Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band

Part 10

Chapter 103,567 wordsPublic domain

Dein freundliches Andenken, Bester Tieck, macht mich so glücklich, daß ich nicht zu sagen wüßte, ob ich mich mehr über Deinen Brief oder über Webers Bekanntschaft, der ich viel schöne Stunden verdanke, gefreut habe. Es gehört zu den wenigen Wünschen, die ich für diese Welt noch habe, Dir einmahl wieder näher zu kommen und Deine Kinder, von denen ich so viel Liebes höre, kennen zu lernen. Webers werden Dir sagen, daß ich immer noch in derselben glücklichen Lage im Sillemschen Hause lebe. England ist mir eine sehr schöne Erinnerung, hauptsächlich weil ich dort den Grund zu einer bessern Gesundheit gelegt habe. Um dort zu bleiben, war grade nicht der rechte Augenbl., indem grade in jenem Sommer all’ die guten Häuser, denen ich empfohlen war, fallierten und zum Theil England verliessen; jetzt sieht es nun gar so bunt aus, daß meine dortigen Freunde sich herzlich freuen, mich nicht gefesselt zu haben. -- Welche Freude wäre es gewesen, wenn wir uns dort getroffen hätten, ich weiß, wie ich mich schon an den wenigen Menschen dort, die Dich gesehen hatten, gefreut habe. Daß auch Deine Gesundheit sich bessert, ist gar herrlich! -- ich denke im Frühling nach Giebichenst. zu reisen, wo jetzt wieder so viele von den Meinigen beysammen sind, und hätte große Lust einen kleinen Abstecher nach Dresden, was mir in so vieler Hinsicht bedeutend ist, zu machen. Aber du müßtest freylich noch dort sein, wozu ja auch Weber mir Hoffnung giebt. Deine Frau und Kinder sind auf’s Herzlichste von mir gegrüßt. Die Meinigen schreiben mir so wenig, daß ich gar nicht wußte, daß Ihr in Dresden lebet, auch der Fritz hat ganz aufgehört mir zu schreiben, und kommt Ende dieses Monaths ganz zu Raumer ins Haus, was mich sehr glücklich macht, und ich beabsichtige die Reise hauptsächlich, um ihm nicht ganz fremd zu werden. -- Herzlich habe ich mich gefreut, auch einmahl wieder etwas von Möllers zu hören, die ich recht sehr werth halte. Dein kirschbrauner Freund v. Bielefeld ist auch wieder hier, ich habe ihn aber noch immer verfehlt. Bey Deinen hiesigen Freunden bist Du in sehr gutem Andenken; Mad. Sillem, die jetzt viel kränkelt, trägt mir herzliche Grüße auf. Die grauen Erbsen, davon Weber nur einige Pf. in seinem Wagen lassen kann, kommen mit der fahrenden Post. -- Seegne Dich Gott für Deine Güte und erhalte mir Deine Freundschaft.

_L. Reichardt_.

=Reinbold, Adelheid.=

Obgleich wir diese Zierde Tieckscher Geselligkeit oft zu sehen und uns an ihr zu erfreuen so glücklich waren, wollen wir doch gern, was wir von ihr zu sagen vermöchten, unterdrücken, und schwärmerisch-begeisterten Klageworten über ihren Tod (siehe den Brief des Baron Maltitz) einen zusammengedrängten Abriß ihres Lebens folgen lassen, wie derselbe auszugsweise, doch wörtlich _Rudolf Köpke’s_ herrlicher Schilderung entnommen ist.

„Unter den zahlreichen deutschen Schriftstellerinnen ist Adelheid R. eine der begabtesten, und doch ist kaum eine weniger anerkannt worden. Was sie besaß und vermochte, selbst ihre Dichtungen, hatte sie dem Leben in hartem Kampfe abgerungen. Schon als junges Mädchen war sie auf sich selbst, auf ihre eigene Kraft angewiesen. Sie stammte aus einer hannoverischen Beamtenfamilie. Früh machte sie manches verborgene Leiden durch. Dennoch erwarb sie reiche Kenntnisse in Sprache und Wissenschaft, und suchte sich dadurch eine selbstständige Stellung zu verschaffen. Zuerst hatte sie in _Rehberg’s_ Familie eine freundschaftliche und für ihre Ausbildung folgenreiche Ausbildung gefunden; dann ging sie nach Wien, wo sie als Erzieherin lebte, in die Welt der großen Gesellschaft eingeführt, und nach Lösung ihrer Aufgabe mit einer Pension entlassen wurde. Sie ging nach Dresden, und lernte Tieck kennen.

