Briefe aus Aulestad an seine Tochter Bergliot Ibsen

Part 4

Chapter 43,862 wordsPublic domain

Hier ist mannigfarbiger Herbst, schöner denn alle andre Jahreszeit. Von den gemütlichen, warmen Stuben aus sehen wir ihn oder wir genießen ihn auf Spaziergängen. Sonntagmorgen; Mutter just aus dem Bett, Großmutters Geburtstag, alle Flaggen gehißt, Sonnenwetter, aber noch im Morgennebel; oben Dagny und Inga im lustigsten Vogelgezwitscher, Großmutter kommt eben strahlend heraus, ich laufe und küsse sie, und wieder hinein zu Dir, um es Dir zu erzählen. Erling, mit dem ich zusammen gefrühstückt habe, ist mit seinen zwei Hunden unten auf dem Schießstand (eben kommt er heim); Hermann Anker hat ihm seinen feinen Hühnerhund »Lord« geschenkt. Alles auf dem Hofe eingeherbstet, die Felder herbstgrün, Pferde und Vieh draußen zum Morgengetummel; Dienstag kommt die Herde von der Alm zurück; aller Almsegen ist eingebracht.

Dein Freund Vater.

28. September 1889.

Liebe Bergliot, wir haben heute schmerzlich auf die Post gewartet, um zu sehen, ob Du noch ebenso mißmutig seist. Das warst Du also nicht; obwohl ich mich gründlich ärgere, daß Du so schwach bist, -- so schwach, daß die Stimme darunter leidet! Was in aller Welt ist denn das nur, Bergliot? Du, die früher ein Hüne war. -- Ich glaube, Du mußt Dir ein paar Hanteln anschaffen und Dich auf etwas kräftigere Gymnastik legen. Das stärkt die Muskeln und den Appetit. -- Prachtvoll ist es, daß Du zu netten Leuten gekommen bist. Daß Du keinen aufregenden Spektakel hast, meine ich. Ißt Du nun auch gut dort? Liebling, antworte mir hierauf! Die Sache mit den Eiern ist schon recht schön; aber die Mahlzeiten müssen kräftig und appetitlich sein; gelähmte Leute natürlich essen wie Hühner auf der Stange; wenn sie Dich nach ihrem Maßstab messen, dann gnade Dir Gott! -- Iß, iß, iß! Schreibe an Jakob Hegel, Klareboderne 4, Copenhague, Danemarc, um Geld. Dort liegen mehrere Tausende zu Deiner Verfügung, liebe Bergliot. Du _mußt_ stark und froh werden. -- Zwei Bücher sollst Du kaufen, sie selber lesen und sie dann mir schicken (Du kannst sie billig bekommen, wenn Du es klug anstellst, z. B. sie durch einen Agenten, z. B. Fougner, kaufst). _Un caractère par Léon Hennique._ _Und Un amour artificiel par Jules Case._ Björn und Jenny sind nun bei Dir gewesen; ich habe bloß Angst, Du kannst Arbeit und Vergnügungen nicht vereinigen, wenn sie Dich tagsüber mit sich schleppen. Jetzt gilt es für Dich, die anderen einzuholen, und so lange mußt Du mit Deinen Kräften haushalten. -- Hier ist nichts Neues; ich habe ein Herbstlied geschrieben, das ich Dir bei Gelegenheit schicke; das Wetter war zu herrlich; es lockte mich. Ole Nordrum und die Kühe sind hier; Oles Zimmer ist getäfelt und gemalt und sieht aus wie eine Puppenstube; jetzt wird das von Karen und der Jungfer neben Erlings frisch beworfen und gemalt; die Gesindestube ist getäfelt und gemalt. Ich liefere also die Gebäude in vorzüglichem Zustand ab (ausgenommen die Einrichtung des Viehstalls). Meine Lektüre war ein Buch über den hervorragenden englischen Geist Carlyle (sprich Carleil). Hättest Du Zeit und Lust für dergleichen, so würde ich es Dir schicken; es ist vorzüglich gemacht von einem jungen Bergenser Troye. Dann werde ich Dir drei Exemplare des »Dagblad« senden; ich habe über den »Bettelsack« auf Schwedens Rücken geschrieben; das wird Spektakel machen! -- Leb' wohl für heut abend, liebe B. B.! Deine Mutter sendet Dir wohl auch ihr Teil. Ich freue mich über die Wahlen in Frankreich! Oh, wie ich mich freue! Grüß' Deine Alten!

