Bübü vom Montparnasse Ein Roman mit zwanzig Holzschnitten von Frans Masereel
Part 6
Berthe machte auf dem Boulevard Sebastopol und den großen Boulevards die Gefühlvolle. Angefangen von ihrem schwarzen gescheitelten Haar und ihrem weißen Antlitz bis zu ihren Beinen, die an die Röcke schlugen, empfand man ihren Gang als ein hübsches Geschehen in einem besondern Dasein, empfand ihr Herz als das einer süßen und lieben kleinen Frau. Viele Vögel ließen sich fangen. Die jungen Leute dachten: Das ist ein zuverlässiges Vergnügen, denn außerdem macht sie den Eindruck, als könnte man mit ihr verständig reden. Man sagte zu ihr: »Fräulein, ich geh Ihnen nach und Sie lassen mich tüchtig rennen.« Sie antwortete manchmal: »Ach, mein Herr, das erkläre ich Ihnen. Ich bin klein, und wenn ich schnell gehe, merkt man's viel weniger.« Ein andermal gingen sie neben ihr her und sagten nichts, weil sie so war und ihre Herzen gerührt wurden. Sie lächelte dann und war anziehend, wie die Sanftmut anziehend ist. Sie machte die Gefühlvolle bei den jungen Leuten und den Männern, denn es gibt viel Liebe auf Erden, und die Liebe flutet heran und trägt uns wie Kinder von hinnen, den Frauen entgegen, wo Kindlichkeit und Güte sind.
Sie hatte Syphilis. Um diese Zeit litt sie viel Schmerzen im Munde, und ich glaube, alle ihre Küsse hatten Syphilis. Viele Vögel ließen sich fangen. Im Spital hatte sie sich gesagt: »Ich weiß nicht, wie ich es machen soll, denn andere will ich nicht anstecken.« Sie war entlassen worden. In den ersten Tagen dachte sie: »Ich werde ihm sagen: Wasch dich gut.« Dann mußte sie essen: das Mitleid ist nichts für den täglichen Gebrauch. Wenn sie lange gegangen war, begannen die Steine hart zu werden und hingen sich ihr an die Füße wie Quadern und wie steinerne Herzen. Sie dachte: »Das hat mich tüchtig gepackt.«
Das ist nichts, Herr Gott. Da ist ein Weib auf dem Straßenpflaster, das dahingeht und ihren Lebensunterhalt verdient, weil es schwer anders kann. Ein Mann bleibt stehen und spricht mit ihr, da Du uns das Weib gegeben hast, auf daß wir uns daran erfreuen. Und dieses Weib ist Berthe, und den Rest weißt Du schon. Das ist nichts. Da ist ein Tiger, der Hunger hat. Der Hunger eines Tigers gleicht dem Hunger eines Lammes. Du hast uns Nahrung gegeben. Ich glaube, dieser Tiger ist gut, denn er liebt sein Weibchen und seine Jungen und er liebt das Leben. Aber warum muß der Hunger eines Tigers Blut haben, während der Hunger eines Lammes so sanft ist?
Da waren ganz junge junge Leute, die unwissend, mit vollem Herzen und all ihrem Gelde mit den Frauen gingen. Da waren Männer von fünfundzwanzig Jahren, die ihrer bedurften, sie suchten und lachten, sobald sie sie gefunden hatten. Da waren verheiratete Männer, die dachten: »Ein kleines Abenteuer, ein Lächeln, eine Laune für das Mädchen da, weil sie etwas andres ist, als was mir beschieden war.« Da waren Männer von vierzig Jahren, die Gesundheitsgründe vorschützten. Da waren Passanten, gleichgültig was für Menschen, deren Schicksal sich entschied.
Ein Mann von fünfzig Jahren kam aus der Bretagne, um in Geschäften eine Woche in Paris zu verbringen. Er begegnete Berthe am Abend seiner Ankunft. Jeden Abend bezahlte er ihr die Mahlzeit, führte sie ins Café-Konzert und gar ein wenig in die Nachtrestaurants. So lernte er das Leben von Paris kennen, das er als junger Mensch nicht hatte kennen lernen können, weil er damals kein Geld hatte. Dann kehrte er in seine Bretagne zu Frau und Töchtern zurück, das Herz leuchtend und die Lippen feucht.
