Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band
Part 19
Als erklärter Günstling des damaligen Erbgroßherzogs, Karl August’s einzigen Sohnes; als vertrauter Hausfreund der allverehrten Johanna Schopenhauer, stand G. in Weimar doch eigentlich isolirt, was wohl aus seinem sarkastischen Wesen, aus seiner Neigung für satyrische Schärfe erklärlich wird. Schade daß die von ihm gedichteten: Kaledonischen Erzählungen, (leider von Druckfehlern förmlich entstellt,) nicht später in die Lesewelt traten, nachdem dieselbe durch Walter Scott schon in jene Gegenden eingeführt war! Dieses Buch hätte verdient großes Aufsehen zu machen. Selten wird man so lebensfrische Schilderungen unmittelbarer Eindrücke genießen. Es ist spurlos verschwunden. Fast erging es dessen hochbegabtem Autor nicht anders. Wie sein hoher Gönner, sein vertrauter Freund, zur Regierung gelangte, wurde G., in welchem viele Weimaraner schon den künftigen Staatslenker geahnt, als Kanzler nach Eisenach versetzt. Es _war_ eine Beförderung, doch in ganz anderm Sinne. Zuletzt haben wir ihn, nachdem er in Pension getreten war, bei Tieck in Dresden gesehen. Seine frühere Schärfe hatte sich in resignirende Milde umgewandelt, und diese kleidete ihn sehr gut.
I.
_Weimar_, 15. Februar 1821.
Ich möchte diesen Brief so gern mit einem „mein verehrter Freund!“ anfangen, gäbe mir die Zeit, seit welcher wir uns kennen, so viel Recht dazu als mein inneres Gefühl. Mit etwas Anderem will ich nicht beginnen und so habe, wie ein geistreicher Britte scherzend sagt, dieser Brief lieber gar keinen Anfang.
Mit wahrer Betrübniß bin ich von Dresden gegangen, so lieb ich sonst Weimar habe. Ich fühlte damals, was mir hier fehlen würde. Sie sind es; ich habe hier keinen Mann, der mir Freund wäre und von dem ich lernen könnte, der mein Gefühl so begriff wie Sie, der mein Streben ermunterte. Nie kann ich vergessen, wie freundlich Sie den Unbekannnten empfiengen, wie wohlwollend; nicht kann ich Ihnen mit Worten ausdrücken, wie wohl es meinem Geiste, meinem Herzen bei Ihnen war; wie schnell ich fühlte: wir sollten uns immer nahe bleiben. Nehmen Sie das nicht als Anmaßung von mir. Ich bin literarisch verstimmt, weil mir nichts gut genug dünkte von meinen Produkzionen, weil ich rings um mich eigentlich Nichts hervorgebracht sehe, was mir würdig dünkt _der_ Poesie, die ich meine. Sie würden mich, wäre ich in Ihrer Nähe, aufmuntern, beleben, berichtigen. Aus Eigennutz habe ich denn um mich geblickt nach einer Möglichkeit, Sie zum Beleben für den poetischen Kirchhof zu gewinnen, der noch Weimar heißt; wo die Poesie, die ganze Literatur zu Grabe getragen wird von den Furien, welche Politik und Vornehmsein losgelassen hat. Aber ich kenne nur zwei Stellen, Ihrer Würde, Ihrem Wunsche gemäß, von denen wir sprachen. Die eine ist nicht ledig, die andere kann ein Mann wie Sie _für den Augenblick_ nicht annehmen. Ich habe dem Erbgroßherzog viel von Ihnen erzählt und werde streben, meine Wünsche vorzubereiten, ohne Sie im Mindesten zu kompromittiren. Aber was hilft dies der Gegenwart? Und wie kurz und kostbar ist unsere zugemessene Zeit!
Die Damen Schopenhauer, welche mir hier so viel sind, theilen meine Anhänglichkeit an Sie und so kann ich wenigstens oft von Ihnen sprechen. Beide grüßen Sie von Herzen; besonders ergeben, mehr wie sonst Jemand, ist Ihnen die Mutter, die auf Ihr Urtheil über „Gabriele“ stolzer ist, als über irgend eines. Ich möchte fragend hinzusetzen: wollen Sie der Verfasserin nicht die Freude Ihrer öffentlichen Kritik gönnen?
