Briefe an eine Freundin

Chapter 31

Chapter 313,580 wordsPublic domain

Nun hielt es sie nicht länger in Braunschweig, und sie zog nach Kassel, der Hauptstadt des ausschweifenden, leichtlebigen Königs »Lustik«, wie das Volk Jerôme nannte, zurück. Hier schuf sie sich durch Vermieten und Anfertigen von »Blumen und Ballgarnituren« einen Unterhalt, der mit den Zinsen ihres Vermögens, das sie in Braunschweigischen Staatspapieren angelegt hatte, ihr ein auskömmliches Leben gestattete. Von der klugen, geistvollen Frau angezogen, fanden sich bald zahlreiche interessante Persönlichkeiten in ihrem bescheidenen Heim ein. Da verlor sie unerwartet ihr Vermögen, als Napoleon die Staatsschuld Braunschweigs nicht anerkannte, und eine neue seelische Erschütterung, die ihr eine unglückliche Neigung zu einem Manne brachte, der sie hätte glücklich machen können, den sie aber »an ihr welkendes Leben« nicht fesseln wollte, da sie ihm »außer einem verständigen, veredelten Herzen nichts bieten konnte: keine Jugend, keine Schönheit, kein Vermögen, ja auch leider keine Gesundheit« -- warf die schwer geprüfte Frau aufs Krankenlager, und aufs neue trug sie sich mit dem Gedanken, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Die Jahre 1811 bis 1813 gehörten zu den schwersten ihres Lebens. Schließlich verschlug sie ihr Geschick nach Holzminden, wo sie schon einmal nach dem Eheskandal in Kassel geweilt hatte, und hier erinnerte sie sich in ihrer Not ihres Jugendfreundes aus Pyrmont, der ihr vielleicht helfen könnte, und am 18. Oktober 1814 schrieb sie an Wilhelm von Humboldt, der damals als preußischer Abgesandter auf dem Wiener Kongresse weilte. Wir wissen, daß dies der Anfang jenes Briefwechsels war, den Humboldt bis zu seinem Tode -- zuletzt mit rührender Entsagung -- geführt hat, und der Charlotte Diede einen ruhigen Lebensabend geschaffen hat.

Die 26 Jahre, in denen Humboldts Jugendfreundin so ungezählte Leiden auszukosten hatte, hatten aus dem jungen Studenten der Rechte den großen Staatsmann »von perikleischer Hoheit des Sinnes« und Gelehrten werden lassen, dessen Freundschaft die Größten unserer Nation suchten, und der durch seine Taten und Schriften Gewaltiges für die deutsche Kultur geschaffen hat.

Unmittelbar nach jenem Erlebnis in Pyrmont hatte er, der schon vorher in Berlin zu dem Tugendbund mit Henriette Herz und Karl de la Roche gehörte, seine spätere Gattin Karoline von Dacheröden kennen gelernt, die mit Schillers späterer Schwägerin, der nachmaligen Karoline von Wolzogen, ebenfalls in diesem romantischen Freundschaftsbunde aufgenommen war. Schon am 1. September 1788, also wenige Wochen nach dem Zusammentreffen mit Charlotte Hildebrand in Pyrmont, schrieb er einen überschwenglichen Brief an Li, wie Karoline von Dacheröden im Freundeskreise hieß, die im Jahre darauf seine Braut wurde und mit der er seit 1791 achtunddreißig Jahre eine überaus glückliche Ehe geführt hat, bis ihm der Tod die treue Lebensgefährtin entriß. Wie nur wenigen Sterblichen war es ihm vergönnt, sich sein Leben zu formen, wie es ihm behagte, und ungetrübt durch äußere Widerwärtigkeiten konnte er auf seiner Bahn fortschreiten, die ihn auf die Höhen der Menschheit führte. Auf weiten Reisen nach Frankreich, Spanien, Italien und England hatte er Welt und Menschen kennen gelernt, und nach jahrelanger Muße, in der er sich auf seinen Besitzungen ganz seinen Forschungen widmen konnte, hatte er in der Zeit schwerster vaterländischer Not sein überragendes Wissen und seine Kraft in den Dienst des Vaterlandes gestellt, hatte die Berliner Universität mitbegründet und weilte damals, als Charlotte Diede sich in ihrer Not an ihn wandte, auf dem Wiener Kongreß.

