Bübü vom Montparnasse Ein Roman mit zwanzig Holzschnitten von Frans Masereel
Part 7
Sie zeigte ihm Zunge und Gaumen, die voll Wunden waren, die ganze Abende Küsse austeilten und ihren Speichel wie Lust in den Mund der Männer gleiten ließen . . . Sie hatte Halsschmerzen und ihre Stimme kratzte, als stieße sie gegen etwas, das sich im Halse festgesetzt hatte. Sie fühlte auch in den Knochen Schmerzen, die aus ihrem Innern zu kommen schienen wie aus einem Sammelbecken des Schmerzes. Übrigens wollte sie Quecksilberpillen nicht einnehmen, weil sie gehört hatte, daß Quecksilber das Leiden hervortreibe.
Sie kam an gewissen Abenden, ohne seit dem vorigen Tag gegessen zu haben. Das merkte man ihr nicht an, das Unglück sieht wie jedermann aus. Sie sträubte sich zunächst in einer Art von Stolz; im Restaurant aß sie nicht mehr als sonst: »Ich darf ihm doch nicht mehr Auslagen machen«, aber nach der Mahlzeit, wenn sie satt war, konnte sie sich nicht zurückhalten: »Weißt du, was ich zu Mittag gegessen habe, hätte mir kein Magendrücken verursachen können.«
Pierre sagte:
»Meine liebe Freundin, du tust mir weh. Du weißt gut, daß ich auf der Welt bin, dir zu helfen. Komm nur, komm. Wahrhaftig, es ist schön, armen Frauen Gutes zu erweisen. Man nennt das: der leidenden Menschheit wohltun. Wenn du nichts zu essen hast, denk an mich. Du sagst nichts, du kommst, und ich werde dich verstehen.«
Sie antwortete sanft:
»Das macht nichts. Ich bin heute um drei Uhr aufgestanden, da hab ich den Hunger garnicht gespürt.«
* * * * *
Es war an einem Abend im Dezember. Ein schlimmer Dezember schritt durch die Straßen mit Eis und Wind, herrisch, über unser Menschenfühlen hinweg, drang bis ans Mark und haftete darin, stärker als aller Druck und aller Kummer.
Ein Pariser Dezember, in dem die öffentlichen Mädchen ihre Schultern einziehen, ihre Gesichter einschrumpfen fühlen und im Wind wehen mit den Flammen der Laternen.
Pierre arbeitete in seinem Zimmer. Der Ofen brummte wie ein alter treuer Kater, der zu sagen scheint:
»Bleib daheim, Herr, so wie ich.«
Pierre dachte:
»Das ist eine schändliche Krankheit und greift um sich, wie das Böse um sich greift.«
Er dachte noch:
»Neujahr kommt heran. Die Neujahrstage haben sich sehr verändert. Ich will vom Bureauchef acht Tage erbitten und nach Hause fahren. Mama wird sagen: >Da ist mein Pariser!< Die alten Frauen werden sagen: >Jetzt trauen wir uns nicht mehr, dich zu duzen.< Meine beiden Schwestern und die kleine Nichte werden da sein, in der guten Wärme auf dem Lande, die in unser Herz eindringt und unsre Gedanken ausbrütet wie kleine Kücken. Das erste Jahr, in dem ich die Syphilis habe. Ich werde alle küssen und aus ihren Gläsern trinken. Sie werden zu Juliette sagen: Geh, Leckermaul, trink ein wenig aus dem Glas des Onkels. Ich will sie knapp am Haar küssen, wo die Lippen weniger haften. Aber dann werde ich wegen des Glases keine Ausrede gebrauchen können. Mama wird sagen: >Dazu hat er nach Paris gehen müssen, um sich diese Fäulnis heimzubringen.< Papa wird sagen: >Das ist eine feine Gesellschaft für seine Schwestern.< Und alle jene, die in Paris keinen Posten gefunden haben, werden sehr zufrieden sein.«
Er dachte auch:
»Ich muß trachten, zur Prüfung zum Brücken- und Straßenbaumeister zugelassen zu werden. Man würde sofort meinen, daß ich nicht mehr gern arbeite. Und ich arbeite, während ich Quecksilber schlucke, und weiß nicht, ob ich, wenn die Zeit der tertiären Erscheinungen kommt, werde leben dürfen.«
Mitten hinein klopfte jemand an die Tür. Pierre erhob sich und vergaß schon seinen Kummer, da es Berthe war und da wir zu jeder Zeit einer Frau bedürfen.