Fern von Weichheit und Sentimentalität, besaß sie eine männliche[10] Kraft des Talentes. Zu weiterer Fortbildung, zu eigenen Schöpfungen fühlte sie sich hingedrängt; sie wollte aussprechen, was sie in sich unter schweren Verhältnissen erlebt hatte. Die Trauerspiele „Saul“ und „Semiramis“ entstanden. In der Novelle versuchte sie sich mit bestem Erfolg. -- Zu ihrer Familie heimgekehrt, führte sie ein Dasein häuslichen Kummers. Dennoch schrieb sie für öffentliche Blätter und trat, unter dem Autornamen _Franz Berthold_, als Erzählerin im Morgenblatte auf. Im Jahre 1831 ging sie nach München, wo sie eine Zeit lang in Schellings Hause lebte. Später nahm sie abermals eine Stelle als Erzieherin bei fürstlichen Kindern in Sachsen an. Doch weil sie in solcher Existenz die Selbstständigkeit ihres produktiven Talentes gehemmt glaubte, machte sie sich wieder los, und wagte es, sich eine unabhängige literarische Stellung zu schaffen. Seit 1834 lebte sie in Dresden, wo sie einen ihrer jüngeren Brüder auf der Militairanstalt untergebracht. Mit voller Selbstverleugnung und Aufopferung verwandte sie ihren literarischen Erwerb darauf, die Ihrigen zu unterstützen. In der Familie eines einfachen Handwerkers hatte sie sich eingemiethet, deren kleines häusliches Leben sie theilte. In ihrem Zimmer schrieb sie Dramen, Novellen, Kritiken. In der Gesellschaft erschien sie als Weltdame. Sie war eine glänzende Erscheinung, schön, lebhaft, geistreich, von seltener Schnellkraft und Thätigkeit. In Tieck’s Hause zu Hause, ihm selbst fast leidenschaftlich ergeben, war sie heiter, witzig, sprühend, ein Gegenbild zur ernsten, frommen, gelehrten und einfachen Dorothea. Sie beherrschte das Gespräch vollkommen, mochte ihr der Diplomat oder Philosoph, der Engländer, Franzose, oder der deutsche Dichter gegenüber stehen.“ -- Wie theuer sie ihrem verehrten Meister gewesen, läßt sich schon daraus entnehmen, daß Dichtungen, der aufregenden Zeit von 1830 entsprossen: „Der Prinz von Massa“ -- „Masaniello“ -- trotz revolutionairer Färbung nicht vermochten, sein Herz ihr zu entfremden. Sie blieb der Liebling des ganzen Tieck’schen Kreises, nicht minder geachtet als geliebt.

I.

_Göttingen_, den 19. Juny 1829.

