Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass
Part 8
Doch der Zollbeamte erschien weiter unten, in einem Tale, indem er die Zeichen verstärkte: darum würden sie sich gerade kümmern! Ein ovaler Körper ragte aus der verringerten Erde hervor, neigte sich, war im Begriff herabzugleiten.
Ein zweiter Mensch, dieser mit einem Säbel, zeigte sich plötzlich.
„Ihre Pässe?“
Es war der auf der Runde begriffene Feldhüter, und im selben Augenblicke tauchte der Zollbeamte auf, der durch eine Schlucht herbeigeeilt war.
„Nehmen Sie sie fest, Vater Morin! Oder die Klippe wird einstürzen!“
„Es handelt sich um einen wissenschaftlichen Zweck,“ antwortete Pécuchet.
Da stürzte eine Masse herab und streifte sie alle vier so nahe, daß nicht viel fehlte, und sie wären tot gewesen.
Als der Staub verflogen war, erkannten sie den Mast eines Schiffes, der unter dem Stiefel des Zollbeamten zerbröckelte.
Bouvard sagte seufzend:
„Wir haben keinen großen Schaden angerichtet!“
„Man darf nichts anrichten innerhalb der Grenzen des Geniebezirks!“ erwiderte der Feldhüter.
„Zunächst, wer sind Sie, damit ich Sie zu Protokoll nehmen kann?“
Pécuchet widersetzte sich, über die Ungerechtigkeit Lärm machend.
„Keine Ausflüchte! Folgen Sie mir!“
Sobald sie am Hafen angekommen waren, folgte ihnen eine Schar von Gassenjungen. Bouvard, rot wie eine Mohnblüte, zwang sich zu einer würdigen Haltung; Pécuchet, der sehr blaß war, sandte wütende Blicke; und diese beiden Fremden, die Steine in ihren Taschentüchern trugen, sahen nicht vertrauenerweckend aus. Man brachte sie einstweilen im Wirtshaus unter, dessen Besitzer, auf der Schwelle stehend, den Eintritt versperrte. Dann verlangte der Maurer seine Werkzeuge zurück. Sie bezahlten sie; wieder Auslagen! Und der Feldhüter kehrte nicht zurück! Warum? Schließlich befreite sie ein Herr, der das Kreuz der Ehrenlegion trug; und, nachdem sie ihre Namen, Vornamen und Wohnort angegeben hatten, zogen sie ab, mit dem Versprechen, in Zukunft vorsichtiger zu sein.
Außer einem Paß fehlten ihnen noch gar manche Dinge, und bevor sie neue Forschungsreisen unternahmen, holten sie sich im „Führer des geologischen Reisenden“ von Boné Rat. In erster Linie muß man einen guten Soldatenranzen haben, sodann eine Meßkette, eine Feile, Zangen, eine Bussole und drei Hämmer, die man in den Gürtel steckt, der durch den Rock verdeckt wird und „einen auf diese Weise vor dem originellen Aussehen bewahrt, das man auf der Reise vermeiden muß“. Als Stock nahm Pécuchet ganz einfach einen sechs Fuß langen Touristenstock mit langer Eisenspitze. Bouvard gab einem Stockschirm oder vielarmigem Schirm den Vorzug; sein Griff läßt sich herausziehen, um die Seide darüberzuspannen, die in einem besonderen kleinen Beutel steckt. Sie vergaßen nicht, starke Schuhe mit Gamaschen mitzunehmen, jeder „zwei Paar Hosenträger, wegen des Durchschwitzens“, und obgleich man „sich nicht überall in der Mütze vorstellen kann“, scheuten sie die Kosten „eines jener zusammenlegbaren Hüte, die nach ihrem Erfinder, dem Hutmacher Gibus, benannt sind.“
Das gleiche Werk gibt Verhaltungsmaßregeln: „Die Sprache des Landes, das man besuchen will, soll man können,“ -- sie konnten sie. „Eine bescheidene Haltung bewahren,“ -- das pflegten sie zu tun. „Nicht zu viel Geld bei sich zu haben,“ nichts einfacher als das. Um sich schließlich alle möglichen Verlegenheiten zu ersparen, ist es gut, „sich für einen Ingenieur auszugeben.“
„Schön! Das werden wir tun!“
So vorbereitet begannen sie ihre Streifzüge, waren oft acht Tage lang abwesend, verbrachten ihr Leben in der frischen Luft.