Wie geht es meinem lieben Grafen Kalkreuth? ich freue mich theilnahmvoll, daß er in Ihrer Nähe ist; es ist einer der besten Menschen die ich kenne, ich wollte ich könnte ihm zeigen, wie lieb er mir ist. Grüßen Sie ihn innig, Herrn v. Malsburg freundlich.
Freund Weber soll mir auf meine Anfrage antworten. Ich denke seiner oft und bitte den Himmel um Wiederkehr seiner frohen Laune. Der Frau Gräfin Finkenstein danke ich ehrerbietig für die gnädige Aufnahme; bei Ihrer jüngsten Fräulein Tochter empfehlen Sie mich zur Gewogenheit.
Oben konnte ich keinen Anfang finden; hier will mir kein Ende kommen. Es geht mir in Weimar wie in Dresden, wenn ich bei Ihnen bin; die Trennung wird mir so schwer. So sei der Wunsch: „baldiges Wiedersehn!“ das frohe Wort, mit welchem ich mir jene zu erleichtern suche.
An ihn knüpfe ich nur noch die Bitte: lassen Sie mich nicht untergehn in Ihrem Andenken! lassen Sie mich wissen, daß diese Zeilen zu Ihnen, in die liebe Klause kamen, wo ich so gern dem Sorgenstuhle gegenüber saß und Zwiesprache hielt. Der Himmel lindre Ihre Schmerzen.
Mit großer Anhänglichkeit der Ihrige _Friedrich von Gerstenbergk_.
II.
_Weimar_, 14. Mai 1828.
_Verehrter Herr und Freund!_
Wenn auch fern und fast immer von Ihnen getrennt, denke ich doch oft Ihrer mit wahrer Anhänglickeit und meine Frau zählt sich unter Ihre Verehrerinnen, wie sie Ihnen selbst sagte. So kommen wir denn vereint heut, Sie zu bitten, zu gestatten, daß wir Ihren Nahmen als den eines Taufpathen unserer im April gebohrenen Tochter in das Kirchenbuch eintragen lassen dürfen. Es wird Ihnen diese Bitte wunderbar und überraschend erscheinen, uns gab sie wahre Verehrung und Anhänglichkeit ein. Dankbar, sehr dankbar erinnert sich meine gute Frau der Theilnahme, welche sie im Herbste v. J., bei einem traurigen Ereignisse in Ihrem Hause fand und dankt noch tausendmal der Frau Gräfin Finkenstein, welcher auch ich mich ehrerbietig zu Gnaden empfehle.
Der Nahme Gerstenbergk hat einigen Anspruch auf das Wohlwollen der deutschen Dichter. Hindern mich auch düstere Berufsarbeiten, selbst mit ein Stück vom Parnaß zu erklimmen, so bin ich doch mit Auge und Ort gern dort und so wie mein Knabe sich einst freuen soll, daß Göthe sein Pathe ist, so wollte ich, daß meine Marie, lebt sie, mit Stolz einst daran denken könnte: ihr Pathe sei Tieck, der Freund ihrer Aeltern gewesen. Große Erinnerungen wecken oft Fleiß und Liebe zur Poesie. Und so wie ich mit Grimm oft des großen Kanzlers v. Gerstenbergk denke, der so viel Kalvinisten hinrichten ließ, so danke ich dem Andenken an meinen Großoheim, den Dichter von Gerstenbergk meine Liebe zur Poesie, zum Wissen.
Dame Schopenhauer verläßt uns in diesen Tagen; macht eine Reise in die Niederlande, grüßt Sie aber freundlich. Wenn Sie Quandt sehen, meine theilnahmvollen Grüße. Meine gute Frau empfiehlt sich mit mir Ihren Damen; ich aber bin unwandelbar
Ihr Freund und Verehrer von _Gerstenbergk_.
=Gmelin, Leopold.=
Geb. 1788 am 2. Aug. zu Göttingen; Sohn von Johann Friedrich; gest. am 13. April 1853 zu Heidelberg, wo er bis 1851 als Professor der Medicin und Chemie an der Universität docirt hatte, und sich zwei Jahre vor seinem Tode in Ruhestand versetzen ließ.
