Bübü vom Montparnasse Ein Roman mit zwanzig Holzschnitten von Frans Masereel

Part 4

Chapter 43,901 wordsPublic domain

Das Selbstbewußtsein! Wer sich selbst prüft und sich alles mögliche Unglück einbildet, findet die alten Kräfte wieder, die ihn belebten, und fühlt, daß sie ewig sind und das Unglück niederzwingen werden. Sie begegneten der Dirne Cecile, die ohne Hut, in der Schürze, ebenso wie sie selbst, gern in den Straßen des Viertels herumstrich. Sie war braun, ein wenig dick, mit scharfen Zügen und ließ an Messerstiche denken. Sie sagte:

»Ich habe Machin versetzt. Er will mir den Hals umdrehen. Ich habe ihm gesagt: Oh! la, la, mein Kleiner! Du hast noch keinem Spatzen eine Feder gebrochen.«

Der lange Jules lächelte, denn sie war eine seiner Frauen. Er wollte keine behalten, hatte sich aber im Bereich seiner Tätigkeit gewisse Rechte auf ihre Liebe gewahrt. Er nahm jeden Abend auf dem Heimweg eine mit und schlief mit ihr ohne Umschweife.

Maurice lächelte, denn er war denen weit überlegen, die man versetzt.

Da kehrte ihm das ganze Selbstbewußtsein wieder: Ich bin Maurice, den man auch Bübü von Montparnasse nennt. Er richtete sich auf, wölbte die Brust, klappte die Hacken zusammen und fühlte vom Kopf bis zu den Zehen, daß er Bübü von Montparnasse war.

Der lange Jules neben ihm ging seines Weges, still und seines Ruhmes sicher wie eine vorwärtsmarschierende Armee. Maurice wußte nun, daß die Syphilis zum männlichen Leben gehört. Schon lange wußte er's, aber es gibt Kenntnisse, die nicht tief in unser Herz gegraben sind. Wie alle Menschen gelangte Maurice zu vollem Wissen erst nach vielem Leiden. Durch und durch verfault sein . . . Diese Worte belustigten ihn jetzt, wenn er an Jules dachte und an alle, die nicht durch und durch verfault waren. Die Syphilis und die Wissenschaft widersetzen sich unserm Willen wie Ärzte, die man an der Straßenecke angreifen und berauben kann. Und der Kramladen seiner Mutter war ein elendes Gewerbe, bei dem man sich bückte und in Stücke riß, um einen Sou zu erraffen. Das nennt man Pech haben. Das Pech der Syphilis ist ähnlich wie das Gefängnis, das man vermeiden kann oder aus dem man unversöhnlich und gestärkt herauskommt.

Und in seiner neuen Freude bekam er Lust, zu trinken. Trinken ist Freude, und wenn man schon ohnedies voll Freude ist, macht trinken glückselig und berauscht uns. Sie ließen sich gegenüber dem Bahnhof Montparnasse nieder. Zwei Absinth. Rüttelnde große Wagen, Fiaker mit tanzenden Scheiben, Omnibusse und Tramways mit ihrem Gepolter und ihrem Trompeten, Lokomotivpfiffe, schwitzende Passanten, die drückende Sonne von fünf Uhr, der Staub eines Augustnachmittags, das Ankommen und Abreisen, und dies Gehen von tausenden Menschen schufen ein höllisches Leben zusammen mit den Dampfkranen, Waggons, Menschen, Fahrzeugen, Tieren und Kisten, mit der Menge von Werkstätten und Bahnhöfen, mit allem, was fährt, und allem, was vorübertollt, mit der Zeit, die brüllend vergeht.