Bald bemerkten sie an den Ufern der Orne in einem Einschnitt Felswände, deren schräge Platten zwischen Pappeln und Heidekraut emporragten, oder sie waren verstimmt, weil sie den ganzen Weg entlang nur Tonlager antrafen. In einer Landschaft bewunderten sie weder die Aufeinanderfolge der Prospekte, noch die Tiefe des Hintergrundes, noch die wellenförmigen grünen Erhebungen, sondern das, was man nicht sah, was darunter war, die Erde; und alle Hügel waren für sie noch ein Beweis der Sündflut. Der Leidenschaft für die Sündflut folgte die für die erratischen Blöcke. Die dicken, einzeln auf dem Gelände liegenden Steine mußten von verschwundenen Gletschern herrühren, und sie suchten nach Moränen und Muschelerde.
Mehrere Male nahm man sie wegen ihrer Ausstaffierung für Hausierer, und wenn sie geantwortet hatten, sie seien „Ingenieure“, packte sie die Angst: die widerrechtliche Aneignung eines solchen Titels konnte ihnen Unannehmlichkeiten zuziehen.
Gegen Ende des Tages keuchten sie unter dem Gewicht ihrer Proben, aber beharrlich trugen sie sie nach Haus. Es gab ihrer auf den Stufen der Treppe, in den Zimmern, im Eßsaal, in der Küche, und Germaine jammerte über die Menge Staub.
Es war keine kleine Arbeit, vor dem Aufkleben der Etiketten die Namen der Gesteine festzustellen. Die Mannigfaltigkeit der Farben und des Gemenges ließ sie Ton und Mergel, Granit und Gneis, Quarz und Kalkstein miteinander verwechseln.
Und dann ärgerte sie die Benennung. Warum devonisch, kambrisch, jurassisch, als ob die so bezeichneten Erden nicht auch anderswo als in Devonshire, bei Cambridge und im Jura zu finden wären? Unmöglich, sich darin auszukennen; was hier System, ist dort Sohle, wieder anderswo eine bloße Schicht. Die Blätter der Lager vermischen sich, gehen ineinander über; doch Omalius d’Halloy erklärt, man müsse nicht an die geologischen Einteilungen glauben.
Diese Erklärung erleichterte sie, und als sie in der Ebene von Caen Kalkstein mit Polypengehäusen, Tonschiefer in Balleroy, Kaolin zu Saint-Blaise, Rogenstein an allen Orten gesehen und Steinkohle zu Cartigny und Quecksilber zu la Chapelle-en-Juger bei Saint-Lô gesucht hatten, beschlossen sie einen weiteren Ausflug, eine Reise nach le Havre, um den Feuerstein und den Ton von Kimmeridge zu erforschen.
Kaum hatten sie das Boot verlassen, so fragten sie nach dem Wege, der zu den Leuchttürmen führt; Erdrutsche versperrten ihn, es war gefährlich, sich dorthin zu wagen.
Ein Wagenvermieter sprach sie an und schlug ihnen Fahrten in die Umgegend vor: nach Ingouville, Octeville, Fécamp, Lillebonne, „Rom, wenn es sein müßte“.
Seine Preise waren unvernünftig; doch der Name Fécamp hatte ihre Aufmerksamkeit erregt; wenn man sich ein wenig zur Seite wandte, konnte man Etretat sehen, und sie nahmen den Omnibus nach Fécamp, um gleich so weit wie möglich zu gelangen.
Im Wagen unterhielten sich Bouvard und Pécuchet mit drei Bauern, zwei braven Frauen, einem Seminaristen, und sie zögerten nicht, sich die Eigenschaft von Ingenieuren beizulegen.
Vor dem Hafenbecken hielt man an. Sie erreichten die Klippe, und fünf Minuten später quetschten sie sich an ihr entlang, um eine große Wasserlache zu umgehen, die sich wie ein Golf mitten ins Ufer hineinschob. Dann sahen sie eine Bogenwölbung, welche die Öffnung zu einer tiefen Grotte bildete; sie war widerhallend, sehr hell, ähnelte mit ihren von oben bis unten gehenden Säulen und einem Teppich von Algen auf den Fliesen einer Kirche.
