Buch und Bildung: Eine Aufsatzfolge

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Friedrich Oldenbourg

Buch und Bildung

Eine Aufsatzfolge

C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung München 1925

Vorwort

Vor einem Fest stellt man sich wohl an einen Spiegel und prüft, ob der Anzug sitzt, ob die Binde in Ordnung, ob das Haar richtig liegt. Wer aber Feste richtig zu feiern versteht, der bleibt nicht bei diesen eitlen Äußerlichkeiten. Er blickt sich richtig ins Gesicht, d. h. er prüft auch, ob er als Mensch zu dem bevorstehenden Fest paßt; er scheut nicht davor zurück, auch dem inneren Menschen den Spiegel vorzuhalten, und wenn er dann manchen Mangel entdeckt, macht er eine mehr oder minder große Schublade auf und entnimmt ihr allerlei gute Vorsätze, glättet mit ihnen hier eine Falte, deckt damit dort einen allzu störenden Fleck, und glücklich, wenn es gelingt, nach solcher Arbeit mit dem Bewußtsein vollen Erfolges unter die Festgesellschaft zu treten. Er kann wirklich feiern, auch wenn er weiß, daß der Ernst seiner guten Vorsätze harten Werktag in Aussicht stellt; denn ein wahrer Festtag ist nicht nur der schöne Abschluß nach einer Zeit der Arbeit, er ist auch der Auftakt des morgigen Schaffens. Blieben wir nicht alle dem Gestern etwas schuldig, daß wir uns des Morgen mit seinen Möglichkeiten freuen müssen, wenn wir heute ein Fest wirklich feiern wollen?

Der deutsche Buchhandel feiert in diesem Jahr sein großes Fest, und nicht nur seine Angehörigen, sondern auch alle Verwandten und Freunde, ja auch alle, die mit ihm mehr pflichtmäßig als aus Zuneigung verkehren, werden mitfeiern. Der Absicht, ihnen allen, meinen Berufsgenossen in erster Linie, zu solcher Spiegelschau zu verhelfen, verdankt das vorliegende Buch seine Zusammenfügung aus zunächst unabhängig voneinander entstandenen Reden und Aufsätzen.

Ich weiß, es entstand kein Spiegel aus herrlichem Kristallglas, auch das Metall der Hinterlegung ist nicht fleckenfrei, und der Rahmen ist weder aus edler Bronze noch von kunstvoller Schnitzerei. So mag mancher, der vom Spiegelbild nicht entzückt ist, ruhig lieber dem Spiegel die Schuld geben, ehe er sich die Laune verderben läßt. Bedenken möge aber jeder, daß uns manchmal der bescheidenste Scherben gute Dienste leisten kann, wenn Besseres nicht greifbar ist. Würde ich nicht den Glauben haben, daß mein unvollkommenes Machwerk doch da und dort durch Anregung oder wenigstens durch Widerspruch etwas wirken kann, dürfte ich es nicht geschrieben haben. Daß ich es aber nicht nur schrieb, sondern auch durch Druck vervielfältigen lasse, entsprang nicht meiner Unbescheidenheit, sondern der Liebe zu meinem Beruf, Beruf in jenem höheren Sinne des Schaffens zur Erfüllung einer gottgegebenen Pflicht. Liebe aber ist am glücklichsten im Schenken, und hat sie nichts anderes, so ist ihr auch bescheidene Gabe lieber als leere Hände.

München, April 1925.

_Dr. Friedrich Oldenbourg_

Politische Bildung und staatsbürgerliche Erziehung

In Zeiten des politischen Tiefstandes eines Volkes wird gerne nach Wegen gesucht, die es ermöglichen, wieder emporzuklimmen. Jede Partei, jeder Stand, ja fast jeder Einzelmensch weiß dann irgendein Mittel, das zur Gesundung dienen soll. So viele Meinungen das Übel zu bannen versprechen, so gewiß ist das eine, daß nur die dahinterstehende gute Absicht wirklich wertvoll ist. Sie ist das einzig Zusammenschließende in dem Vielerlei und insoferne auch der einzig brauchbare Ausgangspunkt; denn alle empfohlenen Mittel, auch wenn sie noch so gut sind, müssen richtig und zu passender Zeit angewendet werden, sind also nicht an sich gut, sondern nur, wenn ihre Voraussetzungen erfüllt sind.

