Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, mit der Leidensgeschichte Abaelards
Part 9
Dir, mein Geliebter, ist die göttliche Gnade entgegengekommen und hat dich auf einmal von all diesen Anfechtungen befreit, durch eine körperliche Wunde hat sie dich aller Seelenleiden enthoben, und wo Gott es böse mit dir zu machen schien, gerade darin hat sich seine Güte gegen dich gezeigt: nach Art eines guten Arztes, der, um zu heilen, den Schmerz nicht erspart. Bei mir dagegen werden die Reizungen des Fleisches, die Begierde nach Genuß noch verschärft durch die Glut meines jungen Blutes und durch die Erinnerung an die wonnigen Genüsse, die ich einst gekostet habe. Und je schwächer die Natur ist, der der Angriff gilt, desto leichter erliege ich dem Ansturm der Leidenschaften. Man nennt mich keusch, weil man nicht weiß, daß alles nur Schein ist. Man rechnet mir die Reinheit des Fleisches als Tugend an, aber nicht Reinheit des Leibes, sondern Keuschheit der Seele ist Tugend! Menschen rühmen mich, vor Gott aber, der Herzen und Nieren prüft und ins Verborgene siehet, habe ich kein Verdienst. Man nennt mich fromm zu einer Zeit, in der nur der geringste Teil der Frömmigkeit nicht Heuchelei ist; wo der am meisten gelobt wird, der niemand vor den Kopf stößt.
Es ist ja wohl lobenswert und vor Gott gewiß angenehm, wenn jemand, was für eine Gesinnung er sonst habe, nicht durch seine Handlungen ein schlechtes Beispiel giebt und der Kirche Ärgernis dadurch bereitet, oder wenn er sich davor hütet, daß nicht um seinetwillen der Name Gottes gelästert werde unter den Heiden oder daß er den Kindern der Welt keinen Anlaß gebe, seinen heiligen Stand zu verunglimpfen. Aber auch das ist eigentlich nur ein Geschenk der göttlichen Gnade; von ihr allein kommt uns die Kraft, das Gute zu thun und das Böse zu lassen. Vergeblich aber ist es, das erstere zu thun, wenn das andere nicht auch geschieht; denn es steht geschrieben: »Wende dich ab vom Bösen und thue das Gute.« Und beides ist wiederum vergeblich, wenn uns nicht die Liebe Gottes dazu treibt.
Ich aber habe -- Gott weiß es -- jederzeit mich mehr davor gescheut, dich zu beleidigen als Gott. Du bist es, dem ich gefallen will, nicht Gott. Dein Befehl hat mich zur Nonne gemacht, nicht die Liebe zu Gott. Ach sieh mein Unglück an, führe ich nicht das jammerwürdigste Leben, wenn das alles, was ich leide, umsonst ist und kein Dank in der Zukunft mich erwartet? Auch du hast dich, gleich vielen anderen, durch den Schein betrügen lassen und hast meine Heuchelei für Frömmigkeit gehalten. Darum empfiehlst du dich so dringend für mein Gebet und verlangst von mir, was ich von dir erwarte. Ich beschwöre dich, du wollest keine so hohe Meinung von mir haben und nicht aufhören, deinerseits für mich zu beten. Halte mich nicht für gesund, damit du mir nicht die Wohlthat deiner Arznei entziehest. Glaube nicht, ich brauche nichts und zögere nicht, mir in meiner Not zu helfen. Denke nicht, ich sei stark: ich möchte sonst stürzen, ehe du mich halten könntest. Vielen hat schon falsches Lob Schaden gebracht und ihnen die Stütze genommen, die sie brauchten. Durch den Mund des Jesaias ruft der Herr: »Mein Volk, deine Tröster verführen dich und zerstören den Weg, den du gehen sollst«. Und bei Ezechiel heißt es: »Wehe euch, die ihr Kissen machet den Leuten unter die Arme und Pfühle zu den Häuptern, beides Jungen und Alten, die Seele zu fahen«.