Es war Berthe.
Wie sie eintrat, trat der Winter ein mit ihren Röcken, denen die Kälte entstieg.
Sie sagte:
»Das bin ich. Bei dir ist's schön.«
Dann:
»O, hör einmal, das weißt du nicht: meine Schwester Blanche ist im Saint-Lazare! Da war eine Radfahrbahn. Blanche tut alles nach ihrem Schädel, fuhrwerkte dort herum und zeigte ihre Waden und alles. Ich habe ihr gesagt: >Tu das nicht, du wirst sehen, eines Tages werden sie dich erwischen.< So geschah es: wie ich gesagt habe. Bei der Untersuchung auf der Polizei wurde sie als nicht gesund erkannt und zur Heilung nach Saint-Lazare geschickt.«
Berthe setzte hinzu:
»Und jetzt muß ich das Zimmer bezahlen.«
* * * * *
Sie setzte sich und sagte nichts mehr.
Sie rückte ganz nah an den Ofen, so nahe, daß man geglaubt hätte, sie sei unempfindlich oder verrückt, und, die beiden Hände auf den Knien gekreuzt, den Kopf gesenkt, saß sie da.
Unter ihrem Haar sah die arme kleine Frau mehlweiß aus, wie eine lockere Puppe, die zerfällt und umsinkt.
Sie flüsterte noch:
»Und dann, nein, nein. Das dauert schon zu lange.«
Ihr Anblick tat sehr weh.
Nicht alle ihre Gründe waren verständlich, denn Gründe gibt es unzählige, und sie schweben mit hunderttausend Eisenfäusten über unserm Haupt, deren Wucht zusammen mit den Tagen, mit den Leiden, mit den Schlägen, die man empfangen, mit dem Bösen, das man begangen, mit den verbummelten Nächten niederlastet. Es kommt ein Abend, an dem alles zu Ende ist, an dem so viele Mäuler uns zerbissen haben, daß uns keine Kraft mehr bleibt, uns aufrecht zu erhalten, und uns die Fleischfetzen vom Leibe hangen, als wenn all die Mäuler sie zerkaut hätten. Es kommt ein Abend, an dem der Mann schluchzt, an dem das Weib sich am Ende fühlt.
Sie hatte sich schließlich zu dem Jungen geflüchtet in der Empfindung, umzukommen und das womöglich an dem besten Ort zu tun.
Und hier, auf dem Stuhle kauernd, war sie ein zusammengebrochenes Wild, das sein letztes Leben in den Flanken spürt, das es für immer aushaucht und mit dem Blick noch sein Lager streift, bevor es darin seine Überreste zurückläßt.
Sie sagte:
»Laß mich hier schlafen. Ich kann nicht fortgehn. Ich bitte dich darum, denn ich weiß, daß ich dir große Unannehmlichkeiten bereiten werde.«
Das sagte ein Straßenmädchen, dem die Nächte berufsmäßig kostbar sind, daß sie eine jede auf zehn Francs einschätzt, und für das die verlorenen Nächte brotlose Tage sind. Sie bat um Gnade, sie, die den Preis gewährter Gnade kannte, die auch wußte, daß ein Menschenleib bezahlt wird, und daß man Geld empfängt von denen, die man tröstet.
Er legte sich neben sie. Er nahm sie in seine Arme, in denen sie lag, kalt vom Kopf bis zu den Füßen wie ein eisiger Sturm, wie ein Feld, dessen Ernte vom Hagel zerbrochen ist. Er legte sie an sein Herz und hielt sie lange warm in glühender Hingabe, ein leises mitleidvolles Klagen entfuhr ihm einer Flamme gleich.
