Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band
Part 24
Wenn Sie doch Ihren Beytrag _selbst_ bringen könnten! Des Morgens bin ich immer zu Haus. Den weiten Weg zu Ihnen scheue ich gar nicht. Aber bey mir bleibt man viel sichrer _allein_, und so sehe ich Sie doch wenigstens jetzt am liebsten, ungeachtet ich auch Ihren häuslichen Cirkel, in dem ich Sie mich immer vorläufig einzuschreiben bitte, wenn ich auch jetzt nicht so oft da seyn kann, als ich wünschte, sehr liebenswürdig finde. Mein Interesse an Ihnen oder an der Poesie ist zu ernst. So etwas zerstreut sich gleich, wenn mehrere da sind. Ich bin in solchen Angelegenheiten sehr für die Zweysprach.
Ich lese jetzt Ihren Lovell zum zweytenmahl. -- Mein Bruder läßt Sie herzlich grüßen, und hat große Freude an Ihren Werken und an den Nachrichten, die ich ihm von Ihnen habe geben können.
Empfehlen Sie mich Ihrer Schwester.
Ihr
_Fr. Schlegel_.
Das unterhaltende Büchelchen erfolgt mit vielem Danke zurück.
Wollen Sie wohl die Güte haben mir _Richters Dornenstücke_ zu leihen, und mir _Wackenroders Logis_ aufzuschreiben?
II.
_Dresden_, den 27. Jul. 98.
Ich wollte Ihnen nicht eher schreiben, liebster Freund, bis ich Ihnen einigen Bericht über eine spanische Lectüre hier geben könnte. Bis jetzt ist aber noch nichts geschehn, weil ich dumm genug gewesen bin, mich in die Dummheit der Engländer recht sehr vertiefen zu lassen. Ich habe die Arbeiten des Malone &c. über die Aechtheit und Chronologie der Sh.schen Dramen durchgearbeitet, und wenigstens gelernt, wie wenig daraus zu lernen ist. Desto mehr finde ich in Sh.’s erotischen Gedichten (die ich in der Andersonschen Sammlung Engl. Dichter recht nett gedruckt beysammen fand) und in den sogenannten unächten Schauspielen zu lernen. Durch beyde ist mir ein ganz neues Licht über Sh. aufgegangen; und beyde haben mich auch beyläufig[20] entzückt. Die ersten mehr auf eine subjektive Weise; d. h. ich bin dadurch gleichsam verliebt in Sh. geworden, und ich weiß mir fast nichts, was ich so ganz nach meinem innersten Gemüth _liebenswürdig_ finde als Adonis und die Sonnette. Das Interesse an den Dramen ist objektiver, sie mögen nun von S. seyn oder nicht. Ich habe eine große Vorliebe für den Aeschylus jeder Art, sollte sie auch noch so Gothisch und Barbarisch seyn. In dieser Hinsicht hat Locrin sehr großen Reiz für mich, wegen des _Kothurns_, und die grelle Lustigkeit dazwischen ist sehr grandios. -- Ich halte es indessen für im höchsten Grade wahrscheinlich, daß sie alle von Sh. sind, die meisten noch älter als die erotischen Gedichte. -- Ich habe denn doch die Engl. Bestien excerpirt, da ich sie einmal gelesen hatte, und wenn Sie die Reedsche Ausgabe von 93 und Malone’s Essais über die Chron. noch nicht gelesen oder gehabt haben, kann ich Ihnen einige interessante Fakta mittheilen, wenn ich zurückkomme.
Wenn Sie nur vorher mit Ihrem Aufsatze über den Cervantes fertig würden! Sie glauben nicht, wie sehr ich es wünsche, Sie auch einmal über die Poesie poetisiren zu hören, und im Athenäum nicht bloß über Sie, sondern auch Sie selbst zu lesen. Ich setze Ihnen das Ende des August als letzten Termin. Sind Sie dann nicht fertig, so schreibe ich Ihnen _druckend_ einen Brief über die spanischen Angelegenheiten, an die ich nun unverzüglich gehn will. Glauben Sie aber, daß Ihrem Geiste jede kritische Geburth nur durch die Zange entrissen werden kann, so geben Sie mir nur einen Wink, und Sie sollen unverzüglich eine ~epistola critica de novellis hisp.~ von mir erhalten und wir können dann nach Belieben mit der Correspondenz fortfahren. --
Geben Sie nur bald Nachricht von sich und empfehlen Sie mich den Ihrigen. Ihre Schwester Alberti sah ich zweymal; zuerst vor Empfang des Briefs, wo sie, jedoch in aller Zärtlichkeit etwas ungeduldig war; dann nachher als die Sonne wieder schien.