Soll aber dieser gemeinsame Wille der Hilfsbereitschaft sich auswirken zum Segen des Ganzen, so muß die Bahn frei gemacht werden nach der Richtung, in der allein politisches Leben zu finden ist, in Richtung auf den Staat. Nicht ein Staat ganz bestimmter Form kann hiebei in Frage kommen -- die Wege würden da ja gleich auseinanderführen --, zunächst handelt es sich nur um das Bewußtsein, daß Politik ohne Staat unmöglich ist. Erst dieses Bewußtsein schafft die Möglichkeit, weiterzuplanen.

Darum ist der Inhalt der Überschrift dieses Aufsatzes von mir als die Frage gedacht: Können politische Bildung und staatsbürgerliche Erziehung uns heute helfen, helfen in jenem eindeutigen Sinne?

Nun glaube ich nicht, daß ich allein die richtige Antwort geben kann; ich bin aber überzeugt, daß die Aufwerfung der obigen Frage an sich schon Wert besitzt. Je mehr das gleiche tun, desto sicherer wird sie geklärt, auch wenn die Antworten weit auseinandergehen. Irgendwie wird dann der sachlich unantastbare Kern gefunden, losgelöst von den Schalen persönlicher Gebundenheiten.

Diese Gebundenheiten eines Buchhändlers, der sich an der Universität geisteswissenschaftlichen Studien hingab und dann als Offizier den Krieg mitmachte, sind nicht schwer zu erkennen, ja um so mehr faßbar, wenn man genau verfolgt, welche Zeugen er für seine Begriffsbestimmungen anführt. Diese aber sind die Voraussetzungen für alles Weitere; denn der Hauptgrund dafür, daß die Menschen soviel aneinander vorbeireden, ist der, daß sie mit den gleichen Worten Verschiedenes ausdrücken.

In der von mir gewählten Überschrift sind im ganzen vier Begriffe, die verdeutlicht werden müssen.

»Alle _Politik_ ist Kunst.« Mit diesem Wort begann Heinrich von Treitschke seine Vorlesungen über Politik, und wenn man ein beliebiges Wörterbuch aufschlägt, so findet man als erste verdeutlichende Übersetzung des Wortes Politik »Staats_kunst_«. Es ist wohl das Beste, daran festzuhalten, daß alle weiteren Worterklärungen vom wahren Sinn des Wortes abirren. Es hat schon Leute gegeben, die Politik als Wissenschaft hinstellen wollten. Sie wurden dazu verleitet, weil die Politik des wissenschaftlichen Rüstzeuges nicht entraten kann. Es wird aber wohl niemandem einfallen, die Malerei als Wissenschaft zu bezeichnen, weil sie sich bei uns z. B. der Mathematik in Form der Perspektive bedient. »Alle Politik ist Kunst« heißt: nur ein Künstler kann sie beherrschen. Muß man darüber noch mehr sagen in einer Zeit, wo von allen Seiten nach dem Manne gerufen wird, der den politischen Knoten unserer Zeit löst, und sei es durch scharfen Hieb? In einer Zeit, in der Bismarcks letzter Erinnerungsband die ganze Kümmerlichkeit aller jener Politiker zum Bewußtsein bringt, die dem großen Meister nicht etwa nachfolgten, sondern genug zu »können« wähnten, um eigene Wege zu gehen?