Er sagte nichts, er dachte nicht an das Weib, er war selbst von diesem Schmerz ganz eingehüllt und hätte am liebsten gerufen:
»Arme kleine Heilige! Arme kleine Heilige!«
IX
Dezember dann und Neujahr, alles ging vorüber; aber seitdem Blanche fort war, strich die Zeit mühselig dahin, als fehlte es auch ihr an Schwung.
Eines Tages, um vier Uhr nachmittag, kam Berthe auf dem Boulevard Sebastopol an der Kirche Saint-Leu vorbei. Das ist eine Kirche aus grauen Quadern wie alles rings um die Hallen, wo die Häuser an den Fischmarkt und das große Mundwerk der Händlerinnen erinnern. In den letzten Tagen spürte Berthe ein gewisses Schauern zwischen Zwerchfell und Herzen, ein Spiel der Organe, von dem sie nicht erriet, was es zu bedeuten habe. Manchmal kamen ihr komische Gedanken, die einen Anfang, aber kein Ende hatten und dennoch einen süßen und lieblichen Nachgeschmack hinterließen. Als sie an der Kirche Saint-Leu vorbeikam, durchlief sie das Erschauern und umfing sie. Sie lächelte, indem sie sich ihm hingab, und sagte sich: »Gehn wir hinein!«
Sie durchschritt zweimal die Kirche und war verwundert. Dann setzte sie sich auf einen Stuhl und wußte einen Augenblick nicht, was sagen:
»Mein Gott, ich bin nur eine liederliche Dirne. Heute abend mußte ich in die Kirche Saint-Leu treten, ohne zu wissen, warum. Da bin ich in Deiner Kirche, mein Gott, ich denke an Dich. Du siehst uns nicht einmal an, denn wir tun alles das, was Du verboten hast. Maurice sagte: Es gibt keinen, aber ich sage Dir: Es gibt einen guten Gott. Mir ist, als wenn ich den Boulevard Sebastopol lange verlassen hätte. Weil ich am Tag meiner ersten Kommunion krank war, nahm ich meine erste Kommunion zwei Wochen später. Wir waren zwei Kleine in Weiß, aus derselben Schule: die Schwester nahm einen Fiaker und führte uns zur Kommunion nach Notre-Dame. Wir waren sehr glücklich, im Fiaker zu fahren. Und dann hat mich meine Mutter am liebsten gehabt. Sie sagte zu mir: Komm her, Berthe, ich mach dir Locken und frisier dich schön. Ich bin in die Katechismusstunden gegangen und liebe noch die Marienmonate sehr. Meine Mutter war sehr gütig, sie war nicht wie die andern Frauen und war Italienerin. Am Tag, wo sie gestorben ist, war ich im Spital. Meine beiden Schwestern besuchten mich: Marthe war ganz blaß, aber Blanche kratzte sich am Kopf und schien sich nicht viel daraus zu machen. Auf der Stelle bereitete es mir nicht soviel Kummer, wie ich geglaubt hätte. Mein Gott, ich denke an meine Mutter. Ich wäre so glücklich, wenn ich sie wiedersehen würde, aber ich frage mich, ob es nicht Dummheiten sind, was ich Dir sage. Ich will zu Dir beten, mein Gott, denn das Gebet tut mir wohl. Wenn meine Bekannten wüßten, daß ich bete, sie würden es lächerlich finden, und ich will trotzdem zu Dir beten. Ich bin nur eine liederliche Dirne, aber ich bin noch nicht schlecht. Du wirst mich ansehen und sagen: Ach, die kleine Berthe Méténier betet da.«
Sie ließ sich auf die Kniee nieder und sprach das »Vaterunser« und »Gegrüßt seist Du, Maria«, aber sie konnte sich nicht an das »Ich bekenne« erinnern. Kurz darauf setzte sie sich und blieb in ihrem Winkel sitzen, ganz allein und ganz bescheiden wie ein kleines Kind, das ein gutes Beispiel geben will.
