Bruder Leichtfuß und Stein am Bein
Part 15
Der alte Herr aber stand als stiller Beobachter dabei, und plötzlich fiel es ihm ein, daß er mit seinem neuen Geheimsekretär in leicht gerührter Stimmung über alles mögliche gesprochen hatte, nur nicht über die doch eigentlich recht naheliegende Gehaltsfrage. Bei dem stillen Beobachten jedoch fiel ihm ein Blick auf, mit dem der Herr von Bergkem bewundernd die schlanke Gestalt seiner ältesten Tochter Ilse umfaßte. Da seufzte er leicht auf, denn er glaubte zu wissen, daß diese Gehaltsfrage in absehbarer Zeit in anderer Weise geregelt werden würde ...
Die Damen empfahlen sich, der Herr Geheimrat gab ihnen das Geleit. Und während seine Gattin mit der Aelteren schon das Auto bestieg, schlang die Jüngere ihm im leeren Hausflur den Arm um den Hals, preßte ihr heißes Gesicht an seine Wange:
„Sag’, Pappi, sieht er nicht wirklich aus wie ein Held?“
Da streichelte er ihr leise den blonden Kopf, und das Herz zog sich ihm zusammen:
„Geh, mein kleines Schlemihlchen, geh! Und schluck’s ’runter! Dieser ‚Held‘ hat Dich wohl gerettet, aber den Dank wird er sich wo anders holen. Du und noch einer, der mir nahesteht, Ihr seid von der Sorte, die zusehen müssen, wenn die anderen sich zu Tisch setzen. Also da muß man sich beizeiten zusammennehmen, ein lustiges Gesicht machen und immer sagen: dank schön, ich bin satt, habe schon gegessen! Das tut manchmal sehr weh, aber was ist wohl besser? Sich bemitleiden, womöglich gar auslachen lassen, oder den Kopf hochtragen und sich ein Ansehen geben, als hätte man niemals auf die gedeckte Tafel der anderen einen begehrlichen Blick geworfen?“
So tröstete er mit sanftem Streicheln an seinem Töchterlein herum, bis es sich mit einem leichten Aufschluchzen seinem haltenden Arm entwand: „Ich will’s versuchen, Pappi!“ ...
Als der alte Herr in sein Privatkontor zurückkehrte, stand sein neuer Geheimsekretär am vergitterten Fenster, verneigte sich höflich und sah mit leuchtenden Augen dem davonfahrenden Auto nach. Da lächelte er freundlich, denn all diese Geschehnisse der letzten Minuten schienen ihm wie die Vorherbestimmung eines freundlichen Schicksals. „Herr von Bergkem, meine Stunde ist gekommen, in der ich in meinem Klub die mir unbedingt notwendige Partie Bridge spielen muß. Begleiten Sie mich und sehen Sie zu, Sie können auch dabei von mir etwas lernen. Außerdem aber beabsichtige ich, Sie mit ein paar älteren Herren bekannt zu machen, an deren Urteil mir ziemlich viel liegt, und bei denen ich Ihnen gleich von vornherein eine zukömmliche Stellung anweisen möchte.“
Da sprang Heino eifrig zu und half seinem Chef, der ihm in einer knappen Stunde aus einem Fremden ein gütiger Freund geworden war, in den Pelz. Draußen hatte sich der launische Apriltag eine finstere Wolke vorgezogen, die Regen und Hagel auf die Straßen stäubte. Ihm aber war zumute, als lachte die helle Sonne über Giebeln und Dächern, und eben dehnte sich vor ihm ein klarer Pfad, der nach allem Kummer und Ungemach in eine glückliche Zukunft führte.
Und unwillkürlich fiel es ihm ein: war es nicht ganz wie in dem alten Märchen? Der Bruder Leichtfuß brauchte nur herzhaft und lachend darauf loszugehen, um sich das Glück und die verzauberte Prinzessin zu gewinnen?! ...
* * * * *
Es ging auf den Mai, und die beiden Geschwister Bergkem hatten sich längst schon in der Charlottenburger Wohnung mit den aus der alten Heimat stammenden Möbeln behaglich eingerichtet. Peter Brenitz aber war ihr allabendlicher Stammgast, saß mit ihnen von neun bis halb elf um den runden Tisch unter der freundlichen Hängelampe, hörte zu, wie sie von ihrem Tagewerke plauderten, und wünschte sich nichts Besseres. Seine kühnen Hoffnungen hatte er an dem Tage begraben, als er mit dem kostbaren Blumenstrauße in der Hand auf dem Bahnsteige stand und die blonde Brigitte seiner so wenig achtete, daß ihr ein verloren gegangenes Gepäckstück wichtiger erschien als seine Begrüßung.
Und je mehr er darüber grübelte, desto klarer entschleierte sich ihm, wie alles gekommen sein mochte in der Zeit, nachdem er Brigitte nicht wiedergesehen hatte. Als einzige unbestreitbare Tatsache stand fest, daß sie ihrem Verlobten trotz aller Vorteile, die ihr aus dieser Verbindung winkten, den Abschied gegeben hatte. Aber wie unziemliche Selbstüberhebung kam es ihm vor, seine Person mit diesem Entschlusse in eine irgendwie geartete Verbindung zu bringen. Was war er denn in dem Leben dieses jungen Mädchens? Eine flüchtige Bekanntschaft von zwei kurzen Tagen ...