Ein andermal sprach sie ein Mann von fünfunddreißig Jahren an, und er hatte eine Weile gebraucht, bevor er sie ansprach. Sie verbrachten die Nacht in einem Hotel der Rue Saint Sauveur und er schenkte ihr fünfzehn Francs. Er sagte zu ihr: »Vor dem Schlafengehen mach deine Haare zurecht.« Er legte sich neben ihr nieder und küßte sie auf die Augen: »So bist du einer Frau ähnlich, die ich sehr geliebt und die ich verloren habe.« Er tat sonst nichts, stützte sich auf dem Kissen auf, sie schlief ein, und die ganze Nacht strich er mit der Hand über ihr Haar. Es gibt schöne Herzen, die heil bleiben.
Gewöhnlich kehrte Berthe um zwei Uhr früh nach Hause zurück, denn die Straßen bieten dann nur mehr zufällig vierzig Sous und die Gefühle sind matt.
Oft griff Blanche bei den Hallen gerade »ihren Mann« auf, der nicht immer wußte, wo er schlafen sollte oder die Nacht durchwachen wollte. Alle drei, er, Blanche und Berthe, schliefen nebeneinander, doch Blanche behielt den Platz in der Mitte, um ihn an Übergriffen zu hindern und weil sie sehr eifersüchtig war. Es waren schwüle Nächte mit den Seufzern Blanches, den Belästigungen des andern und dem unruhigen Schlafe Berthes. Am Morgen reckten sie sich dann, der unsaubere Mann und die beiden Frauen, in ihrem Dunste, wälzten sich herum und sprangen gegen Mittag aus dem Bett. Sobald Blanche hinunterging, um etwas zum Essen zu holen, benützte der mit Berthe allein gebliebene Mann den Augenblick und begann den Angriff, denn Berthe war hübsch und man hat nie Gelegenheiten genug. Sie wehrte sich, ließ sich gehen, ängstigte sich und spaßte.
Berthe war eben Freudenmädchen. Das ist kein Beruf, den man am Morgen verläßt und außerhalb dessen man das ist, was man sein soll, wie ein Beamter außerhalb seiner Kanzlei. Kennst du den Hauch des Lasters, den man einmal eingeatmet? Die Faustschläge der Zuhälter formen die Mädchen und hinterlassen im weißen Fleische ihre Spur neben dem Verlangen, das Gott hineingelegt hat. Sie leben miteinander, eine große Herde, Blanche, Berthe und die andern, jede gleichsam ein Beispiel und eine Lehre für die Nachbarin. Die Welt der Prostituierten verheißt zu Beginn ein Leben in Freiheit, sinkt dann hinab und stinkt nach tausend Geschlechtern durch den ganzen Tag. Und die Krankheit dringt unter die Röcke mit fressenden Küssen. Das Trottoir, die Hotelzimmer und die Geldstücke sind ein einziger Handel, bei dem man seine Seele verkauft, während man sein Fleisch verkauft.
Man sucht das Glück. Das Glück der Freudenmädchen gleicht dem Rachen der Straßen, der stark ist und das Leben zwischen den Kinnladen zermalmt. Sie bedürfen eines Glücks, bei dem die Männer herrisch sind und sie mit ihren Fäusten packen wie die Wut, unter der man sich duckt. Man sucht die Liebe. Die Liebe der Passanten kommt und geht, ohne etwas von ihrer Flüchtigkeit zu hinterlassen, aber es gibt für das Frauenherz eine andere Liebe, die sie gefangen nimmt und sie niederbeugt und zu Fall bringt. So war es einst mit Maurice.