Sie trat hinaus und ging geraden Wegs zu Pierre Hardy. Sie erzählte ihm:
»Weißt du, was ich heute gemacht habe? Ich kam an der Kirche Saint-Leu vorüber. Da bin ich hineingegangen und hab für meine Mutter zum lieben Gott gebetet!«
In ihm war ein Rest seiner katholischen Erziehung:
»Dafür wird dir vieles vergeben werden, meine kleine Berthe.«
Dann wurde er sich bewußt, daß diese Worte nichtssagend waren.
Nach dem Essen, während sie im Kaffeehaus saßen, packte es Berthe:
»Ach was, es ist blöd, daß ich mich gräme.«
Sie ergriff das Kognakfläschchen und schüttete es in die Tasse mit entschlossener Gebärde und plötzlichem Kopfnicken. Wahrhaftig, komische Einfälle trieben sie an, wirbelten durcheinander, man sah sie in ihren Augen blitzen. Sie brach in Gelächter aus: Ja, manchmal packt es mich. Sie trank den Alkohol aus wie nichts, und das genügte ihr nicht.
Sie rief: »Vorwärts! Musik!« und stürzte noch eins hinunter. Ein Irrsinn überkam sie, den Ellbogen immer wieder zu heben, ein förmlicher Irrsinn in Ellbogen und Kopf, in dem Trinken Lust bereitete und die Lust vervielfachte. Sie trank mit einer Geste, wie wenn ein Gärtner sein Blumenbeet begießt, es erhielt sie im Zuge, es trieb sie weiter und mischte eine unbekannte Kraft in ihr Blut. Sie schüttete alles hinab, was da war, und man hätte gedacht, sie schütte etwas zu.
An der Straßenecke stand ein kleiner Knirps. Berthe balancierte, geradezu tanzend, wie ein Seiltänzer. Sie schwang ihm das Bein über den Kopf und rief: »He, hopp!« Der Junge lachte auf, Berthe bückte sich, um ihn zu küssen, und sagte: »Wie lieb er ist!«
Einen Augenblick war die ganze Welt lieb. Sie erfüllte alles mit Leben, teilte allem ihre Lustigkeit mit und hätte am liebsten alles in ihren Wirbel hineingerissen:
»Mein Mädel, mit der Garde Marschieren wir herum, Tra ra tra ra bum bum!«
sang sie und stürzte sich in die offene Tür eines Kaffeehauses:
»Ich pfeif drauf, ich pfeif drauf. Das dauert mir schon zu lang. Die ganze Komödie ödet mich an. Man spuckt in die Luft und es fällt einem auf die Nase. Ich pfeif jetzt auf alles, und das ist das Beste. Sie sagen mir: Was haben Sie für eine glückliche Natur, Sie lachen in einem fort. Ich pfeif auf sie. Jetzt will ich mich amüsieren. Gewiß, ich hab einen Nervenanfall gehabt heute abend, und ich möchte wissen, wozu mir das gut ist. Geld bringt's nicht in die Tasche, wenn man sich grämt. Ach, schau bloß mal den Schädel des Alten an! Wenn er trinkt, läßt er das Bier herunterrinnen. Dann soll er keine Regenwürmer haben im Bart! Die sind gut, die Alten. Man sagt zu ihnen: >Zahl mir vierzig Sous drauf und ich küß dich.< Was muß Maurice da unten nicht alles schlucken? Seit einer Woche wartet er, daß ich von mir hören lasse. Ich hab es satt. Komisch, wie man aus der Ferne alle Fehler sieht. Da sagt mir unlängst sein Kamrad: >Was du treibst, ist nicht recht.< Was hat er sich reinzumischen?«
Aber Pierre, der steif dasaß, öffnete den Mund, und sie schwieg schon. In der Luft lag etwas andres:
