Bübü vom Montparnasse Ein Roman mit zwanzig Holzschnitten von Frans Masereel

Part 5

Chapter 53,855 wordsPublic domain

Ich schließe, meine liebe kleine Freundin, in Gedanken an dich. Ich erwarte deine Antwort mit großer Ungeduld, um zu erfahren, ob du nicht zu traurig darüber warst, was ich dir schreibe. Ich liebe dich immer, und liebe dich noch mehr, weil du krank bist!

Dein dich küssender Freund

Pierre.«

Zwei Tage später erhielt er den folgenden Brief:

»Pierre!

Ich habe deinen Brief bekomen, er hat mich krank gemacht dise Keckheit hab ich erwartet daß du das auf mich schübst und du glaubst fielleicht daß das so gehen wird aber du ihrst dich ich hab niemals nicht aufgehört zu glauben daß du es bist, von dem ich dise schrökliche Krankheit habe. Und du hast recht ich hab niemals was gsagt weil du mich unterstüzt hast aber jezt gibst du zu daß ich gnug hab aber ich leide und bin schröklich traurig und dir ist es noch recht, was du angestellt hast und noch andern Mädeln denen du bisl Gelt gibst und für die Mühe, die sie sich mit dir geben ansteckst. Fielleicht haben sich dise Mädeln umgebracht denn ich wenn ich nicht an meine Familli gedacht hät und ich hab gedacht, daß mein Vater genug gelihten hat durch den Tot meiner Mutter, um jezt von meinem Tot zu erfaren. Dann hab ich nicht glaubt daß ich eines Tags meinen Henker begegne am 15. Juli auf dem Boulevard Sebastopol. Was hab ich seit disem Tag geweint aber es ist zu spät ich muß es tragen das alles sage ich dir weil ich sicher bin daß du mich angsteckt hast du wirst mich unglückli gemacht fürs ganze Leben. Dann komen noch schwere Täge für mich und noch für andre die leiden die tun mir leid daß dise Leute deinwegn leiden denn meiner Treu die Leute, die wissen daß du dran schult bist sind noch böser auf dich als ich aber ich hör auf niemant und leide, ohne mich zu beklahgen. Du solst wissen, daß ich kein gmeines Mädel bin denn wenn ich wolte könnte ich auch andre Männer anstecken aber ich laß mich lieber kurihren bis ich gsund bin werde ich mich umsehn ferzeihen aber werde ich dir niemals. Du ferdiehnst es nicht ein Mensch der mir so vüll angetan hat was ich nicht ferdiehnt hab, und ich hofte nicht eines Tags gemordet zu werden. wie du weißt habe ich augenblüklich jezt große Halsschmerzen. Ich weiß ja daß du dich drüber lustik machst aber ich erleichter mich und dann wirst du besser wissen als ich wie es einem get, in diesem Zustand und mit der Watte die ich kürzlich von der Erd aufghoben hab würdest du dir nicht die Füse waschen woln und dann die Salbe, die auf dem Waschtisch unter der Schüssel steht reibst du dich ein für die Krankheit ist es gut sonst weniger . . . aber die Krankheit erfohrdert es oder du bekomst noch mehr Geschichten und dann würde das Weib das mit dir geht es sofort krigen. Ferdrieslich ist daß es sich verschlimmert, wenn man sich aufrehgt und man steckt die andern an, dann versezt man sie und nimt wider eine andre dann bist du neidisch daß die andern es nicht haben wie du. Aber ich bitte dich Pierre kurihr dich wie ich damit du nicht imer mehr anstekst denn einmal könnte es dir schlecht ergöhn und dir nicht gut bekomen das rat ich dir. Dein Freund der Arzt ist ein reiner Schwindel denn du hast mich satt und sonst nix.