Berthe suchte denn das Glück in der Liebe. Sie lernte zunächst Blondin, den Radfahrer, kennen. Blondin, der Radfahrer, war groß, breit, rot, hatte feste Hände und gediegene Füße, und schritt auf der Straße mit einer Gewichtigkeit hin, daß schon seine Augen schwer auf unserer Brust zu ruhen schienen. Er betrieb, wer weiß was für einen Fahrradhandel und besaß zwei- oder dreimal ein Automobil, das ihm das Aussehen eines geschickten Mechanikers und eines geschäftigen Kaufmanns lieh, der über den üblichen Handel hinaus ist. Er führte Berthe aufs Land hinaus, und auch das unterschied ihn von den gewöhnlichen Männern. Manchmal hatte er die Taschen voll Geld, ein andermal mußte ihm, wie Berthe sagte, »ausgeholfen« werden. Seine rohe und handfeste Liebe gewährte entweder Üppigkeit oder forderte die vierzig Sous von dem Weib, das er liebte. Und man liebte ihn, weil er einen umfing, daß die Knochen knackten, und man gab ihm alles, weil er nicht für einen Dummkopf gehalten werden wollte.
Sie lernte eines Nachts, als sie nach Hause ging, den Azteken vom Grand-Montrouge kennen. Er stand an einer Straßenecke, blaß und hager, mit feinem vorgeschobenen Mund und seinem angespannten Willen. Als er sie ansprach, fühlte sie, daß es da keine Widerrede gab und daß ein Mann alles vermag, wenn er der Welt in die Augen sieht.
Sie lernte eines Abends in einer Bar den »Kegel« kennen, der hinkte und ein verpfuschter Zuhälter zu sein schien. Holterdipolter, die Lahmen sind komisch, es war eine Liebe zum Lachen.
Sie lernte noch andre kennen: die Burschen vom Montrouge, vom Montparnasse und aus dem Latin, die Liebe am Nachmittag, bei der man herumbummelt, die Liebe bei Nacht, bei der man heimgeht; sie lernte auf dem Boulevard Sebastopol sogar die Liebe flink wie der Wind, zwischen zwei Kundschaften, kennen. Sie kugelte rundum durch die Bars und trank, was man wollte, und lachte, wie man eine Kugel anlacht, die das rollende Glück ist. Sie ward eine Hündin, die die Hunde beschnüffelten, einer den andern drängend, das Ding aufgerichtet und das Maul toll wie brünstige Hunde. Sie lernte sie alle kennen und wandelte durch die Straßen als schwaches Fleisch, das unterliegt, ohne Widerstand, ohne einen Nerv, der sich strafft, ohne irgendwas, dessen Herrin sie wäre. Sie warf ihr Portemonnaie in die Luft, aus dem die Geldstücke rollten, auseinanderstiebend im Wirbel eines zügellosen Lasters.
Sie lernte Kiki kennen. Kiki war sechzehn Jahre alt, mit spitzer Stimme, und flitzte herum wie die Kinder um unsre Beine. Er verkaufte gelegentlich Gemüse und kannte seine Straße, wie man sie kennt, wenn man Handel treibt, am Gewicht betrügt und mit den Bestohlenen herumstreitet. Die Männer nahmen ihn nicht ernst: deshalb wehrte sich Kiki mit Zähnen und Krallen, heulte in den Straßen, stürzte sich auf alles und mußte sich mehr als ein andrer Mühe geben, zur Geltung zu kommen. Einmal begegnete er einem Kindermädchen mit einem Kinde. Das Kind hatte eine Peitsche:
»Gib mir die Peitsche, ich knall mit ihr.«
Kiki unterhielt sich damit gute fünf Minuten, dann wollte das Mädchen weitergehen und die Peitsche wiederhaben.
»Nichts da«, sagte Kiki.
Als sie sie ihm wegnehmen wollte, wich Kiki zurück und knallte vor dem Gesicht des Mädchens, indem er sagte: »Nicht näherkommen!«
Der Junge weinte. Kiki entfernte sich, mit der Peitsche knallend, und drehte sich von Zeit zu Zeit um, um sie auszulachen. Als er sie nicht mehr sah, wurde ihm die Peitsche lästig und er schmiß sie hinter einen Zaun.
Er war ein Gassenbub für Gassenbübinnen, einer der Bengel, deren Geschichten unterhaltend sind. Berthe gab sich ihm aus Spaß hin, und das ist schlimm, denn eine Frau, die sich achtet, soll einen Mann wählen, der zu etwas taugt.
