Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band
Part 21
Ob der neue Ariost Sie dazu veranlassen wird, weiß ich freilich nicht. Zwar wenn Fleiß und Sorgfalt allemal das Gelingen verbürgten, könnte ich wohl mit einiger Ruhe das Werk aus meinen Händen lassen; denn gewiß nicht weniger Mühe und kaum weniger Zeit, als auf die erste Uebersetzung, habe ich auf die Umarbeitung verwandt. Nur wenige Stanzen sind ganz unverändert geblieben, die meisten durchaus neu gearbeitet, die größere Zahl der übrigen hie und da ausgebessert. Allein indem ich diese Bände gedruckt vor mir sehe, fühle ich nur zu wohl, wie viel noch zur Vollendung fehlt, und ich darf nicht hoffen, auch nur das erreicht zu haben, was an meiner letzten Bearbeitung des befr. Jerusalem zu billigen seyn mag -- die Aufgabe war freilich unweit schwieriger; denn Tasso’s gehaltener Ernst ließ sich in unsrer Sprache und in einem so gebundenen Versmaaße leichter nachbilden, als Ariosts immer wechselnde Laune. Dazu die strengen Gesetze, die ich mir vorgeschrieben habe; ich meine die durchgängige Reinheit der Reime und die Vermeidung des Hiats. Ich bin weit entfernt, von dem deutschen Original-Dichter die genaueste Beobachtung dieser Gesetze zu verlangen; allein der Uebersetzer kann, wie ich glaube, in Ansehung der Form nicht strenge genug seyn, da der Stoff ihm geschenkt wird.
Mit meinen Calderonischen Uebersetzungen ist es wahrscheinlich aus. Malsburg (dessen reinem Eifer ich übrigens alle Gerechtigkeit widerfahren lasse) hat meinem Unternehmen den ersten Stoß versetzt, den zweiten der jämmerliche Bärmann, nicht durch die Vorzüglichkeit (obwohl auch diese ihre Lobpreiser gefunden hat), sondern durch die Wohlfeilheit seiner Uebersetzungen. Das Publicum ist mit Calderon übersättigt, zumal wenn es für den Band mehr als 6 Groschen bezahlen soll. Meine Uebersetzung _liegt_, wie der Verleger sich ausdrückt. So liegt auch der Tasso seit geraumer Zeit, und dem Ariost wird es wahrscheinlich nicht besser gehen. Meine guten Verleger verstehen sich nicht auf’s Posaunen, und ich noch weniger; und so müssen wir den Gewinn den Nachdruckern und den Ruhm den Nachübersetzern überlassen.
Unter den letzten steht der fingerfertige Herr Streckfuß obenan, der durch seine vielen litterarischen Freunde meine Uebersetzungen meistens zu verdrängen gewußt hat. Als dieser Edle seinen Ariost herausgab, machte er mir in vollem Ernste den Vorschlag, wer von uns zuerst stürbe, sollte seine Arbeit dem Ueberlebenden zu freier Benutzung vermachen. Da ich hierauf nicht einging, hielt er vermuthlich bei seinem Tasso eine ähnliche Formalität für überflüssig und _benutzte_ den meinigen dermaßen, daß er einen große Menge von Versen theils wörtlich, theils mit ganz geringer Abänderung, in seine Uebersetzung aufnahm. Ich habe mich für diese Freibeuterei nicht weiter gerächt, als durch einige _ungedruckte_ Xenien, die freilich nicht in die Kategorie der zahmen gehören; z. B.
Höflich trug er sich an zu Rolands Erben im Todfall; Unter den Lebenden, grob, hat er den Tasso beerbt.
Nicht den Fuß nur allein streckt Streckfuß, auch wohl die Finger Streckt er, wenn es ihm frommt, aus nach des Anderen Gut.
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Wünschest Du Brutus zu sehen mit Pantalon, Frack und Cravatte Als Zierbengel, so lies Dante von Streckfuß verdeutscht.
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Wie du auch streckest den Fuß, Streckfuß, du erreichest ihn nimmer, Denn zum erreichen reicht, Füße zu strecken, nicht hin.
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Nähm’ er die Verse zurück, die du ihm gestohlen, so gliche Dein Jerusalem, Freund, einem durchlöcherten Sieb.
