Part 6
Dorten, an dem Bach alleine, Badet sich die schöne Elfe; Arm und Nacken, weiß und lieblich, Schimmern in dem Mondenscheine.
LXXXVI
Nacht liegt auf den fremden Wegen, Krankes Herz und müde Glieder; -- Ach, da fließt, wie stiller Segen, Süßer Mond, dein Licht hernieder.
Süßer Mond, mit deinen Strahlen Scheuchest du das nächtge Grauen; Es zerrinnen meine Qualen, Und die Augen übertauen.
LXXXVII
Der Tod, das ist die kühle Nacht, Das Leben ist der schwüle Tag. Es dunkelt schon, mich schläfert, Der Tag hat mich müd gemacht.
Über mein Bett erhebt sich ein Baum, Drin singt die junge Nachtigall; Sie singt von lauter Liebe, Ich hör es sogar im Traum.
LXXXVIII
"Sag, wo ist dein schönes Liebchen, Das du einst so schön besungen, Als die zaubermächtgen Flammen Wunderbar dein Herz durchdrungen?"
Jene Flammen sind erloschen, Und mein Herz ist kalt und trübe, Und dies Büchlein ist die Urne Mit der Asche meiner Liebe.
Götterdämmerung
Der Mai ist da mit seinen goldnen Lichtern Und seidnen Lüften und gewürzten Düften, Und freundlich lockt er mit den weißen Blüten, Und grüßt aus tausend blauen Veilchenaugen, Und breitet aus den blumreich grünen Teppich, Durchwebt mit Sonnenschein und Morgentau, Und ruft herbei die lieben Menschenkinder. Das blöde Volk gehorcht dem ersten Ruf. Die Männer ziehn die Nankinhosen an Und Sonntagsröck mit goldnen Spiegelknöpfen; Die Frauen kleiden sich in Unschuldweiß; Jünglinge kräuseln sich den Frühlingsschnurrbart Jungfrauen lassen ihre Busen wallen; Die Stadtpoeten stecken in die Tasche Papier und Bleistift und Lorgnett; -- und jubelnd Zieht nach dem Tor die krausbewegte Schar, Und lagert draußen sich auf grünem Rasen, Bewundert, wie die Bäume fleißig wachsen, Spielt mit den bunten, zarten Blümelein, Horcht auf den Sang der lustgen Vögelein, Und jauchzt hinauf zum blauen Himmelszelt.
Zu mir kam auch der Mai. Er klopfte dreimal An meine Tür und rief: Ich bin der Mai, Du bleicher Träumer, komm, ich will dich küssen! Ich hielt verriegelt meine Tür, und rief: Vergebens lockst du mich, du schlimmer Gast! Ich habe dich durchschaut, ich hab durchschaut Den Bau der Welt, und hab zu viel geschaut, Und viel zu tief, und hin ist alle Freude, Und ewge Qualen zogen in mein Herz. Ich schaue durch die steinern harten Rinden Der Menschenhäuser und der Menschenherzen, Und schau in beiden Lug und Trug und Elend. Auf den Gesichtern les ich die Gedanken, Viel schlimme. In der Jungfrau Schamerröten Seh ich geheime Lust begehrlich zittern; Auf dem begeistert stolzen Jünglingshaupt Seh ich die lachend bunte Schellenkappe; Und Fratzenbilder nur und sieche Schatten Seh ich auf dieser Erde, und ich weiß nicht, Ist sie ein Tollhaus oder Krankenhaus. Ich sehe durch den Grund der alten Erde, Als sei sie von Kristall, und seh das Grausen, Das mit dem freudgen Grüne zu bedecken Der Mai vergeblich strebt. Ich seh die Toten; Sie liegen unten in den schmalen Särgen, Die Händ gefaltet und die Augen offen, Weiß das Gewand und weiß das Angesicht, Und durch die Lippen kriechen gelbe Würmer. Ich seh, der Sohn setzt sich mit seiner Buhle Zur Kurzweil nieder auf des Vaters Grab; -- Spottlieder singen rings die Nachtigallen; -- Die sanften Wiesenblümchen lachen hämisch; -- Der tote Vater regt sich in dem Grab; -- Und schmerzhaft zuckt die alte Mutter Erde.