Berthe traf mitunter den langen Jules, der in der ersten Zeit mit ihr stehen blieb und mit ihr plauderte wie mit der Frau eines Freundes. Er nannte sie »Madame«. Aber als er von ihrer Lebensweise erfuhr, sprach er nicht mehr mit ihr und ließ sie vorübergehen, den Kopf hoch, wie ein Soldat in Waffen hinabsieht auf diejenigen, die Zucht und Gesetz verletzen.
VIII
Es gab andre Tage für Berthe, und das waren jene Tage, an denen sie Pierre Hardy besuchte. Er sagte zu ihr:
»Du hast mir schweres Leid angetan. Ich bin dir eines Tages begegnet; wir waren einer wie der andre zwanzig Jahre, und ich habe gelitten, weil ich Mann war. Zwanzig Jahre bedeuten Liebe, aber Liebe bedeutet Geld. Ich gönnte mir ein wenig Liebe von meinen Ersparnissen. Sofort hatte ich diese Krankheit. Mein armes Kind, das ist weder meine noch deine Schuld. Wir leben in einer Welt, in der die Armen dulden sollen. Ich war weder reich noch schön genug, um mir eine Frau unter denen zu wählen, die ich kenne. Du weißt, daß ich dich zufällig gefunden habe. Ich glaube, daß du viel Unglück gehabt hast, da du dich jedem, der vorüberkommt, anbietest. Ich tröste mich ein wenig mit dem Gedanken, daß ich dir eines Tages das tägliche Brot war. Ich bin kein Weiser, ich habe dich anfangs verachtet. Aber ein Freund von mir hat mir die Worte gesagt, die ich dir wiederhole: Ich habe erfahren, daß die Welt bös ist und daß wir zu beklagen sind! Du hast mir schweres Leid angetan. Heute soll uns das Leid, das du mir angetan hast, verbinden. Du bist für mich das einzige mögliche Weib, denn meine Berührung bringt die Pest.«
Berthe erwiderte:
»Was willst du! Das ist unser Beruf.«
Sie aßen zusammen in einem Restaurant zu fünfundzwanzig Sous. Speisezimmer im ersten Stock. Die weiß gedeckten Tische haben sechs Plätze und sehen mit ihren Gläsern, ihren Karaffen, ihren Ölfläschchen wie fein hergerichtete Tische aus, an denen man die ausgezeichneten Gerichte der Reichen verzehrt: Rehschnitten, gebratene Kartoffeln, Lämmerhaché, Spiegeleier, Schokoladenauflauf. Man sieht da Herren im Zylinder stolz und höflich ankommen, wortlos essen, zurückhaltend und tief davon durchdrungen, Magistratsbeamte zu sein. Dann ißt man da all die Saucen, die die Eitelkeit erfand, um den Armen unrecht zu tun. Man bestellt seine Speisen in Befehlston und spricht mit leiser Stimme, denn wohlerzogene Menschen machen keinen Lärm. Auf Berthe übte der Luxus einen großen Eindruck aus und sie sagte: »Hier ist es nicht übel«, sie, die die billigen Selcherläden der Vorstadt gewöhnt gewesen war.
Aber nach der Mahlzeit gingen sie in ein benachbartes Kaffeehaus auf eine Tasse Kaffee. Die Stunde war noch besser: Sie wählten eine Ecke und, die Ellbogen auf dem Tisch, fern von den Leuten, die Lärm machen, und von denen, die ihre Manieren unterstreichen, plauderten sie viel. Berthe, die Herumtreiberin, die von Laster zu Laster lief, setzte sich in eine Ecke, die Ellbogen auf dem Tisch, und aus der Tiefe ihres Gewissens stieg ein trauriges und stilles Flämmchen auf. Pierre blickte sie an und, eine Frau neben sich fühlend, glaubte er ein wenig Liebe zu erblicken, ein steiles Flämmchen, das brannte und zart war. Ihre Worte wurden gleich sehr aufrichtig. Sie hatte ein Bedürfnis danach, denn in unsrer Seele gibt es einen unverrückbaren guten Winkel, der in Zeiten, da wir nicht Übles tun, voll schlichter Gefühle ist; da dringen oftmals Stimmen hinein und beginnen zu rufen wie verlassene Kinder. Berthe hatte ein Bedürfnis danach, wie sie einer Mutter bedürfen, dann eines Gatten, sie, die unbeschützten Frauen mit den haltlosen Herzen, die ihren Halt auf der Straße suchen. Sie hatte ein Bedürfnis danach, zu sprechen: »So bin ich, sieh mich an und sage mir, wie du mich findest.« Niemals war Liebe zwischen ihnen, sondern etwas, das sie überdauert: Vertrauen und Güte.