Dagegen finden wir bei Salomo den Spruch: »Die Worte der Weisen sind Spieße und tief eingeschlagene Nägel, die nicht die Haut ritzen, sondern tiefe Wunden reißen.«
Ich bitte dich, höre auf mich zu loben, damit du nicht den Vorwurf niedriger Schmeichelei dir zuziehest oder des Vergehens der Lüge dich schuldig machest. Oder wenn du wirklich glaubst, daß etwas Gutes an mir sei, so gieb acht, daß nicht das, was du an mir lobst durch den giftigen Hauch der Eitelkeit zu nichte werde. Kein erfahrener Arzt beurteilt eine innere Krankheit bloß nach dem Befund des äußerlichen Zustandes eines Kranken. Leistungen, welche Verworfene so gut aufweisen können wie Auserwählte, haben vor Gottes Augen keinen Wert. Derart sind aber die äußerlichen guten Werke und keiner der Heiligen ist so eifrig darauf bedacht, wie die Heuchler. »Es ist das Herz ein trotziges und verzagtes Ding, wer kann es ergründen?« Ferner: »Es gefällt manchem ein Weg wohl; aber endlich bringt er ihn zum Tode«. -- »Der Mensch soll nicht voreilig über Dinge urteilen, die allein dem Urteil Gottes vorbehalten sind.« Darum steht auch geschrieben: »Man soll keinen Menschen loben, so lange er lebt«. Das ist so viel als: lobe keinen Menschen, weil zu fürchten steht, daß du ihn durch dein Lob weniger lobenswert machest.
Für mich selber ist ein Lob von dir um so gefährlicher, je angenehmer es mir ist; und es klingt mir um so verführerischer und schmeichlerischer ins Ohr, weil ich dir in allem gefallen möchte. Ich bitte dich: laß allezeit deine Furcht um mich größer sein als das Vertrauen, das du auf mich setzest, damit mir stets deine fürsorgende Hilfe zur Seite stehe. Und jetzt hast du ganz besonderen Grund, für mich zu fürchten, weil mein sinnliches Verlangen bei dir keine Befriedigung mehr finden kann. Sage mir nicht: »Die Kraft ist in den Schwachen mächtig« oder: »Niemand wird gekrönt, er kämpfe denn recht«. Ich verlange keine Siegeskrone; es ist mir genug, wenn ich der Gefahr entgehe. Es ist leichter, der Gefahr aus dem Wege zu gehen als den Kampf aufzunehmen. Welchen Winkel seines Himmels Gott mir anweisen will -- ich werde zufrieden sein. Dort wird keiner den andern beneiden, jeder wird mit dem was er hat, sich begnügen. Um diese meine Ansicht durch das Gewicht einer Autorität zu stützen, will ich das Wort des heiligen Hieronymus anführen: »Ich gestehe meine Schwachheit ein, ich will nicht kämpfen in der Hoffnung auf Sieg, damit ich des Sieges nicht verlustig gehe.« Sollten wir sicheres aufgeben und Unsicherem nachjagen?
V. Brief.
Abaelard an Heloise.
(An die Braut Christi -- der Knecht Christi.)
Dein letzter Brief zerfällt, so viel ich mich erinnere, der Hauptsache nach in vier Abschnitte, in welchen du deinem Schmerz Ausdruck giebst. Fürs erste klagst du darüber, daß in der Anrede meines Briefes dein Name vor den meinigen gesetzt sei, was in Briefen sonst nicht üblich sei und sogar der natürlichen Ordnung der Dinge widerspreche. Zum zweiten beklagst du dich darüber, daß ich eure Seelenangst vermehrt habe, statt euch Trost zu bringen, daß ich, statt Thränen zu stillen, solche geweckt habe durch jenes Wort in meinem Brief: »Falls mich Gott in die Hände meiner Feinde fallen läßt« u. s. w. Zum dritten wiederholst du jene alte Klage gegen Gott über die Art und Weise unserer Bekehrung und über den ruchlosen Verrat, dem ich zum Opfer gefallen bin. Endlich erhebst du im Gegensatz zu dem Lob, das ich dir gespendet, eine Anklage wider dich selbst und bittest mich dringend, ich solle in Zukunft keine so hohe Meinung mehr von dir haben.
Ich will dir nun auf jeden einzelnen dieser Punkte antworten, nicht um mich zu entschuldigen, sondern um dich zu belehren und aufzurichten, und ich denke du wirst meinen Forderungen um so bereitwilliger Gehör schenken, je mehr du einsehen lernst, wie berechtigt sie sind. Du wirst die Wünsche, die ich in Beziehung auf deine Person ausspreche, um so lieber erfüllen als du finden wirst, daß ich mit denselben nur recht habe, und du wirst um so weniger geneigt sein, meinen Rat gering zu achten, je weniger tadelnswert ich dir erscheine.