Ich hoffe daß du auf mich nicht zu bös bist aber merke dir daß ich nicht so schlim bin ich wünsche mir nur eins daß ich dir niemals nicht begegne denn du bist nicht ein Freund wie du sagst du bist für mich weniger als nix oder das Trotoar wo ich alle Täge geh aber du behalt mich in Erinerrung wie ich dich aber als einen Menschen der nicht wert ist ein Mädel wie ich gehabt zu haben denn ich bin entschihden das beste Mädchen das man in Paris finden kan und das ist doch wahr. Ich beantworte deinen Brief freundlichst und sag dir meine Meinung troz dem Abscheu die ich vor dir hab.

Fräulein Berthe,

das Mädchen und die Unglükliche, die nur Abscheu hat vor dem der sie angstekt hat.«

Vierzehn Tage später erkannte der Arzt, daß Pierre die Syphilis hatte.

VI

Berthe blieb anderthalb Monate im Krankenhaus.

Maurice wartete auf sie, wie man auf das tägliche Brot wartet, und besuchte sie jeden Donnerstag und Sonntag. Sie sagte: »Die Ärzte wollen mich noch einen Monat behalten.«

»Das ist eine lange Geschichte«, sagte Maurice.

»Was willst du, ich muß mich kurieren.«

Er antwortete: »Oh, ich weiß, du willst alles nach deinem Kopf machen.«

Im Hotelzimmer saß er, trank das Wasser aus der Flasche und wartete auf sie. Manchmal aß er nur Käse. Für drei Francs verkaufte er seinen Regenschirm und wartete mit einem gewissen Vertrauen zwei Tage. Dann tauchte ein Kamerad mit fünf Francs auf, der ihm das Zimmer bezahlte. Er aß etwas bei der Mutter, aber Geld verweigerte sie ihm. Er sagte: »Du könntest mich krepieren sehen!« Sie erwiderte: »Arbeite!«

Berthe konnte ihm ein paar Zehnsousstücke geben: im Krankenhaus braucht man nichts. Es fanden sich zwei oder drei Frauen, die ihm ein Frühstück anboten und ihm den Tabak bezahlten, aber keine von ihnen konnte das Leben mit ihm teilen, denn er hatte gewählt, wie Männer wählen -- für immer. Er saß und wartete, die Fäuste an den Kinnbacken, trockenes Brot kauend.

Er wartete ganze Nachmittage in den Straßen, wo er zwecklos herumging. Manchmal wurde ihm die Zeit trüb und blieb unbeweglich ihm zu Häupten schweben wie ein Schleier der Öde, wie etwas Gleichgültiges und Totes. Die Tage, an denen er mit den Kameraden zusammen gearbeitet hatte, und die Abenteuer schienen ihm vergangene Tage zu sein, Tage alter Zeiten, da man noch unter Menschen gelebt. Er hegte zwei oder drei Erinnerungen: Berthe schleppte sich gähnend durch das Zimmer und rekelte sich. »Mir ist es fad!« sagte sie. Er antwortete: »Wenn es dir fad ist, hau ich dir eine übers Maul.« Er begriff nicht, wie man einen ganzen Abend lang mutlos bleiben kann, während das Leben fiebert und die Welt voll Taten ist.

Jetzt begriff er dies besser. Ein wenig Leid klärt uns auf und weist uns die Schmerzen, die wir zu sehen nicht verstanden haben als ewige und bessere Brüder. Er fühlte noch, daß das Glück unzuverlässig ist und unser Herz ein schwankendes schwarzes Wrack. Er verlor seine Zuversicht und schrieb an Berthe: »Ich sehne mich nach dir. Es ist das erstemal, daß wir getrennt sind, und mir ist, als wären wir für immer getrennt.« Ihm zogen nicht Gedichte durchs Herz, weil er keine kannte, aber eins nach dem andern fielen ihm all die Liebeslieder wieder ein, die er gehört hatte. Die schönsten und die lautersten waren die besten. Er fühlte mehr als jemals, was Schönheit ist. Vor allem das Lied Lakmés fällt uns ein und legt sich auf die Wunde, die uns schmerzt. Es kam von seinen Lippen wie ein Schrei, wie ein Hauch und wie ein guter Duft:

»Ja, ich finde dein Lächeln wieder Und will in deinem Aug' den Himmel schau'n.«

Aber es kam ein Tag, an dem Maurice des Wartens noch müder wurde. Seit vierzehn Tagen war Berthe im Spital, das Elend schien ihm schon lang. Die ersten Tage haben Freunde und Hilfsquellen, aber bald, wenn die Schuhe durchgetreten sind und die Kleider zerfransen, wird das Elend des trockenen Brotes zum Elend in Lumpen, gegen das die Freunde nicht mehr aufkommen. Einst glaubte man an die Möglichkeit der Abenteuer. Stehlen ist schön, solang man es zu seinem Vergnügen macht, wer aber aus Bedürfnis stiehlt, wird zu erregt für seine Abenteuer, um sie sicher zu bestehen. Dann macht trockenes Brot kraftlos. Er spürte einen Nachgeschmack von alledem im Magen, einen lächerlichen Druck vom Käse, die Schwere von schlechter Nahrung und Hunger. Der Aufruhr durchstürmte seinen Körper, der Käsegeruch verursachte ihm Übelkeiten, der starke Mann blickte mit durchdringenden Augen um sich.

Da suchte er seine Freunde wieder auf. Er suchte sie nicht auf wie einst, da seine Seele an lustigen Nachmittagen unter ihnen sorgenfrei war. Sie gingen damals in den Hinterraum der Weinstuben, ließen sich nieder, die Ellbogen auf den Tisch, die Faust unters Kinn, plauderten und tranken Rotwein. Er litt unter einer empfindlichen Melancholie, die ihn an der täglichen Arbeit hinderte, und so bedurfte er eines Kampfes, um entzündet zu werden, eines großen Abenteuers, das ihn aufrüttelte und überwältigte, damit er eines Tages all die Energie Bübüs wiederfinden und auf einmal wieder seine tägliche Arbeit verrichten konnte. Er bedurfte eines großen Diebstahls, der ihm die Taschen hinlänglich mit Gold füllte, daß er warten konnte wie ein Rentner der Liebe, wie ein Dichter der Melancholie, der an nichts andres denkt, als wie seine Schöne eines herrlichen Morgens zurückkehrt, und an neue Hochzeitsfreuden.

* * * * *

Es war eine einfache und traurige Geschichte. Sie ereignete sich in einem Tabakladen um drei Uhr morgens, mitten in verlassenen Straßen, wo die Stille die Menschen ermutigt und so gut zu sein scheint wie ein letzter Rat. Sie gingen dahin, die Kehle trocken und Blut in den Fäusten. Los endlich, alle drei, meine Brüder, dämpft das Herz und paßt auf beim Stehlen, wenn man zittert, wenn man sucht und wenn man findet.

Alles ging gut bis zur Kasse: die Tür und die Schubfächer widerstanden nicht. Sie hatten kein Glück, weder er noch die andern! Maurice hatte es sich immer gedacht. Die Kasse enthielt sechzehn Francs, nur sechzehn Francs! So nahmen sie alles mit: die Briefmarken, die Stempelbogen, die Zigarren, die Zigaretten und den Tabak. Sie stopften damit die Taschen voll, dann das Hemd, dann packten sie in die Taschentücher. Als sie sich entfernten, war die Straße noch leer, und sie trennten sich alle drei, den Himmel zu Häupten und die Gedanken schwer.

Nach zwei Tagen hatten sie nicht viele Briefmarken verkauft und konnten den Tabak nicht an den Mann bringen. Das Losschlagen gestohlener Sachen ist unsicher wie der Diebstahl selbst, und die Tage sind schrecklich, sobald die Nerven beim Anblick des Schatzes zu tanzen beginnen. Maurice ging umher, die Taschen voll Briefmarken und Zigarettenpakete an der Brust. Er hatte vielleicht Freunde. Am Morgen des dritten Tages, als er auf dem Quai de l'Horloge dahinschritt, traten an einer Ecke zwei Männer hervor. Er hatte sie schon am Tage vorher getroffen und ihre breiten Schultern und ihr Maul bemerkt. Ein Blick rückwärts, die beiden Männer folgten ihm. Er hörte ihre Schuhe wie einen Überfall, fühlte sie dröhnen wie Fäuste und gewichtig wie die Polizei, die alles weiß. Er versuchte rascher und unbefangener auszuschreiten. Dann erstarrt einem das Blut im Leibe, es war vorauszusehen, zwei furchtbare Fäuste packen einen, zwei Schultern stoßen mit namenloser Brutalität vorwärts und auf zwei Stimmen ist keine Antwort möglich: »Marsch! Keinen Laut!«

Er hatte die Taschen voll Briefmarken und Zigarettenpakete an der Brust.

