Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, mit der Leidensgeschichte Abaelards
Part 4
In dieser verzweifelten Lage trieb mich weniger ein aufrichtiges religiöses Bedürfnis -- ich gestehe es offen -- als die Verlegenheit und die Scham in den bergenden Schutz der Klostermauern. Heloise hatte schon vorher auf meinen Wunsch bereitwillig den Schleier genommen. Und so trugen wir nun beide das geistliche Gewand: ich in der Abtei von St. Denis, sie im Kloster von Argenteuil. Noch erinnere ich mich: man hatte vielfach Mitleid mit ihrer Jugend und stellte ihr, um sie abzuschrecken, das Joch der Klosterregel als eine unerträgliche Last dar. Vergebens: unter Thränen schluchzend brach sie in jene klagenden Worte der Cornelia aus:
»O herrlicher Gatte, Besseren Ehbetts wert! So wuchtig durfte das Schicksal Treffen ein solches Haupt? Ach mußt ich darum dich freien, Daß dein Unstern ich würd? -- Doch nun empfange mein Opfer Freudig bring ich es dir --«
Mit diesen Worten trat sie vor den Altar, empfing aus der Hand des Bischofs den geweihten Schleier und legte vor dem ganzen Konvent das Klostergelübde ab.
Ich hatte mich kaum von meiner Verletzung erholt, als die Kleriker in Menge herbeiströmten und sowohl meinen Abt wie mich selbst mit Bitten bestürmten: ich solle das, was ich bisher aus Verlangen nach Geld oder Ruhm gethan habe, jetzt aus Liebe zu Gott thun. Ich solle bedenken, daß Gott das Pfund, das er mir anvertraut, mit Zinsen von mir zurückverlangen werde! Bisher habe ich mich fast nur mit Reichen abgegeben, jetzt solle ich meine Kräfte in den Dienst der Armen stellen. Ich möchte erkennen, daß die Hand des Herrn mich vor allem deshalb geschlagen habe, damit ich desto unbehinderter, den Lockungen des Fleisches und dem unruhigen Treiben der Welt entrückt, der Wissenschaft leben könne, und nicht mehr die Weisheit dieser Welt, sondern die wahre Gottesweisheit lehren möge.
In dem Kloster, in das ich eingetreten war, herrschte zu jener Zeit ein überaus weltliches, sittenloses Leben. Je höher der Abt selbst seinem Range nach über den andern stand, desto schlimmer und berüchtigter war sein Lebenswandel. Da ich nun ihre empörende Sittenlosigkeit teils im vertrauten Kreis, teils öffentlich mehrmals aufs nachdrücklichste rügte, so wurde ich ihnen überaus unbequem und verhaßt. Mit Vergnügen sahen sie, wie meine Schüler Tag für Tag unermüdlich mit Bitten in mich drangen; denn dieser Umstand gab ihnen Gelegenheit, sich meiner zu entledigen. Da nun jene mir unaufhörlich zusetzten und mir keine Ruhe ließen, auch der Abt und die Brüder sich in den Handel mischten, gab ich endlich nach und zog mich in eine Einsiedelei zurück, um meine gewohnte Lehrthätigkeit wieder aufzunehmen. Hier strömte nun eine solche Menge von Schülern zusammen, daß es ebenso an Raum, sie zu beherbergen, wie an Lebensmitteln zu ihrem Unterhalt fehlte.
