Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band
Part 17
Seit dem Frühlinge beschäftige ich mich wieder mit Auszügen aus diesen Tagebüchern, welche einen überraschenden Reichthum von Anschaungen aller Art bieten. Nach Ihrem weisen Rathe und freundlichen Wunsche werde ich diesen Fragmenten, welche jedoch eines Zusammenhanges nicht entbehren, die wissenschaftlichen prosaischen Arbeiten ein- und beifügen; wie oft ich bei dieser Arbeit, Ihren hellen Blick, Ihren feinen geläuterten Geschmack, die Sicherheit, die Andern freundlich den rechten Weg zeigt, vermisse, glauben Sie mir gewiß.
Läßt der Himmel diese Arbeit mich noch vollenden, so werden Sie in derselben sich vielfach erwähnt finden; immer in jener Verehrung und Anerkennung, in welcher F. Ihnen ergeben war; auch sind alle diese Mittheilungen von solchem Interesse, daß sie eine gemeinsame, allgemeine Theilnahme nicht entbehren werden, auch ist ihr Inhalt der Art, daß mir kein Zweifel über die Aufnahme und Ihre Zustimmung kommen kann. Um aber in aller Weise beruhigt zu sein, bitte ich Sie über nachfolgendes mir durch einige Worte zu sagen, ob dessen Veröffentlichung Ihnen recht.
~Aus dem Tagebuch Juli 1825.~
Frohes Wiedersehen mit Tieck, der gesund und heiter von seiner Reise zurückgekehrt -- -- -- -- -- -- Der vor Kurzem in Rom erfolgte Tod des Maler Müller veranlaßte den Freund zu einer Mittheilung deren Inhalt auch einer künftigen Zeit aufbewahrt bleibe. -- Zwei verschiedene Werke, über ein und denselben Gegenstand: die _heilige Genovefa_ sind von beiden Dichtern im Druck erschienen; im J. 1799 die großartige Dichtung _Tiecks_; die Müllersche, welche ein rühmlich Zeugniß eines nicht geringen Talents giebt und theilweise viel Treffliches enthält -- war schon 1778 entstanden, wurde aber erst später bekannt. -- Die thörigte Behauptung, Tieck habe sein Werk nach jenem geschaffen, fand Glauben, ja ja es giebt noch Kurzsichtige genug, welche von dem Gegentheil schwer zu überzeugen sind, heute wurde darüber mir folgender Aufschluß. Tieck äußerte sich sehr anerkennend über Müller. „Müller“ sprach er: „war ein Mensch von großem Genie; die frische Natur, die lyrische Leichtigkeit seiner Poesie, die echte Genialität in seinen Leistungen, haben mich immer entzückt, und es ist zu beklagen das dies schöne Talent sich nicht dem Studium der Dichtkunst ausschließlich zugewendet. Im Leben war er ein wunderlicher Kauz und nicht leicht mit ihm zu verkehren; seinen _Golo_ und _Genovefa_, welche so viel Schönes bieten, gab er mir einst in der Handschrift zur Durchsicht mit dem Wunsche, einen Buchhändler dafür zu finden, was ihm bis jetzt nicht möglich geworden; aber auch mir gelang es nicht. -- Die schöne rührende Legende, die mich immer so innig angezogen, wurde später von mir bearbeitet, ohne dabei das Mindeste des Müllerschen Werks zu benutzen; nur das Motto wiederholte ich, und das als Reminiscenz, welches mir zu einem Liede Veranlassung gab. Der gute Müller aber entblödete sich nicht, mich eines Eingriffs in sein Eigenthum zu beschuldigen. Um nun jenen thörigten Gerüchten Einhalt zu thun, gab ich selbst die Müllersche ...“ (_Hier bricht der Auszug aus dem F.’schen Tagebuche ab, weil das letzte Blatt dieses Briefes, wahrscheinlich durch Schuld des Buchbinders, abhanden gekommen._)
V.
_Dresden_ im Lenzmond 1844.
