Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass

Part 7

Chapter 73,567 wordsPublic domain

Er stürzte unter dem Buchengange davon, während er mit seinem Stocke gestikulierte.

Als Pécuchet nach Hause kam, war Bouvard selbst in großer Aufregung.

Soeben war Foureau bei ihm gewesen, der wegen seiner Hämorrhoiden in allen Zuständen war. Vergebens hatte er ihm vorgestellt, daß sie vor allen Krankheiten schützen. Foureau, der keine Vernunft annehmen wollte, hatte ihm mit einer Schadenersatzklage gedroht. Bouvard verlor den Kopf darüber.

Pécuchet erzählte ihm seine eigene Angelegenheit, die er für ernster hielt, -- und er war ein wenig durch Bouvards Teilnahmlosigkeit vor den Kopf gestoßen.

Am folgenden Tage hatte Gouy einen Schmerz im Unterleib. Das konnte von der Einführung von Nahrung herrühren. Vielleicht hatte sich Vaucorbeil doch nicht getäuscht? Ein Arzt muß sich letzten Endes darin auskennen! Und Gewissensbisse quälten Pécuchet. Er hatte Angst, sich an einem Menschenleben vergangen zu haben.

Aus Vorsicht gaben sie dem Buckligen den Laufpaß. Aber wegen des Frühstücks, das ihm nun entging, fing seine Mutter einen großen Lärm an. Es sei nicht der Mühe wert gewesen, sie jeden Tag von Barneval nach Chavignolles gelockt zu haben!

Foureau beruhigte sich, und Gouy kam wieder zu Kräften. Zurzeit war seine Wiederherstellung sicher: ein solcher Erfolg machte Pécuchet kühn.

„Wenn wir uns mit Hilfe eines jener künstlichen Körper an die Entbindungen machten...“

„Ich habe die künstlichen Körper satt!“

„Es sind Halbkörper aus Leder, die man für die Hebammenschülerinnen erfunden hat. Ich glaube, ich würde den Fötus umdrehen können!“

Aber Bouvard war der Medizin müde.

„Die Triebfedern des Lebens sind uns verborgen, die Krankheiten zu zahlreich, die Heilmittel von zweifelhafter Wirkung, -- und man findet in den Büchern keine vernünftige Definition der Gesundheit, der Krankheit, der Diathese, nicht einmal des Eiters!“

Indessen hatte die ganze Lektüre ihr Hirn verwirrt.

Bouvard bildete sich gelegentlich einer Erkältung ein, daß eine Lungenentzündung bei ihm im Anzuge sei. Da Blutegel die Seitenstiche nicht gemildert hatten, nahm er seine Zuflucht zu einem Blasenpflaster, dessen Wirkung sich auf die Nieren schlug. Da glaubte er sich von Gallensteinen bedroht.

Pécuchet bekam beim Auslichten des Laubenganges den Fluß in die Glieder und gab darnach seine Mahlzeit wieder von sich, was ihn sehr erschreckte; als er dann bemerkte, daß seine Hautfarbe ein wenig gelb war, argwöhnte er eine Krankheit der Leber und fragte sich:

„Habe ich Schmerzen?“

Und kam dann schließlich dahin, welche zu haben.

Während sie sich gegenseitig trübsinnig machten, betrachteten sie ihre Zunge, fühlten sich den Puls, griffen zu einem andern Mineralwasser, nahmen Abführmittel, -- und hatten Furcht vor Kälte, Hitze, Wind, Regen, Fliegen und besonders vor der Zugluft.

Pécuchet bildete sich ein, der Gebrauch der Prise könnte schlimme Folgen haben. Übrigens bewirkte das Niesen zuweilen ein Aderplatzen, -- und er gab das Schnupfen auf. Gewohnheitsmäßig griff er mit den Fingern in die Tabakdose; dann erinnerte er sich plötzlich seines Leichtsinns.

Da schwarzer Kaffee die Nerven aufregt, wollte Bouvard auf seine kleine Tasse verzichten; aber er schlief nach den Mahlzeiten ein und wurde beim Erwachen von Schrecken ergriffen, denn der verlängerte Schlaf ist eine drohende Ankündigung des Schlagflusses.