Wollen Sie mir vergönnen, theurer unvergeßlicher Freund, nach so langer Zeit einmal wieder vor Sie zu treten? Aber Sie standen mir so nah in diesen Tagen, wo ich Ihr herrliches Dichterleben las, daß ich mir es nicht versagen kann, Ihnen wieder einmal ein Wörtchen zu sagen; mir war, als hörte ich alle die schönen inhaltschweren Worte von Ihren Lippen fließen, wie sonst, Sie waren es so ganz selbst; dieses Werk muß vor allen andern, die ich von Ihnen kenne, so recht aus Ihrem Innersten geflossen seyn, denn so nah, so sichtbar möchte ich sagen, hat Sie noch keines vor meinen Geist gestellt. Wie herrlich zeichnen Sie den Kampf der wilden chaotischen Kraft mit dem menschlichen, den Kampf der Götter mit den Titanen, wie lernen wir Ihren Dichter lieben und bewundern, wie trifft er so wahr und so entschieden immer das Rechte, und doch können wir dabey auch dem Titanen Marlowe unsre Liebe und Bewundrung nicht versagen, ja er reißt sie gewissermaaßen noch mehr an sich, als Shakespear, den Sie mehr als die ruhige Critik auftreten lassen, er erobert unsre Zuneigung wie der Handelnde es immer thut, während der andre sie von Rechtswegen gewinnt. Ich finde in dieser Novelle den Stoff zu einem Trauerspiele, welches Sie Marlowe nennen könnten, und über welches ich Göthe’s Motto schreiben möchte: „Auch ohne Parz’ und Fatum spricht mein Mund, ging Agamemnon, ging Achill zu Grund,“ und dem es nur noch an Handlung fehlte, denn den ganzen innern Gehalt eines Trauerspiels, die Gedanken, welche sich unter einander verklagen und nicht aufs Reine kommen können, ja es ihrer Grundanlage nach vielleicht nie können, hat Ihre Novelle schon. Es ist eine Göttergestalt dieser Marlowe, der an nichts als an sich selbst hätte zu Grunde zu gehen können. Und wie schön ist nun wieder der Contrast des sanften weichen Green, der eben in der süßen Milde seines Gemüths uns doch wieder auf dem Sterbebette die poetische Beruhigung zeigt, die sein Leichtsinn ihm auf immer zu entreißen droht. Nun sollten Sie uns aber auch, theurer Freund, Ihren eigentlichen Helden und Liebling einmal im Kampfe mit sich selbst zeigen, und wie er in _sich_ das Ungeheure und die nach allen Seiten überströmende Kraft, durch das Menschliche, und in diesem Sinn Göttliche, bändigt; denn glauben Sie, daß in Shakespeare selbst diese vollendete Harmonie aller Kräfte nicht erst nach manchem geheimen Kampf hervorgetreten ist, der nur nicht laut ward, weil seine Verhältnisse so bescheiden waren? Wer so unendlich tief empfand, daß er so in jede Menschenbrust zu tauchen verstand, wie er, sollte der nicht selbst alles Menschliche empfunden haben, und den Begriff des noch fehlenden nur durch das schon Erfahrene ersetzen, und sollte es nicht eben sein innerer Werth, der Gott in ihm seyn, der ihn diesen Einklang finden ließ? denn wenn es ihm ~tout bonnement~ angebohren wäre, so stände er uns zu unbegreiflich fern, als daß wir uns für ihn interessiren könnten, das können Sie also nicht gemeynt haben. Wie herrlich wäre es, wenn wir durch Sie, denn kein andrer würde ihn so begreifen, einen Blick in den Kampf der innern Kräfte mit sich selbst und der Außenwelt, in die Seele Ihres Shakespeare thun könnten, obgleich wir Ihnen gewiß alle zugeben müssen, daß Ihre Darstellung in diesem Moment seines Lebens vollkommen richtig ist; denn um sein herrliches Trauerspiel zu schreiben, welches ich Jugend benennen möchte, mußte er diesen innern Einklang, diese Geistesfreyheit errungen haben, aber er stand noch auf der Gränze des neueroberten Reiches, und blickte mit wehmüthig süßem Schmerz hinab in die Thäler der Erinnerung, überwundner Freuden und Leiden. -- Und nun den heitern kindlich lieblichen Prolog mit seinen schlummernden Gefühlen und Blüthenknospen dabey; ich sah mich wieder, uns alle im Cabinetchen um Ihren Stuhl, und die ahndungsvolle Stille, die das Geräusch der geschäftigen Hausfrau und die schwatzenden Mädchen im Nebenzimmer so oft unterbrach, und die Thränen kamen mir in die Augen. Doch Sie wissen das wohl alles so nicht mehr. Und die Wiederholung dieses schönen Tages dieses Jahr habe ich nicht mit erlebt! Mit Betrübniß sehe ich mein bescheidnes Blättchen, welches Sie vielleicht in Töplitz, oder wer weiß wo, weswegen wir es auch nicht zu schwer beladen wollen, aufsuchen muß, zu Ende gehen; wie viel möchte ich Ihnen noch über die einzelnen großen Worte Ihrer Dichter sagen, aber ich ermüde Ihre Geduld, und habe vielleicht schon manches gesagt, was Sie für dummes Zeug erklären müssen; gemeynt habe ich bey allem etwas, aber es vielleicht schlecht ausgedrückt, die Männer _wissen_ die Sachen, wir _fühlen_ sie, und wenn wir unser Gefühl undeutlich ausdrücken, weiß kein Mensch, was wir gewollt haben. Leben Sie wohl, Verehrter, Theurer, grüßen Sie Ihr ganzes liebes Haus und die gute Solger, und denken Sie in verlornen Augenblicken auch einmal mit Nachsicht und Güte an