Wie es meinem jetzigen Beruf entsprach, hielt ich hauptsächlich theologische Vorlesungen. Doch gab ich die Unterweisung in den weltlichen Wissenschaften deshalb nicht ganz auf; in ihnen war ich einst am besten bewandert gewesen und um ihretwillen suchte man mich hauptsächlich auf. So benutzte ich sie gleichsam als Köder, um durch diese etwas nach Philosophie schmeckende Lockspeise meine Zuhörer für das Studium der wahren Philosophie zu gewinnen, wie denn die »Kirchengeschichte« dasselbe Verfahren von Origenes berichtet, jenem größten aller geistlichen Philosophen. Da es nun aber ersichtlich wurde, daß Gott mich mit heiliger wie mit weltlicher Wissenschaft in gleicher Weise begabt hatte, so vermehrte sich die Zahl meiner Zuhörer in beiden Fächern, während die andern Schulen sich bedenklich leerten. Dadurch zog ich mir den heftigsten Neid und Haß der Lehrer zu, die nun alles aufboten, um mir Abbruch zu thun. Hauptsächlich zwei Vorwürfe waren es, die sie immer wieder gegen mich erhoben, während ich fern war: daß sich mit dem Beruf eines Mönchs das Studium weltlicher Wissenschaft nimmermehr vertrage und daß ich mir ein Lehramt in der Theologie angemaßt habe, ohne vorher selbst in die Schule gegangen zu sein. Sie hätten es am liebsten gesehen, wenn mir die Ausübung meiner Lehrthätigkeit ganz untersagt worden wäre, und waren unablässig bemüht, Bischöfe, Erzbischöfe, Äbte und sonstige einflußreiche Kirchenmänner für ihre Absicht zu gewinnen. Ich befaßte mich nun zuerst damit, das Fundament unseres Glaubens selbst durch menschliche Vernunftgründe faßlich zu machen. Zu diesem Zweck schrieb ich eine theologische Abhandlung »über die göttliche Einheit und Dreiheit« für den Gebrauch meiner Schüler, die nach vernünftigen, wissenschaftlichen Gründen verlangten, und nicht bloß Worte hören, sondern sich auch etwas dabei denken wollten. Sie meinten, es sei vergeblich, viele Worte zu machen, bei denen sich nichts denken lasse; man könne doch nichts glauben, was man nicht vorher begriffen habe; es sei lächerlich, wenn einer etwas predigen wolle, was weder er selbst noch seine Zuhörer mit dem Verstand fassen könnten; das seien »die blinden Blindenleiter«, von denen der Herr spreche. Mein Buch gefiel allen meinen Schülern außerordentlich, denn hier -- so schien es -- fand man auf alle Fragen, die über diesen Gegenstand schwebten, eine befriedigende Antwort. Und gerade diese Fragen galten damals für ganz besonders schwierig; je größeres Gewicht man ihnen aber beilegte, desto mehr wurde die Feinheit der Lösung geschätzt. Meine Neider jedoch gerieten dadurch in gewaltige Aufregung und sie beriefen gegen mich ein Konzil, an ihrer Spitze meine beiden alten Widersacher, Alberich und Lotulf. Diese maßten sich nach dem Tode unserer gemeinsamen Lehrer Wilhelm und Anselm die Alleinherrschaft an und wollten sich gleichsam in das Erbe der beiden berühmten Männer teilen.
Alberich und Lotulf lehrten damals beide zu Rheims und sie brachten es bei ihrem Erzbischof Radulf durch allerhand Einflüsterungen in der That soweit, daß man unter Beiziehung des Bischofs von Präneste, Conanus, der damals päpstlicher Legat in Frankreich war, eine dürftige Versammlung unter dem stolzen Namen eines Konzils in Soissons abhielt und mich einlud, mein vielbesprochenes Buch »Über die Dreieinigkeit« dorthin mitzubringen. Und so geschah es.
Indessen hatten mich meine beiden Hauptwidersacher bei Klerus und Volk noch vor meiner Ankunft in ein so übles Licht gestellt, daß ich mit meinen paar Begleitern von der Menge beinahe gesteinigt worden wäre; es hieß, ich lehre in Wort und Schrift drei Götter -- das hatte man ihnen vorgeredet.
Sogleich nach meiner Ankunft in Soissons ging ich zum Legaten und übergab ihm mein Buch zur Prüfung und Beurteilung; zugleich erklärte ich mich bereit, meine Lehre zu berichtigen oder zu widerrufen, falls sie mit dem katholischen Glauben im Widerspruch stehe. Der Legat jedoch schickte mich mit meinem Buch zum Erzbischof und zu meinen Gegnern; die Männer sollten über mich zu Gericht sitzen, die mich angeklagt hatten, und an mir sollte sich das Wort erfüllen: »Meine Feinde sind meine Richter«.
