Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass
Part 9
Es war eine Renaissancetruhe mit Taustäben am unteren Teile und Weinranken in den Ecken, und kleine Säulen teilten ihre Vorderseite in fünf Felder. In der Mitte sah man Venus Anadyomene auf einer Muschel stehen, weiter Herkules und Omphale, Simson und Delila, Circe mit ihren Schweinen, die Töchter Lots, die ihren Vater trunken machten; alles das war schadhaft, von Würmern zerfressen, und die rechte Füllung fehlte sogar. Gorju nahm eine Kerze, um Pécuchet die linke besser zeigen zu können, die Adam und Eva unter dem Baume des Paradieses in einer sehr unpassenden Stellung wiedergab.
Bouvard bewunderte die Truhe gleicherweise.
„Wenn Ihnen daran liegt, so würde man sie Ihnen billig abgeben.“
Sie zögerten mit Rücksicht auf die Ausbesserungen.
Gorju konnte sie machen, da er von Beruf Kunsttischler war.
„Gut! Kommen Sie!“
Und er zog Pécuchet in den Obsthof, wo Frau Castillon, die Herrin, Wäsche ausbreitete.
Als Mélie sich die Hände gewaschen hatte, nahm sie ihre Spitzenklöppel vom Fensterbrett, setzte sich ins volle Licht und arbeitete.
Das Türgesims rahmte sie ein. Die Klöppel ordneten sich unter ihren Händen mit dem Klappern von Kastagnetten. Man sah ihr Profil, das geneigt blieb.
Bouvard fragte sie nach ihren Eltern, nach ihrer Heimat, dem Lohn, den man ihr zahlte.
Sie war aus Ouistreham, hatte keine Angehörigen mehr, verdiente im Monat eine Pistole; -- kurz, sie gefiel ihm so, daß er sie in seine Dienste zu nehmen wünschte; sie sollte der alten Germaine helfen.
Pécuchet kam mit der Pächterin zurück, und während sie ihren Handel fortsetzten, fragte Bouvard ganz leise Gorju, ob die kleine Magd einwilligen würde, bei ihm Dienste zu nehmen.
„Versteht sich!“
„Ich muß aber erst meinen Freund befragen!“ sagte Bouvard.
„Nun, ich werde es schon machen; doch sprechen Sie nicht davon! Wegen der Bürgersfrau.“
Der Handel war soeben um die Summe von fünfunddreißig Franken abgeschlossen. Wegen der Ausbesserungen würde man sich schon einigen.
Kaum im Hof, gab Bouvard seine Absicht bezüglich Mélies kund.
Pécuchet blieb stehen (um besser nachdenken zu können), öffnete seine Tabakdose, nahm eine Prise, und, nachdem er geschnupft hatte:
„In der Tat, das ist ein Gedanke! mein Gott, ja! warum denn nicht! Übrigens hast du zu entscheiden!“
Zehn Minuten später erschien Gorju auf dem Walle eines Grabens und rief sie an:
„Wann soll ich Ihnen das Möbel bringen?“
„Morgen!“
„Und sind Sie in der anderen Frage entschieden?“
„Einverstanden!“ antwortete Pécuchet.
IV
Sechs Wochen später waren sie Archäologen geworden; und ihr Haus glich einem Museum.
Ein alter Holzbalken erhob sich im Vorsaal. Die geologischen Proben versperrten die Treppe; und eine ungeheure Kette zog sich am Boden des Hausflurs entlang.
Sie hatten die Tür zwischen den beiden Zimmern, in denen sie nicht schliefen, ausgehängt und den äußeren Eingang zu dem zweiten zugenagelt, um aus den beiden Räumen ein einziges Gemach zu bilden.
Wenn man die Schwelle überschritten hatte, stieß man gegen einen steinernen Trog (einen gallorömischen Sarkophag), dann wurde der Blick durch Metallgegenstände angezogen.