Was nun zunächst die, wie du meinst, verkehrte Reihenfolge der Namen in der Anrede meines Briefes betrifft, so stimmt dieselbe, wenn du näher zusiehst, mit deiner eigenen Ansicht überein. Sagst du doch selbst in deinem Brief -- und niemand bezweifelt dies -- daß, wenn man an Höhergestellte schreibt, die Namen derselben vorangestellt werden. Bedenke, daß du über mir stehst seit der Zeit, da du als die Braut Gottes meine Herrin geworden bist, wie auch der heilige Hieronymus an Eustochium schreibt: »Darum schreibe ich: meine Herrin. Denn Herrin muß ich nennen die Verlobte meines Herrn«.
Glücklicher Tausch des Ehebundes, der dich, einstmals die Gattin eines armen elenden Menschen, nun in das Brautgemach des Königs aller Könige erhebt und dich durch diese hohe Ehre nicht allein über deinen bisherigen Gatten, sondern über alle Knechte dieses Königs setzt. Darum wundere dich nicht, wenn ich mich für Leben und Sterben in den Schutz deines Gebetes befehle; denn nach dem allgemeinen Recht gilt ja bei den Herren des Hauses die Fürsprache der Ehefrau mehr als diejenige des Gesindes, die Herrin mehr als die Knechte. Als das Urbild solcher Frauen wird uns jene Königin und Braut des höchsten Königs beschrieben, wenn es im Psalm heißt: »Die Braut steht zu deiner Rechten«. Weiter ausgeführt will dies besagen: »Sie steht mit ihm in trautem Verein Seite an Seite und schreitet neben ihm einher, während alle anderen in ehrfurchtsvoller Ferne stehen oder nachfolgen.«
Der Freude über dieses hohe Vorrecht giebt die Braut im Hohenlied, jene Äthiopierin, in den Worten Ausdruck: »Ich bin schwarz, aber gar lieblich, ihr Töchter Jerusalems; darum hat mich der König geliebt und in seine Kammer geführt«. Und weiter: »Sehet mich nicht an, daß ich so schwarz bin, denn die Sonne hat mich so verbrannt«. Diese Worte beziehen sich im allgemeinen auf die beschauliche Seele, die im besonderen die Braut Christi genannt wird; aber noch deutlicher bezeugt es das Gewand, das ihr traget, daß die Worte auf euch sich beziehen. Denn die Tracht eurer schwarzen Gewänder aus grobem Stoff, ähnlich dem Trauergewand der frommen Witwen, welche um die Männer, die sie geliebt hatten, trauern, bezeugt, daß ihr nach dem Wort des Apostels rechte, untröstliche Witwen in dieser Welt seid, die von den Almosen der Kirche leben. Von der Trauer solcher Witwen um ihren Bräutigam am Kreuz spricht die Schrift, wenn sie sagt: »Frauen saßen am Grab und klagten und weinten um den Herrn.«
Die Äthiopierin erscheint äußerlich allerdings von schwarzer Farbe und der oberflächlichen Betrachtung mag sie häßlicher scheinen als andere Frauen. Aber an inneren Vorzügen steht sie ihnen nicht nach; ja einiges an ihr ist sogar schöner und weißer als bei den andern, z. B. ihre Knochen und ihre Zähne. Die weiße Farbe der letzteren wird ja auch von ihrem Geliebten gefeiert, welcher sagt: »Und ihre Zähne sind weißer als Milch«. Sie ist also äußerlich angesehen schwarz, im Innern aber lieblich und schön. Denn die vielfachen Widerwärtigkeiten und Anfechtungen dieses Lebens haben ihren Körper angegriffen und lassen ihn äußerlich schwarz erscheinen; sagt doch auch der Apostel: »Alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, müssen Verfolgung leiden«. Wie nämlich durch die weiße Farbe das Glück bezeichnet wird, ebenso passend kann man Schwarz als Symbol des Unglücks ansehen. Im Innern aber, gleichsam an den Gebeinen, ist sie weiß, weil ihre Seele an allen Tugenden reich ist, wie geschrieben steht, »des Königs Tochter ist inwendig ganz herrlich«. Denn die Gebeine, welche im Innern sind und nach außen von Fleisch umgeben werden, bilden die Kraft und Stärke eben des Fleisches, welches sie stützen und tragen und stellen so in einem anschaulichen Bilde _die menschliche Seele_ dar, welche den Körper, in dem sie wohnt, belebt, aufrecht erhält, bewegt und lenkt und ihre Kraft ihm mitteilt. Ihre Weiße und Schönheit sind die Tugenden, mit denen sie sich schmückt. Äußerlich angesehen ist freilich auch sie von schwarzer Farbe, denn während ihrer Pilgerfahrt hienieden in der Fremde hält sie sich unscheinbar und gering, bis sie dereinst in jenem andern Leben, das mit Christus in Gott verborgen ist, in ihre Herrlichkeit eingesetzt wird, wenn sie die Heimat erreicht hat. Die Sonne der Wahrheit aber verfärbt sie, wenn die Liebe ihres himmlischen Bräutigams sie demütigt und mit schmerzlichen Anfechtungen heimsucht, damit sie ihres Glückes sich nicht überhebe.