_Theuerster hochverehrter Freund_,
Das kleine Werk, welches vor beinahe Jahresfrist -- an Ihrem letzten Geburtstage, ich Ihnen zu senden hoffte, da schon damals die ersten Bogen unter der Presse waren, ist erst jetzt vollendet abgedruckt, und so trage ich nicht die Schuld der Säumniß. Sie aber werden gewiß mit derselben Freude die Arbeit des verklärten, von Ihnen so treu geliebten Freundes dahin nehmen; sie ist ja auf einem Boden erwachsen, der Ihr unantastbarer Grundbesitz war und bleibt, denn: was im Reiche des Schönen Leben findet und Gedeihen, ist _Ihr_ Eigenthum. Auch werden Sie mir nicht zürnen, daß ich diese Dichtungen Ihnen zugeeignet, Sie wissen ja daß dieses geringste Zeichen meiner Verehrung aus der tiefgehendsten Achtung, aus der allinnigsten Anhänglichkeit hervorgegangen, und Ihre wandellos wohlwollende Gesinnung, deren ich mich so viele unvergeßne Jahre hindurch erfreute -- und welche ich immerdar zu meinen schönsten Lebensgütern zählte, giebt mir die Gewißheit, daß Sie diese Zueignung in alter Milde und Güte dahin nehmen.
Bei dem Ordnen und den Correcturen dieser Uebersetzungen, sind die hohen Schönheiten Torquato Tasso’s mir recht licht aufgegangen. Die üppigste Gedankenfülle bewegt sich in der süßesten Sprache, in den reizvollsten Bildern, der reinste Hauch der Poesie weht in den tiefempfundenen Liebesklagen, Liebeshoffnungen und Liebesschmerzen und voll unnachahmlicher Anmuth sind all die zarten Wendungen eines heiter kindlichen Witzes, und wahrhaft rührend der großartige Humor, der noch durch Thränen lächelt. Tasso steht als lyrischer Dichter gewiß sehr hoch, und ihn in seiner ureignen Schönheit der deutschen Sprache zu zuführen, war gewiß Förster vor Allen berufen. Daß ich dieser Uebersetzung eine Abhandlung F. über _Tasso_ als lyrischen Dichter beifügte, werden Sie gewiß angemessen finden; es ist dieser Aufsatz eine tief durchdachte Arbeit.
Die Biographie Försters habe ich vorigen Herbst vollendet, und dabei die Freude gehabt, Ihr liebes Bild und manche reiche unvergeßne Stunde in frischem Glanze vergegenwärtigt zu sehen, da seine Tageshefte so manches mit Ihnen Durchgesprochene aufgezeichnet haben. Es hat überhaupt diese Arbeit mir einen reichen Quell des Trostes geboten; mein ganzes geistiges Sein in dieses reine Leben, in diesen reichen schönen Geist zu versenken, gab dem wunden Herzen den besten Trost. Ob, wenn und wie ich diese Arbeit der Oeffentlichkeit zuführe weiß ich noch nicht; der Muth, die Kraft zu den lästigen geschäftlichen Schritten einer Herausgabe fordern von einer Frau eine große Selbstverläugnung. Außer Ihren so freundlichen Aeußerungen über diese Arbeit, und der liebreichen Ermunterung zu deren Fortsetzung, könnte wohl auch außer der Billigung einiger Freunde das eigne Gefühl mich zur Herausgabe ermuthigen, denn mit tiefstem heiligsten Ernst habe ich die Aufgabe vollbracht.
Fragt Ihre Theilnahme nach meinem Leben -- es ist sehr still, sehr zurückgezogen, aber in dieser selbst gewählten werthen Zurückgezogenheit, vermisse ich doch zuweilen die Masse geistiger Elemente, die vielgestaltig mich umgeben, deren Segen ich fast bewußtlos dahin genommen, die jetzt mir zeigen, wie doch mein ganzes Sein mit diesen Elementen verwachsen. So ist denn mein Leben, eines der Erinnerung und gehört in der Gegenwart nur noch den Pflichten an.
Der theuren verehrten Gräfin bringen Sie meine herzinnigsten Grüße, die meiner Kinder gehören Ihnen Beide.