Dieses Werk der Natur setzte sie in Erstaunen, und während sie im Weitergehen Muscheln auflasen, erhoben sie sich zu Betrachtungen über den Ursprung der Welt.
Bouvard neigte zum Neptunismus; Pécuchet war dagegen Plutonist.
Das Feuer im Erdinnern hatte die Kruste des Erdballs gesprengt, Erdteile emporgehoben, Höhlungen entstehen lassen. Es war wie ein inneres Meer mit seiner Flut und Ebbe, seinen Stürmen; ein dünnes Häutchen trennt uns davon. Man würde nicht ruhig schlafen, wenn man an alles dächte, was sich unter unsern Füßen befindet. Indessen nimmt das Feuer im Erdinnern ab, und die Sonne verliert ihre Kraft, so daß die Erde eines Tages vor Kälte zugrunde gehen muß. Sie wird unfruchtbar werden; alles Holz und alle Kohle werden sich in Kohlensäure verwandeln, und kein Wesen wird mehr bestehen können.
„So weit sind wir noch nicht,“ sagte Bouvard.
„Hoffen wir es,“ erwiderte Pécuchet.
Gleichviel, dieses Weltende, so fern es lag, stimmte sie düster, und sie schritten schweigend nebeneinander auf dem Uferkies dahin.
Die Klippe, lotrecht, blendend weiß und hier und da von Kieseln schwarz geädert, verlief gegen den Horizont in einer Ausdehnung von fünf Wegstunden wie die Linie einer Befestigungsmauer. Ein scharfer kalter Ostwind wehte. Der Himmel war grau, das Meer grünlich und wie geschwollen. Von der Spitze der Klippen flogen Vögel auf, kreisten, kehrten eilig wieder in ihre Löcher. Zuweilen löste sich ein Stein und schlug ein paarmal auf, bevor er zu ihnen herabkam.
Pécuchet dachte mit lauter Stimme:
„Wofern nicht die Erde durch eine Umwälzung zugrunde geht. Man weiß nichts über die Dauer unserer Periode. Das innere Feuer braucht nur hervorzubrechen.“
„Aber es nimmt doch ab.“
„Das hindert nicht, daß seine Ausbrüche die Insel Julia, den Monte-Nuovo und vieles andere noch erzeugt haben.“ Bouvard erinnerte sich, diese Einzelheiten bei Bertrand gelesen zu haben.
„Derartige Umwälzungen kommen in Europa nicht vor.“
„Bitte sehr um Entschuldigung, Beweis das Erdbeben von Lissabon. Was unsere Gegenden anlangt, so sind die Kohlen- und Schwefelkies-Minen zahlreich und können sehr wohl bei der Zersetzung vulkanische Schlünde bilden. Vulkane brechen übrigens immer nahe am Meer aus.“
Bouvard ließ seinen Blick über die Fluten wandern und glaubte in der Ferne Rauch zu sehen, der zum Himmel stieg.
„Da die Insel Julia verschwunden ist,“ fuhr Pécuchet fort, „so werden vielleicht Landstriche, die durch dieselbe Ursache entstanden sind, das gleiche Los teilen. Ein Inselchen des Archipels ist gerade so wichtig wie die Normandie oder auch wie Europa.“
Bouvard sah Europa von einem Abgrund verschlungen.
„Nimm an,“ sagte Pécuchet, „daß ein Erdbeben unter dem Kanal stattfindet; die Wassermassen strömen ins Atlantische Meer; die Küsten von Frankreich und England, in ihren Grundfesten wankend, neigen sich, vereinigen sich, und, klitsch, klatsch, alles, was dazwischen liegt, ist zermalmt.“
Anstatt zu antworten, begann Bouvard so schnell zu gehen, daß er bald Pécuchet hundert Schritt hinter sich ließ. Als er allein war, ängstigte ihn der Gedanke einer Erdumwälzung. Er hatte seit dem Morgen nichts mehr genossen; seine Schläfen hämmerten. Plötzlich schien ihm der Boden zu zittern und die Klippe über ihm mit der Spitze zu schwanken. In demselben Augenblick rollte von oben ein Kiesregen herab.