* * * * *

Berthe erfuhr dies durch ihre Schwester Blanche an einem Donnerstagabend im Sprechzimmer des Brocaspitals. Blanche wußte es von Charlot, der es vom langen Jules hatte, und man wußte ferner trotz den Gefängnismauern, daß Maurice mit Syphilis angesteckt war. Blanche redete als Bringerin einer großen Neuigkeit sehr wichtigtuerisch, mit Mienen und Gesten und einer Art von Großartigkeit, wie eine Zeitung eine Nachricht in die Welt setzt. Da trat in der schwarzen Spitalsluft, zwischen den vier Wänden des Sprechzimmers, tiefe Stille ein, während die Kranken rings um Berthe lebhaft waren und Berthe sich einsam fühlte. Dunkel sank auf die Häupter und verschleierte die Augen. Das Spital wurde noch mehr Spital, das Leben schien noch mehr das Leben zu sein, um das man ringt und das verwundet. Berthe begriff, daß ihr das Leben bis hierher allzu leicht erschienen war.

Aber Blanche sagte:

»Ach, was! Er hat dich lang genug geprügelt!«

* * * * *

In den folgenden Tagen richtete sich Berthe ihr Leben neu ein. Die Gewohnheiten Maurices waren ihr in Fleisch und Blut übergegangen und formten ihren Leib und ihre Gedanken. Sie war zunächst Berthe, aber sie war auch die Frau, die ein Mann vier Jahre befruchtet hatte, wie der Nil die Erde Ägyptens überflutet. Sie hatte große Angst gehabt. Mit ihren siebzehn Jahren hatte er sie bei der Hand genommen und sie in die Welt geführt. Dann hatte er gesagt: »Hier mußt du hingehen!« Und er hatte sie bewacht auf ihrem Wege. Die Tage im Spital waren noch die Tage Maurices, denn jeden Donnerstag und Sonntag besuchte er sie im Sprechzimmer. Und dann wußte sie, daß sie ihn jeden Augenblick wiedersehen konnte. Nun drehte sich alles um sie: Paris, das Spital, die Gegenwart, die Zukunft, und die wirrsten Gefühle:

Ein Wesen schwand dir hin, Und alles ist verödet.

In den folgenden Tagen versuchte Berthe, ihr Leben neu einzurichten. Sie richtete es mit ihrer Schwester Blanche ein, mit einer kleinen Freundin namens Adele, dann mit irgendwem, gleichgiltig wem, denn eine Frau soll nicht allein sein. Sie suchte Männer in ihren Erinnerungen. Sie dachte an Pierre, an ihn, den sie in ihrem Unglück angeklagt und der ihr beschwörend geschrieben hatte, daß er nicht der Schuldige sei. Er hatte geschworen, wie sie es gern hörte -- beim Haupte seiner Mutter --, denn dann ist es die Wahrheit. Sie gedachte auch andrer Männer und ließ sie in Gedanken vorüberziehen, um sich zu betäuben und Hoffnungen zu schöpfen. Aber nichts vermochte die Erinnerung an Maurice auszulöschen, und hätte ein Gott sich an der Tür niedergelassen, hätte er sie zu seiner Gefährtin gemacht und sie zu höchster Herrlichkeit geleitet, hätte er sie sogar beschenkt und sie geliebt, nie -- nie hätte sie den einen vergessen können, der sie zur seinen gemacht hatte und der mehr war als ein Gott, weil er ein Mann und sie eine Jungfrau gewesen war. Sein Leib war dem ihren viel tiefer eingeprägt als alle Gefühle und alle Wünsche. Sie wußte nicht, wie man die Leute im Gefängnis richtet, doch alles Leid, das sie erlebt hatte, flößte ihr ein großes Mißtrauen gegen die Zukunft ein und lehrte ihr, daß ein Unglück das andre nach sich zieht. Sie war krank geworden, weil sie kein Glück hatte, und aus demselben Grunde, glaubte sie, würde ihr Maurice jahrelang fernbleiben.