»Nein, der dein Mann ist, ist nur ein Mensch; ein Leib, der leidet, und eine Seele darin, die büßt, sollen unserm Herzen teurer sein, als alle Begierde und aller Haß und sollen wie ein ausgestoßener Schrei sein, der so lange fortgellt, bis wir ihm unsre Liebe entgegenbringen. Ich weiß, daß ein Mann dir weh getan hat, aber ich weiß auch, daß dieser Mann allein ist. Ist dein Schmerz groß, so sei er auch schön, neige dein Haupt wie ein guter Engel über Gottes Gerechtigkeit, dann erhebe dein Haupt und lächle deinem Bruder Satan zu. Er brachte dir das Licht, als du siebzehn Jahre warst, er setzte sich des Morgens neben dich und sprach, deine Hände nehmend: >Schwester meiner Seele, begreifst du meine Liebe?< Berthe und Maurice, als die Tage euch zusammenbanden, hat ein Wunder sich erfüllt des Heiligen Geistes, der euch an jenem Tage vermählte und für immer die Stunde eures Glücks eingrub in dein Gedächtnis. Heute ist der Mann hinausgehetzt. Ich sage dir: Du sollst den Mann vergessen, da er den Fluch seines Geschlechts auf dein Haupt geladen hat, aber ich kniee zu deinen Füßen und flehe zu dir: Still ihm das Blut seiner Wunden. Sprich zu ihm: >Ich gedenke deiner, der du in der Tiefe der Hölle bist, und ich sende meinen Odem zu dir, deine Flammen zu kühlen.< Und da der Tag der Auferstehung kommen wird, da die Buße nicht ewig ist, so wirst du dein Haupt erheben und sprechen: >Ich war eine barmherzige Schwester und verband Wunden. Ich bin ein Weib, das du verwundet hast und das leben will; ich will genesen und kenne dich nicht mehr.<«
Pierre sprach nicht so, Berthe vernahm dieses nicht, aber die Worte schwebten in der Luft rund um ihre Gesichter und strichen über sie wie ein Hauch, der erhabener ist als Menschenworte.
Sie verlangte Tinte und Feder, und im Schreiben war noch die Tollheit der Dirne und Betrügerin. Sie nannte ihn »mein liebes Männchen« und fuhr fort: »Ich weine, während ich diese Worte schreibe«, und sie lachte darüber. Sie war schmeichlerisch nach der Sitte von Paris, wo man den Straßenpassanten zulächelt und alles sich mit französischer Ironie abspielt.
Sie begann nochmals zu trinken, kräftigen Schnaps, den sie kurz umstülpte und mit einem Kosenamen belegte: kleines Schnäpschen. Die Gläschen reihten sich im Gänsemarsch aneinander wie Kinder, die spielen; sie nahm sie und goß sie tief in sich hinein in der Wut, alles zu ersticken, was noch drinnen übrig geblieben sein konnte. Als sie bezecht war, durchlief der Rausch sie ganz, folgte den Nerven entlang und erregte ihr ein Gelächter, das sie schüttelte und aufkreischen ließ wie eine zusammengepreßte Springfeder. Die Welt war drollig, die Streichholzständer auf den Tischen, die Gaslampen, die Gäste und die Bänke blickten sie mit einem Ausdruck an, den sie noch nicht kannte, sie zu Grimassen herausforderte und stoßweise zum Lachen zwang.
Sie gingen endlich. Die Nacht war feuchtschwarz, die Sterne durchlöcherten den Himmel und sanken wie Hagel herab, der Lärm rollte wie Gottes Donner. Berthe sagte in ihrer arglosen und jähen Trunkenheit:
»Ich weiß nicht, was mit mir los ist, nie bin ich so traurig gewesen wie heute.«
Er führte sie nach Hause, und als sie eintraten, löste sich die Spannung. Die Wirtin erwartete sie:
»Fräulein, Ihr Bruder hat Sie hier gesucht. Er hat einen Brief da gelassen.«
Sie las den Brief und begriff alle ihre Ahnungen.
Ihr Vater war gestorben.
Jean Méténier war, neunundvierzig Jahre alt, im Spital gestorben. Er hatte sich eines Abends zu Bett gelegt, schwer wie ein Stein, und wand sich vier Tage unter seiner Bleivergiftung. Dann verkrampfte er die Fäuste, streckte sich auf den Rücken und fühlte die Schwere seiner sieben Kinder in seinem Schädel: Marthe mit zwei Rangen, Berthe mit Bübü, Blanche und Saint-Lazare mit dem ganzen Bettel, Gustave, der mit der langen Marie, der Müßiggängerin, zusammenlebte, die drei kleinen Jungen, die soviel Brot aßen und mit ihren offenen Spatzenschnäbeln hier zurückblieben, -- und er starb mit zusammengebissenen Zähnen und vorgestrecktem Kinn.