Man sagt sich: Das sind zwei Zuhälter, die ihren Absinth trinken, und nimmt an, daß der Absinth das Gehirn der Zuhälter nicht beunruhigt. Maurice hatte, während er neben dem langen Jules die Avenue du Maine hinabgeschritten war, seinen Menschenglauben wiedergefunden und kostete in seinem Bewußtsein alles Gute und alles Böse aus. Das Wissen um das Böse ist gut wie eine gute Frucht auf trockener Straße und hilft uns, zwischen Syphilis und Gefängnis ohne Heuchelei und ohne Furcht vorwärts zu kommen wie große Reisende. Der Absinth setzte sein Gehirn in Bewegung, trieb Fieber und Glück hinein. Ich bin Maurice, den man auch Bübü von Montparnasse nennt! Maurice ist ein Mann, der die Frauen packt und sie formt. Er packt Berthe, das Kunstblumenmädchen, wählt sie, weil sie schön und jungfräulich ist, erst zu seinem Vergnügen, dann zu seinem Lebensunterhalt. Er sieht sich um, erfaßt die Dinge auf einen Blick, und für die Fahrräder und für die Schaufenster sind seine Finger rasch wie ein Augenaufschlag. Er kennt die verwickelte Wissenschaft der Umklammerung, die aus Handgriff und Muskeldruck besteht und uns die Menschen preisgibt wie Kinder und die Panzerkassen wie Spielzeug. Er kennt den leisen Schritt, den man Wolfsschritt heißt, und weiß die Nacht zu durchspähen mit glühenden Augen. Er kennt den Hieb, der betäubt, und den, der tötet, den Angriff und die Abwehr, und die Messerklinge, die einen Weg zu bahnen vermag, wenn man in Gefahr schwebt. Er wandelt sorglos durch die Straßen der Städte, während die einen leiden und die andern sich rackern; was ihn umgibt, das kann er sich holen; er schreitet dahin und ist wie ein Mensch, der sein eigenes Haus durchschreitet. Er fühlte sich frei und vollkommen in seinen Ideen, in seinen Organen, in seinem erträumten Leben, in seinem gelebten Leben . . .

Der lange Jules schlug ihm auf die Schulter:

»He, Maurice, schlafe nicht!«

Er antwortete:

»Es macht mir Spaß, an meine Syphilis zu denken.«

Der lange Jules brach in Lachen aus:

»Du denkst an deine Syphilis!«

Er bestellte zwei weitere Absinths.

Der zweite Absinth erfüllte Maurice mit Gemurmel und floß wie eine Welle und umspülte sein Herz. Er spürte im Kopfe tausend erwachte Gedanken summen, die strömten, lachten und sangen. Das Echo des Guten antwortete dem Echo des Bösen wie Stimmen, die sich locken, und wie Schritte, die sich fliehen. Berthe neigte sich, um ihn zu lieben, und lachte über die Krankheit. Die Welt ähnelte einem Menschen, der unschuldig und verseucht Absinth trinkt auf den Terrassen. Große Gefühle wandelten schreiend auf den Straßen, nahe den Bahnhöfen, ähnlich der Liebe, dem Glauben, dem Wissen. Man sah Freude, die Bewegungen glichen Tänzen, die Menschen waren klein neben dem, der träumte, und das Leben lachte wie eine Frau, die man kennt und die man zu lenken versteht.

Plötzlich erinnerte er sich des Liedes. Deiner, das tröstet, o altes Lied von der Seuche, das die Kranken besingt. Du stimmst uns mild und dichterisch wie das Leiden der Verwundeten:

»Alter Kunde vom Spitale . . .«

Du birgst ein Großteil Liebe und Ergebung und du birgst noch mehr als Ergebung. Du schlägst uns ans Kreuz auf unserm Kalvarienberg, du weisest uns unsre Wundmale, du besingst die Arzeneien und verlachst die Schmerzen, du tanzest um unsretwillen und du läßt uns glauben, daß unsre Leiden glorreich sind. Oh, sei gesegnet! Altes Lied von der Seuche! Im Hospital, wo du geboren wardst, sangst du dich von Bett zu Bett in alle Herzen hinein, du verklärtest die Sterbenden und du senktest deine Flügel auf die Stirn der Siechen, altes Lied von der Seuche!