Ich umarme Sie herzlich. Ganz der
Ihrige
_Friedrich Schlegel_.
Das muß ich Ihnen doch noch sagen, daß Sie von wegen der Volksmährchen zwey Freunde haben, die Sie nicht kennen: _Novalis_ und der Philosoph und Physiker _Schelling_, von dem ich Ihnen sagte.
Das Stück von Lope auf das Sujet von Romeo hat _nicht_ diesen Titel. Welchen es hat, sagen die Canaillen nicht. -- Die _Puritanerin_ wollte mir im Anfang weniger zusagen, sie ist etwas schwer. Nun gefällt sie mir ganz vorzüglich. --
III.
_Jena_, den 22ten Aug. 1800.
Es kommt sehr erwünscht, daß ich grade zu gelegener Zeit Deine Adresse erhalte, da ich eben einen Brief von Deinem Bruder für Dich habe, der an Wilhelm eingeschlossen war.
Dein Brief und Deine Sammlung hat mir große Freude gemacht. Die Sonette habe ich sogleich einigemal gelesen; sie gefallen mir sehr, auch bin ich zufrieden damit, daß das an mich sich durch die Dunkelheit und Sonderbarkeit so auszeichnet, in welcher Rücksicht mir nur noch das auf Sophie einen ähnlichen Eindruck gemacht hat.
Die Correctur werde ich gut und treulich besorgen; so auch das Exemplar an Hardenberg, der jetzt nicht in Berlin sein wird.
Ich habe noch manche Gedichte gemacht, aber fertig ist der 2te Theil noch nicht. Uebrigens habe ich mich nun auch zum Doctor machen lassen und lese den Winter Idealismus, wozu sich schon 60 gemeldet haben. Vielleicht kommt Schelling und was ihm anhängt, auch zurück, und so würde es Idealismus und Realismus genug geben, welches uns doch weiter nicht sehr kümmert, außer daß ich wünsche, Wilhelm wäre endlich ganz rein von diesen Händeln.
Du siehst ihn gewiß den Winter in Berlin; jetzt aber wird er noch einige Zeit wegbleiben.
Auch der junge Angebranntene ist da gewesen, um sich als Abgebrannten darzustellen. Er fiel mit einem unendlichen und unleidlichen Zutrauen über uns her, wurde aber dadurch der Veit und bald auch mir so fatal, daß ich ihn anfing mit einer gelinden Dosis Wahrheit zu behandeln, worauf er sich schleunig entfernte.
Daß ihm Deine Züchtigung richtig zu Händen gekommen, habe ich alle Sorge getragen, weil ich gerne aus der ersten Hand zusehen wollte, wie er es nähme. Er hat es so genommen, daß ich hätte wünschen können, die Medicin wäre noch kräftiger gewesen: über die Sache selbst zwar hat er sich mit der gemeinen Lebensart geäußert, kurz darauf aber war seine Meinung von Dir sehr geändert, er findet nun vieles an Dir auszusetzen, und unter anderm auch, daß der Zerbino langweilig sei.
Ritter ist fast der einzige, mit dem wir umgehn. Wir sehn ihn jetzt fast täglich, er hat sich für den Umgang seit Kurzem zum Erstaunen entwickelt, und sein Umgang macht mir so viel Freude, als der Umgang mit einem Sterblichen nur immer kann.
Lebe wohl und dichte fleißig. Grüße Deine Frau und Tochter. -- Den Winter komme ich nicht nach Berlin, aber Ostern sehn wir uns ja wohl auf irgend eine Weise.
