Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band
Part 23
Sie werden mich sehr undankbar schelten, daß ich nach so viel empfangener Gastfreundschaft seit Jahr und Tag nichts habe von mir vernehmen lassen. Aber Sie wissen wohl, der Mensch ist eine undankbare Creatur, und ich will mich durch nichts anders entschuldigen, als daß ich noch immer hoffte selber wieder in das jetzo für mich so vielfach anziehende Dresden zu kommen. Leider ist dazu jetzo Aussicht und Jahrszeit vorüber, und ich sende nur durch Freund Holtey den herzlichsten Gruß und diesen schwarzen Dank für so viel Gutes, Schönes und Liebes, das ich durch Sie und Ihren Zauberkreis genossen und noch daran zehre. Kurz gedenke ich nur, daß ich die Heimkehr glücklich nach meinem Sinne, der auf Abweichung gefaßt war, vollführt, -- über die Basaltburg von Stolpen nach Rumburg, dann zu Fuß nach Zittau, auf die Felsenburg des Oybin, über die Basaltburg des Friedländers (dessen wahres Bildniß dort zu sehen) und Kloster Haindorf in das heimliche Liebwerda, dann bergauf über die weit ins Flachland schauende Tafelfichte (wenn es nicht eine märchenhafte _Teufels_fichte, wie ich auf der Karte fand) und die Iserkämme, nach Flinsberg, und so wieder am Fuße des Gebirges hin nach dem Warmen Bronnen, der mir ein Jungbronnen sein sollte: aber es war anders beschlossen, und kaum vom halbnächtlichen Marsche ausgeruht, trat Steffens herein und wiegelte mich mit seinen mineral. Studenten zu einer Gebirgsfahrt auf; und abermals giengs hinauf, über den abgesperrten Kochelfall, auf den Riesenkamm, zu der stürmischen Sturmhaube, den schneelosen Schneegruben, deren Basalte wir jedoch nicht erklimmen konnten, zu den Elbquellen, die wir Ihnen nicht zurückhalten wollten, zu den Gebirgsseen, endlich hinauf zur Koppe und Kuppel des ungeheuren Doms, wo uns im Scheine der Morgensonne auf die Schneefelder der Wolken gegen Böhmen hin, noch das leibhafte Rübezahlgespenst und Gespinst, in den vom Sturme ausgezogenen und nach dem schönen Schlesischen Thale gewehten Wolkenflocken mit seiner wilden Jagd auf dreibeinigen Rossen (unsere Schatten mit dem Wanderstabe) erschien, und uns sogar noch mit runden Regenbogen und Heiligenscheinen auf jenem Wolkenschnee verblenden wollte: wir aber stiegen getrost hinauf zur Kapelle und beteten an, nicht den Teufel, obwohl den der uns die Herrlichkeit seiner Welt aufthat. Wir mußten freilich wieder hinunter, stiegen noch in ein Bergwerk, und blieben in Schmiedeberg, wo uns die Studenten mit Stadtmusik ein Vivat zur glückl. Beendigung der Bergfahrt ausriefen; ruhten am Sabbath bei den gastlichen Alberti’s; dann wir (Proff. mit York) weiter über Landshut und das merkwürdige Grüssau nach Adersbach, dem versteinten Breslauer Wollmarkt und der Spottlarve der Sächs. Sandsteinschweiz: weiter nach dem neufreundl. Cudowa, wo mehre Collegen sich verjüngen wollten, aber sich fortzankten; und nun zurück über die Heuscheur (die ernsthafte Fortsetzung von Adersbach) und schöne Bergmauern, Braunau, das lachende Thal von Tannhausen, nach Charlottenbrunn und dem freundlichen Waldenburg, -- wo mehrtägige Ruhe bei den gastlichen Alberti’s, Durchfahrt des Berges (wie Herzog Ernst) im Altwasser Steinkohlen-Werk, Alberti’s treffl. Spinnmaschiene, die herrl. Burg Neuhaus, des frommen Greises Waagen schöne Bildersamml. und dort eine Nachmittagspredigt unsers gottbegeisterten Scheibel, welche uns alle in Thränen auf die Knie warf, bis der Vollmond uns heimleuchtete. -- Zum Uebergange in die gute Stadt Breslau war ein fröhliches Mahl in Fürstenstein. -- Und seitdem sitze ich nun noch hier, und lese und schreibe und bin fröhlich und guter Dinge, auch leidlich gesund seit dem Luft-Bade. Der Tristan ist zwar abermals in der Geburt unglücklich gewesen und verbrannt -- eine etwas zu starke Rezension -- steigt aber wie ein Phönix aus der Asche. Die Niebel.-Uebersetz. 2te Ausg. erscheint bald in Frankf. a. M., das Heldenbuch Bd. 2 hier, und die Heldenbilder, soweit sie fertig, anbei: der Schluß nächstens. Viele Grüße an alle die lieben Ihrigen und an Raumers; diesen schreibe ich nächstens besonders: heute nur, daß heute Middeldorpf abermals sein Magnifiker College geworden. Steffens ist in Berlin. Herzlich Lebewohl.