Es läge nun nahe, daß ich an zweiter Stelle erklärte, was ich unter einem Staatsbürger verstehe; damit würde ich aber nahezu die Hauptsache meiner Ausführungen vorwegnehmen, denn man wird aus der Überschrift herausgefühlt haben, daß ich eben der politischen Bildung die staatsbürgerliche Erziehung gegenüberstelle. Dazu kommt, daß ich mich nicht ohne weiteres an Treitschke anschließen kann, dem ich für den Begriff der Politik folgte. »Es ist eine aus Frankreich herübergenommene radikale Schrulle, wenn man in dem Worte Untertan etwas Ehrenrühriges sieht und dafür Staatsbürger einsetzt. Untertan und Staatsbürger sind zwei sich ganz und gar deckende Begriffe, nur daß in jenem mehr Verpflichtung, in diesem mehr die Berechtigung betont wird.« Aber seit Treitschke dies aussprach, ist das Wort Untertan noch mehr in Verruf gekommen; es gibt keine »Regierenden und Regierten« mehr wie damals Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Das Volk regiert sich ja selbst! Diese Andeutung, daß gerade der Staatsbürgerbegriff die große Frage der Überschrift dieser Ausführungen umschließt, muß hier zunächst genügen.

Einer eingehenden Auslegung aber bedürfen noch die Begriffe »Bildung« und »Erziehung«. Ich möchte hier geschichtlich vorgehen; wir erhalten dadurch, wie sich bald zeigen wird, einen besonders klaren Ausblick auf den Weg, der zurückgelegt werden soll.

Das Wort Bildung hat manche Wandlung in seiner Bedeutung erlebt. Es wurde zwar häufig in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gebraucht, aber immer im Sinne von Gestalt; man sagte z. B. von einer schönen Frau, sie sei von ausgezeichneter Bildung. Erst in der klassischen Zeit, hervorwachsend aus der Aufklärungsphilosophie, bahnt sich das Wort in seiner geistigen Bedeutung den Weg.

Die vielleicht klarste Verwendung in der neuen Bedeutung finden wir bei Schiller in den philosophischen Schriften. Er, der ja die ästhetische Erziehung als Forderung aufstellt, mußte ja auch am ehesten an den ursprünglichen Wortsinn anknüpfen können. Was Plato sich von jedem Ding dachte, das Vorhandensein einer Idee, eines idealen Vorbildes in einer besseren Welt, das beherrscht Schiller besonders im Hinblick auf den Menschen in jeder Hinsicht, vornehmlich aber in geistiger. »Nicht der Masse qualvoll abgerungen, schlank und leicht, wie aus dem Nichts entsprungen, steht das Bild vor dem entzückten Blick.« Diese Verse aus dem Gedicht »Das Ideal und das Leben« verdeutlichen am besten, wie Schiller sich jenes Bild der besseren Welt der Gedanken dachte im Gegensatz zu dem in Wirklichkeit erscheinenden.

Kurz sei Goethes Persönlichkeitsideal erwähnt. Erst beim alten Goethe -- in Wilhelm Meisters Wanderjahren und im zweiten Teil des Faust -- bezieht er Staat und Gesellschaft mit ein, also in jener Zeit, die den politisch so entscheidenden Jahren um die Jahrhundertwende erst folgte.

