Briefe an eine Freundin

Chapter 26

Chapter 263,505 wordsPublic domain

Über den Tod und das Verhältnis desselben zum Leben kann ich aber doch nicht ganz in Ihre Ideen eingehen. Niemand kann ihn weniger fürchten als ich, auch hänge ich nicht an dem Leben, dennoch ist mir eine Sehnsucht nach dem Tode fremd; obwohl sie edlerer Art ist als Überdruß am Leben, dennoch ist sie zu mißbilligen. Das Leben muß erst, so lange es die Vorsehung will, durchgenossen und durchgelitten, mit einem Wort, durchgemacht sein, und zwar mit völliger Hingebung, ohne Unmut, Murren und Klagen durchgeprüft sein. Es ist ein wichtiges Naturgesetz, das man nicht aus den Augen lassen darf, ich meine das der Reise zum Tode. Der Tod ist kein Abschnitt des Daseins, sondern bloß ein Zwischenereignis, ein Übergang aus einer Form des endlichen Wesens in die andere. Beide Zustände, hier und jenseits, hängen also genau zusammen, ja, sie sind unzertrennlich miteinander verbunden, und der erste Moment des Dort kann sich nur wahrhaft anschließen, wenn der des Scheidens von hier, nach der freien Entwickelung des Wesens, wahrhaft der letzte gewesen ist. Diesen Moment der Reise zum Tode oder der Unmöglichkeit, hier weiter zu gedeihen, kann keine menschliche Klugheit berechnen, kein inneres Gefühl anzeigen. Dies zu wähnen wäre nur eine eitle Vermessenheit menschlichen Stolzes. Nur der, welcher das ganze Wesen zu durchschauen und zu erkennen imstande ist, kann dies, und ihm die Stunde anheimzustellen und seiner Bestimmung auch nicht einmal durch heftige Wünsche entgegenzukommen, ist Gebot der Pflicht und der Vernunft. Glauben Sie mir sicherlich, wenn Sie auch diese Ansichten manchmal strenge nannten, daß sie es allein sind, was uns in tiefem Seelenfrieden durch das Leben führt und uns als treue Stütze nie verläßt. Das Erste und Wichtigste im Leben ist, daß man sich selbst zu beherrschen sucht, daß man sich mit Ruhe dem Unveränderlichen unterwirft und jede Lage, die beglückende wie die unerfreuliche, als etwas ansieht, woraus das innere Wesen und der eigentliche Charakter Stärke schöpfen kann. Daraus entspringt dann die Ergebung, die wenige hinreichend haben, obgleich alle sie zu haben glauben. Fast alle setzen der Ergebung ein gewisses Maß und glauben der Verpflichtung dazu überhoben zu sein, wenn dies Maß überschritten ist oder ihnen scheint. Aus der wahren Ergebung, die immer die Zuversicht mit sich führt, daß eine unwandelbare, immer gleiche Güte auch die unerwartetsten, widrigsten Geschicke zu einem heilbringenden Ganzen verknüpft, geht die ernste, aber heitere Milde in der Ansicht eines auch oft gestörten und getrübten Lebens hervor. Diese Heiterkeit sich zu erhalten oder in sich zu schaffen, sollte man immer alles nur irgend vom Willen Abhängige versuchen. Man kann es nicht immer ganz erreichen, auch nicht in allen Momenten des Lebens, sie läßt sich auch eigentlich nicht hervorbringen, sondern muß sich von selbst in der Seele erzeugen. Sie bleibt aber da nicht aus, wo ihr der Boden vorbereitet ist, und diese Vorbereitung liegt hauptsächlich in einer besonnenen, von Selbstsucht freien, ruhigen Stimmung des Gemüts. Diese hat man durch Vernunft und Willenskraft in seiner Gewalt, dahin kann und muß eigentlich Übung und Vorsatz führen. Zur Beruhigung des Gemüts trägt angemessene Beschäftigung viel bei. So kann und darf eigentlich nichts in der Seele vorgehen, was der Mensch nicht nach vorangegangener Prüfung darin duldet oder unterdrückt.

Leben Sie wohl und seien Sie meiner unwandelbaren Teilnahme gewiß. H.

_Norderney_, den 2. August 1832.