* * * * *
In diesen Tagen war Berthe so unglücklich. Man hofft auf ein Wiedersehen, um sagen zu können: »Ich habe geirrt, aber habe dich dennoch geliebt. Ich kehre zurück und nun wird die Familie wieder vollzählig sein.« Er war tot, und Berthe erinnerte sich besonders eines Ereignisses, das ihr Gustave erzählt hatte. Eines Tages überraschte der Vater Blanche in der Rue Gaîté, wie sie am Arm eines Zuhälters ging. Er kam nach Hause, setzte sich an den Tisch und sagte: »Ich habe drei Töchter gehabt; mußten aus ihnen drei Huren werden?« Und große Männertränen fielen ihm in den Bart. Er war tot, und das war etwas Unabänderliches und Unerwartetes. Sie hatte viel von ihren Kindergefühlen eingebüßt, aber als sie das ernste und gerechte Totenantlitz erblickte, empfand sie einen Geißelhieb wie von einem ewigen Vorwurf. Sie hatte Furcht, wie man sich nachts bei Albdrücken fürchtet, bei Gewissensbissen, wenn die Finsternis nach dem Verbrechen dicht und schwer ist gleich einer Strafe. Berthe empfand Scham über ihre Vergangenheit, sie sah sie blitzartig beleuchtet und dachte: »Ich bin die letzte der Letzten.«
Und dann wollte sie ein Trauerkleid haben. Nachts verließ sie unter einem Vorwand die andern und ging los, um sich das Trauerkleid zu verdienen. Sie strich wie gewöhnlich über den Boulevard Sebastopol. Drei Stunden schritt sie dahin, die Füße auf den Steinen, in der schrecklichen Todesnacht, und schließlich war es ihr, als schleifte sie den Leichnam durch die Straße. Sie ging mit zwei Männern. Der erste gab ihr zehn Francs, und als sie sich aufs Bett gelegt hatte, genoß Berthe, das empfindungslose und unbeteiligte Freudenmädchen, den Mann und spürte Liebeslust. Der zweite gab ihr hundert Sous und feilschte. Niemals könnte sie den Mann vergessen. Er hatte einen roten Bart, sie hätte ihn am liebsten gebissen und ihm gesagt: »Begreif doch die Gemeinheit, dich auf mir herumzuwälzen am Tag, wo ich meinen Vater verloren habe!«
Diese Nacht rettete sie. Wenn die Schande so groß ist, daß man sie nicht mehr ertragen kann, läßt man sich nieder, errötet noch, blickt aber auf und flieht vor der Schande weit weg und kann nicht anders. Sie hatte den Geschmack von all dem Erleben der so langen Tage, da der Vater starb, im Munde, den Geschmack von Stein und Asche, vom Boulevard Sebastopol und vom Spital, wo man verendet. Und ihr ganzer Beruf war davon erfüllt, all ihre Tage der Krankheit und der Schmach, und die Hotelzimmer, wo man sich aufs Bett legt, bewußtlos und gedankenlos wie ein Tier. Sie sah die unnennbaren Gegenstände wieder, die Waschbecken und die herumliegenden Sachen und das ausgehöhlte Kreuz in den feilen Nächten. Sie erinnerte sich an alles: an das Auf- und Abgehen auf den Boulevards, den Alkohol in den Cafés, die Küsse ohne Geschmack, mengte alles durcheinander, verschmolz es in eine einzige Masse, und all die Nächte wurden in ihrem Gedächtnis die Nacht, in der ihr Vater begraben werden sollte.