Du arme Erde, deine Schmerzen kenn ich! Ich seh die Glut in deinem Busen wühlen, Und deine tausend Adern seh ich bluten, Und seh, wie deine Wunde klaffend aufreißt und wild hervorströmt Flamm und Rauch und Blut. Ich sehe deine trotzgen Riesensöhne, Uralte Brut, aus dunkeln Schlünden steigend, Und rote Fackeln in den Händen schwingend; -- Sie legen ihre Eisenleiter an, Und stürmen wild hinauf zur Himmelsfeste; -- Und schwarze Zwerge klettern nach; -- und knisternd Zerstieben droben alle goldnen Sterne. Mit frecher Hand reißt man den goldnen Vorhang Vom Zelte Gottes, heulend stürzen nieder, Aufs Angesicht, die frommen Engelscharen. Auf seinem Throne sitzt der bleiche Gott, Reißt sich vom Haupt die Krön, zerrauft sein Haar -- Und näher drängt heran die wilde Rotte. Die Riesen werfen ihre roten Fackeln Ins weite Himmelreich, die Zwerge schlagen Mit Flammengeißeln auf der Englein Rücken; -- Die winden sich und krümmen sich vor Qualen, Und werden bei den Haaren fortgeschleudert; -- Und meinen eignen Engel seh ich dort, Mit seinen blonden Locken, süßen Zügen, Und mit der ewgen Liebe um den Mund, Und mit der Seligkeit im blauen Auge -- Und ein entsetzlich häßlich schwarzer Kobold Reißt ihn vom Boden, meinen bleichen Engel, Beäugelt grinsend seine edlen Glieder, Umschlingt ihn fest mit zärtlicher Umschlingung -- Und gellend dröhnt ein Schrei durchs ganze Weltall, Die Säulen brechen, Erd und Himmel stürzen Zusammen, und es herrscht die alte Nacht.
Ratcliff
Der Traumgott brachte mich in eine Landschaft, Wo Trauerweiden mir "Willkommen" winkten Mit ihren langen, grünen Armen, wo die Blumen Mit klugen Schwesteraugen still mich ansahn, Wo mir vertraulich klang der Vögel Zwitschern, Wo gar der Hunde Bellen mir bekannt schien, Und Stimmen und Gestalten mich begrüßten Wie einen alten Freund, und wo doch alles So fremd mir schien, so wunderseltsam fremd. Vor einem ländlich schmucken Hause stand ich, In meiner Brust bewegte sich's, im Kopfe War's ruhig, ruhig schüttelte ich ab Den Staub von meinen Reisekleidern, Grell klang die Klingel, und die Tür ging auf.
Da waren Männer, Frauen, viel bekannte Gesichter. Stiller Kummer lag auf allen Und heimlich scheue Angst. Seltsam verstört, Mit Beileidsmienen fast, sahn sie mich an, Daß es mir selber durch die Seele schauert', Wie Ahnung eines unbekannten Unheils. Die alte Margret hab ich gleich erkannt; Ich sah sie forschend an, jedoch sie sprach nicht. "Wo ist Maria?" fragt ich, doch sie sprach nicht. Griff leise meine Hand und führte mich Durch viele lange, leuchtende Gemächer, Wo Prunk und Pracht und Totenstille herrschte, Und führt' mich endlich in ein dämmernd Zimmer Und zeigt', mit abgewandtem Angesicht, Nach der Gestalt, die auf dem Sofa saß. "Sind Sie Maria?" fragt ich. Innerlich Erstaunt ich selber ob der Festigkeit, Womit ich sprach. Und steinern und metallos Scholl eine Stimm: "So nennen mich die Leute." Ein schneidend Weh durchfröstelte mich da, Denn jener hohle, kalte Ton war doch Die einst so süße Stimme von Maria! Und jenes Weib im fahlen Lilakleid, Nachlässig angezogen, Busen schlotternd, Die Augen gläsern starr, die Wangenmuskeln Des weißen Angesichtes lederschlaff -- Ach, jenes Weib war doch die einst so schöne, Die blühend holde liebliche Maria! "Sie waren lang auf Reisen!" sprach sie laut, Mit kalt unheimlicher Vertraulichkeit, "Sie schaun nicht mehr so schmachtend, liebster Freund, Sie sind gesund, und pralle Lend und Wade Bezeugt Solidität." Ein süßlich Lächeln Umzitterte den gelblich blassen Mund. In der Verwirrung sprachs aus mir hervor: "Man sagte mir. Sie haben sich vermählt?" "Ach ja!" sprach sie gleichgültig laut und lachend, "Hab einen Stock von Holz, der überzogen Mit Leder ist, Gemahl sich nennt; doch Holz Ist Holz!" Und klanglos widrig lachte sie, Daß kalte Angst durch meine Seele rann, Und Zweifel mich ergriff: -- sind das die keuschen, Die blumenkeuschen Lippen von Maria? Sie aber hob sich in die Höh, nahm rasch Vom Stuhl den Kaschemir, warf ihn Um ihren Hals, hing sich an meinen Arm, Zog mich von hinnen, durch die offne Haustür, Und zog mich fort durch Feld und Busch und Au.
