Briefe einer Deutsch-Französin
Part 8
Hier ließe sich freilich manches weiterspinnen, aber es ist nicht der Ort, noch sind mir Befugnisse erteilt worden, über die Politik zu sprechen -- über die es so viel zu sagen gäbe. Aber sicher wird es mir gestattet sein, einen Satz Ernst Moritz Arndts aus der Jahren der Freiheitskriege anzuführen: »Die Zeit, worin wir leben,« schrieb er 1815, »hat uns Deutschen zugemutet, politische Menschen zu werden. Es hat schwerer Jahre bedurft, daß wir aus dem dämmernden Traum einer Gleichgültigkeit erweckt wurden, die dem deutschen Namen fast mit dem Untergang drohte. Gottlob! uns ist wieder ein Vaterland gezeigt worden, ein Ziel, worauf alle Deutschen als Volk schauen, wofür sie streben und arbeiten sollen. Immer aber gilt noch mit Recht die Klage, daß wir nicht politisch genug sind. Damit wir dies immer mehr werden, dafür muß jeder redliche Deutsche denken und streben und auf seine Weise den Kampf durchkämpfen helfen, der nicht allein auf den Schlachtfeldern entschieden werden kann.«
Ich werde mich streng an meine Weisung halten und in keiner Weise untersuchen, ob wir diese politischen Qualitäten, die Arndt uns so dringend empfahl, innerhalb dieser hundert Jahre erworben haben. Ich möchte nur einen anderen Satz anführen, aus einem Aufsatz Thomas Manns im Dezemberheft der »Neuen Rundschau«. Da steht: »Wir hätten die Kultur als Wort und Begriff dem Worte Zivilisation stets vorgezogen, weil es rein menschlichen Inhaltes ist, während wir beim anderen einen politischen Einschlag und Anschlag spüren, der uns ernüchtert, der es uns zwar als wichtig und ehrenwert, aber nun einmal nicht als ersten Ranges erscheinen läßt -- weil dieses innerlichste Volk der Metaphysik, der Pädagogik und der Musik ein nicht politisch, sondern moralisch orientiertes Volk ist.«
Dies hundert Jahre nach Arndt, und nachdem Deutschland inzwischen zu einem geeinigten Reich und einer Großmacht erstarkt war.
Ich werde weiter nichts sagen, als daß ich an diesem Satze Ärgernis nahm. Denn wir, die Herausgestellten, haben einen anderen Ehrgeiz, wir sehen gar keinen Grund, warum wir dieses politische Volk mit einer politischen Sprache nicht ebensogut sein sollten wie andere. Viele meinen ja auch: _Jetzt_ müssen wirs werden, kein einziger scheint sich zu fragen, _wie_. Ein vorsätzliches Abschließen von den politischeren Nationen ist sicher nicht der richtige Weg. Was sie vor uns voraus haben -- nehmen wir ihnen doch nur, indem wir es von ihnen lernen.
Ich will es jedoch anderen überlassen, dies Thema weiter zu erörtern. Ich habe nur noch zwei Dinge zu sagen. Es ist gewiß außerordentlich kindisch, uns unsere großen Männer streitig machen zu wollen oder sie herabzusetzen. Nicht minder weit vom Schusse sind wir aber, wenn wir uns immerzu auf sie berufen, denn große Männer sind noch lange nicht die Nation. Und wir dürfen nicht vergessen: daß sie immerhin als ziemliche Dulder in unserer Mitte lebten, noch auch die scharfe Kritik, die sie an uns übten. Es besteht sogar immer die Möglichkeit, daß große Männer ihrer Nation verloren gehen. Wären allerorts diese Auserwählten eines Volkes auch dessen führende Geister, Europa böte heute ein anderes Bild! Es sind aber ganz im Gegenteil die Zeitungen und unter ihnen nicht die besten, welche diese Rolle übernahmen . . .
Ich sprach von unserer Sonderstellung und den Dingen, die wir besser sehen. Aber vielleicht sind die Dinge, die wir _nicht_ sehen, noch bezeichnender.
So können wir gar nicht verstehen, daß die Völker, die doch schon allesamt ihre Revolutionen hatten oder zu haben versuchten, warum sie sich allesamt ihre hetzerische Presse noch gefallen lassen, warum sie sich die noch nicht verbaten; warum sie noch nicht zusammentraten und gegen _die_ rebellierten? Es unterliegt keinem Zweifel mehr, daß die Greuel der belgischen Bevölkerung infolge verleumderischer und aufreizender Zeitungsartikel als _Repressalien_ entstanden sind. Wann werden die Vertreter der _würdigen_ Blätter dagegen protestieren, daß solche Mörder der Gesellschaft sich ihre Amtsbrüder nennen?
Man hat schon Regierungen davongejagt, aber der Herausgeber eines Hetzblattes thront wie ein Gesalbter des Herrn auf seiner Redaktion. Argwöhnisch wird das Tun und Treiben eines Monarchen verfolgt, wer aber hat es gewagt, gegen den »Matin« einzuschreiten, der schlimmer als eine russische Knute Wahrheit, Vernunft und Mäßigung unterdrückt?
In jedem Lande aber gibt es Erscheinungen, die dem »Matin« nacheifern, ohne ihn zu erreichen, es ist unleugbar, daß die öffentliche Meinung sich der extremen Lüge leichter als der Wahrheit ergibt, und deshalb wäre heute nichts notwendiger auf der Welt, als daß eine Sezession innerhalb der Presse entstünde.
Es wird Sie nicht mehr befremden, daß ich mir die Interessen der Internationalen Rundschau zur Gewissenssache machte, auch wenn ich hinzufüge, daß es aus freien Stücken geschah, ohne irgendeinen Auftrag von seiten der Herausgeber. Und erlauben Sie mir, nachdem ich mit so viel Entschiedenheit meine Behauptungen vorzutragen unternahm, daß ich mit einer _Vermutung_ schließe.
Wir versprechen uns so viel von den Erleuchtungen, die uns auf allen Gebieten _nach_ diesem großen Krieg geschenkt werden. Aber ist es nicht wahrscheinlicher, daß, wenigstens in den _ersten_ Friedensjahren, nur diejenigen Ideen Ansehen genießen werden, die _schon im Kriege_ sich einen Platz in den Gemütern errangen und teil hatten an dem heutigen Schwung und der Erhebung der Geister?
Sprechen wir also heute schon von einer Einheit der kämpfenden Nationen durch die letzten Güter der Menschheit. Denn wir müssen sie dieser Feuerprobe der Beurteilung unterwerfen, gerade inmitten der gegenwärtigen äußersten Not und Anspannung.
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Gedruckt bei Otto v. Holten, Berlin C.
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 101]: ... uns selber treu, den anderen Völkern mit der Iniative ... ... uns selber treu, den anderen Völkern mit der Initiative ...
End of Project Gutenberg's Briefe einer Deutsch-Französin, by Annette Kolb