Gelehrter Verfasser vieler in sein Fach schlagender, und physiologischer wissenschaftlicher Werke und Schriften.
I.
_Heidelberg_, d. 27. April 1831.
_Hochverehrtester Freund und Gönner!_
Ein Brief von Ihrer Hand, veranlaßt durch Ihre menschenfreundliche Theilnahme am Schicksale eines würdigen Künstlers, war mir eine höchst erfreuliche Erscheinung; nur wurde diese Freude durch die schmerzliche Ueberzeugung getrübt, daß für Herrn Prof. Cauer wegen einer befriedigenden Anstellung in Heidelberg nicht viel zu hoffen sein möchte. Ohne Zweifel haben Sie die Hauptsache bereits von Frau v. Metting erfahren; und in dieser Voraussetzung habe ich, der ich mich der Trägheit im Correspondiren noch in viel höherem Maaße rühmen darf, als Sie es von sich gethan haben, die Beantwortung Ihres liebevollen Schreibens bis auf die Ferien und die Abtretung meines Prorectorats hinausgeschoben, so daß, weil noch andre Wüste auf ihre Erledigung warteten, ich erst jetzt dazu komme.
Mit der Stelle eines akademischen Zeichenlehrers oder Professors der Zeichenkunst und Mahlerei verhält es sich so: Unser seliger Prof. Roux hatte zwar eine Besoldung von 800 fl.; allein diese hatte er nicht bloß seinen allerdings sehr anzuerkennenden Verdiensten zu verdanken, sondern zugleich der kräftigen Verwendung seines berühmten Schwagers Gensler. In den letzten Jahren haben die Ausgaben unserer Universität deren Einnahmen um mehrere 1000 fl. überschritten, und es hängt nun Alles vom gegenwärtigen badischen Landtage ab, ob und um wieviel die Einnahme vergrößert werden soll. Wenn keine oder eine ungenügende Verbesserung beliebt werden sollte, so müssen wir auf die Anstellung eines Zeichenlehrers vor der Hand gänzlich verzichten; aber auch im günstigsten Falle wird die für einen Solchen auszuwerfende Besoldung schwerlich 400 fl. übersteigen. So wünschenswerth es nun auch für unsre Stadt und für unser ganzes Land sein würde, wenn wir mit dem Zeichenlehrer zugleich einen tüchtigen Bildhauer gewännen, so frägt es sich, ob Prof. Cauer auch bei einer so geringen Besoldung geneigt sein würde, die Stelle zu übernehmen. In diesem Falle darf ich Ihnen gar nicht verbergen, daß noch viele andre Competenten vorhanden sind, von denen Einige den, vielleicht in den Augen der Regierung in Anschlag kommenden Vorzug haben, Landeskinder zu sein, andre den Vorzug, daß sie sich bereits einige Zeit hier aufhalten, und dem hiesigen Publicum ihren Leistungen nach genauer bekannt sind, wobei sich Koopmann aus Hamburg und Schmidt aus Rheinbaiern am meisten Anerkennung erworben haben. Diese Mittheilung soll Herrn Prof. Cauer nicht abschrecken, sondern nur ihn mit den Verhältnissen bekannt machen. Sollte er sich daher mit einer so geringen Besoldung zufrieden geben, so lassen Sie es gefälligst den Hofrath Rau, als jetzigen Prorector und Bekannten der Frau v. Metting, oder mich innerhalb 4 bis 6 Wochen gefälligst wißen. Eher wird auf keinen Fall an die Wiederbesetzung der Stelle gedacht. Was ich dann nach meiner besten Ueberzeugung für Prof. Cauer thun kann, soll geschehen; nur bleibt bei den angeführten Verhältnissen der Erfolg immer zweifelhaft. Die Bittschrift des Prof. Cauer nebst den Zeugnissen befinden sich in den Händen des neuen Prorectors, und Herr Prof. Cauer hat zu bestimmen, ob ihm die Zeugnisse sogleich zurückgeschickt werden sollen, oder erst nach ausgemachter Sache.