Pécuchet sah, wie er mit allen Kräften davonrannte, begriff seine Furcht, schrie ihm von weitem zu:
„Halt! halt! Die Periode ist noch nicht abgelaufen.“
Und um ihn wiedereinzuholen, machte er, seinen Touristenstock in der Hand, ungeheure Sätze, während er brüllte:
„Die Periode ist noch nicht abgelaufen! Die Periode ist noch nicht abgelaufen!“
Bouvard lief wie wahnsinnig weiter. Der vielarmige Schirm fiel hin, die Schöße seines Rockes flogen im Winde, der Tornister baumelte auf seinem Rücken. Er glich einer geflügelten Schildkröte, die zwischen den Felsen herumrannte; ein größerer Block entzog ihn Pécuchets Blicken.
Pécuchet kam atemlos dort an, sah niemand, rannte zurück, um an einer niedrigen Stelle des Abhanges, an der Bouvard jedenfalls heraufgeklettert war, auf die Felder zu gelangen.
Dieser steile, enge Anstieg war in großen Stufen in die Klippe geschnitten, hatte Raum für zwei Menschen und leuchtete wie polierter Alabaster.
In einer Höhe von fünfzig Fuß wollte Pécuchet absteigen. Da die Flut herankam, begann er wieder emporzuklimmen.
Als er bei der zweiten Biegung den leeren Raum unter sich sah, erstarrte er vor Angst. Je mehr er sich der dritten näherte, desto schwächer wurden seine Beine. Die Luftmassen umzitterten ihn, ein Krampf faßte ihn an der Herzgrube; er setzte sich mit geschlossenen Augen auf die Erde, nur noch das Klopfen seines Herzens wahrnehmend, das ihn erstickte; dann warf er seinen Touristenstock fort und unternahm auf Knien und Händen den Aufstieg. Doch die drei Hämmer, die in seinem Gürtel steckten, drückten sich in seinen Leib ein; die Steine, mit denen seine Taschen vollgestopft waren, schlugen gegen seine Seiten; der Schirm seiner Mütze blendete ihn; der Wind setzte mit neuer Kraft ein. Endlich erreichte er die Hochebene und fand dort Bouvard vor, der weiter hinten an einer weniger schwierigen Stelle emporgestiegen war.
Ein Wägelchen nahm sie auf. An Etretat dachten sie nicht mehr.
Als sie am folgenden Abend in le Havre das Boot erwarteten, sahen sie unten in einer Zeitung ein Feuilleton, das „Über den Unterricht in der Geologie“ betitelt war.
Der Artikel, der voll von Tatsachen war, legte die Frage dar, so wie man sie zu jener Zeit auffaßte.
Niemals hatte eine vollständige Umwälzung des Erdballs stattgefunden, aber die gleiche Art hat nicht immer die gleiche Dauer und erlischt an einem Orte eher als an einem andern. Erdschichten derselben Zeitalter enthalten verschiedenartige Fossilien, ebenso wie voneinander entfernte Ablagerungen gleichartige einschließen. Die Farren vergangener Zeiten sind mit den heutigen identisch. Viele Zoophyten der heutigen Zeit finden sich in älteren Schichten wieder. Kurz, die gegenwärtigen Modifikationen erklären die früheren Umwälzungen. Dieselben Ursachen sind beständig in Wirksamkeit, die Natur macht keine Sprünge, und die Perioden, so bestätigt Brongniart, sind schließlich nichts weiter als Abstraktionen.
Bisher sahen sie Cuvier vom Glanze einer Aureole umflossen, hoch auf dem Gipfel einer unangreifbaren Wissenschaft. Sie war untergraben. Der Schöpfung lag ein anderes Prinzip zugrunde, und ihre Achtung für diesen großen Mann sank.
Aus Biographien und Auszügen wurden sie mit den Lehren Lamarcks und Geoffroy Saint-Hilaires bekannt.
Alles widersprach den gangbaren Anschauungen, der Autorität der Kirche.
Bouvard verspürte gleichsam eine Erleichterung dadurch, als wenn er ein Joch abgeschüttelt hätte.