Der Ihrigste _v. d. Hagen_.
VII.
_Sylvester_ 1843.
_Verehrtester Freund_;
Mit den herzlichsten Wünschen zum neuen Jahre, sende ich im alten noch den wackern Bucher zurück, der mich und die Meinigen (katholischen) ebenso ergetzt als erstaunt hat durch die ungeheure Derbheit und Freiheit. -- Zugleich bin ich so frei, Sie an Ihr gütiges Versprechen eines Beitrages zur Germania Bd. 6 zu erinnern (Bd. 5 habe ich Ihnen doch gebracht?). Wollten Sie mir das Musik-Heft mit den _ersten_ gedruckten Liedern Wolfgangs durch Ueberbr. auf einige Tage anvertrauen, so würde ich die Lieder ausschreiben, welche Sie mit einer kleinen Vorrede begleiten wollten. Ich möchte gern, wie bisher, in jedem Bande _Nibelungen_ und _Göthe_ als Anfang und kein Ende haben. -- Von ganzem Herzen
Der Ihrige
_v. d. Hagen_.
VIII.
_Berlin_, 1. Sept. 1844.
_Verehrtester Freund_;
Ich hatte von Tage zu Tage gehofft, Beikommendes selber zu überbringen, aber der naßkalte s. g. Sommer, der überall nicht nur die Schleusen des Himmels, sondern auch die Brunnen der Tiefe aufgethan, benimmt alle Lust, auszufliegen; und überdies hat eine dicke Backe mich fast 8 Tage im Zimmer gefangen. Ich wünsche, daß es Ihnen und der gnädigen Gräfin dort im Grünen recht wohl sein, und Ihnen zunächst das Göthesche Liederbuch in beider Gestalt gefallen mag. Verlangen Sie etwa eine Anzahl Abdrücke der besondern Ausgabe, so geben Sie mir einen Wink und ich besorge sie. Auch die übrigen Gaben der Germania wünschen Ihren Beifall. Meine Untersuchung der Quellen des Faust (die Sie doch gewis auch nicht in England suchen) hätte ich Ihnen gern vor dem Druck vorgelegt: aber die Vorlesung in der Akademie, und dann der Abdruck in Germania drängte: gewis hätten Sie aus Ihrer reichen Sammlung und noch reicheren Kunde, manches dazu freundlich mitgetheilt. Den Abdruck des Engl. Faustbuchs bei Thoms erfahre ich eben erst: es bestätigt aber wol meine Annahme, daß es eben, wie das Französische und Niederländische, aus dem älteren und kürzeren deutschen Buche (nicht Widmanns) hervorgegangen. Was sagen Sie zum Faust _reimweise_? daß er so ganz verschollen! --
Unser Reisende von Profession hat glücklich schon den Ohio! begrüßt, und den Niagara besungen, und ist auf der Heimkehr, der er sich sehr freut, und wir mit ihm. Offenbar ist Bruder Jonathan noch in den Flegeljahren; seine langen Beine reichen überall über den Kopf hinaus, und er spuckt scheuslich um sich als ein tabackwiederkäuender Vierfüßer. Die Weiber welken früh durch das harte Fleisch und heiße Maisbrot mit schmelzendem Fett, das sie verschlingen, und leben auf einem enormen Fuß. So lautet die letzte Schilderung des Antipoden, der sonst wohl Gefallen hat an Jemands Beinen, doch nicht an denen der Yankees. Ende October ist er wieder hier, und der Herbst wird uns Alle wieder traulich versammeln. Zuvor wünsche ich aber Ihnen, wie uns allen, noch einigen warmen Sonnenschein.