Dein Freund Vater.

Nein, wie ich gelacht habe über Deine verrückte Alte beim Besuch bei Euch!

Inga Björnson ist das Prachtvollste, was Du Dir denken kannst.

Grüße Cavlings.

6. Oktober 1889.

Wahltag. Bin _gespannt_!

Liebe Bergliot, nun also der Brief war schon heiterer. Mad. Marchesi hat Dich nicht umgebracht, Deine Stimme ist nicht eingerostet, Du selbst bist nicht in die Seine gesprungen, Paris ist auch nicht untergegangen. Das letztemal sah es recht trübe aus. Es wäre doch sehr nett, wenn es wenigstens _etwas_ gäbe, was fest bestehen bliebe, selbst wenn Deine Laune zum Teufel geht. Aber wenn die ganze Welt aus den Fugen gehen soll, so oft die Marchesi den Mund verzieht, so kann mir die Welt nur leid tun. Wenn Du nur z. B. Dir selber klar würdest, daß Deine Stimme von einem Klang und einer Reinheit erster Klasse ist, so ließe sich ja der Gedanke ertragen, daß sie nicht groß ist oder an augenblicklicher Schwäche leidet. Und wenn es feststände, daß Du _seltene_ dramatische Schwungkraft und Illusion in Dir hast, so wäre es ja wohl möglich, mit der Entscheidung der Frage: wozu? zu warten, bis die Stimme völlig ausgebildet ist. Selbst wenn es etwas länger dauern sollte: die vollständige Ausbildung der Stimme ist das Erste.

Auf Zweierlei bin ich sehr gespannt jetzt: findest Du, daß Du Fortschritte machst, etwas lernst, das Dir ganz besonders vorwärts hilft, Fehler ablegst, Neues aufnimmst, -- _und ferner auf den Preis_! Du mußt Dir doch einmal darüber klar werden, was der Spaß kostet. -- Erling und Anna sind gestern abend gekommen, und _Freitag, den 11._, soll die Hochzeit stattfinden, so gibt es viel zu tun hier; darunter mußt auch Du leiden. Alles soll umgekrempelt werden; wir glaubten, es sollte am 14. sein; also Mutter ist böse und hat keine Zeit zum Schreiben. Anna ist wirklich lieb, so ganz unberührt; sie müßte für eine ganz bedeutende Entwicklung empfänglich sein, und es ist eigentlich eine Sünde, daß das alles nun in der Sorge ums tägliche Brot aufgehen soll, -- wenn wir auch das Unsrige dazu tun werden, daß es nicht so wird.

Du wolltest die Frauenzimmer in der Rue Labic (oder wie sie heißt) aufsuchen, nur _ein_ Frühstück im Hause, nur ein Zimmer; erkundige Dich! Das Paar meldet seine hohe Ankunft telegraphisch. Sie möchten gern irgendwo in Ternes wohnen; Du hast freie Hand, Vorsehung zu spielen.

Wir haben einen neuen Ochsen aus Telemarken, eins der schönsten Tiere, das man je hier gesehen hat, 130 Kronen, 1½ Jahr alt. Ullmanns Knecht hat ihn gebracht. Dann haben wir unsern eignen Ochsen und eine Färse verkauft -- ohne daß das den Preis für das Biest aus Telemarken eingebracht hätte. -- Mutter, Erling und Anna sitzen und schreiben die Einladungen zur Hochzeit. Bloß Annas Eltern, Fyksens, Pfarrers, Börresens, Even Toft und Kätnerleute von hier. Lundes und Mejdells aus Lillehammer und mein Bruder mit Frau aus Xania. Die Neuvermählten fahren Freitag um 5 Uhr von hier nach Lillehammer ins Victoria-Hotel -- ha! wie Bergliot schreibt! -- Wir haben das allermildeste Wetter. Wir pflügen für nächstes Jahr im voraus und lassen den Stall und den Schweinekofen inwendig bewerfen, ebenso Karens Raum (oben neben Erlings), und eins wird wärmer als das andre. Alle Gebäude instand zur Übergabe außer der Einrichtung des Kuhstalls.