Sie durchstöberten nun mein Buch mehrmals von vorn bis hinten, fanden aber nichts, das sie in der Versammlung gegen mich hätten vorbringen können und verschoben darum die Verdammung des Buchs, nach der sie lechzten, bis auf den Schluß des Konzils. Ich meinerseits benutzte die Zeit ehe die Sitzungen abgehalten wurden täglich zu öffentlichen Vorträgen über den katholischen Glauben, wie er in meinen Schriften zum Ausdruck kam, und unter meinen Zuhörern war nur eine Stimme des Lobes und der Bewunderung für meine Redegewandtheit wie für meinen Scharfsinn. Das Volk aber und die Geistlichkeit fingen an zu murren: »Sehet, nun redet er frei und offen vor aller Welt und niemand widerspricht ihm! Das Konzil, das doch seinetwegen vor allem berufen wurde, ist nächstens zu Ende. Sind vielleicht die Richter zu der Einsicht gekommen, daß sie selber irren, nicht er?«
Infolgedessen stieg die Wut meiner Gegner von Tag zu Tag. Eines Tags nun kam Alberich mit einigen seiner Schüler zu mir, um mir eine Schlinge zu legen. Nach einigen einleitenden höflichen Redensarten sagte er, eine Stelle in meinem Buch habe ihn befremdet: nämlich, obwohl Gott Gott gezeugt habe und nur ein Gott sei, leugne ich doch, daß Gott sich selber gezeugt habe. Unverzüglich antwortete ich ihm: »ich bin bereit, hierüber Rechenschaft abzulegen, wenn es euch genehm ist«. Darauf versetzte er: »In solchen Fragen lassen wir nicht menschliche Vernunftgründe oder unsre eigene Weisheit gelten, sondern einzig und allein die Autorität der Väter.« -- »Schlaget nur in meinem Buche nach,« erwiderte ich, »und ihr werdet eine solche Autorität finden.« -- Das Buch war zur Hand; er hatte es selbst mitgebracht. Ich schlug die Stelle auf, die ich im Kopfe hatte und die dem Alberich entgangen war, weil er nur nach solchen suchte, die mir schaden konnten. Gott wollte es, daß ich das Gewünschte alsbald fand. Es war ein Citat aus dem ersten Buche von Augustins Werk »Über die Dreieinigkeit« und lautete: »Wer da glaubt, Gott habe die Macht sich selbst zu erzeugen, ist in einem schweren Irrtum befangen, denn diese Fähigkeit kommt Gott so wenig zu wie irgend einer anderen geistigen oder leiblichen Kreatur; es giebt überhaupt kein Wesen, welches sich selbst erzeugen könnte.«
Diese Worte versetzten die Schüler Alberichs in peinliche Verlegenheit. Er selbst, um nur irgend etwas zu sagen, meinte: »Das ist allerdings deutlich.« Ich erwiderte ihm, diese Ansicht sei nicht neu, allein für den Augenblick falle sie nicht ins Gewicht, da er ja nur nach Worten suche und nicht den tieferen Sinn, der ihnen zu Grunde liege. Falls er aber eine Darlegung und Begründung ihres eigentlichen Sinnes anhören wolle, so sei ich bereit, ihm aus seinen eigenen Worten nachzuweisen, daß er in die Ketzerei verfallen sei, die annehme, daß Gott-Vater sein eigener Sohn sei. Daraufhin geriet Alberich in große Wut, nahm seine Zuflucht zu Drohungen und versicherte mich, daß weder meine eigene Weisheit, noch meine Berufung auf andere Autoritäten mir etwas helfen sollten. -- Und damit ging er.
