Briefe an eine Freundin

Chapter 14

Chapter 143,288 wordsPublic domain

Ihr lieber Brief hat mir große Freude gemacht, weil er in den Inhalt meines letzten eingeht und demselben Gründe und Behauptungen entgegenstellt. Es ist sehr natürlich und begreiflich, daß unsere Ansichten bisweilen auseinander gehen müssen; es liegt das zuerst im Geschlecht, dann in der Lebensweise und den einmal angenommenen Gewohnheiten. Ein Mann, und noch mehr einer, der oft in Verhältnissen war, in denen er gegen Gefahr und Ungemach nur bei sich Schutz und Rat suchen konnte, muß mehr von der Selbständigkeit erwarten und mehr auf sie dringen. Er muß sich zutrauen, mehr ertragen, Schmerz und Unglück (von denen kein Mensch frei ist, und zu denen Geschäfte und für andere übernommene Verantwortlichkeit auch empfindlichere Gelegenheiten darbieten, als in einfacheren Lagen vorkommen können) mit mehr Gleichgültigkeit ansehen, um sie mehr durch sich selbst bezwingen zu können. Indes müssen Sie nie denken, daß dies die Teilnahme an fremdem Unglück schwächt, oder daß es hindert zu begreifen, daß jeder die verschiedenartigen Ereignisse des Lebens nach seiner Weise und seiner Eigentümlichkeit aufnimmt. Sind Sie aber auch in vielem von dem, was mein voriger Brief enthielt, anderer Meinung mit mir, so stimmen wir ganz in dem Wunsche überein, eine Anzeige des bevorstehenden Todes zu haben. Bis jetzt denke ich mir den Tod als eine freundliche Erscheinung, eine, die mir in jedem Augenblick willkommen wäre, weil, wie zufrieden und glücklich ich lebe, dies Leben doch immer beschränkt und rätselhaft ist, und das Zerreißen des irdischen Schleiers darin auf einmal Erweiterung und Lösung mit sich führen muß. Ich könnte darum stundenlang mich nachts in den gestirnten Himmel vertiefen, weil mir diese Unendlichkeit fernher flammender Welten wie ein Band zwischen diesem und dem künftigen Dasein erscheint. Ich hoffe, diese Freudigkeit der Todeserwartung soll mir bleiben, ich würde mich dessen, da sie tief in meiner Natur (die nie am Materiellen, immer nur an Gedanken, Ideen und reiner Anschauung gehangen hat) gegründet ist, sogar gewiß halten, wenn nicht der Mensch, wie stark er sich wähne, sehr vom augenblicklichen Zustande seiner körperlichen Gesundheit und selbst seiner Einbildungskraft abhinge. Ich wähne mich aber nicht einmal stark, sondern fordere nur unbedingt von mir, es zu sein. Ich würde daher, bliebe ich wie jetzt gestimmt, den Tod ohne Schrecken herannahen sehen, und mein Bemühen würde nur sein, mit Besonnenheit den Übergang in einen anderen Zustand, so lange es möglich ist, schrittweise zu verfolgen. Darum würde ich auch für mich einen langsameren Tod nicht für ein Unglück erachten, obgleich ein schneller sowohl für den Sterbenden selbst, als für die Zurückbleibenden Vorzüge hat. Ich trage mich auch seit einer Reihe von Jahren, und nach einer Begebenheit, die mich, als ich in Rom war, traf und sehr ergriff, mit dem Glauben, oder, wenn dies zu viel gesagt ist, mit der Ahnung, daß ich nicht anders sterben werde, als bis eine bestimmte Erscheinung es mir vorher verkündet. Wie das nun sein wird, will ich erwarten, aber erwünscht wäre mir, wie Ihnen, die Vorandeutung.

