Buch und Bildung: Eine Aufsatzfolge
Part 2
Daß die politische Bildung im Deutschen Reiche fehlte, war unser Unglück. Muß das bewiesen werden? Man denke an die Gesinnung des Volkes zu Beginn des Krieges und man wird nicht leugnen, daß wir damals »Staatsbürger« genug hatten, der Mangel an politischer Bildung aber hat dieses Staatsbürgertum zum Weißbluten gebracht, ohne daß es zur politischen Tat gekommen wäre; man verzettelte die Kräfte innen- und außenpolitisch auf schlecht erdachte Einzelziele, ohne sie so umzuformen, daß politische Leistung hätte erzielt werden können. Erinnert sei hier an die Polenpolitik und an den Burgfrieden des Kanzlers, deren Folgen der Verlust deutschen Landes einerseits, der Umsturz andrerseits war.
Nach meiner Meinung mit einem gewissen Recht wird von manchen Seiten heute betont, daß alle jene Männer der Kriegszeit, die nun mit großen Mitteln Kritik an der politischen Leitung während des Krieges üben, mit ihrer Kritik sich selbst treffen. Sie hätten sich durchsetzen müssen, wenn in ihrem Innern jenes Bild vom deutschen Staate so klar war. Sie taten es nicht und bewiesen eben deshalb, daß sie nicht stark genug waren. Das ist die Schuld der Vielen, die das Verhängnis erkannten: Sie setzten sich nicht durch.
Gewiß war es ein guter Gedanke, durch staatsbürgerliche Erziehung im Heere die Stimmung zu heben, doch fehlte es an den politisch Gebildeten, die Kraft genug hatten, dem ausgesogenen Boden neue Kraft zu geben, von dem Mangel an lebendigen Kräften gegen die unwiederbringlich verlorene Stimmung der Heimat ganz abgesehen. Das »schuldig«, das die Weltgeschichte über Deutschland sprach, trifft uns alle, nicht nur einen Teil des Volkes.
So erfüllte sich das Schicksal des deutschen Staates; er brach zusammen, in dem Augenblick, als auch bei den Feinden die innere Kraft trotz der Amerikahilfe im raschen Abnehmen war. Ja, der Staat brach so zusammen, daß nicht einmal die Eckpfeiler für den Neubau stehen blieben. Man baute aus Dachpappe der Weimarer Fabrik eine Baracke. Trotz aller Flickerei weht der geringste Wind durch die Wände und an mehr als einer Stelle regnet es herein. Dann lachen immer die, welche schon im alten Staatsgebäude keine rechte Wohnung hatten, sondern nur im Hofe biwakierten, und die anderen drängen sich scheu in bessere Ecken. Das wird so lange dauern, bis Leute aufstehen, die mit klarer Zielstrebigkeit die formlosen Haufen zur Arbeit am Neubau treiben. Das wird dann sein, wenn das Schicksal und nicht der Schulmeister die Masse zu staatsbürgerlicher Gesinnung erzogen hat, so daß politische Bildung der geistig Hochstehenden zu klarem Führerwillen aufsteigen kann. Wir hoffen auf diese Zeit und glauben nicht, daß unser Volk durch den Zusammenbruch des alten, schönen, vielgeliebten Hauses zugrunde geht. Wir haben die feste Zuversicht, daß ein geräumiges Gebäude entstehen wird, in dem alle Deutsche Platz haben werden, daß die Mauern stark sein werden und daß das Haus von jenem Geist erfüllt sein wird, in dem so viele draußen ihr Leben geopfert haben.
Aber es wäre kläglich, wenn wir uns darauf beschränken wollten zu warten, bis sich das Schicksal, das wir erhoffen, von selbst erfüllt. Die Zuversicht muß uns die Kraft geben, selbst gestaltend mitzuwirken, jeder an seiner Stelle. Ein »Gebildeter« muß die Entschlußkraft haben, sich aus der Menge loszuringen; er darf sich nicht treiben lassen, sondern muß sich zu eigenem politischen Wollen durchringen. Ein politisch Lied mag ein garstig Leid sein, die wirklich staatsgestaltende politische Tat gehört zum Höchsten, was der Mensch leisten kann, denn bei ihr spannt er seinen Willen nicht für seine persönlichen Zwecke, sondern für die der Gesamtheit an.
