Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, mit der Leidensgeschichte Abaelards

Part 27

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In Christo verehrungswürdige und liebenswerte Schwester Heloise! Nachdem ich kürzlich auf deine Bitten ein Buch mit Hymnen und Sequenzen vollendet, so habe ich jetzt deinem Wunsche gemäß für dich und deine geistlichen Töchter, die in unserem Oratorium vereint sind, eine Reihe von Predigten verfaßt -- eiliger als ich es sonst gewohnt bin. Da ich mehr der Wissenschaft als der Predigt ergeben bin, so sehe ich hauptsächlich auf Klarheit der Darlegung, weniger auf kunstvolle Beredsamkeit; ich suche mehr den Wortsinn zu ergründen, als die Rede künstlich auszuschmücken. Und vielleicht wird eine reine, nicht ausgeschmückte Redeweise infolge ihrer größeren Klarheit einem einfachen Gemüt faßlicher sein, und eine gewisse Art von Zuhörern wird vielleicht gerade in der Einfachheit einer schmucklosen Rede die Schönheit und Feinheit sehen, und eine Würze darin finden, die einer einfachen Fassungsgabe wohlthut.

Die Predigten sind nach der Reihenfolge der Feiertage niedergeschrieben und geordnet; begonnen habe ich mit dem Anfang unserer Erlösung. Lebe wohl im Herrn, du, seine Magd, einst in der Welt mir teuer, nun erst ganz teuer in Christus: damals meine Gattin im Fleisch, jetzt meine Schwester im Geist und Genossin im Bekenntnis des heiligen Gelübdes!

XII. Brief.

Abaelard an Heloise.

(Abaelards Glaubensbekenntnis.)

Liebe Schwester Heloise, einst mir teuer in der Welt, nun erst ganz teuer in Christus: um der Logik willen bin ich der Welt verhaßt. Die blinden Blindenleiter, deren Weisheit Verderben ist, behaupten nämlich, in der Logik sei ich zwar wohlbewandert, aber im Paulus -- da hinke ich stark. Und während sie meinen Scharfsinn preisen, verdächtigen sie die Reinheit meines christlichen Glaubens. Denn, wie mir scheint, folgen sie nur ihrem Vorurteil, statt durch die Erfahrung sich leiten zu lassen.

Ich will nicht in der Weise Philosoph sein, daß ich den Paulus zurückstieße, nicht so Aristoteles, daß ich von Christus getrennt würde. Denn es ist kein anderer Name unter dem Himmel, in dem ich selig werden könnte. Ich bete an Christum, der zur Rechten des Vaters regieret. Ich umfasse ihn mit den Armen des Glaubens, der im jungfräulichen Fleisch, das er vom heiligen Geist empfangen, Herrliches wirkt in der Kraft Gottes. Und daß die unruhige Sorge und jeglicher Zweifel aus deinem Herzen weiche, so halte das fest, daß ich mein Gewissen auf jenen Felsen gegründet habe, auf dem Christus seine Kirche erbaut hat. Und des Felsens Aufschrift will ich dir in kurzen Worten mitteilen.

Ich glaube an den Vater, Sohn und Heiligen Geist, an den von Natur Einen und wahren Gott, der in seinen Personen die Dreieinigkeit also darstellt, daß er in seiner Wesenheit stets die Einheit bewahrt. Ich glaube, daß der Sohn in allem dem Vater gleich ist, an Ewigkeit, Macht, Willen und Werk. Ich folge nicht dem Arius, der verblendeten Sinns, ja, von teuflischem Geiste verführt, Stufen in der Dreieinigkeit annimmt, indem er lehrt, daß der Vater größer, der Sohn kleiner sei und das Gebot vergißt: »Du sollst nicht auf Stufen zu meinem Altar heraufsteigen«. Denn auf Stufen steigt zum Altar Gottes empor, wer ein Früher und Später in der Dreieinigkeit setzt. Auch den Heiligen Geist bekenne ich als wesensgleich und eins mit dem Vater und dem Sohne, wie denn meine Schriften vielfach erklären, daß ihm der Name der Liebe zukomme. Ich verdamme den Sabellius, der behauptet, daß Vater und Sohn ein und dieselbe Person seien und daß der Vater gelitten habe, woher seine Anhänger Patripassianer heißen.

Ich glaube auch, daß der Gottessohn zum Menschensohn geworden, daß er, obwohl Eine Person, aus und in zwei Naturen besteht. Der, nachdem er seine Aufgabe in der angenommenen Menschennatur erfüllt hatte, gelitten hat, gestorben und auferstanden ist, aufgefahren gen Himmel, von dannen er wieder kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.