Noch sechs Jahre war er im Dienste des Staates tätig, dann zog er sich ins Privatleben zurück, um »nicht vom Aktentische ins Grab taumeln« zu müssen. Die fünfzehn Jahre, die ihm sein arbeitsreiches Leben noch beschied, widmete er ganz seiner wissenschaftlichen Tätigkeit als Sprachforscher und Philosoph, und je älter er wurde, desto mehr fesselte ihn sein Schloß in Tegel, in dem ihn der Geist des Altertums aus den herrlichen Bildwerken, die er meist selbst gesammelt hatte, umgab, und als den Weisen von Tegel lernen wir ihn auch aus den »Briefen an eine Freundin« kennen. Und aus seinem tiefen Wissen und seiner geläuterten Weltanschauung konnte er nun der Freundin ein Weiser auf ihrem Pfade werden und ihrem unstäten Sinn von seinem göttlichen Frieden mitteilen.

Ihr aber wurden die Briefe Humboldts »ein verjüngender Quell«, und schon 1818 schrieb sie an ihre Schwester: »Ich genieße überall, wo ich lebe, das Glück, geliebt zu sein, und habe die Erfahrung gemacht, daß äußeres Glück oder Unglück, Reichtum oder Armut es nicht ist, was uns geliebt oder geehrt macht, sondern wir selbst es sind.« Und als ihr nun der »himmlische Freund« entrissen wurde, sah sie sich neuen Sorgen gegenüber, und einige ihrer Freundinnen ließen ihr anonym eine Unterstützung zukommen. Schließlich entschloß sich die Greisin zu einem Bittgesuch an Friedrich Wilhelm IV., der sie darauf mit 300 Talern in Gold unterstützte, so daß sie nunmehr ihren Lebensabend ruhig beschließen konnte.

Die Briefe Humboldts aber sind ihr ein Trost in ihrer Einsamkeit, und so schreibt sie an ihre Freundin, die ihr bei der Herausgabe behilflich sein soll: »Mit ihnen lebe ich jetzt und fort und fort. Aus diesem unerschöpflichen Schatz nehme ich auch jetzt Trost und Fassung, wie ich eine lange Reihe von Jahren alles herausnahm, was ich bedurfte an Rat und Trost, an Erhebung und Ermutigung, an Besserung und Belehrung, an Erleuchtung und Erkenntnis. Sie waren mein einziger Reichtum, sie beseelten meine Einsamkeit und entschädigten mich für so viele Entbehrungen. Jetzt lerne ich etwas, wie ich den großen Schmerz würdig aufnehme und trage, und mit dem Andenken an das, was er mir war, fortlebe.« -- Im Jahre 1846 ist auch sie dann zur ewigen Ruhe eingegangen.

Uns Deutschen aber bleiben diese Briefe ein köstliches Vermächtnis eines unserer größten Geistesheroen, eines Mannes, der die Ideale, die er als Seher erschaute, auch in seinem Leben dargestellt hat.

_Rostock_, im Dezember 1920.

_Alfred Huhnhäuser_.

Anmerkungen.

_Zum Vorbericht_. S. 12 Hoffnung des Wiedersehens: Doch geschah es noch zweimal nach vielen Jahren. -- Dokument, das hierher gehört: vgl. die Einführung S. 492. -- S. 20 als Zusätze nachtragen: Diese Zusätze sind, soweit sie zum Verständnis der Briefe wichtig waren, in den Anmerkungen zu den Briefen mit verwertet.

S. 21 dies Blättchen: vgl. die Einführung S. 402.

S. 32 Welcher Ihrer Pläne ausführbar sein kann: »Von Ihren jetzigen Plänen kann ich keinen billigen und keinen befördern.« In seinen weiteren Ausführungen, die von Charlotte Diede ausgelassen sind, lehnt Humboldt es ab, sie, wie es ihr Wunsch war, in seinem Hause aufzunehmen. -- Anweisung: »auf 200 Taler«.