Unser gemeinschaftlicher Aufenthalt in Baden ist meiner Frau und mir immer in süßem Andenken. Herzlich bedauert haben wir es, daß nicht Ihre vorjährige Reise nach und von Baden Sie über Heidelberg führte, und daß auch wir nicht dahin kommen konnten. Diesen Sommer, Mitte Juni, gedenken wir dahin zu gehn. Wie schön, wenn wir dort wieder mit Ihnen zusammenträfen! Unser Malchen Engletz wird uns zwar nicht begleiten; sie ist seit 1½ Jahren an den Pfarrer Frank in Lich (Hessendarmstadt) glücklich verheirathet, hat schon ein Töchterchen, und hat uns vor einigen Wochen mit ihrem Manne auf ein Paar Tage besucht. Durch Ihre Grüße, die ich größtentheils ausgerichtet habe, habe ich überall viele Freude erregt. Schlosser, sofern Sie darunter wahrscheinlich den auf Stift Neuburg wohnenden verstehn, habe ich noch nichts von Ihnen sagen können, da er sich den Winter hindurch in Frankfurt aufgehalten hat, und erst in diesen Tagen zurückgekommen ist. Creuzer hat vor 8 Wochen seine Frau verloren; so sehr ihn dieser Verlust angriff, so befindet er sich gegenwärtig doch ganz erträglich. Abeggs sind recht wohl, so bekümmernd auch im letzten Winter die Nachrichten wegen des damals in Göttingen studirenden und jetzt nach Frankreich geflohenen Sohns waren.
Meine Frau emphiehlt sich Ihnen, Ihrer Frau Gemahlin, Ihren Fräulein Töchtern und der gnädigen Gräfin Finkenstein auf das Herzlichste, und ich erlaube mir, wiewohl zum Theil unbekannt, mich hierin meiner Frau anzuschließen.
Mit ausgezeichnetster Hochachtung
Ihr
ergebenster Diener und Freund _L. Gmelin_.
II.
_Heidelberg_, d. 12. Juni 1833.
_Hochverehrtester Freund und Gönner!_
Erlauben Sie mir gütigst, meinen Bruder, ~Dr. juris~ aus Tübingen, der auf einer Reise in das nördliche Deutschland auch die in vieler Hinsicht ausgezeichnetste Stadt desselben kennen zu lernen wünscht, bei Ihnen einzuführen. Welche Anleitung für den Besuch der dortigen vielen Kunstmerkwürdigkeiten könnte ihm interessanter und nützlicher sein, als die Ihrige? und Sie haben mir zu viele Beweise von Freundschaft und Wohlwollen gegeben, als daß ich nicht hoffen dürfte, daß Sie ein wenig hiervon auf meinen Bruder übertragen werden.
Die Mahlerstelle an unserer Universität ist noch immer nicht besetzt; wahrscheinlich erhält sie nächstens ein junger Heidelberger, welcher in der Zeichnung naturhistorischer und medicinischer Gegenstände sehr geschickt und dadurch mehreren unserer Professoren sehr nöthig ist, jedoch nur mit einem Gehalte von 200 fl.
Umbreits befinden sich sehr wohl und erfreuen sich ihrer 2 artigen Töchterchen. Von Abeggs heftigem Blutspeien im letzten Winter, das ihn dem Tode sehr nahe brachte, haben Sie wohl schon etwas vernommen. Er hat sich nun ziemlich erholt, doch darf er noch lang nicht predigen; Baden, wo er sich jetzt mit seiner Familie aufhält, wirkt sehr wohlthätig auf ihn; nur haben beide Kinder dort die Masern bekommen, und zwar der Kleine gefährlich.
Meine Frau leidet anhaltend an rheumatischen Beschwerden; da der wiederholte Gebrauch von Bädern nichts helfen wollte, so hat sie ihn für dieses Jahr ausgesetzt. Ohnehin sind die spätern Badereisen nie so vergnügt ausgefallen, wie die, auf welcher wir mit Ihnen zusammenzutreffen das Glück hatten. Voriges Jahr bekam sie gar im Wildbad das Scharlachfieber, welches der Arzt verkannte, so daß er sie nach 5 Tagen wieder in das Bad und spatzieren gehn ließ; doch Gottlob! ohne weiteren Schaden, als daß die Füße etwas anschwollen.