Sie würden mir eine große, große Beruhigung geben, wenn Sie nur in zwei Schriftworten mir sagten, daß Sie in der Zuneigung des Tasso, keine Unbescheidenheit meinerseits sehen. In wandellos treuer Anhänglichkeit
Ihre _Luise Förster_.
Sollte -- indem Sie das Blättchen lesen -- die treue Friederike mit dem Theebret vorüber streifen, so empfängt sie durch Ihre Güte diesen: Gruß!
VI.
_Berlin_, d. 26t. Febr. 1817.
_Werthester Freund_
Was man für Freunde zu besorgen hat, soll man nie einem andern übergeben -- ja das wußt ich wohl, aber that nicht darnach. Nun frag ich heute in der Maurerschen Buchhandlung nach, ob Ihnen das gewünschte Verzeichniß zugeschickt worden sei -- und zu meinem Leidwesen war es vergessen. Ich eile Ihnen nun das meine zu schicken; zum Glück daß auf den ersten Seiten sich nichts erhebliches findet, um so eher werden Sie mich entschuldigen. -- -- --
Noch bessern Trost hab ich eben noch von dem Versteigerer eingeholt -- die Biestersche Auction ist noch auf 14 Tage verschoben und so behalten Sie Zeit sich denn nach Herzenslust auszuwählen, nur vergessen Sie die Bemerkung nicht, daß mit „_dem Anhang_“ der Anfang gemacht wird. --
Von den von Ihnen gewünschten Büchern ist nur wenig eingegangen, mich freut nur sehr, daß ich den Heywood noch habe auftreiben können, da Ihnen daran so viel gelegen schien. Von allen andern hab ich nur die „dreierlei Wirkungen“ erhalten und zwar nach der Versicherung meines Geheimen Oberhof-Hauptregulateur, aus der „einfachen Ursache“ daß Sie zu geringen Preiß angesetzt hatten.
Nun endlich will ich Ihnen auch Rede stehen wegen des Taschenbuches, dessen Ausbleiben aber mehr oder vielmehr allein dem Buchhändler und dem Kupferstecher zur Schuld zu rechnen ist. Es erscheint für das Jahr 1818 freilich aber schon zu guter Zeit in diesem Jahre; es ist in Leipzig gedruckt und die Bogen, die ich davon gesehen, sind schön und sauber und ohne Druckfehler; ich hoffe, daß es auch als ein spätgebornes Kind noch immer eine freundliche Aufnahme finden wird. Für die Kriegsbücher des Frontinus hat sich mein Buchhändler noch nicht entschieden, würden Sie mir aber die Handschrift zuschicken, so würde ich ihn wohl dazu bewegen oder ein andrer würde sich finden. --
Nun möcht ich Ihnen wohl auch noch einiges über mein Leben und Streben überhaupt mittheilen, wenn ich irgend hoffen darf, daß Sie einen armen, fahrenden Schüler anhören.
Obwohl ich 25 Jahre zähle, so bin ich doch ein zu Zeiten sehr unruhiger Kopf, einen festen Halt in wissenschaftl. Hinsicht hab ich, als Lehrer der Geschichte und Erdkunde an der hiesigen Artillerie-Schule (Freund, ich lese jetzt die Geschichte des 30jährigen Krieges, habe das ~theatrum Europaeum~ vor -- neunzehn Folio-Bände! und noch viele andre alte Chroniken) daran läßt sich von der Dichtung immer einiges anknüpfen; und mag die Poesie auch schön und lieblich sein, wo sie an Wiesenbächen und Quellen sich zur Schäferin und ihren Lämmern gesellt, ich mag sie lieber da begrüßen, wo sie im Harnisch daherfährt und den Völkern einen lebendigen Odem in die Nasen bläßt; und so erscheint sie mir in der Geschichte. --
Aber da bin ich zugleich auch von einer andern Seite gefaßt worden; aufgeregt durch die neuste Zeit und durch die Hoffnungen, die mich eingeführt haben in diese -- nahm ich thätigen und lebhaften Antheil an allem was Volk und Vaterland angeht, mit einem Wort ich bin ein heftiger Politicus, kann keinen Tag leben ohne Zeitung zu lesen und höre Jahn’s Vorlesungen über deutsches Volksthum und hasse die Juden.