S. 39 Meine kurzen Briefe können Sie eingeschüchtert haben: Dazu bemerkt Charlotte in ihren Zusätzen: »In die Jahre von 1814-20 fielen die großen weltgeschichtlichen Begebenheiten und Wilhelm von Humboldts Staats-Leben und -Wirken. Lange Briefe konnte ich in dieser Zeit nicht bekommen, aber fortwährend empfing ich Zeichen und Beweise des Andenkens und Nachrichten über meine Vermögensangelegenheiten..... Ich durfte mich nicht abhalten lassen, auch wenn ich nur selten und kurze Briefe erhielt, selbst lange Briefe zu schreiben. Doch schrieb ich anfangs nur selten.«

S. 47 Ich sehe Ihrem Entschluß und Ihrer Antwort mit Verlangen entgegen: Darauf hat Charlotte in einem Brief geantwortet, der als einer der wenigen von ihr erhaltenen hier Aufnahme finden möge. »Der Wunsch, den Sie, hochverehrtester Freund, mir in Ihrem letzten Brief aussprechen, ist ein neuer Beweis Ihrer höchst gütigen Teilnahme, den ich sehr dankbar empfinde und erkenne, und zugleich tief die Verpflichtung fühle, Ihren Forderungen zu entsprechen. Zugleich aber gestehe ich, daß ich auch erschreckt bin, indem Schwierigkeiten und Bedenklichkeiten mir entgegentreten. Zuerst erlauben Sie mir die Einwendung: Wo soll ich den Mut finden, Ihnen, der Sie Welt, Leben, Begebenheiten und Menschen in den größten Erscheinungen sahen, mein Leben in seinen Verhängnissen vorzuführen, die, wenn sie gleich für mich von großer Wichtigkeit waren, Ihrem Blick sehr unbedeutend erscheinen müssen. Dann ist auch vieles durch die Zeit verblichen, anderes mehr noch weit in die Vergangenheit zurückgetreten, wodurch ein solches Unternehmen sehr erschwert wird. Die freundlich-schmeichelnden Belobungen meines Schreibens erkenne ich dankbar, sehe aber zugleich, daß sie mich ermutigen sollen. Ich antworte auf der Stelle, wie Sie das wollen, um ganz ehrlich den ersten Eindruck auszusprechen. Gewähren Sie mir, teuerster, gütigster Freund, daß ich die Sache erst von allen Seiten ruhig erwäge. Ob ich die mir angeborene Schüchternheit, die mich beschämt zurückweist, beherrschen werde? Ich wünsche es und will es hoffen, da mein Leben, auch in den verwickeltsten Lagen und Verhältnissen, wie in dem Innern von Ihnen gekannt, erkannt und verstanden sein möchte, und nur so, wie es bisher geschehen, in der einfachsten Wahrheit. -- Daß ich noch einmal, und nur noch einmal auf Ihre viel zu gütige Belobung meines Schreibens zurückkomme, verzeihen Sie mir gewiß. Es ist große, unendliche Güte, das weiß ich, und kein Spott, ob es vielleicht den Schein des Spottes haben könnte; denn wessen Feder hat einen ähnlichen Zauber wie die Ihrige! Ich habe nie Anspruch an Schönschreiben gemacht; ich habe mich sogar vor dem Bestreben danach gehütet: denn ich meine, es führt dem Charakter manche Gefahren herbei. Früher als die meisten Frauen habe ich viel geschrieben, teils weil es so sein mußte, teils aus Neigung. Zuerst achtete ich streng darauf, daß ich mich schriftlich wie mündlich ausdrückte; dies ist Forderung meines Charakters, der das Unwahre und Falsche wegweist; dann hütete ich mich vor Übertreibungen, die mir immer zuwider waren. So blieb wohl der Ausdruck meiner Empfindungen einfach und natürlich, um so mehr, da mir alles Gesuchte und Schwülstige sehr mißfällt. Da ich zugleich früher, als es meist der Fall ist, Geschäftssachen besorgen mußte, machte dies Klarheit der Darstellung durchaus nötig. Auf diese Art gewann ich vielleicht mehr Übung und Gewandtheit im Schreiben, als ich ohne diese Notwendigkeit erlangt hätte; ich gewann zugleich diese Art der Beschäftigung zu meiner eigenen Ausbildung lieb und schrieb viel für mich selbst. Wie hätte ich ahnen können, daß diese Übung mir einst später den Weg bahnen würde, mich dem teuern Gegenstande vieljähriger liebevoller Verehrung wieder zu nahen? In dem, was ich hier sage, erkennen Sie schon meine Bereitwilligkeit, Ihnen zu gehorchen, und ich darf die Bitte wiederholen: Gewähren Sie mir einige Tage der Überlegung. Nachher will ich Ihnen offen und gerade die Resultate derselben mitteilen.