Der letzte Tag des Konzils war herangekommen. Vor der Sitzung hatten der Legat und der Erzbischof von Rheims mit meinen Gegnern und einigen andern Personen eine lange Beratung darüber, was in Anbetracht meiner Person und meines Buches zu thun sei; denn um dieser Sache willen war ja das Konzil hauptsächlich berufen worden. In meinen Worten oder in meiner Schrift, die vorlag, fand man nichts, was man gegen mich hätte vorbringen können. Einen Augenblick herrschte allgemeines Schweigen und was sich hören ließ, waren nur schüchterne Einwürfe. Da ergriff Gottfried, Bischof von Chartres, durch den Ruf seiner Frömmigkeit und das Ansehen seines Stuhles den übrigen Bischöfen überlegen, das Wort und sprach also: »Würdige Herren! Euch allen, die ihr hier versammelt seid, ist es wohl bekannt, daß die Lehre dieses Mannes, welcher Art sie auch sein mag, und der Reichtum seines Geistes, welchem Gebiet immer er sich zugewandt hat, viel Beifall gefunden und große Anziehungskraft ausgeübt haben, so daß dadurch selbst der Ruhm seiner und unserer Lehrer verdunkelt worden ist und man fast sagen könnte, die Reben seines Weinbergs seien von Meer zu Meer gerankt.
Wolltet ihr nun, was ich nicht glauben kann, einen solchen Mann ungehört verurteilen, so würdet ihr mit einem solchen Urteil, selbst wenn es seinen guten Grund hätte, sicherlich vielen Leuten vor den Kopf stoßen, und es würde nicht an solchen fehlen, die für ihn Partei ergreifen würden; zumal sich in der Schrift, die er vorgelegt hat, nichts findet, was einer offenen Ketzerei ähnlich wäre. Denken wir an das Wort des Hieronymus: 'Stets hat die Tüchtigkeit den Neid zum Begleiter' und daran, daß 'der Blitz die höchsten Gipfel trifft'! Hüten wir uns davor, seinen Namen durch ein gewaltsames Vorgehen noch mehr zum Gegenstand der allgemeinen Teilnahme zu machen. Wir würden uns selbst dadurch, daß wir uns den Vorwurf des Neides zuziehen, mehr schädigen, als wir dem Angeklagten durch unsern Richterspruch schaden können. Denn 'falscher Ruhm' -- sagt der ebengenannte Lehrer -- 'erlischt schnell und die Folgezeit richtet das Vorleben.'«
»Beliebt es euch aber, nach Recht und Brauch mit ihm zu handeln, so möge seine Lehre oder sein Buch hier öffentlich vorgetragen werden und ihm selbst soll gestattet sein auf die Fragen, die man ihm vorlegt, Rede und Antwort zu geben, um dann, wenn er überwiesen und zum Widerruf bewogen werden könnte, für immer zu schweigen. Dies war schon die Meinung des frommen Nikodemus, als er, um dem Herrn selbst die Freiheit zu ermöglichen, sagte: 'Richtet unser Gesetz auch einen Menschen, ehe man ihn verhöret und erkenne was er thut?'«
Auf diese Worte hin erhoben meine Gegner einen gewaltigen Lärm: »Schöne Weisheit«, riefen sie, »die uns zumutet, mit diesem Wortkünstler zu streiten, dessen Schlüssen und Finten die ganze Welt nicht standhalten kann!« -- Und doch -- es war gewiß noch viel schwerer, mit Christus selbst zu streiten; trotzdem hat Nikodemus ihn vor seinen Richtern zum Wort kommen lassen wollen, wie es das Gesetz gestattet.
Als nun der Bischof Gottfried die Anwesenden nicht für seine Absicht gewinnen konnte, suchte er ihre Mißgunst durch ein anderes Mittel zu zügeln. Er machte geltend, daß die Versammlung nicht vollzählig genug sei, um über eine so wichtige Sache zu entscheiden, und daß diese Angelegenheit einer gründlichen Prüfung bedürfe. Sein Rat gehe deshalb dahin, mein Abt solle mich in das Kloster St. Denis zurückbringen, woselbst dann meine Sache einer größeren Anzahl von gelehrten Männern zu erneuter gründlicherer Untersuchung vorgelegt werden solle. Dieser letzte Vorschlag fand den Beifall des Legaten und aller übrigen Anwesenden. Alsbald erhob sich der Legat, um vor dem Beginn der Sitzung die Messe zu lesen, und ließ mir durch den Bischof Gottfried die förmliche Erlaubnis zur Rückkehr in mein Kloster übermitteln, wo ich dann das weitere erwarten solle.