Hier ist ein solcher Wirrwarr, daß das Schreiben gar keinen Sinn hat.

Dein Freund Vater.

Sonntag, 13. Oktober 1889.

Liebe Bergliot, das Haus ist noch immer voll von Gästen; Peter und Laura, Sigurd und Lina, Frau Mejdell, Frau Lunde und Elisabeth Konow sind alle hier.

Daß Du es entgelten mußt, das kann nicht anders sein. Du mußt einen Ersatz dafür in Erlings und Annas Besuch diese Woche sehen. Morgen abend (Montag) reisen sie von Kristiania ab.

Also am Hochzeitstag war gutes Wetter mitten in der Regenzeit. Gutes Wetter, klarer Himmel für die Flaggen. Am Abend vorher waren Sigurd und Lina gekommen und Peter und Laura und Arvesen; so daß das Haus in Festlichkeit erwachte; und die Flaggen verkündigten es sofort; auch Bö hatte geflaggt.

Um halb eins kamen die Gäste, alle in Wagen mit zwei Pferden, Fyksens und Annas Eltern, Konows, Amtmanns, Börresens, der Landrichter und Lundes. Ohne Verzug ging es zur Trauung. Hier im Arbeitszimmer war alles hergerichtet (das beschreibt Mutter). Die Leute vom Gut waren auch da, und als die beiden treuherzigen, lieben, jungen Menschen sich erhoben und »Ja« sagten, da brachen wir alle, die ihnen die nächsten sind, in Tränen aus, und ich weine jetzt wieder, während ich das schreibe. Die Handlung war feierlich, nicht ein unwahres Wort dabei. Und der alte Mejdell so rührend, und stellte die Fragen an Erling wie an einen Sohn, mit »Du« und mit solcher Wärme und Teilnahme! Und Anna war so unglaublich niedlich in ihrem schwarzen Atlaskleid und so freudig und so gerührt. Und das waren wir samt und sonders. Wir waren mit einemmal eine Gemeinschaft.

Keines von uns vergißt den Tag; er hinterließ eine Stimmung, von der wir noch heute zehren. -- Aber ich muß Dir noch vom Essen erzählen, es war so angeordnet, daß jede einen Tischherrn hatte (Inga, Elisabeth, Cäcilie Mejdell und Dagny die Kätner), da sagte Ole Dokken, wie er so dasaß, mit einemmal zu seiner Dame, Inga, so daß es alle hörten: »Nee, nu muß ich 'n bißchen raus«, und damit ging er ab und kam kreuzvergnügt und harmlos wieder herein. Seitdem heißt es hier im Hause: »Nee, nu muß ich 'n bißchen raus!« jedesmal, wenn einer aufs Örtchen muß. Und dann muß ich Dir erzählen, daß das Tintenfaß, das beim Unterschreiben des Kontrakts benutzt wurde und ebenso die Feder (eine Goldfeder mit Diamantspitze) meine Jubiläumsgeschenke waren, und wir machten aus, Du und Dagny dürften sie auch benutzen. Und der Brautschleier war Mutter ihrer, und den sollt ihr, Du und Dagny, auch tragen.

Elisabeth, Inga und Dagny machen einen Heidenlärm über mir, ich kann fast nicht schreiben. Nein, ist diese Inga eine Perle! So ein gediegener, verständiger, guter, entzückender Mensch! -- Na, ich weiß ja, Du erfährst alles mündlich, also will ich lieber einen langen Spaziergang machen mit Peter und Sigurd, anstatt mit Dir zu schwatzen heute. Mir ist auch so weinselig im Kopf. Dein letzter Brief gab ein Bild davon, daß Du Dich über Deine Fortschritte freust. Erzähl' etwas von Deinen Klassenkameraden, und wie es dort zugeht. Singt Ihr Euch gegenseitig vor? Wie lange dauert es dann? Ihr müßt also mehrere Stunden hintereinander da sein?

Dein bester Freund, Dein Vater B. B.

Aulestad, 19. Oktober 1889.