An der gegenüberliegenden Wand sah man eine Wärmpfanne über zwei Feuerböcken und einer Kaminplatte, die einen mit einer Hirtin schäkernden Mönch darstellte. Auf kleinen Brettern erblickte man ringsumher Leuchter, Schlösser, Bolzen, Schrauben. Der Boden verschwand unter Scherben von roten Ziegeln. Die seltensten Sehenswürdigkeiten waren in der Mitte auf einem Tisch aufgestellt: das Gestell einer Haube, wie sie die Bäuerinnen der Landschaft Caux tragen, zwei Tonurnen, Denkmünzen, ein Fläschchen aus Opalglas. Ein gestickter Sessel trug auf seiner Rückenlehne ein Dreieck aus Gipüre. Ein Stück von einem Panzerhemd zierte die Wand zur Rechten; und darunter hielten lange Haken eine Hellebarde in horizontaler Lage, ein einzigartiges Stück.
Das zweite Zimmer, in das man auf zwei Stufen hinabging, enthielt die alten, aus Paris mitgebrachten Bücher und die, welche sie bei ihrer Ankunft in einem Schranke entdeckt hatten. Die Schranktüren waren entfernt. Sie nannten das die Bibliothek.
Der Stammbaum der Familie Croixmare nahm die ganze andere Seite der Tür ein. In den Ecken hingen über der Wandtäfelung als Pendants das Pastellbild einer Dame in Louis-XV-Tracht und das Porträt von Bouvards Vater. Das Gesims des Spiegels zierten ein Sombrero aus schwarzem Filz und ein ungeheurer Überschuh, der mit Blättern gefüllt war, den Resten eines Nestes.
Zwei Kokosnüsse (sie gehörten Pécuchet seit seiner Kindheit) lagen auf dem Kamin zu beiden Seiten einer Fayencetonne, auf der ein Bauer ritt. Daneben lag in einem Strohkorb ein Geldstück, das eine Ente von sich gegeben hatte.
Vor der Bibliothek machte sich eine Muschelkommode mit Plüschverzierungen breit. Ihr Deckel trug eine Katze, die eine Maus in ihrem Maule hielt, -- eine Versteinerung aus Saint-Allyre, -- einen Arbeitskasten, der ebenfalls aus Muscheln war, -- und auf diesem Kasten stand eine Kognakkaraffe, die eine Pfundbirne umschloß.
Doch das Glanzstück, eine Statue Sankt Peters, stand in der Fensternische! Seine behandschuhte rechte Hand hielt den Schlüssel des Paradieses, der von apfelgrüner Farbe war. Sein Meßgewand, das mit Lilien durchwirkt war, war von himmelblauer Farbe, und seine leuchtend gelbe Tiara war spitz wie eine Pagode. Seine Wangen waren geschminkt, die Augen dick und rund, der Mund stand offen, die Nase war schief und aufgestülpt. Darüber hing ein aus einem alten Teppich hergestellter Himmel, auf dem man zwei Amoretten in einem Kranz von Rosen unterschied, und zu seinen Füßen erhob sich wie eine Säule ein Buttertopf, der folgende Worte in weißen Buchstaben auf schokoladefarbigem Grunde zeigte: „Angefertigt vor Seiner Königlichen Hoheit dem Herzog von Angoulême zu Noron d. 3. Oktober 1817.“
Pécuchet überschaute das alles von seinem Bette aus in einer Flucht, und manchmal ging er sogar in Bouvards Zimmer, um es mehr aus der Ferne zu sehen.
Dem Panzerhemd gegenüber blieb ein Platz leer, er war für die Renaissancetruhe bestimmt.
Sie war noch nicht fertig, Gorju arbeitete noch daran; er behobelte die Flächen im Backhaus, paßte sie ein, nahm sie wieder ab.
Um elf Uhr frühstückte er, plauderte dann mit Mélie und erschien oft den ganzen Tag nicht wieder.
Um Stücke in der Art dieses Möbels zu bekommen, hatten sich Bouvard und Pécuchet auf die Suche gemacht. Was sie mitbrachten, paßte nicht. Aber sie waren auf eine Menge merkwürdiger Sachen gestoßen. Der Geschmack am Krimskrams war ihnen gekommen, dann die Liebe zum Mittelalter.
Zuerst besuchten sie die Kathedralen, -- und die hohen Schiffe, die sich in dem Weihwasser der Becken spiegelten, die Glasarbeiten, die wie Behänge aus Edelsteinen blendeten, die Grabmäler in der Tiefe der Kapellen, das dämmerige Licht der Krypten, alles bis zur Kühle der Mauern erfüllte sie mit einem Schauer der Lust, versetzte sie in religiöse Erregung.