Ich bin wieder hier, liebe Charlotte, bewohne wieder die nämlichen Zimmer und führe wieder dasselbe, nicht sehr erfreuliche Badeleben. Ein solcher von Jahr zu Jahr wiederkehrende Aufenthalt hat immer etwas Sonderbares für mich. Er ruft die Frage hervor, ob man im künftigen Jahr wiederkehren wird, und wenn nicht, aus welchem Grunde? Denn das Bad dann entbehren zu können, bin ich nicht so töricht zu erwarten. Ich bin nicht krank, eher gesund. Das, wogegen das Bad wirken kann, ist Altersschwäche, die durch Umstände früher zum Durchbruch gekommen ist. Diese kann eine Kur nicht aufheben, nur mindern. Ich sage dies mit Fleiß, damit sich Ihr freundschaftlicher Anteil an mir nicht Hoffnungen macht, in denen Sie sich notwendig getäuscht finden müßten. Den Erfolg aber, den man mit Recht und Billigkeit sich versprechen kann, glaube ich auch diesmal erwarten zu können. Meine Tochter ist allerdings wieder mit mir hier. Das Bad hat ihr voriges Jahr so wohl getan, daß sie Unrecht getan haben würde, die Kur nicht zu wiederholen. In den Einrichtungen hier ist vieles besser geworden. Daß die Zeitungen gesagt haben, ich sei nach den Rheinprovinzen gegangen, war ein grundloses Gerücht. Sie hätten sich die Mühe, von mir zu reden, ganz ersparen können. Ich bin auf dem gewöhnlichen Wege hergegangen und hasse alle kleinen Reisen und Umwege so gründlich, daß ich mich nicht darauf einlassen würde. Sollte ich einmal eine längere Abwesenheit von Hause nicht scheuen, so würde ich nach Italien oder England gehen, und hiervon möchte ich die Möglichkeit nicht bestreiten, vorzüglich, wenn mein Gesicht schwächer würde und mich am eigenen Arbeiten hinderte. Es freut mich sehr, daß Ihnen mein Briefwechsel mit Schiller Freude gemacht hat. Mir ist es mit dem Buche sonderbar gegangen. Ich hatte den Schillerschen Erben die Herausgabe versprochen. Als sie mich, da darüber mehrere Jahre verflossen waren, dazu aufforderten, war es mir höchst lästig, mich damit zu befassen. Ich mußte den ganzen Briefwechsel durchgehen, um alles auszuschalten, was sich für den Druck nicht geeignet hätte. Dessen war so viel, daß das Ganze gut und gern zur Hälfte zusammenschmolz, und die Arbeit kostete mich einige Wintermonate; dann schrieb ich die Vorerinnerung. Ich erwartete keinen großen Anteil für das Buch, höchstens für einen Teil der Briefe Schillers und für einige wenige von mir. Der Erfolg hat aber meine Erwartungen übertroffen, und es ist viel mehr gelesen worden, als ich dachte, und besonders von Frauen. Viele haben mir davon gesprochen, einige ausführlich geschrieben, und so, daß sie ganz in die Ideen eingegangen waren und einige davon weiter ausspannen. Ich glaube auch nicht, daß, wie Sie meinen, die Briefe gewonnen hätten, wenn sie früher erschienen wären, eher umgekehrt. Ich bin überhaupt gegen alles Drucken von Briefen. Die Herausgabe dieser rechtfertigt nur der Name eines wahrhaft großen Mannes, an den sich der andere mit immer gleich sichtbarer Unterordnung anschließt, so daß man doch immer auch in ihm nur jenen sieht. Briefe haben immer einen Anflug des wirklichen Lebens. Je mehr sie also aus der Ferne erscheinen, desto mehr überraschen sie. Gleich nach dem Tode sind sie eine schwache Fortsetzung der noch in dem Gedächtnis lebenden Wirklichkeit. Nach langer Zeit erscheinend, führen sie Personen zurück, die man nicht mehr gewohnt war, sich mit den Umgebungen zu denken, wie sie das Leben begleiten. Ich dächte auch nicht, daß es störend auffallen könnte, wenn in den Briefen gewissermaßen kunstmäßig beurteilt wird, was man in der Zeit mit Begeisterung aufgenommen hat. In der Dichtung ist wenig oder gar keine Kunst, die erlernt oder studiert werden müßte. Eine solche ist aber auch nicht in den Räsonnements dieses Briefwechsels entwickelt, wenn man einige leicht zu überschlagende Stellen über das Silbenmaß ausnimmt. Beide, Schiller und ich, haben nur gesucht, die Gründe darzulegen, aus welchen das Gefühl entspringt, die Bedingungen, unter denen es entsteht. Wer nun die Gründe wahr findet, in dem müssen sie das Gefühl erhöhen, da sie es mit anderen und gleich großen Ideen in Verbindung bringen. Wem sie nicht zusagen, der wird sich dadurch noch mehr in seinem Gefühle bestimmt finden und sich nun vielleicht durch die Widerlegung leichter die Gründe selbst entwickeln.