Liebe Bergliot, Deinen nächsten Brief mußt Du nach Kristiania richten, denn gleichzeitig mit diesem reisen Deine Mutter und ich dorthin. Ich habe einen so herzlichen Brief von Grieg bekommen, und dann will ich mir die Ausstellung ansehen und »Olaf Trygvason« hören, und sehen, was in aller Welt Thommessen vorhat, und noch so allerhand andres. Übrigens ist es eine Schande, daß ich meine unterhaltsame Arbeit unterbrechen muß. Deine Erkältung hat mich erschreckt. Zwei Dinge _verbiete_ ich Dir, nämlich, Dich zu verloben und Dich zu erkälten. Denn beides ist unmöglich, wenn man es nicht selbst will. Durchaus unmöglich. Das ist auch das erste Mal, daß Du von Erkältung schreibst und eine Sängerin muß _lernen_, sich nicht zu erkälten, und streng befolgen, was sie durch Erfahrung darüber gelernt hat. Wer von seiner Kehle leben will und doch sich erkältet, dem gehören Prügel. Das ist _meine_ Meinung. Ich bin das ganze Jahr nicht erkältet.

Björns großer Erfolg in Kopenhagen hat uns _und alle möglichen Menschen_ erfreut. Ein voller Triumph! Die da drinnen (in Kristiania) wissen nichts davon, daß wir jetzt kommen. -- Wir freuen uns rasend. -- Lies nun endlich _Letourneau_ von Anfang bis Ende. Wenn Du diese Dinge kennst, so kommst Du eher zum Ergebnis der Geschichte als eine Menge Menschen, die Weltgeschichte zum Abiturium studiert haben. Und möchtest Du es lieber auf norwegisch haben, weil es Dir unangenehm ist, es auf französisch zu lesen, so sollst Du es sofort haben. Versprich mir das! Aber wo bleiben die zwei Bücher, die _ich_ Dich bat zu kaufen? Bei denen eilt es sehr mit dem Lesen, sieh zu, daß ich sie bekomme, nicht beide auf einmal, aber eins nach dem andern. -- Hier oben sind sie dabei, den Bauplatz zu graben, Bauplatz, Bauplatz, Bauplatz! Übrigens hübsch, daß man weiß, da werden sie wohnen! -- Sage Erling und Anna, daß sie nicht lange wegbleiben dürfen, lieber ein andermal wieder fort, wenn vielleicht wir auch fort sind. Du mußt ein bißchen von ihnen erzählen; sie kommen wohl nicht dazu, selbst viel zu schreiben. Sag' Erling, daß wir im Handumdrehen große Ersparnisse machen. Dem Baumeister geben wir 3 Kronen täglich bei eigner Beköstigung, und _er_ macht für uns die Akkorde mit den anderen. Wir streichen eine ganze Menge von dem, was der Architekt hingeschmiert hat; will man es _später_ nachholen, so ist immer Gelegenheit dazu. Wir legen Schieferboden in den Kellern anstatt Ziegel, legen keinen _Zink_boden im Badezimmer, bauen keine Veranda, richten es aber so ein, daß einmal eine gebaut werden kann, wenn es gerade paßt. Und die Fensterrahmen erneuern wir nicht; das kann auch ein andermal geschehen. Wir graben auch keine Abflußrinnen durch die Keller; der Grund ist vorzüglich, und das sind überflüssig angeordnete Dinge. Wir mauern die Keller nicht aus; das wird rasend kostspielig und ist sicher ganz unnötig. Auf diese Weise sparen wir viele tausend Kronen. Und der Baumeister steht dafür ein, daß das Haus auch ohne das gut und schön wird. Das hier mußt Du den »Jungen« vorlesen und ihnen sagen, daß wir alle Tage von ihnen reden, und sie, sobald sie sich losreißen können, wieder zu Hause haben möchten. -- Ich habe mich gefreut, in Deinem letzten Brief einiges von der Klasse und dem Unterricht zu lesen; Du solltest Dich darin üben, mehr derartiges zu sehen und wiederzugeben; es wird Dir selbst Freude machen, es zu können; denn Du hast zweifellos Anlage; aber es gehört Übung dazu. -- Es hat mir dieser Tage Spaß gemacht, von der Begegnung zwischen dem deutschen Kaiser und dem russischen zu lesen. In der zierlichsten Form die entschiedenste Werbung und die entschiedenste Ablehnung. Und beide dachten bei jedem Wort, das sie sagten, an Frankreich, obwohl der Name nicht genannt wurde. Wenn Du die Reden gelesen hast, so verstehst Du, was ich meine.

