Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band
Part 6
Um doch recht viel mit dir zu leben, habe ich seit meiner Zurückkunft sehr vieles von dir wieder gelesen, die Novellen (den Aufruhr in den Cevennen mußt du absolut fertig machen). Auch Octavian und mehrere von den alten Sachen.
Ich habe auch Vorlesungen gehalten und mehrere ästhetische Abhandlungen ausgearbeitet. Im künftigen Herbst gebe ich eine dänische Monatsschrift „_Prometheus_“ heraus, die Aesthetik, Kritik und Poesie enthalten wird.
Ich habe ein kleines romantisches Schauspiel in gereimten Versen _Rübezahl_ geschrieben -- es wurde gespielt, aber -- das war „Caviar für den großen Haufen,“ es gefiel nur den Poetischen, Gebildeten.
Mein Singspiel „_das Bild und die Büste_“ (in der deutschen Sammlung übersetzt,) ist von einem jungen geistreichen Musiker „_Berggreen_“ sehr gut componirt, und hat auch gefallen. Was sagst du dazu dieses Stück mit Berggreens Musik in Dresden aufführen zu lassen?
Hast du daran gedacht einige von meinen Stücken in Dresden sonst aufzuführen? Robinson in England? Erich und Abel?
Ich wünsche sehr einige gute Nachrichten von deiner Gesundheit zu hören. Und wie befindet sich deine gute Frau und deine lieben Töchter, und die treffliche Gräfin Finkenstein? -- Zu Brockhaus’ Urania habe ich eine Novelle geschrieben: „_der bleiche Ritter_.“ Sage mir deine aufrichtige Meinung darüber, wenn du sie gelesen hast. Ich freue mich dazu wieder eine Novelle von dir in Urania zu finden.
„~Quid novi ex Africa~“ kann ich sonst fragen; denn das poetische Deutschland fängt jetzt so ziemlich an eine africanische Sandwüste zu werden. -- Aber so ist es überall -- und so war es zu Theil überall. Der Fluß des Lebens fließt über Sand, und der Sand enthält immer nur wenige Diamanten. Lebe wohl!
Dein treuer Bruder
_A. Oehlenschläger_.
II.
_Coppenhagen_ d. 4 Mai 1834.
_Liebster Tieck!_
Der junge Müller, ein talentvoller Maler, der gewiß etwas Gutes in seiner Kunst leisten wird, bittet mich ihm einen Brief an Dich mitzugeben. Eigentlich sollte ich Dir nicht mehr schreiben, denn zwei (?) lange Briefe habe ich Dir geschrieben, und Du hast mir keine Zeile geantwortet. Doch -- ich weiß daß Du mir treu bist und bleibst, und das ist ja die Hauptsache. Vielleicht waren meine Briefe auch damals zu traurig, was meine Familie betraf, und du wußtest mir keinen rechten Trost zu geben. Jetzt geht alles Gott Lob recht gut. Der junge Müller, ein Sohn meines Hauswirthes, des Bischoffs wird dir alles erzählen können.
Ich bin seit wir uns sahen ziemlich fleißig gewesen. Jetzt werde ich wieder etwas Deutsches schreiben. Ich werde meine Tragödien „Tordenskiold,“ „die Königinn Margareta“ und „die italienischen Räuber“ übertragen. Lese sie, wenn sie herausgekommen sind und sage mir Deine aufrichtige Meinung! Ich habe mit großem Vergnügen Deine Sommerreise gelesen. Adieu, bester Freund! Grüße Deine liebenswürdige Familie und die edle Gräfin Finkenstein vielmals von Deinem treuen Freunde
_A. Oehlenschläger_.
III.
_Kopenhagen_ d. 20 Septbr. 1837.
_Liebster Tieck!_
Ich bitte dich die Güte zu haben meine Tragödie „_Sokrates_,“ welche dir ~Dr.~ Hammerich von mir brachte, meinem Freunde Dahl wieder zu geben; er wird mir das Manuscript nach Kopenhagen schicken.
Ich habe mehre Sachen von mir deutsch übertragen, und will nun sehen einen Verleger für das Ganze zu finden. Einzelne Sachen können in diesem Gewimmel von Büchern, die heraus kommen, sich gar nicht bemerklich machen.