Ihr Ideal war Cornaro, jener venezianische Edelmann, der kraft einer geregelten Lebensweise ein äußerst hohes Alter erreichte. Ohne ihn vollständig zum Vorbild zu nehmen, kann man dieselben Vorsichtsmaßregeln anwenden, und Pécuchet entnahm seiner Bibliothek ein Handbuch der Hygiene von Dr. Morin.

Wie hatten sie es nur angestellt, bis dahin zu leben? Die Gerichte, die sie liebten, waren in dem Buche untersagt. Germaine wußte in ihrer Verlegenheit nicht, was sie ihnen vorsetzen sollte.

Jedes Fleisch hat seine schlimmen Folgen. Rotwurst und kalter Aufschnitt, saurer Hering, Hummer und Wild sind „widerspenstig“. Je größer ein Fisch ist, desto mehr Gallerte besitzt er und desto unverdaulicher ist er. Die Gemüse verursachen saures Aufstoßen, die Makkaroni erzeugen Träume, die Käse sind, „im allgemeinen betrachtet, von schwieriger Verdauung“. Ein Glas Wasser am Morgen ist „gefährlich“. Jedem Getränk oder Nahrungsmittel folgte ein ähnlicher Hinweis oder eins der Worte: „schädlich!“ -- „man hüte sich vor dem Zuviel!“ -- „bekommt nicht jedermann!“ -- Warum schädlich? Wo ist das Zuviel? Wie wissen, ob diese Sache einem bekommt?

Welch ein Problem war nicht das Frühstück! Sie verzichteten auf den Milchkaffee wegen seines schrecklichen Rufes und dann auf die Schokolade; -- denn sie ist „eine Anhäufung von unverdaulichen Stoffen“. Blieb also der Tee. Aber „nervöse Leute müssen sich ihn vollständig versagen“. Indessen verordnete im siebzehnten Jahrhundert Decker zwanzig Dekaliter täglich davon, um die Sümpfe der Bauchspeicheldrüse zu reinigen.

Dieser Aufschluß erschütterte ihre Achtung vor Morin, und das um so mehr, als er alle Kopfbedeckungen, Hüte, Mützen und Kappen verwirft, eine Forderung, die Pécuchet empörte.

Da erstanden sie die Abhandlung von Becquerel, woraus sie sahen, daß das Schwein an sich „ein gutes Nahrungsmittel“, der Tabak von vollständiger Unschädlichkeit und der Kaffee „Militärpersonen unerläßlich“ ist.

Bis dahin hatten sie an die Ungesundheit feuchter Orte geglaubt. Weit gefehlt! Casper erklärt sie für weniger todbringend als andere. Man badet nicht im Meer, ohne seine Haut erfrischt zu haben. Bégin will, daß man sich in vollem Schweiß hineinwirft. Der unvermischte Wein nach der Suppe gilt für ausgezeichnet für den Magen. Levy wirft ihm vor, die Zähne zu verderben. Und endlich die Unterjacke, dieser Schirm, dieser Gesundheitsschutz, dieses teure Palladium Bouvards, das auch von Pécuchet unzertrennlich war, ohne Umschweife und ohne Furcht vor der allgemeinen Meinung widerraten es die Verfasser vollblütigen und sanguinischen Menschen.

Was ist dann die Hygiene?

„Wahrheit diesseits der Pyrenäen, Irrtum jenseits,“ versichert Herr Levy, und Becquerel fügte hinzu, sie sei keine Wissenschaft.

Da bestellten sie für ihr Diner Austern, eine Ente, Schweinefleisch mit Kraut, Creme, einen Pont-l’Evêque und eine Flasche Burgunderwein. Das war eine Befreiung, fast eine Vergeltung -- und sie machten sich über Cornaro lustig! Mußte man dumm sein, um sich wie er zu tyrannisieren! Wie niedrig, stets nur an die Verlängerung des Daseins zu denken! Das Leben ist nur gut, insoweit man es genießt!