„Jetzt möchte ich sehen, was der Bürger Jeufroy mir in betreff der Sündflut antworten würde!“
Und sie fanden ihn in seinem kleinen Garten, wo er die Mitglieder des Presbyteriums erwartete, welche sich sogleich wegen der Anschaffung eines Meßgewandes zu versammeln hatten:
„Die Herren wünschen...?“
„Einen Aufschluß, wenn ich bitten darf.“
Und Bouvard begann:
„Was bedeuten in der Genesis ‚der Abgrund, welcher zerbricht‘ und die ‚Katarakte des Himmels‘? Denn ein Abgrund zerbricht nicht, und ein Himmel hat keine Katarakte!“
Der Abbé schloß die Augen, dann antwortete er: man müsse immer zwischen dem Sinn und dem Buchstaben unterscheiden. Dinge, an denen man zuerst Anstoß nähme, bekämen ihre wohlberechtigte Bedeutung, wenn man sie vertiefe.
„Ausgezeichnet! Aber wie den Regen erklären, der die höchsten Berge überflutete, die zwei Meilen hoch sind! Denken Sie, zwei Meilen! ein Wasserstand von zwei Meilen!“
Und der Bürgermeister, der dazukam, fügte hinzu: „Sapperlot, ein schönes Bad!“
„Geben Sie zu,“ sagte Bouvard, „daß Moses gewaltig übertreibt?“
Der Pfarrer hatte Bonald gelesen und erwiderte: „Seine Beweggründe sind mir unbekannt; ohne Zweifel geschah es zu dem Zweck, den Völkern, welche er leitete, einen heilsamen Schrecken einzuflößen!“
„Schließlich, woher kam die Wassermasse?“
„Was weiß ich! Die Luft hatte sich in Regen verwandelt, wie es alle Tage geschieht.“
Durch die Gartentür sah man den Steuervorsteher Herrn Girbal mit dem Hauptmann Heurteaux, Gutsbesitzer, hereinkommen, und der Wirt Beljambe führte Langlois, den Krämer, der wegen seines Katarrhs nur mühsam vorwärts kam.
Ohne sich um sie zu kümmern, nahm Pécuchet das Wort:
„Verzeihung, Herr Jeufroy. Das Gewicht der Atmosphäre -- das beweist uns die Wissenschaft -- ist gleich demjenigen einer Wassermasse, die um die Erdkugel eine Hülle von zehn Metern bilden würde.
Folglich: wenn die ganze verdichtete Luft im flüssigen Zustande herabstürzte, so würde sie die schon vorhandene Wassermasse nur wenig vermehren.“
Die Kirchenvorsteher rissen die Augen auf, hörten zu.
Der Geistliche wurde ungeduldig.
„Wollen Sie leugnen, daß man auf den Bergen Muscheln gefunden hat? Wer hat sie dorthin gebracht, wenn nicht die Sündflut? Soviel ich weiß, pflegen sie nicht wie Mohrrübchen in der Erde zu wachsen!“ Und da dieses Witzwort die Versammlung zum Lachen brachte, fügte er, die Lippen spitzend, hinzu: „Wofern das nicht eine neue Entdeckung der Wissenschaft ist!“
Bouvard wollte mit der Erhebung der Berge, der Theorie Elie de Beaumonts, antworten.
„Mir nicht bekannt!“ erwiderte der Abbé.
Foureau beeilte sich zu sagen: „Er ist aus Caen, ich habe ihn einmal auf der Präfektur gesehen!“
„Aber wenn Ihre Sündflut,“ erwiderte Bouvard, „Muscheln angeschwemmt hätte, fände man sie zerbrochen an der Oberfläche, und nicht in Tiefen von manchmal dreihundert Meter.“
Der Priester berief sich auf die Wahrhaftigkeit der Schrift, auf die Überlieferung des Menschengeschlechtes und die im Eise von Sibirien aufgefundenen Tiere.
Das beweise nicht, daß der Mensch gleichzeitig mit ihnen gelebt habe! Die Erde war nach Pécuchets Ansicht beträchtlich älter.
„Das Delta des Mississippi ist mehrere zehntausend Jahre alt. Die gegenwärtige Epoche umfaßt ihrer wenigstens hunderttausend. Die Verzeichnisse Manethos...“
Der Graf von Faverges nahte.
Alle verstummten bei seiner Annäherung.