Wenn man aber fragt, in welcher Richtung diese Willensanspannung nach meiner Meinung zu gehen hat, dann kann ich allen, die der staatsbürgerlichen Erziehung entwachsen sind, nur sagen, daß es nun heißt, sich politische Bildung zu erwerben. Man frage nicht nach einem Programm hiefür, denn »alles Große bildet, sobald wir es gewahr werden«, wie Goethe sagt. Wirkliche Bildung kann sich jeder nur selbst erwerben, von außen kann er nur Erziehung erhalten. Diese hat aber ihr Teil geleistet, wenn sie die staatsbürgerliche Gesinnung erreicht hat, die über alles Parteigezänk hinausführt zu der Überzeugung von den Lebensnotwendigkeiten des Staates. Heute haben wir Deutsche keinen Staat, er ist heute nur Ziel, das jede Partei mit anderen Farben ausmalt; die Höhe der politischen Bildung bestimmt, welche Form der einst entstehende Staat haben wird. Erinnern wir uns nochmals, daß Politik Kunst und daß Bildung ein Begriff von hoher sittlicher Größe ist, und wir werden uns durch das Schlagwortgetöse der Zeit hindurchfinden, denn noch nicht trat bisher der alle Deutsche umfassende Staat, den unsere Besten erhofften, in die Erscheinung, noch immer kreisen die Raben um den Berg, obwohl die Zahl der Opfer für diese Zukunft ins Riesenhafte gewachsen ist.
Halten wir daran fest, daß Bildung ein Werden aus eigenem Willen ist und daß somit wahre Erziehung nichts Besseres leisten kann als eben jenen Willen zu stählen, so gewinnen wir auch eine andere Einstellung zur Sehnsucht der Zeit, ja nicht nur zur Sehnsucht, sondern auch andrerseits zur Furcht der Zeit.
Während der eine Teil unseres Volkes immer und immer wieder nach dem »starken Mann« ruft, der in dem Wirrwarr unserer Tage mit sicherer Hand Ordnung schafft, fürchtet die andere Seite nichts mehr als eine solche Persönlichkeit, die der nun erreichten, doch so lange ersehnten Volksherrschaft (Demokratie) ein Ende machen könnte. Wohl möchten diese Leute, daß der Fähige regiere, aber diese Fähigkeit soll nur Sachkenntnis sein, nicht ein zäher Wille, der auch der Wählermenge gegenüber durchgreift, wenn seine sachliche Einsicht es für geboten hält. Diese Leute wünschen Führer, die ihnen jede Unannehmlichkeit ersparen und die keine Anforderungen an die Willenskraft der Wähler stellen. Trotzdem aber sollen sie gut regieren.
Man sollte meinen, daß es nicht schwer zu erkennen wäre, wie unmöglich das ist. Und doch gibt es viele »Gebildete«, die das nicht begreifen. Ja, jene Sehnsucht nach dem starken Mann ist aufs engste verwandt mit dieser Auffassung; denn Sehnsucht allein gibt kein Anrecht auf Erfüllung. Wenn du Sehnsucht danach hast, auf der Spitze eines Berges den Blick in die Weite zu genießen, so führt das zu nichts: Erst wenn du deinen Willen anspannst und im Schweiße deines Angesichts die steilen Hänge überwindest, ja vielleicht unter Gefahr deines Lebens Felsen erkletterst, kannst du auf Erfüllung deines Wunsches rechnen.