Ich danke dir, daß du in deinen Schriften gelegentlich mit Liebe von mir gesprochen hast. Ich will das als Antwort auf meine Briefe an dich betrachten. Ich bin auch ein fauler Briefschreiber, doch du übertriffst mich hierin wie in vielen andern Eigenschaften. -- Ich hoffe immer dich wieder zu besuchen. Willst du nicht eine kleine Tour nach Kopenhagen machen? Du sollst bei mir wohnen und es so gut wie ich haben.
Lebe wohl, alter Freund!
Dein treuer
_A. Oehlenschläger_.
IV.
_Kopenhagen_ d. 7 Nov 1843.
_Mein alter Freund!_
Ein junger Gelehrter, ~Cand. Theol.~ Brasch, der eine Reise macht, wünscht deine persönliche Bekanntschaft zu machen, und bittet mich einige Zeilen zu dir mit zu geben. Dieses habe ich dem jungen hoffnungsvollen Manne, der mehrere Jahre beim Finanzminister Moltke Hauslehrer war, nicht abschlagen wollen; und ergreife zugleich diese Gelegenheit meine Erinnerung in deinem freundlichen Gedächtnisse ein wenig aufzufrischen. Es freut mich zu hören daß du den Einfluß und die Liebe deines Königs erworben, die du verdienst. Ich höre, Ihr spielt jetzt in Berlin Stücke im Geschmack der Alt-Griechen und Alt-Engländer -- das ist hübsch von Euch. -- Vielleicht kommt die Reihe auch an einen armen Mitlebenden. Schiller sagt: „Wir wir leben, unsre sind die Stunden“ -- das ist aber nicht immer wahr. Mitunter kommen erst die Stunden, wenn die letzte Stunde der Lebensuhr geschlagen hat.
Ich habe neulich eine Tragödie gemacht „Dina,“ die in Kopenhagen viel Glück machte. Ich werde ein Exemplar meiner deutschen Uebersetzung nach Berlin und eins nach Wien schicken. Bei dieser Gelegenheit hoffe ich auf deinen Einfluß, wenn das Stück das Glück haben sollte deinen Beifall zu gewinnen.
Gott segne Dich!
Dein treuer Freund
_A. Oehlenschläger_.
=Paalzow, Henriette,= geb. Wach.
Geb. zu Berlin 1788, gestorben daselbst am 30. Oktob. 1847.
Godwie Castle, 3 Bde. (1836.) -- Saint-Roche, 3 Bde. (1839.) -- Thomas Thyrnau, 3 Bde. (1843.) -- Jakob van der Nees, 3 Bde. (1847.) -- Daß es hauptsächlich der vielbelobte „blühende Styl“ gewesen, welcher diesem weiblichen Autor so rasch die schwärmerische Vorliebe jugendlicher Leserinnen erwarb, wird Niemand befremden, der Periodenbau wie nachstehenden zu würdigenden weiß: „Wenn sie in jungfräulicher Einsamkeit _ihn_ aus der Tiefe ihres Herzens heraufbeschwor, so öffneten sich die Pforten desselben von seliger Fülle gesprengt, und ihr ganzes Wesen blieb lauschend stehen, und horchte der Wunder, die einen magischen Kreis sanft betäubend um sie her zogen!“
I.
Den 14. November 1841.
Sie sind nun hier, und Ihr Königlicher Freund verreist! Sie glauben nicht was mir da Alles einfällt!
Gestern Abend war mein hübsches grünes Wohnzimmer so schön beleuchtet, es war mir als hätte es was vor, wollte mir was erzählen -- ich horchte:
„Bin ich denn nicht hübsch genug um ihn aufzunehmen? Soll ich denn nicht aus seinem Munde hören, wie er den großen Meister, dem er huldigt, zu Ehren hilft mit dem Zauber seiner Rede? Wie würde es ihn so gut kleiden, wenn er hier in dem bequemen Lehnstuhl säße -- vor sich das Tischchen mit den Lichtern -- die Geister die er herauf beschwört, sie hätten hier Raum und die Besten die Du kennst, die müßtest Du sammeln!“
Denken Sie einmal, wie mich solche Phantasien treiben müssen! ich erzähle es Ihnen und hoffe auf Ihr liebes versöhnliches Lächeln!