So disputierte er fast allnächtlich mit seiner Leidenschaft, nahm sich hundertmal vor, von nun an die Besuche in Charlottenburg aufzugeben, weil sie doch zu keinem Ergebnis führen könnten. Wenn es aber auf den Abend ging, saß er wieder an dem runden Tische unter der freundlichen Hängelampe und wünschte sich nichts Besseres! Denn zuweilen ging es recht lustig zu, so lustig, daß auch die blonde Brigitte mitlachte. Der lange Heino erzählte irgendeinen Scherz, den er in seinem neuen Berufe an der Börse gehört hatte, machte dem alten Prokuristen Markuse im Hause Brenitz nach, wie er schnupfte und mit der Nase schnüffelte, oder kopierte -- frei nach den Fliegenden Blättern -- den unglückseligen Lehrling, um den das gesamte Personal der Firma ratlos stand, weil er wegen allzuweit abstehender Ohren den Federhalter nicht an die vorschriftsmäßige Stelle stecken konnte.
Dann lachte auch Brigitte, obwohl sie sonst meistens schweigend am Tische saß, müde von der anstrengenden Tätigkeit, die sie tagsüber in Anspruch nahm.
Und es kam ein Abend, an dem auch sie lebhaft wurde, mit einem Male aus ihrem Berufe zu erzählen anfing, obwohl das geschilderte Ereignis eigentlich nichts Besonderes an sich hatte. Ein junger Reiteroffizier war auf der Rennbahn gestürzt -- Peter hatte den Bericht schon in der Zeitung gelesen -- man hatte ihn bewußtlos in die Abteilung der Klinik gebracht, in der sie ihre Lehrlingszeit durchmachte, und selbst der Herr Geheime Medizinalrat fürchtete für sein Leben. Am nächsten Abend aber lautete der Bericht schon viel hoffnungsvoller. Der junge Husar war für ein paar Augenblicke zu Bewußtsein gekommen, hatte seine hingebende Pflegerin, die unablässig die kühlenden Umschläge erneuerte, dankbar angelächelt. Und eifrig erörterte sie den ganzen Fall, schilderte die Besorgnis der Eltern, die vom Rheine her an das Lager ihres einzigen Sohnes geeilt waren, sprach und sprach von dem, was ihr Fühlen und Denken erfüllte. Peter aber saß dabei und hörte aufmerksam zu. Im Innersten seines Herzens jedoch wußte er, das war der letzte Abend, den er hier am runden Tische mit der blonden Brigitte verbrachte.
Oder sollte er vielleicht zum zweiten Male mit ansehen, wie eine grobe Faust ihm in die Brust nach dem Herzen langte und preßte und preßte, bis der letzte Blutstropfen entwichen war?! ... Er nahm sich zusammen bis zu der üblichen Zeit, zu der er schicklicherweise und ohne aufzufallen sich auf den Heimweg begeben konnte. Da küßte er Fräulein Brigitte wie immer die Hand und wünschte ihr eine gute Nacht nach all den gehabten Aufregungen. Seine Stimme klang ruhig wie sonst.
Der lange Heino geleitete ihn die Treppe hinab, unten im Flur schüttelte er ihm die Hand. Sie verstanden sich ohne viel Worte.
„Tut’s sehr weh, kleines Brüderchen?“
Peter griff nach seinem Klemmer, tupfte dabei unauffällig über die Augenwinkel, in denen sich ein paar dumme, dicke Tränen bilden wollten:
„Nicht mehr so arg wie beim erstenmal! Und es geschieht mir recht. Ich saß an der Grenze des Königreiches, grübelte und grübelte über dem Rätsel, indessen schwang sich ein anderer mit leichterem Fuß über den Graben!“ Und mit einem wehen Lächeln fügte er hinzu: „Wenn ich so klug gewesen wäre wie heute, hätte ich vor vier Wochen mich überfahren lassen. Vielleicht daß ich dann dem ... dem andern zuvorgekommen wäre!“ Der Schmerz übermannte ihn, er schluchzte laut auf und lehnte für einen Augenblick den Kopf gegen die Brust des Freundes. Heino aber schlang ihm den langen Arm um den Hals und sah besorgt zu ihm hernieder.
„Der Deuwel kennt sich in diesen kleinen Frauenzimmern aus! Manchmal in diesen Wochen hatte ich die stille Hoffnung, sie würde sich wieder zu Dir neigen, wie schon einmal, und da muß dieser kleine Husar sich unversehens dazwischen drängen! Aber sag’, armer Kerl, soll ich diese Nacht nicht lieber mit Dir zusammenbleiben? Meiner Schwester rede ich leicht was ein, damit sie keinen Argwohn schöpft.“
Da richtete Peter Brenitz sich auf und warf den Kopf in den Nacken zurück.
„Arm, sagst Du? Einen ganzen geschlagenen Tag damals bin ich glücklich gewesen! Reicht das nicht aus für ein kurzes Menschenleben?! Und Du, Heino von Bergkem, sagst mir, Du hättest mich, den Juden Brenitz, gern in Deinem Hause aufgenommen. Hab Dank dafür, dieses Wort war mir eine Wohltat. Es zeigt mir, daß der auf dem richtigen Wege war, der meine Schritte ins Leben lenkte!“
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloß, er trat aufrechten Hauptes in die stille Straße hinaus. Weit drüben, auf der Zinne des grünen Bahndammes, fuhr ein hell erleuchteter Zug irgendwohin in die Ferne .... Die Maschine ächzte und stöhnte, spie feurige Wolken empor, gegen den nachtdunkeln Himmel nahmen sie sich wie Zeichen der Morgenröte aus. Und Peter Brenitz sah hoffnungsfrohen Auges das kommende Deutsche Reich, das Reich, in dem es weder Hader, noch Haß, noch Zwietracht gab. -- --