Nicht anders steht es mit einem Volk, das in die Tiefe gestürzt ist: es wird aus eigener Kraft mit stärkster Willensanspannung wieder emporklettern müssen. Einen »Führer«, der es am Seil hochzieht, gibt es nicht. Wie aber dem, der heiß um den Weg sich bemüht, schließlich immer klarer die einzuschlagende Richtung in das Bewußtsein tritt, so wird dem Volk, das mit Anspannung aller Kraft um seinen Aufstieg ringt, schließlich der Führer entstehen, der auf einfachstem Wege zum Ziel führt.
Darum verzichte jeder auf den memmenhaften Ruf nach dem starken Mann; er kralle sich vielmehr an seinem Platz im Gestein fest und strebe nach oben, er bilde sich zu einem Muskel, einem Nerv, einer Sehne des Volkskörpers, womit sich dieser Körper emporziehen kann, und er bilde sich zu einem Geistesfunken, durch den auch jene Zellen dem Streben nach oben nutzbar gemacht werden können, die heute noch aus sinnlichem Wohlbehagen in der Mittelmäßigkeit die angenehmste Regierung sehen.
Diejenigen, die bewußt dem deutschen Gedanken dienen wollen, indem sie den Staat, den dieser Gedanke erfüllt, mit allen Kräften wollen, werden einen dicken Strich ziehen zwischen sich und jenen, die politisch unerzogen und ungebildet nur ihrem Vorteil leben. Sie werden mit Goethe sprechen:
»Jene machen Partei; welch unerlaubtes Beginnen! Aber unsere Partei, freilich, versteht sich von selbst.«
Fußnoten
[1] Harnack sagte 1902 in einem Vortrag vor dem evangelisch-sozialen Kongreß das gleiche (vergl. Reden und Aufsätze Bd. II, Gießen 1906): »Lernen können wir alles mögliche aus Büchern und unpersönlichen Überlieferungen, gebildet werden können wir nur durch Bildner, durch Persönlichkeiten, deren Kraft und Leben uns ergreift«.
Buch und Religion
Harnack sagt einmal in einem seiner Aufsätze[2], daß uns bisher noch eine Kulturgeschichte des Buches fehle. Und in der Tat -- soviel einzelne Bemerkungen über die Bedeutung des Buches beigebracht werden können, eine zusammenfassende Behandlung dieses Themas fehlt, fehlt uns, deren Kultur von Spengler eine »Bücher- und Leserkultur« genannt wird. Man mag sich zu dieser Bemerkung Spenglers stellen, wie man will, eines kann man nicht bestreiten: In keiner Kultur, selbst der ägyptischen nicht, spielt das Schrifttum eine solche Rolle wie im Abendland.
Will man nun an die Kulturgeschichte des Buches herangehen, so gehört eigentlich ein wissenschaftliches Rüstzeug dazu von so unerhörter Ausdehnung, daß ein Einzelmensch nicht leicht in seinem Besitz sein kann, denn nicht nur die zusammenfassende Darstellung fehlt bisher, selbst an Vorarbeiten ist nur sehr wenig geleistet: Wir haben zwar eine Geschichte des Buchhandels, eine Menge von Einzelarbeiten über verschiedene Abschnitte dieser Geschichte, wir haben eine große Reihe von Literaturgeschichten, auch Darstellungen aus der Geschichte der Wissenschaften, in allen diesen mag mehr oder weniger zu finden sein über den Einfluß des Schrifttums auf die menschliche Geistesentwicklung, eine wirklich aufklärende Schrift über das Verhältnis des Schrifttums zu den verschiedenen Erscheinungsformen der Kultur, zur Wissenschaft, zur Politik, zur Religion, zur Kunst usw. gibt es bis heute noch nicht.
Es wäre töricht, aus dieser Tatsache einen Vorwurf zu machen. Denn ebensowenig wie die hohe Blüte mittelalterlicher Kunst theoretische Schriften über die Kunst als Kulturerscheinung benötigte, um in Erscheinung zu treten, ebensowenig hinderte das Fehlen einer solchen Schrift über die Bedeutung des Schrifttums, dessen stärkste Entfaltung und Verwertung. Ja, ich gehe noch weiter und sage: Wie erst nach der letzten großen Stilepoche des Abendlandes, nach dem Barock, die theoretische Kunstschriftstellerei -- ich erinnere an Winkelmann und Lessing -- wirklich Boden fand, ebenso wird und muß auch die abschließende theoretische Betrachtung der Bedeutung des Schrifttums nachhinken. Zur Selbsterkenntnis gehört ein gewisser Grad von Reife und ein Leben muß gelebt sein, ehe man darüber schreibt.