Nun aber fiel es meinen Gegnern ein, daß für sie nichts gewonnen wäre, wenn mein Prozeß außerhalb ihres Sprengels geführt würde, wo sie dann auf das Urteil keinen Einfluß ausüben könnten; denn bei dem Gedanken, einfach der Gerechtigkeit den Lauf zu lassen, konnten sie sich freilich nicht beruhigen. Darum stellten sie dem Erzbischof vor, daß es eine große Schande für sie wäre, diese Sache an eine andere Behörde zu verweisen und daß es gefährlich sei, mich so davonkommen zu lassen. Sie liefen auch zum Legaten und wußten ihn, halb gegen seinen Willen, dahin umzustimmen, daß er mein Buch unbesehen verdammte, es vor aller Augen verbrannte und über mich lebenslängliche Haft in einem auswärtigen Kloster verfügte. Sie sagten nämlich, zur Verurteilung meines Buches sei schon der Umstand hinreichend, daß ich mir erlaubt habe, es ohne die Genehmigung des Papstes oder der Kirche öffentlich vorzutragen und daß ich es schon vielen zum abschreiben überlassen habe; es könne nur zur Kräftigung des christlichen Glaubens dienen, wenn einmal, um einer ähnlichen Anmaßung zuvorzukommen, an mir ein Exempel statuiert werde. Der Legat war wissenschaftlich nicht so gebildet, wie er hätte sein sollen, und folgte deshalb in der Hauptsache dem Rate des Erzbischofs; dieser seinerseits ließ sich von meinen Gegnern bestimmen.
Als der Bischof von Chartres hiervon Kunde erhielt, setzte er mich alsbald von diesen Umtrieben in Kenntnis und ermahnte mich eindringlich, ich möchte diese Wendung geduldig tragen, um so mehr, als das Vorgehen meiner Widersacher eine offenbare Vergewaltigung sei. Eine solche, klar am Tag liegende, gewaltthätige Mißgunst könne jenen nur schaden, mir nur Nutzen bringen -- davon dürfe ich überzeugt sein; auch solle ich mir wegen der Klosterhaft keine Sorgen machen: er wisse gewiß, daß der Legat, der sich dieses Urteil nur habe abnötigen lassen, mich nach seiner Abreise von hier alsbald in volle Freiheit setzen werde. So suchte er mich zu trösten so gut es ging, indem er selbst mit dem Weinenden weinte.