Der Stelle in der Delphine erinnere ich mich nicht. Wenn Frau von Staël damit meinte, daß eine in der Jugend geschlossene und bis ins Alter fortgesetzte Ehe das Wünschenswürdigste ist, so bin ich vollkommen derselben Meinung. Ich fürchte aber sehr, sie meinte es anders, und dann ist es eine aus oberflächlicher französischer Ansicht geschöpfte Behauptung. Sie müssen darum nicht glauben, daß ich den Wert der Staël verkenne. Sie war meiner tiefsten Überzeugung nach eine wahrhaft große Frau, und nicht bloß von Geist, sondern durch wahres und tiefes Gefühl und eine sich nie verleugnende, unendliche Güte, und auch von Herz und Charakter. Sie hatte die feinste Empfindung der edelsten Weiblichkeit. Sie war in ihrem Innersten dem eigentlichen französischen Wesen fremd, aber es begegnete ihr doch zu Zeiten, banale französische Anrichten ihren Äußerungen beizumischen, und das ist nicht zu verwundern, da sie immer in Frankreich lebte. Sie hat sogar erst spät Deutsch gelernt, und ich habe sie selbst noch in Paris unterrichtet.

Allein die Ehe mehr ein Bedürfnis des Alters als der Jugend zu nennen, ist ein Einfall, der ebenso der Natur und der Wahrheit, als jeder schöneren Empfindung widerspricht. Die Frische der Jugend ist die wahre Grundlage der Ehe. Ich sage damit gewiß nicht, daß das Glück der Ehe mit der Jugend aufhört oder auch nur im mindesten dadurch verliert. Aber die Erinnerung der zusammen genossenen Jugend muß in die höheren Jahre mit hinübergehen, wenn das Glück vollkommen sein und nicht gerade die Eigentümlichkeit des ehelichen verlieren soll. Diese Ansicht ist nicht als eine sinnliche zu betrachten. Die tiefsten und heiligsten Empfindungen hängen damit ganz enge zusammen, und man müßte aller Liebe den Stab brechen, wenn man dies nicht anerkennen wollte. Ein junges, sich gegenseitig gleich herzlich liebendes Ehepaar ist allemal ein im Tiefsten erfreulicher Anblick, auch in niedrigen Ständen, insofern das Gefühl nur irgend die Feinheit hat, die ihm die Natur in gutartigen Gemütern gibt. Von den in höheren Jahren, über vierzig oder fünfundvierzig, geschlossenen Ehen, zweiten oder ersten, läßt sich das nicht sagen. Man wird sie gewiß nicht tadeln, man läßt gern jedem seine Empfindung, solche Verbindungen können sehr vernünftig, sie können auch für Leute, die einmal keine hohen Forderungen an ihr Gefühl machen, beglückend sein. Wer aber tiefer empfindet, sagt sich, daß er sie nicht eingehen würde. Mann oder Frau wird in solcher Verbindung fühlen, daß, wenn ihm der Gegenstand jugendlicher Liebe entrissen ist, öder er nie einen gefunden hat, er auf ein Glück Verzicht leisten muß, dessen wahre Blüte ihm nicht mehr werden kann. Es wird ihm innerlich unmöglich sein, nach dem so Geringen zu greifen. Ich kann auch nicht in das einstimmen, was man über das Alter sagt. Es kann ein unglückliches und freudenloses geben, wie eine solche Jugend. Aber die Schicksale gleichgestellt, finde ich das Alter, selbst mit allen Schwächen, die es mir bringt, nicht arm an Freuden; die Farben und die Quellen dieser Freuden sind nur anders. Sie entspringen für mich immer ausschließlicher aus der Einsamkeit und der Beschäftigung mit meinen Ideen und Gefühlen. Das nimmt mit jedem Tage in mir zu. Ich fühle mich darin, und nur darin glücklich, und das ist so sichtbar, daß die wahrhaft diskreten unter meinen ältesten Bekannten diese Stimmung stillschweigend, aber durch die Tat ehren. Mir ist sie darum doppelt lieb, da sie mit meinen Jahren und mit meiner Lage übereinstimmt. Verzeihen Sie, daß ich wieder auf mich zurückkomme, aber diese Dinge sind von der Art, daß man nur nach seinem individuellen Gefühl davon reden kann. Wer möchte sich anmaßen, über Fremdes darin abzusprechen?

