Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band
Part 7
Du wünscht den Inhalt meiner kleinen Rede zu erfahren. Was ich _wollte_ war folgendes: Ich wünschte auf den großen und ausgebreiteten Wirkungskreis eines bedeutenden Dichterlebens aufmerksam zu machen. So wollte ich die Belebung der Mährchenwelt erwähnen, und wie, aus einen wahren Naturgrund, durch diese, die Mythenwelt in einem jeden Gemüth wieder hervorrücke, nicht blos als ein abgetrocknetes Exemplar der geschichtsforschenden Herbarien, vielmehr lebendig und productiv, wie sie die hohle Lüge der Erziehung, wenn auch nicht ganz überwand, doch verdrängte -- wie sie die alte Mythenwelt verständlich machte, der Geschichte der deutschen Poesie Bedeutung gab, einen neuen Zweig der Gelehrsamkeit, kaum dürftig angefangen, in allen Richtungen belebte und ausbreitete, in die Forschungen der frühern Geschichte der Deutschen eingriff und so, was durch Dich angeregt war, eine ausgedehnte geschichtliche Bedeutung gab. Die Menge der Schauspieler und Schauspielerinnen, die zugegen waren, was mir freilich in einer Rücksicht erfreulich war, verhinderte mich auf eine entschiedene Weise zu erwähnen, wie Dein Lehnsessel das einzige übriggebliebene Theater in Deutschland wäre, welches bereichert durch Goethe -- Calderon -- Shakspeare -- Holberg -- an die schöne verschwundene Zeit erinnerte. Ich nannte ihm aber nur Deine Kritik und Deinen Shakspeare und nun noch Manches -- Wie Deine Novellen, was uns ängstigt und quält und in Verzerrungen mancherley Art krankhaft ausartet in der heitern Mitte der Dichtung ausgleichen wie Dein Prosa -- aus dem Metrum erzeugt -- den klaren Rythmus durchscheinen läßt, der reine Erguß, das „~apte dicere~“ das einfachste und klarste, als das höchste festhält und alle Manier verbannend, wohl erzeugend wirkt auf jeden Empfänglichen, aber nie nachgeahmt werden kann, wie Deine Person, mächtig, wie Deine Schriften, durch die Gastfreiheit und den freundlichen Zutritt, die Du der Jugend verstattest, in weiten Kreisen thätig war, wie keiner in Deiner Nähe traht, der nicht durch Dich erregt, befruchtet, Dich wieder verließ, wie viele Deiner Ideen, wissentlich und ohne Wissen, gut oder schlecht, immer merkwürdig und reich, wenn auch nie das was gewesen wären, wenn Du sie ausgesprochen hättest -- seit so vielen Jahren, in so vielen Schriften -- in weiten Kreisen ausgebreitet sind, und selbst in den geselligen eingedrungen auf den Ton der geistigen Unterhaltung einen bedeutenden Einfluß gehabt haben. Ich habe dieses Alles gesagt -- und mehr -- aber meine Rede taugte nicht. Ich muß freilich frey sprechen, wenn ich erträglich sprechen soll. -- Aber der Gegenstand muß mich ganz durchdringen -- in bestimmten Umrissen, in sicherer Gestaltung mir vorschweben. So aber war Allerlei vorangegangen -- Du hast das Zeug von den eingesalzenen Heering gelesen -- denn es ist gedruckt und als nun die Bühnenhelden und Grazien diesseits und jenseits der Spree die Romanze und ihre hingehauchte Begleitung mit plumpen Zungen zertrampelten, trat ich völlig zerstreut auf -- und sagte zwar Alles, aber nicht so, daß das früher Gedachte ein neues Leben erhielt, wie ich es sonst wohl vermag, vielmehr mit großer Anstrengung, als eine dunkle Erinnerung. --[6]