Ich wurde vor das Konzil berufen, und ohne Untersuchung, ohne Prüfung zwang man mich, mein Buch mit eigener Hand ins Feuer zu werfen. Und so ging es in Flammen auf. Während dieses Vorgangs schien jedermann absichtlich zu schweigen. Nur einer meiner Gegner machte schüchtern die Bemerkung, er habe in dem Buch den Satz gefunden, Gott-Vater allein sei allmächtig. Auf diese Bemerkung antwortete der Legat höchlich erstaunt: einen solchen Irrtum dürfe man ja nicht einmal einem Kinde zutrauen, da doch der gemeinsame Glaube ausdrücklich dahingehe, das alle drei Personen der Gottheit allmächtig seien. -- Daraufhin citierte ein gewisser Terricus, Vorsteher einer Schule, höhnisch den Satz des Athanasius: »und dennoch nicht drei allmächtig, sondern einer allmächtig«. Und als ihn sein Bischof zurechtweisen und zum Schweigen bringen wollte, als hätte er ein Majestätsverbrechen begangen, ließ er sich nicht im mindesten einschüchtern, sondern sprach wie ein zweiter Daniel also: »Seid ihr von Israel solche Narren, daß ihr einen Sohn Israels verdammt, ehe ihr die Sache erforschet und gewiß werdet? Kehret wieder um vors Gericht und richtet den Richter selber. Denn der Richter, den ihr eingesetzt habt zur Unterweisung im Glauben und zur Beseitigung des Irrtums, der hat sich selbst gerichtet durch seinen eigenen Mund, da er andere richten sollte. Den Mann, dessen Unschuld heute Gottes Barmherzigkeit an den Tag gebracht hat -- befreiet ihn, wie einst die Susanna, von seinen falschen Klägern.«
Nun erhob sich der Erzbischof, und indem er die Worte den Umständen gemäß leicht abänderte, bestätigte er den Satz des Legaten mit den Worten: »In der That, ehrwürdiger Herr, allmächtig ist der Vater, allmächtig der Sohn, allmächtig der heilige Geist, und wer von dieser Meinung abweicht, ist in offenbarem Irrtum befangen und nicht anzuhören. Doch vielleicht dürfte es sich empfehlen, daß dieser unser Bruder seinen Glauben vor der ganzen Versammlung bekenne, damit er je nach Umständen gebilligt oder beanstandet und verbessert werde.« Als ich mich daraufhin anschickte, mein Glaubensbekenntnis abzulegen, und meinen Gedanken einen selbständigen Ausdruck geben wollte, da riefen meine Gegner mir zu, ich brauche nur das Athanasianische Glaubensbekenntnis herzusagen, was jedes Kind ebensogut hätte thun können. Und damit ich nicht etwa die Ausrede gebrauchen könnte, ich wisse den Wortlaut nicht auswendig, gab man mir den geschriebenen Text zum Vorlesen. Unter Seufzern und mit thränenerstickter Stimme las ich, so gut es ging. Hierauf wurde ich wie ein seines Vergehens überwiesener Verbrecher dem Abt von St. Medardus, der auf dem Konzil anwesend war, übergeben und in dessen Kloster, als in mein Gefängnis, abgeführt. Das Konzil selbst wurde alsbald aufgelöst.
Der Abt indessen und seine Mönche, die nicht anders glaubten, als daß ich nun für immer bei ihnen bleiben werde, nahmen mich mit Freuden auf und bemühten sich vergeblich, mich durch möglichst liebevolle Behandlung über mein Schicksal zu trösten. O Gott, der du gerecht richtest! So sehr war mein Herz vergiftet und verbittert, daß ich in verblendetem Wahn wider dich selbst murrte und Klage erhob und unablässig jenen Seufzer des heiligen Antonius wiederholte: »Guter Jesus, wo warest du?« Schmerz, Beschämung, Verzweiflung -- damals habe ich all diese Gefühle durchgekostet, aber sie zu beschreiben, ist mir nicht möglich. Was ich jetzt zu leiden hatte, hielt ich zusammen mit dem früheren Unglück, das mir an meinem Körper widerfahren war, und ich achtete mich für das elendste aller Menschenkinder. Im Vergleich mit diesem neuen Unglück erschien mir jene ruchlose That geringfügig, und ich beklagte weniger den Schaden meines Leibes als den Verlust meines Ruhms. Jenen hatte ich gewissermaßen selbst verschuldet. Dieser offenen Gewalt aber war ich zum Opfer gefallen, obwohl mich nichts anderes als die lauterste Absicht und die Liebe zu unserem Glauben zum Schreiben gedrängt hatte.
Wohin auch die Kunde von diesem grausamen und brutalen Verfahren gegen mich gelangte, überall fand es lebhafte Mißbilligung; von denen, die bei der Verhandlung gewesen waren, schob nun jeder die Schuld auf den andern. Sogar meine Feinde leugneten jetzt, daß sie an dem Urteil der Synode schuld seien, und der Legat bedauerte öffentlich die Mißgunst der Franzosen. Während er für den Augenblick ihrer feindseligen Absicht gegen mich unfreiwillig nachgegeben hatte, bereute er gleich darauf seine Maßregel und ließ mich nach einigen Tagen schon aus dem fremden Kloster in mein eigenes nach St. Denis zurückkehren.