_Adelaide Reinbold_.

II.

_Waldeck_, den letzten May 1831.

Recht sehr verlangt es mich, Ihnen einmal wieder ein paar Worte zu sagen, theurer Freund, obgleich ich nicht hoffen darf, dafür etwas von Ihnen zu hören. Haben Sie Semiramis gelesen, und was sagen Sie dazu? Ich weiß recht gut, daß ich dabey etwas gemeynt habe, werde ich es denn aber recht ausdrücken können? Ich habe zeigen, oder besser, sagen wollen, daß die Moral im höhern Sinne das organische Gesetz unsrer Menschheit ist, welches eben dadurch, daß es aus der chaotischen Masse geistiger Kräfte die Legislation eines Ganzen schuf, etwas höheres producirte, als selbst das ist, welches Geister ohne solches Gesetz aufzuweisen haben, und ich habe zeigen wollen, wie diese Humanität selbst die übermäßigen anarchischen Kräfte eines halb göttlichen Wesens durch ihre moralische Geordnetheit, wenn ich so sagen darf, bezwingt, und dadurch höher steht, als wir uns die Geister, Engel oder wie wir andre geistige Wesen nun einmal nennen wollen, im Allgemeinen denken, obgleich ich überzeugt bin, daß auch sie ein, nur uns natürlich entgehendes, Gesetz ihrer Natur haben.

Eine Composition der Art konnte, wegen ihres luftigen Terrains, nur Skizze und Fragment seyn; wer vermag dieser alten Fabelwelt einen festen Boden zu geben? Uebrigens schließt sich Semiramis selbst, trotz ihres fingirten halb göttlichen Ursprungs, eben durch diese Kräfte ihres Innern an jede höhere menschliche Natur, sie sey weiblich oder männlich, an, welche gewaltige Kräfte über das Gesetz hinaustragen, bis die Erfahrung, seine heilsame Beschränkung fühlend, sie wieder zurückführt.

Meine paar Novellchen (ziemliche Jämmerlichkeiten, welche durch die Schürzengunst und Critik der Schelling und Cotta (~entre nous soit dit~) sich den Weg ins Morgenblatt bahnen mußten) sind im Morgenbl. gedruckt; sie heißen die Kette und Emilie de Vergy. Letztere überraschte mich gedruckt in Leipzig, aber ich fühlte keine Wonne eines zum ersten mal gedruckten Menschen, sondern eine tiefe Beschämung über die Erbärmlichkeit des Products, welche mir da erst recht in die Augen fiel. Aber es war ein Machwerk, ~à commande~ geschrieben, fast mit vorgeschriebener Seitenzahl, aus dem das Beste noch weggestrichen wurde. Von hier aus habe ich ihnen auf Verlangen zwey andre Kleinigkeiten nachfolgen lassen, die mehr mein eigen sind. Sie heißen die Gesellschaft auf dem Lande mit Fortsetzung.