Da ich freien Eintritt in das Theater habe, so bin ich da sehr oft zu finden, ärgre mich freilich mehr, als ich mich freue; wenn ich mich aber dort einmal freue, so geht es mir auch recht durch Blut und Leben; -- wenn Scheakspeare -- Göthe, Calderon -- Mozart sich vernehmen lassen, so daß sie sich uns wirklich offenbaren, da fühlt sich wohl einmal auch eine Menschenseele gestärkt. -- Dies ist also der eine Halt meines Lebens, den andern möcht ich nicht gern verschweigen und dennoch wird es mir schwer zu sagen. -- Ich würde mehr noch mit Ihnen davon plaudern, wenn mich die Dämmerungsstunde nicht ermahnte -- meine Augen zu schonen? -- ach nein -- zu meiner Braut will ich und mit ihr den Phantasus lesen. Leben Sie wohl, geliebter Tick, und erfreuen Sie bald mit Ihrer Gegenwart
Ihren
Freund _Förster_.
=Follen, August.=
Geboren den 21. Januar 1794 zu Gießen. -- Dichter volksthümlicher Lieder in den „Freien Stimmen frischer Jugend;“ -- meisterhafter Uebersetzer; -- Herausgeber des vortrefflichen Werkes: „Bildersaal deutscher Dichtung.“ -- Wenn er wegen damals sogenannter demagogischer Umtriebe Verdrüßlichkeiten gehabt, so ist doch in seiner Seele keine Verbitterung zurückgeblieben, welche freimüthiger und gerechter Einsicht in Staatsverhältnisse hinderlich wäre. Unparteiischer und objektiver, dabei aber auch _strenger_ könnte kein Absolutist die Zustände in „Meister Zschokke’s freiem Aarau“ verurtheilen, als dieser einst verfolgte „Demagoge“ in dem ersten dieser beiden höchst merkwürdigen Briefe thut; -- deren Schreiber ein Jeder lieben und achten lernt, mag er zu welcher Partei es immer wolle gehören.
I.
_Schloß Altikon_, 23ten Januar 1828.
_Verehrter Herr!_
Der alte Ulrich Hegner in Winterthur, der zu meiner Freude in der Nähe meiner Einsamkeit wohnt, und von dem ich eben mit der Dresdener Morgenzeitung zurückkehre, ist die nächste Veranlassung dieser Zeilen; ich soll Sie freundlich von ihm grüßen!
Ich schicke Ihnen hier den eben erschienenen ersten Theil meines Bildersaals, mit dem Wunsche, aber keineswegs dem Ansinnen, daß Sie das Buch in Ihrer Bücherschau mustern möchten. -- Da mir die Sache, derentwillen ich dasselbe herausgab, sehr wichtig scheint, ja mir heilig ist, so werden Sie es natürlich finden, wenn ich mich um billigendes _oder_ mißbilligendes Urtheil von Solchen angelegentlichst erkundige, von denen ich etwas Erkleckliches lernen zu können hoffe.