»Eines aber erlauben Sie mir gleich einzuwenden: in dritter Person zu Ihnen zu reden; was ich allein für Sie schreibe, würde mir einen hindernden Zwang auflegen. Meine Verhängnisse wie meine Bildung, beides ging aus meinem Innern hervor und wirkte dahin zurück. Tausend Frauen würden, hätten sie erlebt, was ich erlebte, ganz andere Schicksale daraus gestaltet haben. Diese über uns gebietende Individualität verschmilzt mit dem ewig waltenden Geschicke, wie es scheint. Wir können nur handeln, wie wir handeln; vieles, was andere tun, auch wenn wir es nicht tadeln, weist, als unvereinbar mit uns selbst, unser Inneres weg. Über solche Begebenheiten läßt sich nur im innigsten Vertrauen und in der einfachsten, ich möchte fast sagen einfältigsten Wahrheit reden. Dem schwergeprüften, gereiften Gemüt ist der Schein ganz gleichgültig; es bewahrt das tränenschwer Erlebte, gleich einem Heiligtum, verschlossen im Busen. Allein dem Allwissenden und der ewigen Liebe schließt es sich gläubig auf. Auch dem so innig und unendlich geliebten Jugendfreund kann und will es eben so offen daliegen, und nur ihm allein! Wozu dann eine fremde, eine gesuchte, einengende Form? Ich darf dies einwenden, weil es natürlich ist, und ich nur für Sie schreibe. Ich bin oft aufgefordert, meine Lebensbegebenheiten selbst zu schreiben, oder jemand zu autorisieren und dazu das Material zu geben, aber ich habe es immer verschmäht. Man gelangt nach ungewöhnlichen Schicksalen dahin, sie nur in ihren heilbringenden Folgen zu betrachten, sie mit Ehrfurcht als höhere Fügungen anzusehen, ja selbst dankbar darauf hinzublicken. Wie wenig ist am Ende der Bahn daran gelegen, was wir erlebten, wie wichtig, wie unendlich viel, was daraus hervorging! Sollte ich Ihrer Teilnahme gewürdigt, Ihres segenreichen Einflusses teilhaftig werden, so dürfte auch nichts anders sein, als es war. Demohngeachtet ist es natürlich, daß mich das Zurückrufen einer leidenvollen Vergangenheit sehr ergreift, und deshalb kann ich nicht gleich eine bestimmte Antwort geben. Sie wissen schon aus meinen früheren Briefen, daß ich ungewöhnlich und ungemein viel erlebte. Manche Bilder erbleichen und schwanken; ich möchte sie nicht wieder herausholen, ja, ich darf das nicht; es würde mich zerstören, wollte ich zu lange verweilen in düstern, grauenvollen Gegenden. Sie scheinen sich selbst diese Einwendungen gemacht zu haben und wissen besser, als ich es sagen kann, daß, wer viel erlebt hat und großen Schmerz kennt, ihn schweigend ehrt, nicht davon redet noch reden kann, indes der, der den Schmerz weder kennt noch versteht, unendlich davon erzählt. Ich erwarte mit Zuversicht die Antwort und darf sie erwarten, denn Sie zürnen gewiß nicht über meine zaghaften Einwendungen und haben Nachsicht mit meiner Schwäche, indem Sie zugleich erkennen, daß es mein Wunsch und Wille ist, Ihnen zu gehorchen. Vielleicht übersende ich Ihnen schon früher, als Sie es erwarten, einige Bogen als Probe.«