Die Betrachtung gerade dieser Zeit aber ist aus begreiflichen Gründen für uns von ausschlaggebender Bedeutung. Es ist die Zeit der geistigen Geburt des neuen deutschen Staates: Aus den weltbürgerlichen Strebungen der Aufklärungszeit und denen unseres klassischen Zeitalters wächst das Ideal des Nationalstaates hervor. Am Anfang dieser Entwicklung steht Wilhelm von Humboldt; er wird auch in der klassischen Darstellung dieser Entwicklung durch den Berliner Historiker _Meinecke_ an die Spitze gestellt. Wohl mutet er uns noch allzusehr von weltbürgerlichen Idealen erfüllt an, doch werden Sie den Fortschritt, den wir Humboldt hier verdanken, sofort erkennen, wenn Sie sich einerseits die Beziehungslosigkeit unserer klassischen Dichter zum deutschen Staatsgedanken vergegenwärtigen und dann folgende Worte Humboldts in sich aufnehmen: »Die Zivilisation ist die Vermenschlichung der Völker in ihren äußeren Einrichtungen und Gebräuchen und der darauf Bezug habenden Gesinnung. Die Kultur fügt dieser Veredlung des gesellschaftlichen Zustandes Wissenschaft und Kunst hinzu. Wenn wir aber in unserer Sprache _Bildung_ sagen, so meinen wir damit etwas zugleich Höheres und mehr Innerliches, nämlich die Sinnesart, die sich aus der Erkenntnis und dem Gefühle des gesamten geistigen und sittlichen Strebens harmonisch auf die Empfindung und den Charakter ergießt.« Selbst noch Weltbürger, hat er mit dieser Aufstellung des _deutschen_ Bildungsbegriffes im Gegensatz zu den aus der Fremde übernommenen Begriffen »Zivilisation« und »Kultur« für das Deutschtum nach meiner Ansicht mehr geleistet als mit all seinen staatsphilosophischen Betrachtungen, soviel auch diese sonst in der Geschichte des deutschen Nationalstaates eine Rolle spielen mögen.

Indem ich für diese Geschichte hinsichtlich der Einzelheiten auf Meinecke verweise, wende ich mich nun zu jener Gestalt, die eben jenen deutschen Bildungsbegriff, gedrängt durch das Gefühl für Deutschlands tiefste Erniedrigung, aus der Enge der Gedankenwelt einzelner, über ihrer Zeit stehender Persönlichkeiten hinaustrug in den Kampf mit der Not der Zeit: zu Fichte. Es wäre eine Aufgabe für sich, an der Hand der »Reden an die deutsche Nation« im einzelnen der Frage nachzugehen, wie Fichte mit diesem Hinaustreten in die Arena des Zeitkampfes nicht nur die politische Gleichgültigkeit der »Gebildeten« bekämpfte, sondern gerade jenes Bildungsideal der klassischen Zeit zur politischen Waffe umschmiedete. Hier kann nur in enger Zusammenfassung das Wesentliche herausgehoben werden. Ich schicke zwei Sätze der ersten Rede voraus: »So ergibt sich denn also, daß das Rettungsmittel, dessen Anzeige ich versprochen, in der Bildung bestehe zu einem durchaus neuen und bisher vielleicht als Ausnahme bei einzelnen, niemals aber als allgemeines und nationales Selbst dagewesenes Selbst und in der Erziehung der Nation.« Und: »Wir wollen durch die neue Erziehung die Deutschen zu einer Gesamtheit bilden, die in allen ihren einzelnen Gliedern getrieben und belebt sei durch dieselbe eine Angelegenheit.« Aus diesen beiden Sätzen läßt sich alles Wesentliche entnehmen: Fichte faßt erstens die Nation als ein Wesen auf, das wie die Einzelpersönlichkeit eine bestimmte Willensrichtung haben kann, und er fordert, daß dieser Wille zur Aufwärtsentwicklung, zur Bildung der nationalen Persönlichkeit angespannt werde; zweitens aber ist er sich klar darüber, daß das Idealbild zunächst nur bei den schon Gebildeten in reinster Form als Ziel erkannt werden kann, und darum ist es Pflicht eben jener Gebildeten, an der _Erziehung_ der übrigen Teile der Nation so zu arbeiten, daß sie mit richtigem Zielstreben erfüllt werden.