Die Familie hatte sich versammelt. Die Großmutter blickte sie mit scharfen Augen an wie eine böse Hexe. Sie sagte: »Saumädel!« Berthe erwiderte: »Und ich weiß nicht, was du gemacht hast, wie du jung warst.« Der Bruder sagte: »Du schweig vor allem.« Man hatte über die drei kleinen Kinder verfügt: Marthe nahm das zweite, Gustave die beiden andern zu sich. Man hatte so vor ihr verfügt, ohne sie zu befragen, ohne sie mitreden zu lassen, als gehörte sie nicht zur Familie. Als sie anbot, mitunter auszuhelfen, antwortete Gustave mit einer Gebärde: »Hilf dir zuerst selber!«
Sie litt unter all dem in der unsagbaren Angst der Verstoßenen und in einem Entsetzen, das sie leise beben ließ. Sie fühlte, daß sie nicht ehrsam war, und begriff unter den Ihrigen, die sich um einen Toten scharten, wie schön es war, ehrsam zu sein. Zu gleicher Zeit wanderten ihre Gedanken zu den Zuhältern und zum Laster. Die ununterbrochene Verknüpfung von Gemeinheit und Kummer brachte sie in schwärzeste Betrübnis, bis an einen verlorenen großen Abgrund, dessen bitteres Wasser ihre Brust überflutete. In ihrem ungelenken Geiste formte das Leben ein Bild, sie sah vor ihren Augen zwei gebrechliche Schultern und auf sie Schläge niedersausen. Sie klagte über sich selbst mit Worten wie zu Kindern: Arme kleine Berthe!
* * * * *
Da sah sie große Gefühle sich in den Tag erheben gleich der aufgehenden Sonne. Sie ward erleuchtet, Magdalena, und als sie sich aufrichtete, um ihr feuchtes Antlitz abzuwischen, schien ihr das Herz vom ersten Licht erhellt zu sein. Sie sah jenseits der Dinge eine tiefe Liebe, eine große Güte, die schwebte und mit den ganz leise bewegten Flügeln um ihre Stirn schlug. Sie sah dies, ohne sich Rechenschaft darüber abzulegen, doch ihre Seele war erfrischt, wie wenn man Früchte genossen hat. Halleluja! sangen die Engel. Auf Erden war ein Duften wie im Marienmonat. Wenn sie an Pierre dachte, so dachte sie an ihre Eltern, an die Kunstblumen und die gute Gewißheit eines Daseins an gleichmäßigen und friedlichen Tagen. Wie begehrte sie danach, niederzusitzen und die Zeit verfließen zu sehen, ohne Gebärde und gesammelt in Gedanken, die mit der Zeit dahinströmten! Gleichwohl, wenn es mir jemand vor einer Woche prophezeit hätte, ich hätte ihm nicht geglaubt, denn das Unglück verfolgt mich zu lange. Ich hätte ihm gesagt: »Aufschneider! Hält man mal dort, wo ich bin, so weiß man, daß es für immer ist. Schließlich, man kann nicht mehr anders.« Sie dachte schon daran, am Sonntag aufs Land zu gehen, und sie würde sich Blumen mitbringen. Wenn man das Spital fast geheilt verläßt, so fühlt man sich rein gewaschen. Sie fühlte sich rein gewaschen!
Sie dachte: Gewiß, ich werde weniger Geld verdienen, und das wird schwer sein, denn Geld bereitet Glück. Ich werde nicht mehr Tage zu zehn Francs haben wie auf dem Sebastopol; aber wenn ich daran denke, macht mir der Sebasto Herzleid. Offenbar, weil ich nicht so stark bin wie meine Schwester Blanche. Übrigens hab ich nichts davon gehabt. Ich weiß nicht, was im Menschen steckt, wenn er das Handwerk betreibt. Es ist richtig, daß unrecht Gut nicht gedeiht. Mir ist, als würde ich ruhig sein, wenn ich wieder Blumen mache. Ich werde den ganzen Tag zu tun haben, und so werde ich keine Lust haben, viel Geld auszugeben. Schließlich, wenn man ordentlich ist, so ist man immer belohnt. Ich werde noch jemand finden, der sich für mein Los interessieren wird und mir wird helfen wollen. Wahrhaftig, ich glaube, daß ich anständig sein werde. Ich stehe nicht darum, zu heiraten, denn alle Männer haben ihre Mucken.