Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (1/2)
Part 3
Die entgegengesetzte, zahlreichere (und nur über eine strengere oder mildere Fassung uneinige) Partei fürchtete dagegen, daß, wie traurige Erfahrungen vieler Jahre zeigten, auch jetzt wieder nichts für Einigung und Kräftigung Deutschlands zu Stande kommen werde, wenn die Versammlung den günstigen Augenblick versäume und, anstatt sich mächtig hinzustellen und kräftig auszusprechen, feige und thöricht warte, bis sich in den einzelnen Staaten Hindernisse und Widersprüche unüberwindlich erhöben. -- Nach langen, schroff sich widersprechenden oder vermittelnden Reden, beschloß endlich die Versammlung, zu erklären: daß alle Bestimmungen in den Verfassungen einzelner deutscher Staaten, welche mit der Gesammtverfassung Deutschlands nicht übereinstimmen, nur nach Maßgabe der letzten gültig sind.
Da sich 90 Redner gemeldet hatten, und die Versammlung auf Abstimmung drang, bevor die Hälfte gesprochen, so werdet Ihr und meine Herren Wähler es sehr billigen, daß ich mich nicht als der 91. meldete; sonst hatte ich allerdings mancherlei auf dem Herzen, was Keiner hinreichend entwickelte. Man hielt sich nämlich immer nur an die +förmliche+ Frage, über das Verhältniß eines +Ganzen+ zu seinen +Theilen+, man bewegte sich in dem Kreise dieser noch inhaltlosen, allgemeinen Abstraction; während es mir durchaus nothwendig erscheint auf den +Inhalt+ einzugehen, auf das Besondere, Concrete. Da ergiebt sich unwiderleglich: daß die allgemeine Verfassung gewisse Dinge unbedingt feststellen muß, gegen welche keine besondere Verfassung sich erklären darf. Umgekehrt aber giebt es andere Dinge, welche diese besonderen Verfassungen entscheiden, und in welche sich die allgemeine Verfassung oder die centrale Behörde eines Bundesstaates gar nicht einmischen darf. Beide, die allgemeine und die besonderen Verfassungen haben ihre eigenthümlichen Rechte, und ein Hinausgreifen über diese Kreise führt entweder zur Despotie, oder zur Auflösung und Zerbröckelung. Natürlich fürchtet man hier das Letzte mehr wie das Erste; wahre Staatsmänner müssen aber beide Abwege und Gefahren im Auge behalten und ihnen vorbeugen. In dieser Weise sind die Amerikaner vorgeschritten und haben die schwere Aufgabe glücklich gelöset.
Man macht den Einwand: die Nothwendigkeit besonderer Verfassungen verstehe sich von selbst. Dasselbe gilt aber auch von der allgemeinen, und ich will wünschen, daß jene Erklärung des Reichstages nicht als eine Neigung ausgelegt werde, um der Einheit willen, die Mannigfaltigkeit der Entwickelung allzu sehr zu beschränken. Ein anderer Einwand: „jede nähere Bestimmung hätte in unzeitige endlose Erörterungen geführt,“ beruht mehr auf der Voraussetzung, daß die Versammlung dazu geneigt sei, als auf innerer Nothwendigkeit. Eine halbe Zeile reicht hin zur Beruhigung, welche z. B. (wie ich höre) die Luxemburger zum Schutze ihrer Verfassung verlangen. Zuletzt kommt freilich Alles auf den Inhalt der zu entwerfenden +allgemeinen+ deutschen Verfassung an. Sie ist ohne Zweifel schwieriger zu Stande zu bringen, wie jede +besondere+.
Dritter Brief.
Frankfurt a. M., den 30. Mai 1848.
Gegen Abend nahm ich eine Droschke und fuhr durch Sachsenhausen bis jenseit des nächsten Dorfes, durch zierliche Lustgärten, fleißig bebaute Gemüsegärten und reiche Felder. Alles fruchtbar, anmuthig, an die erfurtsche Gartencultur erinnernd, und wenn nicht erhaben oder hochpoetisch, doch reizend, und den Geist in so heitere Stimmung versetzend, daß man die Reichstagssorgen auf eine Zeit lang vergißt.