Uebrigens bin ich sehr fleißig, ob es hilft, müssen wir erst sehen. Raumer hat mir in den ~Memoires du Comte de Modène~ ein vortreffliches Buch geschickt, welches alles enthält, was ich wünschen kann. Ich habe hier keine _Seele_ als mich selbst, der Spaß dauert auch nicht länger als sechs Monate, ich habe schon das Meinige in allem Guten dazu gethan, ihm seine Gränzen zu stecken. Finden Sie das nicht zu voreilig expeditiv; ich mußte! --

Darf ich Ihnen ein schönes, schönes Schwesterchen zuschicken, welches ich in Dresden seit acht Tagen bey der Canzlerin Könneritz habe? Ein gar gutes, liebes, solides Kind mit einem wahren Madonnakopf; empfehlen Sie sie Ihren Damen, und bitten Sie sie in meinem Namen um die Erlaubniß sie besuchen zu dürfen. Ich fürchte, sie wird mich bey Ihnen ganz ausstechen, bey Agneschen und Dorothea gewiß.

Der Gräfin bin ich noch sehr dankbar für ihren letzten Brief, den ich höchst ungern, aber auf ihr Gebot gewissenhaft vernichtet habe. Mit der Zeit schreibe ich einmal mehr von hier, bis dahin bitte ich mich all den Ihrigen zu empfehlen. Darf ich denn diesen schlechten Wisch abschicken? Sie sehen aus seiner Eile den -- wollte Gott Früchte bringenden -- Fleiß und das Vertrauen

Ihrer

_Adelaide R_.

=Rellstab, Ludwig.=

Geb. den 13. April 1799 in Berlin, gestorben am 28. Novbr. 1860 ebendaselbst.

Sein Vater, Inhaber einer bekannten Buch- und Musikalien-Handlung in Berlin, erzog die Kinder entschieden für Musik. Ludwig’s ältere Schwester wurde als Sängerin beim Breslauer Theater angestellt, und gewann, obgleich Anfängerin auf den Brettern, durch liebliche Stimme, ausgebildete Schule und weibliche Bescheidenheit allgemeinen Beifall. Leider starb sie, einem dortigen Regierungsbeamten verlobt, in der Blüthe ihrer Jahre, da ihr Bruder noch ein Knabe war. Als sechszehnjähriger Jüngling griff dieser, den der Vater auch zum „Musiker von Métier“ bestimmt hatte, nach dessen Tode (1815) zu den Waffen, machte die Feldzüge mit, wurde Offizier in der Artillerie, Lehrer an der Brigade-Schule, und nahm 1821 seinen Abschied. Dann hielt er sich abwechselnd in Frankfurt a. O., Dresden, Heidelberg, Bonn u. s. w. auf, ein „freies Dichterleben“ führend. Mannichfach enttäuscht durch die nicht in Erfüllung gehenden Hoffnungen, wie sie ein junger Poet in seine ersten Tragödien setzt, kehrte er nach Berlin zurück und warf sich, gleich manchem andern, im ersehnten Erfolge gehemmtem Autor, auf die Kritik, worin er besonders für musikalische Besprechungen eine gefürchtete Autorität wurde, und den Anmaßungen des Ritter Spontini fest entgegen trat. Doch hörte er daneben nicht zu produciren auf und schrieb Gedichte, Abhandlungen, Dramen, Novellen, Romane &c., die als „Gesammelte Schriften“ (von 1843 bis 1860) mehr als dreißig voluminöse Theile bilden.

Wenn er hier und da sich hatte verführen lassen, die spitzige Feder in einigermaßen vergiftete Tinte zu tauchen, und Schriften in die Welt zu senden, die vielleicht besser ungeschrieben geblieben werden (z. B. „die schöne Henriette“), oder wenn er in der kritischen Polemik zu einseitig, manche Gegnerschaft hervorrief, so war und blieb er doch ein redlicher, wohlmeinender, ja weichherziger Mensch, der mit kalter Absicht Niemanden verletzten wollte. Für seinen ehrenhaften Charakter spricht wohl am deutlichsten sein Verfahren beim Konkurse der von ihm, mit einem ehemaligen Kameraden unternommenen Buchhandlung, wo er, -- nachdem Jener „schlechte Geschäfte gemacht,“ -- mit _seinem_ väterlichen Erbtheil das Defizit deckte, ohne als ungenannter und nicht in Anspruch zu nehmender Kompagnon verpflichtet zu sein. -- Vierunddreißig Jahre hindurch ist er unermüdet thätiger Mitredakteur der Vossischen Zeitung gewesen.