Da fühlte sie sich verloren, ihre Gedanken schweiften all die kommenden Tage entlang, um ein kleines Glück zu entdecken, das sie mit gierigen Händen ergriffen hätte, sie blieben vor allen möglichen Winkeln stehen, aber nichts genügte ihrem Herzen, denn sie kam aus einem schönen Lande, und das war sein Land.

VII

Und eines Abends verließ Berthe das Spital. Eines Sommerabends, eines Herbstabends? . . . Die schönen Tage waren nicht mehr. Es war ein Abend, an dem Berthe keinen Sou in der Tasche hatte . . . Sie suchte Pierre auf, wie man hundert Sous holen geht. Er studierte in seinem Zimmer mit der Willenskraft des Lothringers, der seinen Weg machen will, doch ohne Begeisterung, denn das Studium der einsamen jungen Leute ist freudlos. Er hatte ihren Brief beantwortet und ihre Kränkungen vergessen, sie hatte ihm geantwortet, daß sie ihm glaube.

Sie kam, ohne daß er sie erwartet hätte. Etwas lag zwischen ihnen und jeder fühlte rings um sich, was es war. Aber man soll sich überwinden und das Ehrgefühl ausschalten, wenn man arm ist. Noch etwas lag zwischen ihnen, was Mann und Frau scheidet: sie dachte daran, daß sie keinen Sou besaß, er dachte daran, daß ihn der Besuch fünf Francs kosten werde.

Zunächst muß man leben, dann kann man Gefühle haben. Erst am nächsten Morgen verließ Berthe Pierre, um sich bei Maurices Mutter, die sie flüchtig kannte, Nachrichten zu holen.

Sie kam in dem kleinen Laden in Plaisance gegen zehn Uhr an.

Die andre sagte:

»Ah! Da sind Sie! Sie!«

Sie ließ sie in den Hinterraum treten, und ohne sich zu setzen, legte sie schon los.

»Ihretwegen hat mein Sohn das getan! Ich weiß alles, daß Sie ihn mit Ihrer Krankheit angesteckt haben, mit dieser Fäulnis, und ich weiß auch, wo Sie herkommen. Mädchen wie Sie sind ein Unglück!«

Sie fuhr lange fort und redete dicke und unterstrichene Phrasen. In dem Hinterraum des Ladens schienen die polierten Möbel die Worte widerzuspiegeln und ihnen Kraft zu verleihen, so daß sie wie ein Beispiel von Tugend sich der Verkommenheit entgegenzurecken schienen.

Sie sprach, sehr sauber und wohlgekämmt, mit der Entrüstung der ehrsamen Frau und am Ende der Abrechnung drückte sie, da ihr Sohn Berthe nicht vergesse, die Hoffnung aus, auch Berthe würde ihren Sohn nicht vergessen und ihm von Zeit zu Zeit ein Fünffrancsstück schicken.

Berthe betrachtete gesenkten Hauptes ihre Hände, errötete, hörte der alten Frau zu, wobei ihr die Gedanken ganz wirr durcheinandergingen, wußte nicht mehr, was werden sollte, beugte ihre sanftmütige Seele und fühlte sich schuldig. An manchen Tagen war sie so gütig, daß sie kein Empfinden für das Unrecht hatte, das man ihr antat.

Sie ging zu ihrer Schwester Blanche.