Die nächste Woche ist so lang -- aber die letzte -- den 28: erwartet man den zurück, der dann die königliche Hand unerwartet nach Ihnen ausstrecken kann!
Jeder Tag also in dieser, den Sie wählen könnten -- und dann! soll das ein Fest werden!
Ihnen wir Beide recht wahrhaft ergeben
_Henriette Paalzow_ geb. Wach.
II.
Den 28. Novbr. 1843.
_Hochverehrter Herr und Meister!_
Wenn das beifolgende Blatt Sie etwas ungeduldig macht, so denken Sie nur, daß ich dies fürchtend lange anstand es Ihnen zu senden.
Nun ich es heute doch thue, habe ich mir allerlei Gründe ausgedacht, warum ich es thun dürfte, und Sie in gewohnter Weise still halten müßten.
Und vielleicht ist es doch nur ein Grund -- einer aber für Alle -- „daß Sie da sind! Daß wir Sie haben!“ -- Und daraus entsteht dann _mein_ Grund: ich möchte gern, daß Sie mein Gewissen würden -- daß Sie Ihr Auge auf mich richteten und theilnehmend zusähen, wie ich mich aus innerer unbezwinglicher Nothwendigkeit gestalte -- ich habe ein Gefühl, als müßte mir das Seegen bringen!
Lassen Sie gütigst sagen, ob man Sie schon besuchen darf, und wie es mit dem Befinden der Frau Gräfin geht!
Voll inniger Verehrung Ihnen ergeben!
_Henriette Paalzow_ geb. Wach.
=Pauli, L.=
Herr P. war ein vorzügliches Mitglied des Dresdener Hoftheaters, und besonders als Intriguant in bürgerlichem Schauspiel ausgezeichnet. Sein Wurm in „Kabale und Liebe“ durfte _vollkommen_ genannt werden. Ob für hochtragische Charaktere ihm die erhebende Kraft einwohnte, wagen wir nicht zu entscheiden. Jedenfalls ist diese seine Sturm- und Drang-Petition geeignet, ihm Achtung zu erwerben, und wir bedauern, nicht berichten zu können, welchen Erfolg sie gehabt.
V. H., den 25. July 1831.
_Wohlgeborner Hochzuverehrender Herr Hofrath!_
Wenn es nicht ganz gegen Ihren Willen ist, daß ich auf der hiesigen oder Leipziger Bühne einen Versuch mit der Darstellung Richard III. mache, so bitte ich noch einmal dringend, halten Sie es der Mühe werth, mit mir über den Charakter dieses Meisterwerks, so wie über die scenische Einrichtung des ganzen Stücks berathend zu sprechen. Es wird mir nicht leicht, den Gedanken an die Möglichkeit des Gelingens aufzugeben und hierzu trägt die Ueberzeugung bei, daß viele von den Darstellern dieser Rolle bei andern Bühnen nicht mehr geistiges und physisches Vermögen besitzen, als ich und doch Ruhm und Ehre erworben haben. Ich muß mich vor diesen schämen, da ich nicht vollwichtige Gründe aufstellen kann, die mich zwangen, die Darstellung unversucht zu lassen. Haben Sie die Güte, Hochverehrter Herr, und kräftigen Sie entweder meinen Vorsatz, diese Rolle zu meinem ernstesten Studium zu machen, oder bestimmen Sie mich, nicht mehr daran zu denken.
Sie würden nicht so wiederholt durch meine Bitten belästigt werden, wenn mir seit November vor. Jahres auch nur die geringste Gelegenheit gegeben wäre, auf der hies. Bühne etwas zu leisten, was mein Daseyn bezeugte. Es ist eine Schande, welches unthätige Leben ich führe. Ich bin das nicht gewohnt. In der Arbeit lebe ich nur; darum helfen Sie, daß ich mir selbst welche schaffe, da Eine Allerhöchst verordnete General-Direction von meiner Existenz als Mitglied des hies. Theaters keine Notiz mehr zu nehmen scheint.
In Erwartung, daß Sie mir gütigst einen Tag und die Stunde angeben werden, wo Sie, ohne dadurch belästigt zu werden, meiner Bitte willfahren wollen, habe ich die Ehre, mich mit hochachtungsvoller Verehrung zu nennen
Ew. Wohlgeboren ganz ergebener
_L. Pauli_.