Nur noch dieses. Was ich jetzt that würde ich, zu jeder _frühern_ Zeit grade _so_ und unter günstigern Umständen, _viel besser_ gethan haben. Ich bin -- was man so nennt -- _böse_ gewesen -- weil ich unzufrieden war, weil Du mich _entschieden_ mißverstanden hast und weil Dein _erstes_ öffentliches Wort über mich -- eben dieses Mißverstandene laut werden ließ und die ganze Heerde der Gemeinheit nun sich mit Dir verbunden glaubte. -- Ich sprach das, wie ich pflege, heftig und wenn Du willst, übertrieben aus. -- Aber nicht bloß solche Sachen, die für heute und morgen sind, gelten mir nichts, auch was man Literatur nennt, und wir leider wohl auch so nennen müssen -- gilt mir in Innersten nichts -- wo die Geschichte, der Geist, die unsterbliche Persönlichkeit allein das Recht haben zu reden. Hast Du, weil ich einmahl die Sprache einer Gemeinde führte, ein andermal ein Confession schrieb, weil mir die Religion -- eben _Religion_ ist -- _alles_ -- oder _nichts_, geglaubt daß diese nach allen Richtungen reinigende, keine ausschließende Persönlichkeit in mir nach einer dummen Ecke hingeschleppt sey, und da so zusammengepreßt, daß ihr der Geist aus der Brust entschlüpfte -- so kann ich das nur bedauern, aber es kann nichts ändern in meiner Ansicht von Deiner Person, denn eben, daß ich das Unveränderliche in Dir erkannte hat mich an Dich gefesselt.
Es ist glaube ich gut -- daß dieses ausgesprochen ist -- ehe wir uns sehen. Es hat mich innig gerührt, daß Du den scheinbaren Zwiespalt so ernsthaft genommen hast -- Dein Zorn war doch Liebe und ich muß Dir doch wichtiger seyn, als Deine öffentliche Aeußerungen errathen lassen. -- Verständigen werden wir uns gewiß und mit Gottes Hülfe sehen wir uns im Herbst.
Grüß Deine Frau, Dorothea und Agnes und die Gräfin Henriette von mir und meine Frau und Tochter.
Dein treuer
_Steffens_.
XVIII.
_Berlin_, d. 16. Octbr. 33.
Es ist grob, lieber T.! daß ich einen ganzen Monath in Deinem Hause zugebracht, dort so vieles Gute genossen, eine mir auf immer unvergeßliche Zeit, die ich tagtäglich rühmend und preisend gegen alle Welt hervorhebe und in der ich noch lebe und schwelge -- und noch keinen Brief schrieb, was ich Allen sage, dem nicht mittheile, der es zuerst erfahren sollte.
Und doch scheint es mir fast natürlich -- Denn in diesen vierzehn Tagen war ich noch immer in Dresden, vermochte es nicht mich hier heimisch zu fühlen -- und betrachtete mich fortdauernd als Deinen Gast.
Jetzt zerren Senats- und Facultätssitzung, Rectorats-Wechsel und Mahnbriefe von Max so mächtig an mich, daß wohl inne werden muß, wie ich wirklich in Berlin lebe. Am ärgsten ist das Harren auf Zuhörer, die sich freilich noch nicht melden können, das unangenehme Gefühl -- es quälte mich immer -- seine innerste Lage alle Halbejahr von Neuem in Frage gestellt zu sehen.
So bin ich nun wirklich zu Hause gekommen, habe in der That aufgehört Dein Gast zu seyn und eile Dir zu sagen, wie lieb und theuer die Zeit mir war, die ich nach so langer Zeit in Deiner Nähe zubrachte. -- Es ist Dir, lieber Fr.! gelungen, in einer Stadt, die am wenigsten dazu geeignet schien, einen Kreis zu bilden, der lebendiger, umfassender, wie er seyn soll, beweglicher, als irgend ein anderer ist. Hier ist nichts dergleichen. Das stille Gespräch in Deiner einsamen Stube, ist ein wirksames Privatissimum und gewiß lehrreicher, als die Kette der Vorträge. Es ist nicht die Religion allein, die jene gefährliche, ausschließende Richtung erzeugt, die wir gemeinschaftlich bekämpfen. -- Hier in Berlin sehe ich es nur zu deutlich, wie eine jede Wissenschaft einen fanatischen Kern trägt, einen Wurm, der sie selbst verzehrt, indem sie die wahre Wissenschaft, die alle versteht und ehrt und fördert, ausschließt. Eine wirklich geistreiche Geselligkeit -- man scheut sich selbst diese Benennung der höchsten irdischen Güter zu brauchen -- so abgenuzt ist auch sie -- würde mehr als Alles die engherzige, geistlose, vereinzelnde Einseitigkeit, die neben der leeren Universalität einherschreitet, verdrängen. -- Ich habe Dieses recht lebhaft in Deinem Hause gefühlt, wo ich doch einmahl, wie in heiterer Luft, recht frisch aufathmen konnte.
