Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2)
Part 21
Unterdeß hatte Hr. Wigard, auf Betrieb der Österreicher, seinen eigenen Vorschlag zurückgenommen; er ward aber, vor Thorschluß, noch von uns aufgenommen, und erhielt nun, wie ich vorhergesagt, eine +sehr große Mehrzahl+; auch ist er, meines Erachtens, nach Form und Inhalt vorzuziehen. Er lautet: „hat ein deutsches Land mit einem nicht deutschen Lande dasselbe Staatsoberhaupt, so soll das deutsche Land eine von dem nicht deutschen Lande getrennte, eigene Verfassung, Regierung und Verwaltung haben. In die Regierung und Verwaltung des deutschen Landes dürfen nur deutsche Staatsbürger berufen werden. Die Reichsverfassung und Gesetzgebung hat in einem solchen deutschen Lande dieselbe verbindliche Kraft, wie in den übrigen deutschen Ländern.“
Österreich muß jetzt (mit Hülfe kurzsichtiger Regierungen) diese durch eine große Überzahl gefaßten Beschlüsse gewaltsam umstoßen und auf dem alten Staatenbunde beharren; oder verstatten, daß Gleichgesinnte einen Bundesstaat bilden, mit welchem Österreich in möglichst enge, freundschaftliche Verbindung tritt.
An diesen Sieg reihte sich ein zweiter. Die Coalition forderte: daß nach Annahme aller einzelnen Abschnitte und Absätze, zuletzt noch eine einzige Gesammtabstimmung über die ganze Verfassung stattfinde. Die offenbare, obwohl nicht ausgesprochene, Absicht war, Alles noch einmal in Frage zu stellen, und zum Vortheil der Republikaner und Österreicher zu verwerfen. Der Antrag ward aber verworfen.
Jetzt folgte (um Boden wieder zu gewinnen und uns unbeliebt zu machen) von der Linken ein Vorschlag: in die Verfassung einen Absatz über die Volkssouverainetät aufzunehmen, der, so gestellt und gefaßt, zu den größten Mißdeutungen und Mißbräuchen Veranlassung gegeben und jede Empörung der formlosen Massen scheinbar gerechtfertigt hätte. -- Dies um so mehr da von Erläuterungen und vernünftigen Beschränkungen nicht die Rede war.
In diesem Augenblicke zeigte sich aber, aus wie fremdartigen Bestandtheilen jene künstliche Coalition zusammengesetzt ist. Die Ultramontanen stimmten gegen den Antrag und ebenso mehre Baiern; nicht wenige Österreicher liefen zur Thür hinaus, und so siegten wir mit einer Mehrheit von 84 Stimmen; -- sehr viel für eine Versammlung, die doch gutentheils aus den sogenannten Märzerrungenschaften hervorgegangen ist. Als Gagern, Bassermann, Soiron u. A. (die früher sich auch zu schönen Phrasen über die Volkssouverainetät, ohne scharfe Bestimmung des Wahren und Falschen in diesem schwierigen Begriffe hatten verlocken lassen) jetzt +wider+ jenen Antrag stimmten, erhob die Linke einen ungeheuern Lärm des Spottes und Tadels!
Von jetzt an werden täglich Vormittags- und Nachmittagssitzungen gehalten und wir dürften (da keine Berathungen und Reden erlaubt sind) hoffentlich rasch vorschreiten. Mögen nun die Regierungen der größeren Staaten so Maß halten, wie die der kleineren, und unsere Bestrebungen fördern und berichtigen, statt sie leidenschaftlich, oder übereilt zu verwerfen.
Freilich: +wenn Preußen nicht den Reigen muthig führt, wird aus Allem gar nichts+; und +dann+ -- ~_après nous le déluge_~! -- Sie wird nicht ausbleiben, die Sündfluth, zur Strafe Aller, welche sündigten!
Nachmittags.