„Noch ein Stück?“

„Ich bin nicht abgeneigt.“

„Ich auch nicht!“

„Auf deine Gesundheit!“

„Auf die deinige!“

„Und kümmern wir uns den Teufel um das übrige!“

Sie gerieten in Stimmung.

Bouvard verkündete, er werde drei Tassen Kaffee trinken, obgleich er keine Militärperson sei. Pécuchet schnupfte, die Mütze auf den Ohren, einmal nach dem andern und nieste ohne Furcht; und da ihnen der Geschmack nach Champagner stand, befahlen sie Germaine, sogleich ins Wirtshaus zu gehen, um ihnen eine Flasche zu holen. Das Dorf sei zu weit. Sie weigerte sich. Pécuchet war entrüstet:

„Ich fordere Sie auf, hören Sie! Ich fordere Sie auf, hinzulaufen!“

Sie gehorchte, jedoch brummend und entschlossen, bald ihre Herren zu verlassen, so unbegreiflich und wunderlich waren sie.

Dann gingen sie wie früher, den Kaffee auf dem Aussichtspunkt einzunehmen.

Die Ernte war soeben beendet -- und die Heuhaufen hoben sich auf den Feldern in schwarzen Massen vor der Dunkelheit der bläulichen und milden Nacht. Die Höfe lagen in Schweigen. Man hörte nicht einmal die Grillen. Das ganze Gefilde schlummerte. Sie verdauten, die Brise einatmend, die ihre Wangen kühlte.

Der weite Himmel war mit Sternen besät; einige glänzten in Gruppen, andere kettenförmig hintereinander, oder sie standen auch einzeln in weiten Zwischenräumen. Eine Zone von leuchtendem Staub, die von Norden nach Süden ging, gabelte sich über ihren Köpfen. Zwischen diesen leuchtenden Stellen waren weite leere Räume, -- und das Firmament schien ein Meer von Azur mit Archipeln und Inselchen.

„Welch eine Unmenge!“ rief Bouvard aus.

„Wir sehen nicht alles!“ fuhr Pécuchet fort. „Hinter der Milchstraße gibt es Nebelflecke; jenseits der Nebelflecke wieder Sterne. Der nächste ist von uns dreihundert Milliarden von Myriametern entfernt.“

Er hatte oft durch das Teleskop auf dem Vendômeplatze geblickt und erinnerte sich der Zahlen.

„Die Sonne ist eine Million mal größer als die Erde, Sirius hat die zwölffache Größe der Sonne, die Kometen haben eine Länge von vierunddreißig Millionen Meilen!“

„Das ist um verrückt zu werden!“ sagte Bouvard.

Er beklagte seine Unwissenheit und bedauerte sogar, in seiner Jugend nicht auf der polytechnischen Schule gewesen zu sein.

Da drehte Pécuchet ihn gegen den Großen Bären und zeigte ihm den Polarstern, dann Kassiopeia, deren Konstellation ein Y bildet, Wega aus dem Sternbild der Leier, hell funkelnd, und, ganz unten am Horizont, den roten Aldebaran.

Bouvard verfolgte mit zurückgelegtem Kopf mühsam die Dreiecke, Vierecke und Fünfecke, die man sich denken muß, um sich am Himmel zurechtzufinden.

Pécuchet fuhr fort:

„Die Schnelligkeit des Lichtes beträgt achtzigtausend Meilen in der Sekunde. Ein Strahl der Milchstraße gebraucht sechshundert Jahre, um zu uns zu gelangen. So kann ein Stern zu der Zeit, wo man ihn beobachtet, verschwunden sein. Mehrere erscheinen nur zuzeiten, andere kehren nie wieder, -- und sie ändern ihre Stellung; das alles bewegt sich, das alles zieht vorüber.“

„Doch die Sonne ist unbeweglich!“

„So glaubte man ehemals. Aber heute verkünden die Gelehrten, daß sie dem Sternbild des Herkules entgegeneilt!“

Das störte Bouvard in seinen Ideen; -- und nach minutenlangem Nachdenken:

„Die Wissenschaft gründet sich auf die an einer Ecke des Weltraumes gegebenen Verhältnisse. Vielleicht stimmt sie nicht mit dem ganzen Rest überein, von dem man nichts weiß, der viel größer ist und den man nicht erforschen kann.“

So plauderten sie, auf dem Schneckenberg stehend, beim Scheine der Sterne, und ihre Reden waren von langem Schweigen unterbrochen.