=Pichler, Caroline von,= geb. Greiner.
Geb. zu Wien am 7. Sept. 1769, gestorben daselbst am 9. Juli 1843. Fruchtbare und vielgelesene Schriftstellerin.
Gleichnisse (1800). -- Idyllen (1803). -- Lenore, 2 Bde. (1804). -- Ruth (1805). -- Olivier (1812). -- Agathokles. -- Die Nebenbuhler, 2 Bde. (1821). -- Die Belagerung Wiens, 3 Bde. (1824). -- Die Schweden vor Prag (1827). -- Die Wiedereroberung von Ofen, 2 Bde. (1829). -- Friedrich der Streitbare, 4 Bde. (1831). -- Zeitbilder, 2 Bde. (1840). -- Sämmtliche Werke, 60 Bde. (1820 bis 1845).
Es erscheint bemerkenswerth, daß die beiden hier mitgetheilten Briefchen dieser Dame, obgleich zwei volle Jahre zwischen dem zweiten und ersten liegen, bis auf die Verschiedenheit des Ausdrucks, einen und denselben Inhalt haben. Man sieht, wie mächtig die von ihr geschilderte Wirkung gewesen sein muß, daß sie so unverändert blieb.
I.
_Wien_, 10t. May 1828.
Sie gedenken meiner freundlich, und zuweilen bringt ein Reisender mir ein Zeichen dieser Erinnerung. So auch Prf. Ranke im vorigen Herbst. Gern hätte ich gleich geantwortet, aber ich ehre Ihre Muße zu sehr, an welche ganz Deutschland hoffnungsvolle Ansprüche macht. Wenn aber ein Freund durch Dresden geht, und Sie ohnedieß aufsucht, so gebe ich ihm ein Blättchen mit, das mich in Ihr Gedächtniß ruft. Baron Maltiz, ein junger Mann von seltnem Talent, und noch seltenerer gediegener classischer Bildung bringt Ihnen dieß, und wird Ihnen mündlich mehr von uns allen hier in Wien sagen.
Einen köstlichen Genuß hat mir Ihre Erzählung: _Der Gelehrte_ gewährt -- dieß Leben, diese Wahrheit, diese höhere Natur des guten Professors, welche alle seine Pedanterie nicht verstecken kann, und die es begreiflich macht, daß man sich in ihn verlieben kann! Nehmen Sie meinen wärmsten Dank und mit ihm den Dank des Freundekreises, der sich nebst mir daran erfreut. Was haben wir aber von dem _Aufruhr in den Cevennen zu erwarten_? Wie Tantalus steht die lesende und bewundernde Welt vor dem reichen Quell, der vor ihren Augen sich in die Erde verliert, ohne zu wissen ob und wo er wieder hervorbrechen wird? Vielleicht bringt Maltiz uns Hoffnungen, die Sie ihm geben.
Mit der ausgezeichnetsten Achtung
Ihre
_Pichler_.
II.
_Wien_, 21. Junius 1830.
Frau v. Schlegel, meine sehr theure Freundin, kommt nach Dresden, sie wird Sie sehen, und ich kann es mir nicht versagen, Ihnen durch sie ein Paar Zeilen zu senden. Sie sollen Ihnen sagen, wie sehr mich jedesmahl Ihre gütige Erinnerung, Ihre freundliche Theilnahme erfreut hat, wenn mir ein Gruß, eine ehrenvolle Meinung von Ihnen wurde, und sie sollen Ihnen für so manche schöne Stunden danken, die Ihre neuesten Arbeiten mir gewährt. Leider sind wir alle durch die Eine derselben -- gerade die wichtigste (den Cevennenkrieg) tantalisirt werden -- und kaum wage ich zu hoffen, daß unsre Erwartungen je erfüllt werden! Für eine kleine Erzählung aber, die ich schon oft und jedesmahl mit neuem Antheil gelesen habe, nehmen Sie ganz besonders meinen Dank, für _den Gelehrten_. -- Wenige Gedichte haben mich in so beschränkter Form, bey so einfachem Gange, mit so natürlichen Verhältnissen und Characteren, wobei Jeder glaubt, sie kennen und unter seinen Bekannten nachweisen zu müssen -- so lebhaft und tief zugleich angesprochen. Mir ist, ich wäre zu Hause unter diesen Menschen, und gar so erfreulich und erhebend blickt durch die ängstliche pedantische Hülle des Professors der höhere edle Geist durch, der in einer andern Entfaltung etwas recht Glänzendes und Großes hätte werden können. -- Doch ich sage Ihnen Dinge, die Sie selbst wissen, die Andre Ihnen hundertmahl gesagt haben; Dinge die vielleicht auch nur in meiner Ansicht liegen -- denn das wird Ihnen wohl auch schon begegnet seyn, daß die Leser Ansichten und Begriffe in Ihre Dichtungen hinein bringen, von denen Sie selbst nichts wußten, die Sie nicht hineingelegt -- das ist wohl ein allgemeines Loos.