Über meine Abreise kann ich noch nicht fest bestimmen, bitte Sie aber, mir nach Berlin zu schreiben und so, daß der Brief zwischen dem 26. und 30. August dort anlangt. Mit der aufrichtigsten, unveränderlichsten Teilnahme Ihr H.

_Tegel_, den 3. September 1832.

Ich bin am 26. August gesund und wohl hierher zurückgekehrt, liebe Charlotte, und habe gleich am folgenden Tage meine Beschäftigungen wieder vorgenommen. Von dem Bade sehe ich der Fortdauer der guten Wirkung, die ich schon spüre, entgegen. Das Wetter war vom August an in Norderney sehr schön, ohne Regen und Sturm, und doch nie zu warm, da es nie an kühlender Seeluft fehlt. Sonnenschein war nicht immer; es ist allen Inseln, besonders den kleineren, eigen, auch bei sehr milder Luft wenig eigentlich sonnige Tage zu haben. In Irland zum Beispiel zählt man deren unglaublich wenige. Ich habe mich aber bei meinem diesjährigen Aufenthalte im Seebad vollkommen überzeugt, daß, wenn man, wie doch natürlich ist, bloß auf seine Gesundheit Rücksicht nimmt und nicht weichlicherweise die Unannehmlichkeit scheut, man sich schlechtes und kein gutes Wetter wünschen muß. Bei ruhig gutem Wetter ist die See eben nichts anderes als eine große Badewanne. Der Sturm und die Wellen geben ihr erst Seele und Leben. Wie das Meer in seiner erhabenen Einförmigkeit immer die mannigfaltigsten Bilder vor die Seele führt und die verschiedenartigsten Gedanken erweckt, so ist mir erst jetzt bei den anhaltenden heftigen Stürmen recht sichtbar geworden, welche schmeichelnde Freundlichkeit das Meer gerade in seiner größten Furchtbarkeit hat. Die Welle, die, was sie ergreift, verschlingt, kommt wie spielend an, und selbst den tiefsten Abgrund bedeckt lieblicher Schaum. Man hat darum oft das Meer treulos und tückisch genannt, es liegt aber in diesem Zuge nur der Charakter einer großen Naturkraft, die sich, um nach unserer Empfindung zu reden, ihrer Stärke erfreut und sich um Glück und Unglück nichts kümmert, sondern den ewigen Gesetzen folgt, welchen sie durch eine höhere Macht unterworfen ist. H.

Im November.

Was sagen Sie zu dem außerordentlich schönen Herbst? Ich dächte, ich hätte nie einen ähnlichen erlebt. Noch jetzt scheint er mehr ein Ausgehen aus dem Sommer als ein Eingang in den Winter. Ich gehe noch immer eine Stunde vor Sonnenuntergang spazieren. Da ist es, selbst bei stürmischen Tagen, meist ruhig und bei regnerischen heiter. Sie haben gewiß auch oft gesehen, wie die scheidende Sonne sich dann durch ihre eigenen Strahlen einen lichten Streifen bildet, in den sie sich dann hinabsenkt. Ist dann recht dunkles Gewölk über ihr, so regnet es meist unmittelbar nach dem Untergange, bisweilen auch noch während des Untergangs. Es ist mir die liebste Zeit des Tages. -- Sie schreiben mir, daß die Centifolien in Kassel blühen. Auch hier habe ich es zu meiner großen Verwunderung gesehen. In mittäglichen Ländern ist dies wiederholte Blühen ganz gewöhnlich. Man sieht daran, daß das vegetierende Leben beständig die Neigung hat, Blüten hervorzubringen, aber nur durch die Abwesenheit begünstigender Umstände daran verhindert wird. So traurig aber auch der Winter und seine lange Dauer sind, so entschädigt doch der Frühling dafür, nicht bloß sein Erscheinen und der Genuß desselben, sondern ganz vorzüglich das Erwarten desselben. Diese Sehnsucht ist eine der einfachsten und natürlichsten von allen und eine der reinsten Quellen, woraus jede andere Sehnsucht fließt, die so vieles und großes im Gemüte schafft und aus dessen innersten Tiefen hervorruft. Es ist dies gewiß eine der Ursachen, daß die nördlicheren Nationen doch eine tiefer ergreifende Poesie haben als die südlicheren, wenn diese auch klangvollere Sprachen besitzen. Es liegt unendlich viel in dem Einfluß, den die Natur um uns her auf uns ausübt, und es kommt da nicht darauf an, daß sie gerade Genuß gibt, sondern weit mehr darauf, daß sie Empfindungen weckt und die Kräfte in Tätigkeit bringt. Leben Sie wohl. Ihr H.