Mit herzlicher Verehrung ganz der Ihrige
_v. d. Hagen_.
Ich lasse eben das alte merkwürdige _Helden_gedicht vom ungenähten heiligen Rock, oder König Orendel von Trier, aus der einzigen Straßb. Hds. und aus dem alten Dr. 1512, davon, außer meinem Ex., das ich aus Rom heimgebracht, nur noch eins in München bekannt ist, abdrucken, mit Einleitung: Ist Ihnen noch etwas dahin gehöriges bekannt, so steuern Sie es freundlich bei.
=Hagen, Ernst August.=
Geboren am 12. April 1797 zu Königsberg i. Pr., wo er seit 1831 ordentlicher Professor der Kunst- und Litteraturgeschichte a. d. k. Universität ist. Er gründete den dortigen Kunstverein und giebt seit 1846 die neuen preuß. Provinzialblätter heraus.
Als er noch Student war, gewann er schon seinem romantischen Gedichte: Olfried und Lisena die öffentlich ausgesprochene Theilnahme Goethe’s. Im Jahre 1822 erschien von ihm eine Sammlung jugendlicher Poesieen. Seine Künstlergeschichten: Norica (1827) -- und: Die Chronik s. Vaterstadt vom Florentiner Ghiberti, 2 Bd. (1833) haben großes Aufsehn gemacht. Die kunstwissenschaftlichen Vorträge, welche er in K. zu halten pflegt, versammeln das ausgewählteste Auditorium. -- Doch all’ seine ernsten Studien haben nie vermocht, den Drang nach der Theaterwelt, der in ihm sich regt, zu unterdrücken. Es ist ihm stets Bedürfniß gewesen (wovon auch dieser Brief, der einzige in Tieck’s Sammlung vorgefundene, zeugt), sich an dramatischen Schöpfungen zu dilettiren. Den sprechendsten Ausdruck nun und nimmer absterbender Vorliebe für das Bühnenwesen im höheren Sinne, giebt seine vor einigen Jahren erschienene „Geschichte des Königsberger Theaters,“ welche in einem starken Bande eine große Masse schätzbarsten Materials mit seltenem Fleiße und strenger Gewissenhaftigkeit darbietet.
Wer den vortrefflichen Mann persönlich kennt, muß ihn auch lieb haben.
_Königsberg_, 5. Nov. 1837.