Leben Sie nun recht wohl, und empfangen Sie die Versicherung der höchsten Achtung von
Ihrer ergebensten
_C. Pichler_.
=Prutz, Robert.=
Geb. den 30. Mai 1816 zu Stettin, wo er jetzt wieder seinen bleibenden Aufenthalt genommen, nachdem er mehrere Jahre hindurch eine Professur in Halle bekleidet hatte.
An wissenschaftlichen Werken lieferte er u. A.: Der Göttinger Dichterbund (1841). -- Geschichte des deutschen Journalismus, 2 Bde. (1845). -- Vorlesungen über die Geschichte des deutschen Theaters (1847.) -- Litterarhistorisches Taschenbuch, 6 Bde. (1843-48). -- Die deutsche Litteratur der Gegenwart, 2 Bde. (1860).
Seine „Gedichte“ erschienen zuerst 1841. -- Dann: Neue Gedichte (1843). -- Aus der Heimath (1858).
Von dramatischen Werken sind zu nennen: Nach Leiden Lust, Lustsp. -- Karl von Bourbon. -- Moriz von Sachsen. -- Erich XIV., Trauerspiele.
Von Romanen: Das Engelchen, 3 Bde. (1851). -- Felix, 2 Bde. (1851). -- Der Musikantenthurm, 3 Bde. (1855) u. a. m.
Die von ihm gestiftete und redigirte Zeitschrift „Museum“ bewahrt dauernd ihre bedeutende Geltung.
I.
_Berlin_, 21ten Mai (ohne Jahreszahl).
Mit dem unbedingten Vertrauen, welches der Name eines so hochgefeierten Mannes in jeder jugendlichen Brust erregt, zugleich mit der Offenheit, die wol das beste Zeugniß eines bewegten und ernsten Gemüthes ist, wendet sich an Sie, hochgeehrtester Herr! ein junger Mann, der von Ihrem Urtheil, Ihrem Rathe sein fernerweitiges Leben abhängig machen will. Welcher Art dies Gesuch ist, werden Ihnen die eingelegten Papiere andeuten, und schon tadeln Sie vielleicht die Zudringlichkeit dieser halbreifen Poeten, die Sie mit ihren Verseleien verfolgen; -- dennoch erlauben Sie mir, Ihnen Ausführlicheres mitzutheilen. --
Unter eigenthümlich aufregenden Verhältnissen erzogen, und von der Natur mit einer mindestens lebhaften Seele begabt, ward es mir sehr früh zum Bedürfniß, dies rastlose innere Treiben in oft sehr unvollkommener poetischer Form zu äußern. So bin ich -- zum Dichter freilich nicht; denn dies eben ist es, was mich beunruhigt, und was ich so gern wissen möchte! -- zum Versemacher geworden, ohne selbst recht zu wissen, wie; von älteren Freunden aufgemuntert, überließ ich mich gern diesem unverstandenen Drange, dessen Befriedigung mir ein so süßes Spiel war. Jetzt aber, da jene Jugendzeit entschwunden ist und ich mich ganz einer ernsten und ein Menschenleben in Anspruch nehmenden Wissenschaft (dem Studium der Sprachen) seit Längerem gewidmet habe; -- jetzt erregt mir dies Spiel mancherlei Zweifel und Bangigkeit. Es will ja Alles heut zu Tage dichten, Alles will mit immensen Talenten, mit großen Hoffnungen prunken -- und bei den Meisten ist es nur ein Spielwerk. Bin nun auch ich nicht zu Ernsterem fähig (denn der Trieb zum Dichten ist nicht immer Beruf dazu!) so ist es jetzt Zeit, dem Spiele zu entsagen, gewaltsam jenen Trieb zu unterdrücken und mich mit ungetheilter