Bald waren sie imstande, die Epochen zu unterscheiden -- und voll Verachtung für die Erklärungen der Küster sagten sie: „Ah! eine romanische Apsis! Das ist aus dem zwölften Jahrhundert! Da haben wir wieder den Flammenstil!“
Sie bemühten sich, die steinernen Symbole an den Kapitälen zu deuten, wie die beiden Greifen zu Marigny, die einen blühenden Baum anpicken. Pécuchet wollte in den Sängern mit grotesken Kinnladen, welche die Kranzgesimse von Feugerolles abschließen, eine Satire erblicken, -- und die Überfülle des unanständigen Mannes auf einem der Fensterkreuze von Hérouville bewies nach Bouvards Ansicht, daß unsere Voreltern die zotigen Späße geliebt hätten.
Schließlich wollten sie nicht mehr das geringste Zeichen von Geschmacksentartung dulden. Alles war Entartung -- und sie jammerten über Vandalismus, schimpften über die Tünche.
Doch der Stil eines Denkmals trifft nicht immer mit dem Datum zusammen, das man dafür ansetzt. Der Rundbogen herrscht noch im dreizehnten Jahrhundert in der Provence vor. Der Spitzbogen ist vielleicht sehr alt! Und manche Autoren bestreiten, daß der romanische Stil vor dem gotischen bestanden habe. Dieser Mangel an Gewißheit ärgerte sie.
Nach den Kirchen studierten sie die festen Burgen: diejenigen von Domfront und von Falaise. Unter dem Tor bewunderten sie die Nuten des Fallgatters, und wenn sie den Gipfel erstiegen hatten, erblickten sie zuerst das ganze Land, dann die Dächer der Stadt, die sich kreuzenden Straßen, die Karren auf dem Platze, die Frauen beim Waschen. Steil stürzte die Mauer bis zum Gestrüpp der Gräben herab, -- und sie erblichen bei dem Gedanken, daß hier Menschen, auf Leitern schwebend, emporgeklettert seien. Sie würden sich in die unterirdischen Gewölbe gewagt haben; doch bildete für Bouvard sein Bauch ein Hindernis, und Pécuchet hatte Angst vor Schlangen.
Sie wollten die alten Sitze, Curcy, Bully, Fontenay, Lemarmion, Argouge, kennenlernen. Zuweilen erhob sich im Winkel der Gebäude hinter dem Misthaufen ein Turm aus der Zeit der Karolinger. Die Küche, die Steinbänke hatte, rief Gedanken an feudale Schmausereien wach. Andere zeigten ein durchaus wildes Äußeres mit ihren drei noch deutlich erkennbaren Umfriedigungen, den Schießscharten unter der Treppe, den langen, spitzgedeckten Türmchen. Dann gelangte man in ein Gemach, wo ein Fenster aus der Zeit der Valois, fein gemeißelt wie eine Elfenbeinschnitzerei, die Sonne hereinscheinen ließ, die den auf dem Parkett ausgebreiteten Raps wärmte. Abteien dienen als Scheunen. Die Inschriften der Grabsteine sind verwischt. Auf den Feldern ragt ein einzelner Giebel empor -- und ist von oben bis unten mit Efeu überwuchert.
Eine Menge von Dingen erregte ihre Begierde, ein Zinntopf, ein Ring mit einem Straß, großgeblümter Kattun. Mangel an Geld hielt sie vom Einkauf ab.
Durch eine Fügung des Himmels gruben sie in Balleroy bei einem Verzinner eine gotische Scheibe aus, und sie war groß genug, um in der Nähe des Sessels die rechte Fensterseite bis zur zweiten Scheibe zu bedecken. Der Kirchturm von Chavignolles zeigte sich im Hintergrunde, es war von prachtvoller Wirkung.
Aus dem unteren Teile eines Schrankes verfertigte Gorju ein Betpult, um es unter die Scheibe zu stellen, denn er schmeichelte ihrer Leidenschaft. Sie war so stark, daß sie den Verlust der Baudenkmäler bedauerten, über die man rein gar nichts weiß, -- wie das Lusthaus der Bischöfe von Séez.