Damit haben wir zum erstenmal eine klare Trennung zwischen »Bildung« und »Erziehung«: Bei der Erziehung ist das Bild, zu dem ein Mensch herangebildet wird, nicht in ihm selbst, es ist vielmehr das Ideal des Erziehers. Wohl dachten ein Schiller oder Humboldt wie auch Goethe nicht nur an die »Sichbildung«, wie sie Fichte an einer Stelle nennt, auch sie waren sich klar darüber, daß der Mensch in seinem Bildungsgang auch von außen beeinflußt wird; allein sie stellen, selbst starke Persönlichkeiten, diesen äußeren Einfluß so weit unter die »Sichbildung«, daß z. B. Goethe in Wilhelm Meisters Lehrjahren nur Wilhelms Bildungsstreben herausarbeitet, alle Personen seiner Umwelt erscheinen als von ihm benütztes Mittel zum Zweck, nicht als durch bewußte Erziehung wirkende Personen. Erst in den Wanderjahren tritt bewußte Erziehungstätigkeit in Erscheinung, und mich dünken diese Teile weniger ursprünglich. Humboldt widmet zwar in seinem Buch über den Staat das 8. Kapitel der Sittenverbesserung, ist aber weit davon entfernt, den Begriff der Erziehung dabei zu berühren; er gibt vielmehr fast nur einen Abriß der Philosophie Schillers, in dem er die Überwindung des Sinnlichen durch das Schöne im weitesten Sinn des Wortes verlangt. Die Not der Zeit, von Fichte tiefinnerlich empfunden, brachte die Wendung: Fichte erkannte, daß den Deutschen nur geholfen werden kann, wenn die Wirkung der deutschen Bildung, wie wir sie vorhin in einem Worte Humboldts kennenlernten, auf die breite Masse des Volkes ausgedehnt werde, und dazu bedarf es der Erziehung.

Man sieht, durch meine geschichtliche Betrachtung führte ich längst über jene zur Verständigung notwendige Begriffsbestimmung hinaus. Wir stehen schon mitten im Kernpunkt der Aufgabe, das Verhältnis von »politischer Bildung« und »staatsbürgerlicher Erziehung« zu bestimmen. Wir können feststellen, daß von Fichte jedenfalls ein Unterschied gemacht wurde zwischen Bildung, Sichbildung und Erziehung. Das ist wichtig; denn wenn wir nun in großen Zügen die geschichtliche Betrachtung weiterführen, so zeigt sich, daß einerseits die Philosophie, ich erinnere besonders an Herbart, andrerseits die praktische Erziehungsreform Pestalozzis und seiner Nachfolger die Erziehung immer mehr zum Mittelpunkt machten: Wir erhielten dadurch eine aufs höchste entwickelte Erziehungswissenschaft -- gewiß eine nicht zu unterschätzende Errungenschaft. Allein die Kehrseite von dieser Entwicklung ist höchst unerfreulich: Wir verloren jene Bildung der Persönlichkeit aus eigenem Streben heraus. Der Idealismus verlor dadurch die Bedeutung, die er sich in der klassischen Zeit erobert hatte. Es trat eine Versachlichung eben dieses Ideals ein, was man vielleicht am besten dadurch bezeichnet: An die Stelle des Ziels trat der Zweck. Wir kamen so weit, daß man unter einem gebildeten Menschen den verstand, der z. B. wußte, welcher Anzug der jeweils richtige ist; wir sanken also bis auf die Stufe jener Zeit zurück, in der höfische Etikette die Hauptsorge kleiner verschuldeter Fürstenhöfe war. Gewiß war der allgemein zunehmende Materialismus schuld; aber es sei nicht vergessen, daß auch die einseitige Entwicklung der Erziehungswissenschaft die Verantwortung mit zu tragen hat, wobei allerdings zu fragen ist, ob eben diese Entwicklung nicht selbst eine Äußerung des Materialismus darstellt.