S. 51 Ich war in Düsseldorf bei Jacobi: Der Philosoph Friedrich Heinrich Jacobi (1743-1819), den Humboldt im Herbst 1788 auf seiner Rheinreise kennen gelernt hatte. Er schreibt damals in einem Briefe an Georg Forster, mit dem er kurz vorher enge Freundschaft geschlossen hatte, folgendes über diese Begegnung mit Jacobi: »Sein Umgang war mir über alles interessant. Er ist ein so vortrefflicher Kopf, so reich an neuen, großen und tiefen Ideen, die er in seiner so lebhaften Sprache vorträgt; sein Charakter scheint so edel zu sein, daß ich in der Tat nicht entscheiden mag, ob er zuerst mein Herz oder meinen Kopf gewonnen hat. Er hat mir erlaubt und versprochen, die Verbindung durch einen Briefwechsel zu unterhalten.«

S. 54 Ihr alter väterlicher Freund Ewald: Johann Ludwig Ewald (1747-1822), Pfarrer, später Generalsuperintendent und Konsistorialrat, wird des öfteren in den Briefen erwähnt.

S. 92 Die Kraft abgewinnt, zu erscheinen: hierüber gibt Charlotte in ihren Zusätzen folgende Ausführungen:

»Es möchte eine Erklärung nötig sein über die dunkeln Andeutungen, welche dieser Brief enthält. Zwar bin ich nicht imstande, die Rätsel zu lösen, nur erzählen kann ich das Geheimnisvolle, was Wilhelm von Humboldt so sehr interessierte. Es schien nämlich ganz unzweifelhaft, daß etwas Geheimnisvolles, ja in ein unsichtbares Bereich Gehörendes, nie Aufgehelltes (so sorgfältig auch danach geforscht wurde) in meinem Vater lag. Auch war er sich dessen wohl bewußt. Ohne erfreut oder niedergeschlagen darüber zu sein, sprach er wohl darüber, erzählte mehrere Erfahrungen aus verschiedenen Epochen seines Lebens, ernst, würdig, ohne festen Glauben, ohne Furcht, aber auch ohne spöttisches, starkgeisterisches Verwerfen. Er pflegte wohl zu sagen: den Zusammenhang zwischen der sichtbaren und unsichtbaren Welt hat noch niemand durchschaut und erkannt.

