Briefe aus Aulestad an seine Tochter Bergliot Ibsen
Part 7
Bismarck geht in sein eignes Garn; er hat selbst damals, als er es brauchen konnte, die Alleinherrschaft des Kaisers proklamiert, und er hat selbst bis in den Tod Männer verfolgt, die wagten, eine andre Meinung zu haben als der Kaiser und er. Und nun ist er der erste, der dem Willen des Kaisers entgegenarbeitet, heimlich und öffentlich, und darüber fällt er! -- -- Entweder wird er binnen kurzem wieder das Heft in Händen haben, oder er behält recht darin, daß es jetzt schief geht. Mit aller Art von Neuerungsideen läßt sich ein Staat nicht leiten, am allerwenigsten einer, der so exponiert liegt wie Deutschland. -- Es soll sich nur keiner einbilden, daß hierdurch mehr Freiheit, mehr Licht in die Welt kommt; kein Prinzip des modernen Zeitgeistes hat den Großen gefällt; kein größerer Schachspieler hat den größten seiner Zeit matt gesetzt, keine weitschauende Politik die kurzsichtige; denn mit allen seinen Augenblickssiegen war Bismarck doch nur ein kurzsichtiger Mensch, der nicht die Zukunft aufbaute, sondern nur Sieg auf Sieg gewann im Kleinkram der Gegenwart. Nein -- wir werden dasselbe mittelalterliche System haben, nur _ohne die Siege_, ... bis es am Boden liegt. --
Das Haus hat also jetzt einen Schornstein auf dem Dach und eins seiner vier Kreuzdächer ist mit blauen Ziegeln gedeckt. Ferner sind die Fehlböden, die unter den eigentlichen Fußböden liegen, im untersten Stockwerk fast fertig. Die Tischler und Amund (der Maler und Sattler, Du weißt) machen schöne Möbel und verhältnismäßig billig. All mein altes, trocknes Material kommt uns nun gut zustatten.
Geliebter Schatz, Du mußt bei frischen Kräften bleiben. Und Verkehr suchen mit den vielen, die Dich gern haben. Durchaus! Wir haben gedacht, Du könntest diesmal auf dem Landweg nach Hause kommen und einige Tage bei Hegel bleiben. Vielleicht ist dann Mutter dort, so daß Ihr zusammen heimkehrt. Mutter hat unter meinen Papieren folgende Strophe aus alten Tagen gefunden:
Im Walde.
Der Wald gibt sausenden sachten Bescheid; Was immer er sah in den einsamen Stunden, Was immer er litt, als man doch ihn gefunden, Das klagt er dem Winde; der trägt es weit.
Ist das nicht schön? Das müßte sich in Musik setzen lassen. -- Heuer geht die Schneeschmelze ohne Hast und Schönheit vor sich, recht heimtückisch. Draußen über dem niederen Ackerland liegt er kreideweiß und schwindet hin, hier oben ist er ausgezehrt, wie einer, der die Schwindsucht hat; hektische Flecken da und dort. -- Sie fahren Holz mit sechs Pferden den ganzen Tag; es fragt sich, ob wir es ins Haus einbringen heuer wegen des schlechten Schnees. -- Dagny und Anna haben sich beide das Haar kurz geschnitten, es steht ihnen ausgezeichnet. Leb' denn wohl, geliebter Schatz, tausend, tausend Grüße von allen durch
Deinen Freund Vater.
Aulestad, 4. April 1890.
Liebe, Süße Du, wie unterhaltend und klar Du schreibst! Die Briefe allein schon zeigen, daß Du im Wachstumsalter bist. Nicht die Briefe aller zeigen das, selbst wenn sie zwanzig Jahre alt sind; denn es wachsen leider nicht alle. Und es ist etwas wert, daß _Du_ wächst durch Umgang, Arbeit, Bücher; denn _das_ ist es, was Dir den _Gehalt_ gibt, der später den Gesang füllt und färbt.