Die glühend rote Sonnenscheibe schwebte Schon niedrig, und ihr Purpur überstrahlte Die Bäume und die Blumen und den Strom, Der in der Ferne majestätisch floß. "Sehn Sie das große goldne Auge schwimmen Im blauen Wasser?" rief Maria hastig. "Still, armes Wesen!" sprach ich, und ich schaute Im Dämmerlicht ein märchenhaftes Weben. Es stiegen Nebelbilder aus den Feldern, Umschlangen sich mit weißen, weichen Armen; Die Veilchen sahn sich zärtlich an, sehnsüchtig Zusammenbeugten sich die Lilienkelche; Aus allen Rosen glühten Wollustgluten; Die Nelken wollten sich im Hauch entzünden; In selgen Düften schwelgten alle Blumen, Und alle weinten stille Wonnetränen, Und alle jauchzten: Liebe! Liebe! Liebe! Die Schmetterlinge flatterten, die hellen Goldkäfer summten feine Elfenliedchen, Die Abendwinde flüsterten, es rauschten Die Eichen, schmelzend sang die Nachtigall -- Und zwischen all dem Flüstern, Rauschen, Singen Schwatzte mit blechern klanglos kalter Stimme Das welke Weib, das mir am Arme hing: "Ich kenn Ihr nächtlich Treiben auf dem Schloß; Der lange Schatten ist ein guter Tropf, Er nickt und winkt zu allem, was man will; Der Blaurock ist ein Engel; doch der Rote, Mit blankem Schwert, ist Ihnen spinnefeind." Und noch viel buntre, wunderliche Reden Schwatzt' sie in einem fort, und setzte sich, Ermüdet, mit mir nieder auf die Moosbank, Die unterm alten Eichenbaume steht.
Da saßen wir beisammen, still und traurig, Und sahn uns an, und wurden immer traurger. Die Eiche säuselte wie Sterbeseufzer, Tiefschmerzlich sang die Nachtigall herab. Doch rote Lichter drangen durch die Blätter, Umflimmerten Marias weißes Antlitz Und lockten Glut aus ihren starren Augen, Und mit der alten, süßen Stimme sprach sie: "Wie wußtest du, daß ich so elend bin? Ich las es jüngst in deinen wilden Liedern."
Eiskalt durchzogs mir da die Brust, mir grauste Ob meinem eignen Wahnsinn, der die Zukunft Geschaut, es zuckte dunkel durch mein Hirn, Und vor Entsetzen bin ich aufgewacht.
Donna Clara
In dem abendlichen Garten Wandelt des Alkaden Tochter; Pauken- und Trommetenjubel Klingt herunter von dem Schlosse.
"Lästig werden mir die Tänze Und die süßen Schmeichelworte, Und die Ritter, die so zierlich Mich vergleichen mit der Sonne.
"Überlästig wird mir alles, Seit ich sah, beim Strahl des Mondes, Jenen Ritter, dessen Laute Nächtens mich ans Fenster lockte.
"Wie er stand so schlank und mutig, Und die Augen leuchtend schossen Aus dem edelblassen Antlitz, Glich er wahrlich Sankt Georgen."
Also dachte Donna Clara, Und sie schaute auf den Boden; Wie sie aufblickt, steht der schöne, Unbekannte Ritter vor ihr.
Händedrückend, liebeflüsternd Wandeln sie umher im Mondschein, Und der Zephir schmeichelt freundlich, Märchenartig grüßen Rosen.
Märchenartig grüßen Rosen, Und sie glühn wie Liebesboten. -- Aber sage mir, Geliebte, Warum du so plötzlich rot wirst?
"Mücken stachen mich. Geliebter, Und die Mücken sind, im Sommer, Mir so tief verhaßt, als wärens Langenasge Judenrotten."