Die biblischen Stellen, die Sie anführen, waren mir, als ich sie nachschlug, wohl bekannt. Sie sind allerdings tröstend, weil sie Hoffnung gewähren, Vertrauen hervorrufen und auf Liebe, die sich erbarmt, zählen lassen. Ich muß aber doch, wenn ich meine innere Empfindung erschließe, sagen, daß gerade die von Ihnen angeführten Stellen nicht diejenigen sein würden, bei denen ich Trost suchen würde. Sie gehören in die Reihe der Verheißungen, Hoffnungen, und in dieser Art in der Zukunft zu leben, ist nie mein Sinnen und Trachten gewesen. Ich habe immer mehr gesucht, mich gleich selbst in der Gegenwart zu bearbeiten, daß daraus soviel mögliche innere Besiegung des Unglücks hervorgeht. Gerade in dieser Hinsicht aber ist das Lesen der Bibel eine unendliche und wohl die sicherste Quelle des Trostes. Ich wüßte sonst nichts mit ihr zu vergleichen. Der biblische Trost fließt, wenn auch ganz verschieden, doch gleich stark, auf eine doppelte Weise im Alten und Neuen Testament. In beiden ist die Führung Gottes, das Allwalten der Vorsehung, die vorherrschende Idee, und daraus entspringt in religiös gestimmter Gesinnung auch gleich die tiefe innere, durch nichts auszurottende Überzeugung, daß auch die Schicksale, durch welche man selbst leidet, doch die am weisesten herbeigeführten, die wohltätigsten für das Ganze und den dadurch Leidenden selbst sind. In dem Neuen Testament hernach ist ein solches überschwängliches Vorwalten des Geistigen und des Moralischen, es wird alles so einzig auf die Reinheit der Gesinnung zurückgeführt, daß was den Menschen sonst innerlich und äußerlich betrifft, wenn er jenem mit Ernst und Eifer nachstrebt, vollkommen in Schatten zurücktritt. Dadurch verliert auch das Unglück und jedes Leiden einen Teil seiner drückenden Einwirkung, und es schwindet auf jeden Fall alle Bitterkeit davon. Die unendliche Milde der ganzen neutestamentlichen Lehre, die Gott fast nur von der erbarmenden Seite darstellt, und in der überall die aufopfernde Liebe Christi für das Menschengeschlecht vortritt, lindert, wie ein wohltätiger Balsam, verbunden mit Christi Beispiel selbst, jeden Körper- und Seelenschmerz. Im Alten Testament kann sich dies allerdings nicht finden. Aber da erscheint wieder, und doch auch immer mehr tröstend als schreckend, die Allmacht und Allweisheit des Schöpfers und Erhalters der Dinge, die durch die Größe und Erhabenheit der Vorstellung über das einzelne Unglück hinaushebt. Leben Sie herzlich wohl. Mit den Gesinnungen, die, wie ich weiß, Sie lieben und die nie in mir ändern werden, Ihr H.

_Tegel_, den 6. Dezember 1826.

Ich habe, liebe Charlotte, Ihren inhaltreichen Brief vom 19. v. M., den Sie am 21. geschlossen haben, bekommen und mit großem Interesse gelesen und danke Ihnen recht herzlich dafür.