Sie empfiehlt sich mit mir Ihnen, Ihrer verehrten Frau Gemalin, und Fräulein Töchtern, so wie der gnädigen Gräfin v. Finkenstein auf das Angelegentlichste.
Mit größter Hochachtung habe ich die Ehre zu sein
Ihr
ergebenster Diener _L. Gmelin_.
=Görres, Jakob Joseph von.=
Geb. am 25. Januar 1776 zu Koblenz, gest. am 29. Januar 1848 in München; als ob der ehemalige Jakobiner und nachmalige Ultramontane Eile gehabt hätte, das verhängnißvolle Jahr vor Eintritt der Monate Februar und März zu verlassen!
Ueber was, und was Er geschrieben... beinahe wäre zu fragen erlaubt: über was er nicht geschrieben? Deutschland -- Europa und die Revolution -- Christliche Mystik! Aphorismen über Kunst -- wie Mythengeschichte der asiatischen Welt! „Anathasius“ -- wie die deutschen Volksbücher! -- Ein Philologe und ein Journalist! -- Ein mächtiger Geist; ein ächter deutscher Mann; und dabei doch auch fanatisch für Don Carlos von Spanien und dessen Legitimität! Revolutionair und Absolutist in einer Person! -- Dieser sein Brief mit allen humoristischen Absonderlichkeiten und genialen Blitzen ist recht sein eigen.
_Strasburg_, 1. August 1823.
Es ergiebt sich endlich die Gelegenheit, eine altergraue Briefschuld abzutragen. Ich hatte schon im vorigen Jahre Metzlern aufgetragen, Ihnen meine letzte Schrift zuzuschicken, nicht damit sie den Quark lesen sollten, sondern um eine solche Gelegenheit vom Zaune herabzubrechen. Aber da hat sich der alte Briefadam, den Sie auch gar wohl kennen, hineingelegt, und die Sache um ein paar Tage verschieben machen, darüber war die Versendung gemacht, und es im Uebrigen beym Alten geblieben. Wie mir aber nun Prof. Bruch von hier gesagt, daß er über Dresden nach Norden gehe, habe ich ihn mir sogleich zum Bothen bestellt, und er hat, wie nun eine Hand die Andere wäscht, mich gebethen, ihn bey der Gelegenheit bey Ihnen einzuführen, was ich ohne Bedenken thue, da er ein wackerer, gescheidter Mensch, und durch seine Familie von Cöln her noch ein halber Landsmann ist.
Hinter ihm komme ich selber dann herein, und setze mich auf ein paar Augenblicke zu Ihnen hin, oder stelle mich vor Sie, wie damal unten, und nachdem erst alle Thüren und Fenster wohl verschlossen sind, des Zugwinds wegen, können wir von allerley reden, am nächsten von Ihnen. Ich habe vor einigen Tagen im Dresdner ordinari Wochenblatt aus Ihrem Munde gehört, wie Sie krank gewesen, wovon das Letzte Wort freylich wieder gut macht, was das Erste schlimm gemacht, ohne jedoch den Uebellaut des Ganzen für mein Ohr auszutilgen. In demselben Blatte lese ich mit Erbauung die Flickschusterey, die Sie am teutschen Theater treiben, und entschuldige und beschönige damit aufs Beste die Meinige, die ich aus ähnlicher Liebhaberey und mit gleicher Hoffnungslosigkeit am teutschen Reiche seither ausgeübt. In der That verhalten sich Beyde wie Szene und Parterre, die sich wechselweiße zuhorchen und die Misere einander beklatschen, wir Beyde aber sind als Critici engagirt, und unser Amt ist, die Seligen unglücklich zu machen und so zu beunruhigen, damit, daß wir ihnen die gute alte Zeit vorhalten, uns selber aber criticiren wir einander mit nichten, weil ~monachus monachum non decimat~. Zwar schien es mir, als ob Sie in Ihrer neulichen Narrennovelle mir in etwas in mein Gebieth hinübergepfuscht hätten; inzwischen beruhige ich mich damit, daß ich ja auch, wenn es mir einfällt, im Namen des teutschen Theaters eine Critik Ihrer Theatercritik schreiben kann, was aber freylich Alles zuletzt nur zu einer wechselseitigen Aufreibung ausschlagen würde.