Schließlich legten sie sich die Frage vor, ob es Menschen auf den Sternen gäbe. Warum nicht? Und da die Schöpfung überall im Einklang steht, so mußten die Bewohner des Sirius ungeheuer groß, die des Mars von mittlerem Wuchs, die der Venus sehr klein sein. Vorausgesetzt, daß es nicht überall dasselbe war. Es gibt dort oben Kaufleute, Gendarmen; man treibt dort Handel, schlägt sich und entthront Könige.

Einige Sternschnuppen glitten plötzlich herab, am Himmel die Bahn einer ungeheuren Rakete beschreibend.

„Sieh da,“ sagte Bouvard, „das sind Welten, die untergehen.“

Pécuchet fuhr fort:

„Wenn die unsrige einen solchen Luftsprung machte, würden die Bewohner der Sterne nicht mehr ergriffen sein, als wir es jetzt sind. Derartige Gedanken treiben einem den Hochmut aus.“

„Welches ist der Zweck von alldem?“

„Vielleicht gibt es keinen Zweck.“

„Indessen...“

Und Pécuchet wiederholte zwei- oder dreimal „indessen“, ohne weitere Worte zu finden.

„Gleichviel, ich möchte gerne wissen, wie das Weltall entstanden ist.“

„Das muß sich bei Buffon finden,“ antwortete Bouvard, dessen Augen zufielen.

„Ich kann nicht mehr, ich lege mich ins Bett.“

Die „Epochen der Natur“ belehrten sie, daß ein Komet dadurch, daß er gegen die Sonne stieß, einen Teil von ihr abgelöst hatte, der die Erde wurde. Zuerst hatten sich die Pole abgekühlt. Der Erdball war ganz von Wassern eingenommen; sie hatten sich in die Höhlungen verlaufen; dann lösten sich die Erdteile voneinander, die Tiere und der Mensch erschienen.

Die Größe der Schöpfung setzte sie in ein Staunen, das grenzenlos war wie das Weltall selbst.

Ihr Gesichtskreis erweiterte sich. Sie waren stolz darauf, über so bedeutende Gegenstände nachzudenken.

Die Steinarten fingen bald an, sie zu ermüden, und um sich zu zerstreuen, nahmen sie ihre Zuflucht zu den „Harmonien“ Bernardin de Saint-Pierres.

Harmonien im Pflanzen- und Erdreich, im Reich der Lüfte, des Wassers, menschliche, brüderliche und sogar eheliche Harmonien, alles kam darin vor; es fehlten nicht die Anrufungen an die Venus, an die Söhne des Zephyrus und die Liebesgötter. Sie staunten darüber, daß die Fische Flossen, die Vögel Flügel, die Samenkörner eine Hülle hatten; ganz erfüllt wie sie von dieser Philosophie waren, die in der Natur tugendhafte Absichten erblickt und sie als eine Art von heiligem Vinzenz von Paula betrachtet, dessen einzige Beschäftigung ist, Wohltaten auszuteilen!

Dann bestaunten sie die Naturwunder, die Windhosen, Vulkane, Urwälder, und sie kauften das Werk des Herrn Depping über „Die Sehenswürdigkeiten und Schönheiten der Natur in Frankreich“. Cantal besitzt ihrer drei, Hérault fünf, Burgund nicht mehr als zwei, während der Dauphiné für sich allein bis zu fünfzehn Sehenswürdigkeiten zählt. Doch bald werden sie verschwunden sein. Die Stalaktitengrotten schließen sich, die feuerspeienden Berge verlöschen, die natürlichen Gletscher erwärmen sich und die alten Bäume, in denen man die Messe las, fallen unter dem Handbeil der Vermesser oder sind am Absterben.

Dann wandte sich ihre Wißbegierde den Tieren zu.