_Tegel_, Dezember 1832.

Der Ton der ruhigen Zufriedenheit und selbst einer frohen Heiterkeit, in welchem Ihr letzter Brief geschrieben ist, liebe Charlotte, hat mir eine lebhafte Freude gemacht. Ich hege nun auch die gewisse Hoffnung, daß diese Stimmung bleibend in Ihnen sein wird. Was mich in dieser beruhigenden Ansicht bestärkt, ist, daß Sie sich auch körperlich wohler fühlen, seit Sie sich befreit fühlen von einem sorglichen Kummer, der seit längerer Zeit schwer auf Ihnen lastete, und wodurch Sie nun der Ruhe und Heiterkeit wiedergegeben sind, die ein Gemüt, wie das Ihrige, das mit sich und der Vorsehung eins ist, immer genießen müßte....

Daß eine schon in sich ernste Seele in Zeiten, wo außerordentliche Erscheinungen diesen Ernst vermehren, noch ernster gestimmt wird, ist ganz natürlich. An den Wunsch und das Verlangen, nichts unberichtigt zu lassen, knüpft sich ein moralisches Gefühl, und zwar eins der wesentlichsten und achtungswürdigsten....

Der Mensch fühlt ein Bedürfnis, die großen Ideen, die in ihn gelegt sind, und die er in der Natur ausgeprägt findet, in dem kleinen Kreise seines Daseins nachzubilden, und oft, selbst wenn er ganz anderen, aus dem gewöhnlichen Leben geschöpften Bewegungsgründen zu folgen glaubt, folgt er in der Tat diesem geheimen Zuge, überhaupt ist die menschliche Natur in ihrem tiefen Grunde viel edler, als sie auf der Oberfläche erscheint. Ja selbst in anderen Stücken. Eitle Menschen sind oft in einigen mehr wert, als sie sich selbst glauben.

Sie gebrauchen in Ihrem Briefe den Ausdruck: sein Haus bestellen. Dies ist mir immer eine so passende und gehaltvolle Rede geschienen. Es ist ein altertümlicher, echt biblischer Ausdruck, der, wie mehrere dieses Gepräges, tief aus dem Leben geschöpft ist und tief in die Seele eingreift. Auch längst, ehe ich in die Jahre kam, wo das Bestellen des Hauses wahrhaft dringend wird, habe ich mir dadurch Abschnitte im Leben zu machen gesucht und habe dies immer sehr wohltätig gefunden. Es gibt aber im Innern ein Bestellen seiner Seele, wie im Äußern seines Hauses. Man zieht dann das Gemüt auf einen kleinen Kreis von Empfindungen zurück, übergibt die anderen der Vergessenheit und freut sich der Ruhe in der selbstgewählten Beschränkung. Wenn man dies recht tut, tut man dies nur einmal. Man verläßt dann nicht wieder den Raum, wie man ihn eng umgrenzt und umzogen hat.

Sie rühmen meine Geduld. Sie hat nichts Verdienstliches und hat mir nie Mühe gekostet. Ich möchte sie mir angeboren nennen. Die Zeit, die ich über eine Sache sitzen muß, um sie zu Ende zu bringen, wird mir nie lang.

Sie gedenken bei einem Ereignisse der Vergangenheit _Holzmindens_ im Braunschweigischen. Das hat mir lebhaft eine Erinnerung zurückgerufen. Von diesem kleinen Orte reiste ich 1789 mit Campe nach Paris. Campe kam von Braunschweig, ich von Göttingen aus dahin. Die Reise, die Sie gelesen haben können, da Campe sie herausgegeben hat, war kurz, aber meine erste außer Deutschland. Campe war, wie ich Ihnen schon früher glaube gesagt zu haben, Hauslehrer im Hause meines Vaters, und es gibt noch eine Reihe großer Bäume hier, die er gepflanzt hat. Er hat nicht gerade ein unglückliches, aber ein bedauernswürdiges Ende gehabt. Er war die letzten Jahre seines Lebens ganz blödsinnig. Ich habe bei ihm schreiben und lesen gelernt und etwas Geschichte und Geographie nach damaliger Art, die Hauptstädte, die sogenannten sieben Wunderwerke der Welt usw. Er hatte schon damals eine sehr glückliche, natürliche Gabe, den Kinderverstand lebendig anzuregen....