Wir haben einen langen Brief von Ejnar gehabt und haben ihm wieder lange Briefe geschickt und die Zeichnungen vom Haus, hübsch ausgeführt, und einen Deiner Briefe und Sansots letzten Brief und noch allerhand sonst. -- Mit Inga und Dagny geht es ausgezeichnet. Diese Inga ist prächtig. Ich habe ihnen zum Frühjahr eine Spritztour nach Kristiania versprochen. Dagny soll wenigstens einmal im Jahre nach Kristiania, ins Theater usw. Wenn wir sie doch nach Paris schicken könnten! Du mußt wirklich Deine alten Leute von uns grüßen; ich freue mich so sehr darüber, daß Du bei guten, gebildeten Menschen bist, die Dich gern haben. Und wie ich mich freue, daß Du so gut schläfst! Mehr als darüber, daß Du arbeitest! -- Ist ja wahr, Du mußt Erling erzählen, daß »Han« ein ausgelernter Dieb geworden ist. Er muß zweifellos aus einer Diebsfamilie stammen. Nicht allein, daß er hier stiehlt, darauf spannt, wenn die anderen gegessen haben und der Tisch unbeaufsichtigt ist, und dann auf den Hinterpfoten herumgeht, mit den Vorderpfoten auf den Tisch, die Teller abschleckt, alles nimmt, was ihm zusagt; sondern er geht auch auf andere Höfe und stiehlt; auf einem Gehöft erwischte er einen Ziegenkäse, auf einem andern fraß er eine Schüssel kalten Brei aus, Frau Börresen stahl er Fleisch, -- und so die Runde herum, zum Schrecken der Leute. Das wird noch sein Verhängnis werden, armes Tier. -- Erzähle, daß hier jetzt gedroschen ist. Wenig, aber vorzüglich. Der Kleesame ist völlig mißraten; wir haben ihn nicht einmal durch die Maschine gehen lassen. Tausend Grüße von uns allen!

Dein Freund Vater.

Ich schicke kein Buch.

Cavlings. Er ist ja in Kopenhagen, und ich weiß seine Adresse nicht.