_Friedrich S._
Noch eins, und zwar etwas wichtiges. _Ideler_ läßt den D. Q. von mir wieder fordern. Ich habe geglaubt, Du hättest ihm denselben etwa in Berlin wieder gegeben, oder doch ein Wort mit ihm deswegen gesprochen. Ich bitte Dich daher, wenn Du den D. Q. an Ideler gegeben, sogleich eine Zeile desfalls zu schreiben.
Die Oper muß fertig gedruckt sein, doch habe ich den Titel noch nicht zur Correctur gehabt. Ganz rein von Fehlern mag sie wohl nicht sein. Bei dem Journal will ich mir aber alle Mühe geben. Wenn du Jacobi siehst, so sage ihm in Gedanken von mir: -- Der mag mich -- --!
IV.
_Jena_, den 5ten Novemb. 1801.
_Geliebter Freund!_
Du mußt mir verzeihn, daß ich Dir so lange nicht geschrieben habe. Ich war sehr beschäftigt und oft auch gestört durch die Kränklichkeit der Veit, die mich oft sehr unmuthig gemacht hat. Dennoch freue ich mich sehr in der Hoffnung, Dich bald zu sehn. Wir haben viel mit einander zu sprechen, und wollen dann recht viel zusammen sein.
Heute nur das Nöthigste von Geschäften. Die Geschichte der Gothischen Könige kann (Lücke) nicht finden, wie er Dir wohl wird geschrieben haben. Die Charakteristiken hast Du nun. Sowohl den ~Aeschylus~ als die ~guerres civiles~ kannst Du leicht in Dresden haben, daher halte ich’s für besser, sie lieber selbst mitzubringen.
In diesen Tagen war Karl Hardenberg bei mir auf der Durchreise nach Meiningen, wo er etwa 4 Wochen bleiben wird. Er war nur eine Stunde bei mir, indessen habe ich doch gleich die Zeit benutzt, um über die Herausgabe von Novalis Schriften das Nöthige mit ihm zu reden. Er war alles sehr zufrieden, wie Du es eingerichtet hast, und wie ich es ihm vorschlug. Die Biographie, die er zu machen Lust hat, soll für sich bestehn, und also darfst Du darauf nicht warten. Ich wünschte nun herzlich, daß Du den Druck gleich anfangen ließest, da eben keine große Vorrede nöthig ist, und diese immer noch nachher gedruckt werden kann: denn es ist doch am besten, wir machen sie, wenn wir zusammen sind, gemeinschaftlich.
Ich dächte nun, Du nähmest in den ersten Theil, was fertig ist vom Ofterdingen, auch das Fragment zum 2ten Theil, ferner einen Bericht von dem, was er Dir mündlich über die Fortsetzung gesagt, und wenn so viel Raum ist, etwa noch den Lehrling zu Sais.
Den zweiten Theil können dann die _Hymnen an die Nacht_, die _geistlichen Lieder_, und die Fragmente, die ich aus seinen Papieren wählen werde ausfüllen. Zu diesen denke ich das Beste und Wichtigste aus den _Blühenstaub, Glauben und Liebe_ und _Europa_ zu nehmen. Da alle diese drei Aufsätze in ihrer Ganzheit und individuellen Beziehung nur irre leiten würden über den Charakter des Schriftstellers; da die Hymnen über die Nacht hingegen am schönsten und leichtesten im Ganzen erklären, so halte ich auch ihren unveränderten Abdruck für nothwendig.
Karl geht sehr ein in diese Idee, auch hat Novalis selbst noch in der letzten Zeit immer einen ganz besondern Werth in die Vollendung dieser Arbeit gelegt. Der Papiere sind so viele, daß Karl sie mir nicht schicken kann; ich werde also diesen Winter auf 8-14 Tage hingehen, um an Ort und Stelle zu sehen, wie viel und auf welche Weise sich daraus nehmen läßt. Was Du mir in Rücksicht der Bedingungen von Unger &c. schreibst, ist gut. 25 Exemplare müßten wir dem Bruder wohl wenigstens geben.
Hast Du nicht ausdrücklich so viele bei U. bedungen, so müßten die übrigen von uns nachgekauft werden. Ueber die Anerbietung, die Du mir in dieser Rücksicht machst, bin ich etwas erstaunt, besonders über die Veranlassung derselben.