Um nichts in der Welt hätte man geglaubt, daß Blanche die Schwester Berthes sei. Sie war ein Mädchen von siebzehn Jahren, rosig und blond, doch wenn ihre Haut jung und straff war, so ließen ihre Kleider und ihre Haltung keinen Gedanken an Jugend zu, und auf der Straße galt sie in den Augen der Zuhälter als der Inbegriff dessen, was man einen »Schweinigel« nennt. Ihre über der Stirn kurz geschnittenen Haare waren an den Schläfen gelockt und in Ringel gedreht, nach der Sitte der Freudenmädchen in den Vorstädten, nach der ewigen Regel, daß Menschen desselben Berufes sich gleich tragen und von gleichem Stolz erfüllt sind. Sie ging ohne Hut, die Hände in den Schürzentaschen, den Leib vorgewölbt und die Füße nachschleifend, wie man Pantoffeln schleift. Seit ihrer Kinderzeit, in der sie ihrer Herrin hundert Sous gestohlen hatte, war ein Tag gekommen, an dem sie in einem Hotel ihre Jungfernschaft in den Händen eines Zuhälters gelassen hatte, und andre Tage, an denen alle Gaben ihres Leibes und ihres Geistes sie der Laufbahn entgegenstießen, die sie später freiwillig wählte. Sie lebte zufrieden in ihrer Welt, nahm unwillkürlich deren Benehmen und Sprache an, ganz jung noch wurde sie öffentliches Mädchen, wie Musset Dichter wurde, ganz jung noch. Syphilitisch von Beruf, ohne einen Blick des Bedauerns zurückzuwerfen, hatte sie den Kopf voll Läuse, ohne daß ihr der Wunsch nach Sauberkeit kam, und ihre Röcke verbreiteten einen Geruch von Laster und Schmutz um sich, der die Männer anzog. Sie lebte vergnügt und skrupellos, und da das Geld ein Ziel auf dieser Erde ist, hatte sie keine Vorstellung vom Guten oder von Ehrsamkeit und fühlte sich glücklich wie ein Mensch am Ziele in dem Augenblick, wo sie die Taschen voll Geld hatte.

Unter den Zuhältern der Rue de la Gaîté wählte sie einen Mann nach ihrem Herzen -- einem unabhängigen und gleich dem Leben sich wandelnden Herzen --, lockte ihn an sich und warf ihn, wenn sie seiner satt war, fort, um einen andern zu wählen, wie ihre Begierde es bestimmte. Sie war ihre eigne Herrin, und sie beschützte sich selbst mit einem großen Messer, das sie stets in der Tasche trug und danach sie tastete, um sich seiner zu versichern wie ein Reisender, den seine Waffen furchtlos machen, da er weiß, daß es ihm an Mut nicht fehlen wird.

Berthe erzählte ihr die Szene, die sich soeben abgespielt hatte.

Blanche sagte:

»Wie! Du hast nicht gewußt, was ihr antworten? Ich hätte ihr alles gesagt. Ich hätte ihr gesagt: Alte Heuchlerin, Sie sind ja froh, daß ich ihn aushalte! Sie machen Geschichten, weil Sie wissen, wie dumm ich bin. Er hat keinen Fetzen am Hintern, den er selber verdient hätte. Er soll nur kommen, Sie werden sehen, wie ich den Zuhälter jagen werde!«

Berthe erwiderte:

»Gewiß, aber ich kann mich nicht wehren.«

* * * * *

Bei ihrer Schwester lebte Berthe, nachdem sie das Spital verlassen hatte. Bei ihrer Schwester, denn das Familiengefühl ist stärker als jedes andre, und Schwester bleibt man, was auch geschieht. . . So blieb Berthe bei Blanche, die stark war und sie ein wenig stärkte. Blanche ging wie ein Vorbild, ohne sich um die Welt zu kümmern, ihren Weg, und Berthe, die abgeirrt war, brauchte nur ihren Schritten zu folgen. Sie empfand in der ersten Zeit infolge der alten Gewohnheiten einen Rest von Trauer und dachte in ihrer schlichten Seele: »Ich sehne mich nach Maurice.« Sie dachte es sehr heftig und betrachtete die Dinge rings um sich mit einer großen Unruhe, wie man einen Kameraden betrachtet, der sein Äußeres verändert hat. Sie lebte bei Blanche, die ihr Gewissen beschwichtigte und sagte: »Recht hast du.« Es war ihr gleichgültig, ob sie recht hatte oder unrecht, aber wir suchen überall die Bestätigung unsrer selbst, die einen Teil unsres Glücks ausmacht.