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Es versteht sich, daß diese Expectorationen ganz _unter uns_ bleiben. --
Ich stehe jetzt im Begriff, das gute Schwabenland zu verlassen, und gegen Ende Augusts haben Ihre Gedanken (wenn sie sich diese Mühe geben wollen) mich wieder in unserm alten Jena zu suchen. Das Stuttgarter Klima ist meiner Gesundheit so nachtheilig geworden, daß ich nicht wagen darf, noch einen vierten Winter hier zu verleben. Nach Jena kehre ich zurück, weil ich dort noch manche Freunde, meine Bücher, meine Wohnung und ganze Einrichtung habe. Mich an einem fremden Orte niederzulassen, hindert mich hauptsächlich mein übles Gehör, das mir den größten und besten Theil des Lebens verpfuscht hat. Sonst würde Dresden mich vor allen reitzen.
Daß mein guter Bruder in Frankfurt gestorben ist, wird Ihnen wahrscheinlich nicht unbekannt seyn. Für ihn selbst zwar ist der Tod kein Unglück zu nennen; er hat lange und schwer gelitten. Ich aber habe an ihm einen sehr treuen Freund, eine sichere Stütze verloren. Er hat mir oft gerühmt, wie freundlich Sie sich seiner angenommen haben, als er vor zwei Jahren, aus dem Marienbade zurück kehrend, in Dresden erkrankte. Nehmen Sie auch dafür meinen innigsten Dank!
Leben Sie wohl, mein theurer Freund, und bewahren Sie mir auch in Zukunft ein wohlwollendes Andenken.
Ihr
herzlich ergebener _J. D. Gries_.
II.
_Jena_, 29. Mai 1829.
_Mein theurer, geliebter Freund_,
Wenn ich im Laufe des alltäglichen Lebens mich so ziemlich an den Verlust meines Gehörs gewöhnt habe und manchmal wohl dem Himmel danke, daß ich mit gutem Vorwande mich manchen langweiligen Unterhaltungen entziehen darf, so fehlt es doch nicht an Gelegenheiten, wo ich diesen Verlust, trotz der Gewohnheit so langer Jahre, sehr schmerzlich empfinde. Schmerzlicher selten, als bei Ihrer vorjährigen Anwesenheit in Jena. Ich bin nicht anmaaßend genug, um die Unterhaltung eines Mannes, auf den so Viele ein Recht zu haben glauben, für mich allein in Anspruch zu nehmen, und auf ein Gespräch mit Mehreren muß ich leider gänzlich Verzicht thun. Aber selbst die wenigen Augenblicke, welche Sie mir zu schenken gütig genug waren, konnte ich nicht so benutzen, wie ich gewünscht hätte. Es ist eine der schlimmsten Folgen meiner vieljährigen Harthörigkeit, daß ich allmählig auch das Sprechen fast ganz verlernt habe; daher fühle ich mich immer verlegen, wenn ich einmal in den Fall komme, mich mit ausgezeichneten Männern unterhalten zu können. Ich begreife nun vollkommen, warum die Taubgeborenen auch stumm seyn müssen; und ich fürchte fast, wenn ich noch länger lebe, werde ich am Ende genöthigt seyn, mich auch in ein Taubstummen-Institut zu begeben.
Dennoch hat Ihr Wiedersehen, mein bester Tieck, mir unbeschreibliches Vergnügen gemacht, um so mehr, da es auf den herrlichen Brief folgte, den ich zu lesen und wieder zu lesen nicht müde werde. Wie oft haben diese herzlichen, trostreichen Worte mich schon erquickt! Wohl bedarf ich in meiner isolirten Lage solcher Aufmunterung, wenn ich nicht ganz den Muth verlieren soll.