„Bayeux,“ sagt Herr von Caumont, „soll ein Theater gehabt haben.“ Sie suchten seinen Platz vergeblich.
Im Dorfe Montrecy liegt eine Wiese, berühmt durch die Münzenfunde, die man dort früher gemacht hat. Sie zählten auf eine schöne Ausbeute. Der Wächter verweigerte ihnen den Zutritt.
Sie waren nicht glücklicher in betreff der Verbindung, welche zwischen einer Zisterne in Falaise und der Vorstadt von Caen bestand. Enten, die man dort eingelassen hatte, erschienen zu Vaucelles wieder, indem sie schnatterten: „Can, can, can,“ woraus der Name der Stadt entstanden ist.
Kein Gang, kein Opfer war ihnen zu sauer.
In der Herberge von Mesnil-Villement hatte Herr Galeron im Jahre 1816 ein Frühstück für die Summe von vier Sous bekommen. -- Sie genossen dasselbe Mahl und stellten mit Staunen fest, daß die Dinge sich seither geändert hatten!
Wer ist der Begründer der Abtei von Sainte-Anne? Besteht eine Verwandtschaft zwischen Marin Onfroy, der im zwölften Jahrhundert eine neue Sorte Äpfel einführte, und Onfroy, dem Gouverneur von Hastings zur Zeit der Eroberung? Wie sich „Die arglistige Zauberin“ verschaffen, ein Lustspiel in Versen von einem gewissen Dutrezor, das in Bayeux entstand und gegenwärtig sehr selten ist? Unter Ludwig XIV. schrieb Hérambert Dupaty oder Dupastis Hérambert ein niemals erschienenes Werk voll von Anekdoten über Argentan: es handelte sich darum, diese Anekdoten wieder aufzufinden. Was ist aus den selbstgeschriebenen Memoiren der Frau Dubois de la Pierre geworden, die für die unveröffentlichte Geschichte des Ortes Laigle von Louis Dasprès, Vikar zu Saint-Martin, benutzt sind? Das alles sind Probleme, merkwürdige Punkte, die der Aufklärung bedürfen.
Doch zuweilen führt ein schwacher Hinweis auf den richtigen Weg zu einer unschätzbaren Entdeckung.
Also zogen sie ihre Kittel wieder an, um kein Aufsehen zu erregen, und sich den Anschein von Hausierern gebend, sprachen sie in den Häusern vor und verlangten, alte Papiere zu kaufen. Man verkaufte ihnen ganze Stöße. Es waren Schulhefte, Rechnungen, alte Zeitungen, nichts was man gebrauchen konnte.
Schließlich wandten sich Bouvard und Pécuchet an Larsoneur.
Er steckte tief im Keltizismus, antwortete kurz auf ihre Fragen, stellte neue.
Ob sie in ihrer Gegend Spuren der Hundeverehrung bemerkt hätten, wie man sie in Montargis findet? Und außerdem fragte er nach besonderen Einzelheiten über die Johannisfeuer, die Hochzeiten, nach volkstümlichen Sprichwörtern und so weiter? Und er bat sie sogar, für ihn einige jener Steinbeile zu sammeln, die man damals „Celtae“ nannte und welche die Druiden bei „ihren verbrecherischen Sühnopfern“ gebrauchten.
Durch Gorju verschafften sie sich etwa ein Dutzend derselben, sandten ihm das kleinste; die andern bereicherten ihr Museum.
Sie gingen gern darin herum, fegten es selbst, hatten allen ihren Bekannten davon gesprochen.
Eines Nachmittags fanden sich Frau Bordin und Herr Marescot ein, um es zu besichtigen.
Bouvard empfing sie und begann mit der Vorführung der Gegenstände in der Vorhalle.
Der Balken war nichts Geringeres als der ehemalige Galgen von Falaise, nach Angabe des Tischlers, der ihn verkauft hatte und der diese Kenntnis von seinem Großvater hatte.
Die dicke Kette auf dem Flur stammte aus dem Verlies des Schloßturmes von Torteval. Nach der Ansicht des Notars glich sie den Ketten der Grenzsteine vor den Ehrenhöfen. Bouvard war überzeugt, daß sie ehemals dazu gedient hatte, Gefangene zu fesseln, und er öffnete die Tür des ersten Zimmers.