Wird Deine Novelle bald fertig -- des Dichters Sterben meine ich -- Ich sehne mich unbeschreiblich nach diesem Genuß -- Sie verspricht so viel, sie ist so durchaus im tiefsten Sinne wahr.
Ich bitte Dich mir Alle Deine Hausgenossen recht herzlich zu grüßen -- die Comtesse Henriette, die mich so freundlich aufnahm und deren Gesellschaft und stille, verständige Theilnahme, wir recht schmerzlich in den letzten Tagen vermißen, -- Deine Frau -- Dorothea -- Agnes (Heinrich biethet ihr den brüderlichen Kuß). --
Ich kann Dir nicht sagen, wie die Erinnerung an mein Leben in Dresden, mein Zusammenseyn mit Dir, die kleinen vom Wetter begünstigten Touren, mich in der Erinnerung erfrischen.
Baudissin ist mir vorzüglich lieb geworden. Ich bitte ihn recht herzlich zu grüßen -- dann den braven, lieben Dahl. --
Dein
treuer
_Steffens_.
Es würde mich sehr glücklich machen, wenn ich Dorothea als Gast empfangen könnte; aber ich sehe wohl ein, daß es eine Geburth der überspannten Phantasie ist, die nicht in die wirkliche Welt paßt. Noch mehr ich kann die Hoffnung nicht aufgeben, _Dich_ hier zu sehen. Alle Welt spricht davon, die Zeitungen haben es angekündigt. Ich dächte Du kämest. Herrlich wäre es, obgleich ich wohl einsehe, daß ich Aermster wenig davon haben würde.
XIX.
_Berlin_, d. 11t. Octbr. 36
_Lieber Tieck!_
Meine Frau hat ohne Zweifel alles abgehandelt, was der Gegenstand eines Briefes seyn kann, so daß mir nichts übrig bleibt, als Euch Allen für die freundliche Aufnahme und für die schönen Tage zu danken, die wir unter Euch verlebten. Sie waren uns doppelt angenehm, da wir so Manches anders und besser fanden, als wir erwarten dürften. -- Die Gräfin und Dich nach so großen Gefahren wohl und gesund, ja beide so angenehm heiter, wie das herrliche Wetter und die schöne Gegend.
Die arme Malchen quält sich leider; aber wir hoffen, daß Sie jetzt erleichtert ist und sich, wenn diese Zeilen ankommen, wohl sogar erholt hat von der Operation.
Unsere Reise war recht schön. -- Hier habe ich den Reichthum der Kunstausstellung und einiges Vortreffliche bewundert. -- Deine Büste hier ist ohne allen Vergleich besser als die von David, und Alle erkennen sie als ein Meisterstück Deines Bruders. Das ist aber nicht der Fall mit dem Gemählde, es scheint uns mislungen und ich wüßte nichts zu loben, als v. Sternbergs Aehnlichkeit. Zwar scheinen alle mehr oder weniger ähnlich, aber nicht auf eine angenehme Weise. -- Wäre doch das große Bild hier. Gewiß es würde Bewunderer haben.
Grüß Alle.
Dein treuer
_Steffens_.
XX.
_Berlin_, d. 11. Decbr. 36.
_Lieber Tieck!_
Abermals wage ich es, Dir einen Landsmann zu empfehlen. -- Diesesmal ein recht tüchtiger junger Mann, Hr. Bügge, Rector der gelehrten Schule in Trondhjem (Drontheim), der in seinem Vaterlande in großem Ansehen lebt und auch hier sehr geschäzt wird. Die norwegische Regierung hat ihm hierher und überhaupt nach Deutschland gesandt, damit er sich mit der Einrichtung der Schulen bekannt mache und es ist kein Zweifel, daß er in Norwegen die Einrichtung der gelehrten Schulen leiten wird. Es ist ein gescheuter und recht hellsehender Mann und seine Bekanntschaft wird Dir, wie ich glaube, lieb seyn.