»Wem mehr gegeben ist zu leiden, der ist wert, mehr zu leiden.« Du erinnerst an dies schöne Wort. Bist du das Wissen vom Guten, bist du das Wissen vom Bösen? Du schmiegst deinen alten Leib an den unsern, du sprichst von Quecksilber und du sprichst von Liebe. Du sagst:

»Nein Bruder, dein Schwesterlein sitzt an des Bettes Rand Und legt dir aufs heilende Herz die Hand.«

Als Maurice Jules verlassen hatte, wandte er sich in die Rue de Rennes und wollte nach Hause zurückkehren. Die frischere Luft von sieben Uhr wehte zwischen den Häusern, kühlte die Stirne und sänftigte die Gedanken nach der Tagesarbeit. Die Fußgänger, etwas schwer, spürten ihre Schultern von der Arbeit befreit und wanderten nach ihren Häusern und zu ihren Frauen mit dem hellen Gefühle des Sommers. Maurice war in besserer Laune als gewöhnlich. Berauschtes Blut rann in seinen Gliedern, munter bald, bald gütig. Warum ist das Menschenherz so groß?

»Ich bin heute abend drollig«, sagte er sich.

Er kam an einem großen Kolonialwarenladen vorüber und sah, die Auslagen betrachtend, Schachteln mit Mandarinen. Kleine Mandarinen, kleine saftige Nichts, ihr seid nicht für den Mund von Mädchenhirten geschaffen! Er kam vor einen andern Laden und sah nach, ob es auch hier Schachteln mit Mandarinen gab. Man hält es für schwer. Zunächst muß der Blick entschlossen sein. Niemand sieht zu. Darum muß der Griff rasch und unbefangen sein. Maurice schob die Schachtel mit Mandarinen unter seine Weste, ohne sich aufzuhalten. Es war, um Berthe ein Vergnügen zu bereiten, freigebig zu sein mit einem Geschenk, ein wenig Arbeit, ein wenig Liebe, ein paar Mandarinen für einen feinen Mund!

Dann fiel ihm die Syphilis ein. Eh, wenn er nicht die Syphilis hatte! wenn er nicht die Syphilis hatte! Da war es ihm, als würde das seinem Ruhm schaden. Er schritt mit solcher Leidenschaft aus, daß seine Beine zu stiegen schienen. Wenn er nicht die Syphilis hatte, war es hohe Zeit, sie zu haben. Er ging auf sein Ziel los, die Mandarinen unter dem Arm, die Seele geweitet, so stark vorwärts getrieben, daß er nicht daran dachte, sich umzublicken.

Als er in sein Zimmer trat, kochte Berthe eine Kleinigkeit zum Abendessen. Er sagte:

»Da schau her, ich bring dir eine Schachtel Mandarinen.«

Sie lächelte zart:

»Oh! Maurice! das hat aber was zu bedeuten, daß du so lieb bist.«

»Küß mich.«

Sie näherte sich, und wie sie ihm einen herzhaften Kuß auf die Lippen gab, legte er ihr beide Arme um die Schultern und hielt sie fest. Er küßte sie auch auf den Mund. Dann fuhr er fort: einmal sehr kräftig, einmal leicht, dann sehr kräftig, dann weniger leicht . . . Währenddessen zog er sie an sich, drückte sie sich an den Leib. Sie sagte:

»Laß mich los, sonst brennt mir das Fleisch an.«

Er lachte.

»Das ist mir egal.«

Er nahm sie in den Arm, hob sie ein wenig, bog sie rückwärts, schmiegte sie an seine Haut. Gewöhnlich war er nicht so eilig. Er zog sie in den Kleidern ans Bett. Berthe sah ihm mit ihrem traurigen Blick in die Augen:

»Du darfst nicht, Maurice, du weißt . . .«

Er sagte:

»Ich pfeif drauf.«

Als er sie durchdrang, fühlte er sein Herz zergehen, wurde sehr zärtlich und sagte:

»Tu ich dir weh, meine kleine Frau?«

V

Louis Buisson bewohnte im fünften Stock, Quai du Louvre, ein kleines viereckiges Zimmer. Man sah darin ein Eisenbett mit vier Messingkugeln, ein Büchergestell aus weichem Holz, einen Waschtisch, einen Tisch mit roter Decke, einen Stuhl und zwei »armenische Fauteuils«, die im Rathausbazar zwölf Francs gekostet hatten. Linoleum bedeckte den Fußboden, zwei Plakate und mehrere Stiche schmückten die Wände. Das war das wohlgeordnete Leben eines Junggesellen, der sein Zimmer selbst aufräumt und es einfach herrichtet, ein Abbild seines Geistes. Das Fenster ging auf einen großen Flußarm hinaus neben dem Pont Neuf und seiner kleinen Parkanlage, wo die Luft, das Licht und das Wasser ein bewegtes und erfrischendes Schauspiel boten. Sind wir in Paris? Wir sind hoch in den Lüften, in einem Land am Wasser, dessen Luft aber tost wie rollende Wagen.