Darüber aber kann kein Zweifel sein -- auch wenn man den Gedanken des Unterganges des Abendlandes ablehnt --; wir haben in Kunst, Literatur, Musik, Philosophie, ja selbst der Wissenschaft so große Epochen hinter uns, daß wir uns gestehen müssen: Es lohnt sich Kulturgeschichte im obigen Sinn zu schreiben, d. h. Rückschau zu halten. Denn wer kann hoffen, daß gerade unsere Kultur von der Vorsehung mit ewiger Zeugungskraft begabt sei?
Und weiter: Ist nicht gerade jene Rückschau, so sehr sie im einzelnen etwas Zersetzendes an sich haben mag, der Nährboden, auf dem junge Kräfte erst recht zur Entfaltung kommen? Ist nicht z. B. gerade der Same des Christentums da am besten aufgegangen, wo die Antike sich gleichsam in sich selbst zurückwandte? Man erinnere sich an die Bedeutung des Neuplatonismus für das Christentum, oder an die Tatsache, daß Augustin den Weg zum Christentum über Cicero und Plato fand. Wer der Zukunft froh werden will, muß einen Summastrich unter die Vergangenheit ziehen können und die Soll- und Habenseiten zusammenzählen; nur so weiß er, ob und wie weit er in die Zukunft mit Verlust oder Gewinn eintritt.
An diesem Vergleich kann man den Kaufmann am Schreiber dieser Zeilen erkennen. Wie kann der wagen, in solche Rückschau einzutreten? Selbst wenn man berücksichtigt, daß er mit Büchern handelt, scheint es vermessen, sich an die Riesenarbeit einer Kulturgeschichte des Buches heranzuwagen, noch dazu einen Angriffspunkt zu wählen, der ganz besonders fern zu liegen scheint. Doch habe ich darauf zu antworten: Ich will gar nicht erschöpfend mein Thema behandeln, ich will vielmehr aus Blumen, die ich bisher auf _meinem_ Leserweg pflückte, einen Strauß binden. Es wird ein Feld-, Wald- und Wiesenstrauß sein, wie sie eben sind: Die eine oder andere Blüte wird unansehnlich sein, manche schon etwas welk vielleicht, andere dagegen zu wenig aufgeblüht, trotzdem hoffe ich, daß die Farben und der Duft, der solchen Sträußen anhaftet, andere auch veranlaßt, solche Sträuße zu pflücken, und vielleicht findet sich einmal ein Botaniker, der nach streng wissenschaftlichen Grundsätzen seinen Strauß bindet. Zu weiterem Nachdenken und Forschen will ich anregen, sonst nichts.
Den ersten Anstoß zu meinen Betrachtungen verdanke ich dem oben erwähnten Worte Harnacks. Daß ich aber gerade dem Verhältnis von Buch und Religion meine besondere Beachtung schenkte, hat mehrere Gründe. Ich war mir von Anfang bewußt, daß die Kulturgeschichte des Buches ein wichtiges Kapitel der Gesellschaftslehre bildet. Gerade aber in dieser Wissenschaft sind durch die Untersuchungen von Tröltsch und Max Weber die religiösen Probleme stark, ja in gewisser Hinsicht vielleicht zu stark in den Vordergrund gerückt worden. Dann aber wurde mir immer mehr klar, daß von allen Kulturerscheinungen die Religion die bedeutendste und bestimmendste ist. Burckhardt sagt in seinen weltgeschichtlichen Betrachtungen: »Hohe Ansprüche haben die Religionen auf die Mutterschaft über die Kulturen, ja die Religion ist eine Vorbedingung jeder Kultur, die den Namen verdient, und kann sogar geradezu mit der einzig vorhandenen Kultur zusammenfallen.« Und Spengler sagt: »Alle Wissenschaft ist an einer Religion und unter den gesamten seelischen Voraussetzungen einer Religion erwachsen.«
Ich durfte also hoffen, daß ich die Kulturgeschichte des Buches in ihrem Hauptstück erfasse, wenn ich bei der Religion beginne. Darüber hinaus aber ist es für mich, der ich es von Beruf mit dem Buch zu tun habe, eine Frage von entscheidender Bedeutung, wie gerade das Höchste im Menschenleben vom Schrifttum bestimmt wird.