Ich habe Wilhelm gelegentlich zu verstehn gegeben, wie weit entfernt Du in dieser Angelegenheit von aller eigennützigen Absicht seist. Er behauptet aber, nie ein Mißtrauen der Art und gegen Dich gehabt noch geäußert zu haben. Freilich weiß er immer nicht recht, was er sagt, oder schreibt, wenn er einmal in Hitze ist. Was die Sache selbst betrifft, so kann ich Dein Anerbieten keineswegs unbedingt annehmen, sondern höchstens nur in Rücksicht der Zeit und Reisen, die es mir wohl diesen Winter kosten wird, eingehen, daß wir zu gleichen Theilen gehn; worüber Du denn Ungern Deine Disposition geben magst. Ob er mir es giebt oder abrechnet, ist mir im Grunde ziemlich eins, und mag von ihm selber abhängen.
Vielleicht geh ich in diesen Tagen auf ein paar Wochen nach Berlin und dann könnte ich die Correctur selbst besorgen; sonst dächte ich, übertrügst Du sie Wilhelmen, weil er sie doch gewiß sehr genau besorgen wird.
Ich freue mich, daß gerade wir das Unternehmen gemeinschaftlich besorgen und sehe es als einen guten Anfang an für künftige Projecte. Es freut mich von Herzen, daß Du Lust hast, etwas in Gemeinschaft mit mir zu unternehmen; alles nähere darüber mündlich; ich habe alles schon ausgedacht.
Wilhelm ist in diesen Tagen wieder nach Berlin gegangen. Ich habe ihn ziemlich oft gesehn, einigemal recht interessant mit ihm gesprochen, doch nimmt seine Pedanterie sehr zu, und er wird immer breiter und härter. Wir berührten die Familienverhältnisse nicht, aber er hat wohl dafür gesorgt, daß ich sie ein paarmal empfunden habe. Unter anderm hat W. mich einmal auf eine solche Weise beleidigt, die es mir unmöglich macht, ferner an dem Almanach Antheil zu nehmen, so leid es mir der Sache selbst und auch Deinetwegen ist.
Du erinnerst Dich vielleicht, daß ich vorigen Winter ein Gedicht, der _welke Kranz_ gemacht habe, und wer mich und meine Verhältnisse kennt, der wird allenfalls errathen können, daß es sich auf Auguste bezieht und an eine Freundin von mir gerichtet ist (welches aber das Gedicht selbst nichts angeht). Damals hat er nicht nur zwei Seiten voll Lobes über Sylbenmaß und Stil des Gedichtes an mich darüber geschrieben, sondern auch in den stärksten Ausdrücken davon geschrieben, wie es ihn _rühre_, und wie es ihm lieb und werth sei. -- Viermal wenigstens habe ichs ihm in einer umständlichen Specification von allem, was ich zum Almanach geben wolle, ausdrücklich mit genannt, und jedesmal hat er es mit den größten Beifallsbezeugungen auf’s lebhafteste acceptirt, bis er mir’s jetzt vor Kurzem, da der Almanach fast fertig war, zurückgeschickt mit einem albernen, verächtlichen Geschwätz von Persönlichkeit, innerer Religion, und daß ich nicht würde mit einem zerrissenen Herzen rechten wollen. Du kennst mich genug, um zu wissen, ob mir viel daran gelegen sein kann, ein solches Gedicht von mir gedruckt zu sehn oder nicht; aber Du mußt auch fühlen, welche unausstehliche _persönliche_ Beleidigung grade bei _diesem Gedicht_ in der Zurückgabe liegt. Ich war lange in Verlegenheit, was ich thun sollte; endlich beschloß ich, gar nicht zu antworten, denn thät ich es einmal, so hätte es schwerlich anders geschehen können, als auf eine Weise, die völlig jedes Verhältniß zwischen uns unmöglich gemacht hätte. Um aber nicht ähnliche Gefahr zu laufen (-- vor der ich bei der größten Behutsamkeit nicht sicher sein würde, da die Gedichte, die man zu einem Almanach geben kann, mehr oder weniger ins Subjective spielen, und da Karoline alles dazu zu machen weiß, was auch noch so wenig dahin gehört) -- und auch weil jenes Betragen W.’s so unwürdig, und besonders seiner gewohnten Pünktlichkeit als Herausgeber so entgegengesetzt ist, daß ich berechtigt bin, vorauszusetzen, Karoline sei die Urheberin jener Beleidigung; und ich nun unmöglich an einem Werke Theil nehmen kann, dessen unsichtbare Herausgeberin eine Person ist, die sich in jeder Rücksicht infam gegen mich betragen hat; so muß es bei jenem Entschluß bleiben, und ich wünsche nur, daß -- was doch früher oder später geschehen muß -- ich darüber mit W. nicht auf eine Art zur Sprache kommen mag, die jede fernere Gemeinschaft zwischen uns unmöglich macht. Schreibst Du ihm also darüber, so thu es auf die gelindeste Art.