Diesen Abend kochte sich Louis Buisson einen Kaffee; die einfachen Verrichtungen, das Zimmer machen oder den Kaffee zubereiten, beruhigen unsern Geist und ordnen unsre Gedanken wie Möbel jeden an seinen Platz . . . Übrigens hatte er seine Grundsätze für die Zubereitung des Kaffees. Er benützte nicht den Satz und schüttete das kochende Wasser Tropfen für Tropfen auf den frisch gemahlenen Kaffee. Es dauert ein wenig länger, aber um etwas Gutes zu haben, muß man sich Mühe geben.

Als Pierre Hardy an die Tür klopfte, wartete er nur auf ihn, um den Kaffee einzugießen. Louis Buisson sagte:

»Ich kenne mich nicht mehr aus. Ich hatte Dir von einer kleinen Bonne gesprochen, mit der ich einen Briefwechsel unterhielt, und ich hoffte, bei ihr meine Wünsche zu stillen. Die Frauen aus dem Volke sind einfach, und alle Frauen lassen sich bilden. Ich lieh ihr ein paar Bücher, um sie nach meinem Geschmack zu erziehen. Sie las gern. Ich sagte mir: >Sie wird die delikaten Dinge verstehen lernen, die die Ordnung und das Glück eines Haushaltes ausmachen. Abends werde ich zu Hause arbeiten. Sie wird nähen und sich ausruhen, und ich werde sie an meiner Seite wie eine kleine Flamme spüren, die brennt.< Hör, was geschehen ist: vorgestern und gestern sind wir zusammen ausgegangen, da ihre Herrin verreist ist. Meine kleine Bonne liebt alle Vergnügungen und leidet darunter, daß sie sich im Cafékonzert nicht unterhalten, auf Bällen nicht tanzen und die Lichter auf den Straßen nicht sehen kann. Ich mußte sie überall ein wenig herumführen und dann wollte sie nach dem Bal Bullier gehen. Da habe ich eingesehen, ich, der ein Mann des Volkes sein wollte, daß das Volk allzusehr die schlechten Vergnügungen liebt. Ich mag wohl nicht aus demselben Volk sein wie die andern, darum kann mich niemand verstehen und Freude empfinden, wenn er sein Leben dem meinen anpaßt. Ich habe mit ihr gebrochen. Ich habe geglaubt, mein Weib gefunden zu haben, und bin jetzt ganz allein.«

Louis Buisson war ein wenig lehrhaft und redete lang. Man pflegte ihm im Bureau zu sagen: »Oh! Sie, Sie wollen immer recht haben. Sie halten Vorträge.«

Sie tranken ihren Kaffee, rauchten eine schlechte Zigarre, und jeder von ihnen glich, wie er so im »armenischen Fauteuil« da saß, einem schüchternen und ungeschickten jungen Bureaukraten. Weder den einen noch den andern beglückten die Liebe, die zwanzigjährige Menschen bewegt, und Paris, das gegen Arme hart ist. Pierre Hardy sagte:

»Ich habe angefangen, mich an meine kleine Freundin Berthe und ihre hundert Sous zu gewöhnen. Jetzt liegt sie krank im Spital.«

Louis Buisson sagte:

»Ich habe Straßenmädchen gekannt, als ich im Hotel garni wohnte. Ihre Ausgelassenheit bricht aus wie bei Kindern, die schreien, um sich nicht zu fürchten.«

Pierre Hardy hatte bei seinem Freunde viel zu lernen. Sie lebten ein gemeinsames Leben, zu dem Louis Buisson die Erklärungen lieferte. Er untersuchte mächtig die Ereignisse und oft, wenn er irgend einen alten Irrtum oder eine neue Wahrheit entdeckte, war er in Verlegenheit, wie er seine Lebensführung mit seinen Ideen in Einklang bringen sollte. Die Analyse ist keine kalte Wissenschaft, sie, die durch unser Herz geht und es aufrührt. Die Erregungen Louis lösten Erregungen in Pierre aus, weil ihr Leben gemeinsam und weil ihre Seelen aufrichtig waren. Pierre sagte sich: »Es ist komisch, wie er immer recht hat!« Er dachte wie sein Freund, aber er dachte viel niedriger.