Ich komme soeben aus der Sitzung, wo eine ganze Reihe von Vorschlägen der Linken verworfen wurden, mit Ausnahme eines einzigen, der, wenn er von Preußen ausgegangen wäre, wahrscheinlich dasselbe Schicksal gehabt hätte; nämlich: „Küstenbefestigungen werden aus Reichskassen bestritten.“ -- Nun so mögen die Binnenstaaten fleißig bezahlen!
Hundertfünfunddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 25. März 1849.
Der Entwurf der Verfassung zählt 135 Absätze. Von diesen sind in zwei Vormittags- und Nachmittagssitzungen 53 angenommen worden; es bleiben also 82 noch übrig. Zwar befinden sich unter diesen bei Weitem die wichtigeren; weil aber nicht gesprochen, sondern nur abgestimmt wird, so wird man (selbst bei zahlreicheren namentlichen Abstimmungen) in wenigen Tagen die zweite Lesung beendet haben, und sich in irgend einer entschiedenen Weise aussprechen +müssen+. Die Verwerfung des Welcker’schen Ausschußantrages hat also diese Nothwendigkeit keineswegs so lange hinausgeschoben, als die Unentschlossenen, Charakterlosen wahrscheinlich wünschten und glaubten.
Es ist noch gar nicht vorauszusehen, wie man die großen Fragen über Veto, Zeit- oder Erbkaiser, Direktorium u. s. w. hier entscheiden wird; -- und diese leidige Ungewißheit fällt der preußischen Regierung großentheils zur Last. Sie hat ihre treuen Freunde (trotz alles Bittens und Flehens) hier ohne Rath, Warnung und Fingerzeig gelassen; sie hat seit langer Zeit nicht einmal gesprochen, viel weniger gehandelt, und das Feuer edler Begeisterung eher ausgelöscht, als gefördert.
Giebt es denn zwischen voreiligem Hervortreten und muthlosem Verstecken keinen Mittelweg? Soll man aus Angst vor Gegnern, die Freunde verletzen und verläugnen? Hätte man in Berlin zwischen Zuviel und Zuwenig, zwischen Verzagtheit und Tollkühnheit, den rechten Mittelweg gefunden, und die Gesellschaft des Weidenbusches ermuthigt, die Widersacher eingeschüchtert, und den befreundeten Regierungen und Volksstämmen offen die Hand gereicht; -- der Sieg wäre bereits erfochten!
Die Besorgniß vor der Ansicht und Entscheidung der berliner Kammern, konnte allerdings hemmend einwirken; seitdem aber diese (hier einmal alle unnützen Streitigkeiten bei Seite legend) sich so kräftig für Deutschland erklärten, erwartete man mit Ungeduld andere bestimmtere Erklärungen auch von der Regierung, damit die alten Freunde in der Paulskirche gekräftigt und neue gewonnen würden.
Doch was schelte ich? Hat nicht Hr. v. A. gesprochen und ein Meisterstück diplomatischer Kunst der Welt vorgelegt? Welche glatte Worte, welche Komplimente nach allen Seiten, welche Gewandtheit, Alles als bejaht und zugleich als verneint zu fassen, jede Deutung vorzubehalten und ihr Raum zu geben; für oder gegen Österreich, für oder gegen Frankfurt! O über diese Wiedergeburt der so lang verehrten alten Diplomatik!
Es giebt Bücher mit Musterbriefen für alle Liebesangelegenheiten und für alle diplomatischen Verhältnisse. Hr. v. A. scheint eins der letzteren zu Hülfe genommen zu haben, und eine gleich zweideutige, überhöfliche Antwort zu erwarten, wie sie auf der nächsten Seite abgedruckt ist.
O Gott! in diesem für Preußen und Deutschland allerwichtigsten Augenblicke hält man derlei Phrasendrechselei, derlei inhaltsloses Geschwätz für eine stärkende Lebensquelle; man verliert den letzten Augenblick, wo der Sieg noch möglich war, und bietet nun solch einen papiernen Wisch als eine Siegesfahne in der entscheidenden Schlacht!