Sie bemerken in Ihrem Briefe, daß vor dem Erscheinen Christi ein Umgang zwischen der Gottheit und einigen gleichsam bevorrechteten Personen stattgefunden, durch das Christentum aber jeder, der in seinen Schoß aufgenommen sei, ein näheres Verhältnis zu dem höchsten Wesen erhalten habe. Ich halte dies für ungemein richtig. Zwar möchte ich nicht sagen, was eigentlich von jener engeren und persönlichen Gemeinschaft der Erzväter mit Gott, wie sie das Alte Testament schildert, zu halten sei. Diese Erzählungen des ersten Teils der Schrift haben in jeder Rücksicht, welches auch ihr Ursprung sein möge, eine so ehrwürdige Heiligkeit, daß man dem Zweifel an der Wahrheit keinen Raum gibt, wohl aber ungewiß bleiben kann, was Eigentümlichkeit der Vorstellungs- und Darstellungsweise, bildlicher oder eigentlicher Ausdruck sei. Denn bei so alten Überlieferungen, und die sich doch auch wiederum vermutlich Jahrhunderte lang mündlich fortgepflanzt haben, ehe sie aufgezeichnet worden sind, läßt sich der wahre Sinn von der äußeren Einkleidung schwer und wenig unterscheiden. Das aber ist eine gewisse und tröstliche und im höchsten Grade heilsame Wahrheit, daß durch das Christentum alle Segnungen der Religion eine durchaus allgemeine Wohltätigkeit erlangt haben, daß alle innere und äußere Bevorrechtung aufgehört, und jeder ohne Unterschied Gott so nahe zu stehen glauben kann, als er sich ihm durch seine eigene Kraft und Demut im Geist und in der Wahrheit zu nähern vermag. Es ist überhaupt in allem, im Religiösen und Moralischen, der wahrhaft unterscheidende Charakter des Christentums, die Scheidewände, die vorher die Völker wie Gattungen verschiedener Geschöpfe trennten, hinweggeräumt, den Dünkel, als gäbe es eine von der Gottheit bevorrechtete Nation, genommen, und ein allgemeines Band der Nächstenpflicht und Nächstenliebe um alle Menschen geschlungen zu haben. Hier ist nun nicht mehr von bildlichen Darstellungen und nicht mehr von Wundern die Rede. Es herrscht hier die geistige Gemeinschaft, welche die einzige ist, deren der Mensch wahrhaft bedarf, und zugleich diejenige, der er immer durch Vertrauen und Wandel teilhaftig werden kann. Ich gestehe daher auch, daß ich nicht in die Idee eingehen kann, als wäre oder als könnte nur noch jetzt eine engere Gemeinschaft zwischen Gott und einzelnen sein, als die allgemeine, der schlichten Lehre des Christentums angemessene, in die jeder durch Reinheit und Frömmigkeit der Gesinnung tritt. Es wäre ein gefährlicher Stolz, sich einer solchen anderen und besonderen teilhaftig zu glauben, und das Menschengeschlecht bedarf dessen nicht. Frömmigkeit und Reinheit der Gesinnung und Pflichtmäßigkeit des Handelns, selbst schon Streben nach beiden, da das vollendete Erreichen keinem gelingt, sind alles, den Menschen, einzeln und in der Gesamtheit, Notwendige, und alles dem höchsten Wesen, wie wir es uns denken müssen, Wohlgefällige. -- Schreiben Sie mir, liebe Charlotte, den 26. Dezember nach Hadmarsleben bei Halberstadt. Hadmarsleben ist ein Gut meiner Frau, wo ich mich einige Tage aufhalten werde. Mit der herzlichsten und unveränderlichsten Teilnahme der Ihrige. H.

_Rudolstadt_, den 2. Januar 1827.

Das neue Jahr hat begonnen, und ich wünsche Ihnen, liebe Charlotte, von ganzem Herzen Glück dazu. Mögen Sie es heiter, sorglos und vor allem in ungestörter Gesundheit durchleben. Ich hoffe, daß die Erfüllung dieser Wünsche wahrscheinlich ist.

Ein Jahr scheint ein so kleiner Abschnitt des Lebens, und ist es auch gewissermaßen, da Tage, Wochen und Monate so unglaublich schnell verschwinden. Es ist aber doch wieder ein so wichtiger Abschnitt, da auch der längst Lebende nicht so viele dieser Abschnitte zusammensetzt. Es fängt auch freilich mit jedem Tage gewissermaßen ebenso gut, als mit dem ersten Januar, ein neues Jahr an, aber es ist dennoch nicht abzuleugnen, daß das Schreiben einer neuen Jahreszahl immer etwas in sich trägt, das den Bedächtigen und gern Überlegenden in Nachdenken versetzt. Es ist überhaupt sehr meine Art, mich von Epoche zu Epoche zusammenzufassen und irgend etwas Neues in meinen Vorsätzen zu beginnen, und ich habe oft gefunden, daß es immer seinen Nutzen hat, wenn auch nicht immer alle Vorsätze in Erfüllung gehen oder durchaus dauerhaft sind. Es gibt auch mehr oder minder günstige Jahre, und das beweist sich, wie ich oft im Leben bemerkt habe, manchmal an gewissen Anzeichen, wenn sie auch augenblicklich unbedeutend und vorübergehend scheinen, in den ersten Tagen, wo die neue Jahreszahl beginnt. Sie werden das vielleicht etwas abergläubig finden, aber es ist es doch nicht so ganz und so sehr. Die Unfälle, die den Menschen betreffen, kommen weit mehr, als man es denken sollte, aus ihm selbst. Es gibt ein geheimes und unbemerktes Einwirken des Menschen auf die Dinge, was man ihm nicht Schuld geben kann, weil es nicht innerhalb seines Bewußtseins liegt, aber was doch von ihm kommt. Ist nun die Stimmung innerlich eine ungünstige, düstere, von Heiterkeit fern, so bringt sie auch so etwas im Äußeren hervor; wenn man das Leben nicht leicht, oder doch wenigstens ruhig und gleichmütig mit einer gewissen Kälte, als wäre einem Glück und Unglück ziemlich gleich, aufnimmt, so stellt es sich nicht bloß insofern noch drückender und lastender, daß man es schwerer empfindet, sondern es begegnet einem, meiner Erfahrung nach, auch mehr Widerwärtiges. Auf große Dinge mag das, wie ich wohl glauben will, keinen Einfluß haben, aber auf die kleineren, die doch auch überwunden sein wollen, scheint es mir nicht abzuleugnen zu sein.