In der gestrigen Sitzung ergab sich was ich vorhergesehen: Abgeordnete von Luxemburg und Triest widersprachen dem, Euch mitgetheilten Beschlusse, welcher die Macht des Reichstages, auf Kosten der örtlichen Verhältnisse und Verfassungen, zu weit auszudehnen schien. Dies gab Veranlassung zu der Bemerkung, daß der Ausschuß für Entwerfung der Verfassung so übermäßig beschäftigt sei, daß man ihm Gegenstände, wie die erwähnten, nicht zuweisen möge. Deshalb beschloß man einen besondern Ausschuß für völkerrechtliche und sogenannte internationale Fragen und Aufgaben zu erwählen. Dies geschieht in der Weise, daß jede der funfzehn Abtheilungen, in welche alle Mitglieder des Reichstages verlooset werden, ein Ausschußmitglied erwählt. Die dritte Abtheilung, zu welcher ich verlooset bin, deren Mitglieder mir aber zeither persönlich ganz unbekannt waren, erzeigte mir unerwartet die Ehre, mich mit einer sehr großen Stimmenmehrheit zu erwählen. Meine verspätete Ankunft in Fr. schloß mich von allen bereits früher erwählten Ausschüssen aus und minderte die Arbeitslast wenigstens Nachmittags; jener völkerrechtliche Ausschuß ist aber fast der bedenklichste und eine Art von ~noli me tangere~: denn Schleswig, Polen, Böhmen, Luxemburg, Limburg, Südtirol, Triest u. s. w. dürften daselbst zur Sprache kommen; ohne daß wir Macht haben, die Sprache in That zu verwandeln, ja, ohne die wahre Lage der Verhältnisse hinreichend genau zu kennen.
Hierauf folgte in der gestrigen Sitzung die Berathung über einen neuen (den zweiten) Entwurf einer Geschäftsordnung, und es ließ sich (zu meinem und vieler Andern Schrecken) so an, als werde über unzählige Einzelheiten eine endlose, unnütze Rederei eintreten. Gottlob, daß die Mehrheit dieses zeitvergeudende Uebel dadurch abschnitt, daß sie die, von einer Commission genau geprüfte, Ordnung kurzweg im Ganzen annahm und Berathungen über Einzelnes nur dann zulassen wollte, wenn wenigstens 50 Mitglieder es verlangten. Ich wunderte mich, daß -- sich zuerst zum Sprechen gemeldet hatte. Ihr kennt seine Redeweise. Sie machte um so weniger Eindruck, da man Vieles gar nicht verstand, und was ich verstand, bezog sich vorzugsweise auf Allgemeinheiten über die Größe und Schwierigkeiten unserer Aufgabe, wovon sich bei jeder einzelnen Sache etwas sagen ließ, ohne zur Sache zu gehören. Die einzige hervortretende Forderung: „Nichts durch Ausschüsse vorbereiten zu lassen, sondern Alles von Anfang bis Ende allein in der vollen Versammlung zu berathen“; war so unpassend und unpraktisch, daß sie zu Boden fiel, und bei der Mittagstafel in der Mainlust Mehre bemerkten, daß -- Rede ihren Erwartungen gar nicht entsprochen habe. -- Ich nahm mir das ~ad notam~, schrieb es mir hinter die Ohren, dachte an Splitter und Balken, und zupfte mich an meiner eigenen Nase.
Ungeachtet dieser Fingerzeige sammelt sich der Redestoff, und ich werde mich über kurz oder lang der Gefahr aussetzen, mir die Finger zu verbrennen. Insbesondere wegen der ganz unbegründeten Anklagen oder Verläumdungen, welche unsinnige Eiferer aus Süddeutschland über Preußen aussprechen. Wir kennen unsere Fehler besser als sie; aber wer hat denn nicht gefehlt und gesündigt? Viel Gerede von Deutschlands Macht und Einigkeit, während kaum +eine+ Million, +sechzehn+ Millionen hochmüthig abweiset! Da soll kein preußischer Landtag berufen werden, bevor die frankfurter Versammlung Alles ins Reine und Feine gebracht hat. Dann soll Preußen seinen Handel, ohne Ersatz und Dank, für Schleswig opfern; oder um der Polen willen Rußland bekriegen u. s. w.