Es waren weniger Erscheinungen als Wahrnehmungen durchs Gehör; laute, ja lärmende Bewegungen in den von ihm bewohnten oder benutzten Zimmern, oft alsbald wenn er sie verließ, nie während seiner Gegenwart. Diese Geräusche waren dem Beschäftigungsgeräusche gleich, das er in einem eigentlich gelehrten Leben durch die damit verbundenen Bewegungen erregte: Kramen zwischen Büchern, Schriften und Papieren, Zusammenrücken der Tische, Herbeiziehen der Stühle, bald langsames, bald schnelles Hin- und Hergehen -- alles ebenso, nur lauter, als es mein Vater betrieb, so daß Mutter und Kinder im unteren Stock oft glaubten, der Vater sei zu Hause. Dieser pflegte, wenn es das Wetter erlaubte, mittags vor Tisch eine Stunde spazieren zu gehen oder zu reiten. Er hatte die Gewohnheit, dann seine Arbeitsstube zu verschließen und den Schlüssel einzustecken. In diesen Mittagsstunden war das Lärmen am lautesten. Sehr oft, wenn er zu Tisch kam, war er ernst, etwas düster und schweigend, aß wenig oder auch garnichts. Ein andermal erzählte er, ruhig immer, doch oft mit umwölkter Stirn: wenn er den Schlüssel einstecke und aufschließen wolle, scheine es, als ob der unsichtbare Teilnehmer des Zimmers, gleichsam als werde er überrascht, schnell aufspringe und mit Poltern, Umwerfen der Stühle in das Nebenzimmer eile, das aber immer von beiden Seiten verriegelt war. Sehr oft sei es so, daß er glauben müsse, es habe sich jemand auf sein Arbeitszimmer und zu seinen Papieren geschlichen. Trete er aber ein, finde er alles ungeändert, so wie er es verlassen, Bücher, Papiere, Federn usw., alles am gewohnten Platz, den Stuhl wie den Tisch, an dem er zu schreiben pflegte, unverrückt. Die Mutter, die manche häusliche Geschäfte in einem benachbarten Zimmer, auf demselben Gange, in demselben Stock vorzunehmen pflegte, sagte wohl zu ihren heranwachsenden Kindern: Gott verzeih' mir -- ich glaube, Euer Vater ist doppelt! -- Was das Grauenhafte ungemein verminderte, war, daß die Nächte und auch die Nachmittage still waren. Vormittags, besonders aber in den Mittagsstunden, waren länger als ein Jahr polternde Geräusche, was auch Besuchende wahrnahmen. Wirklich niederschlagend war es, daß alle Wahrnehmungen nicht bloß an sich unerfreulich waren, sondern daß auch kein tieferer Gehalt darin erkannt werden konnte. Sie waren weder anzeigend, noch warnend, noch weniger erhebend oder trottend, alles sah wie ein Spiel böswilliger Geister aus, die nur Schrecken und Grauen erregen wollten. Indes übte auch hier Gewohnheit ihr Recht. Wir hatten uns fast an die unheimlichen Unsichtbaren gewöhnt, und da sie uns nicht weiter schädlich berührten, ließen wir sie meist unbeachtet. Wie viele Nachforschungen und Untersuchungen man auch vornahm, keine derselben brachte erklärende Resultate. Mit dem Tode der Mutter, der früh erfolgte, verstummte alles Unheimliche, als ob es Anzeichen dieses Trauerfalles habe sein sollen.«

S. 111 Diese Träume, dieser gewissermaßen natürliche Magnetismus: Dazu gibt Charlotte folgenden Zusatz:

»Die Hindeutung auf gewissermaßen natürlich-magnetische Träume, deren hier gedacht wird, möchte noch einige, wenn auch nicht erklärende, doch deutlicher machende Worte erfordern, über eine seltsame und gewiß seltene physiologische Stimmung, wie solche mir durch oft wiederholte, immer gleiche Erzählung bekannt worden ist, ohne Aufschluß erhalten zu haben oder geben zu können. Mein Vater erkrankte schwer und langwierig in meiner frühesten Kindheit. Gegen alle Erwartung der Ärzte wurde er erhalten und gerettet durch eine schwere Operation, die ein sehr geschickter Wundarzt, der hinzugezogen wurde, verrichtete. Derselbe wurde nach erfolgter gänzlicher Genesung des Vaters von der Familie wie ein teurer Wohltäter geliebt und verehrt, und beide Häuser kamen in innige Verhältnisse, um so mehr, da groß und klein von gleichem Alter waren. Im nächsten Frühjahr wurde der erste Besuch in die benachbarte Stadt, zum Doktor und Regimentsarzt M., gemacht. Dieser kleine, fröhliche Ausflug war für uns alle ein wahres Fest. Schon beim Stillhalten des Wagens, bei dem Aussteigen, bei dem Eintritt in den Hausflur wurde mein Vater still und bestürzt, mehr noch beim Eintritt in die Wohnstube. Das M-sche Haus war alt und winkelig, man fand sich nicht gleich darin zurecht, und ein versteckter Gang führte in einen kleinen Garten, von den Kindern der Irrgarten genannt. Nach dem ersten Empfange sollten nun erst den Gästen ihre Zimmer angewiesen werden. Jetzt nahm der Gast den Hausherrn an den Arm, mit den Worten: »Nun will ich Sie führen.« Schweigend brachte er ihn erst in die Gastzimmer, dann durch alle Räumlichkeiten durch, vor dem Eintritt in jede Stube und Kammer die Bestimmung derselben bemerkend, und zuletzt auch kannte er den verdeckten Gartenweg. Fast genauer als im eigenen Hause kennt er hier jedes Möbel und gibt der erstaunten Gesellschaft folgenden Aufschluß: während seiner dreimonatigen schweren Krankheit habe ihn jeder matte Krankenschlummer in dies Haus gebracht; er habe in allen diesen Räumen so oft und so lange verweilt, daß er alles aufs genaueste kenne. Da er aber den Schauplatz seiner Träume nie gesehen habe, es also keine Erinnerungen sein konnten, welche in der kranken Einbildung wieder aufstiegen, so habe er es ganz natürlich für phantastische, kranke Traumbilder gehalten, ohne weiter darauf zu achten. Man möge nun sein Erstaunen nachempfinden, wie er schon beim Stillhalten des Wagens, schon beim äußeren Anblick des Hauses, und immer mehr und mehr, seine Traumbilder verwirklicht sehe!