Ihren lieben Brief werde ich erst in mehreren Tagen empfangen, es tut mir immer sehr leid, auch habe ich gern einen Brief von Ihnen bei mir, wenn ich selbst schreibe; aber meine Reise hat sich gegen meinen Willen verlängert. Ich bitte Sie, mir jetzt so zu schreiben, daß Ihr Brief den 25. oder nur wenige Tage später in Berlin eintrifft. Leben Sie wohl, beste Charlotte. Mit der herzlichsten und unveränderlichsten Teilnahme der Ihrige. H.

_Berlin_, den 28. Januar 1827.

Ich habe, liebste Freundin, Ihre beiden Briefe richtig empfangen, obgleich den ersten vom 20. Dezember v. J. sehr spät, da ich meinen Reiseplan nicht so, wie ich ihn machte, ausgeführt habe, und garnicht nach Hadmarsleben gekommen bin. Er ist mir hierher nachgeschickt worden. Nun bleibe ich bis zur Mitte des Sommers hier und in Tegel, und unser Briefwechsel ist bis dahin gegen Störungen dieser Art gesichert. Es hat mich sehr gefreut zu sehen, daß Ihre Gesundheit wenigstens leidlich ist, und daß die Veränderlichkeit der Witterung und der viele Sturm, der sonst reizbaren Konstitutionen zu schaffen macht, Ihnen nicht sehr nachteilig geworden ist. Ich liebe den Winter zwar garnicht, und habe von Kindheit an für die angebliche Schönheit eines Wintertages keinen Sinn gehabt. Die Kälte ist mir insofern gleichgültig, als ich mich ihr nie anders als so verwahrt aussetze, daß sie mir nichts anhaben kann, und als ich mir sogar im Zimmer den traurigen und einförmigen Anblick des Schnees durch Gardinen verschließe. In der Stadt ist es mir überhaupt heimlicher, wenn ich von meinem Zimmer aus nichts davon erblicke. Es ist da nur die Nacht schön, wo der Mensch und das gewöhnliche Treiben des Gewühls verschwinden und der gestirnte Himmel den Anblick der reinen Natur gibt. Am Tage freut der Anblick aus dem Fenster nur auf dem Lande. Diese Gewohnheit, mich in der Stadt auf den Genuß der Nacht zu beschränken, habe ich schon sehr früh gehabt. Schon als ganz junger Mensch saß ich, so oft ich die Stadt bewohnen mußte, die Tage über, wenn ich nicht in Gesellschaft war, in meinem Zimmer, durchstrich aber fast regelmäßig, sogar im strengen Winter, mehrere Stundenlang des Nachts die einsamen Straßen. Es freut mich ungemein, daß Sie die gleiche Neigung mit mir für den gestirnten Himmel haben. Wem dieser innere Sinn nicht erschlossen ist, entbehrt eine sehr große, und eine der reinsten und erhabensten Freuden, die es gibt.