Die Sonne verfärbt sie, d. h. so viel als: sie macht sie den anderen Frauen unähnlich, die nur auf irdisches Gut bedacht sind und nach weltlichem Ansehen geizen, so wird sie durch ihre Demut in Wahrheit die Lilie im Thale, nicht eine Lilie der Berge wie jene thörichten Jungfrauen, welche auf ihre fleischliche Reinheit und äußerliche Keuschheit eitel sind, in ihrem Innern aber von glühenden Begierden verzehrt werden.
Mit gutem Recht aber redet sie die Töchter Jerusalems, d. h. die im Glauben Schwachen -- daher sie Töchter heißen, nicht Söhne -- mit den Worten an: »Sehet mich nicht an, daß ich so schwarz bin, denn die Sonne hat mich so verbrannt«. Mit diesen Worten will sie sagen: »daß ich mich demütige und alle Widerwärtigkeiten so männlich trage, ist nicht mein Verdienst, sondern das Gnadengeschenk dessen, dem ich diene«. Ganz anders die Häretiker und die Heuchler: vor dem Angesicht der Menschen pflegen sie sich gar demütig zu gebärden und sich viel unnütze Lasten aufzulegen. Eine solche Demut und Selbstpeinigung kann nur unsern Widerwillen erregen; denn diese Menschen sind ja bedauernswerter als alle anderen, da sie weder die Güter dieses Lebens, noch die des zukünftigen genießen. Im Hinblick darauf sagt die Braut: »Wundert euch nicht, daß ich also thue«. Wundern muß man sich vielmehr über diejenigen, welche vergeblich glühend von Begierde nach irdischen Ruhm sich doch alle irdischen Güter vorenthalten, und die darum hienieden so elend sind wie einst im Jenseits. Ihre Enthaltsamkeit ist wie diejenige der thörichten Jungfrauen, vor denen die Thür zugeschlossen wurde.
Mit Recht sagt sie auch, daß sie, weil schwarz und lieblich, vom König geliebt und in seine Kammer geführt worden sei, d. h. in die geheimnisvolle Ruhe der Betrachtung, und in jenes Bett, von welchem sie an einer andern Stelle sagt: »Ich suchte des Nachts in meinem Bette, den meine Seele liebt«. Denn wegen der Schwärze ihrer Farbe hält sie sich lieber im Verborgenen auf als in der Öffentlichkeit und liebt mehr die Einsamkeit als große Gesellschaft. Ein solches Weib wird auch die verschwiegenen Freuden, die sie mit ihrem Mann genießt, allen öffentlichen Vergnügungen vorziehen; sie wird sich lieber im Ehebett fühlbar machen, als bei Tische glänzen.
Vielfach ist auch die Haut dunkelfarbiger Frauen zwar weniger lockend für das Auge, aber um so reizvoller bei der Berührung, und darum ist der geheime Liebesgenuß, welchen sie spenden, größer und süßer als öffentliche Freuden; und um ihn zu genießen, werden solche Frauen von ihren Männern lieber in das Schlafgemach geführt als in die Öffentlichkeit.