Nachdem ich Häring gestern zur Eisenbahn begleitet hatte, hörte ich den ersten Akt des Don Juan.
Wäre ich 20 Jahre jünger, würde ich Euch wohl umständlicher über die Aufführung einen Bericht erstatten, wie das Haus, die Erleuchtung, die Dekorationen, die Bänke beschaffen sind, wie jeder Herr und jede Dame gesungen und gespielt hat u. s. w. Ich konnte diesmal andere Nebengedanken nicht beseitigen. Diese Musik Mozart’s, unsterblich und in stets blühender Jugendkraft, wird die Jahrhunderte siegreich, entzückend und beglückend durchschreiten; -- und dagegen das Werk unseres Reichstages (wenn anders eins wirklich zu Stande kommt)! welchen Schmähungen wird es unterliegen, nach wie kurzer Lebensdauer wird es hinsterben, wer wird dann all der Redner und der Reden noch gedenken? Wo bleiben die Barricadenhelden, im Vergleiche zu den Helden der Wissenschaft und Kunst!
Bald aber ging mein Melancholisiren noch viel weiter! Wo sind denn die Meisterwerke griechischer Tonkünstler? Wo die Athene des Phidias, die Aphrodite des Praxiteles, die Trauerspiele des Sophokles und Euripides, die Gemälde des Apelles, die Bücher des Livius und Tacitus? Es giebt auf Erden keine Dauer, selbst nicht für das Würdige, keine Bürgschaft für diese Dauer! ~Vanitas vanitatum, et omnia vanitas.~ Ich sah Deutschland in sich zerfallen, und während es von Herstellung des immerdar haltungslosen Polen träumt, eine Beute, getheilt zwischen östlichen und westlichen Feinden. Man wird dereinst streiten über die Lage Frankfurts, wie über die Trojas und Vejis, man wird, eine Hand aus dem Schutte hervorsuchend, streiten, ob sie zur Bildsäule Karl’s des Großen oder Goethe’s gehörte; man wird in Buchbinderpappdeckeln, sowie jetzt Bruchstücke des Livius oder der Nibelungen, so vielleicht ein Stücklein der Ouverture des Don Juan entdecken! Nicht Franzosen, nicht Russen, sondern Gott weiß, welches erdgeborne Volk wird dann den deutschen Boden beherrschen, und gegen Schicksale, wie sie Aegypter, Griechen und Römer erfuhren, schützt politisches Gerede, diese falsche Magie, in keiner Weise! Ich ward glücklicherweise unterbrochen, sonst hätte ich meine Jeremiade wohl noch viel länger ausgesponnen; und doch muß der längsten Nacht, auch die Tag- und Nachtgleiche, und der längste Tag folgen. Darum nach meinem Wahl- und Trostspruche: ~nil desperandum~ und zur heutigen Sitzung des Reichstages.
Vierter Brief.
Frankfurt a. M., den 31. Mai 1848.
Ich bezeuge wiederholt meine Freude über deinen Brief; denn so lange Arbeit und Aufregung dauert, hält man sich aufrecht; nochmals aber, wenn man sich wie ein altes Taschenmesser selbst zusammenklappen muß, fühlt man die Einsamkeit doppelt bitter, und daß alles Abgeordnetengerede, immer über dieselben Dinge, kein Wasser vom Brunnquelle des Lebens ist. Allerdings ist hier wenig rein +Erfreuliches+, man lebt von politischen ~omelettes soufflées~, und merkt nicht daß, wenn Russen, oder Franzosen mit der Gabel hineinstechen, der ganze Rühreiolymp zusammenfällt. So giebts selbst Abgeordnete welche meinen, +man+ müsse Krieg und Hader mit Rußland und England darüber anfangen, ob Hadersleben zu Deutschland gehöre. Und doch will kein Mittel- und Süddeutscher einen Groschen zahlen, oder einen +Mann+ stellen und ~verba sesquipedalia~ sollen für Kanonen gelten. Indessen bleibt noch Hoffnung, daß die Vernünftigen und Gemäßigten oben auf bleiben.