Ich sage wieder wie oben »Schrifttum«; denn es wäre lächerlich, die Untersuchung erst bei der Entstehung des Wortes Buch oder gar erst bei der Erfindung der Buchdruckerkunst beginnen zu wollen. Es gilt doch Grundsätzliches zu gewinnen, darum muß auf den Grund gegangen werden. Dieser aber ist im vorliegenden Fall die »Schrift«.
Man fürchte deshalb nicht eine unnötige Verbreiterung der Fragestellung oder gar ein Eingehen auf das religiöse Schrifttum aller Zeiten und Völker. Wer etwa Heilers Werk über das Gebet kennt, weiß, wie schwer selbst ein Einzelabschnitt wie dieser von einem Menschen allein erschöpfend behandelt werden kann. Und doch muß eine soziologische Untersuchung wie die von mir gewagte auf völkerkundlichen Tatsachen aufbauen. Dies zeigt sich schon, wenn wir uns die Frage vorlegen nach den in der Schrift wirksamen Kräften.
Es leuchtet ein, daß die Festhaltung einer Tatsache oder gar eines Gedankens durch Schriftzeichen, möge es sich um Runenzeichen oder um primitive Bilderschrift handeln, auf den Naturmenschen einen tiefen, geheimnisvollen Eindruck macht. Er, der hauptsächlich körperlich, sinnlich lebt, macht die Erfahrung, daß es ein Mittel gibt, um zeitlich und räumlich in die Ferne zu wirken. »Projektion der Rede in Zeit und Raum«[3] muß oft um so zauberhafter anmuten, je mehr die verwendeten Zeichen von einer Bildzeichnung abweichen, je größere Kenntnisse dazu gehören, das Schriftsystem zu handhaben. Ein Forscher[4] hat das Schriftproblem ganz aus dieser magischen Grundlage zu lösen versucht und ein anderer betont die Bedeutung der Schrift als Zaubermittel[5]. In den meisten völkerkundlichen Schriften ist aber wenig davon die Rede, daß eben aus jener Besonderheit die enge Verbindung von Schrift- und Priestertum zu erklären ist. Wohl fand ich in manchen Ausführungen[6] über das Priestertum Andeutungen, wie sehr gerade bei den Naturvölkern das Priestertum auf der Überlegenheit in geistiger Hinsicht beruht, über seine Bedeutung für das Schrifttum ist aber wenig gesagt, und doch läge gerade bei uns in Deutschland ein Hinweis darauf so nahe, war doch die Runenschrift ausgesprochen eine Priesterschrift und beherbergten im Mittelalter doch die Klöster die Vertreter des Schrifttums.
Doch halten wir als geheimnisvolle Kraft der Schrift die Wirkung in Zeit und Raum fest. Über die Wirkung in die Zeit wird noch manches zu sagen sein, darum sei das wenige, was hier über die Wirkung in den Raum zu sagen ist, vorangestellt. Greifen wir hier in unsere eigene Geschichte, die des Christentums hinein, so finden wir von den Briefen der Apostel angefangen bis in die jüngste Zeit hinein Beispiele einer solchen Wirkung der Schrift in den Raum. Ihr ist es zu verdanken, daß das Christentum in der antiken Welt trotz des für damalige Verkehrsverhältnisse übergroßen Raumes des römischen Reiches sich so rasch ausdehnte und zugleich inneren Zusammenhang fand und befestigte. Und wie wäre Luthers rasche Wirkung über ganz Deutschland und darüber hinaus zu erklären, wäre nicht die Verbreitung seiner Schriften, freilich gesteigert durch die Druckkunst, in einem Grade möglich gewesen, der nur noch übertroffen wird durch die Verbreitung aller Nachrichten mit Hilfe der Elektrizität, die jetzt im Zeichen des Radio einen Höhepunkt erreicht zu haben scheint!