Alle unsere Gegner triumphiren schon jetzt, daß Preußen sich unterordne und mit 16 Millionen nicht so viel wage, als Friedrich II und Friedrich Wilhelm III mit 5 Millionen; daß Schwarzenberg sein hiesiges Heer befeure, ohne von der 6, 7, 9, 38 u. s. w. u. s. w. irgend etwas aufzugeben. -- Und wir!! -- 25 Regierungen und 10 Millionen Deutsche, die uns vertrauten und sich uns opfern wollten, wenden sich von uns ab, da keine andere als die A--sche Kindertrompete erklingt.
Es liegt nicht am Mangel des Muthes, wenn wir besiegt werden und uns nach wenigen Tagen vielleicht nichts übrig bleibt, als unsere Kleider zu zerreißen, unsere Häupter mit Asche zu bestreuen und unter Spott und Hohn nach Hause zu gehen! Die Weltgeschichte wird uns billiger behandeln, kann aber das Geschehene nicht ungeschehen machen. Brächte doch der Telegraph im Augenblicke der Entscheidung eine erhebliche Hülfe.
Österreich bleibt, ohne Einverleibung in Deutschland, eine europäische Großmacht; nicht so Preußen. Es gehört durchaus und ganz zu den Deutschen, es wird mit Deutschland, -- und Deutschland mit ihm stehen oder fallen.
Hundertsechsunddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 26. März 1849.
Unzählige Male (so auch gestern Abend im Weidenbusche) höre ich den Ruf: keine Verhandlungen, keine Concessionen! und insbesondere betrachten es die, in ihre Theorien verliebten, abstrakten Männer, als einen Verrath an Wissenschaft und Vaterland, wenn man eins ihrer sogenannten Principe (d. h., eine ihrer Lieblingsmeinungen) antastet. Dies erinnert leider nur zu bestimmt an die Zeiten des unseligen Dreißigjährigen Krieges, wo man jede dogmatische Nachgiebigkeit als Gotteslästerung bezeichnete, und erst durch die äußerste Noth zu Mäßigung und Vernunft gezwungen ward. Was hat denn Deutschland aus den leidenschaftlichen Streitigkeiten über Rechtfertigung, Abendmahl, Dreieinigkeit u. dergl. für Gewinn gezogen? Und jetzt wird es uns als Ehrensache dargestellt, um ähnlicher politischer Schulfragen und unpraktischer Spitzfindigkeiten willen, gar +nichts+ zu Stande zu bringen!!
Gestern Abend stand also in Frage: 1) ob wir zu dem (von mir früher mitgetheilten sogenannten) Programm des Weidenbusches mehre Punkte hinzusetzen, und alle Mitglieder verpflichten sollten, dafür zu stimmen?
2) Ob wir auf einige Anerbieten der Gegner eingehen, und insbesondere (wie sie versprachen) ihre Stimmen für das +erbliche Kaiserthum+ gewinnen wollten, gegen Annahme eines blos +aufschiebenden Veto+.
Ich erhielt zuerst das Wort und behauptete zu +eins+: ein neues Zwangsgesetz über mehre zeither offene Fragen beschränke viel zu sehr Freiheit und Gewissen der Abgeordneten; es werde die endlich organisirte Gesellschaft des Weidenbusches auseinander sprengen. -- Nach manchem Hin- und Herreden ward jener Vorschlag verworfen; nur an der Erblichkeit wollte man festhalten.
Zu +zwei+ suchte ich darzuthun und durch Beispiele aus der Geschichte die geringe +praktische+ Wichtigkeit der ganzen Lehre vom Veto zu erweisen. Das aufschiebende reiche für die vorhandenen Zwecke vollkommen aus, und erwecke keinen Haß; sondern werde +allgemein+ für natürlich und nothwendig gehalten; während die (allerdings in abstracto richtigere) Theorie des +unbedingten+ Veto weder bei unseren weit zahlreicheren Gegnern, noch im Volke den geringsten Beifall finde.