Der neue Calderonband, den Sie hier im Mscrpt. durchsahen, wird nun hoffentlich gedruckt in Ihren Händen seyn. Ihre Ansicht des Dichters stimmt so ganz mit der meinigen überein, daß ich schon aus diesem Grunde mich nicht enhalten konnte, Ihnen das Buch zu senden. Einen ganz reinen Genuß, wie die Alten, wie Shakspeare, Cervantes und Goethe in seinen besten Werken, wird Calderon uns nie gewähren. Er ist und bleibt durch und durch Manier, wenn gleich diese Manier eine edlere und vornehmere ist, als z. B. die der Franzosen. Ueber die Locken Absalons habe ich schon manche widersprechende Urtheile hören müssen. Einige tadeln sehr scharf, daß ich ein so indecentes Stück übersetzt habe; Andere billigen und loben meine Wahl. Es freut mich, Ihnen sagen zu können, daß Goethe unter diesen Letzten ist. Vielleicht giebt es wenige Stücke, welche die Vorzüge Calderons in ein so helles Licht setzten. Selbst die Charakteristik, deren Mangel man sonst dem Dichter wohl nicht ohne Grund vorwirft, scheint mir sehr vorzüglich. Wie herrlich ist, vor allen, der Charakter Davids dargestellt; mit wie treffenden Zügen die Verschiedenheit der Gemüthsart seiner Söhne bezeichnet. Dagegen fehlt es auch nicht an den Mängeln, die bei C. gewöhnlich zu finden sind. Dahin rechne ich besonders (den Gregorismus nicht zu erwähnen) den ungeheuern Ueberfluß an gemachten, stehenden Phrasen, die sich bei jeder ähnlichen Gelegenheit wiederholen. Dies geht so weit, daß ich glaube, wenn von den 108 Schauspielen C.’s etwa ¼ ganz auf uns gekommen wäre, von den übrigen aber nur der Plan, so würde man aus dem erhaltenen Viertel den ganzen Rest fast wörtlich wiederherstellen können. So hat z. B. der dritte Akt des Absalon in der Hauptsituation die größte Aehnlichkeit mit dem dritten Akt von ~La vida es sueno~. Hier wie dort ein Sohn, der sich gegen den Vater empört; ein Vater, der vor dem Sohne flieht; ein Feldherr, der den Sturm beschwören will; ein Gracioso, der es mit keiner von beiden Parteien verderben mag u. s. w. Und so kommt es denn, daß in beiden Stücken die Personen fast wörtlich dieselben Redensarten im Munde führen.
Der _Vorschlag_ ist gewiß eins von C.’s besten Mantel- und Degen-Stücken, obwohl es auch hier an auffallenden Aehnlichkeiten, z. B. mit der ~Dama duende~ und ~Los empeños~, nicht fehlt. Sonderbar, daß diese Gattung in Deutschland so wenig ansprechen will, da doch in ihr, wie ich glaube, C. sich am reichsten und eigenthümlichsten zeigt. Es ist nicht zu läugnen, daß alle Personen seiner heroischen Stücke, in welchem Lande und zu welcher Zeit diese auch spielen, im Grunde nur verkleidete Spanier aus dem Zeitalter Philipps IV. sind. In den Lustspielen sind diese gerade an ihrer rechten Stelle; und hier will man sie nicht dulden, da man doch auf dem deutschen Theater mit allen übrigen Nationen sich recht gut verträgt.
Wir schicken nun diesen Band gleichsam als ~enfant perdu~ in die Welt hinaus, um zu versuchen, ob die sehr erloschene Theilnahme des Publikums sich einigermaaßen wieder beleben läßt. Der Verleger klagt jämmerlich über den elenden Absatz. Es gehört zu den seltsamsten Widersprüchen unsrer Zeit, daß, obwohl Jeder weiß, _wer_ und _wie_ man recensirt, dennoch die Recensionen einen so entschiedenen Einfluß auf den Absatz eines Werkes haben. Die ersten Bände des Calderon, in den meisten kritischen Blättern mit Beifall angezeigt, haben schon zum zweitenmal gedruckt werden müssen; die letzten, von welchen die öffentliche Kritik wenig oder gar keine Notiz genommen, sind noch im Ueberfluß vorräthig. Ich zweifle sehr, daß dieser Band größere Aufmerksamkeit erregen wird, und aller Wahrscheinlichkeit nach werden mit ihm meine ~Curae Calderonicae~ beschlossen seyn.
Sie haben Wilh. Schlegel in Bonn gesehen. Allerdings wäre sein Urtheil über meine Verdeutschungen mir besonders wichtig; allein obwohl ich ihm die früheren Bände des Calderon, die Umarbeitungen des Tasso und den neuen Ariost zugesandt, hat er alle diese Sendungen nie mit einem einzigen Worte erwiedert. Die alte Zeit unsers Zusammenlebens in Jena und Dresden scheint ganz aus seinem Gedächtniß verschwunden zu seyn, sonst würde er doch wohl irgend ein Zeichen seines Andenkens gegeben haben. Oder scheinen ihm meine Bestrebungen aller Theilnahme so ganz unwürdig? „Wenn ich ein wenig Sanscrit nur verstände!“
Daß Fr. Schlegel so plötzlich, in Ihrer Nähe, aus dem Leben scheiden mußte, hat mich um Ihrentwillen tief erschüttert. Und überdies, er war ja doch auch ein Genosse jener unvergeßlichen Zeit von 1797-99, an die ich noch immer nicht ohne Sehnsucht zurückdenken kann. Zwar muß ich gestehen, geliebt habe ich ihn niemals, und das Thun und Treiben seiner späteren Jahre war mir von Herzen zuwider. Was hat nur diesen eminenten Geist auf so bedauernswürdige Abwege leiten können? Ich habe ihn zu lange gekannt, um annehmen zu können, daß es eigne, reine Ueberzeugung war; wenn er auch zuletzt vielleicht sich selber weiß machte, er glaube das alles, was er Andere glauben machen wollte.