Ich muß heute mal mit Dir reden über Mad. Marchesis bornierte Methode, von allen _eine_ Art des Singens zu verlangen. Das ist natürlich verkehrt. Aber eines bedenke: _sie hat mehr singen hören_, als ihr alle miteinander, und darunter die _Allergrößten_; denn die Allergrößten haben zu ihrer Zeit gelebt, und nicht in Eurer. Infolgedessen hat sie (ohne selbst sehr poetisch zu sein) dadurch Musterbeispiele, und als Sängerin ein solches Gedächtnis für die Behandlung jedes einzelnen Stückes, daß Ihr, wenn Ihr ihr folgt, immer der besten Fährte folgt. Aber hier hört ihr Recht auf. Denn nicht alle _können_ so singen, wie die Größten; wenn sie ebenso groß sind, haben sie ihre eigene bahnbrechende Art, und wenn sie nicht groß sind, liegt ihr _einziges_ Verdienst darin, _daß sie sie selbst sind_; haben sie das nicht, dann können sie sich begraben lassen! Es ist der reine Zufall, wenn jemand dieselbe Natur hat, wie der, der dieselbe Nummer von allen am vollendetsten sang.
Ich habe Garborgs »Bei Mama« gelesen, das aus unsrer schmutzigen Wäsche zusammengestückelt ist. Ein hysterisches Weibsbild (Tochter eines sinnlichen Faultiers von Mutter) gezeichnet von einem hysterischen Mannsbild, -- das soll »_das Weib, wie es ist_«, sein! Das Buch besteht, wie alle Bücher Garborgs, aus tausend kleinen Geschichten. Er ist kein Dichter, er ist ein Schriftsteller, der einem Menschen mit kritischen Bemerkungen nachgeht, und die genügende Gewandtheit hat, ihnen verschiedenartige Form zu geben; es stimmt uns oft nachdenklich, aber wir sind nie ergriffen. Die hysterische Unruhe, dieses Jagen vom einen ins andre stört; ein Bild wird am besten mit ein paar kräftigen, sicheren Linien gezeichnet; durch diese tausend Strichelchen wird es wieder verwischt. In »König Midas« heißt es, »daß niemand so lügt, wie die, die herumlaufen und die Wahrheit sagen«. Das paßt ausgezeichnet auf die Art Bücher, die _nur_ in Geruch und Anblick und Zerknülltheit der schmutzigen Wäsche leben; _die_ »Wahrheit« ist derbe Lüge. Die schmutzige Wäsche muß auch sein; aber nicht als das einzige oder das entscheidende für unsre Anschauung des menschlichen Lebens. Er haßt die »Ideale«, weil sie die Menschen verleiten, an sie zu glauben, und -- wenn sie sie nicht erreichen können -- mutlos zu werden. Nun ja, das geht gewiß vielen so, besonders so lange die religiöse Verkündigung ist wie sie ist: _ein Einziges für alle_. Aber als Lebensziel, d. h. als das, was der einzelne erreichen _kann_, und was die Generation erreichen soll, sind die Ideale nichts anderes, als die Erfahrung unsrer eignen Natur; dadurch werden wir, und mit uns alles, besser; das haben wir gelernt. Ist das manchem zu viel, nun schön, -- die kommandieren darum nicht die anderen; es sind niemals die letzten, die kommandieren, sondern die ersten. Diese siegen und ihre Nachkommen siegen nach ihnen; die Stärksten siegen. Wir müssen versuchen, den Schwachen zu helfen, namentlich versuchen, immer mehr Menschen auf die Seite des Sieges herüberzuziehen; aber wir können nichts von den Idealen ablassen, ohne die Richtung des ganzen Menschenzuges zu ändern, den Zielen untreu zu werden, und zu mißachten, was wir bisher aus Erfahrung als das Rettende erkannt haben. Dahin kommt es niemals! Laß uns die Ausnahmen recht sichtbar ans Licht heben in unserm Leben; jedesmal werden sie uns an eine vergessene Schuld erinnern; aber zu Kommandorufen für die ewige Richtung des Zuges dürfen die Schreie derer, die nicht zu folgen vermögen, niemals werden; das wäre der Untergang aller, anstatt der einzelnen. Immer weniger und weniger werden ihrer; aber die Zeit kommt kaum je, daß ihrer nicht, was wir auch tun, leider allzu, allzu viele wären!