Kraft dem ernsten Studium zu weihen. Darum thut eine Entscheidung in dieser fraglichen Sache so noth; aber nur der Dichter kann über Dichtertalent und Dichterwerke urtheilen, und darum, geehrtester Herr! wende ich mich an Sie! -- In der inneren Befangenheit, da ich jetzt bin, da jener Verse und Gedichte, alle die poetischen Bilder und Gedanken wie ein Ballast auf meiner Seele ruhen, kann ich mich nicht anders davon befreien, als indem ich durch Herausgabe meiner Lieder mich des alten Wustes ganz entäußere, und Raum gewinne in meinem Herzen zu neuen, vielleicht ganz anderen Eindrücken. Aber ich möchte durch mein Buch nicht gern die lange Reihe elender Machwerke vermehren; darum, bitte ich, lesen Sie gütigst die beigefügten Bruchstücke meiner Gedichte: freilich sind es eben nur Einzelheiten, Bruchstücke; allein sie werden Ihnen genügen, daraus zu erkennen, weß Geistes Kind der sein mag, der diese Gedichte empfand und schrieb. Ihrem Urtheile will ich mich gern fügen; denn gewiß werden Sie ebenso richtig urtheilen, als Ihr Urtheil, welcher Art es sein mag, unumwunden aussprechen. Vielleicht, wenn meine Versuche nichts Eigenthümliches beurkunden, wird es mir schwer fallen, alle ferneren Ergüsse meiner Seele zu hemmen; das Eine aber gelobe ich Ihnen feierlichst, daß ich nie gegen Ihren Rath an Veröffentlichung meiner Machwerke denken werde. Verdienten sie jedoch, dem Publikum übergeben zu werden, so würde ich ihnen einen wohlberufenen Verleger zu verschaffen suchen; denn auch hierin bin ich ängstlich. Mit großem Rechte giebt man bei der heutigen Büchersündfluth fast mehr auf den Namen des Verlegers, als auf die Titel des Verfassers. Dann, geehrtester Herr! würde ich zu so vielen Bitten noch ein neues Gesuch hinzufügen: erlauben Sie mir, Ihnen, dem gefeierten und von mir geliebtesten Dichter, dem Einzigen unter den Mitlebenden, dessen Namen noch an jene für ewig hingeschwundene glänzendere Zeit unserer Literatur erinnert -- Ihnen, dem Manne, der sich auch meiner freundlich annehmen wird, als ein öffentliches, wenn auch vielleicht nur allzuvergängliches Denkmal unvergänglicher Achtung und Liebe jenes Bändchen Gedichte zu widmen. -- Doch freilich sind das Träume, deren Verwirklichung sehr fraglich, denen sich hinzugeben, sehr gefährlich ist. --
Indem ich jetzt diesen Brief wieder durchlese, tritt es mir recht lebhaft vor die Seele, wie sehr Sie erstaunen mögen über dies zudringliche, vielleicht langweilige Geschwätz; ja, Sie mögen unwillig werden, wenn ich Ihnen eine recht -- recht baldige Beantwortung meines Briefes mit gehorsamster Bitte recht dringend an’s Herz lege; aber sehen Sie -- darum bitte ich: -- in allen diesen Außergewöhnlichkeiten, sogar in diesen Verstößen gegen Sitte und Bescheidenheit nur Merkmale der unbegrenzten Hochachtung, Verehrung und Liebe, mit welcher ich Ihrer gütigen Theilnahme mich empfehle.
_R. E. Prutz_.
II.
_Dresden_, d. 13. Aug. 34.