Sie schlugen wieder ihren Buffon auf und gerieten über den seltsamen Geschmack gewisser Tiere in Entzücken.

Doch alle Bücher wiegen nicht eine persönliche Beobachtung auf; sie traten in die Höfe und fragten die Landarbeiter, ob sie gesehen hätten, daß Stiere sich zu Stuten gesellten, daß Schweine Kühe suchten, und daß die männlichen Rebhühner untereinander Schändlichkeiten begingen.

„Nie im Leben.“

Man fand diese Fragen für Herren ihres Alters sogar etwas schnurrig.

Sie wollten anormale Kreuzungen versuchen.

Die geringsten Schwierigkeiten macht die Kreuzung zwischen Ziegenbock und Schaf. Ihr Pächter besaß keinen Bock, eine Nachbarin stellte den ihrigen zur Verfügung, und nachdem die Zeit der Brunst gekommen war, schlossen sie die beiden Tiere in das Kelterhaus, während sie sich selbst hinter den Fässern verbargen, damit das Ereignis in Frieden vor sich gehen konnte.

Jedes der Tiere fraß zuerst seinen kleinen Heuvorrat, dann käuten sie wieder; das Schaf legte sich nieder und blökte ohne Aufhören, während der Bock, aufrecht auf seinen schiefen Beinen, mit seinem langen Barte und seinen herabhängenden Ohren seine Augäpfel auf sie einstellte, die im Dunkeln leuchteten.

Am dritten Abend endlich hielten sie es für angemessen, der Natur zu Hilfe zu kommen; aber der Bock wandte sich gegen Pécuchet und versetzte ihm einen Stoß mit den Hörnern gegen den Unterleib. Das Schaf, von Furcht erfaßt, begann im Kelterhaus wie in einer Reitbahn sich im Kreise zu drehen. Bouvard rannte hinter ihm her, warf sich darauf, um es festzuhalten, und fiel mit einigen Bündeln Wolle in den Händen auf die Erde.

Sie erneuerten ihre Versuche mit Hühnern und einem Enterich, mit einer Dogge und einer Sau, in der Hoffnung, daß ungeheuerliche Wesen aus solchen Kreuzungen hervorgehen würden, denn sie begriffen nichts von der Frage der Art.

Dieses Wort bezeichnet eine Gruppe von Wesen, deren Nachkommen sich fortpflanzen; jedoch vermögen Tiere, die als verschiedene Arten klassifiziert sind, sich fortzupflanzen, während andere, die zu derselben Art gehören, diese Fähigkeit verloren haben.

Sie schmeichelten sich, Klarheit darüber zu erlangen, wenn sie die Entwicklung der Keime studierten, und Pécuchet schrieb an Dumouchel wegen eines Mikroskops.

Abwechselnd legten sie auf die Glasplatte Haare, Tabak, Nägel, einen Fliegenfuß; aber sie hatten den unerläßlichen Tropfen Wasser vergessen; dann wieder lag es an der kleinen Lamelle, und sie stießen sich, verrückten das Instrument; als sie schließlich nichts als Nebel wahrnahmen, wurde dem Optiker die Schuld gegeben. Es kamen ihnen zuletzt Zweifel am Mikroskop. Die Entdeckungen, die man ihm zuschreibt, sind wohl nicht so positiver Art.

Als Dumouchel ihnen die Rechnung übersandte, bat er sie, für ihn Ammonshörner und Seeigel zu sammeln; er sei ein Liebhaber solcher Merkwürdigkeiten, und diese kämen in ihrer Gegend häufig vor. Um ihr Interesse an der Geologie zu erregen, sandte er ihnen die „Briefe“ Bertrands mit den „Reden Cuviers“ über die Umwälzungen des Erdballs.