Dein Freund Vater.
13. April 1890.
Liebe Bergliot, Dein Brief mit seiner Entrüstung, weil ich es eine »Niederlage« genannt hatte, daß Du _nicht_ in der Matinee sangst, hat uns riesig ergötzt, und Dein Mut und Deine Lust freuen uns, -- obschon wir natürlich auf einen zweiten, tief niedergeschlagenen, gänzlich zerschmetterten Brief gefaßt sind. Diesmal versicherst Du, Du könntest Dich nie mehr verlieben; wir sind sicher, daß bereits eine neue Verliebtheit im Anzug ist, Deine hundertzwanzigste! Aber mehr als alles andre hat mich gefreut, daß Du ein Buch wie das Zolas in Dich aufnehmen kannst, ohne von ihm anders gepackt zu werden, als das starke Bild packen muß.
Wenn Du von Zolas letztem Buch sagst, es sei die lautere Wirklichkeit, so wie kein anderes Buch, das Du gelesen hast, so beruht dies auf einem Irrtum. Dieser Kniff mit der Eisenbahn, mit ihr zu spektakeln, immer wieder und wieder, bis einem ganz schwindlig wird, ist ein alter Kniff von ihm, und an und für sich um kein Haar anschaulicher, als wenn Maupassant es in wenigen Zeilen gibt. Zola macht so lange fort, bis es zu hysterischen Vorstellungen wird, bis die Lokomotive zur Naturkraft wird im Geiste des Persönlichkeits-Jahrhunderts, zum Dampf-Geist.
Das ist Mystik, sind symbolische Schwindeleien, und nicht Wirklichkeit. _Alle_ Wirklichkeit bei Zola wird verzerrt; er kann nicht einfach etwas so lassen, wie es ist; es wird schlimmer und schlimmer. Vergegenwärtige Dir einmal die Bilder und Personen, dann siehst Du es selbst. Und dann weiß er nicht richtig Bescheid über das, was er aus der medizinischen Wissenschaft bringt. So zum Beispiel hier, wenn er einen Menschen zeichnet, der einzig Wollust am Blut hat. Das ist völlig richtig; aber -- wenn ich bitten darf -- nicht _zusammen_ mit sinnlichem Genuß, nein, _an Stelle_ des sinnlichen Genusses. Wie es hier geschildert ist, wird der Mensch völlig unverständlich. -- All der Schmutz, der da ausgegraben wird, all diese Morde und Selbstmorde, und all diese Verruchtheit, ... Du fühlst doch selbst, daß er da Ausnahmen schildert, ungeheuerliche seltene Ausnahmen, und das _Leben_ nennt. Selbst in der Farbengebung, die sonst seine große Stärke ist, schwelgt er nachgerade so toll, daß es mich abstößt. Herrgott, was solch ein Buch für eine ungesunde Lektüre ist, und so verführerisch durch Häufung von ungewöhnlichen, grauenvollen sinnaufreizenden Orgien aller Art!
In dieser Woche will Arnoldson aus Schweden hierher kommen; Kristofer Kristofersen und Frau kommen entweder in dieser oder der nächsten, und Redakteur Holst will auch kommen.