_Weimar_ am 21sten September 1821.

_Geehrter Herr Professor!_

Die Dreistigkeit, Ihnen zu schreiben, kann ich nur damit entschuldigen, daß ich sowohl die Verpflichtung fühle, Ihnen noch einmal meinen Dank für Ihre so freundliche, mir unvergeßliche Aufnahme abzustatten: als auch Ihnen anzuzeigen, daß ich meinen Aufenthalt in Heidelberg verschiedner Umstände wegen um ein halbes Jahr verschoben habe. Die mir von Ihnen für diesen Ort gütigst mitgegebnen Briefe habe ich daher couvertirt und mit einigen entschuldigenden Worten nach Heidelberg gesandt in der Hoffnung, daß meine Verspätung mich nicht des Glückes berauben werde, mich persönlich vorstellen zu dürfen. Den Brief an J. P. F. Richter habe ich übergeben und dadurch große Freude gemacht. Höchst wahrscheinlich befindet sich J. P. jetzt in Heidelberg, wohin er gleich nach meiner Abreise von Bayreuth (am 30ten August) zu reisen gedachte. Er prophezeihete das beste Wetter, allein es ist so übles eingetroffen, (wenn dort und hier sich gleichen), daß er vielleicht deshalb die Reise gar unterlassen haben mag, indem er um eine solche mit Vergnügen machen zu können das heiterste Wetter fordert.

Noch einmal sage ich Ihnen besten und herzlichsten Dank für das Freundliche, das Sie dem ganz unbekannten und unbedeutenden erwiesen, und hege nur den Wunsch, daß ich (wenn auch nicht es erwiedern, denn dazu ist schwerlich Hoffnung) doch zeigen können möchte, daß Sie Ihre Güte nicht an einen ganz Unwürdigen verschwendet haben.

Mit größester Hochachtung Ihr ergebenster _L. Rellstab_.

=Rettich, Julie,= geb. Gley.

Julie _Gley_! Ein Name, reich an Erinnerungen für alte Theaterfreunde. Juliens Eltern waren treffliche Künstler aus früherer Schule. Die Mutter, eine gute Sängerin für die sogen. „Spieloper,“ deren „Marianne“ in den „drei Sultaninnen“ uns jugendliche Zuhörer sehr entzückte. Der Vater, ein ausgebildeter, gewiegter Schauspieler, im Helden- und Charakter-Fache, der auch in Liederspielen mit klangvoller Stimme hübsch zu singen vermochte. Man wußte damals, und wahrlich nicht zum Nachtheile dramatischer Darstellung, Beides zu vereinen, weil wildes Geschrei noch nicht unumgänglich nothwendig erschien, um „Effekte“ hervorzubrüllen.

Als Gley in Breslau (vor _länger_ denn einem halben Jahrhundert) den Karl Moor gab, setzte er uns in bewunderndes Erstaunen durch den Vortrag der im Original enthaltenen _Gesänge_, die er mit der Laute begleitete. Unseres Erinnerns hat sich niemals ein anderer Räuber Moor daran gewagt, „keine Welt für Deinen Brutus mehr“ ertönen zu lassen.

Die _Tochter_... nun, wer kennt _Julie Rettich_ nicht? Da sie nachstehendes Brieflein schrieb, hieß sie noch Gley; war noch nicht die beglückende Gattin des sie beglückenden Mannes, der mit ihr im Vereine das Vorbild einer künstlerischen Häuslichkeit in’s Leben rief; einer Häuslichkeit, wo Geist und Gemüth walten; wo Jeder gern gesehen und gütig empfangen ist, der dahin paßt.

Der Künstlerin Herz redet vernehmlich aus diesen Zeilen. Was sie über Schreyvogels Absetzung sagt, haben viele edle Herzen mit ihr empfunden, und derjenige dem es gelang, Jenen „_bis auf den Tod_ zu verwunden,“ hat als sein Nachfolger wenig gethan, am Burgtheater gut zu machen, was er am Hingeopferten verschuldet.

_Wien_, d. 31ten Mai 18..?