Sie verlangen nun wohl auch einige Nachricht von unserm Thun und Treiben hier in der Fremde zu erhalten. Sie wißen die Stadt Strasburg ist der Hauptort der ehemaligen Landgrafschaft Elsaß, unter 48° und einigen Minuten Nordbreite, Stadt und Festung von mehr als 50000 Einwohnern bey starker Garnison, besitzt ein berühmtes Münster in der sogenannten gothischen Bauart, einige andere ansehnliche Kirchen, darunter die von St. Thomas mit dem schönen Monument des Marschalls von Sachsen, eine protestantische und katholische Academie, Präfectur, Tribunalien, ein neues geschmackvoll erbautes Theater, fünf und vierzig Brücken, über die verschiedenen Arme der Preusch, viele Fabricken und Manufacturen und sehr aufgeklärte, gebildete, beyder Sprachen erfahrene, aufgeweckte Einwohner, die fleißig die Bibliotheken und andere öffentliche Bildungsorte besuchen. Dort sitzen wir nun mit Kind und Kegel wie Wasserlinsen auf der reichlich ausgegossenen Feuchtigkeit des Landes schwimmend, und darum frisch grünend wie die Wälle, und ruhig wartend, ob es der selbst übergeschnappten Direction gelingt, die Bewohner Ihres Convictes mit denen wir in Liaison stehen, wieder zurecht zu bringen; in welcher Erwartung man sich schon etwas Geduld einlegen muß. Der Mann, wie gesagt, giebt sich mit den Comödianten ab; die Frau härmt sich heimlich ab, daß sie ganz wohlbeleibt wird, die Kinder kränken sich, daß sie Beyden über die Köpfe wachsen, Alle grüßen jedoch in ihrem Harme aufs herzlichste nach Dresden hinüber, und laden zur Besichtigung der eben ausgelegten Herrlichkeiten aufs freundlichste ein.
Die erste Tracht unseres Briefwechsels ist somit abgehoben, und wenn Sie nun in andern vier Jahren wieder eine Antwort schreiben, so können wir nach und nach eine schöne Titanencorrespondenz einleiten, wo die Riesenbübchen da stehen und sich die Briefschaften wie Bälle aus einem Welttheil in den Andern, und einem Jahrhundert ins Andere zu werfen. Behalten Sie sich gesund und frisch, damit Sie den ablangen vieljährigen Umlauf noch recht oft zurücklegen, und es gescheidter machen als jener Burgsdorf, der doch hoffentlich nicht der Ihrige seyn wird, von dem ich vor Monathen in der Hamburger Zeitung den Sterbfall angekündigt gelesen.
Ihr
_J. Görres_.
=Goethe.=
I.
(Ohne Datum.)
Ich war in einiger Verlegenheit was ich Ihnen, werther Herr Tiek, auf Ihre Anfrage zu antworten hätte. Indessen ist Herr Frommann bey mir gewesen, ich habe ihm aufrichtig und weitläufig meine Meynung gesagt und ziehe mich nunmehr deshalb ins Kurze zusammen.
Ich würde Ihnen niemals rathen eine Stelle anzunehmen, die so viel routinirte Gewandheit erfordert, wenn man sie mit einer gewissen Aisance begleiten[12] und nicht sein Leben darüber aufopfern will. Doch übernimmt die Jugend wohl manches in Hoffnung durchzukommen und nach einigen Prüfungsjahren zu einem erwünschten Genuß zu gelangen. Durchaus abrathen kann ich also auch nicht.
Was eine Empfehlung betrifft so darf ich damit wohl nicht hervortreten, weil ich, auf verschiedene an mich geschehene Anträge, verweigert habe an jenem Geschäft irgend einigen Antheil zu nehmen. Sollten Sie zu jenem Platz gelangen und ich kann Ihnen alsdann mit etwas dienen; so werde ich es mit Vergnügen thun. Ihren Herrn Bruder hoffen wir hier bald wieder zu sehen und beim Schloßbau zu beschäftigen.