Als sie beide Bücher gelesen hatten, bildeten sich folgende Dinge in ihrer Einbildungskraft:

Zuerst eine ungeheure Wasserfläche, aus der die mit Flechten bedeckten Vorgebirge hervortauchten, und nicht ein Lebewesen, nicht ein Laut. Es war eine Welt des Schweigens, der Regungslosigkeit und Nacktheit; dann schaukelten sich lange Pflanzen in einem Nebel, der dem Dampf eines heißen Bades glich. Eine feuerrote Sonne überhitzte die feuchte Atmosphäre. Dann erfolgten Ausbrüche von Vulkanen, feurige Felsstücke stoben von den Bergen, und die Porphyr- und Basaltlava, die herabfloß, erstarrte. Drittes Bild: in Meeren von geringer Tiefe sind Koralleninseln über den Spiegel gewachsen; hier und da überragt sie eine Gruppe von Palmen. Da sind Muscheln, so groß wie Wagenräder, Schildkröten von drei Meter Umfang, Eidechsen von sechzig Fuß Länge; zwischen dem Schilf recken Amphibien ihren Straußenhals mit Krokodilsrachen; geflügelte Schlangen fliegen davon. Zuletzt erschienen auf den zusammenhängenden Landmassen die großen Säugetiere mit Gliedern, mißgestaltet wie schlecht behauene Holzstücke, mit einer Haut, dicker als Bronzeplatten, oder auch mit zottigem Fell, dicken Lippen, Mähnen und gekrümmten Hauern. Mammutherden weideten auf den Ebenen, die später das Atlantische Meer bedeckte; das Urwelttier, halb Pferd, halb Tapir, durchwühlte mit seiner Schweineschnauze die Ameisenhaufen von Montmartre, und der Cervus giganteus erzitterte unter den Kastanienbäumen beim Klange der Stimme des Höhlenbären, der den Hund von Beaugency, der dreimal so groß als ein Wolf war, in seiner Höhle bellen machte.

Alle diese Epochen waren voneinander durch Erdumwälzungen getrennt, deren letzte unsere Sündflut ist. Es war wie ein Feenstück in mehreren Akten, dessen Apotheose der Mensch war.

Sie waren starr, als sie hörten, daß es auf Steinen Abdrücke von Libellen, von Vogelfüßen gibt; und nachdem sie eines der Handbücher Rorets durchgeblättert hatten, suchten sie fossile Überreste.

Als sie eines Nachmittags auf der Landstraße Kiesel umwendeten, kam der Herr Pfarrer vorbei und redete sie mit süßlicher Stimme an:

„Die Herren befassen sich mit Geologie? Ausgezeichnet!“

Denn er schätzte die Wissenschaft. Sie bestärke das Gewicht der Schrift dadurch, daß sie die Sündflut beweise.

Bouvard sprach von Koprolithen, was versteinerte Tierexkremente seien.

Der Abbé Jeufroy schien von der Tatsache überrascht; wenn sie bestand, so war das schließlich nur ein Grund mehr, die Vorsehung zu bewundern.

Pécuchet gestand, daß ihre Nachforschungen bisher nicht von Erfolg gewesen seien; und doch mußten in der Umgegend von Falaise wie in allen jurakalkhaltigen Erdlagen tierische Überreste in Menge vorhanden sein.

„Ich habe sagen hören,“ erwiderte der Abbé Jeufroy, „daß man früher in Villers den Kinnbacken eines Elefanten gefunden hat.“ Übrigens würde ihnen einer seiner Freunde, Herr Larsoneur, Rechtsanwalt, Mitglied der Advokatur von Lisieux und Archäologe, Auskunft geben können! Er habe eine Geschichte von Port-en-Bessin geschrieben, in der die Entdeckung eines Krokodils verzeichnet war.

Bouvard und Pécuchet wechselten einen Blick; die gleiche Hoffnung war ihnen gekommen; und trotz der Hitze blieben sie lange stehen und fragten den Geistlichen aus, der sich mit einem Schirm aus blauer Baumwolle schützte. Die untere Partie seines Gesichtes war etwas plump, dazu hatte er eine spitze Nase; er lächelte beständig oder neigte den Kopf, während er die Augen schloß.

Von der Kirche her erscholl das Angelusläuten.

„Recht guten Abend, meine Herren! Sie gestatten, nicht wahr?“

Durch ihn empfohlen, warteten sie drei Wochen hindurch auf die Antwort Larsoneurs. Endlich kam sie.