Laß die Mücken und die Juden, Spricht der Ritter, freundlich kosend. Von den Mandelbäumen fallen Tausend weiße Blütenflocken.
Tausend weiße Blütenflocken Haben ihren Duft ergossen. -- Aber sage mir, Geliebte, Ist dein Herz mir ganz gewogen?
"Ja, ich liebe dich, Geliebter, Bei dem Heiland sei's geschworen, Den die gottverfluchten Juden Boshaft tückisch einst ermordet."
Laß den Heiland und die Juden, Spricht der Ritter, freundlich kosend. In der Ferne schwanken traumhaft Weiße Lilien, lichtumflossen.
Weiße Lilien, lichtumflossen, Blicken nach den Sternen droben. -- Aber sage mir. Geliebte, Hast du auch nicht falsch geschworen?
"Falsch ist nicht in mir, Geliebter, Wie in meiner Brust kein Tropfen Blut ist von dem Blut der Mohren Und des schmutzgen Judenvolkes."
Laß die Mohren und die Juden, Spricht der Ritter, freundlich kosend; Und nach einer Myrtenlaube Führt er die Alkadentochter.
Mit den weichen Liebesnetzen Hat er heimlich sie umflochten; Kurze Worte, lange Küsse, Und die Herzen überflössen.
Wie ein schmelzend süßes Brautlied Singt die Nachtigall, die holde; Wie zum Fackeltanze hüpfen Feuerwürmchen auf dem Boden.
In der Laube wird es stiller, Und man hört nur, wie verstohlen, Das Geflüster kluger Myrten Und der Blumen Atemholen.
Aber Pauken und Trommeten Schallen plötzlich aus dem Schlosse, Und erwachend hat sich Clara Aus des Ritters Arm gezogen.
"Horch! da ruft es mich. Geliebter; Doch, bevor wir scheiden, sollst du Nennen deinen lieben Namen, Den du mir so lang verborgen."
Und der Ritter, heiter lächelnd, Küßt die Finger seiner Donna, Küßt die Lippen und die Stirne, Und er spricht zuletzt die Worte:
Ich, Sennora, Eur Geliebter, Bin der Sohn des vielbelobten, Großen, schriftgelehrten Rabbi Israel von Saragossa.
Almansor
I
In dem Dome zu Corduva Stehen Säulen, dreizehnhundert, Dreizehnhundert Riesensäulen Tragen die gewaltge Kuppel.
Und auf Säulen, Kuppel, Wänden Ziehn von oben sich bis unten Des Korans arabsche Sprüche, Klug und blumenhaft verschlungen.
Mohrenkön'ge bauten weiland Dieses Haus zu Allahs Ruhme, Doch hat vieles sich verwandelt In der Zeiten dunkelm Strudel.
Auf dem Turme, wo der Türmer Zum Gebete aufgerufen, Tönet jetzt der Christenglocken Melancholisches Gesumme.
Auf den Stufen, wo die Gläubgen Das Prophetenwort gesungen, Zeigen jetzt die Glatzenpfäfflein Ihrer Messe fades Wunder.
Und das ist ein Drehn und Winden Vor den buntbemalten Puppen, Und das blökt und dampft und klingelt, Und die dummen Kerzen funkeln.
In dem Dome zu Corduva Steht Almansor ben Abdullah, All die Säulen still betrachtend, Und die stillen Worte murmelnd:
"O, ihr Säulen, stark und riesig, Einst geschmückt zu Allahs Ruhme, Jetzo müßt ihr dienend huldgen Dem verhaßten Christentume!
"Ihr bequemt euch in die Zeiten, Und ihr tragt die Last geduldig; -- Ei, da muß ja wohl der Schwächre Noch viel leichter sich beruhgen!"
Und sein Haupt, mit heiterm Antlitz, Beugt Almansor ben Abdullah Über den gezierten Taufstein, In dem Dome zu Corduva.
2
Hastig schritt er aus dem Dome, Jagte fort auf wildem Rappen, Daß im Wind die feuchten Locken Und des Hutes Federn wallen.
Auf dem Weg nach Alkolea, Dem Guadalquivir entlange, Wo die weißen Mandeln blühen, Und die duftgen Goldorangen;
Dorten jagt der lustge Ritter, Pfeift und singt, und lacht behaglich, Und es stimmen ein die Vögel Und des Stromes laute Wasser.