Nachdem die Seelenbraut in dieser bildlichen Weise die Worte vorausgeschickt hat: »Ich bin schwarz aber lieblich« -- fügt sie alsbald hinzu: »Darum hat mich der König geliebt und in seine Kammer geführt«, und setzt so die einzelnen Worte in bestimmte Beziehung zu einander: »Weil ich schön, hat er mich geliebt -- weil schwarz, hat er mich in die Kammer geführt«. -- »Schön« bezieht sich, wie schon gesagt, auf ihre inneren Vorzüge, welche der Bräutigam liebt; »Schwarz« -- auf die leiblichen Anfechtungen und Widerwärtigkeiten. Diese Schwärze, d. h. diese körperlichen Anfechtungen, lenken das Herz der Gläubigen unwillkürlich hinweg von der Unruhe des Weltlebens zur friedlichen Stille frommer Betrachtung. So ging es nach dem Berichte des Hieronymus auch dem Paulus, dem Begründer des Klosterlebens, das wir erwählt haben.
Auch die Dürftigkeit unserer Ordenstracht ist mehr für die Einsamkeit berechnet als für den Verkehr in der Welt und paßt vortrefflich für die Rauheit und Abgeschiedenheit des Ortes, wie sie unsere Regel verlangt. Denn nichts verlockt so sehr dazu, in der Öffentlichkeit sich zu zeigen, als eine kostbare Gewandung. Und daß man nach einer solchen begehre einzig und allein, um der nichtigen Eitelkeit und Großthuerei willen, dies bestätigt schon der heilige Gregorius mit den Worten: »Niemand schmückt sich für die Einsamkeit, sondern um sich sehen zu lassen«.
Unter dem obengenannten Brautgemach ist die Kammer gemeint, in welche uns der Bräutigam selbst im Evangelium zum Gebet einladet mit den Worten: »Wenn du aber betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Thür zu und bete zu deinem Vater«; mit andern Worten: »nicht auf den Gassen und Märkten wie die Heuchler«. Unter der Kammer ist also verstanden ein einsamer, dem Lärm und den Augen der Welt entrückter Ort, da man gesammelter und reiner beten kann als anderswo. Dies trifft zu bei der Stille klösterlicher Zurückgezogenheit; auch da sollen wir die Thüre schließen, d. h. alle Zugänge sperren, damit die Reinheit unseres Gebetes nicht gestört werde und unser Auge unsere arme Seele nicht verführe. Schmerzlich empfinden wir's, daß es unter denen, die unser Gewand tragen, so viele Verächter dieses Rates oder vielmehr dieser göttlichen Vorschrift giebt. Wenn sie das heilige Hochamt feiern, sperren sie Thüren und Chöre auf und geben sich ohne Scham den neugierigen Blicken der Frauen wie der Männer preis, und besonders benutzen sie die hohen Feste als Gelegenheit, um vor den Laien im glänzenden Schmuck ihrer Gewänder zu prahlen. Nach ihrer Meinung ist ein Fest um so schöner, je mehr Pomp dabei entfaltet wird und je üppiger das nachfolgende Festmahl ausfällt. Über die unselige Verblendung dieser Leute, die zu der armen Religion Christi ganz und gar im Widerspruch steht, ist es besser kein Wort zu verlieren, um kein Ärgernis zu erregen. Ganz in jüdischer Weise setzen sie an Stelle der Regel ihr eigenes Herkommen und haben Gottes Gebot zu nichte gemacht durch Menschensatzungen; sie fragen nicht danach, was Pflicht, sondern was Gewohnheit ist. Und doch -- der heilige Augustin erinnert daran -- der Herr hat gesagt: »Ich bin die Wahrheit«, nicht: »Ich bin die Gewohnheit«.
Ihrem Gebet, das bei offener Thür verrichtet wird, mag sich anbefehlen, wer da will. Ihr aber, liebe Schwestern, die ihr, eingeführt in das Gemach des himmlischen Königs und in seinen Armen ruhend, bei allezeit verschlossener Thür ganz euch ihm hingebet: je inniger ihr euch mit ihm vereiniget -- nach dem Wort des Apostels: »Wer dem Herrn anhanget, ist ein Geist mit ihm« -- desto reiner und wirksamer, das glaube ich fest, wird euer Gebet sein, und darum bitten wir auch so dringend um seine Beihilfe, und ich meine: ihr müsset es um so andächtiger verrichten, je größer die Liebe ist, die uns verbindet.