Den Zweck des Buches, hoff’ ich deutlich genug in der Vorrede ausgesprochen zu haben. Meine Theorie gieng nicht von apriorischer Spekulation aus, sondern von der pädagog. Erfahrung. In Aarau wie in der Schweiz überhaupt ist man nicht poetisch, man scheint die Poesie an die Natur abgetreten zu haben, und ihre Rosen haben aus dem Fabrikdunst sich unter den Alpenschnee geflüchtet, wo sie bessere Nahrung finden, als in dem Schmutz der ehrlosen kleinlichen Stadt- und Landintriguen, welche die alte, ausgelaufene Uhr stündlich aufziehen müssen, wenn sie noch länger vierteln und schlagen soll. Um nicht Donquixotisch in meiner Amtsführung dazustehen, mußte ich mich als Lehrer der deutschen Sprache und Literatur in Aarau, einigermaaßen dem grassirenden Geschmack akkomodiren, und versuchte es anfangs vielfältig mit allerhand rhetorischen Uebungen, mit popular philosophischen Lehrweisen ~et. c.~ die Jugend (sie tritt erst mit dem 14t. Jahre in die Kantonsschule) geistig zu bethätigen. Alles vergebens! sie wurden täglich altkluger und einfältiger, fast so geistreich wie die Alten. Dazu fand ich eine unbesiegliche Abneigung oder Unfähigkeit zu rechter geistiger Anstrengung nebst unzureichendem Sprachvermögen, das wenige, was sie zu erdenken wußten, nur erträglich auszudrücken; -- anderntheils einen Mangel jugendlicher Frische und Frohsinns, wie ich in meiner Jugend nirgends erfahren hatte. -- Ohne sonderliche Hoffnung bedeutender Ausbeute, und mehr um durch den Reiz des Wechsels zur Belebung der erschlafften Kapazität hinzuwirken, versuchte ich jetzt in den verschiedenen Klassen den Unterricht durch und zur Poesie, -- und ich kann es Ihnen nicht schildern, wie überrascht ich durch die allerersten Leistungen der Schüler ward, wie noch viel mehr durch die totale Aenderung ihres ganzen Wesens und Benehmens, bis zur Absiegelung dieser inneren Verwandlung in Ton, Blick, Zügen und Gebehrden, so daß mir die gute alte Fabel von den Thieren des Orpheus bis an den Katheder vorrückte. Und doch hatte ich nur die Rolle des Vorlesers und Erklärers, oder bei den metrischen Uebungen des Notenschreibers, wo die Schüler aus dem Stegreife den Text erfanden. -- Hätt’ ich nicht eine in Unwahrheit des ganzen Daseins und in Boßheit gemeiner Seelen versunkene Stadt gegen mich gehabt, welche es durchaus nicht ertragen mochte, die Jugend mit einem gewissen _stillen_ ästhetischen Ekel vor Gemeinheit und Flachheit gewaffnet zu sehen, so würde meine Kränklichkeit mich gleichwohl noch lange nicht aus diesem schönen Wirkungskreise entfernt haben; aber es ist keine Freude beim Rebbau, wenn die Ziegenböcke über Nacht abkauen, was über Tage Hübsches gewachsen ist. Der sehr warme Antheil an meinen Leistungen von Seiten der wackeren beiden Bürgermeister und einiger Regierungsglieder war keineswegs hinreichend, um mir den Boden, den ich bei der Jugend eroberte, vor der Masse zu schützen; denn in Meister Zschoke’s freiem Aarau ist man liberal, republikanisch, also ein Feind von allem, was einer Regierung gut dünkt, und die unermüdliche _schamloseste Lüge und Verläumdung_, welcher kein autokratisch über das Parteigetriebe erhabener, durchgreifender Herrscherwille entgegen treten kann, behält überall das Feld, oder doch das Straßenpflaster. Daß ich unter so ungünstigen Verhältnißen dennoch eine allerdings gewaltige Wirkung sah, wenn schon der beste Theil der Erndte mir durch Maifröste verdorben ward; daß ich, nachdem es mir gelungen, die _Phantasie_ der Knaben zu beleben, _alle_ ihre geistigen Kräfte in lebendigem Treiben erblickte; daß ich, wo ich sonst, ich mochte leichte oder schwere, historische, sonst rhetorische Aufgaben mittheilen, nur Trivialitäten in lendenlahmer, fader Alltagssprache erhielt, nun in gebundner und _ungebundner_ Rede Arbeiten zu Gesicht bekam, die mich Anfangs oft in Zweifel wegen ihrer Authentizität versetzten, besonders von Individuen, die bei meinen achtbaren Kollegen und bei mir für geistig impotent gegolten: dieß alles lenkte mein Nachdenken auf den psychologischen Grund jener Erscheinungen, und bestätigte hinwieder die gewonnene Theorie, welche Sie in der Vorrede ausgesprochen finden. Leider ist sie etwas aphoristisch gerathen, ich entschloß mich erst zu allerletzt, auf dringendes Ansuchen, eine solche Vorrede dem Buche mitzugeben und mußte, da der Druck sich nimmer verschieben ließ, meine Materialien etwas übereilt zusammenstellen: sonst hatt’ ich im Sinne, ein eignes Buch über die hier besprochnen Gegenstände zu schreiben. Inzwischen hat vielleicht diese Weise der Mittheilung vor einer mehr wissenschaftlich abrundenden den Vorzug der Frische und Unmittelbarkeit für manchen Leser.