_Hochwohlgeborner, Hoch zu verehrender Herr und Gönner!_
Zu oft und gern vergegenwärtige ich mir das Wohlwollen, dessen Ew. Hochwohlgeboren mich würdigen, als daß ich länger dem Drange widerstehen kann, in diese Zeilen eine ganz ergebenste Bitte einzuschließen. Um dem Vorwurf der Unbescheidenheit zu begegnen, wenn gegenwärtige Sendung unmittelbar einer andern folgen sollte, sey mir eine kurze Erörterung gestattet. Vor geraumer Zeit erbot sich mir ein hiesiger Buchhändler ein Manuscript sicher nach Dresden an einen Freund zu befördern, der dasselbe Ew. Hochwohlgeboren einhändigen sollte. Mit nicht geringem Verdruß erfahre ich von ihm, daß das Manuscript verloren gegangen seyn müsse, da er bis jetzt vergeblich auf den Empfang gewartet. Zu schmerzlich war mir der Gedanke, der Erlaubniß, meine dramatischen Dichtungen dem ersten Dramaturgen vorlegen zu dürfen, nicht froh werden zu können. Daher entschloß ich mich, eines meiner älteren Stücke abschreiben zu lassen und zwar dasjenige, das sich zur Darstellung auf der Bühne eignen dürfte, um es in Stelle des verschollenen der Prüfung von Ew. Hochwohlgeboren zu unterwerfen. Den Stoff liehen mir die russischen Volksepopöien, die unter dem Titel: „Fürst Wladimir und dessen Tafelrunde“ anonym vom Hofrath Busse in einer gefälligen Uebersetzung herausgegeben sind. Möchte es mir gelungen seyn, durch Hervorhebung des naiv humoristischen Elements den Sagen dramatische Bewegung und Einheit gegeben zu haben! Mag der schriftstellerische Versuch bewähren, wie gern ich von je her auf die Worte des Lehrers schwöre: „Wie die jetzige und künftige Zeit mit ihren besten Bestrebungen schon im Shakspear liegt, so sollen wir uns eben darum von hieraus entwickeln und Natur, Wahrheit und Kunst finden.“
Neuerlichst ist von mir in dem von ~Dr.~ Reumont herausgegebenen Jahrbuch: „Thalia“ eine Uebersetzung von Polizians Orfeo im Druck erschienen. Merkwürdig war es mir, in diesem ältesten italienischen Drama als Scenerie den Balkon im Hintergrunde der Bühne zu finden, von dessen Existenz mir nur in den französischen Stücken bis jetzt kein Beispiel vorgekommen ist.
Eben ist das Gastspiel der Madame Crelinger mit ihren beiden Töchtern auf hiesiger Bühne beendigt. Ausgezeichnet und vollendet erschien mir die tragische Künstlerin als Katharina in den Günstlingen, als Sappho und Gräfin Orsina.
Mit der gehorsamsten Bitte, mich Ihren Fräulein Töchtern angelegentlichst empfehlen zu wollen, habe ich die Ehre mich mit der ausgezeichnetsten Hochachtung zu unterzeichnen als
Ew. Hochwohlgeboren gehorsamster _A. Hagen_.
=Hagn, Charlotte von.=
Wer diese zu ihrer Zeit so beliebte Schauspielerin noch in ihrer Wirksamkeit gesehen, und wer außerdem Neigung hat, Betrachtungen über Bühnen-Charaktere _außerhalb_ der Bühne anzustellen, dem dürften diese zwei Briefe nicht unwichtig erscheinen; wenn er die kindliche Hingebung des ersten mit der fast vornehmen Fassung des zweiten vergleicht. Allerdings liegen zwölf Jahre, reich an Erlebnissen, dazwischen. Man lieset aus den Zeilen des letzteren leicht heraus, wie unnütz der berühmten Künstlerin die „Lehrstunde“ dünkte, welche Tieck ihr widmen wollte. Vielleicht hatte sie nicht ganz Unrecht? Für Jedweden „vom Handwerk“ wird der praktische Gewinn, der aus Unterweisungen hervorgeht, wie ein _Mann_ (sey es der bedeutendste!) einer geistvollen und geübten Schauspielerin sie ertheilen kann, immer zweifelhaft bleiben. -- Es war eine von Tieck’s größten Selbsttäuschungen, daß er an diesen seinen unmittelbaren Einfluß glaubte. -- Ach, hätte er hören können, wie auch Diejenigen, die er sich als aufrichtigst ergeben wähnte, darüber sprachen!
I.
_München_, den 20t. July 1831.