Die berliner Straßenskandale sind unter aller Kritik, und werden erst ein Ende nehmen, wenn man Ernst gegen den Pöbel zeigt, und mit Strenge straft. Schneider’s Ausweg ist heiter und führte zum Ziele; aber eine solche Schwalbe, macht keinen Sommer.
Was du über deine Gefühle beim Anblicke der Bildsäule Friedrich’s II. schreibst, stimmt fast wörtlich mit meinen ähnlichen frankfurter Empfindungen.
In der heutigen Sitzung ward zuerst eine Erklärung vorgelesen und angenommen, worin den Einwohnern Deutschlands von anderen Volksstämmen, die Erhaltung aller ihrer volksthümlichen Rechte zugesichert wird. Die übrige Zeit verging mit neuen Wahlen, auf kürzere und längere Zeit. Präsident ward H. v. Gagern mit 434 Stimmen von 513. Erster Vicepräsident v. Soiron mit 408, zweiter v. Andrian aus Wien mit 310 Stimmen. Mittags aß ich in der Mainlust und saß zwischen Grimm und Veit. Nachmittags ordnete sich der schon erwähnte Ausschuß für völkerrechtliche Fragen, wobei ich wieder einem alten Gegner, +Stenzel+ aus Breslau, freundlich und um so mehr die Hand reichte, da wir beide ~socii malorum~ waren, das heißt im Ablaufe der Zeit graue Haare bekommen hatten. Ein Versuch, nochmals über die schleswigsche Angelegenheit einen übereilten Beschluß zu fassen, ward für +diesmal+ glücklich vereitelt. Doch drohen noch Gefahren dieser und anderer Art von allen Seiten. So der Plan +hier+ eine vollziehende Gewalt zu begründen und provisorisch zu erwählen; wobei sich wohl nur Wenige etwas Deutliches und Bestimmtes denken. Insbesondere ist zu befürchten, daß dies Provisorium Zwiespalt zwischen der hiesigen Versammlung und den einzelnen Regierungen hervorbringen und später als Beweis für die Tauglichkeit rein republikanischer Formen angeführt werden dürfte.
Eine andere noch größere Gefahr liegt in dem Zerfallen Oesterreichs und den Berathungen aller slavischen Stämme, über eine neue Vereinigung zu einem großen Reiche. So wird Deutschland an allen Seiten durch den, bis zum Aberglauben vorherrschenden Begriff der Nationalität beschnitten, ohne daß Elsaß, Lothringen, Kurland, Liefland u. s. w. gewonnen werden könnte, ja der Verlust des linken Rheinufers, durch eigene Schuld und fremde Habgier, in Aussicht steht.
Den 1. Junius.
Es wird nicht mit Unrecht Klage geführt, daß die preußischen Abgeordneten zu zerstreut sind und ihre Wirksamkeit sich dadurch vermindert. Dem abzuhelfen war zu gestern Abend eine Versammlung im Hirschgraben Nr. 9 angesagt, aber nur schwach besucht, theils weil gleichzeitig Hrn. von Gagern ein Fackelzug und Vivat von den Frankfurtern gebracht ward, theils weil Mancher sich wohl Denen nicht zugesellen wollte, die man hier die äußerste Rechte zu nennen pflegt, und welche den Hauptbestandtheil der Erschienenen ausmachten. Ich läugne die Nothwendigkeit nicht, sich, wohlgeordneten Gegnern gegenüber, auch zu organisiren, habe aber eine Abneigung gegen alles Partei- und Klubwesen, wo man seine Freiheit und Beweglichkeit aufgeben, und einem festen Symbole und (politischen) Glaubensbekenntnisse unterordnen soll. Der Zweck und die Wirkung lebendiger Berathung wird hiedurch oft gestört, das Mögliche nicht vom Unmöglichen geschieden, und eine Niederlage schon dadurch