Auch mir hat der Tod wieder ein schmerzliches Opfer abverlangt; ich habe einen Bruder in Hamburg verloren, der mir von allen meinen Geschwistern der liebste war. Dadurch ist auch die Reise nach H., die ich mir für diesen Sommer fest vorgenommen hatte, auf eine traurige Weise vereitelt worden.
Wie sind Sie denn durch diesen furchtbaren Winter gekommen, und durch diesen rauhen Frühling, der eigentlich nichts als ein etwas gelinderer Winter ist? Ich hoffe, Sie haben sich besser gehalten als ich; zwei Monate lang war ich krank und zu allem unfähig.
Leben Sie wohl, mein geliebter Freund; und wenn es möglich ist, schenken Sie mir bald einige Zeilen. Von ganzem Herzen
Ihr
_J. D. Gries_.
=Haering, Wilhelm.=
(pseud. Wilibald Alexis.)
Geboren 1798 zu Breslau, lebte dann in Berlin, und wohnt gegenwärtig, kränkelnd und zurückgezogen zu Arnstadt im Thüring’schen. -- Nachdem er die gesammte Lesewelt durch eine Nachahmung Walter Scott’scher Romantik siegreich mystificirt und dadurch sogar des großen Vorbildes herzliches Wohlwollen gewonnen hatte: (Walladmor, 3 Bd. 1823.) -- suchte er noch längere Zeit theils in einer ähnlichen Nachahmung: Schloß Avalon, 3 Bd. (1827.) -- theils in verschiedenen Dramen, düsterer wie heiterer Färbung; theils in vielen kleineren Erzählungen, unter denen sich einige schon leuchtend hervorheben, den festen Standpunkt, den er zuerst mit: Cabanis, 6 Bd. (1833) -- gewann, und nachher mit: Roland von Berlin, 3 Bd. (1840) -- Der falsche Waldemar -- Die Hosen des Herrn von Bredow -- Hans Jürgen und Hans Jochen -- Der Wärwolf -- Ruhe ist die erste Bürgerpflicht -- u. s. w. u. s. w. mächtig behauptete. Er ist der wahre, wirkliche, vaterländische Autor; der Walter Scott Brandenburgs; der gediegene Erzähler, dessen poetische Erfindungskraft aus dem festen Boden der Historie emporsteigt, ohne dieser jemals Gewalt zu thun.
Tieck hat ihn vollständig anerkannt, und von all’ seinen Schülern und Anhängern ist Wilibald Alexis der getreu’sten Einer gewesen und geblieben.
I.
_Berlin_, d. 20ten Novbr. 1821.
_Verehrter Herr!_
Ihrem gütigen Versprechen zufolge gebe ich mir die Ehre, Ihnen beifolgend die eben durchgesehene Reinschrift meines Astolf zu übersenden, und wage es, Sie zu bitten, wenn Ihre Zeit es erlaubt, mir das versprochene Urtheil über die ganze Tragödie zukommen zu lassen. Je öfter ich meinen Astolf durchgesehn habe, um so gewisser wird es mir, daß er bis vielleicht auf einige kernigere Scenen des 4. Aktes Ihren Beifall nicht erhalten darf. Darum aber hab ich noch nicht den Muth und die Hoffnung verloren, dereinst Ihren Beifall anderweitig erlangen zu können, denn ich fühle jetzt wieder mehr Kraft und Vertrauen als seit geraumer Zeit. Meine juristischen Arbeiten erlauben mir jetzt keine Zeit zu eignen Schöpfungen zu verwenden, obgleich manche Bilder unwillkührlich zu Gebilden sich in mir formen, aber desto öfter denke ich in fortwährendem Selbstkampfe Ihren gewichtigen Lehren nach. Ich hoffe aber, daß ein Zeitpunkt, wo es mir erlaubt ist, meine Phantasien und Gedanken mit diesen Ihren Lehren zu verbinden und nach ihnen zu ordnen, nicht allzufern sein werde.