In dem Schloß zu Alkolea Wohnet Clara de Alvares, In Navarra kämpft ihr Vater, Und sie freut sich mindern Zwanges.
Und Almansor hört schon ferne Pauken und Trommeten schallen, Und er sieht des Schlosses Lichter Blitzen durch der Bäume Schatten.
In dem Schloß zu Alkolea Tanzen zwölf geschmückte Damen, Tanzen zwölf geschmückte Ritter, Doch am schönsten tanzt Almansor.
Wie beschwingt von muntrer Laune, Flattert er herum im Saale, Und er weiß den Damen allen Süße Schmeichelein zu sagen.
Isabellens schöne Hände Küßt er rasch, und springt von dannen; Und er setzt sich vor Elviren, Und er schaut ihr froh ins Antlitz.
Lachend fragt er Leonoren: Ob er heute ihr gefalle? Und er zeigt die goldnen Kreuze Eingestickt in seinen Mantel.
Er versichert jeder Dame: Daß er sie im Herzen trage; Und "so wahr ich Christ bin!" schwört er Dreißigmal an jenem Abend.
3
In dem Schloß zu Alkolea Ist verschollen Lust und Klingen, Herrn und Damen sind verschwunden, Und erloschen sind die Lichter.
Donna Clara und Almansor Sind allein im Saal geblieben; Einsam streut die letzte Lampe Über beide ihren Schimmer.
Auf dem Sessel sitzt die Dame, Auf dem Schemel sitzt der Ritter, Und sein Haupt, das schlummermüde Ruht auf den geliebten Knieen.
Rosenöl, aus goldnem Fläschchen, Gießt die Dame, sorgsam sinnend, Auf Almansors braune Locken -- Und er seufzt aus Herzenstiefe.
Süßen Kuß, mit sanftem Munde, Drückt die Dame, sorgsam sinnend, Auf Almansors braune Locken -- Und es wölkt sich seine Stirne.
Tränenflut, aus lichten Augen, Weint die Dame, sorgsam sinnend, Auf Almansors braune Locken -- Und es zuckt um seine Lippen.
Und er träumt: er stehe wieder, Tief das Haupt gebeugt und triefend, In dem Dome zu Corduva, Und er hört viel dunkle Stimmen.
All die hohen Riesensäulen Hört er murmeln unmutgrimmig, Länger wollen sie's nicht tragen, Und sie wanken und sie zittern; --
Und sie brechen wild zusammen, Es erbleichen Volk und Priester, Krachend stürzt herab die Kuppel, Und die Christengötter wimmern.
Die Wallfahrt nach Kevlaar
1
Am Fenster stand die Mutter, Im Bette lag der Sohn. "Willst du nicht aufstehn, Wilhelm, Zu schaun die Prozession?"
"Ich bin so krank, o Mutter, Daß ich nicht hör und seh; Ich denk an das tote Gretchen, Da tut das Herz mir weh." --
"Steh auf, wir wollen nach Kevlaar, Nimm Buch und Rosenkranz; Die Mutter Gottes heilt dir Dein krankes Herze ganz."
Es flattern die Kirchenfahnen, Es singt im Kirchenton; Das ist zu Köllen am Rheine, Da geht die Prozession.
Die Mutter folgt der Menge, Den Sohn, den führet sie, Sie singen beide im Chore: Gelobt seist du, Marie!
2
Die Mutter Gottes zu Kevlaar Trägt heut ihr bestes Kleid; Heut hat sie viel zu schaffen, Es kommen viel kranke Leut.
Die kranken Leute bringen Ihr dar, als Opferspend, Aus Wachs gebildete Glieder, Viel wächserne Füß und Händ.
Und wer eine Wachshand opfert, Dem heilt an der Hand die Wund; Und wer einen Wachsfuß opfert, Dem wird der Fuß gesund.
Nach Kevlaar ging mancher auf Krücken, Der jetzo tanzt auf dem Seil, Gar mancher spielt jetzt die Bratsche, Dem dort kein Finger war heil.
Die Mutter nahm ein Wachslicht, Und bildete draus ein Herz. "Bring das der Mutter Gottes, Dann heilt sie deinen Schmerz."
Der Sohn nahm seufzend das Wachsherz, Ging seufzend zum Heiligenbild; Die Träne quillt aus dem Auge, Das Wort aus dem Herzen quillt:
"Du Hochgebenedeite, Du reine Gottesmagd, Du Königin des Himmels, Dir sei mein Leid geklagt!