Hier darf auch eine Erscheinung nicht unerwähnt bleiben: die päpstlichen Hirtenbriefe. Die Anhänger des evangelischen Bekenntnisses waren bisher zu sehr geneigt, die Macht des Erfolges zu unterschätzen, wenn in allen Kirchen der ganzen katholischen Welt an einem Tage ein- und dieselbe Verlautbarung des Kirchenoberhauptes verlesen wird. Bewußt wird hier die Überwindung des Raumes durch die Schrift in den Dienst der Zusammengehörigkeit gestellt und es ist gut, daß allenthalben die Erkenntnis der Bedeutung solcher Verlautbarungen durchbricht.
Doch noch weit mehr als die Wirkung in den Raum hat die in die Zeit etwas Zauberhaftes an sich. Dieser Zauber mag bei Naturvölkern, die dem Seelenkult dienten, besonders wirksam sein, so daß hier schon eine enge Berührung mit dem Religiösen gegeben ist. Und in der Tat scheint -- wie ich oben schon zeigte -- schon auf niederer Stufe eine enge Verbindung zwischen Priesterschaft und Schrifttum zu bestehen. Freilich ist das Priestertum nicht gleichbedeutend mit Religion, aber zweifellos ist der Priester der Hüter der religiösen Überlieferung. So kommt es, daß wohl alle Religionen durch heilige Schriften leben und lebten mit Ausnahme der vedischen des alten Indiens[7]. Die Brahmanen, die Priesterkaste dieser Religion, kannten nur die mündliche Überlieferung der alten heiligen Gesänge. Wie die Christen die Bibel, auf deutsch -- wie man sich immer wieder ins Gedächtnis zurückrufen sollte -- das »Buch«, der Islam den Koran, die Buddhisten die Reden Buddhas und die folgenden kanonischen Schriften als Überlieferung besitzen, so schrieb Laotse, der »alte Lehrer«, im Taoteking seinem Volk, das er im Zorn über seine sittliche Verworfenheit verließ, die alten Lehren seiner Religion nieder, damit es sich wieder daran emporraffe; so waren die Schriften Kungfutses nichts anderes als eine Sammlung der alten kanonischen Schriften; so besaßen die persischen Anhänger des Zarathustra im Avesta ihre heilige Schrift.
Daß in Ägypten das Schrifttum im religiösen Leben eine besonders große Rolle spielte, erklärt sich zwanglos aus dem besonders günstigen Schreibstoff. So bekam jeder Tote eine Reihe von Papyrusrollen mit ins Grab, auf denen Zauberformeln geschrieben waren, um die Gefahren der Seele auf dem Weg in den Himmel zu überwinden. In Hermopolis verehrte man den Mondgott Thot auch als Erfinder der Schrift.
Aus dem alten Ägypten läßt sich auch ein Beispiel der zeitlichen Fernwirkung der Schrift melden, wie es kaum ein ähnliches gibt: Im 14. Jhdt. v. Chr. machte Amenophis IV. den Versuch, die Vielgötterei auszurotten und durch die alleinige Verehrung der Sonnenscheibe, Aten, zu ersetzen. Mit Hilfe seiner Theologen wurde der Kult systematisch durchgebildet. Er blieb eine Episode. Aber die Sonnenspekulationen blieben erhalten, und man wird nicht fehlgehen, daß die Logosspekulationen des Ägypters Philo in ihnen wurzeln, jene Logosspekulationen, die durch die christlichen Theologen der alexandrinischen Schule, Clemens, Origenes und Athanasius, von entscheidendem Einfluß auf das christliche Dogma wurden, durch dieses bis auf unsere Zeit, also schon im vierten Jahrtausend, wirksam sind.