Wenn ich Ihnen hiemit eine Art Vorrede, wie Lessing sie will, nämlich daß sie die Geschichte der Entstehung des Buches enthalte, zuschreibe, so wundern Sie sich nicht über meine vielleicht etwas naiv scheinende Zutraulichkeit; -- von Jugend auf waren Sie mein liebster Dichter und Schriftsteller, und so werden Sie diese Zutraulichkeit wenigstens sehr natürlich finden. Um so mehr hat es mich geschmerzt, neulich vernehmen zu müssen, daß Ihnen mein Fragment gebliebener Aufsatz über Tiecks Stellung zur deutschen Literatur &c. schon darum mißbeliebig gewesen, weil Sie -- darauf ungefähr lief das Räsonnement hinaus -- hauptsächlich nur die Ironie in Ihren Poesien anerkennen. Das geht mir nun, offen zu reden, so sehr gegen den Strich, daß es mir gestiefelte, elektrische Funken ausgetrieben hat, und ich aus meinem Innersten knurrte: hat ihn denn der alte Nestor bei seinen Lebzeiten in seinem eigenen Blumengarten heimgesucht? Hat er, wie der gute Tasso sein befreites in das wiedererlangte Jerusalem, seine romantischen Zauberlaternen und seine altdeutschen Nordlichter mitsammt den Elmsfeuern des graziosen, tanzenden Elfenscherzes, in das -- Kühlfaß der Ironie beigesteckt? -- Ei, Gott bewahre! (und so streichelte ich mich wieder zur Ordnung) seine Apotheose seiner Ironie ist nur selbst eine mystifizirende Ironie, denn diese Dinger sind wie die Zwiebeln, nämlich nur einsackende eingesackte Häute, nur Würze der Speisen, nicht Speise, außer für die Juden.
Seit ich -- im Jahr 1821 -- das lang gewünschte Vergnügen hatte, Sie in Dresden zu sehen, hab’ ich keine Studien mehr über Shakspeare gemacht und die projektirte Uebersetzung ganz aufgegeben, da ich auf die Ihrige hoffen durfte. Dagegen habe ich eine poet. Behandlung der Heimonskinder angefangen, aber auch aufgeben müssen, weil mir die _alten_ pros. Heimonskinder sowohl, als die poet. aus der Heidelb. Bibl. fehlen. Der alte Laßberg in Eppishausen, sonst mein literar. Delphi, ist mir auch verstummt wegen des alten Volksbuches; wegen der Heidelb. ~Mspte~ verwies er mich an Görres, der davon eine Abschrift habe. Ich wandte mich an ihn, der mir sonst wohlbekannt ist, bin aber noch ohne Antwort. Doch freilich traf ihn mein Brief bei der Abreise von Straßburg. Weit wichtiger aber wäre mir die alte Prosa, denn für eine Abschrift des Heidelb. ~Mspts.~ kann ich etwa durch Geld schon sorgen. Wenn Sie mir etwa rücksichtlich des alten Volksbuches behülflich sein könnten und wollten, so geschähe mir etwas sehnlich Gewünschtes. Proben meiner Behandlungsweise stehen im Morg. Bl. 1826, N. 215 ff.
Jetzt leben Sie wohl, ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen gute Gesundheit und ein ~aquilae senectus~. Ihr ergebenster
_A. A. L. Follen_.
II.
_Schloß Altikon_, am 25ten August 1829.
_Mein Verehrtester Herr!_
In aller Eile, welche mir die Ausfertigung vieler Pakete nebst Briefen zu diesem zweiten Theile meines Buches, welches morgen versandt werden soll -- und auf dessen Beendung der Buchdrucker mich 9 Monate warten ließ --, auferlegt, kann ich doch nicht unterlassen, auch an Sie ein Paar Zeilen zu richten; sonst hatt’ ich mir vorgenommen, einen _langen_ Brief zu schreiben.