Auf einem kleinen Ausfluge in’s sächsische und böhmische Gebirge auch Ihr liebliches Dresden berührend, war mein erster Gang in Ihre Behausung; denn obwohl Sie, verehrtester Herr! mich auf mein freilich sehr andringliches und seltsames Ansuchen noch mit keiner Antwort erfreut hatten, hoffte ich dennoch, Ihr freundliches Wohlwollen werde mir die Gunst längst ersehnter persönlicher Nähe nicht versagen. Leider will der Zufall, daß ich Sie hier nicht finde, und meine Zeit gestattet mir keinen längeren Aufenthalt: sehr schnell und sehr ungern muß ich diesem kleinen Paradies mein Lebenwohl! sagen. Dennoch kann ich nicht umhin, mich mindestens schriftlich neuerdings Ihrer Theilnahme, Ihrer freundlichen Geneigtheit zu empfehlen: wohl mögen Sie den Kopf schütteln, und ich erröthe ja auch selbst über dies ungeschickte und Ihnen wol gar verhaßte Ansuchen; aber gar zu lieblich hatte ich’s mir geträumt, die alten Zeiten neu zu machen, und wie jene wackern mittelalterlichen Sänger von dem Meister und wo möglich vor dem Meister selbst zu lernen. Jene Zeiten sind dahin, und wie so unsäglich vieles Schöne auch dies mit ihnen; aber ich weiß nicht, welche Stimme mir zuflüstert, daß sie für mich noch wiederkehren, daß Sie, Geehrtester! meinem herzlichen Gesuche um Rath, Theilnahme und Belehrung sich nicht entziehen werden. Und so hoffe ich denn bald, _recht bald_ (denn Sie mögen denken, wie froh und zaghaft ich seit Monaten harre!) einige Zeilen von Ihnen zu empfangen. In dieser freundlichen Hoffnung und mit der wiederholten Bitte, meinem Anliegen nicht ganz abhold zu sein, empfehle ich mich Ihrer gütigen Theilnahme
ergebenst
_R. E. Prutz_.
III.
_Halle_, 13. April 1840.
_Hochwohlgeborner Herr, Hochgeehrtester Herr Hofrath!_
Nicht ohne einige Besorgniß, durch die lange Benutzung der beifolgenden Bücher die außerordentliche Güte, mit welcher Sie mir dieselben verstattet, gemißbraucht zu haben, sende ich endlich diese Bücher, nämlich:
Oehlenschlägers Holberg, 4 Bde. Holbergs Schr. v. Rahbek, 6 Bde. Gherardi’s ~Theâtre Italien~, 6 Bde.
mit meinem ebenso aufrichtigen, als ergebenen Danke sowohl für das unschätzbare Vertrauen, welches Sie mir theilnehmend bewiesen, als für die mannigfache Belehrung und Förderung, die mir aus diesen Büchern erwachsen ist, zurück.
Erlauben Sie mir, Hochgeehrtester Herr Hofrath, diesem Danke zugleich die aufrichtigsten und innigsten Wünsche für Ihr uns Allen so werthes Wohlergehen, sowie die Versicherung der dankbarsten Ergebenheit beizufügen, mit welcher ich mich empfehle als
Ew. Hochwohlgeboren ergebenster
~Dr.~ _R. E. Prutz_.
=Quandt, Johann Gottlieb von.=
Geb. den 9. April 1787 zu Leipzig.
Als Kunstkenner und kunsthistorischer Schriftsteller hochgeachtet. -- Streifereien im Gebiete der Kunst, 3 Th. (1819.) -- Entwurf zu einer Geschichte der Kupferstechkunst (1826.) -- Vorträge über Aesthetik für bildende Künstler (1844.) -- Leitfaden zur Geschichte der Kunst (1852.) -- u. a. m.
I.
_Leipzig_, 12ten Okt. 1829.
_Verehrter Herr Hofrath_.
Hätte nicht schon die innigste Verehrung und Freundschaft mich zu Ihnen hingezogen, so würde die Pflicht der Dankbarkeit es von mir unerläßlich gefordert haben, nach meiner Rückkehr von Teplitz Sie zu besuchen. Auch befand ich mich bereits an Ihrer Thür, erfuhr aber, daß Sie ausgegangen waren. Bis ich von Leipzig zurückkomme, kann ich es nicht verzögern Ihnen zu sagen, welche große, fast an Beschämung grenzende Freude, Sie mir durch Zueignung des dritten Bandes Ihrer Werke verursacht haben.