Sie bemerken sehr richtig, daß ein Wintertag doch auch seine Freuden habe. Einförmig ist der Schnee freilich, aber auch rein und wie ein Bild unberührter Fleckenlosigkeit, wenn er frisch gefallen und noch unbetreten ist. In der Schweiz sehen jene weißen Decken an den hohen Gebirgen, die nicht leicht ein Menschenfuß erreicht, sehr schön aus. Ihr Vergleich mit einem Leichentuch ist mir aufgefallen. Er war mir neu. Aber wenn nun der Schnee ein Leichentuch wäre, ist es keine unerwünschte Erinnerung. Die Natur liegt wie in Todesstarrheit im Winter, und wenn die große Natur in ihrem regelmäßig wiederkehrenden Laufe die Erinnerung an den Tod herbeiführt, erscheint er dem Geist und der Einbildungskraft nur wie eine notwendige Verwandlung, eine Enthüllung eines neuen, vorher nicht geahnten Zustandes.

Ich muß mich neulich nicht deutlich ausgedrückt haben, wenn Sie, liebe Charlotte, glauben, ich hätte gewissermaßen bestritten, daß die allwaltende Vorsehung die Schicksale der Menschen auch ganz im einzelnen leite. Auch nach meiner festen Überzeugung kann darauf der Mensch mit Sicherheit bauen, es liegt in der Idee des Weltschöpfers und Welterhalters, es geht aus vielen Stellen der Bibel, des Alten und Neuen Testaments, hervor und ist nicht nur eine sichere und fest gegründete, sondern auch tiefe und trostreiche Wahrheit, über welche kein Zweifel bleibt, und Sie haben gewiß recht, wenn Sie sagen, der Glückliche bedarf den Glauben, um nicht übermütig zu werden, der nicht Glückliche aber als Halt, und der Unglückliche um nicht zu erliegen. Wenn auch jeder auf seine Weise sich diese göttliche Teilnahme und Fürsorge denkt, so sind das nur unbedeutende Verschiedenheiten der individuellen Ansicht. Die Hauptsache bleibt immer, daß eine Allweisheit und Allgüte die Ordnung der Dinge regiert, zu der wir gehören, daß unsere kleinsten und größten Schicksale darin mit verwebt sind, daß daher alles, was geschieht, gut und uns, sei es auch schmerzhaft, wohltätig sein muß, endlich daß sein Wohlgefallen an uns, und wo nicht aus andern gleich weisen Gründen Ausnahmen eintreten, auch der Segen oder Unsegen, der uns trifft, von der Pflichtmäßigkeit unserer Handlungen, noch mehr aber von der Reinheit unserer Gesinnung abhängt. Darin können unsere Meinungen nicht voneinander abweichen. Was ich sagte, bezog sich nur auf das, was Ihr früherer Brief enthält, wo Sie anzunehmen schienen, daß die Gottheit gleichsam einen Unterschied unter den Menschen zu machen scheine und manche durch eine strengere Schule leite. Sie hatten dies nicht einmal als Ihre Meinung ausgesprochen, sondern nur als eine der versuchten Erklärungsarten der von Ihnen erwähnten Erscheinungen. In die Ansicht nur könnte ich nie einstimmen, daß die Gottheit sich um einige weniger kümmert als um andere. Gott kann, und das liegt in der Sache selbst, sein Wohlgefallen mehr auf die richten, die dadurch, daß sie ihm anhängen, eine größere Liebe, Innigkeit und Reinheit des Gemüts beweisen, aber eine ungleiche Verteilung seiner leitenden, sorgenden, belohnenden und strafenden Fürsorge läßt sich nicht, weder mit den Begriffen von seiner Allmacht, noch mit denen von seiner Gerechtigkeit in Vereinigung bringen. Im Alten Testament kommt allerdings von Auserwählten Gottes vielleicht auch in diesem Sinne vor, allein diese Stellen hängen auch zum Teil mit der jüdischen Idee des auserwählten Volkes Gottes zusammen, und dann braucht auch dieser Begriff der Auserwählung nicht gerade jenen ausschließenden Sinn, sondern nur den zu haben, daß die Auserwählten diejenigen waren, welche sich durch ihre Herzensreinheit und Frömmigkeit am meisten der Liebe Gottes würdig gemacht und sein Wohlgefallen auf sich gezogen hatten. Im Neuen Testament kommen Stellen, aus denen man auf eine ungleiche Sorge Gottes in den waltenden Fügungen seiner Vorsehung schließen könnte, wohl nicht vor. Wenn es bei einer oder der andern dies Ansehen haben sollte, sie ist wohl anders zu erklären. Der tröstende Gedanke aber bleibt fort und fort, daß Gott auch widrige und schmerzliche Schicksale nur aus Liebe sendet, um unsere Gesinnungen zu läutern. So, liebe Charlotte, habe ich die Sache verstanden, die in ein paar unserer Briefe von uns besprochen worden ist, und so sollte ich denken, stimmte sie auch mit Ihren Ansichten und Überzeugungen vollkommen überein.