+Entscheidend+ wichtig aber sei es: daß wir, sobald keine Stimmen der Gegner zu uns übertreten, +ohne allen Zweifel in jeder wichtigen Frage unterliegen+, und geradehin zum größten Unglück für Deutschland, -- +nichts+, -- +gar nichts+ erreichen würden. Für Annahme des aufschiebenden Veto könnten wir dagegen vielleicht das weit Wichtigere, das Erbkaiserthum, durchsetzen. Alle alten Übel der deutschen Verfassung würden wiederkehren, wenn wir jede Annäherung und Verständigung der Parteien anmaßend und eigensinnig zurückwiesen u. s. w. u. s. w.
Hierüber entstand ein gewaltiger Lärm: einige Redner bekämpften jene Ansichten mit größtem Eifer, andere wollten sie durch Hinausschieben vereiteln. Nachdem aber Welcker, Arndt, Mevissen in demselben Sinne gesprochen und beredt auf die großen Gefahren des Vaterlandes hingewiesen hatten, ward beschlossen, eine Verständigung mit den Gegnern zu versuchen und die Frage über das +Veto+ als eine +offene+ zu behandeln.
Ich mache mir keine rosigen Täuschungen über die Zukunft. Selbst für den, noch zweifelhaften, Fall, daß wir in Frankfurt Beschlüsse fassen, sind sie deshalb noch +nicht in Berlin angenommen und in Deutschland noch nicht vollzogen+. Gewisse Grundgedanken und Ideen lassen sich aber durch Widerstehen und Verneinen nicht austilgen, und jedes erzeugte Kind muß zuletzt auch geboren werden!
Man hat der Reichsgewalt allerdings große Rechte zugewiesen; sie sind aber (besonders dem Auslande gegenüber) nothwendig, und werden durch die Stellung des Staaten- und Volkshauses geregelt und ermäßigt. Preußen kann indeß jene Rechte durchaus nicht in die Hände eines Anderen legen lassen; es steht durch die Natur der Dinge und durch die gegebenen Verhältnisse an der Spitze Deutschlands. Warum dies für Österreich nicht mehr möglich ist, zeigt dessen Widerspruch gegen alle wesentlichen Bedingungen der neuen deutschen, sowie der Inhalt der österreichischen Verfassung. -- Die Partei für ein mehrköpfiges Direktorium ist jedoch noch stark; obgleich manche seiner Vertheidiger es nur als ein nothwendiges Übel, als ein ~pis aller~ bezeichnen. Die Baiern und Österreicher ausgenommen, ist aber den meisten Abgeordneten des übrigen Deutschlands die Einheit lieber als ein dreiköpfiger Cerberus, oder eine Fünfe nach Weise des französischen Direktoriums, oder eine Sieben aus der neuen österreichischen Tausend und eine Nacht.
Die heutige Sitzung, aus welcher ich soeben zurückkehre, war insofern eine günstige, als drei Anträge unserer Gegner abgelehnt wurden:
~a~) An Österreich statt 38, im Staatenhause (gleichwie Preußen) 40 Stimmen zu geben. 289 gegen 232 Stimmen, Mehrheit für uns 57.
~b~) Ein Entwurf über Vertheilung der Stimmen im Staatenhause, für den Fall, daß Österreich nicht in den Bundesstaat trete, ward nicht verworfen, sondern mit 290 gegen 231 Stimmen angenommen; Mehrheit 59.
~c~) Der Vorschlag, die Mitglieder des Staatenhauses nicht zur Hälfte durch die Regierungen, sondern sämmtlich durch die Volksvertreter ernennen zu lassen; verworfen mit 325 gegen 188. Mehrheit 137.
Diese Ergebnisse geben Aufschluß über das Verhältniß des Bundes der Österreicher und der Linken, und über die Macht der letzten; gewähren aber keineswegs Sicherheit über die Entscheidung der Hauptfragen, welche noch in +dieser Woche+ zur Abstimmung kommen.