Der Rückstoß blieb aber nicht aus: Als Nietzsche sozusagen mit Posaunentönen das Ideal des »Übermenschen« verkündet hatte, da erlebte man bald jene Vertreter des rücksichtslosen Auslebens der eigenen Person: Die Erziehung wurde als Schulmeisterei über Bord geworfen, und das herrliche Zeitalter des Schwabingertums kam zur Blüte. Die Frucht, die folgte, haben wir gekostet und der schlechte Geschmack will nicht von der Zunge weichen. Nietzsche selbst trifft für den Kenner keine Schuld; er war nur der Auslöser einer naturnotwendigen Bewegung; andere Geistesgrößen, die zwar auch den Umschwung forderten, aber nicht mit jenem schmetternden Klang, drangen nicht über eine kleine Gemeinde hinaus. Ich erinnere nur an Lagarde. Noch stehen wir mitten in dieser Revolution des Geistes, und die politische Revolution ist nur ein Ausschnitt aus dem Riesenkampf, der jetzt allenthalben tobt.

Es ist nun fesselnd zu beobachten, wie in dem Ringen um neue geistige Ziele um die Jahrhundertwende die Forderung nach staatsbürgerlicher Erziehung auftauchte, und wie man an ihrer Lösung arbeitete: Man forderte, daß jedem Deutschen auf der Schule gelehrt werde, welche Rechte und Pflichten er im Staate besitze. Die einen wollten, um mit Treitschke zu sprechen, durch starke Betonung der Pflichten gute »Untertanen« erziehen und die Umsturzgefahr bannen. Die anderen wollten mit Betonung der Rechte die Lust nach mehr erwecken. Ich will hier nur in großen Umrissen andeuten. Gemeinsam bleibt den ganzen Bestrebungen ein parteipolitisches Gepräge: Von den ganz Rückständigen, die das Unmögliche wollten, daß der deutsche Staat immer in der gleichen Form erscheinen solle, bis zu jenen Phantasten, die in der Zertrümmerung der Form ihr Ziel sehen, konnte man immer den gleichen Grundfehler beobachten: Sie setzten die Form für den Staat. Dazu kamen jene, die mit geschichtlichen und erdkundlichen _Kenntnissen_ dem deutschen Staatsbürger auf die Beine helfen wollten, ganz verkennend, daß nicht seine Kenntnisse, sondern die Gesinnung den Menschen zum Staatsbürger macht, daß also gerade hier die Steigerung der Kenntnisse zum Erlebnis unumgänglich notwendig ist.

Wir befinden uns im Brennpunkt des Fragenkreises, den ich angeschnitten habe. Um das empfinden zu lassen, möchte ich zwei kleine Geschichten erzählen: Nicht lange vor dem Kriege fuhr ein Deutscher nach Ostafrika. Auf dem Schiff reiste auch der Bruder eines in der Kolonialgeschichte bekannten Engländers mit. Wie nun die Fahrt durch den Suezkanal ging, da fragte der Engländer den Deutschen -- und zwar vollkommen im Ernst --, auf welcher Seite Ägypten läge. Dies ist die eine Geschichte; nun die andere: Vor einiger Zeit teilte ein Buchhändler in Deutschböhmen im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel die beschämende Tatsache mit, daß viele Reichsdeutsche in den Aufschriften der Briefe die deutschen Ortsnamen Böhmens tschechisch schrieben, obwohl selbstverständlich nur für den tschechoslowakischen Inlandsverkehr tschechische Aufschrift Gesetz sei, weil ja z. B. auch Engländer und Franzosen kein Tschechisch können.

In diesen beiden Geschichten hat man die Erläuterung dafür, was ich von der deutschen Erziehung zum Staatsbürger halte: Man hat bei uns so gute Kenntnisse, daß man z. B. _Praha_ für Prag schreiben kann, aber nicht einmal so viel staatsbürgerliche Gesinnung, daß man die unserem Staate ferngehaltenen Volksgenossen in ihrem Kampf um die Heimkehr zu uns unterstützt; ja, man fällt ihnen sogar in den Rücken! Auf der andern Seite sehen Sie den Engländer mit seiner uns unbegreiflichen geographischen Unbildung; glauben Sie aber, daß er jemals zu solcher staatsbürgerlicher Gesinnungslosigkeit fähig wäre wie jene nochmal so gescheiten Deutschen? Dabei handelt es sich bei jenen Deutschen um Kaufleute, nicht um bewußt »vaterlandslose Gesellen«.