Liebe Bergliot, ich habe eine arbeitsreiche Woche hinter mir, es geht nun flott mit der Erzählung. Und mitten in der Arbeit mußte ich mich über Dich freuen, mein keckes Mädel, daß Du es das erstemal, wo Du aufgetreten bist, so gut gemacht hast. Cavling strich Dich natürlich zu sehr heraus; aber es war so gutherzig und warm geschrieben, daß ich es den andern nicht vorlesen konnte, sondern es Keilhau geben mußte. Die Namen der beiden Damen, von denen Du schreibst, daß die eine mit Dir, die andre mit Madame Lürig gesprochen hat, kann ich nicht lesen. Du mußt ein einziges Mal versuchen, deutlich zu schreiben. -- Herrgott, Bergliot, Du solltest bloß wissen, was es heißt, etwas Schönes über seine Kinder zu lesen, _und dabei sicher zu sein, daß es wahr ist_. Das übertrifft alles, was man überhaupt lesen kann. -- Nun fängst auch Du an, uns diese Freude zu bereiten. -- Propstens sind vor kurzem hier gewesen; die Mädels sind nach Bergen gereist, um unter die Haube gebracht zu werden, und ich habe ihn bös geneckt. -- Sonst keine Neuigkeiten von hier, außer daß N. N. vor die Tür gesetzt ist. Sie hatte eine Nasenspitze, die trippte gerade ins Essen hinein, und darüber entzweiten sich Karen und sie, und noch hundert andre Dinge kamen dazu, und schließlich wurde sie ganz unmöglich. Wir setzten den Koffer und die Kommode und die Tasche und das Weibsbild und die Trippnase auf einen Langschlitten und fort damit, adieu! -- Große Freude im ganzen Hause. Großer Spektakel mit Geschichten über sie, seit sie weg ist. -- Ich habe nichts gehört, ob Du jetzt Darwin liest. Ich schickte Dir das über die Vererbung; das solltest Du nach Dir Frau Runeberg lesen lassen; es wird ihr großes Vergnügen machen, und Du könntest gleichzeitig herzlich für den Brief danken. Glaube mir, der war reizend. -- Jetzt sind wir des Abends vom Whist zum Boston übergegangen, und weiß Gott, die Mädelchens sind dabei ebenso pfiffig wie wir! -- Heute wurde Peters Mutter begraben; der Sarg wurde hier gemacht, und die Pferde gingen von hier, so daß die ganze Gesellschaft von Baklien aus in Schlitten zur Kirche fuhr, alle Dienstboten und Kätner. Und die Mädelchens kamen mit ihren Handschlitten zur Kirche hinauf, und weil der Leichenzug nicht rechtzeitig kam, schlitterten sie den neuen Weg hinunter bis nach Solhejm; und dann saßen sie bei der Leiche auf bis oben und fuhren vor dem ganzen Leichenzug noch einmal hinunter! Keilhau und Erling mit zurück, wo große Gesellschaft war, und sie spielten Whist mit Fedje und Peter (der vielleicht außer Erling der beste Whistspieler in Gausdal ist) und kamen um 7 Uhr heim und waren sehr erbaut von der Fahrt und der Gesellschaft. Aber es sieht so aus, als ob Peters jüngstes Kind (3 Wochen alt) ebenfalls dran glauben muß, also gibt es noch ein Begräbnis. Auch Mathias' Frau, die Ingeborg, stirbt gewiß bald. Wir haben ihm mit Geld und Essen und Kleidern für die Kinder helfen müssen, obwohl er das größte Anwesen des Gutes, vielleicht des ganzen Kirchspiels hat; es geht rückwärts, wenn die Frau krank liegt. Also, Ihr taugt doch zu etwas, Ihr Frauensleute, selbst wenn ihr uns nicht vorsingt. Ja, Du bist doch unsre einzige herrliche Bergliot, Du! Oh, wie ich Dich lieb habe, ganz gleich, zum Teufel, ob Du eine berühmte Tochter wirst oder nicht.

Grüße Mad. Lürig und Deine alte Dame. Du kannst Geld für die Uhr _geliehen_ bekommen.

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, hast Du den »Professor« gelesen? -- Falls nicht, so schicken wir Dir das Buch, und Du es Ejnar! Dank für alles, was Du mir schickst! Es freut mich erstens an und für sich, und dann, weil es von Dir kommt und zeigt, daß Du selber Anteil nimmst und willst, daß auch wir Anteil nehmen. Ich lese noch immer täglich »Le Temps«. Fertig mit »Le rêve«, nachgemachte, gut nachgemachte Legenden-Poesie, aber unwahrscheinlich. Ja, liebe Bergliot, wenn Du jetzt Sehnsucht hast, so vergiß nicht, daß in ihrer unklaren Arbeitszeit das alle haben, und am meisten diejenigen, die ihrer Arbeit wegen sich abschließen müssen. Die Belohnung kommt später. Sei nicht ungeduldig. Aber sag' uns _alles_, was sich Dir in den Weg stellt, zeichne alle Wolken, die Dir dräuen, selbst nur momentan; schon sie abzeichnen zu können, ist der halbe Weg, sie los zu werden.

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, Dank, tausend Dank für Deinen Brief! Die Stelle über Hanka als Mezzosopran war allerliebst! Sag' ihr von mir, daß sie einen Mann heiraten muß, der um ein Viertel größer ist, und der die Liebhaberpartien singt, sonst kann sie sich auf keiner Bühne sehen lassen. -- Was Du über die Aussprache des Französischen schreibst, ist richtig. -- Du mußt auch noch lernen, das _Norwegische_ auszusprechen. Wer einen herzlichen Eindruck machen will, muß die Worte genau so sagen, wie wir selbst sie sagen, wenn wir am natürlichsten sind.