Denke Dir, heute, am 13. April, liegt wieder einviertel Meter hoch Schnee, der Wald großartig unter der Last. Keine Überraschung hätte größer sein können als heute dies Erwachen. -- Famoser Brief von Sansot gestern; grüß' ihn von mir. Ich schreibe bald. Vorläufig nur, daß _W. Lange in Berlin_ eine Übersetzung von »Es flaggen ...« gemacht hat, die ich dem Schweizer zum Lesen anempfehlen kann. Es gibt auch eine deutsche Übersetzung (im Manuskript) vom »König« von _Fräulein Klingenfeld, München, Bayern, Gabelsbergerstraße 21_, die der Schweizer bestimmt geliehen bekommt, wenn er darum schreibt. Mehr weiß ich ihm nicht zu sagen. Die Sansots halten große Stücke auf Dich, und falls ich sie, wie Sansot schreibt, 1891 hier begrüßen dürfte, so wäre das einer meiner glücklichsten Tage auf Aulestad. Für dasselbe Jahr habe ich geplant, mit der ganzen Familie nach Romsdalen zu reisen, und da könnten sie sich uns anschließen. Das würde eine Karawane! Meine geliebte Bergliot, ich habe oft gewünscht, das erstemal, daß Du in Norwegen öffentlich sängest, sollte es in Romsdalen, in Molde sein. Aber das sei in Dein Belieben gestellt. Dann reisten wir von dort nach Nässet, wo ich als Junge herumsprang, und dort versammle ich die Leute und rede zu ihnen. Ein großer Tag soll das werden, wenn das Wetter gut ist. -- Wenn doch auch Ejnar mit dabei sein könnte! Die Volksversammlung soll an der Stelle stattfinden, wo der Kerl hingerichtet wurde, über den ich einst schrieb. -- Ich kenne keinen schöneren Punkt in Norwegen, als den ganzen Bezirk dort. Ach, soll das eine Fahrt und ein Tag werden! Und den ganzen Weg da hinauf habe ich Freunde, also wir werden sehr vergnügt sein. Und dort uns auf den Fjorddampfern herumtummeln! Die launenvolle Lieblichkeit und ruhige Größe des Romsdalfjords geht über alle Beschreibung. Oh, wie vergnügt wir sein werden! -- Ja, nun sag' ich Dir für heut Adieu. Ich habe verlockende Bücher zu lesen und muß mich auch ein bißchen in meinen großen Stoff hineindenken. Es geht gut, geht uns allen vorzüglich, wir sind alle fröhlich und alle gesund. Hier ist die Stätte, wo gearbeitet wird. -- Hast Du »Die französische Revolution« von Carlyle gelesen? Ich lese den Freiheitskampf der Niederlande von Motley (einem Amerikaner), also über meinen Liebling Wilhelm von Oranien. Ein ganzes Leben lang immer unterliegen und dennoch ausharren, nicht nur selber, sondern auch alle anderen zum Ausharren anfeuern -- ja, das ist mein Lebensideal! Das ist größer, als der größte Sieg, denn dazu gehören mehr und größere Eigenschaften als zu einem glänzenden, im Augenblick alle Kräfte anspannenden Sieg. -- Und das versteht jeder, der weiß, was ausdauernde Arbeit, treuer Sinn und leuchtender Glaube bedeuten.
Dein Freund Vater.
30. April 1890.
Mein lieber, süßer Schatz, wie schön ist es jetzt, einen Brief von Dir zu bekommen, weil Deinem Gemüt eine feste Hoffnung aufdämmert; Du wirst sicherer und stärker dadurch. Es ist, als wäre jeder Brief eine Meile näher dem Ziele geschrieben, es ist, als hättest Du jedesmal geloggt und nachgerechnet und die Fahrt für gut befunden. Und die Zeugnisse anderer sagen dasselbe. Wir warten und warten auf Dich wie auf die Frühlingsschwalbe. Möchtest Du nun auch Glück haben zur Lebensfahrt und nicht wie ich Gegenwind das ganze Leben, -- obschon er die Flagge so fröhlich wehen läßt.
Jetzt sollst Du aber hören: ein Franzose, Crépieux-Jamin, ist Graphologe (Schriftdeuter), und hat aus Dänemark drei Handschriften zugesandt bekommen: die Mark Twains, der Gräfin Danner und meine. Ich habe den dänischen Übersetzer seines Buchs gebeten, Dir ein Exemplar zu schicken, und da kannst Du selbst sehen, was er über mich sagt nach der Handschrift. Mutter und ich sind ganz platt. Ja, Du wirst ja sehen!