Freilich waren dessen Insassen mir fast alle schon von früher her feindlich gesinnt. Bei der Unordentlichkeit ihres Lebenswandels und dem freien Ton, der unter ihnen herrschte, war ich ihnen ein höchst unbequemer Mahner. Es vergingen nur wenige Monate, da bot sich ihnen eine geschickte Gelegenheit, mich zu verderben. Eines Tages fand ich nämlich beim Lesen zufällig eine Stelle in Bedas Auslegung der Apostelgeschichte, worin die Ansicht ausgesprochen war, daß Dionysius Areopagita nicht Bischof von Athen, sondern von Korinth gewesen sei. Dies mußte natürlich die sehr befremden, die in dem Schutzpatron ihres Klosters eben jenen Dionysius Areopagita verehren, in dessen Lebensgeschichte ausdrücklich stand, daß er Bischof von Athen gewesen sei. Ich zeigte einigen der umherstehenden Brüder halb im Scherz jene Stelle des Beda, die gegen uns sprach. Sie aber erklärten in höchster Entrüstung den Beda für einen Erzlügner und beriefen sich auf ihren Abt Hilduin, als auf einen zuverlässigeren Zeugen. Dieser habe lange Zeit in Griechenland selbst Forschungen gemacht und dann den wahren Sachverhalt in einer Lebensbeschreibung des Dionysius ganz unanfechtbar dargestellt. Einer der Umstehenden drang mit der Frage in mich, wem ich in diesem Streite recht gebe, dem Beda oder dem Hilduin. Ich sagte, das Zeugnis des Beda, dessen Schriften in der ganzen abendländischen Kirche in Ansehen stünden, scheine mir gewichtiger zu sein. Als die Mönche das vernahmen, erhoben sie ein wütendes Geschrei: nun trete die feindselige Gesinnung, die ich von jeher gegen unser Kloster gehegt habe, einmal deutlich hervor; am ganzen Land werde ich zum Verräter, indem ich es seines höchsten Ruhmestitels beraube, da ich leugne, daß Dionysius Areopagita ihr Schutzpatron sei. Ich erwiderte, das leugne ich ja gar nicht, und überdies komme wenig darauf an, ob ihr Schutzpatron wirklich der Areopagite gewesen sei oder ein Mann von anderer Herkunft, da er doch jedenfalls von Gott so großer Ehre würdig befunden worden sei. Sie aber liefen zum Abt und zeigten ihm an, was sie mir zur Last legten. Dieser begrüßte die Gelegenheit, mich einmal demütigen zu können, mit Freuden; denn da er ein sittenloseres Leben führte als alle übrigen, so fürchtete er sich vor mir um so mehr. Vor versammeltem Konvent erteilte er mir einen scharfen Verweis und drohte, er wolle mich unverzüglich vor den König schicken, damit mich die Strafe treffe, die dem gebühre, der den Ruhm und die Ehre des Königreichs antaste. Inzwischen bis zu der Zeit, da er mich dem König vorführen wollte, ließ er mich unter strenge Aufsicht stellen. Vergebens erklärte ich mich bereit, die vorgeschriebene Buße auf mich zu nehmen, falls ich etwas verbrochen hätte. Und nun ergriff mich ein förmlicher Ekel vor der Schlechtigkeit dieser Menschen, und ich, den seit so langer Zeit das Mißgeschick unablässig verfolgte, geriet an den Rand der Verzweiflung: die ganze Welt -- so schien es -- war gegen mich verschworen. So entwich ich denn mit Wissen einiger Brüder, die Mitleid mit mir hatten, und unter Beihilfe einiger meiner Schüler heimlich bei Nacht aus dem Kloster und flüchtete in das angrenzende Gebiet des Grafen Theobald, wo ich früher in einer Einsiedelei gelebt hatte.