Mit Dir, wie ich höre, geht es gut, obgleich Du noch immer einige Unbequemlichkeiten als Folgen Deines Sturzes empfindest und Deine arme Frau hat sich nun in ihrem Zustande ergeben. Herzlich grüße ich Euch, Ihr Lieben Alle.
Dein
_Steffens_.
=Stieglitz, Heinrich.=
Geb. 1803 zu Arolsen im Waldeckschen, gestorben am 24. Aug. 1849 zu Venedig.
Bilder des Orients, 4 Bde. (1831-33.) -- Stimmen der Zeit in Liedern (1834.) -- das Dionysosfest, Tragödie (1836.) -- Montenegro und die Montenegriner, Reiseskizzen (1841.) -- Istrien und Dalmatien (1845.) -- Erinnerungen aus Rom (1848.) -- Eine kleine von Venedig in die bewegte Welt geschleuderte Schrift, worin der deutsche Dichter sein Vaterland verleugnet, und sich als rother italienischer Republikaner ausruft, möchten wir gern vergessen; ihr folgte bald sein räthselhafter Tod.
Wer hätte geahnet, als Heinrich und Charlotte Stieglitz am Schiffsbauerdamm in Berlin, ein hübsches junges Paar, hauseten; als Marmier (auf längere Zeit in Berlin anwesend) sie und ihre Wohnung mit zwei Turteltauben auf zierlichem Nest verglich, und sie als beneidenswerthe Gatten, ihre Ehe als ein seltenes hochpoetisches Glück pries, wovon er den Parisern Wunderdinge zu erzählen denke!.... Wer hätte geahnet, daß Beide _so_ enden würden?
I.
_Berlin_, 13. Mai 29.
(Schloßfreiheit No. 1.)
Es mag Ihnen seltsam erscheinen, hochgeehrtester Herr Hofrath, beim Rückblick auf ein halbes Jahrhundert des lebendigsten und mächtigsten Wirkens, mit einem Male von drei zum Theil nur durch frühe unzulängliche Versuche, zum Theil noch gar nicht bekannten jungen Männern, sich aufgefodert zu sehen zur Theilnahme an einer literarischen Unternehmung. So oft ich aber auch mich gefragt habe, ob ich wohl wagen dürfe Ew. Wohlgeboren im eignen und der Freunde Namen anzugehn um einen Beitrag zu unserem für 1830 unternommenen Musen-Almanach, so war immer die innere Antwort, daß ich mir es doch nimmermehr verzeihen könnte, die Anfrage unterlassen zu haben; und ich fühle, selbst ein gescheiterter Versuch würde künftig weniger schmerzen als das Unterlassen, wobei doch stets der innre Vorwurf des „Vielleicht?“ geblieben wäre.
Zu wohl weiß ich, daß auf Sie, den unbestechlichen Richter, den im vertrautesten Umgange mit dem höchsten Genius lebenden Dichter, Namen nicht als Ueberredungsmittel wirken; sonst könnte ich Ihnen die der geehrtesten hier lebenden ältern Dichter nennen, deren jeder einen Beitrag zu unsrer Unternehmung gegeben. Daß es aber nicht äußere Bedürftigkeit ist -- denn nicht an Masse fehlt es uns -- sondern ein unabweisbarer innerer Drang, der mich zu Ihnen führte, und daß ich versprechen darf, spätestens nach neun bis zehn Monaten den ersten Theil eines größeren Werkes, woran ich seit nunmehr fünf Jahren mit ganzer Hingebung und Freudigkeit arbeite, in Ihre Hände zu legen, das erhöhet meine Zuversicht, wozu dann auch das freudige Bewußtseyn von der Tüchtigkeit in Kraft und Streben der beiden schon seit längerer Zeit mir innig befreundeten und zum gegenwärtigen Zweck mit mir verbundnen jungen Männer, Moritz Veit und Carl Werder, ermuthigend hinzutritt.