Hier zu Hause ist es so gemütlich. Voller Winter, Schnee, Schnee, Schnee; in diesem Augenblick dichter Schneefall bei nebligem Wetter, als wären grauweiße Gardinen vor den Fenstern _draußen_. Herrlich in der warmen, behaglichen Stube. -- Möglich, daß Björn und Peter, vielleicht L. Holst zu Weihnachten herkommen. Denk nur, wenn Du es wärst! Denk nur, wenn Du wieder Schlitten fahren kannst! Wenn Du Deinen Gesangskursus hinter Dir hast (mutmaßlich in anderthalb Jahren), dann kannst Du wohl ein Jahr lang Ferien machen; oder soll's gleich losgehen? -- Ich stimme für Ferien und Allotria ein Jahr lang, damit Du zu Kräften kommst. Aber alles zu seiner Zeit; -- Schlittenfahren mußt Du, Mädel, und frische norwegische Winterluft einatmen so bald als möglich; denn das ist das Köstlichste, was wir haben, die Winterluft! Ebenso wie das Land im Schnee das Schönste auf der Welt ist. Aber die Menschen, Du, wie die kalt sind und starr! Genau wie eine nicht durchgearbeitete Stimme, so ist der ganze Mensch. Ich leide Herzensqualen vor Sehnsucht nach Wärme und Glauben an irgend eine Kraft in ihnen. Herzensqualen. Ich warte von Jahr zu Jahr; aber hie und da ein kleines Aufflackern, dann weg, erloschen, trocken, nichts. -- Leb' wohl, liebe Bergliot, leb' wohl!

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, nur ein paar Worte. Dies ist die Parnell-Woche gewesen; alle Zeitungen schreiben, alle Leute reden von nichts als Parnell, den man seit länger als einem Jahr beschuldigt, zusammen mit seinen Freunden heimlich auf seiten derer zu stehen, die die Sache Irlands mit Mord und Raub verteidigen, während er öffentlich sich als der Mann gäbe, der streng auf dem Boden des Gesetzes stünde. Nun liegt die ganze Verleumdung (und die Times, die sie angezettelt hat) im Schmutz! Alles war Lug und Trug!

Diese Woche gehört zu den frohsten, die ich erlebt habe. Ich habe auch in diesen Tagen ausgezeichnet geschrieben, und ich werde ein prächtiges Buch fertig bringen Frühjahr, glaub' es mir!

Hier ist es noch immer ganz wundervoll! Heute Sonntag sitze ich und lese meinen zweiten Artikel über Norwegen in Harpers Monthly; heute Nachmittag wollen wir zum Propst im Breitschlitten mit zwei Pferden vor. Hurra! -- Also nun ist Frau Lürig wieder brav; -- ja, ihr Weibervolk! -- Wenn Du turnst, hast Du da eiserne Hanteln zum Heben? Du kannst sie kaufen, wo die Av. des Ternes mit dem Faubourg Honoré zusammenstößt.

Carl Keilhau hat angefangen, Bruun zu studieren, um eine Reihe Aufsätze zu schreiben über seine »Bruniana«. Er verdient, daß er einmal unters Schermesser kommt, der alte Zopf! -- Hier zu Hause freuen wir uns mächtig über Sverdrup, daß er nun endlich erledigt -- und der Verachtung aller Menschen preisgegeben ist. _Jetzt_ ist »V. G.« der rechte Ausdruck für das, was fast alle fühlen, sogar manche Oftedöler. Vater Fougner war eines Sonntags hier, und sagte dasselbe. -- Arbeit nützt doch etwas.

Von Björn nichts in letzter Zeit. Von Kielland vergnügten Brief. Seine Zeitung geht. Siehst Du, ein paar Zeilen hab' ich doch zuwege gebracht für mein einzig süßes Mädel!

Dein B. B.

Grüße Cavlings!

Liebe Bergliot, es gefällt mir ungeheuer, daß Du nur den rechten Weg zum Ziele gehen willst, nicht lügen, nicht schmeicheln, nicht feig sein; sondern treu und gehorsam und wahr. Ich glaube zwar nicht, daß Du auf die Dauer die Künstler-Charakterlosigkeit und die Intrigen aushältst; aber ich sehe nichts Schlimmes darin, wenn Du nicht auf die Dauer Opernsängerin wirst. Wenn Du bloß ein tüchtiger Mensch wirst, der seine Sache kann bis zur Meisterschaft, und durch die persönliche Macht Deines Gesanges hinreißt; dann hängt das übrige von Dir ab; dann kriegen sie Dich nicht unter.