_Goethe_.
II.
_Weimar_, den 2t. Januar 1824.
Ew. Wohlgeb.
Haben mich mit Ihrem werthen vertraulichen Briefe gar sehr erfreut, wogegen ich den empfohlnen wackern Mann freundlich aufgenommen, und, obgleich nur kurze Zeit, mich mit ihm gern unterhalten habe. Ein Jeder den Sie mir senden soll mir gleicherweise lieb seyn.
In dem nächsten Hefte von Kunst und Alterthum finden Sie ein heiteres wohlgemeintes, obgleich flüchtiges Wort über Ihre _Verlobten_. Merkwürdig ist es immer daß von den zerstückelten Gliedern unsers anarchischen Literatur- und Kunstwesens gar manche sich zu der frömmelnden Fahne sammeln, welche freylich die Schwachen am Geiste und an Talenten sektenartig in Schutz nimmt. Schade ist es dabey doch immer daß so manche löbliche Fähigkeit und Fertigkeit auf diesem falschen Wege, wohl erst gewisse Vortheile, später aber großen Nachtheil empfindet; wie ich aufs deutlichste in vielfachen Einzelnheiten die zu mir gelangt ungern gewahr werde. Wenn denn aber wie man sich nicht verbergen darf gegen dieses nur seicht und immer seichter sich verbreitende Gewässer nicht zu wirken ist, so halt ich’s doch für gut, ja für nöthig von Zeit zu Zeit ein öffentliches Zeugniß zu geben, daß man anders denkt, wie es denn auch in Ihrer Novelle ganz am rechten Platz geschehen.
Sollten Sie von manchem was Sie öffentlich auszusprechen geneigt wären mir baldige Kenntniß geben, so würde ich es dankbar empfangen; bey der nothwendigen Beschränkung, in der ich mich halten muß um nur einigermassen übernommene Pflichten zu erfüllen, trifft auch das Beste spät bey mir ein, da dem minderen aller Zugang ganz und gar versagt ist.
Laßen Sie uns ja bey dieser Gelegenheit wohl betrachten, welchen großen Werth es hat mehrere Jahre neben einander, wenn auch in verschiedenen Richtungen gegangen zu seyn. Waren die früheren Zwecke redlich und ernstlich, so neigen sie sich in späteren Tagen wieder von selbst zu einander, besonders wenn man gewahren muß daß die nachfolgenden in solchen Divergenzen hinauszuschwärmen geboren sind, die kein Begegnen mit dem was wir für das Aechte und Wahre halten, jemals hoffen lassen.
Gern erwähn’ ich auch Ihrer fortgesetzten Vorlesungen, wodurch Sie Geist und Sinne unserer früheren Tage, auf die wir immer mit einigem Wohlgefallen zurückzusehen berechtigt sind, lebendig zu erhalten wissen.
Grüßend, wünschend, treu theilnehmend
_Goethe_.
III.
_Weimar_, den 9t. May 1824.
Ew. Wohlgeb.
stelle mit wenigen Worten einen jungen Sänger und Schauspieler, Eduard Genast, vor; er ist auf unserm Theater einem verdienten Vater geboren, verließ es jung um sich anderweit für die bürgerliche Gesellschaft zu bilden, kehrte darauf, wegen bedeutender Stimme zur Bühne zurück, zog von uns weg, und von der Ausbildung seines Talents weiß ich daher nichts zu sagen. Sie werden ihn bald beurtheilen und vielleicht mit wenigen kräftigen Worten zu fördern geneigt seyn.
Von Herrn Helbig hoffe ich bey seinem hiesigen Aufenthalt zu vernehmen, daß Sie Sich wohl befinden; er ist in der Schopenhauerischen Familie gut aufgenommen und soll auch mir willkommen seyn.
Der ich zugleich die Gelegenheit ergreife, Sie meiner vollkommenen Hochschätzung und aufrichtigen Theilnahme zu versichern
ergebenst _J. W. v. Goethe_.
IV.
_Weimar_, den 9. Septbr. 1829.