Alles drängt immer mehr zu dem Antrage: den Regierungen die entworfene Verfassung vorzulegen und zu verlangen, daß sie in ihren +wesentlichen+ Punkten angenommen werde. Eine Weigerung führt fast unausbleiblich zu dem weiteren Antrage auf Ausschließung aller Abgeordneten der +verneinenden+ Staaten, und endgültige Feststellung der Verfassung durch die +bejahenden+. Sonst geräth Deutschland zugleich in die Hände wilder Demokraten und verstockter Reaktionaire, bis man im Mai oder Juni unter ungünstigen Umständen Das wird thun müssen, was man im März oder April zurückweiset; -- man wird aus den Ruinen Das gezwungen hervorsuchen, was wir entwarfen und bezweckten!
* * * * *
Es folgte nun am 27. März der Beschluß für das Erbkaiserthum, den 28. die Kaiserwahl, über welche die brieflichen Berichte nicht aufzufinden sind.
Hundertsiebenunddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 9. April, und folgende Tage.[A]
Da ich von meiner Reise nach Berlin vielen Freunden nichts erzählen konnte, will ich versuchen Einiges darüber niederzuschreiben. Doch folgten die Eindrücke so rasch aufeinander, oder waren untereinander so ähnlich, daß sie sich im Gedächtniß verwirren, mein Bericht sich mithin, in aller Kürze, nur auf einige Hauptsachen beschränken wird.
Am Morgen des 30. März (Freitags) fanden sich die Abgeordneten auf dem Bahnhofe ein, fuhren nach Biberich und bestiegen das vorher bestellte Dampfboot +Goethe+. Mainz lag außerhalb des näheren Weges, auch trug man Bedenken eine Stadt zu berühren, wo sich, neben der preußischen, eine österreichische Besatzung befindet.
Manche, am Rheine gelegenen Orte, mochten von unserer Reise gar keine Kunde erhalten haben, andere (insbesondere Neuwied) begrüßten uns mit Schüssen, Fahnenschwenken und Beifallsruf. Die Besatzung von Coblenz hielt es für angemessen, keine Zeichen der Theilnahme zu geben.
In Köln waren unzählige Menschen am Ufer versammelt, die in sehr guter Ordnung einen schmalen Gang eröffneten, durch welchen wir nach den auf uns wartenden Wagen gingen. Sonst tiefe Stille, kein Zeichen des Beifalls, oder Mißfallens; einige unwitzige Bemerkungen abgerechnet. Im Hotel Disch fand sich indeß eine glückwünschende Deputation von Bürgern und einigen Gesellschaften ein. Schon waren wir im Begriff vom Abendtisch aufzustehen und zu Bette zu gehen, als auf der Straße eine Katzenmusik begann, wie ich sie nie gehört habe. Noch jetzt begreife ich nicht mit welchen Mitteln man so unermeßliche Mißtöne hervorbringen konnte. Es klang als wenn alle Kannibalen und wilden Bestien sich zu einem Orchester vereinigt hätten. Ich gedachte der (zum Theil +gegen+ mich ausgesprochenen) Äußerung Venedey’s: daß es in Deutschland (und seinem Wohnorte Köln) keinen Pöbel gebe! Als ich um diesen näher zu beschauen, den Hausflur betrat und auf die Hausthür losging, zog man mich mit dem Bemerken zurück: man werde mich mit Steinen begrüßen! Auch wurden einige Fenster, zum Beweise der Volkssouverainetät, eingeworfen. Nachdem der Skandal nur zu lange gedauert hatte, erschienen einige Soldaten, welche man verhöhnte. Als sie aber Anstalten zum Laden machten, lief das Gesindel eiligst auseinander, soll indeß von den Gensd’armen mit Maulschellen bedient worden sein. Jeden Falls hat die (bisweilen allzueitle) Stadt Köln, Ursache sich zu schämen, daß rothe Republikaner und fanatische Katholiken so etwas unternehmen und vollführen konnten. Gewiß stand es im schroffsten Gegensatze zu Dem, was wir von jetzt an weiter erlebten.
Als ich vor der Abfahrt aus Köln, einem Barbier mein Mißfallen über das Geschehene sehr deutlich zu erkennen gab, antwortete er: es ist das Todesgeschrei dieser Leute; sie fühlen daß es mit ihnen zu Ende geht.