Vor allem wollt’ ich mich erkundigen nach jener Abschrift aus einem alten Gedichte von den Heimonskindern, welches Sie mir bei Ihrem Besuche in der Schweiz versprachen. Ich bitte Sie um dessen baldmöglichste Mittheilung sehr angelegentlich, denn ich habe jetzt etwas Muße und möchte alles Ernstes hinter mein poetisches Projekt, die Heimonskinder, gerathen. Gewissermaßen einen Vorläufer, hab’ ich ins Morgenblatt, mit Anfang laufenden Jahres, geschickt: Malegyes und Vivian; es ist aber in Prosa, dazu gar nicht ganz nach meinem Wunsch ausgefallen, da ich die letzte Hälfte, die Geschichte des Vivian, übers Knie abbrechen mußte, wegen des Raums; Cotta ist daran Schuld, der den Anfang der Erzählung, die ich nur vorläufig ihm mittheilte, frischweg abdrucken ließ und so mußt’ ich ~nolens volens~ nachhinken. Ich weiß nicht, ob Sie es gelesen, und wüßte sehr gerne, was Sie zu der _Anlage_ des Ganzen, besonders zu der Karakteristik sagten?
Vorgestern hab’ ich Ihres Freundes Solger „Vorlesungen über die Aesthetik“ gelesen, oder vielmehr also ungebunden, d. h. roh, verschlungen, daher noch nicht assimilirt. Vieles aber ist mir keineswegs glatt eingegangen. -- So fiel mir seine Ansicht von der Lyrik, die er vorzugsweise und an sich -- allegorisch nennt, vor der Hand als willkührlich auf. Mir ist jedes lyrische Gedicht ein Bild des Dichters selbst in der Situation oder den Zustande eines schön Empfindenden, welches denn auch allegorisch behandelt sein _kann_, aber die Nothwendigkeit solcher Behandlung ist mir rein unabsehbar. -- Auch mit seiner Theorie des antiken Drama’s konnte ich mich noch nicht befreunden. Wohl für einen christlichen Zuschauer, aber nicht für den heidnischen Helden, welcher tragisch untergeht, kann sein Untergang eine Verherrlichung des offenbarten Göttlichen und ihm ein Opfertod sein; dem griech. Volksglauben ist ja das Leben heiter, und gerade die Existenz, welche vernichtet wird, ist das erfreuliche, nach dem Tode trauriges Schattenleben. Einleuchtend freilich ist, warum das Schicksal die Gräuel rächt, unangesehen die persönliche Schuld oder Unschuld des Thäters, und so ist das Schicksal als gerecht allwaltend erhaben und erhebend; denn in der plastischen Schönheit, im schönen Ebenmaaße, besteht dem Griechen die Idee, das Schicksal stellt das verletzte Ebenmaaß her; für den Griechen ist das bewußte Fest- und Heilighalten dieses Ebenmaaßes Gebot des Sittengesetzes und des Menschen Tugend und Religion. -- Die _Heiterkeit_ der Griechen kann ich mir nie anders erklären denn _instinktartig_, wie die Natur die Auszehrenden heiter und hoffend sein läßt.
Unvermerkt merk’ ich, komm ich ins Briefschreiben. -- Wie _sehr_ hätt’ es mich gefreut, Sie, laut halbem Versprechen, diesen Sommer wieder in der Schweiz zu sehen! Ihre Erscheinung war mir überaus wohlthuend und die Erinnerung noch so heiter!
Erfreuen Sie mich, ich bitte sehr, doch bald mit Uebersendung des versprochenen ~Mspts~!
Hochachtungsvoll Ihr ergebenster _A. A. L. Follen_.
N.S. Verwichnen Herbst sandt’ ich einige Alpenpflanzen durch einen jungen Menschen von Dresden, Schulze, für Fräulein Dorothe, -- sind sie auch angekommen? Meine hochachtungsvollen Grüße an die Frau Gräfin!
=Freytag, Gustav.=