Und so will ich denn mit Ueberwindung aller Besorgniß, nur den einen Gesichtspunkt im Auge, daß ein so hoch geehrter Name uns nicht fehlen möchte, mit der inständigen Bitte mich an Sie wenden, hochgeehrtester Herr Hofrath, uns nicht ungern Ihren Beitrag gewähren zu wollen; jedes, auch das kleinste Gedicht, ein Klang, ein Epigramm, von Ihnen ausgehend, ist willkommen als ein schöner Schmuck des Ganzen.
Und so scheide ich denn in der frohen Hoffnung nicht vergebens mich an Ew. Wohlgeboren gewendet zu haben, und mit der Bitte, einer geneigten Antwort wo möglich bis zum Ende des Junius entgegen sehn zu dürfen, als Ew. Wohlgeboren mit vorzüglicher Hochachtung verharrender
ganz ergebenster
_Heinrich Stieglitz_.
II.
_Berlin_, am zweiten December 1833.
Sie leben, hochverehrter Mann, jetzt so ganz in und mit uns (und vornehmlich machen Ihre Novellen, welche in dem Kreise, der sich um uns gebildet von der ersten bis zur letzten an uns vorübergehn, um ein dauerndes reiches Eigenthum zu bleiben, einen so schönen Theil unsrer Winterabende aus), daß ich nicht unterlassen kann beifolgendes Buch mit einem schriftlichen Gruße zu begleiten, ganz abgesehen von dem Erfolg. Eine große Freude ist übrigens mir und einem wackeren, Sie durchaus kennenden und erkennenden[7] Freunde, ~Dr.~ Theodor Mundt, geworden, und wird uns täglich mehr, nehmlich die Lust des Sieges beßrer Ueberzeugung über manchen hier lebenden der Kunstjünger einer neuen philosophischen Schule, die sich nicht entblödete, Sie, Trefflicher, früher von dem einseitigsten Standpunkte aus anzufeinden, und mit denen, wie hoch ich auch den nunmehr entschlafnen Meister um seines tiefen und großartigen Geistes Willen in der Sphäre des Gedankens ehre, ich in der Kunstansicht mich überhaupt nur selten habe befreunden können. Auch mit meinem trefflichen Oheim in St. Petersburg, einem Manne seltener Natur und von einer Geistes- und Herzensfrische, wie sie wohl nur Wenige in solch enormen Verhältnissen des täglichen Erwerbs sich erhalten haben, bildet nach unserm dießjährigen Sommeraufenthalt eben jetzt das nähere Erkennen Ihrer Werke einen Theil des lebhaften Brief- und Gedankenwechsels.
Doch wohin gerath’ ich? -- Ich wollt’ Ihnen ja nur mein jüngstes Kind darbieten mit dem oft gebrauchten aber gewiß niemals inniger empfundnen „nimm es hin!“ --
Und so denn mit dem Gruß wahrhaftester Ergebenheit und dem Wunsche, daß Sie uns, der Nation, recht lange noch mögen erhalten werden, empfiehlt sich einer Ihrer innigsten Verehrer
_H. Stieglitz_.
=Stjernström, Eduard.=
Das ist offenbar der schwedische Schauspieler, den Herr von Beskow in seiner Briefe einem erwähnt. Leider haben wir nicht auskundschaften können, wie Tieck den hier kundgegebenen Plan aufgenommen, und was er dem jungen Manne für eine Antwort ertheilt haben mag? Möglicherweise gar keine! Und vielleicht hat die deutsche Bühne dadurch einen Verlust erlitten!