* * * * *

Abends zwischen neun und zehn Uhr gingen sie auf den Boulevard Sebastopol hinunter. Von der Place du Châtelet dehnte er sich vor ihnen mit seinen Trottoirs, seinen zwei Lichterzeilen und war ihnen wie ein Werkzeug, dessen Handhabung sie kannten und das sie unermüdlich gebrauchten, während ihr Körper dabei zerbrochen wurde. Alle Straßenecken sprachen zu ihnen gleich Erinnerungen, bei jedem Schritt wanderte ihr Zweck mit, sie dienten ihm ohne Lächeln und ohne Aufregung wie ein Geschäftsmann, der sein Geschäft ausübt. Blanche machte sich den Beruf leichter, indem sie die Männer direkt ansprach. Berthe warf ihnen, ein wenig tänzelnd, Blicke zu. Da wimmelten junge Leute, die wie Fragezeichen aussahen, Männer von vierzig Jahren, deren Erscheinung ernst ist und deren Gespräche klar und klingend sind wie ein Fünffrancsstück, Betrunkene, die nicht mehr rechnen können, die von Liebe schwätzen und einschlafen und die man im Stich läßt . . . Zuhälter mit schwarzer Schnauze stießen sie im Vorübergehen an mit Worten, mit Blicken und Schlägen ihrer Rabenflügel. Die Mädchen betrachteten sie flüchtig, wie man Menschen ansieht, die nicht zu uns gehören, und zuckten die Schultern, als säßen sie darauf und sollten abgeschüttelt werden. Blanche ging ohne Hut, mit festen großen Schritten wie Wäscherinnen mit dem Korb, Berthe mit kleinen Schritten, mit dem Aussehen der Blumenarbeiterinnen. Die öffentlichen Mädchen kamen vorüber: solche, die jung und blendend sind wie ein Vergnügen von siebzehn Jahren und die es nicht verstehen, sich der ersten Glücksfälle und reichen Launen zu bemächtigen, -- solche, die nicht auf dem Boulevard Sebastopol bleiben und mit ihren gestärkten Unterröcken rauschend weitergehen, um rings um sich die Begierde auszustreuen, -- solche, die schon mehrere Jahre des Pflasters hinter sich haben, die es kennen und bis auf den Grund ausnützen, -- und dann gab es Alte mit dem schweren Gang von Kühen, die an den Straßenecken Halt machen und mutig alle Passanten stellen, da es sich um das tägliche Brot handelt. Die Lichter dienen dazu, die Gesichter der Straße zu studieren, die Kaffeehausterrassen waren Lockplätze, wo sie die Blicke ausstreuten, um dann zurückzukehren und nachzusehen, ob zu ernten sei, was man gesät hat.

Etwas später verließ Blanche ihre Schwester und ging in der Richtung der Markthallen und der Rue Montmartre. Sie arbeitete am liebsten allein, denn ernste Arbeit braucht Einsamkeit, in der man seine Fähigkeiten sammelt wie ein Mensch, der vorwärtskommen will. Es genügte, sie anzusehen, und sie hängte sich an; und dem Verlangen gleich, das in unserm Herzen schlummert, kam sie, war da, mit ihren Gebärden und ihren Beschwichtigungen. Sie verkaufte billig, um häufiger zu verkaufen. Im Stadtviertel der Zeitungen und der Bars, und zumal wenn es dunkelte, waren die Männer leichter zu haben. Sie stärkte sich mehrmals, indem sie einen Kaffee mit einem Gläschen zu fünfzehn Centimes trank, und kehrte um vier Uhr morgens nach Montrouge zurück, die Börse gefüllt und das Herz zufrieden.