Wir werden Dir Garborgs neues Buch schicken, oder Du kannst es lesen, wenn Du hierher kommst. »König Midas« besitzen wir nicht. Wir erwarten heute Kristofersen und vielleicht Lunde. Immer noch liegt Schnee in allen Spalten und am Wald; aber der Tag ist schön, der Altan ein Schutzdach gegen frische Brise, und der Bau drüben reift im Verein mit den Bäumen dem Sommer entgegen. Jetzt haben wir unser Haus wieder für uns, die Küche wird renoviert, und es ist still hier. Ein Frühlingstag in Norwegen zwischen den Bergen ist reicher als jeder andere, weil die Seele, die wir ihm entgegenbringen, gewaltiger sich sehnt und mehr erhofft, als dies anderen Völkern in einer andern Natur möglich ist.
Gestern las ich eine schwedische Kritik über mein letztes Buch; ich glaube, ich sende sie Dir. Sie war glänzend. Es heißt dort (nach einem andern schwedischen Kritiker), daß B. B. der am wenigsten blasierte von allen nordischen Schriftstellern ist. Ich glaube selber, daß das wahr ist.
Hier auf dem Hofe laufen fünf bis sechs Ferkel herum, schneeweiß und voller Leben, und ich muß bei ihnen an Dich denken. Ich glaube, Du wärst solch ein Kleines, wenn Du ein Tier wärst. Und dabei noch etwas von einem Vogel, vielleicht einer Schwalbe. Kleines Ferkel und große Schwalbe, eins und das andre, ich muß lachen. -- Mutter hat sich in der letzten Zeit herausgemacht, sie ist »rund un woll«, wie sie hier sagen; aber mit dem Gehör ist es zu dumm. Übrigens steht es ihr gut, so als Sibylle dazusitzen und von dem einen und von dem andern ein Wort hier, ein Wort da zu borgen. Wenn es doch bloß wieder besser würde mit ihr! Ich kann und kann die Hoffnung nicht aufgeben. -- Ich hatte wirklich Angst, Du könntest nicht mehr leben, nachdem Cavlings abgereist waren; aber Gott sei Dank, Du schreibst, als habest Du die Absicht, auch ferner am Leben zu bleiben. -- Ich möchte gern wissen, ob Du einmal »La légende des siècles« von Victor Hugo auftreiben könntest; eine billige Ausgabe. In diesem Falle möchte ich es haben. Und vergiß nicht, mir den Namen des Bildhauers zu schreiben, so, daß ich ihn lesen kann; Donnerwetter ja, dies ewige Elend mit den Namen! -- Brief von Hejde und Frau Hejde; es geht ihnen brillant. -- Dagny hat sicher große Begabung für Musik; aber keinen Fleiß, obwohl ich allmählich glaube, wenn sie eine gute Lehrerin hätte, käme der auch. Sie ist ja im ganzen sehr flüchtig; aber so lieb und so begabt! Sie ist jetzt im Alter des Romanlesens und der ewigen Freundschaften. Marie Hansen ist das Höchste auf Erden. Das heißt, vielleicht daß Dagny nun doch anfängt, auch an ihr Kritik zu üben; damit ist sie _sonst_ rasch bei der Hand. Anna ist wirklich reizend; so lebhaft und klug; und so wohl wie sie sich bei uns fühlt! -- Meine liebe Bergliot, Dank für alle Deine Briefe und für alle guten Nachrichten! Bewahre Dir Deinen Humor, härte Dich ab gegen Kritik und Widrigkeiten, werde stark! Und grüße Deine gute Wirtin! Du wirst wohl auch nächstes Jahr dort wohnen? Hast Du in letzter Zeit Deine Freundin besucht, das Mädchen bei Deinem alten Hausdrachen? Hast Du Gouzien vorgesungen? Bist Du bei Sansots gewesen? Voilà! Leb' wohl! In Frühling und Arbeit, in schmucken Kleidern und Sonnenschein, in guter Gesellschaft und Vergnügen, bei guter Lektüre und gesunden Gedanken!