Schon in Düsseldorf (31. März) fanden wir eine glänzende Aufnahme und lebhafte Beweise der aufrichtigsten Theilnahme. Ebenso nach Maßgabe der Größe in den folgenden Städten. Fahnen, Bürgerwehr, Magistrat, Behörden zur Stelle, zweckmäßige Anreden und Antworten, Hurrahs, Hutschwenken u. s. w. Auch Preußisch-Minden zeichnete sich aus; alle Erwartungen überstieg aber die Aufnahme in Hannover. Man hatte anfangs gezweifelt: ob man nicht (aus bekannten Gründen) diese Stadt vermeiden und lieber in Bückeburg übernachten sollte. Mir schien es immer gerathen, kühn Hannover zu betreten, und die Mehrzahl der Abgeordneten entschied sich endlich für diese Ansicht.
+Alle+ Parteien, +alle+ sonst so verschiedenen Klubs, Gesellschaften und Verbindungen hatten sich vereinigt uns ihre vollständige Zustimmung aufs Feierlichste zu erkennen zu geben. Das Volk theilte diese Ansicht, ein Fackelzug geleitete uns bis zum ~british Hotel~, und ein buchstäblich mehr als tausendstimmiges Lebehoch ertönte von der Kopf an Kopf versammelten Menge, auf das Wohl Deutschlands und unseres Werkes Gelingen.
Wo möglich noch lebendiger war die Begeisterung in Braunschweig, wo man, am ersten April, für uns ein großes Mittagsmahl bereitet hatte. Es wurden von beiden Seiten gute Reden gehalten, und auch ich mußte es versuchen, da man (an die Zeit der Hohenstaufen erinnernd) meine Gesundheit ausbrachte. Ich antwortete etwa Folgendes. Schon als Kind hatte ich eine Vorliebe für die Karte des schwäbischen Kreises u. s. w. u. s. w. Diese romantische Mannigfaltigkeit ist den Stürmen der neueren Zeit erlegen; aber schon Kaiser Heinrich VI hatte den Plan einer größeren Einigkeit Deutschlands und eines Erbkaiserthums aufgestellt. Er kam hauptsächlich durch den Widerspruch des Papstes nicht zu Stande, welcher unsere Plane jetzt keineswegs behindern wird. Dem dichterischen Abendrothe einer vergangenen Zeit, auf welche wir mit Wehmuth und inniger Theilnahme zurückblicken, folgte eine lange Nacht. Jetzt erblicken wir das Morgenroth und ihm wird der volle Tag sich anreihen, wenn wir Alle thun, was uns obliegt.
Ich habe noch mehr gesagt, kann mich aber nicht besinnen, was? Abgeordnete aus Berlin, Potsdam, Magdeburg, Halberstadt, Aschersleben u. s. w. brachten uns Einladungen und Glückwünsche. Überall derselbe Sinn, die gleichen Wünsche und Hoffnungen.
In Magdeburg, dieselbe Aufnahme wie in Braunschweig. Fackelzug, Reden, Vivats, Musik u. s. w.
Der Empfang in Potsdam, und besonders das auf dem Bahnhofe für uns veranstaltete Festmahl, hatte doppelte Bedeutung, weil es in der Residenzstadt des Königs dargeboten ward. Einige Abgeordnete hielten gute Reden, die des Bürgermeisters von Potsdam war aber natürlich (in Folge seiner Stellung) behutsam und abgemessen, sodaß ich (trotz meiner Abneigung mich öffentlich auf den Redemoquirstuhl zu setzen) den Hr. Bürgermeister bat, mir später das Wort zu geben.