Er mochte gern bei dieser sonderbaren Erscheinung seines inneren Sehvermögens verweilen und erzählte diese Erfahrung gern, und immer getreu dasselbe, so daß ich es ebenfalls getreu wiedergeben kann. Nie ist uns über die sonderbare Sache, die für Wilhelm von Humboldt lebhaftes Interesse hatte, und die er natürlichen Magnetismus nannte, ein näherer Aufschluß geworden. Wer möchte sich ein ähnliches inneres Vermögen wünschen!« -- Zschokke gedenkt in seiner Selbstschau eines ähnlichen inneren Sehvermögens, doch auch sehr verschieden, da es fremde Begebenheiten, und selbst Heimlichkeiten anderer, vorüberführt.

S. 166 wo Sie mich ganz mißverstanden haben: An dieser Stelle wie auch zu Anfang des Briefes hat Charlotte das Original Humboldts gekürzt. (Vgl. hierzu die Leitzmannschen Forschungen, vor allem eine handschriftliche Notiz Charlottes zu diesem Brief.)

S. 184 An Tegel hänge ich: über das Schloß Tegel und seinen Bildsäulenschmuck berichtet auch Fontane in seinen Wanderungen durch die Mark im dritten Band.

S. 187 ein so stattliches Schloß scheint: Schloß Tegel, 1660 vom Großen Kurfürsten als Jagdschloß erbaut, ging 1765 in den Besitz des Majors Georg Alexander von Humboldt über. Nach dem Tode des Vaters (1779) besaßen die beiden Brüder das Schloß gemeinsam. 1802 übernahm es Wilhelm von Humboldt allein. 1822-24 wurde es von Schinkel völlig umgebaut.

S. 235 Frau von Laroche: Sophie von Laroche (1731 bis 1807), die Jugendgeliebte Wielands, Schriftstellerin, wird in Goethes »Dichtung und Wahrheit« an verschiedenen Stellen erwähnt.

S. 251 Therese Huber, Schriftstellerin (1764-1829), Tochter des Göttinger Gelehrten Heyne, war mit Georg Forster, dem Freunde Humboldts, und später mit dem Schriftsteller Ferdinand Ludwig Huber verheiratet.

S. 364 Sie erwähnen der neusten unruhigen Auftritte: Gemeint sind Volkserhebungen des Jahres 1830. Am 25. August war auch in Belgien die Revolution ausgebrochen.

S. 389 Die Ungewißheit der Zeiten: Zusatz von Charlotte: »In dieser Zeit erschien die gefürchtete Cholera in ganz Deutschland und setzte, wie es jeder erfahren hat, alles in Furcht und Schrecken.«

S. 421 Der Stelle in der Delphine: »Frau von Staël stellt nämlich in der Delphine den Satz auf, daß für das Alter oder die späteren Jahre, wo man allein stehe, die Ehe nötig und erwünscht sei. Die Jugend finde überall ihre Freuden.« (Anm. von Charlotte.)

S. 491 Zum Brief vom 28. März schreibt Charlotte: »So kam der 8. April heran und brachte mir von unbekannter Hand vom 4. April die Nachricht »einer gewiß vorübergehenden Erkrankung« so schonend als möglich. Es war der Todestag von Wilhelm von Humboldt, als ich die Nachricht von unbekannter Hand erhielt.«