Dein Freund Vater.
Aulestad, 27. April 1890.
Liebes Kind, Du mußt das alles selbst entscheiden, Du steckst in Deiner eigenen Haut und in Deinen eigenen Kleidern, Du allein kannst wissen, wie müde Du bist, und was Deiner Gesundheit neben Deinem Gesang, oder vielleicht gerade um dessentwillen nottut.
Du mußt _sofort_ Mad. Marchesi sagen, wofür Du Dich entschlossen hast. In jedem Fall: bleib nicht so lange wie gewöhnlich, komm nicht so elend nach Hause, daß Du abreisen mußt, eh Du wieder Bergliot geworden bist. -- Möchtest Du bis zum 1. Juni bleiben, dann meine ich, solltest Du schon am 15. Mai bis zum 1. Juni bezahlen. Dann wirst Du ja hören. Aber bezahle lieber voll, als Streit anzufangen. -- Entschließest Du Dich, schon am 15. Mai aufzuhören, so vergiß nicht, daß zwischen der Witterung im Norden und in Frankreich ein Unterschied ist, der Dich nicht zu Dummheiten verleiten darf. Du mußt Dich jedenfalls danach anziehen. Den einen Tag ist es hier ganz warm, den andern halber Winter _bis Mitte Juni_; besonders aber im Mai. Dein Arbeitsplan wäre nicht so schwierig, wie er Dir scheint, wenn nicht diese verteufelten Reisen wären. Aber Paris ist ja ohne Eisenbahnen. Richte Dich für die Reise hierher beizeiten ein. Und verlobe Dich nicht unterwegs! Komm heim und sei Bergliot toute entière et toute seule. -- Diese »Köbenhavn« ist wirklich ein grausiges, ganz grausames Blatt. Ich muß dabei an das Grüne denken, das in den Windeln der Säuglinge liegt. Mich dünkt, daß »K.havn« überhaupt nicht just das im Norden repräsentiert, was gesund und stark ist; sondern das Überfeinerte und Frivole. -- In den Zeitungen und Zeichnungen, die Du aus Paris heimschickst, ist ein ganz andrer Zug. Da wird das Kleine nie groß, das Gleichgültige nie wichtig; wir haben keinen gesunden Maßstab. Octave Feuillets letztes Buch solltest Du aufzutreiben suchen, ebenso Maupassants; ich sehe, man lobt sie beide sehr. Du mußt es billiger kaufen können als für den Ladenpreis. Übrigens kannst Du es auch lassen. -- Keines von uns sehnt sich mehr nach dem Sommer als ich. Ich kann nicht arbeiten, es sei denn, es wird besseres Wetter, und am liebsten bei offenen Fenstern. Bringst Du das gute Wetter mit? Hier ist es scheußlich jetzt.
Wir sind ein bißchen in Sorge um Erling, es könnte ihm schaden, daß er so ohne Arbeit in vermögende Verhältnisse gekommen ist. Besonders Mutter ist besorgt. Aber es kann ja gut gehen, auch wenn er noch nicht weiß, wie er im Sattel sitzen soll. Ich halte mich von ihm zurück; ich habe ja kein einziges Interesse mit ihm gemeinsam; denn bei dem einzigen, das ich haben könnte, dem Betrieb auf dem Hof und dem Bau, fragt er nie um Rat und erzählt nie davon. Er ist vollkommen, er ist Selbstherrscher. Nun, Du wirst ja selber sehen! -- Hier ist es öde. Diese Zeit ist schrecklich. Graue Erde, grauer Laubwald, unheimlich finsterer Tannenwald, Schnee auf den Höhen und in den Spalten, kalter Regen, kalte grüne Ansätze hie und da. Nirgends ein Mensch. Die Bücher gleichfalls kalt. Kalte Kritiken in den Zeitungen, unerfreuliche Politik daheim und draußen, Unfruchtbarkeit und Mutlosigkeit der Mittelmäßigkeit überall. Ich langweile mich. Komm Du heim mit Sommer, mit Mut, mit Gesang, mit Zukunft! Dann bin ich in guter Laune, wie einer, der in einen dichterischen Zauberkreis gebannt wird, wo es nichts Graues gibt.