Ich behaupte auch, daß in der Taufe alle Sünden vergeben werden; daß wir der Gnade bedürfen, um das Gute anzufangen und zu vollenden, und daß die Gefallenen durch Buße wiederhergestellt werden. Über die Auferstehung des Fleisches aber -- was brauche ich darüber zu sagen, da ich mich des Christennamens vergeblich rühmen würde, wenn ich nicht glaubte, daß ich auferstehen werde?

Dies also ist der Glaube, auf welchem ich ruhe, aus dem ich meine feste Hoffnung schöpfe. Auf ihn ist mein Heil gegründet, und so fürchte ich nicht das Geheul der Scylla, ich spotte der strudelnden Charybdis, und der totbringende Sang der Sirenen schreckt mich nicht. Mag der Sturm hereinbrechen, ich wanke nicht; mögen die Winde blasen, ich stehe fest. Denn auf einen starken Felsen bin ich gegründet.

Anmerkungen zur Transkription

Falsch gesetzte Anführungszeichen wurden stillschweigend korrigiert. Alle anderen offensichtlichen Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

... Unbescholtenheit meines bisherigens Lebens. ... ... Unbescholtenheit meines bisherigen Lebens. ...

... jetzt Abtissinnen über die Nonnen setzt, wie man für die ... ... jetzt Äbtissinnen über die Nonnen setzt, wie man für die ...

... Mönche Abte hat und daß beide, Nonnen wie Mönche, auf ... ... Mönche Äbte hat und daß beide, Nonnen wie Mönche, auf ...

... Täuschung, wo die eheliche Liebe so groß ist, das eins das ... ... Täuschung, wo die eheliche Liebe so groß ist, daß eins das ...

... da du noch einer Abtissin untergeben warst und das Amt ... ... da du noch einer Äbtissin untergeben warst und das Amt ...

... Glaubst du, der kurze Schmerz meiner damaligen Verwundrung ... ... Glaubst du, der kurze Schmerz meiner damaligen Verwundung ...

... Wort des Philosophen sagen lassen mußt: hoc no nest osculum ... ... Wort des Philosophen sagen lassen mußt: hoc non est osculum ...

... er nämlich diejenigen, welche sich Christo geweiht haben ... ... er nämlich diejenigen, welche sich Christo geweiht haben, ...

... über das, was sie solchen müßigen Faullenzern, wie sie sagen, ... ... über das, was sie solchen müßigen Faulenzern, wie sie sagen, ...

... mußte der Herr ihrer fleichlichen Schwäche wegen tadeln, ... ... mußte der Herr ihrer fleischlichen Schwäche wegen tadeln, ...

... Hatten nicht Maria Magdalena oder Maria Agyptiaca, die ... ... Hatten nicht Maria Magdalena oder Maria Ägyptiaca, die ...

... Daher mahnt auch der Apostel Jakobus: »Lieben Brüder, ... ... Daher mahnt auch der Apostel Jakobus: »Liebe Brüder, ...

... Die Abtissin muß alle Tugenden mustergültig in sich vereinigen, ... ... Die Äbtissin muß alle Tugenden mustergültig in sich vereinigen, ...

... Abtissin für die Aufrechterhaltung der Klosterzucht überhaupt ... ... Äbtissin für die Aufrechterhaltung der Klosterzucht überhaupt ...

... denn, daß die Abtissin vorher befragt worden sei und es befohlen ... ... denn, daß die Äbtissin vorher befragt worden sei und es befohlen ...

... oder schwach wird«. Nach dem Argernis, das der Bruder ... ... oder schwach wird«. Nach dem Ärgernis, das der Bruder ...

... das Argernis vermieden wissen: »Ich habe es zwar alles ... ... das Ärgernis vermieden wissen: »Ich habe es zwar alles ...

... Das Volk, das aus Agypten ausgeführt wurde, ist in ... ... Das Volk, das aus Ägypten ausgeführt wurde, ist in ...

... wohlgefällig war«. Augustinus in seiner Schrift: »Uber ... ... wohlgefällig war«. Augustinus in seiner Schrift: »Über ...

... aufgewirbelt wird. Die Armel sollen nicht länger sein als ... ... aufgewirbelt wird. Die Ärmel sollen nicht länger sein als ...

... habe ich einso tiefes Studium und Verständnis der Heiligen ... ... habe ich ein so tiefes Studium und Verständnis der Heiligen ...

... allzusehr erfahren, als er sagte: »Weichet von mir, ihr Ubelthäter, ... ... allzusehr erfahren, als er sagte: »Weichet von mir, ihr Übelthäter, ...

... Ubersetzungen belehrt haben, weicht die unsrige von allen ... ... Übersetzungen belehrt haben, weicht die unsrige von allen ...

... einer apokryphen Ubersetzung folgen, während wir die ... ... einer apokryphen Übersetzung folgen, während wir die ...