herbeigeführt, daß man die Nothwendigkeit einen Schlachtplan zu ändern, nicht zur rechten Zeit anerkennt. Ich fand in jener Versammlung Lichnowsky, Wartensleben, Arnim, Auerswald, Schubert, Vincke u. A. Man hob zuvörderst hervor: wir müßten bestimmt wissen was wir wollten und bezweckten, wir müßten uns über ein festes „Programm“ (in Berlin „politisches Glaubensbekenntniß“ genannt) einigen. Ein solches lag nicht vor, und ein früher von Mittermaier entworfenes ward zurückgewiesen, weil es viel zu unbestimmt laute; ja, gegen seinen (des Abwesenden) künftigen Vorsitz Widerspruch erhoben. Um nun aber einem anzunehmenden „Programme“ näher zu kommen, fand eine vorläufige Besprechung statt, wobei sich sogleich die größten Meinungsverschiedenheiten selbst unter diesem kleinen Bruchtheile angeblich gleichgesinnter Personen hervorthaten. Einer der ersten, welche ihre Ansichten entwickelten, war Herr v. Vincke, und, kaum weiß ich wie es geschah, daß ich unmittelbar nach ihm (das +erste+ Mal in Frankfurt) sprechen -- und ihm +widersprechen+ mußte. Er verlangte nämlich, daß wir an der Spitze unseres Programms feststellen müßten: die Nothwendigkeit eines sogleich auf Preußen zu übertragenden erblichen Kaiserthums. +Erst wenn dies durchgefochten+ sei, lasse sich mit Erfolg von allen anderen Dingen handeln. Hierauf beschrieb er die Zukunft schwärzer, als schwarz, Trennung Deutschlands, Bürgerkrieg, Verlust des linken Rheinufers u. s. w. -- Ich ließ mich auf diese zweite Hälfte der Vinckeschen Rede nicht näher ein, sondern sagte im Wesentlichen etwa Folgendes: wenn Preußen sich von Süddeutschland trennt, so geräth es in Abhängigkeit von Rußland, Süddeutschland in die Knechtschaft Frankreichs. +Jetzt+ aber ein erbliches Kaiserthum für Preußen schon erstreiten wollen, ist bei den unläugbar hierüber in diesem Augenblicke noch +vorherrschenden Ansichten ganz unmöglich+. Wir würden uns dadurch in der Reichsversammlung völlig vereinzeln, ja diese vielleicht auseinandersprengen. Die Frage über das Kaiserthum und über Österreichs Stellung liegt noch so in Dunkel und Verwirrung, daß erst +allmälig+ Einsicht und Verständigung eintreten kann. Deshalb bin ich bestimmt der Meinung, den Thurm nicht von oben zu bauen, sondern zunächst einen breiten festen Grund zu legen. Diese Grundlegung, welche ganz Deutschland zunächst von uns erwartet, besteht in Anerkenntniß, Bestätigung und Durchführung der großen Volksrechte und nationalen Einrichtungen, z. B. Zollverein, Heeresmacht, Münze, Rechtspflege &c. &c., wie sie bereits in dem Dahlmannschen Entwurfe aufgezählt sind. Hierüber wird wenig Streit eintreten, und in Folge so heilbringender, populairer Beschlüsse, mögen wir weiter aufwärts fortschreiten zur Bildung der zweiten, der ersten Kammer. Wie wir dann auch die Spitze aufsetzen und ausschmücken mögen, es ist leichter, als jetzt in der Luft zu bauen; und selbst ohne Spitze behält der Bau seine hohe Wichtigkeit und Bedeutung. -- Es schien mir anfangs nicht als wenn meine Worte Eindruck machten, allmälig aber ergab sich daß Lichnowsky, Auerswald, Wartensleben, Schubert, der Vinckeschen eiligen Kaisermacherei nicht beitraten, sondern im Wesentlichen mit meiner Ansicht übereinstimmten.
