit dem buchstäblichen Inhalt das Wesen ergriffen zu haben. »Und das Licht scheinet in die Finsternis, und die Finsternis hat's nicht begriffen.« Die große Wendung bringt der Erlöser: »Und das Wort ward Fleisch.« Das heißt: Durch die Person des Heilands bekam das Wort auch für die Umwelt, der es toter Buchstabe geworden war, wieder Leben, Sinn und lebendige Kraft.
Ich will mit dieser Deutung nicht etwa das Logosproblem, mit dem sich so viele vom frühen Christentum bis heute abgequält haben, ähnlich gewaltsam lösen wie Goethes Faust, der da sagt: »Im Anfang war die Tat.« Die geheimnisvolle Kraft eben des Wortes, das bei Gott dem Schöpfer von Anfang an war und das die Welt hervorrief, kann ich so wenig fassen wie alle jene Denker. Meine Erklärung des Anfangs des Johannesevangeliums läßt den geheimnisvollen Kern des schöpferischen Logos unberührt; sie zeigt aber, wie eben jener Kern den Menschen in Vergessenheit kam, weil sie die Schale für die ganze Nuß nahmen. Durch die Person Christi wurde diese Schale gesprengt und die Wirksamkeit und Keimkraft des Kernes den Menschen zurückgegeben.
Gerade die Einstellung Christi zur schriftlichen Überlieferung ist es, was seiner Lehre das Gepräge gibt. Lassen Sie mich hier kurz Vergleiche mit dem Buddhismus und dem Islam ziehen.
Wenn Sie die religiöse Gestalt des Buddha betrachten, so -- es ist das ja allbekannt -- finden Sie manche Züge, die auch bei Jesus zu finden sind: Er entstammt nicht der Priesterkaste, aber er ist hochgebildet und setzt wie der zwölfjährige Jesus seine Umwelt durch seine Begabung in Erstaunen: »Als er in das Jünglingsalter eintrat -- Lernt er das, was seinem Stande zukommt -- Was bei anderen manches Jahr erfordert -- Leicht und sicher in nur wenigen Tagen«, heißt es in »Buddhas Wandel«, einer der ältesten Überlieferungen des Buddhismus. Auch aus anderen Stellen dieser Schrift geht deutlich hervor, daß er reiches Wissen hat und stolz darauf ist. Nun aber kommt der große Unterschied: Während Jesus mit seinem religiösen Schöpfertum der alten Überlieferung ihren Sinn zurückgibt, aus totem Wissen lebendige Religion macht, sucht der Buddha die alte Lehre seines Landes, die der Seelenwanderung, bewußt zu verdrängen. Gewiß tut er dies in an sich tief religiöser, aus stärkstem Erleben hervorquellender Gedankenarbeit, aber der Bruch mit dem Vorhergehenden ist da, nicht nur äußerlich wie bei Jesus, sondern innerlich. Wieweit allerdings auch bei Buddha den Anstoß zu seiner Wirksamkeit eine Versachlichung der religiösen Überlieferung seiner Zeit gegeben hat, entzieht sich meiner Beurteilung. Bezeichnend für diesen großen Religionsstifter Indiens ist aber, daß auch er wie Jesus nichts Schriftliches hinterließ; auch er predigte in lebendiger Sprache unter Verwendung von vielen Bildern und Vergleichen. Erst seine Jünger schreiben seine Reden auf.
Anders Mohammed, der Prophet des Islams, der weit unter dem indischen Großen steht, eben gerade deshalb, weil er selbst seine Lehre in Schrift erstarren ließ. Eine Menge verschiedenster religiöser Überlieferungen hatten auf ihn eingewirkt, und aus ihnen baute er seine neue Lehre. Diese war aber eben aus Überlieferung zusammengesetzt; sie war keine Auseinandersetzung mit ihr wie bei Buddha oder eine Zurückeroberung ihres innersten Kerns wie bei Jesus, und darum wurde sie selbst rasch starre Überlieferung, die dann Jahrhunderte als Geißel die christliche Welt schlug. Bemerkenswert ist die Erzählung, die Mohammed selbst von seiner Berufung in der 96. Sure gibt: Allah selbst oder der Engel Gabriel war ihm erschienen und hatte ihn aufgefordert:
»Lies im Namen deines Herrn, der dich schuf lies, dein Herr ist's, der dich erkor, den Menschen schuf aus zähem Blut und unterwies mit dem Schreibrohr den Menschen unterwies in dem, was er nicht wußte zuvor,«
da las er, die Erscheinung wich von ihm, er erwachte aus seinem Traum und es war ihm, als trüge er die Worte ins Herz geschrieben. Also schon in seiner Berufung spielt die Bedeutung der Schreibkunst eine besondere Rolle.