„Was sollen alle diese Ziegel?“ rief Frau Bordin.
„Um die Bäder zu erwärmen; doch ein wenig der Reihe nach, wenn ich bitten darf. Dies hier ist ein Grabmal, das in einer Herberge entdeckt wurde, wo es als Viehtrog diente.“
Dann nahm Bouvard die beiden Urnen in die Hand, die mit Erde -- es sei menschliche Asche -- gefüllt waren, und er brachte das Fläschchen an seine Augen, um zu zeigen, wie die Römer ihre Tränen darin auffingen.
„Aber man sieht bei Ihnen nur traurige Dinge!“
In der Tat war das etwas ernst für eine Dame, und er entnahm einer Schachtel mehrere Kupfermünzen und einen Silberdenar.
Frau Bordin fragte den Notar, wieviel das wohl heute wert sei.
Das Panzerhemd, das er betrachtete, entglitt seinen Händen; einige Maschen lösten sich. Bouvard verbarg sein Mißvergnügen.
Er hatte sogar die Gefälligkeit, die Hellebarde abzunehmen, und sich beugend, die Arme hebend, mit dem Fuße aufstampfend, gab er sich den Anschein, die Kniekehlen eines Pferdes zu durchmähen, wie mit dem Bajonette zu stoßen, einen Feind zu töten. Innerlich fand die Witwe, er sei ein kräftiger Schlingel.
Sie war von der Muschelkommode begeistert. Die Katze von Saint-Allyre setzte sie sehr in Staunen, die Birne in der Karaffe etwas weniger; dann kam man zu dem Kamin.
„Ah! da ist ein Hut, der ausbesserungsbedürftig wäre.“
Drei Löcher, Male von Kugeln, höhlten die Ränder.
Er hatte dem Anführer einer Diebesbande, David de la Bazoque, unter dem Direktorium gehört, der durch Verrat gefangengenommen und sogleich getötet worden war.
„Um so besser, da hat man gut getan,“ sagte Frau Bordin.
Marescot lächelte vor den Gegenständen in herablassender Weise. Er hatte kein Verständnis für den Überschuh, der das Aushängeschild eines Schuhwarenhändlers gewesen war, noch begriff er, was dieses Fayence-Tönnchen sollte, das ein gewöhnlicher Mostbehälter war; und der Sankt Peter mit seiner Physiognomie eines Trunkenboldes sei, offen gesagt, ein kläglicher Anblick.
Frau Bordin machte die Bemerkung:
„Immerhin wird er Ihnen ziemlich viel gekostet haben?“
„O! nicht allzuviel, nicht allzuviel.“
Ein Dachdecker hatte ihn für fünfzehn Franken hergegeben.
Dann tadelte sie als etwas Unpassendes die Entblößung der Dame mit der gepuderten Perücke.
„Was ist schlimmes daran?“ fragte Bouvard, „wenn man etwas Schönes besitzt.“
Und leiser fügte er hinzu:
„Wie Sie, dessen bin ich sicher.“
Der Notar wandte ihnen den Rücken, während er die Zweige der Familie Croixmare studierte. Sie gab keine Antwort, sondern fing an, mit ihrer langen Uhrkette zu spielen. Ihr Busen wölbte sich unter dem schwarzen Taffet ihrer Taille, und sie senkte, während sie die Augenbrauen leicht zusammenzog, das Kinn wie eine Taube, die sich bläht; dann fragte sie mit harmloser Miene:
„Wie hieß die Dame?“
„Das weiß man nicht; sie ist eine der Mätressen des Regenten, Sie wissen, desselben, der so viele Possen trieb.“
„Ganz recht; die Memoiren aus der Zeit...“
Und der Notar beklagte, ohne seinen Satz zu beenden, das Beispiel dieses von seinen Leidenschaften beherrschten Fürsten.