Dein Bruder ist seit einiger Zeit in Weimar, und auch dann und wann hier, wo ich ihn einigemal gesehn, wenn gleich nicht viel, weil er bei W.’s logirt und da sehr fest gehalten wird.
Die Art, wie er über seine Kunst spricht, mißfällt mir nicht; doch scheint mir’s, daß ihm ein Umgang mit Dir auf längere Zeit sehr nöthig wäre. Er ist sich im Wesentlichen gar nicht klar, und leidet im weniger Wesentlichen (was doch auf das Wesentliche bald wesentlichen Einfluß hat) sehr an Halbheit, Unkenntniß und falschen Vorstellungen. Er muß aber recht lange mit Dir beisammen sein und Du mußt es gelinde angehn lassen. Uebrigens weiß ich freilich nicht viel von ihm; vor einigen Wochen kam er einmal sehr freundschaftlich und wollte mich auch für Dich zeichnen; seit er aber jetzt wieder hier ist, ist nicht weiter die Rede davon gewesen, und ich weiß weiter nichts, als daß er Schelling statt dessen zeichnet.
Ja überhaupt, muß ich Dir sagen, ist sein Benehmen dieses letztemal so gegen mich, daß es mich in Verlegenheit setzt, und wenn Dein Bruder unhöflich gegen mich ist, so nehme ichs ihm nicht übel, weil ichs schon voraussetze; aber ich darf auch wohl voraussetzen, daß eine neue Klätscherei aus der alten wohlbekannten Kutte daran Schuld ist.
Herzliche Grüße von der Veit an Dich, und von uns beiden an Deine Frau. Es soll uns recht freuen, Euch in Dresden vergnügt und gut eingerichtet zu sehn. Auf die kleine Dorothea freue ich mich sehr, sowie auf die kleine Auguste.
Ich wollte Dir heute noch weit mehr schreiben, über den göttlichen H. Dümmling u. s. w.
Aber die Veit ist eben gar nicht wohl. Lebe also recht wohl.
_Friedrich_.
Die Romanze rechne ich zu den göttlichsten und vollendetsten Werken, die Du gemacht hast. Die andern Gedichte im Almanach -- der Zornige, Sanftmüthige, Einsamkeit -- sind nur Anklänge aus einer _neuen_ Region Deiner Poesie, von der ich bald größere Studien zu sehn wünsche. Grüße meine Schwester herzlich, wenn Du sie siehst, und sag’ ihr, daß ich sehnlich auf Nachricht von ihr warte.
V.
_Leipzig_, Sonnabends den 22ten Mai 1802.
Wir haben noch oft mit herzlicher Liebe an Dich gedacht, und Dir in Gedanken ein herzliches Lebewohl und baldiges Wiedersehn zugesandt. Ich werde Dir weitläuftig schreiben, sobald ich einen Augenblick Ruhe finde; das wird aber vielleicht erst in Mainz sein.
Heute nur einige Worte über alles, was Du zu wissen verlangst. Du erhältst hier ~D. Mongez~ (?) und 12 Louisd. und die deutschen Bücher wirst Du auch sogleich erhalten durch _Reimer_. Der _Meister_ und _Sternbald_ der dabei sein wird, ist für Charlotte; schicke ihn ja sogleich nach Pillniz.