Wenn der verstorbene Jerrmann mit eisernem Willen und Fleiße durchsetzte, auf dem ~théatre français~ in einigen Talma’schen Rollen geduldet zu werden; -- wenn eine schöne Magyarin binnen etlicher Jahre aus der „ūngarischen“ Schauspielerin sich in eine deutsche umzubilden vermochte; -- wenn Bogumil Dawison, der als ein „gebrochenes Deutsch“ redender Pole aus Lemberg nach Berlin kam, in verhältnißmäßig kurzer Zeit zu einem der ersten Schauspieler unserer Bühne, und was hier noch schwerer ins Gewicht fällt, zu einem der besten _Redner_ in unserer Sprache sich erhob -- -- -- dann seh’ ich doch wirklich nicht ein, weshalb der gute Herr Stjernström nicht hätte prosperiren können? -- Weil er unrichtig in deutscher Sprache _schreibt_ etwa? -- Ach, lieber Himmel, wer wird das einem Schweden übel nehmen? Es hat vortreffliche Künstler gegeben (und wer weiß ob es ihrer nicht noch giebt?), die ihre _eigene_ Sprache nicht sicherer schrieben, als Stjernström die _fremde_, und die deshalb doch auf den Brettern ganz tüchtig waren.
_Stockholm_, den 26. Oktober 1841.
_Hochwohlgebohrner Herr Hofraht!_
Drei Jahre sind dahin geeilt, seit ich die Ehre und das Glück hatte, Ew. Hochwohlgebohrnen Bekantschaft in Dresden zu machen, in meinen Dankbarem Herzen die schönend Abende bewahrend, die mir durch Ihre Güte und Ihre liebevolle Gastfreiheit zu Theil wurden.
Ich wage jezt Hochwohl. Herr Hofraht eine höchst eigene -- vielleicht voreilige Frage, die nur der Kunstrichter _dem_ verzeihen kan, der sich so gerne die Dramatischen Kunst ganz hingeben möchte. -- Ich habe schon lange die Deutsche Sprache mit Vorliebe unter der Leitung einer Beschützerin, der Frau Oberstin von _Ehrenström_, einer Deutschen und eine unserer gebildeter Frauen einer Freundin Tegnér, Beskow, Brinkman m. m. studirt, und habe auf unserer Königlichen Bühne mehrere Rollen in jener Sprache gespielt: Graf _Hahn_ der jüngere in „_Der Braut_,“ den Direktor in „den _Probenrollen_,“ und bin auch in verschiedenen klassischen Scenen als „_Don Carlos_,“ „_Mortimer_“ aufgetreten, und haben mehrere Deutsche mir gesagt meine Aussprache sei rein und ich könnte als Schwede im Ausland einige Gastrollen versuchen. Nun wünschte ich im nächsten Sommer wieder eine Reise auf den Contenent zu machen, um die grosen Künstler Deutschlands zu studieren und wo möglich in einigen meiner besten Rollen dort auftreten zu können. Da müßte ich junge Fremdling aber auf Ew. Hochwohlgebohren Schutz und Güte rechnen, müßte mich der Ueberzeugung schmeicheln können, von Ihnen _geleitet_ den Muht zu fassen, als „Carlos,“ „Mortimer,“ „Max in Wallenstein,“ „Ferdenand in Kabal und Liebe,“ „Alfred im Zöglinge“ und als der „junge Graf in den beiden Klingsberg“ aufzutreten. Wohl fühle ich meine Schwäche, aber die Seltenheit einen Sohn des Nordens in Deutsche Sprache spielen zu sehen, würde vielleicht mir des Publikums Nachsicht schenken, das ja weiß, daß wir noch weit hinter den Germanen stehen, weil uns leider ein Kunstrichter wie Ludwig Tieck fehlt. -- Im Juli monaht bekomme ich meinen Urlaub, und wünschte gehorsamst zu wissen, wo ich Ew. Hochwohl. entweder in Berlin oder in Dresden treffen dürfte, im Fall Sie mich nicht zu vermessen ansehen und meinen Vorschlag mißbilligen, den nur unter Ihrer Gütigen protection kan und will ich es wagen diese Gastreise vorzunehmen -- aber wen _Sie_ die Sache nicht für ganz unmöglich halten dann eile ich Ihrem Vaterland entgegen und erbitte mir als Gnade einige Zeilen Ihrer werthen Hand, geleitet durch den Raht eines Kenners, der den Alleinstehenden jungen Künstler nicht verlassen will.