Deutlich tritt bei Christus, Buddha und Mohammed das Verhältnis zum Schrifttum hervor. Alle drei stehen in einer religiösen Überlieferung, nur Mohammed aber schafft selbst schriftliche Überlieferung, während der Buddha und Jesus mit der ganzen Wucht des gesprochenen Wortes wirken. Jesus allein aber ist der Kämpfer gegen die Versachlichung des lebendigen Wortes. Auch in diesem Punkt gibt es eine Nachfolge Christi. Das möge jeder bedenken, der mit dem Schrifttum zu tun hat, aber auch jeder, der religiöse Persönlichkeiten oder religiöse Gemeinschaftsformen auf ihren Wert beurteilen will.
Es liegt nahe, daß man die Gefahr der Versachlichung durch die Schrift durch Verwerfung der Schrift überhaupt vermeiden möchte. Abgesehen davon aber, daß man damit die Überlieferung hemmungslos der Willkür preisgibt, liegt darin doch auch eine Verkennung des Wertes der Schrift für die Religion. Man würde damit den Kampf in falscher Front fechten: statt gegen die Versachlichung des Wortes für dessen Auslöschung, statt für lebendigen Leserwillen für hemmungslose Willkür.
Lebendiger Leserwille! Damit sind wir an dem Punkt, der wenigstens an zwei Beispielen aus der Geschichte des Christentums herausgearbeitet werden soll, zwei Beispielen, die trotz aller Ähnlichkeit doch von größter Verschiedenheit sind: Augustin und Luther.
Verzehrt von der Glut sinnlicher Leidenschaft suchte Augustin durch die Philosophie den inneren Seelenfrieden zu erringen. Ciceros Hortensius vermochte aber nicht die Bande zu lösen. Es folgte eine Zeit, in der Augustin auf philosophischem Wege sich christliche Ideen aneignet. Die Predigt des Bischofs Ambrosius von Mailand mag den Weg dahin gebahnt haben, daß es Augustin gelang, weiterhin tief beeinflußt von Gedankengängen des Neuplatonismus, zu einer verstandesmäßigen Erfassung der christlichen Heilslehre vorzudringen. Von dem Einfluß der Predigten des Mailänder Bischofs abgesehen, durchlief also Augustin im wesentlichen eine ganze Stufenleiter literarischer Eindrücke, und auch seine erste Erfassung des Christentums war rein literarisch, wie aus seiner Erzählung im 6. Kapitel des 8. Buches seiner Bekenntnisse deutlich wird. Vor allem in den Schriften des Apostel Paulus hatte er, wie er erzählt, häufig gelesen. Erst aber die Erzählung des Pontidianus von jener Bekehrung vor den Toren Triers führte Augustin zu jenem Höhepunkt[9] in seinem Leben, in dem auf einmal das literarische Wissen Leben gewann, um wie ein Sturzbach die ganze Persönlichkeit mitzureißen.
Um diesen Vorgang zu erfassen, muß ich kurz jene Bekehrungsgeschichte an der Hand von Augustins Bekenntnissen ins Gedächtnis zurückrufen: Pontidianus hatte sich mit drei Freunden vor den Toren Triers ergangen, er und einer der Freunde hatten sich zufällig von den beiden andern getrennt. Diese aber waren auf ihrem weiteren Weg zu einer Hütte gelangt, die Mönchen gehörte. Sie fanden darin ein Buch über das Leben des heiligen Antonius. Der eine las, »Staunen erfaßte ihn, und er fing Feuer, und beim Lesen kam ihm der Gedanke, selber so ein Leben zu ergreifen«. Sie sehen also, worin bei Augustin das Erlebnis beim Hören dieser Geschichte bestanden haben muß: Er erkannte plötzlich, daß er bisher nur Buchstaben gelesen hatte, während jener vor Trier Bekehrte eben jenen lebendigen Leserwillen aufgebracht hatte, der das hinter den Buchstaben verborgene Leben selbst erfaßt; er erkannte, daß ihm die eigene Aufgeschlossenheit der Überlieferung gegenüber bisher gefehlt hatte. Mit dieser Erkenntnis aber war das Tor aufgestoßen zu einem neuen Leben: Er war für das Christentum, das Christentum für ihn gewonnen.