Leider hat der neue Herausgeber des Fouqué’schen Taschenbuches nur einige unbedeutendere Gedichte von mir aufgenommen, und ich kann somit nicht mich auf diese berufen. Dagegen ersuche ich Ew. Wohlgeboren mit der gehofften Beurtheilung meiner Tragödie mir auch ein Wort über meine beiden Romanzen zukommen zu lassen.
Noch verzeihen Sie, verehrtester Herr, wenn ich Sie ersuche, beifolgenden Brief an Herrn Hofr. Winckler, und den andern an Hrn. Julius zu überschicken. Mit ersterem bitte ich die beiden Spanischen Romanzen, mit letzterem den Astolf, wenn Sie ihn durchblättert haben, verabfolgen zu lassen. Beide Herren haben gütigst mir versprochen, meine Tragödie der Dresdener Theater-Direktion zu übergeben.
Mit der innigsten Hochachtung
Ew. Wohlgeboren ergebenster _W. Haering_. (Kochstraße 20.)
II.
_Berlin_, den 11ten Mai 1835.
_Hochverehrtester Herr und Freund!_
Ueberbringer dieses wünscht einige Zeilen als Beglaubigung zu seinem Eintritt in Ihrem Hause. Es ist Herr ~Dr.~ Fallati aus Stuttgart, Schwager des Justizministers v. Schwab, des Bruders des Dichters, selbst Dichter, wie Sie aus dem Morgenblatte wissen werden, und ein Mann, der, wenn Sie ihn einige Augenblicke gesehen, wohl nicht erst der Empfehlung bedarf.
Ich schließe diese Empfehlung mit diesen wenigen Zeilen, da ich, nach mehrfacher Erfahrung, nicht mehr sicher bin, ob sie zu Ihnen gelangen. Einige Briefe, Freunden, welche Ihre Bekanntschaft zu machen wünschten, mitgegeben, wurden von diesen für nichts angesehen, als was diese Zeilen sein sollen, und gelangten nicht an Sie; was mir sehr leid thut, da sie, nur beiläufig zu jenem Zwecke bestimmt, das Band der Dankbarkeit und Verehrung, was mich an Sie bindet, gelegentlich auffrischen sollten. Alles Das aber zu wiederholen, was ich während mehrerer Jahre dachte und in diesen Briefen niederlegte, dazu gehört eine besondere Stimmung; am wenigsten aber ist der Augenblick dazu geeignet, wo ein Abreisender mich eiligst um ein Paar Höflichkeitszeilen bittet.
Leider verschließt mein Gefühl (?) mir noch immer die Aussicht, Sie in Dresden zu sehen. Und von Ihrem Herkommen scheint die Rede auch verklungen zu sein. Möchte der kommende Ein und Dreißigste Sie recht wohl, heiter und gestimmt finden, an Ihren großen Werken, die einer Vollendung harren, fortzuarbeiten! -- Daß Raumer von London aus dringend seiner Familie aufträgt, Sie von ihm wissen zu lassen, wird Ihnen wohl schon gemeldet sein. Bei allem Wohlbefinden, aller Ehre, die er genießt, drückt ihn die Größe der Stadt, des Weltverkehrs, und er sehnt sich nach seinen Familienkreisen zurück. Der Sommer und das Land wird ihn vielleicht anders stimmen.
Mit innigster Verehrung Ihr
_W. Haering_.
=Hagen, Friedr. Heinrich von der.=
Geb. am 19. Februar 1780 zu Schmiedeberg in der Uckermark, lange Zeit Professor der deutschen Sprache und Litteratur an der Universität in Breslau, starb 1856 als solcher in Berlin.
Von der ersten Edition des Nibelungenliedes (1810) bis zum Tode in hohem Alter, ist sein Leben bezeichnet durch eine lange Reihe rühmlicher Werke im Gebiete altdeutscher Philologie und Poesie. Sein Fleiß im Fördern und Schaffen läßt sich an Bedeutung nur vergleichen mit seiner vielseitigsten Theilnahme und reinsten Begeisterung für alles Große und Schöne im Reiche der Wissenschaften und Künste. Zugänglich, mittheilsam, liebenswürdig im persönlichen Verkehr brachte er durch sein Erscheinen überall Heiterkeit und regen Frohsinn mit.
I.
_Breslau_, d. 12ten März 1813.
_Theuerster Freund_;