Nicolovius war nicht hier. Cotta konnte ich lange nicht finden, und da ich ihn fand, war es auch eben kein großer Fund. Ich sah in der ersten Viertelstunde, daß es _absolut nichts_ mit ihm sei für unsere Zwecke; er hat die Tramontane völlig dadurch verloren, daß ein paar hundert Exemplare vom Almanach remittirt worden sind. Das ist auch gewiß der einzige Grund seines abgeschmackten Betragens gegen Dich seither. Ich habe mit Wilmanns etwas ganz leidlich gemacht, nämlich die _Europa_ bei ihm angebracht; aber so lange ich noch auf andre rechnen konnte, glaubte ich ihn für Dich nicht wählen zu müssen, weil die Operette so enorm schlecht gegangen, daß man ihn gewiß sehr übel disponirt fände.
Reimer habe ich Deine Idee gesagt, er ist bereit, die Könige des Graals zu übernehmen, zu den bewußten Bedingungen; aber Vorschuß würde er erst zu Michaelis geben können.
Ueberlege Dirs, ich hielte es für sehr gut, Du nähmest es an. Es ist der honetteste Mann unter dem ganzen Volke. Ich setze nämlich alsdann voraus, daß Du auf einem andern Wege zu Gelde kommst. Könnten Dir die Verwandten Deiner Frau nicht helfen?
Ich habe gethan, was ich konnte, aber länger darf ich selbst nun durchaus nicht hierbleiben. -- _Mahlmann_ schien in so fern in der günstigsten Disposition, weil er zu fühlen scheint, daß er bei dem Handel vorigen Winter etwas versehen hat, und es sehr gern wieder gut machen möchte; er hat unstreitig große Lust, mit Dir in Verbindung zu stehn. Ich dachte ihn eigentlich dahin zu bringen, daß er Dir geradezu 40 Louisd. schickte, als die schönste Art, die Verbindung mit Dir anzuknüpfen -- aber dazu hat er wohl nicht Genie genug. In drei Wochen kommt er nach Dresden, wo nicht, so schreibt er Dir gewiß, und ich zweifle auch gar nicht, daß Du ihn wirst brauchen können.
_Wilhelm_ ist da, bleibt 4-6 Tage und kommt dann zu Dir; ich habe daher ihm alle Deine Interessen mitgetheilt, und er wird gewiß, wenn sich ihm noch eine Gelegenheit zeigen sollte, sie auf’s beste nützen. Am Ende geht es auch mit Wilmans; gestern suchte ich ihn vergeblich.
Noch will ich Dir wenigstens melden, daß Frommann, der Dir, wie ich höre, nicht so viel Geld geschickt, als Du wolltest, Steffens bestimmt versprochen hat, Dir mehr zu schicken. Reimer harrt nun sehnlichst auf den 2ten Theil des Novalis. -- Karl H. war hier, der Lehrling ist noch nicht gefunden.
Steffens ist in großer Eil abgereist, weil einige Freiberger nach ihm gefragt haben. Er erwartet mich in Weißenfels. Meine eignen Angelegenheiten sind recht gut gegangen, auch die buchhändlerischen leidlich. Die Margarethe und was ich sonst etwa zu Paris übersetzen lassen, hat Mahlmann genommen. Zu so etwas hat das Volk freilich Lust. Herzliche Grüße an Deine Frau, an Marie und den Bildhauer, auch an Buri, alle Freunde. --
Der Bildhauer soll mir eine Addresse an David schicken. Er kann sie, wenn er es gleich thut, an die Gebrüder _Mappes_ zu _Mainz_ durch Ernst schicken; aber später an Wilmanns zu Frankfurt am Main. Treibe ihn, daß er es thut.
Wie leid thut es mir, daß Du nicht mehr Geld mit diesem Briefe erhältst!
_Friedrich Schlegel_.
VI.
_Paris_, den 13ten Septemb. 1802.