Sie sprach zu ihm von Maurice und sagte ihm alles. Sie hatte einen Geliebten, der Maurice hieß, der schlecht war und sie aus vollen Händen ohrfeigte.
»Ich weiß nicht, ob ich ihn liebe: er hat mich so geschlagen, daß ich mich das nie gefragt habe.« Er war verrückt. Eines Tages habe er sie geschlagen, bis er merkte, daß er sie erschlagen würde. Rechtzeitig ergriff er ein Kissen, schleuderte es ihr über den Kopf und hieb mit der Faust so lang darauf, bis er erschöpft war. Sie war im Gesicht ganz blau geworden. Doch jetzt sei er im Gefängnis.
Und Pierre sah ihn. Er sah diese Dinge von zwanzig Jahren und senkte den Kopf wie Adam, als er erkannte, daß Böses auf Erden sei. Herr Gott, es gibt viel Böses auf der Welt. Da sind Frauen, die unter Deinen Augen sind und Deine Kinder. Du hast sie geschaffen, Du hast sie uns an die Seite gegeben für unsern Hunger wie einen schönen Kuchen. Sie dünken uns so fein, daß wir sie nicht anzurühren wagen, Gott, Gott! Da sind trotzdem Frauen unter Deinen Augen, die ein Kreuz von Eisen tragen. Gott, Berthe: ein Mann zerdrückt ihre Schultern. Er hält sie mit seinen Klauen fest und gräbt sich in ihre Haut, daß sie ihm nicht entschlüpfen kann. Er zwingt sie vorwärts. Mit seinem ganzen Gewicht drückt er sie zu Boden, damit sie kraftlos sei wie ein verendendes Tier, damit sie Dich weder zu sehen noch zu hören vermag.
Pierre blickte Berthe an. Er sagte nichts. Er nahm ihre Hand und hielt sie zwischen seinen Fingern, um sie sein Mitleid spüren zu lassen, ganz einfach, um ihr ein wenig wohlzutun. Dann gingen sie. Er führte sie in seine Wohnung und hielt sie auf der Straße an der Hand, damit niemand sie berühre. Er neigte sich zu ihr und fügte, damit sie so recht fühle, wie er's meinte, die Worte hinzu:
»Meine liebe Freundin, meine liebe Freundin!«
Manchmal kam ihnen Louis Buisson ins Kaffeehaus nach. Er setzte sich an die andre Seite von Berthe und alle drei sahen, die Ellbogen auf dem Tisch, ihren Kaffee trinkend, aus wie drei junge Leute, die zum Plaudern zusammengekommen waren. Der eine von ihnen war ein armes Kind, eines von jenen, die nicht wissen, wie sie dir etwas Gutes antun sollen, die dich aber freundlicher stimmen, da du ihren heißen Wunsch spürst. Der andre verstand viel besser dein Leid, und wenn er es mit dem Finger berührte, spürtest du einen elektrischen und zarten Finger, der dich berührte und dich sondierte, weil die Wunden sondiert werden müssen, bevor man sie heilt.