"Ich wohnte mit meiner Mutter Zu Köllen in der Stadt, Der Stadt, die viele hundert Kapellen und Kirchen hat.
"Und neben uns wohnte Gretchen, Doch die ist tot jetzund -- Marie, dir bring ich ein Wachsherz, Heil du meine Herzenswund.
"Heil du mein krankes Herze -- Ich will auch spät und früh Inbrünstiglich beten und singen: Gelobt seist du, Marie!"
3
Der kranke Sohn und die Mutter, Die schliefen im Kämmerlein; Da kam die Mutter Gottes Ganz leise geschritten herein.
Sie beugte sich über den Kranken Und legte ihre Hand Ganz leise auf sein Herze, Und lächelte mild und schwand.
Die Mutter schaut alles im Traume Und hat noch mehr geschaut; Sie erwachte aus dem Schlummer, Die Hunde bellten so laut.
Da lag dahingestrecket Ihr Sohn, und der war tot; Es spielt auf den bleichen Wangen Das lichte Morgenrot.
Die Mutter faltet die Hände, Ihr war, sie wußte nicht wie; Andächtig sang sie leise: Gelobt seist du, Marie!
Aus der Harzreise 1824
Prolog
Schwarze Röcke, seidne Strümpfe, Weiße, höfliche Manschetten, Sanfte Reden, Embrassieren -- Ach, wenn sie nur Herzen hätten!
Herzen in der Brust, und Liebe, Warme Liebe in dem Herzen -- Ach, mich tötet ihr Gesinge Von erlognen Liebesschmerzen.
Auf die Berge will ich steigen, Wo die frommen Hütten stehen, Wo die Brust sich frei erschließet Und die freien Lüfte wehen.
Auf die Berge will ich steigen, Wo die dunkeln Tannen ragen, Bäche rauschen, Vögel singen, Und die stolzen Wolken jagen.
Lebet wohl, ihr glatten Säle! Glatte Herren, glatte Frauen! Auf die Berge will ich steigen, Lachend auf euch niederschauen.
Bergidylle
l
Auf dem Berge steht die Hütte, Wo der alte Bergmann wohnt; Dorten rauscht die grüne Tanne, Und erglänzt der goldne Mond.
In der Hütte steht ein Lehnstuhl, Ausgeschnitzelt wunderlich, Der darauf sitzt, der ist glücklich, Und der Glückliche bin ich!
Auf dem Schemel sitzt die Kleine Stützt den Arm auf meinen Schoß; Äuglein wie zwei blaue Sterne, Mündlein wie die Purpurros.
Und die lieben, blauen Sterne Schaun mich an so himmelgroß, Und sie legt den Lilienfinger Schalkhaft auf die Purpurros.
Nein, es sieht uns nicht die Mutter, Denn sie spinnt mit großem Fleiß Und der Vater spielt die Zither, Und er singt die alte Weis.
Und die Kleine flüstert leise, Leise, mit gedämpftem Laut; Manches wichtige Geheimnis Hat sie mir schon anvertraut.
"Aber seit die Muhme tot ist, Können wir ja nicht mehr gehn Nach dem Schützenhof zu Goslar, Dorten ist es gar zu schön.
"Hier dagegen ist es einsam, Auf der kalten Bergeshöh, Und des Winters sind wir gänzlich Wie begraben in dem Schnee.
"Und ich bin ein banges Mädchen, Und ich furcht mich wie ein Kind Vor den bösen Bergesgeistern, Die des Nachts geschäftig sind."
Plötzlich schweigt die liebe Kleine, Wie vom eignen Wort erschreckt, Und sie hat mit beiden Händchen Ihre Äugelein bedeckt.
Lauter rauscht die Tanne draußen, Und das Spinnrad schnurrt und brummt, Und die Zither klingt dazwischen, Und die alte Weise summt:
"Fürcht dich nicht, du liebes Kindchen, Vor der bösen Geister Macht; Tag und Nacht, du liebes Kindchen, Halten Englein bei dir Wacht!"
2
Tannenbaum, mit grünen Fingern Pocht ans niedre Fensterlein, Und der Mond, der stille Lauscher, Wirft sein goldnes Licht herein.
Vater, Mutter schnarchen leise In dem nahen Schlafgemach, Doch wir beide, selig schwatzend, Halten uns einander wach.