„Bitte, sprechen Sie weiter! Was sagten Sie?“
„Die Herren suchen Streit mit mir,“ antwortete der Abbé.
„Weswegen?“
„Wegen der Heiligen Schrift, Herr Graf!“
Bouvard berief sich sogleich darauf, daß sie als Geologen das Recht hätten, religiöse Fragen zu erörtern.
„Geben Sie acht,“ sagte der Graf, „Sie kennen, lieber Herr, das Wort: ‚Ein wenig Wissenschaft entfernt von ihr, viel führt zurück.‘“ Und in einem Tone, der zugleich von oben herab kam und väterlich war: „Glauben Sie mir! Sie werden zu ihr zurückkehren! Sie werden zu ihr zurückkehren!“
Vielleicht! Doch was sollte man von einem Buche denken, in dem behauptet wird, das Licht sei vor der Sonne geschaffen worden, als wenn die Sonne nicht die einzige Ursache des Lichtes wäre!
„Sie vergessen die, welche man die boreale nennt,“ sagte der Geistliche.
Ohne auf den Einwand zu antworten, stellte Bouvard heftig in Abrede, daß Licht auf der einen Seite habe sein können und Finsternis auf der anderen, daß es Morgen und Abend gegeben habe, als die Sterne nicht waren, und daß die Tiere plötzlich erschienen seien, statt durch langsame Entwicklung zu entstehen.
Da die Wege bei den heftigen Bewegungen, die man machte, zu eng waren, ging man auf den Beeten. Langlois bekam einen Hustenanfall. Der Hauptmann schrie: „Sie predigen den Umsturz!“
Girbal: „Friede! Friede!“ Der Priester: „Welch ein Materialismus!“ Foureau: „Befassen wir uns lieber mit unserm Meßgewande!“
„Nein! Lassen Sie mich reden!“ Bouvard verstieg sich in der Hitze zu der Behauptung, der Mensch stamme vom Affen ab!
Alle Kirchenvorsteher blickten einander ganz verdutzt an, wie um sich zu vergewissern, daß sie keine Affen seien.
Bouvard fuhr fort: „Vergleicht man den Fötus einer Frau mit dem einer Hündin, eines Vogels, eines Frosches...“
„Genug!“
„Ich gehe noch weiter!“ rief Pécuchet. „Der Mensch stammt von den Fischen ab!“ Gelächter erhob sich. Doch ohne in Verwirrung zu geraten: „Der Telliamed! ein arabisches Buch!...“
„Zur Sitzung, meine Herren!“
Und man trat in die Sakristei.
Die beiden Freunde hatten den Abbé Jeufroy nicht hineingelegt, wie sie es vorgehabt hatten. -- Pécuchet fand denn auch, daß er den „Stempel des Jesuitismus“ trage.
Sein Nordlicht beunruhigte sie jedoch; sie schlugen es im Handbuch d’Orbignys auf.
Es ist eine Hypothese zur Erklärung der Tatsache, daß die vegetabilischen Fossilien der Baffinbai den Pflanzen am Äquator gleichen. Man nimmt an Stelle der Sonne einen großen, jetzt verschwundenen Lichtherd an, dessen Spuren vielleicht die Nordlichter sind.
Dann kam ihnen ein Zweifel wegen der Abstammung des Menschen, und in ihrer Verlegenheit dachten sie an Vaucorbeil.
Seine Drohungen waren ohne Folgen geblieben. Wie früher ging er des Morgens an ihrem Gitter entlang, indem er mit seinem Stock alle Stäbe einen nach dem anderen streifte.
Bouvard lauerte ihm auf, -- und nachdem er ihn angehalten hatte, sagte er, er wolle ihm einen merkwürdigen Punkt der Anthropologie unterbreiten.
„Glauben Sie, daß das Menschengeschlecht von den Fischen abstammt?“
„Welcher Unsinn!“
„Eher von den Affen, nicht wahr?“
„In gerader Linie ist das unmöglich!“
Zu wem sollte man noch Vertrauen haben? Denn schließlich war der Doktor kein sehr zuverlässiger Kunde.