Um diese Zeit erzählte Louis Pierre:
»Ich lese die Evangelien. In einer Nacht stieg Jesus mit seinen Jüngern zum Ölgarten hinauf. Es war eine Nacht wie die Nächte in Paris, da wir wissen, daß die Lust böse ist, weil ihr die Menschen nachgehen ohne Liebe. Ihm zu Füßen lag Jerusalem, wo die Freudenmädchen und die Verführung aufeinander prallten wie arge Waffen, die töten, um Vergessen zu bringen. Er dachte daran, daß die Welt voll Geld sei, und daß die Hohenpriester und die Soldaten Haß und Kampf hineintragen. Er stieg auf den Ölberg, um zu seinen Aposteln zu sprechen: >Ich bin die Liebe. Lasset uns dort oben zusammenkommen und durchwachen die Nacht vor meinem Tode. Wir wollen zu Ihm beten, der mich auf euren Weg geführt hat, daß er mich noch beschütze. Und morgen, wenn ich am Holze gestorben bin, gehet hin durch alle Welt und sprechet: Die Liebe ist geboren, wir sind gekommen, euch die Liebe zu lehren.< Er hielt sich abseits und betete lange. Dann wollte er nochmals zu ihnen sprechen. Er wendete sich um und sah, daß alle eingeschlafen waren. Petrus und Johannes und Judas und Thomas und die andern, sie schliefen, die Arme unter dem Haupte so, als hätten sie nichts anderes vor, als zu schlafen. Da bemerkte Jesus, daß irdische Nacht ihn bedeckt hatte: >Jahr um Jahr habe ich meine Seele über die Erde gegossen, um sie zu erleuchten. Vergib mir, mein Vater, doch ich sehe, daß alles umsonst war. Diese hier schlafen heute, am letzten Tage, den Du mir gegeben hast. Wenn die Besten erliegen, wenn die Guten zu schwach sind für das Wort der Liebe, warum hast Du mich hierhergesendet? Der menschlichen Güte ist nicht genug. Ich habe die glühende Liebe gepredigt, und meine arme Liebe liegt im Sterben.< -- Und ich dachte an Berthe, Pierre, beim Jesus auf dem Ölberg. Der Heiland hat an seinem letzten Tage weinen können, aber das Wort der Liebe ist nicht gestorben. Die Schläfer hatten es bewahrt, denn der Geist ist stark, wenn auch das Fleisch schwach ist. Sie haben mehrere Seelen gerettet: den heiligen Franziskus von Assisi und den heiligen Vinzenz von Paul. Und uns, mein Freund, uns hat ein Freudenmädchen gefunden. Wir wollen sie lehren, daß ihr Leben nicht gut sei, und wollen ein bißchen mehr Güte in das unsre tun, damit sie es begreift und damit sie es liebt. Ich weiß nicht, ob wir sie werden retten können, aber ich weiß, daß das Wort der Liebe keine Grenzen kennt. Wenn wir scheitern, mein Bruder, dann trösten wir uns mit dem Gedanken, daß wir ein wenig Licht in ihre Seele gegossen haben und daß wir nicht wissen, ob wir nicht am Beginn ihres Heils stehen.«
Und später, wenn er sich näher an Berthe gesetzt hatte, fragte er sie:
»Nun, meine Kleine, warum treibst du noch dein Geschäft?«
Sie hatte ein nichtssagendes Lächeln wie die Kinder, die wohl wissen, aber sich nicht zu antworten trauen. Es wanderte eine Weile über ihr Antlitz, während sie die Augen niederschlug, dann sagte sie nichts. Anderswo hätte sie gesagt: »Ach geh, mach keine Faxen!« Sie hätte dies gesagt, weil die Leute, die Anteil am Elend nehmen, es zuerst ausnützen und dann nicht mehr daran denken, ihm zu helfen.
Doch Pierre sah sie an, als wollte er sagen: Nun, meine kleine Freundin, du weißt gut, das bin ich, mit allem, was ich habe. Und alles, was er hatte, strahlte auf seinem Antlitz wie ein Herdfeuer, das schöne Funken gibt und aufsteigende Wärme. Darum sagte sie:
»Sie glauben, daß man tun kann, was man will.«
Sie fragten sie aus: Wieviel verdiente sie einst mit den Blumen? Sie erwiderte, daß man davon wohl leben könnte, denn man verdiente fünfundzwanzig Francs wöchentlich. Man nimmt ein kleines Zimmer für fünf Francs, und abends kocht man zu Hause. Eine Frau ist nicht wie ein Mann, sie besorgt sich alles selbst.