Anders bei Luther. Sie wissen alle, wie Luther nach seinem Eintritt ins Kloster nicht nur mit Fasten und Beten, sondern auch mit eifrigem Studium um den inneren Frieden rang. Gewiß erinnert dieses Ringen im gewissen Sinne an jenes philosophische Bemühen Augustins, aber für Luther stand von vornherein fest, daß er als Christ, als der er aufgewachsen und erzogen war, jenes Heil finden müsse, für ihn kam eine Wendung, wie sie Augustin von der sterbenden Antike zum jungen Christentum machen mußte, nicht in Frage. Gerade darum aber konnte ihm kein solches Erlebnis wie das des Augustin plötzlich das Tor öffnen. Mit zähem Fleiß und nüchterner Geduld mußte er jenen Schutt der »Versachlichung« hinwegräumen, den die Kirche aufgehäuft hatte. Dann aber stand er erst an der Überlieferung, wie sie durch die Bibel gegeben war. Augustin hatte die paulinischen Schriften gelesen, mußte aber erst noch jenes Erleben haben, um sein Damaskus zu erleben. Luther brauchte kein Damaskus in diesem Sinne, gerade darum aber wurden für ihn die Schriften des Paulus zum Schlüssel für die biblische Überlieferung.
Dadurch war es ihm auch möglich, für das Leben der christlichen Überlieferung zu kämpfen, und die größte Tat in diesem Kampf war eben die Bibelübersetzung. Mit ihr war der Weg frei für jeden, der eben mit seinem lebendigen Leserwillen an die Schrift heranging.
Mit diesem Vergleich der Stellung Augustins und Luthers zum Schrifttum ist nichts gesagt über den Wert der religiösen Persönlichkeiten. Die hier berührten Vergleichspunkte zeigen gerade, wie verschieden der Weg Augustins und der Luthers trotz aller Ähnlichkeiten sind. Im Zusammenhang dieser Betrachtungen aber sind sie zwei, wenn auch ganz verschiedene Zeugen für den Wert religiöser Überlieferung durch die Schrift, gleichzeitig aber auch zwei Zeugen, wenn auch ganz verschiedene, für die Notwendigkeit, daß der Leser das Wesentliche dazu geben muß, um dem Geschriebenen Leben zu verleihen; denn was bedeutet letztlich Luthers »allein durch den Glauben« anderes als die Aneignung der Heilsüberlieferung aus innerer Seelenkraft?