Sie setzten ihre Studien fort, doch ohne Leidenschaft, da sie das Eozän und Miozän, den Mont-Jurillo, die Insel Julia, die sibirischen Mammute und die Fossilien, die ohne Ausnahme von allen Verfassern mit „Münzen“ verglichen werden, „die authentische Zeugnisse sind“, leid waren, so daß eines Tages Bouvard seinen Tornister zur Erde warf und dabei erklärte, daß er nicht weiter mitmachen würde.
Die Geologie hatte zu viele Mängel! Kaum, daß wir einige Örtlichkeiten in Europa kennen. Über alles Übrige und die Tiefen der Weltmeere wird man immer in Unkenntnis bleiben.
Als endlich Pécuchet das Wort Mineralreich ausgesprochen:
„Ich glaube nicht daran, ans Mineralreich! da organische Stoffe bei der Bildung des Kiesels, der Kreide, des Goldes vielleicht teilgenommen haben! Ist der Diamant nicht Kohle gewesen? Ist die Steinkohle nicht eine Ansammlung von Vegetabilien? -- Wenn man sie auf ich weiß nicht wieviel Grad erhitzt, erhält man Holzmehl, derart, daß alles schwindet, zerfällt, sich verändert. Die Schöpfung ist im Wogen und Fliehen begriffen; es wäre besser, wir beschäftigten uns mit anderen Dingen.“
Er legte sich auf den Rücken und schlief ein, während Pécuchet mit gesenktem Kopf und ein Knie in den Händen sich seinen Betrachtungen hingab.
Ein moosiger Streifen säumte den Hohlweg, der von Eschen beschattet wurde; ihre feinbelaubten Wipfel zitterten; Engelwurz, Minze, Lavendel strömten warmen, würzigen Duft aus; die Luft war drückend; und in einer Art stumpfsinnigen Brütens gedachte Pécuchet träumend der zahllosen Existenzen, die um ihn zerstreut waren; der Insekten, die summten, der unter dem Rasen verborgenen Quellen, des Saftes der Pflanzen, der Vögel in ihren Nestern, des Windes, der Wolken, der ganzen Natur, ohne deren Geheimnisse durchdringen zu wollen, -- hingerissen von ihrer Macht, verloren in ihre Größe.
„Ich habe Durst!“ sagte Bouvard erwachend.
„Ich auch! Ich würde gern irgend etwas trinken!“
„Das ist leicht,“ entgegnete ein vorübergehender Mann in Hemdsärmeln, mit einem Brett auf der Schulter.
Und sie erkannten jenen Landstreicher, dem Bouvard einstmals ein Glas Wein gegeben hatte. Er schien um zehn Jahre jünger, trug sein Haar seitlich gekräuselt, den Schnurrbart gut gewichst und wiegte seinen Körper in pariserischer Weise.
Nach etwa hundert Schritten öffnete er das Gatter eines Hofes, warf sein Brett gegen eine Mauer und führte sie in eine hohe Küche.
„Mélie! bist du da, Mélie?“
Ein junges Mädchen erschien; auf sein Geheiß ging sie, „etwas zum Trinken zu zapfen“, und kehrte an den Tisch zurück, um die Herren zu bedienen.
Die Scheitel ihres korngelben Haares kamen unter einem Häubchen von grauer Leinwand hervor. Ihr ganzes ärmliches Gewand floß faltenlos an ihrem Körper herab, und mit ihrer geraden Nase, ihren blauen Augen hatte sie etwas Zartes, Ländliches, Unschuldiges.
„Sie ist niedlich, was!“ sagte der Tischler, während sie Gläser herbeibrachte. „Sollte man nicht schwören, sie sei ein als Bäuerin verkleidetes Fräulein! Und doch tüchtig bei der Arbeit! -- Armes kleines Herz, wirklich, wenn ich einmal reich werde, heirate ich dich!“
„Sie reden immer Dummheiten, Herr Gorju,“ antwortete sie mit sanfter Stimme in schleppendem Ton.
Ein Stallknecht kam, um aus einer alten Kiste Hafer zu nehmen, und ließ den Deckel so heftig niederschlagen, daß ein Stück Holz absprang.
Gorju ereiferte sich über die Ungeschicklichkeit aller „dieser Kerle vom Lande“, dann suchte er, vor dem Möbel kniend, die Stelle des Stückes. Pécuchet bemerkte, als er ihm helfen wollte, unter dem Staub Darstellungen von Personen.