_Lieber, verehrter Herr Hofrath!_

Henkel, der heute Abend nach Dresden abreist, wünscht, daß ich ihm einige Zeilen an Sie mitgebe, und ich benutze diese Gelegenheit mit großer Freude, denn es ist grade die rechte Zeit, zu Ihrem Geburtstag zu gratuliren, und wenn Sie die innigen Wünsche auch nachträglich erhalten, so werden Sie sie ihrer Innigkeit wegen, doch nicht unfreundlich aufnehmen, wie ich gewiß weiß. Ich wünsche Ihnen all’ das Gute und Schöne, was Sie für den Mondsüchtigen verdienen, und eine ganze Stube voll der herrlichsten Tulpen und Rosen -- das ist genug für einen Sterblichen, wenn es selbst ein ganz aparter ist. -- Einen so ausgezeichneten Glückwunsch können Sie aber nicht umsonst erwarten, und ich erbitte mir dafür von Ihnen etwas, was mir sehr am Herzen liegt. Ich habe lange nicht an Agnes und Dorothea geschrieben, ich war in dieser Zeit viel, und vielfach bewegt, ich konnte nicht die Ruhe finden, konnte, wollte auch vielleicht nicht; vielleicht bin ich auch Schuld, wenigstens theilweise, und jetzt fürchte ich mich. Sie sollen mich nun vertreten, lieber Herr Hofrath, und Sie können das immer thun, um mir zu beweisen, daß Sie sich nicht gegen mich geändert haben -- auch nicht ein bischen -- was mir manchmal bewiesen werden soll, was ich aber nicht glaube, und nie glauben werde. Ihre Güte gegen mich, ist mir die liebste Erinnerung, der geistigste Duft meines Lebens, Sie dürfen Ihre herzlichste Verehrerin nicht vergessen, die es doch besser meint, wie alle die gepriesenen vornehmen Leute, die Sie anbeten, um sich interessant zu machen.

Von dem Wichtigsten, was bei unserm Theater in letzter Zeit vorgefallen ist, vom Göthefest, und von Schreyvogels Pensionirung, kann Ihnen Henkel viel, und weitläuftig erzählen, da er persönlicher Zeuge war. Faust in Wien, ist gewiß merkwürdig, und hat mir viel Freude gemacht, die Entfernung Schreyvogels ist dafür um so trauriger, wenigstens für mich. Man beklagt sich über ihn auf vielfache Weise -- aber über welchen Theaterdirector beklagt man sich nicht? mir hat er nur Gutes und Freundliches erwiesen, gegen mich ist er immer wahr, immer derselbe geblieben, ich kann seinen Abgang also nur bedauern. Wäre dies aber auch nicht der Fall, so könnte ich doch einer so tiefen Kränkung nicht ohne Theilnahme zusehen, die ein Mann erfährt, der dem Theater 19 Jahr mit glühender Leidenschaft vorgestanden hat, der alt und kränklich, dabei ehrgeizig ist, und den diese Beseitigung gewiß bis auf den Tod verwundet. Ich bin wüthend auf die, die sich darüber freuen, denn ich dächte, bei solchen Umständen, könnte man auch seinem Feinde Mitleid nicht versagen. --

Henkel ist ein freundlicher, gefälliger, und wie ich allgemein höre, sehr achtungswerther Mann, er ist gegenwärtig ohne Engagement, und wünscht sehr, Ihnen empfohlen zu seyn. -- Der Frau Hofräthin, der Gräfin, Agnes und Dorothea meine besten, herzlichsten Grüße, und noch einmal die Bitte um Verzeihung. Mir hat neulich Jemand gesagt: „Dorothea Tieck, hat Sie lieber, wie Agnes.“ Fragen Sie doch einmal, ob das wahr ist? -- Kommt Vogel viel zu Ihnen? Verzeihen Sie meine Schmiererey, es ist aber die höchste Zeit, ich muß eilen. Leben Sie wohl, liebster, bester, einziger Herr Hofrath, und bleiben Sie, was Sie waren, für Ihre

_Julie Gley_.

=Ribbeck, August Ferdinand.=