„Aber so sind Sie alle!“
Die beiden Männer protestierten, und ein Gespräch über die Frauen, über die Liebe knüpfte sich daran. Marescot versicherte, es gäbe viele glückliche Ehen; zuweilen habe man sogar, ohne es zu ahnen, ganz in seiner Nähe, was man zu seinem Glücke brauche. Die Anspielung war nicht mißzuverstehen. Die Wangen der Witwe bedeckten sich mit Purpur; doch sogleich sich fassend, sagte sie:
„Wir sind aus dem Alter der Torheiten heraus, nicht wahr, Herr Bouvard?“
„Eh, eh! das möchte ich doch nicht behaupten.“
Und er bot ihr den Arm, um sie ins andere Zimmer zu führen.
„Geben Sie acht auf die Stufen! Schön. Nun betrachten Sie die Scheibe.“
Man sah einen scharlachroten Mantel darauf und die beiden Flügel eines Engels. Alles übrige verschwand unter dem Blei, das die zahlreichen Sprünge des Glases zusammenhielt. Der Tag neigte sich, die Schatten wurden länger. Frau Bordin war ernst geworden.
Bouvard entfernte sich und kam zurück, mit einer Wolldecke bekleidet, kniete dann vor dem Betpult nieder, die Arme nach außen, das Gesicht in den Händen, während die Sonne auf seinen kahlen Schädel glänzte; und er war sich der Wirkung bewußt, denn er sagte:
„Sehe ich nicht aus wie ein mittelalterlicher Mönch?“
Dann hob er den Kopf in schräger Haltung mit verzückten Augen und gab seinem Gesichte einen mystischen Ausdruck. Man hörte vom Flur her die tiefe Stimme Pécuchets:
„Erschrick nicht, ich bin es.“
Er trat ein, einen Helm auf dem Kopfe: eine eiserne Sturmhaube mit spitzen Ohrenklappen.
Bouvard verließ das Betpult nicht. Die beiden andern verharrten stehend. Eine Minute verging in Verdutzung.
Frau Bordin schien Pécuchet etwas kühl. Doch erkundigte er sich, ob sie alles gesehen habe.
„Ich glaube, ja.“
Und auf die Wand weisend:
„Verzeihen Sie, dort wird ein Gegenstand stehen, den man in diesem Augenblicke repariert.“
Die Witwe und Marescot gingen.
Die beiden Freunde waren auf den Gedanken gekommen, einen Wettbewerb vorzutäuschen. Sie gingen jeder für sich auf die Streifzüge, der zweite machte höhere Angebote als der erste. Pécuchet hatte soeben den Helm erstanden.
Bouvard beglückwünschte ihn und nahm seine Lobreden bezüglich der Decke entgegen.
Mélie richtete sie mit Hilfe von Schnüren wie ein Ordensgewand her. Sie trugen sie abwechselnd, wenn sie Besuche empfingen.
Es kamen zu ihnen Girbal, Foureau, der Hauptmann Heurteaux, dann untergeordnete Persönlichkeiten: Langlois, Beljambe, ihre Pächter, bis zu den Dienstboten der Nachbarn; und jedesmal begannen sie wieder ihre Erklärungen, zeigten die Stelle, wo die Truhe stehen sollte, gaben sich mit erkünstelter Bescheidenheit, baten um Nachsicht wegen des Platzmangels.
Pécuchet trug an solchen Tagen eine Zuavenmütze, die er noch von Paris her hatte, denn er glaubte sie in engerer Beziehung zu der künstlerischen Umwelt. In einem bestimmten Augenblick setzte er den Helm auf und rückte ihn tief in den Nacken, um sein Gesicht freizumachen. Bouvard vergaß nicht, die Hellebarde vorzuführen. Schließlich verständigten sie sich durch einen Blick, ob der Besuch verdiene, daß man ihm „den mittelalterlichen Mönch“ zeige.
Welche Erregung, als vor ihrem Gitter der Wagen des Herrn von Faverges hielt. Er habe ihnen nur ein Wort zu sagen. Es handele sich um folgendes:
Hurel, sein Faktotum, hatte ihm mitgeteilt, daß sie überall Dokumente suchten und dabei alte Papiere auf dem Gut von la Aubrye erstanden hatten.
Das stimme vollkommen.
Ob sie dabei nicht Briefe des Barons von Gonneval, ehemaligen Adjutanten des Herzogs von Angoulême, gefunden hätten? Denn er hatte in la Aubrye Aufenthalt genommen. Man wünschte die Korrespondenz aus Familieninteresse zu besitzen.