Wenn Sie die Galerien Europas durchwandern und die Darstellungen der »Verkündigung« betrachten, so werden Sie bei den alten Meistern fast immer die gleiche Darstellung der »Verkündigung« finden: Maria kniet am Betschemel, auf dem aufgeschlagen das Gebetbuch liegt. Sie liest aber nicht mehr darin, sondern sie hat den Blick weggewendet, dem Verkündigungsengel zu. Noch deutlicher aber zeigt ein alter rheinischer Meister der Münchner Pinakothek, wie der religiöse Mensch zum Buch steht: Vor dem noch aufgeschlagenen Buch kniet der heilige Franziskus, sein Blick aber richtet sich in die Höhe, wo in den Wolken der Gekreuzigte erscheint, von dem die Strahlen ausgehen, die dem Heiligen die Wundmale Christi aufdrücken. Im Hintergrund aber sitzt ein Genosse des Heiligen, tiefgebeugt über ein Buch. Er liest noch, während der Heilige das Gelesene erlebt. Deutlicher kann die Bedeutung des Buches für den »religiösen Akt« nicht veranschaulicht werden. Dieser aber gehorcht, wie Scheeler sagt, einer Eigengesetzlichkeit. Und Otto hat in seinem bekannten Buch über das Heilige deutlich gesagt, wie eben dieses Heilige jenseits aller geistiger Arbeit liegt: »Es ist nicht lehrbar, nur erweckbar aus dem Geiste. Man behauptet bisweilen dasselbe von der Religion überhaupt und im ganzen. Mit Unrecht. In ihr ist sehr vieles lehrbar, d. h. _in Begriffen überlieferbar_ und auch in schulmäßigen Unterricht überführbar. Nur eben nicht dieser ihr Hinter- und Untergrund. Er kann nur angestoßen, angeregt, erweckt werden. Und dies am wenigsten durch bloße Worte.«
Luther sagt das gleiche nicht minder deutlich: »Wenn du es im Herzen wahrhaft fühlest, so wird dir's ein groß' Ding sein, daß du vielmehr stillschweigen wirst, denn etwas davon sagen.« Auch Augustins Größe soll hier nochmal sprechen: »Es spricht zu allen,« sagt er, »aber die verstehen's nur, die das Vernommene drinn in ihrer Seele mit der Wahrheit zu vergleichen wissen.«
Damit stehe ich am Ende meiner Betrachtungen. Deutlich heben sich zwei Dinge heraus: Einmal die Kraft der schriftlichen Überlieferung als »Reiz und Veranlassung« und damit ihr hoher Wert für den religiösen Menschen, zum andern aber ihre Belanglosigkeit für den eigentlichen Kern aller Religion. Die Persönlichkeit des Lesers wird darum zur entscheidenden Kraft.
Mancherlei Fragen tauchen nun auf, von denen nur zwei berührt seien: Ist mit solcher Erkenntnis nur für die Religion die Grenze der Wirksamkeit des Buches gegeben? Ich glaube: Nein; auch alle anderen Gebiete menschlicher Kultur stehen unter dem gleichen Gesetz, soweit die Wirksamkeit des Schrifttums in Frage kommt.
Weiter aber: Was ist die _praktische_ Folgerung für uns? Doch wohl nichts anderes als die Prüfung unserer religiösen Literatur daraufhin, wieweit sie Versachlichung ist, Sprache, die nicht mehr tönt oder vielleicht nie getönt hat. Nur so werden wir die anregende Kraft der Überlieferung nutzbar machen, nur so entsteht religiöse Erkenntnis. Bescheiden aber sollen wir bekennen, daß über dieser Erkenntnis der Glaube steht. Dieser Glaube aber ist, wie ein junger Schweizer Theologe[10] schön sagt, »ein Innewerden, daß alle Erkenntnis etwas anderes meint, als sie selber gibt, etwas hinter ihr selbst, daß sie nur ein Hinweis ist auf etwas Urlebendiges, jenen Ursprung, der unser Freiseinkönnen und den Reichtum des Lebens erst möglich macht«. Dieser Glaube ist »ehrfürchtige Anschauung des göttlichen Wunders«. Darum läßt sich nicht leicht Tieferes über das Verhältnis des religiösen Menschen zum Buch sagen als die Schlußworte des Cherubinischen Wandersmanns:
»Freund, es ist immer genug. Im Fall du mehr wilt lesen, So geh' und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen.«
Fußnoten
[2] Über Anmerkungen in Büchern (siehe »Aus Wissenschaft und Leben«, Gießen 1911.)
[3] Hoernes, Natur- u. Urgeschichte d. Menschen, Wien u. Leipzig 1909
[4] Dawzel, Die Anfänge der Schrift, Leipzig 1912
[5] Weule, Vom Kerbstock zum Alphabet, Stuttgart 1915
[6] Schurtz, Urgeschichte der Kultur, Leipzig u. Wien 1900, Hoernes a. a. O. bringt eine sehr treffende Stelle aus Vierkandt, Naturvölker und Kulturvölker
[7] Ich halte mich in der folgenden Darstellung an Richter, Die Religionen der Völker, München und Berlin 1923
[8] Der Sinn der heiligen Schrift, Leipzig 1919
[9] Harnack, Aus der Friedens- und Kriegsarbeit, Gießen 1916
[10] Emil Brunner, Erlebnis, Erkenntnis und Glaube, 2. u. 3. Aufl., Tübingen 1923
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