Ich glaube deutlich gemacht zu haben, was ich unter einem Staatsbürger verstehe: _Ich verstehe darunter einen Menschen, der von den Lebensnotwendigkeiten seines Staates überzeugt ist._ Der rücksichtslose Kriegsgewinnler und der Flaumacher passen sowenig unter diesen Begriff wie der Überläufer und der Meuterer. Ich erwähne dies, um zu zeigen, daß in Augenblicken der äußeren Gefahr für den Staat die Überzeugung von den Lebensnotwendigkeiten gar nicht so große Kenntnisse erfordert; je mehr wir uns aber auf das Gebiet der inneren Staatsentwicklung begeben, desto größer werden die Anforderungen an die Gesinnungstüchtigkeit und naturgemäß müssen deshalb bei der Unvollkommenheit der menschlichen Natur die Stützen der Gesinnung hier besonders kräftig sein.

Schon vor dem Krieg hatte man erkannt, welche Kräfte man diesem Zwecke dienstbar machen könne und müsse; der einschlägige Artikel in dem 1912 erschienenen Handbuch der Politik betont, daß man sich an den Verstand durch Vermittlung von Kenntnissen, an das Gefühl durch Weckung des Gemeinschaftsgefühls und an den Willen durch Stärkung des Verantwortungsgefühls wenden müsse. Man beging aber dabei zwei Grundfehler: Man dachte viel zu sehr an Menschen, die bis zu einem gewissen Grad schon eine günstige Einstellung zum Staatsgedanken mitbrachten, und glaubte deshalb der Schule, vor allem dem höheren Schulwesen die Hauptaufgabe zuweisen zu können. Zweitens aber war man sich nicht genügend klar darüber, daß die Willensbildung eben schon über die Erziehung hinausführt. Gehorsam und die Bereitschaft sich unterzuordnen sind häufig nur die Folge von Gedankenlosigkeit und Bequemlichkeit, werden sie aber von einzelnen schon bewußt und mit innerer Überzeugung dem Staate entgegengebracht, so haben wir das Gebiet der Erziehung verlassen und stehen mitten in der Selbstbildung.

Damit sind wir an der Stelle angelangt, an der über die politische Bildung gesprochen werden muß. Politik ist Kunst und Bildung ist nach Humboldt jene »Sinnesart, die sich aus der Erkenntnis und dem Gefühle des gesamten geistigen und sittlichen Strebens harmonisch auf die Empfindung und den Charakter ergießt«. Es hieße blind sein, wenn man Anforderungen, wie sie nach solcher Deutung die politische Bildung erfordert, der Gesamtheit eines Volkes zumuten wollte. Die politische Bildung ist Sache der geistig und sittlich Starken; sie müssen das Streben haben, über den Untertan- und Staatsbürgerbegriff hinauszukommen, wie ihn Treitschke gibt; hier handelt es sich nicht mehr nur um Rechte und Pflichten; hier kommt die Bildung des Willens zur Einordnung allein nicht mehr in Frage; _gestaltender Wille_, der zur politischen Tat befähigt, ist hier die Losung. »Ehrgefühl, Pflichtgefühl, Disziplin, Entschlossenheit, das lernt man nicht aus Büchern«, sagt Spengler und ich setze hinzu: überhaupt nicht durch Worte. »Es wird«, fährt Spengler fort, »im strömenden Dasein geweckt durch ein lebendiges Vorbild«[1]. Ja, nur das Vorbild kann hier wirken und dieses bildet sich selbst, aus eigenem Willen und eigener sittlicher Kraft.