Ich sagte etwa Folgendes (das Genauere und Umständlichere ist meinem Gedächtnisse nicht mehr gegenwärtig):
Vor vierzig Jahren bin ich mit der Regierung in Potsdam eingezogen und habe als Regierungsrath in dieser Stadt gelebt. Erlauben Sie deshalb einem ehemaligen Miteinwohner, einige Worte an Sie zu richten. -- Man sagt (und oft mit Recht) daß alte Personen vergangene Zeiten übermäßig loben, und die Gegenwart übermäßig tadeln; ich lasse mir diese Einseitigkeit nicht zu Schulden kommen. Damals mußten wir schwere Leistungen übernehmen für fremde Zwecke, Steuern ausschreiben und erheben für unsere Feinde, wir waren hingegeben in die Knechtschaft eines ausländischen despotischen Kaisers. Jetzt haben Deutsche einen deutschen Kaiser erwählt, und wir bieten diese freie Gabe dem ersten der deutschen Könige. Diese Wendung der Dinge ist aber so überraschend, dieser Schritt so überaus wichtig und folgenreich, daß unser König mit vollem Rechte und seiner Pflicht gemäß aufs Ernstlichste prüft, was ihm in diesem entscheidenden Augenblicke zu thun obliege?
Aber nicht blos er, sondern wir Alle müssen uns die Verhältnisse klar vor’s Auge stellen, wir müssen zu einer festen Überzeugung kommen; denn des Königs Entschlüsse sind dereinst auch die unseren, und nach den unseren kann und wird auch er mit Sicherheit und im Vertrauen auf unseren festen Beistand, entscheiden, und jedes Bedenkens, jedes Widerspruches Herr werden.
Erlauben Sie, daß ich an einige solcher Bedenken erinnere. Zuvörderst (spricht man) hat sich die Diplomatie gegen alle Neuerungen in Deutschland erklärt. Meine Herren! Diese Diplomatie welche eitel ist auf ihre Phrasendrechselei, welche es für ihr Meisterstück hält, inhaltslose, zweideutige, jede Auslegung erlaubende Noten zu entwerfen, hat niemals die Welt gelenkt und beherrscht. Sie wird am wenigsten in unseren Tagen beruhigen, begeistern, oder entscheiden; -- wir können sie füglich zur Seite lassen.
Weit wichtiger ist der zweite Einwand: daß fremde Mächte unsere deutsche Wiedergeburt nicht zugeben würden. Meine Herren! Haben wir uns denn eingemischt, als in Rußland auf Kaiser Alexander nicht Konstantin, sondern Nikolaus folgte, als sich die Franzosen eine neue Verfassung gaben? Wollten aber fremde Mächte, gegen alles Recht, uns in unserer nothwendigen Entwickelung hemmen, so wird ein so großes Volk, wie das deutsche, wissen, was ihm zu thun obliegt.
Ich komme auf Österreich. Wir haben es nicht zurückgestoßen, sondern es hat sich zurückgezogen, oder ganz unannehmbare Vorschläge gemacht. Es protestirt gegen Grundrechte, Volkshaus und Kaiser, es möchte durch ausländische Abgeordnete undeutscher Volksstämme im Staatenhause die Mehrheit gegen Deutschland gewinnen; es will Institutionen begründen, schlechter als der alte Bundestag; es will keinen Bundesstaat, und kann ihn nicht wollen. Die Mehrheit der deutschen Fürsten (welche Manche übereilt und eigennützig mediatisiren wollten) haben ihre Stellung richtig erkannt und zu nothwendigen Maßregeln bereits freundlich die Hand geboten. So bleiben nur die deutschen Könige übrig, welche ihre Widersprüche auf ihre Souverainetät gründen. Woher, meine Herren, stammt denn aber diese Souverainetät?
Als der Kaiser Napoleon eine Fabrik von Königskronen anlegte, warf er einige deutschen Fürsten zu, und stempelte diese hiedurch, unter Spott und Hohn, zu seinen Knechten. Jene angebliche, früher unerhörte Souverainetät, dargeboten oder aufgezwungen von einem fremden Tyrannen, war eine Schmach für die Empfänger, und es ist ein Glück, es ist eine Ehre für sie, wenn sie sich jetzt davon reinigen, und als lebendige Glieder in das erneute, wiedergeborne, einige Deutschland eintreten!