Die Verfassungsentwürfe wachsen hier so rasch und zahlreich empor, wie Kresse auf einem warmen wollenen Lappen; oder mit denselben Stücklein bemalten Holzes, legt man unzählige Muster zusammen. Da aus der Vergangenheit fast nichts Ordnendes, oder Begränzendes beibehalten werden soll; so drängen sich sehr natürlich unzählige Möglichkeiten hervor, von rein republikanischen Formen, bis zu einem despotisirenden Kaiser. Um nicht Alles in anarchische Willkür auseinanderfallen zu lassen, findet der Gedanke von einem vollziehenden Triumvirat Beifall, wozu Österreich ein, Preußen ein Mitglied ernennen, und das dritte hier erwählt werden soll. Das klingt ganz einfach, wie weit aber der unmittelbare Wirkungskreis dieser Dreieinigkeit, oder Drei+un+einigkeit sich erstrecken soll, ist schwer zu bestimmen. Sollen z. B. Radetzki, Wrangel u. s. w. unmittelbar Befehle aus Frankfurt empfangen, oder theilen sich die Männer das Reich wie die römischen Triumvirn, oder treten sie nur an die Stelle der 17 Stimmen des Bundestages? Ihr seht man hat hier viel zu denken, zu überlegen, zu gestalten. Sind es nur Willkürwolken des Polonius, oder werden daraus Blitze herniederfahren und Deutschland auseinandersprengen, wie es Österreich bereits ist? Gott helfe weiter!
Fünfter Brief.
Frankfurt a. M., den 2. Junius 1848.
An welchen Fäden hängen die Schicksale der Reiche!! Ohne den 18. März, sagt mir Herr v. L., wäre der König von Preußen ohne Zweifel zum Kaiser von Deutschland erhoben worden. Damals hätte Österreich aber wohl schwerlich eingewilligt; und hätte sich Preußen dadurch nicht in unzählige Händel verwickelt und (wie schon jetzt) Undank und Schmähung, statt des Dankes erfahren? Niemals sind die Deutschen ihrem Kaiser sehr unterthan gewesen, und auch heutiges Tages sehe ich dazu noch keine Neigung, obwohl die Nothwendigkeit einer einigen Leitung täglich mehr heraustritt.
Täglich ziehen die Wolken neuer Verfassungsentwürfe am Horizonte auf, und verwandeln ihre Umrisse auf die mannigfachste Weise. Laßt Euch die Zeit nicht lang werden, heut einmal mit mir diese ~fata morgana~ anzuschauen.
Gestern hat mir Herr v. L. seinen „Beitrag zu einer künftigen deutschen Reichsverfassung“ übergeben, aus welchem ich Folgendes entnehme. Die Gesammtregierung soll bestehen aus einem hohen Rathe (Oesterreich, Preußen, und ein Dritter aus allen Bundesgliedern auf Lebenszeit vom Parlamente zu erwählender Fürst) und aus zwei völlig gleichberechtigten und mit derselben Stimmenzahl versehenen Volkskammern. Die eine Kammer wird halb aus ländlichen, halb aus städtischen Bewohnern gewählt (wie, ist nicht gesagt); die andere dagegen zu ¼ aus ordentlichen und außerordentlichen Universitätsprofessoren, ¼ aus Sachwaltern, ¼ aus Geistlichen, ¼ aus Kaufleuten und Fabrikanten. (Grundbesitzer sind hier nicht wieder erwähnt.) Bei Meinungsverschiedenheiten beider Kammern entscheidet die aus der +vereinigten+ Abstimmung sich ergebende Mehrzahl. Zu Zeiten des Krieges, oder sonstiger Gefahr, geht die ganze verfassungsmäßige Gewalt des Bundes, mittelst Wahl des deutschen Parlamentes, auf einen der drei, den hohen Rath bildenden Fürsten über, der dann persönlich in Frankfurt residiren muß. -- Ueber die allgemeinen Rechte und Einrichtungen im Ganzen das Bekannte. -- Ich habe nicht Zeit, mehr mitzutheilen, oder das Mitgetheilte zu beurtheilen, da ich auf die +wichtigeren baierischen Vorschläge+ übergehen will.