"Daß du gar zu oft gebetet, Das zu glauben wird mir schwer, Jenes Zucken deiner Lippen Kommt wohl nicht vom Beten her.
"Jenes böse, kalte Zucken, Das erschreckt mich jedesmal, Doch die dunkle Angst beschwichtigt Deiner Augen frommer Strahl.
"Auch bezweifl ich, daß du glaubest, Was so rechter Glauben heißt -- Glaubst wohl nicht an Gott den Vater, An den Sohn und Heilgen Geist?"
Ach, mein Kindchen, schon als Knabe Als ich saß auf Mutters Schoß, Glaubte ich an Gott den Vater, Der da waltet gut und groß;
Der die schöne Erd erschaffen, Und die schönen Menschen drauf, Der den Sonnen, Monden, Sternen Vorgezeichnet ihren Lauf.
Als ich größer wurde, Kindchen, Noch viel mehr begriff ich schon, Ich begriff, und ward vernünftig, Und ich glaub auch an den Sohn;
An den lieben Sohn, der liebend Uns die Liebe offenbart Und zum Lohne, wie gebräuchlich, Von dem Volk gekreuzigt ward.
Jetzo, da ich ausgewachsen, Viel gelesen, viel gereist, Schwillt mein Herz, und ganz von Herzen Glaub ich an den Heilgen Geist.
Dieser tat die größten Wunder, Und viel größre tut er noch: Er zerbrach die Zwingherrnburgen, Und zerbrach des Knechtes Joch.
Alte Todeswunden heilt er, Und erneut das alte Recht: Alle Menschen, gleichgeboren, Sind ein adliges Geschlecht.
Er verscheucht die bösen Nebel Und das dunkle Hirngespinst, Das uns Lieb und Lust verleidet, Tag und Nacht uns angegrinst.
Tausend Ritter, wohlgewappnet, Hat der Heilge Geist erwählt, Seinen Willen zu erfüllen, Und er hat sie mutbeseelt.
Ihre teuern Schwerter blitzen, Ihre guten Banner wehn! Ei, du möchtest wohl, mein Kindchen, Solche stolze Ritter sehn?
Nun, so schau mich an, mein Kindchen, Küsse mich und schaue dreist; Denn ich selber bin ein solcher Ritter von dem Heilgen Geist.
3
Still versteckt der Mond sich draußen Hinterm grünen Tannenbaum, Und im Zimmer unsre Lampe Flackert matt und leuchtet kaum.
Aber meine blauen Sterne Strahlen auf in hellerm Licht, Und es glühn die Purpurröslein, Und das liebe Mädchen spricht:
"Kleines Völkchen, Wichtelmännchen, Stehlen unser Brot und Speck, Abends liegt es noch im Kasten, Und des Morgens ist es weg.
"Kleines Völkchen, unsre Sahne Nascht es von der Milch, und läßt unbedeckt die Schüssel stehen, Und die Katze säuft den Rest.
"Und die Katz ist eine Hexe, Denn sie schleicht, bei Nacht und Sturm, Drüben nach dem Geisterberge, Nach dem altverfallnen Turm.
"Dort hat einst ein Schloß gestanden, Voller Lust und Waffenglanz; Blanke Ritter, Fraun und Knappen Schwangen sich im Fackeltanz.
"Da verwünschte Schloß und Leute Eine böse Zauberin; Nur die Trümmer blieben stehen, Und die Eulen nisten drin.
"Doch die selge Muhme sagte: Wenn man spricht das rechte Wort, Nächtlich zu der rechten Stunde, Drüben an dem rechten Ort:
"So verwandeln sich die Trümmer Wieder in ein heiles Schloß, Und es tanzen wieder lustig Ritter, Fraun und Knappentroß;
"Und wer jenes Wort gesprochen, Dem gehören Schloß und Leut, Pauken und Trompeten huldgen Seiner jungen Herrlichkeit."
Also blühen Märchenbilder Aus des Mundes Röselein, Und die Augen gießen drüber Ihren blauen Sternenschein.
Ihre goldnen Haare wickelt Mir die Kleine um die Händ, Gibt den Fingern hübsche Namen, Lacht und küßt, und schweigt am End.
Und im stillen Zimmer alles Blickt mich an so wohlvertraut; Tisch und Schrank, mir ist, als hätt ich Sie schon früher mal geschaut.