_Verehrungswürdiger Herr Hofrath!_
Ehrfurcht und Liebe, die mein ganzes Herz für Sie erhabener Mann! lebhaft erfüllen, beschwichtigen nun auch in mir das Bangen der Schuld. -- Schuldig werden Sie mich heißen, und meine Handlung als eine sehr tadelnswürdige bezeichnen. -- Ich gestehe Ihnen offen: ich selbst vermag mich nicht zu rechtfertigen, und dennoch fühle ich mich lebendig überzeugt, daß ich so handeln mußte. Man kann mich leichtsinnig, unbesonnen, ja sogar carakterlos schelten; indeß wer in meiner Lage einer andern Empfindung als der eines gehorsamen Kindes gefolgt wäre, den würde man gewiß keinen Menschen, sondern ein unnatürliches und verächtliches Wesen genannt haben. -- Ich habe kein Hehl vor Ihnen, und spreche mich gegen Sie so freymüthig aus als ich denke. -- Angeborne Sehnsucht nach der Fremde, die freundliche, ja ausgezeichnete Aufnahme, die mein jugendliches und schwaches Kunstwirken in Dresden fand, die trefflichen und schätzbaren Freunde, die ich dort in so kurzer Zeit kennen lernte, die vortheilhaften, gewinnreichen Anträge, welche mir die k. sächs. Hoftheater-Intendanz gemacht hatte, eine vermehrte Thätigkeit im auserlesensten Kreise meines Kunstwirkens, alles dieses zog mich mit einem unwiderstehlichen Zauber nach dem lieben, mir ewig unvergeßlichen Dresden und zu einer voreiligen Unterzeichnung hin. Jedoch was ich zu wenig beachtete, geschah. Von allen Seiten umdrängten mich Freunde, Verwandte, Geschwisterte, am dringendsten aber meine Mutter. Diese gute Frau kam nie aus ihrem Vaterlande nur selten aus München. Viele Kinder, widrige Schicksale, Krankheiten und Kummer schwächten allmählig ihren Körper, und sie befindet sich schon seit mehreren Jahren fast immer in einem leidenden Zustande. Sie ist mir das Theuerste, Heiligste auf der Welt, denn so lange ich lebe, hängt sie stets mit der mütterlichsten, zärtlichsten Sorgfalt an mir. Anfangs schien sie meinem sehnlichen Wunsche und H. Devrients überzeugenden Gründen nachzugeben; allein als sie sah, daß es zum Ernste kam, da bot sie alles auf, um mich zurückzuhalten. Sie bat mich zu berücksichtigen, daß, wenn ich München verließe, mein Bruder niemals im Kadetenkorps aufgenommen würde, wodurch ich also dessen ganzes künftiges Lebensglück zerstöhren würde! Sie beschwor mich zu bleiben, denn sie könne ihre Vaterstadt nicht verlaßen, sie fühle es, daß Sehnsucht nach der Heimath ihr schon vor der Zeit ein Grab bereiten würde. Sie erinnerte mich an mein Gelöbniß, sie nie zu verlaßen, welches ich nach dem Tode meines unglücklichen Vaters that. -- Was sollte ich nun thun? Was konnte, was durfte ich? ich opferte meine Neigung, mein ganzes Lebensglück, und versprach meiner Mutter, so lange sie lebt, München nicht zu verlaßen. -- -- Jetzt verdammen Sie mich! -- Mögen viele mich falsch verstehen, falsch beurtheilen, Sie sollen es nicht; der Mann, welchem ich mit der innigsten Hochachtung und reinsten Verehrung ergeben bin, und dem ich mich mit kindlicher Offenheit vertraute, soll nicht meinen innern bessern Werth verkennen, und ich bin überzeugt, daß Sie gewiß das Gefühl der Anhänglichkeit, mit dem ich für meine Mutter und meine Geschwisterte (das einzige aber theure Vermächtniß eines ewig theuren Vaters) lebe ehren werden. Halten Sie mich deßhalb auch in der Entfernung Ihrer Achtung werth, und bleiben Sie mir fort und fort mit der freundlichen Zuneigung gewogen, welche Sie mir während meiner Anwesenheit in Dresden so gütig bewiesen. Ihr Andenken bleibt mir ewig unvergeßlich und so lange ich lebe wird das Gefühl meiner reinsten Verehrung in meiner Seele bestehen für den Mann, den Deutschland mit eben so vieler Bewunderung anbethet, wie er von mir warm und herzlich verehrt wird, und mit diesen Empfindungen verbleibe ich so lang ich lebe
Ihre ergebene _Charlotte v. Hagn_. k. b. Hofschauspielerin.
~P. S.~ Ihrer liebenswürdigen Familie meine innigsten Grüße.
II.
_Berlin_, d. 13. Septbr. 1843.
_Hochzuverehrender Herr Hofrath_.