Diese lauten im Wesentlichen: Der Zweck des neuen deutschen Bundesstaates ist die Vertheidigung und Vertretung Deutschlands als politischer Einheit nach Außen, und die Einigung Deutschlands in seinen gemeinsamen Interessen und Rechten nach Innen. Die Hauptorgane für Erreichung dieser Zwecke sind: 1) der +Reichstag+ mit einem +Direktorium+ an der Spitze. 2) Das in +zwei Kammern+ getheilte +Parlament+. (Ueber die allgemeinen Volksrechte, nationale Einrichtungen und Maßregeln finden sich keine erheblichen Abweichungen von dem fast überall Gewünschten. Nachdruck wird indeß auch gelegt auf die gemeinsame Errichtung einer Flotte, das Auswanderungswesen, die Verbürgung der einzelnen Verfassungen und eine selbstständige Verwaltung der Gemeindeangelegenheiten.) -- Durch die allgemeinen Einrichtungen des Gesammtbundes soll das eigenthümliche Recht und die nothwendige Selbstregierung der einzelnen Staaten- und Volksstämme nicht erstickt und verwischt werden. Deshalb sollen diese ihre Vertretung und ihre Gewalt in den Centralorganen des deutschen Bundesstaates finden. (Aehnlicherweise habe ich immer dafür gesprochen, daß sich die Mannigfaltigkeit der Einheit zugesellen müsse, wie in Nordamerika; nicht unbedingte Centralisation wie in Frankreich.) Das Direktorium ist der Ausdruck und Repräsentant der Einheit der deutschen Fürsten und Völker gegen Außen, und der Vertreter und Förderer der Einigung der deutschen gemeinsamen Interessen und Rechte nach Innen. Es ernennt die Mitglieder des Ministeriums und sämmtlicher Centralbehörden aus der Candidatenliste der einzelnen Regierungen. Es eröffnet und schließt, vertagt, beruft das deutsche Parlament nach zu erlassenden Vorschriften. Das Direktorium wird nicht erwählt, es ist nicht erblich, oder stets einer bestimmten Regierung angehörig; sondern es wechselt entweder nach einem festen Cyclus der Regierungen von Nord-, Ost- und Süddeutschland, oder drei Hauptstaaten Deutschlands nehmen gleichzeitig daran Theil. (Der Cyclus unter Vielen ist schwer zu ordnen, und schwerlich wären alle übrigen Staaten damit zufrieden, wenn Baiern +allein+, ohne Wahl, neben Österreich und Preußen einträte.) -- Die eine Kammer des Parlamentes bildet sich aus den unmittelbaren Wahlen des deutschen Volkes, die andere aus denen der deutschen Ständekammern, oder vielmehr aus der ersten Ständekammer und den ihr analogen Bestandtheilen.
Den weiteren baierischen Erklärungen zu den Grundzügen der Verfassung entnehme ich Folgendes: In dem ersten Nationalparlamente ist den Regierungen der deutschen Staaten ihr nothwendiger Antheil an der zukünftigen Constituirung Deutschlands +nicht+ zugesichert. (Sehr wahr! Die Versammlung schwärmt für ihre Allmacht und Souverainetät; so daß, wenn der Inhalt ihrer Beschlüsse nicht gemäßigt ausfällt, Widerspruch der einzelnen Staaten schwerlich ausbleiben wird.) Deshalb mögen alle Regierungen ihre Gesinnungen und Grundsätze durch Bevollmächtigte in Frankfurt darlegen, um zu gemeinsamen, annehmbaren Beschlüssen zu gelangen, und den Regierungen, wie den Volksstimmen ihre nothwendige Lebensfähigkeit neben den Organen des Centralstaates zu sichern. Sonst wird eine Despotie erschaffen, welche die Fürsten und Völker Deutschlands, in dem Keime ihrer Macht, ihrer freien Bewegung und ihres innersten Lebens vernichtet. (Es ist sehr natürlich, nach so bösem Zerfallen Deutschlands in einer mächtigen Centralmacht die beste, ja einzige Hülfe zu sehen. Der wahre Staatsmann muß aber die Verhältnisse nicht blos nach dem letzten Augenblicke beurtheilen, sondern von dem leicht eintretenden Zuviel zurückhalten, und das Unmögliche vom Möglichen unterscheiden.)