Ich habe euch ferner durch die Erwähnung der Gefahr, in welcher ich schwebe und durch meine Todesfurcht in Aufregung versetzt; allein das ist auf deine eigene Aufforderung, ja, auf deine dringende Bitte hin geschehen. In dem ersten Brief, den du an mich geschrieben, heißt es folgendermaßen: »Darum im Namen dessen, der dich bisher aus allen Gefahren zu seiner Ehre errettet hat, im Namen Jesu Christi bitten wir dich, du mögest seinen und deinen Dienerinnen durch öftere Nachricht Gewißheit verschaffen über die Stürme, von denen dein Lebensschiff jetzt noch hin- und hergeworfen wird; so wirst du wenigstens an uns, die wir allein dir getreu geblieben, Genossinnen deiner Leiden und deiner Freuden haben. Geteilter Schmerz, sagt man ja, ist halber Schmerz und jede Last wird leichter oder läßt sich ganz vergessen, wenn andere daran mittragen«. Warum also wirfst du mir vor, daß ich euch in meine Angst eingeweiht habe, da du mich doch selbst so dringend dazu aufgefordert hast? Wolltet ihr euch freuen, während ich unter Ängsten und Nöten mein Leben friste? Wollet ihr nur Genossinnen meiner Freude, nicht auch meines Leides sein, wollet ihr euch nur mit den Freuenden freuen, nicht auch weinen mit den Weinenden? Darin eben unterscheiden sich wahre Freunde von falschen, daß jene im Unglück, diese nur im Glück uns treu sind. Ich bitte dich, höre auf mit solchen Vorwürfen und halte an dich mit derartigen Klagen, die dem Wesen der Liebe so fremd sind. Wenn aber dein Herz noch immer verwundet ist durch die Beschreibung meiner Leiden, so bedenke, daß es bei der drohenden Gefahr, in der ich schwebe und bei der Hoffnungslosigkeit, die mich jeden Tag am Leben verzweifeln läßt, meine Pflicht ist, mich ängstlich um das Heil meiner Seele zu kümmern, und so lange es Zeit ist, für dasselbe zu sorgen. Und du wirst mir diese Besorgnis gewiß nicht übel nehmen, wenn du mich wirklich liebst. Ja, wenn du dir von der göttlichen Barmherzigkeit irgend etwas für mich versprechen könntest, dann solltest du mir die Erlösung von den Mühsalen dieses Lebens um so lebhafter wünschen, als du weißt, wie unerträglich sie für mich geworden sind. Du weißt ja, daß jeder, der mich vom Leben befreit, den größten Qualen mich entreißt. Was mir die Zukunft noch bringen wird, ist ungewiß; aber was ich hinter mir lasse, wenn ich befreit werde, das weiß ich. Dem Unglücklichen ist das Ende des Lebens stets willkommen, und wer wirklich aufrichtiges Mitleid mit dem Gequälten hat, der kann ihm nur das Ende wünschen; selbst in dem Fall, daß jemand den Leidenden wahrhaft liebt und sein Tod ihn schmerzt, soll er doch nicht sein eigenes Bestes wünschen, sondern das des anderen. So wird selbst eine Mutter ihrem langsam hinsiechenden Kind den Tod und damit das Ende des Siechtums wünschen, das sie nicht mehr mit ansehen kann; lieber erträgt sie den Verlust ihres Kindes als daß sie es leidend behalten möchte. Und wenn jemand noch so gern der Gegenwart eines Freundes sich erfreuen möchte, so wird er ihn doch lieber in der Ferne glücklich wissen als ihn zu seinem eigenen Nachteil in der Nähe haben wollen; denn wenn wir die Leiden anderer nicht mildern können, dann mögen wir sie lieber gar nicht leiden sehen. Dir ist der Genuß meiner Gegenwart, selbst einer unbefriedigenden, versagt. Ich sehe deshalb nicht ein, warum du mir nicht lieber ein seliges Ende als ein elendes Leben wünschen solltest, besonders da du ja gar nichts von mir hast. Wünschest du aber nur in Rücksicht auf dein eigenes Wohlbehagen eine Verlängerung meiner Leiden, dann würdest du als Feindin, nicht als Freundin an mir handeln. Willst du diesen schlimmen Schein meiden, dann, ich beschwöre dich noch einmal, höre auf mit diesen Klagen.