Durch meine Schwester Auguste hatten Sie die Güte mich wißen zu laßen, daß Sie Sonnabend um 3 Uhr mich zu sprechen wünschen. Wie unendlich bedauere ich, daß dies morgen, wo ich den Vicomte v. Letorières spiele und Morgens zwei Proben habe, unmöglich sein dürfte. Auch möchte ich mich schon mit der nicht kleinen Aufgabe, die Sie mir im Sommernachtstraum zugedacht, etwas beschäftigt haben, um nicht unvorbereitet zu erscheinen. Haben Sie die Güte, mir zu Montag oder Dienstag eine Stunde zu bestimmen, in der ich den Vorzug genießen kann, Sie zu sehen.
Wenn mir außerdem noch eine Bitte erlaubt ist, so möchte ich darauf aufmerksam machen, wie es vortheilhaft sein dürfte, die Leseprobe zu Freitag oder Sonnabend (Mitwoch und Donnerstag bin ich in Urlaub) mehrere Tage vorher bestimmen zu laßen, damit sich alle andern Mitglieder schon vorher mit ihren Rollen befreunden können, was freilich immer der Fall sein müßte, aber bei uns ein wenig aus der Uebung gekommen. Bitte, verrathen Sie mich nicht für meinen Wink, ich bekomme sonst das Chor der Faulen gegen mich --
Mit der größten Ergebenheit
Ihre stets ergebene Dienerin _Charlotte v. Hagn_.
=Halling, Karl.=
Die rücksichtslose Energie des, mit dieser Namens-Unterschrift versehenen Briefes, macht uns höchst begierig etwas Näheres über die Leistungen eines Poeten zu erfahren, der Goethe’n so kurz und entschieden abfertigt; der mit den Unglücklichen, welche Goethe für einen Dichter zu halten, und von ihm günstig zu sprechen wagen, eben so wenig Umstände macht, als mit Schinkel und solch armen Leuten. -- Es gelang unseren Nachforschungen, nur eines Büchleins habhaft zu werden, welches 1833 in „Fr. Heinr. Brothe’s Verlagshandlung (?) zu Breslau“, als _erstes_ Bändchen, unter dem Titel: „Altdeutsche Schauspiele. Ihrer Schönheit wegen für die Bühne unserer Zeit bearbeitet von Karl Halling“ das Drama: „Fioretto“ enthält. Im Vorworte wünscht der Bearbeiter sich und dem Publikum Glück zu diesem aus tiefer Vergessenheit ins Leben gerufenen Funde! So etwas ist geeignet, beim Leser große Erwartungen zu wecken. Doch schon auf den ersten Seiten zeigte sich, daß dieser „Fioretto“ genannte Fund nichts anderes sey, als die aus Christian Weise’s keinesweges „vergessenem“ Zittauschen Schultheater entnommene: „Triumphirende Keuschheit!“ daß die „Bearbeitung“ in nichts weiter bestehe, als die Weglassung einiger allzuderben Ausdrücke! Solches Schauspiel für darstellbar auf öffentlichen Bühnen zu halten, setzt mindestens Ansichten voraus, die mit der Existenz des Theaters unverträglich sind.
Aus der H.’schen Vorrede ist zu entnehmen, daß jenes „glückhafte Schifflein“ welches er (siehe die erste Zeile des Briefes) an T. sendet, auf eine 1828 in Tübingen verlegte Edition sich bezieht, unter dem Titel: „Joh. Fischarts glückhaftes Schiff von Zürich; in treuem Abdruck erläutert, mit bevorwortendem Beitrage von Ludwig Uhland begleitet.“ --
Auch _soll_ Herr H. in den Jahren 1833-35 sich in Breslau aufgehalten haben!
_Berlin_, am _ersten_ Tage des Frühlings 1829.