Pierre Hardy fügte hinzu:

»Ich liebe sie viel mehr, seit sie krank ist. Sie schreibt mir ungeschickte Briefe, aus denen man aber errät, daß sie leidet und daß sie zartfühlender wird. Sie sagt: >Ich küsse dich vom ganzen Herzen eines kranken Kindes.< Ich schicke ihr ein wenig Geld. Mir ist, als würden wir uns nähergekommen sein, wenn sie geheilt sein wird.«

Louis Buisson legte mit seinen langen Geschichten los. Er lächelte, indem er dachte: Ich will einen Vortrag halten. Dann sagte er:

»Man muß die Mädchen lieben, die dulden. Ich war immer davon überzeugt, daß wir sie darum nicht retten können, weil wir sie nicht genug zu lieben verstehen. Ich habe einmal eine Anfängerin gekannt. Sie machte mit vierzehn Jahren bei ihrer Mutter, die wiederverheiratet war und deren zweiter Mann einen Weinhandel hatte, die Bekanntschaft eines Burschen mit wilden Augen. Sein Blick beherrschte sie wie eine Gewalt. Eines Tages ging sie in ein Hotel mit ihm, wo sie, gelehrig wie sie war, sein wurde. Sie hat mir erzählt, daß er sie, nachdem sie sich ganz nackt ausgezogen hatte, in seine Arme nahm und mitten auf das Federbett legte. Sie war so klein, daß sie in dem Bett versank; sie rührte sich nicht mehr und schlief, völlig erschöpft, in ihrer verlorenen Jungfrauschaft hier ein. Ich weiß nicht, warum ihre Eltern sie nicht suchen ließen. Die beiden lebten vier Monate, ohne daß sie arbeitete, doch nach und nach brachte er sie von der Ehrbarkeit ab. Er führte sie selbst auf die großen Boulevards und suchte ihr die Kundschaft aus. Sie verdiente fünfzehn Francs und darüber zeigte sie eine Art naiver Freude. Als ich sie kennen lernte, war sie kaum sechzehn Jahre alt. Ich habe niemals ein gleich mutiges Weib gesehen. Sie hatte schließlich Arbeit gefunden und nähte Flitter. Mein lieber Freund, sie nähte bei Tage, dann nähte sie bei Nacht. Sie war kaum sechzehn Jahre alt. Sie konnte niemals fünfzig Sous täglich verdienen. Und der andere stand da, hinter ihr, mit seinen zwei Fäusten und mit seinen zwei Kinnladen. Sehr oft geschah es, daß sie auf die Straße hinabsteigen mußte, wenn sie ihr Zimmer bezahlen sollte. Ich lernte sie kennen. Es gab Morgen, an denen sie mich um zwei Sous bitten kam. Die Zeit verstrich für sie, indem sie ihr immer neues Unglück brachte. Ihre Mutter wurde endlich unruhig, entdeckte sie und ließ sie ein Jahr lang im Kloster der Nonnen vom heiligen Michael einsperren, wo man junge Mädchen mit schlechten Anlagen unterbringt. Als sie es verließ, hielt ihr Geliebter um ihre Hand an und ihre Mutter gab die Einwilligung dazu. Der Irrsinn herrscht auf der Welt. Da fing die alte Geschichte von neuem an. Er betrog sie, er belustigte sich damit, sie zu betrügen. Eines Tages im Fasching promenierten sie zusammen in der Menge, als ein Frauenzimmer vorüberkam. Er ging ihr nach und blieb drei Tage fort, ohne zurückzukehren. Später trennten sie sich, doch kam er von Zeit zu Zeit auf Besuch, er brauchte Geld. Damals hatte sie einen jungen Mann von neunzehn Jahren zum Freund. >Wenn ich ganz alt werden sollte<, sagte sie zu mir, >diesen Jungen werde ich niemals vergessen. Nicht weil er reich war, sondern weil er soviel für mich getan hat.< Er liebte sie mit einem guten Jünglingsherzen. Eines Nachts, als sie erschöpft war, trug er sie in seinen Armen vom Bastilleplatz bis ans Ende der Avenue Daumesnil. Er ging gern in ihre Wohnung, wenn sie abwesend war, um irgend eine hübsche Überraschung auf den Tisch zu legen und ihren freudigen Ausruf hören zu können, wenn sie heimkam. Mein lieber Freund, dieser Junge, der zu Hause von Bedienten umgeben war und dessen Mutter eine Kammerzofe hatte, besuchte seine kleine Freundin, und räumte, wenn sie nicht da war, ihr Zimmer auf und putzte ihre Schuhe. Ihre Geschichte nahm ein trauriges Ende, denn der Gatte verprügelte den jungen Mann, daß er sechs Wochen das Bett hüten mußte. Es ist nicht lang her, daß ich diese Dinge weiß, aber täglich verstehe ich sie besser. Der junge Mann bewies so viel Liebe, daß er in das Herz eines armen Mädchens eindrang. Und auch ich hätte in dieses Herz dringen sollen. Als der junge Mann kam, war es viel zu spät, aber für mich wäre es die richtige Zeit gewesen. Es ist drei Jahre her. Sie war nicht verheiratet, und ich hätte sie aus den Armen eines Zuhälters befreien können. Ich hätte sie nehmen und sie zu mir bringen und mich um sie schlagen sollen. Ich hätte sie retten sollen. Versteh das: _Ich hätte sie retten können!_ Ach, warum habe ich sie nicht genug geliebt? Ich hätte ihr das Zimmer aufräumen sollen und ihre Schuhe putzen, ich hätte damit einverstanden sein sollen, sechs Wochen das Bett zu hüten. In der Welt gibt es eine Frau, die ich hätte retten können!«