Sie befand sich nicht in ihrem Hause, doch beherbergten sie eine Sache, die ihn interessieren werde, wenn er geruhen wolle, ihnen in ihre Bibliothek zu folgen.
Niemals hatten solche Lackstiefel im Hausflur geknarrt. Sie stießen gegen den Sarkophag. Beinahe hätte er mehrere Ziegel zertreten, kam glücklich um den Sessel, stieg zwei Stufen herab, -- und im zweiten Zimmer angekommen, zeigten sie ihm unter dem Baldachin vor dem Sankt Peter den Buttertopf, der in Noron hergestellt war.
Bouvard und Pécuchet hatten geglaubt, das Datum sei in manchen Fällen von Wichtigkeit.
Der Edelmann besichtigte aus Höflichkeit ihr Museum. Er wiederholte: „Reizend! Sehr hübsch!“ wobei er sich mit dem Knauf seines Spazierstöckchens leichte Schläge auf den Mund gab, und gewiß sei er ihnen dankbar, diese Überbleibsel des Mittelalters gerettet zu haben, einer Zeit religiösen Glaubens und ritterlicher Aufopferung. Er liebe den Fortschritt und würde sich gleich ihnen solch interessanten Studien gewidmet haben, doch die Politik, die Kreisstände, die Landwirtschaft, ein wahrer Strudel halte ihn davon ab.
„Übrigens würde man nach Ihnen nur eine dürftige Nachlese halten können, denn bald werden Sie alle Merkwürdigkeiten des Bezirks in Ihrem Hause vereinigt haben.“
„Ohne uns überheben zu wollen, das denken wir,“ sagte Pécuchet.
Indessen könne man in Chavignolles zum Beispiel noch solche entdecken; in der Gasse am Friedhof sei seit undenklichen Zeiten ein Weihwasserbecken an der Mauer im Grase vergraben.
Sie waren über die Mitteilung erfreut, dann tauschten sie einen Blick aus, der bedeutete, „ist es der Mühe wert?“ -- doch schon öffnete der Graf die Tür.
Mélie, die dahinter stand, rannte ungestüm davon.
Da er seinen Weg durch den Hof nahm, bemerkte er Gorju, der mit übereinandergelegten Armen dabei war, seine Pfeife zu rauchen.
„Sie beschäftigen diesen Burschen? Hm! wenn einmal ein Aufstand ausbricht, würde ich ihm nicht trauen.“
Und Herr von Faverges stieg in seinen Tilbury.
Warum schien sich ihre Dienstmagd vor ihm zu fürchten?
Sie fragten sie aus, und sie erzählte, sie habe auf seinem Gute gedient. Sie sei jenes kleine Mädchen, welches den Schnittern zu trinken gab, als sie vor zwei Jahren gekommen waren. Man hatte sie zur Aushilfe auf das Schloß genommen und fortgeschickt „wegen unwahrer Nachrede“.
Doch Gorju, was konnte man ihm vorwerfen? Er war sehr geschickt und bezeugte ihnen unendlich viel Achtung.
Am folgenden Morgen begaben sie sich mit Tagesanbruch zum Friedhofe.
Bouvard untersuchte mit seinem Stock die bezeichnete Stelle. Er stieß auf einen harten Gegenstand. Sie rissen einige Nesseln aus und entdeckten eine Sandsteinschale, ein Taufbecken, in dem Pflanzen wuchsen.
Indessen ist es eigentlich nicht Brauch, Taufbecken außerhalb der Kirche zu verscharren.
Pécuchet machte eine Zeichnung davon, Bouvard die Beschreibung, und sie schickten das alles an Larsoneur.
Seine Antwort kam sofort.
„Sieg, meine teuren Kollegen! Das ist unbestreitbar ein Druiden-Gefäß.“
Doch sollten sie sich vorsehen. Das Beil sei zweifelhaft, -- und ebenso in seinem wie in ihrem Interesse gab er ihnen eine Reihe von Werken an, die man zu Rate ziehen solle.
Larsoneur gestand in einem Postskriptum, er habe Lust, dieses Gefäß kennenzulernen, was sich bald einmal machen lassen würde, wenn er seine Reise in die Bretagne ausführe.
Da vergruben sich Bouvard und Pécuchet in die keltische Archäologie.