_Wohlgeborener Herr! Innigst verehrter Herr!_
Glücklich wird hoffentlich mein glückhaftes Schifflein in Ihre Hände gekommen sein, als Sie von Ihrer Reise durch die Schweiz zurückgekehrt. Mein Geist segelte mit ihm, den Mann zu begrüßen, der schon seit meinen frühesten Jahren mir mein Inneres abgewann, und ich beneidete oft mein Büchlein um den Gruß, war oft mismüthig auf meinen Reisen, daß mich mein Weg nie zu Ihnen führen wollte, Sie von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen, da ich außer Oesterreich so ziemlich ganz Deutschland und auch Sachsen durchwandert bin, aber leider in früheren Jahren nach Dresden kommen mußte, wo ich Ihnen aus Schüchternheit vorüberging.
Jetzt vergraben unter Büchern, scheint der Sonnenstrahl noch fern, welcher mich hervorrufen wird zu einer Wanderung nach Dresden, Sie zu begrüßen, und oft in Mußestunden erhoben und gestärkt durch Ihre herrlichen vaterländischen Werke, kann ich dem inneren Drange nicht widerstehen, der mit nothwendig macht, wenigstens schriftlich Ihnen, dem Manne, den ich von Tage zu Tage mehr bewundern lerne, näher zu treten.
Es wurde dieser Brief schon zu einem Gelübde an mich, als ich heimgekehrt zu Tübingen Ihren Sternbald wiederlas, der mich mit seligen Erinnerungen auf das Dürersfest nach Nürnberg, an das Grab unseres großen Meisters, vor sein _Selbstgemälde_, zurückzauberte, und dieses Gelübde löse ich jetzt.
Ich wollte Ihnen damals, innigst verehrter Herr, beikommende Gedichte zur gütigen Beurtheilung mittheilen, aber ich bin jetzt kühner, da mich kürzlich ein Freund aufgefodert, meine Gedichte einzeln in Zeitschriften erscheinen zu lassen, und zwar mit den Worten: „Glauben Sie mir, das Gute, Verdauliche muß wahren Heißhunger erregen bei denen, die sich an dem süßlichen Gesäure den Magen verdorben. Meinen Vorschlag nicht für ungut! (er kennt meinen Widerwillen gegen diese zeitliche Schriften) denn ganze Liedersammlungen wird man nicht mehr los.“ Ich bin jetzt kühner, da ich Ihre Ausgabe der Schriften Lenzens gelesen, die herrliche Einleitung bewundert, und die heute noch tauben Geschlechtern predigenden Worte mir tief ins Herz geschrieben habe.
Sie sagen daselbst, innigst verehrter Herr: „Ginge man mit demselben eifernden Glauben zur Sache (wie wir alle um das Alterthum kennen und schätzen zu lernen daran gehen müssen) um unsere Zeit, unser Vaterland, Eigenthümliches, und das Ehrwürdige unserer Geschichte und des neuen Lebens kennen zu lernen, so würde sich eine Gesellschaft von ächten Patrioten bilden, die wohl einen Gegensatz zur Secte jener früheren Philologen (auch wohl noch der heutigen) machen könnte!“ -- Wollte Gott!
Ich ward kühner durch dieses Wort, kühn genug Ihnen, innigst verehrter Herr, diese meine ersten dichterischen Versuche zu übersenden, mit der Bitte um ein streng richtendes Urtheil, und sollte es so günstig ausfallen, mit der Bitte um ein Vorwort.
Keimt nicht in der Brust jedes Jünglings der Wunsch, nicht spurlos der Welt vorübergehen? Ist nicht Mittheilung das erste Bedürfniß der jugendlichen Brust? Reicht man nicht manchem -- unbekannten Bettler eine milde Gabe von seiner reichbesetzten Tafel? Ist nicht mancher schwache Arm stark unter Leitung eines weisen Führers, und ich daher vielleicht würdig unter Ihrer Fahne zu kämpfen, einzutreten in die heiligen Reihen jener Patrioten, die für Vaterland und deutsche Kunst leben und sterben wollen? wenigstens mich unter ihr dazu zu bilden?
Tollkühnheit und halben Wahnsinn möchte Mancher, der nie Wünsche und Regungen einer jugendlich stürmischen Seele kennen lernte, aus diesem Briefe erlesen, Sie nicht, innigst verehrter Herr, der Dichter nicht.