Als Louis Buisson seine Geschichte beendet hatte, legte er den Kopf zwischen die Hände, und es entstand eine Stille, während der beide bemerkten, daß sie keinen Kaffee in der Tasse hatten. Man hörte fünf Stockwerke tief die Wagen rollen. Louis Buisson nahm das Gespräch wieder auf:

»Du sprachst mir von deiner Freundin Berthe, aber du hast mir nicht gesagt, in welchem Krankenhause sie . . .«

Pierre antwortete:

»Im Brocaspital.«

Louis Buisson zuckte zusammen.

»Aber, mein lieber Freund, du kennst nicht das Brocaspital. Ich habe das alles gesehen und ich sage dir, daß man im Brocaspital Mädchen sieht, die sehr krank sind. Sie haben Syphilis.«

Da fühlte Pierre Hardy die Geschichte Louis Buissons wie ein Feuer in seinem Herzen. Wahrhaftig, er fühlte die Dinge, tausend Dinge auf einmal auf ihn einstürmen, ihre Stimme sich heben und senken wie eine Flut von Unglück. Dann hatte er die Empfindung stillen Glücks, daß er sich aus Liebe eines Abends auf den armseligen Tanz eingelassen hatte, der jetzt das Aussehen der Syphilis und des Brocaspitals hatte. Er hatte diese Empfindung stillen Glücks, sah die Fassade seines kleinen Provinzhauses wieder und nun die Syphilis auf seiner Schwelle. Er begriff, daß ihm das Leben bisher allzu leicht erschienen war.

Louis Buisson hielt seinen Vortrag:

»Ich pflegte ehemals in das Brocaspital zu gehen, wo einer meiner früheren Gymnasialkameraden als Arzt assistierte. Ich habe gesehen, wie die Mädchen alle auf ihre Krankheiten mit dem Spiegel untersucht wurden. Ich habe die kleinen Frauen des Viertels gesehen, die Schanker hatten und lachten, weil man ihnen sagte: >Die Syphilis ist nichts. Man nimmt drei Jahre Pillen ein.< Ich habe Frauen gesehen, die anderthalb Jahre Syphilis hatten und die weinten. Sie legten ihren Kopf unter die Arme, weinten und sagten: >Ich werde nie gesund werden.< Die Ärzte trösteten sie, indem sie in Lachen ausbrachen. Ich sah die Alten. Wie Tiere spreizen sie die Beine. Sie sind ein armes Wild, das man verwundet hat und das mit sich alles geschehen läßt, ohne Klage, da es gewöhnt ist, verwundet zu sein.«