Dein Freund Vater.
4. Mai 1890.
Liebes Kind, Dank für Deinen langen Brief! Ja, jetzt ist er gekommen -- in wenigen Tagen -- voller, voller Sommer, alle Fenster und Türen auf, Sonne über dem Altan, Hähnekrähen und Vogelsang den lieben langen Tag, und Glocken und Hammerschlag und der Klang der Egge an den kleinen Steinen.
Also vermissen wir auf Aulestad jetzt nur noch eines, und das ist unser Pariser Singvogel. Das beherrscht in dem Grade meine Stimmung, daß ich nur mit der größten Überwindung an Dich schreiben kann. _Du_ bist nicht dort, sondern hier. Und die Briefe sterben aus Sehnsucht nach dem Menschen.
Ich habe eben ein Buch bekommen: »Pepitas Hochzeit« von Heidenstam (einem Schweden), das völlig übereinstimmt mit meinem Aufsatz »Die neue Kunst«. Ich möchte wissen, was z. B. von Garborg übrigbliebe, wenn die poetische Kraft, mit der _hier_ geschildert wird, ausschlaggebend würde? Da würden nicht viele von diesen Matt in Matt-Kopien bestehen können. -- Ich bin durchaus einverstanden, wenn geschrieben wird, daß jeder, was die Kunstform anlangt, seine eigene Art haben dürfe; -- seine poetische Fülle, das Wesen und der Reichtum seiner Persönlichkeit seien es, die über den Eindruck entscheiden. Bin ganz einverstanden -- nur nicht mit der Leichtfertigkeit. Man darf nicht um den Augenblick die Zukunft verkaufen. Ich verstehe auch die nicht, die, um fröhlich zu sein, absolut Punsch brauchen. Ich antworte immer: ich kann genau so fröhlich sein wie ihr, _ohne_ daß ich Punsch trinke. Auch verstehe ich nicht, daß nicht zwei Verschiedengeartete fröhlich sein und sich aneinander freuen können, ohne daß sie sich sofort in die Haare geraten müssen. Wird nicht gerade durch die Kraft der Selbstbeherrschung die Freude etwas, das unser Leben bereichert, das Wesen der Persönlichkeit stärkt und die Selbstachtung und die Achtung anderer in eins verwandelt? Gib Dich hin da, wo Dein Herz Heimat und Zukunft gewählt hat; sei fröhlich ohne diese letzte Hingebung überall da, wo Menschen für dasselbe leben wie Du. -- Übrigens sind das Dinge, über die man nicht zu streiten braucht, das _Blut_ entscheidet hier; die Starken (weil sie selbstbeherrschend gewesen sind) erzeugen Starke, die Schwachen (weil sie Schweine gewesen sind) erzeugen Schwache. Und die Welt gehört den Starken.
Hier ist das allerherrlichste Wetter, Du! Aber wirst Du Dich auch hier wohl fühlen können ohne irgendwelche Abwechslung vier Monate im Jahr? Ich hätte an Sansots schreiben sollen; na, ich hol' es nach. Sag' ihnen, daß Ernest Tissot mir soeben ein Buch geschickt, das er herausgegeben hat: »Les évolutions de la critique française«. Es ist ausgezeichnet. Die Librairie académique Didier hat es herausgegeben. Das ist der Tissot, über den ich Sansots geschrieben habe, weil er an mich schrieb; er wünschte eine Studie über meine Werke zu schreiben. Ich sagte ihm zu, schien es.
Meine geliebte Bergliot, wir sehnen uns zu hören, was Du beschlossen hast. Du freust Dich selbst so sehr, daß auch wir unsre Freude auf das Wiedersehen aussprechen dürfen.
Dein Freund Vater.
8. Mai 1890.