_Tegel_, den 18. März 1827.

Sie kennen schon meine Neigung, bisweilen auf dem Lande zu sein, und so wird es Sie nicht wundern, wenn ich Ihnen von Tegel jetzt schreibe. Ich bin indes nur auf ein paar Tage hier und habe die Stadt eigentlich noch nicht verlassen. Wenngleich die Witterung rauh ist, so hindert mich das nicht, alle Tage spazieren zu gehen, nämlich hier, und so lange und so oft ich hier bin.

Der See, der in meinen Besitzungen ist, ist natürlich jetzt wieder ganz frei von Eis. Das ist immer ein Schauspiel, an dem ich mich sehr erfreue, dies Befreitwerden des Wassers von den Banden, die ihm im Winter seine schöne Beweglichkeit rauben und es dem festen Lande gleich machen. Man fühlt ordentlich die wiedergegebene freie Bewegung mit und ist der rauhen Starrheit gram, welche das zarte, hingleitende Element, so tief sie ihren Einfluß auszuüben vermag, um den schönsten Teil seiner eigentümlichen Natur bringt. Man sagt gewöhnlich, das Wasser trennt die Länder und Orte, aber es verbindet sie eher, es bietet eine viel leichter zu durchschneidende Fläche dar als das feste Land, und es ist ein so hübscher Gedanke, daß, wie weit auch die Ufer voneinander entfernt sind, die Welle, die mir die Füße bespült, in kurzer Zeit am gegenüberstehenden Gestade sein kann.

Mit Vergnügen lese ich in Ihrem Briefe, daß Sie mit dem Plan einer kleinen Reise nach Offenbach beschäftigt sind, und bitte Sie, doch ja Ihren Vorsatz nicht aufzugeben; auch glaube ich, daß Sie, liebe Charlotte, einmal einer Erholung bedürfen, oder eine solche wenigstens sehr wohltätig auf Sie wirken würde. Ich empfinde recht wohl, daß Sie darum auf keine Weise unzufrieden mit Ihrer Lage, oder Ihrer Beschäftigung überdrüssig sind. Allein es ist doch in den Menschen so. Wenn sie eine lange Zeit hindurch dieselbe Sache, auch ohne Widerwillen, sogar mit Vergnügen getrieben haben, so bemächtigt sich ihrer dennoch eine durch die Einförmigkeit bewirkte Ermüdung, und neue, auch nur auf eine kurze Zeit genossene Gegenstände geben den Gedanken und der Empfindung eine neue Spannung, die gewöhnlich auch auf den Körper zurückwirkt. Die Wahl von Offenbach finde ich sehr angemessen, da Sie dort eine innig mit Ihnen verbundene, liebe, vertraute Freundin haben; es ist ein angenehmer Ort in einer sehr hübschen Gegend, auch nicht sehr weit von Ihnen entfernt. Ich war sehr oft da, zum erstenmal in demselben Jahre, wo ich Sie in Pyrmont sah, im Jahre 1788. Ich besuchte die dort als Schriftstellerin bekannte Frau von Laroche, die ich auch viele Jahre später dort wieder sah, als ich mit meiner Frau und Familie von Paris zurückkam. Sie war eine geistreiche und noch im hohen Alter unendlich lebendige Frau und hatte etwas ganz besonders Angenehmes und Liebenswürdiges, wenn man sie mitten im Kreise ihrer Kinder und Enkel sah. Ein Sohn, wenig älter als ich, lebt noch hier in Berlin in sehr genauer Freundschaft mit mir, ist glücklich verheiratet und in jeder Rücksicht ein trefflicher Mensch. -- Ich wünsche von Herzen, daß Sie das Vorhaben ausführen.

_Berlin_, den 10. April 1827.