So sprach Louis Buisson, ohne an Pierre zu denken. Dann fiel es ihm ein wie ein Blitz: aber Berthe, Pierre und Berthe! . . . Er blickte auf seinen Freund, der, die beiden Hände auf den Knien, nicht daran dachte, auch Vorträge zu halten. Er sah das arme verseuchte Mädchen in Tränen gebadet, in Tränen der Verseuchten, und das war so traurig, daß er keinen Vorwurf gegen sie erheben konnte. Den Charakter der Männer von zwanzig Jahren bilden ebenso die Worte ihrer Freunde wie die Regungen ihres Herzens. Pierre überdachte all die Gedanken über Liebe, die Louis ausgesprochen hatte, und da noch sein natürlicher Edelmut hinzukam, empfand er Mitleid mit Berthes Krankheit und zugleich Furcht vor der seinen. Er fürchtete sich sehr. Er kannte die Krankheit nicht genug, als daß er gewagt hätte, ihr ins Gesicht zu schauen, er wußte, daß man von ihr spricht wie von der Schande und vom Unglück.

Da erhob sich Louis Buisson, näherte sich Pierre, ergriff seine beiden Hände und drückte sie. Gewöhnlich war er mit seiner Zärtlichkeit zurückhaltend. Aber ich habe, Herrgott, Unheil angerichtet mit meinen Reden. Er revoltierte gegen sich selbst, gegen seine Worte, gegen die Wahrheit, gegen das Brocaspital. Es kann nicht sein, denn es tut weh und mein Herz ist gut. Er erhob sich, trat auf Pierre zu und sagte:

»Aber nein, Pierre. Aber nein, aber nein . . .«

Er schrie und er hatte Lust, es über die Dächer zu schreien:

»Aber nein, aber nein, aber nein . . .«

* * * * *

Nach Hause zurückgekehrt, schrieb Pierre an Berthe:

»Meine liebe kleine Freundin!

Es schmerzt mich, dir diesen Brief zu schreiben, weil es dich schmerzen wird, ihn zu lesen. Du bist krank, meine kleine Berthe, ich möchte bei dir sein, um dich zu trösten und dir zu beweisen, daß ich um deiner Leiden willen leide. Dennoch gibt es Dinge, die ich dir sagen muß.

Bis heute abend kannte ich das Brocaspital nicht. Ich weiß jetzt, von welcher Krankheit man dich dort kuriert. Du wirst sehr traurig sein, aber glaube nicht, daß ich dich verlasse. Ich verlasse die Meinen nie und du gehörst zu den Meinen, denn es sind schon drei Monate her, daß wir uns kennen. Ich schicke dir eine Postanweisung auf drei Francs.

Das wollte ich dir sagen: unsre Beziehungen müssen sich ändern, denn ich will nicht deine Krankheit bekommen. Ich zögere niemals ein Opfer darzubringen, aber hier würde mir das Opfer ein Übel zuziehen, ohne dir zu nützen. Wir werden uns weiter sehen, nicht wahr? Wir werden zusammen spazierengehen, wenn du wollen wirst, und wir werden zwei Freunde sein, Freund Pierre und Freundin Berthe.

Du verstehst wohl, daß ich deiner Krankheit nicht nachlaufen kann. Ich glaube, ihr entwischt zu sein, denn ich sehe keinerlei Anzeichen, aber ich bin noch nicht außer Gefahr. Einer meiner Freunde, der Mediziner ist, hat es mir gesagt. Man muß vierzehn Tage abwarten.

Berthe, wenn ich krank wäre, würde ich dir verzeihen. Ich bin aus einer Familie, in der man nie solche Krankheiten gehabt hat. Ich möchte sie nicht auf andre übertragen. Übrigens wollen wir uns schreiben wie früher. Ich hoffe, niemals zu bedauern, dich kennengelernt zu haben.