»Nun also, meine Kleine, warum treibst du dann noch dein Geschäft?«
Darum. Wenn Maurice etwas Geld hätte, würde sie sich einen Blumenladen aufmachen. Sie hätte zwei Arbeiterinnen, denen sie täglich zwanzig oder fünfundzwanzig Sous bezahlte und die ihr dreimal soviel verdienten. Berthe kam dann auf all ihre Geschichten: Sie war einem Herrn begegnet, der sie nach Rußland mitnehmen sollte. Sie lernte einen jungen Mann kennen, der ihr Tanzunterricht gab, damit sie ins Moulin Rouge eintreten könnte, wo man für das Mittanzen in den Quadrillen bezahlt wird. Sie sollte in einem Café-Konzert singen, in einem blauseidenen Kleid, bis daher ausgeschnitten. Maurice wollte einen Phonographen kaufen und beide wollten auf den Festen der Umgebung von Paris umherziehen. Sehr gern hätte sie Verkäuferin in einem Tabakladen sein wollen: »Zigarren gefällig, mein Herr«, und man lächelte bei diesen Worten.
Sie erging sich in all den Geschichten einer armen herumstreichenden Dirne. Ihre Phantasie machte allerhand Sprünge, und es war erquicklich, ihr zu folgen und, was immer man unternahm, Glück zu haben. Die Männer sagen sich: Man zieht sie auf und läßt sie schwätzen. Kennt man die Welt, so ruht man wahrhaftig von seiner Plackerei aus, wenn man den Kindern zuhört.
Aber Louis Buisson sagte:
»Meine Kleine, wenn du nicht glücklich sein wirst, mußt du uns besuchen. Du wirst uns deine Geschichten erzählen, und ich weiß, daß uns das Vergnügen bereiten wird.«
Dann verließ er sie, da er arbeiten wollte. Da sagte Pierre: »Du sollst kommen. An den Tagen, an denen du traurig sein wirst, sollst du kommen. Du wirst sagen: O, wie mir schwer zumute ist, wie mir schwer zumute ist! Ich werde dir in die Augen sehen und dir antworten: Auch ich habe Tage, wo mein Herz zerbirst. Du wirst sehen, wie Mann und Frau glücklich sind, zusammen zu dulden. Ich bin ganz allein, und wenn ein Freund mich besucht, ist es mir, als würde ich niemals mehr ganz allein sein. Abends findest du mich, vor dem Essen, und wirst mit mir speisen. Nachher findet man mich auch. Du wirst mein kleines Herz werden, du hast mir gefehlt. Fürchte nichts. Die Frauen bilden sich immer ein, daß man sie mißbrauchen will.«
So redete er und zu tiefst dachte er: »Es ist so schön, ein Weib neben sich zu haben!«
* * * * *
Sie kam ziemlich oft. In der ersten Zeit traute sie sich nicht und pochte zaghaft an der Türe, ein leises Kratzen von Ameisenfüßen.
»Ich komme dich besuchen. Ich bin hier vorübergegangen. Da hab ich mir gesagt: Wart, ich schau zu Pierre hinauf.«
Das war anfangs vor dem Essen, wenn der Hunger den Wolf aus dem Walde treibt.
Im Restaurant entschuldigte sie sich: »Bitte, verzeih, daß ich das Salz vor Dir nehme.« Es gibt viel Schüchternheit in unserm Herzen, und ist man ein Freudenmädchen mit tanzendem Herzen, so bleibt man trotzdem unter Männern ein Weib, sanftmütig und zaghaft.
Etwas später sagte sie:
»Ich bin zu dir gekommen, ich weiß, daß es dir nicht fad ist.«
Sie kam ziemlich oft. Sie kam an den Tagen, da sie traurig war, noch einen Rest der Liebesfreuden in den Kleidern und die Brutalitäten der Mädchenhirten. Sie kam an den Tagen, da sie krank war und ihre Leiden wie eine beständige Verzweiflung in ihrem Kopf herumgingen. Sie kam niemals, wenn sie fröhlich war, denn dann sind die Straßen da, in denen man herumtollt, die Zuhälter, bei denen die Freude ausgiebiger ist, und das Geld der Straßenmädchen, das auf allen Schenktischen fliegt. Sie kam besonders an Abenden, da sie mit ihrem Beruf abzurechnen hatte und ihr Brot kriegen wollte.
»Wie geht es dir?«
»Schau her.«