Ich habe in unserer Schwedischen Zeitungen vor einigen Monate gelesen daß Sie Ew. Hochwohlgebohrner einen großen verluhst gehabt durch Ihres Fräulein Tochters unerwarteten Tode; ich beklage es von ganzem Herzen! Das muß für ein Gefühlvolles Herz schwer seyn, die lieben Anverwanten zu verlieren. Ich kann leider über diese Empfindung nicht Beuhrtheilen, den meine Verwanten starben so früh, daß ich wohl sagen kan, ich habe sie nie gekannt, und ich stehe nun ganz allein in der Welt.
Der Herr Baron von Brinkman wie auch der Herr Hofmarschall von Beskow befinden beide wohl. Die Briefe die Ew. Hochwohlgeboren mir für beide Litteratören anvertrauten, waren sehr willkommen. Auf meiner Benefice-Vorstellung im vorigen Winter gab ich Scenen aus „König Birger“ von B. v. Beskow, die zum erstenmahle hier erschienen und mit lauten Beifall entgegen genommen wurden.
Indem ich nochmals in Unterthänigkeit Ew. Hochwohlgebohrnen zu ersuchen wage mit einer Antwort zu begünstigen und verharre mit ausgezeichneten Hochachtung und tiefer Ergebung
Ew. Hochwohlgebohren
gehorsamste Diener
_Edouard Stjernström_,
Schauspieler der Königl. Theater
in Stockholm.
~P. S.~ Meine Adresse ist: Klara Bergsgränden No. 37. -- ~2re trappor upp~.
=Strachwitz, Moriz, Graf.=
Geb. zu Peterwitz bei Frankenstein in Schlesien 1822, gestorben im Jahre 1847.
Lieder eines Erwachenden (1836.) -- Neue Gedichte (1848.).
In der Blüthe der Jahre sterben, und mit poetischen Blüthen geschmückt, die übers Grab hinaus fortleben, frisch duften, erfreuen.... kann es ein schöneres Loos geben?
_Breslau_, 28. Aug. 183 ?
_Verehrter Herr,_
_Hochverehrter Herr Hofrath!_
Vor mehr als vier Jahren hatten einige kindische Romanzen eines fünfzehnjährigen Knaben das Glück, durch Friedrich von Sallet in Ihre Hände zu kommen. Sie waren überschrieben: _Wellenmährchen_ und nie in seinen übermüthigsten Momenten hatte der Verfasser geträumt, daß das schlottrige Heft voll schlottriger Reime durch den Namenszug Ludwig Tiek’s geadelt werden sollte. Sie waren so freundlich einige ermunternde Worte unter das Schlußgedicht zu schreiben. Ihre Unterschrift schon genügte, den Knaben ganz glückselig zu machen, er prahlte allenthalben damit und dünkte sich nicht weniger als ein Dichter, wenn er sagen konnte, das hat Ludwig Tieck gelesen. Der Knabe hat einen ernsteren Flug gewagt und tritt kühn vor den aus der Ferne verehrten Meister mit der Bitte, ein schwaches Bändchen voll kecker Reime ebenso freundlich hinzunehmen, als damals den noch kindischeren Versuch. Noch heute ist es sein höchster Stolz, einst von Ludwig Tieck gelobt worden zu sein, wenn er es auch nicht verdiente. Es sind hier Verse so gut und so schlecht, als manches Andere; lesen Sie dieselben wenigstens und dies wird hinreichen, vollkommen zu beglücken
Ew. Wohlgeboren
warmen Verehrer
_Moritz Graf Strachwitz_.
=Strauß, David.=
Geb. am 27. Januar 1808 zu Ludwigsburg im Königr. Würtemberg.
Das Leben Jesu, 2 Bde. (1835.) -- Die christliche Glaubenslehre, 2 Bde. (1840-41.) -- Streitschriften, 3 Hefte (1837.) -- Charakteristiken und Kritiken (1839.) -- Julian der Abtrünnige (1847.) -- Schubarts Leben, 2 Bde. (1849.) -- Christian Maerklin (1851.) -- Leben und Schriften des Dichters und Philol. Nikodemus Frischlein (1856.) -- Ulrich von Hutten, 2 Thle. (1858.) &c.