Lassen Sie mich hier nur kurz erwähnen, daß auch bei den Griechen eine reiche mythologische Literatur bestand, daß der auf den Buddhismus in Indien folgende Hinduismus unter Zurückgreifen auf die vedische Überlieferung eine reiche Literatur bis auf unsere Tage entwickelt hat, mit der er in jüngster Zeit durch Vertreter wie Rabindranath Tagore auch in das Abendland herüberwirkt.
Eingehendere Behandlung der zeitlichen und räumlichen Fernwirkung des Schrifttums erfordert hier aber das Christentum, wenn ich mich auch auf eine Reihe von Andeutungen beschränken muß, um mich tiefer schürfender Betrachtung zuwenden zu können. Man bedenke, daß heute die Bibel allein von der Britischen Bibelgesellschaft in ganzer Ausdehnung in 135 Sprachen, das Neue Testament allein in 127, einzelne Teile der Bibel in 295, insgesamt also in 537 Sprachen vertrieben wird. Man überlege ferner, daß die Britische Bibelgesellschaft bis zum Jahre 1903 schon gegen 300 Millionen biblische Bücher hinausgab, daß noch von unzählig vielen Stellen Bibeln gedruckt werden in unbekannt hohen Auflagen, so erhält man eine räumliche Fernwirkung von nie dagewesener Ausdehnung, d. h. fast wo ein Mensch des Lesens kundig ist, steht ihm eine Bibel zur Verfügung.
Daneben steht die um über 1½ Jahrtausend wirkende zeitliche Fernwirkung der Bibel in der von den Kirchenvätern festgelegten Gestalt, der die Wirkung der einzelnen Teile des Neuen Testaments um mehrere, des Alten Testaments um schwer zählbare Jahrhunderte vorangeht. Man denke der vielen fleißigen Hände, die im Altertum und Mittelalter durch Abschrift und Übersetzung zur Erhaltung und Verbreitung der Bibel beitrugen. Fünfzig Evangelienhandschriften ließ Konstantin für seine Stadt Konstantinopel herstellen, und seit dem 4. Jahrhundert bürgerte sich der Brauch ein, bei den heiligen Büchern den Schwur zu leisten. Vor allem aber betrachten Sie in diesem Zusammenhang Luthers Übersetzungstat, die für uns Deutsche im Verein mit der Buchdruckerkunst erst den Grund legte zu jener schon erwähnten märchenhaften Fernwirkung in alle Teile der Bevölkerung. Hier mag erwähnt sein, daß ich bei einer Buchhändlerfamilie, den Nürnberger Endter, im 17. und 18. Jahrhundert eine Unzahl von evangelischen und katholischen Bibelausgaben feststellen konnte, angefangen von den vielen Ausgaben der Kurfürstenbibel im großen Format bis zu lateinischen und deutschen Ausgaben der Vulgata, sogar eine ganz auf Pergament gedruckte lutherische Ausgabe im Oktavformat ging durch meine Hände.
Weiter sei erwähnt die riesenhafte Verbreitung mancher Andachtsbücher. Ich erwähne, von den Meßbüchern, Gesang- und Gebetbüchern abgesehen, als Beispiele das Buch von der Nachfolge Christi des Thomas von Kempen, das seit dem 15. Jahrhundert in zahllosen Ausgaben und Übersetzungen weiterwirkt, weiter des evangelischen Theologen Arnd »Wahres Christentum« und sein »Paradiesgärtlein«, letzteres ein Buch, das im 17. Jahrhundert wohl alle Buchdrucker Deutschlands in ungezählten Auflagen druckten. Dies mag an Beispielen und Hinweisen für die äußere Machtentfaltung des Schrifttums auf christlich-religiösem Gebiet genügen.