Ich bin vollkommen wohl, und mir ist in meiner in mir vergrabenen Stimmung sehr wohl. Ich bitte Sie, Ihren Brief an mich wie gewöhnlich abgehen zu lassen, und wünsche von inniger Seele, daß Sie das Jahr gesund und heiter beschließen und ebenso das neue beginnen mögen. Begleiten Sie mich bei dem Wechsel der Jahre mit dem Wunsch, daß mich nichts im Genuß meiner Einsamkeit, die mein wahres Glück ist, stören möge, und machen Sie, daß ich mir Ihr Leben ruhig und zufrieden denken kann. Mit der herzlichsten Freundschaft und unveränderlicheren Teilnahme der Ihrige. H.

_Tegel_, den 9. Februar 1833.

Es tut mir leid, liebe Charlotte, daß Ihnen dieser Brief später als gewöhnlich zukommen wird. Ich habe aber wegen eines Geschäftes einige Tage in der Stadt sein müssen, und da komme ich nicht zum ruhigen Schreiben. Da ich Berlin jetzt selten besuche, so drängt sich dann alles, Menschen und Sachen, zusammen, und es bleibt mir nicht einmal die materielle Zeit übrig, etwas für mich anzufangen, wenn ich auch garnicht von der Stimmung reden will. Ich verlor aber gerade auf diese Weise die ersten Tage des Monats, in denen ich Ihnen jetzt gewöhnlich zu schreiben pflege. Ich hoffe, Sie werden sich über das Ausbleiben des Briefes nicht beunruhigt haben. Sie müssen das niemals tun, liebe Freundin, darum bitte ich sehr. Der kleinen, ganz unbedeutenden Ursachen, warum ich Ihnen an diesem oder jenem Tage nicht schreibe, können sehr viele sein, und ich kann sie so wenig voraussehen, als Sie sie erraten. Aber Sie können sicher eine von diesen voraussetzen, wenn meine Briefe Ihnen über die gewohnte Zeit ausbleiben. Da ich zu derselben Zeit im Monat jetzt gewohnt bin, Ihnen zu schreiben, so bekommen Sie nach einer ziemlich längeren Pause hernach zwei Briefe schneller nacheinander, was Ihnen Freude macht, da Sie auf meine Briefe einen viel größeren Wert legen, als sie verdienen. Diese Ihre Freude ist auch mir eine und macht, daß ich Ihnen willig die Zeit opfere, die es mich kostet. Seit vorgestern bin ich wieder hier, und heute schon setze ich mich hin, um mich mit Ihnen zu unterhalten. Denn eine Unterhaltung kann man unseren Briefwechsel vorzugsweise nennen. Da er sich meist um Ideen dreht und die äußeren Lebensverhältnisse sehr wenig angeht, so gleicht er darin einem räsonnierenden Dialog, und Ideen sind ja nur das einzig wahrhaft Bleibende im Leben. Sie sind im eigentlichsten Verstande das, was den denkenden Menschen ernsthaft und dauernd zu beschäftigen verdient. Auch Sie nehmen ebenso lebhaftes Interesse daran, und daß Ihnen meine Briefe Freude machen, liegt vorzüglich in diesem ihrem Inhalte. Es ist mir auch ein besonderer Grund der Zufriedenheit und Freude an Ihrer Art zu schreiben, daß Sie nicht mehr, wie Sie es sonst oft taten, darauf dringen, daß ich Ihnen von dem erzähle, was mich angeht, und über das Mitteilungen mache, was mich umgibt, was garnicht in meinem Wesen liegt. Darum müssen Sie nun aber ja nicht denken, daß ich es auch gern habe, wenn Sie über sich schweigen. Es macht mir im Gegenteil wahre Freude, wenn ich Ihr inneres Leben in allen Ihren äußeren Umgebungen sehe. Vergessen Sie also nicht, mir auch ferner von Zeit zu Zeit diesen Überblick wie bisher zu geben....