Herzlich geliebter Freund, wie viele Briefe würdest Du schon von uns erhalten haben, wenn wir Dir jedesmal geschrieben hätten, da wir mit Liebe und Sehnsucht an Euch dachten. Ich fühle es recht tief, wie Du mir fehlst, fühle es unter den Zerstreuungen, Beschäftigungen, Sorgen und Neuigkeiten immer gleich. Es hat aber mehr die Wirkung daß ich täglich mit dem gleichen Ernste darauf sinne, wie wir eine Lage gewinnen könnten, daß wir uns nachher nie zu trennen brauchten, als daß es mir möglich wäre, Klagen zu führen, die bei einer so bestimmten und deutlichen Sehnsucht keinen Trost gewähren.
Ich werde Dir daher auch heute nur recht trocken Nachricht von mir geben; ich wollte Dir schon vorlängst einen Brief über die Gemählde schreiben. Aber Du findest das alles aufs ausführlichste in der _Europa_; Du wirst das erste Stück davon zu Neujahr gewiß in Händen haben; es ist fast ganz an Dich gerichtet wenigstens in Gedanken. Die Kataloge sollst Du mit Gelegenheit haben, und in meinem nächsten Briefe auch Nachricht von den altdeutschen und provenzalischen Manuscripten.
Lieber Freund, es sind ungeheure Quellen und Hülfsmittel hier; ein Reichthum von orientalischen Manuscripten, über den selbst die erstaunen, die von Benares kommen. 1800 Persische Manuscripte und fast eben so viel Sanskrit. Ich habe große Lust beides zu lernen -- aber freilich müßte man eigentlich eine Regierung dafür interessiren können. Ich will sehen was ich vermag. Ich fühle mich unglaublich nach dem Orientalischen gezogen. Was machen Deine Nordischen Studien? -- Ich überzeuge mich immer mehr, daß der _Norden_ und der _Orient_ in jeder Weise, in moralischer und historischer Rücksicht die guten Elemente der Erde sind -- daß einst alles Orient und Norden werden muß; und ich hoffe unsre Bestrebungen sollen sich von diesen beiden Seiten her begegnen und ergänzen; so daß auch in unsrem Thun und Werden dieselbe Einheit und Freundschaft ist wie in unseren Herzen.
An Sorge und Verdruß hat es uns bis jetzt auch hier nicht gefehlt. Den letzten haben uns die Verwandten meiner Frau und besonders Henriette in reichlichem Maaße gewährt, die sich ganz ohne Rückhalt öffentlich als unsre Feindin beträgt.
Meine Aussichten und Absichten sind folgende. Für das nächste macht man mir Hoffnung zu einer Stelle, die mich durchaus nicht hindern würde. Mein hauptsächlicher Wunsch ist, die Regierung zu bewegen, daß Sie _hier_ eine Deutsche Akademie, ein Deutsches Nat.-Institut errichte; es wird dazu wohl gut sein, daß ich ein philosophisches Werk französisch schreibe. Ich habe schon einen kleinen Versuch gemacht und führe es vielleicht noch diesen Winter aus. Vielleicht kann mir auch das Persische und Indische ein Mittel an die Hand geben, eine Zeitlang zu subsistiren und die Regierung zu etwas ordentlichem zu bringen. -- Es wird schon gehn vor der Hand, wenn gleich nicht ohne Noth; und ich habe doch mehr als eine Hoffnung, daß wir bald werden ungetrennt zusammen leben können. Alles dieß darf _niemand_ von den deutschen Freunden wissen, außer Charlotte. Grüße Sie herzlich. Theile ihr aus diesem Briefe mit, und frage Sie ob Sie _zwei_ Briefe von mir erhalten hat?
Mahlmann hat meine alte Idee, Lessings philosophische Schriften zu ediren, angenommen. Es macht mir eigentlich große Freude, dem Volke diese Possen spielen zu können: Ich bitte Dich aber, es ja nicht weiter auszubreiten, sonst möchte die alte Verlagshandlung versuchen uns zuvorzukommen.
Meine Frau grüßt Dich herzlich. Es ist ein Brief von ihr an Malchen unterwegs, der aber wohl später ankommen wird als dieser. Wir grüßen Marien herzlich. Was macht Dorothea?
_Friedr. Schl._