Der Mann aus Villers, welcher den Mastodonzahn ausgegraben hatte, hieß Louis Bloche; nähere Einzelheiten fehlten. Was seine Geschichte anlange, so fülle sie einen der Bände der Akademie von Lisieux, und er verleihe sein Exemplar auf keinen Fall, aus Furcht, die Sammlung ihrer Vollständigkeit zu berauben. Was den Alligator anginge, so hätte man ihn im Monat November des Jahres 1825 unter den Klippen von les Hachettes zu Sainte-Honorine in der Nähe von Port-en-Bessin im Kreise Bayeux entdeckt. Es folgten die üblichen Höflichkeitsbezeugungen.

Das Dunkel, das über dem Mastodon lag, reizte Pécuchet. Er hätte sich gerne sogleich nach Villers aufgemacht.

Bouvard wandte dagegen ein, um sich eine vielleicht nutzlose und sicherlich kostspielige Reise zu ersparen, sei es zweckdienlich, Erkundigungen einzuziehen -- und sie schrieben dem Bürgermeister des Ortes einen Brief, in dem sie anfragten, was aus einem gewissen Louis Bloche geworden sei. Konnten, den Fall seines Todes angenommen, seine Nachkommen oder Seitenverwandten sie über seine kostbare Entdeckung unterrichten? Als er sie machte, an welcher Stelle der Gemeinde ruhte da dieses Zeugnis der Urzeiten? Hatte man Aussicht, ähnliche Funde zu machen? Was verlangte ein Mann mit Wagen für den Tag?

Sie mochten sich noch so viel an den Beigeordneten, dann an den ersten Stadtrat wenden, sie erhielten keine Antwort aus Villers. Gewiß waren die Einwohner eifersüchtig in betreff ihrer Fossilien. Wofern sie sie nicht an die Engländer verkauften. Die Reise nach les Hachettes wurde beschlossen.

Bouvard und Pécuchet nahmen die Post von Falaise nach Caen. Dann brachte sie eine Halbkutsche von Caen nach Bayeux; von Bayeux gingen sie zu Fuß nach Port-en-Bessin.

Man hatte sie nicht getäuscht. Die Küste von les Hachettes zeigte eigentümliche Geschiebe, und mit Hilfe der Anweisungen des Wirtes erreichten sie den Strand.

Da Ebbe war, so lag das ganze Geröll nebst einer Ebene von Tang bis zu den Fluten offen vor ihnen.

Grasbewachsene Hügelbildungen schnitten die Klippen ab, die aus weicher brauner Erde bestanden und die, in ihren tieferen Lagen sich verhärtend, zu einem Mauerwerk von grauem Gestein wurden. Kleine Rinnsale kamen beständig von ihnen herab, während in der Ferne das Meer rollte. Zuweilen schien sein Wellenschlag auszusetzen; und man hörte nur noch das leise Geräusch der Quellen.

Sie schwankten auf klebrigem Gras, oder sie mußten über Löcher springen. Bouvard setzte sich an das Ufer und betrachtete die Wogen, ohne Gedanken, gefesselt, wie leblos. Pécuchet führte ihn zu dem Küstenhang zurück, um ihm ein in den Felsen eingewachsenes Ammonshorn zu zeigen, das darin saß, wie ein Diamant in seinem Muttergestein. Ihre Nägel zersplitterten daran, man hätte Werkzeuge haben müssen; zudem kam die Nacht. Der Himmel war im Westen purpurfarbig und der ganze Strand in Dunkel gehüllt. Inmitten des schwarzen Seegrases dehnten sich Wasserpfützen. Das Meer stieg; es war Zeit zurückzukehren.

Am folgenden Morgen machten sie sich, sobald es Tag war, mit einer Hacke und einem spitzen Eisen an ihr Fossil, dessen Hülle absprang. Es war ein „Ammonites nodosus“, der an den Enden schadhaft war, aber gut sechzehn Pfund wog; und Pécuchet rief in seiner Begeisterung aus: „Wir müssen ihn unbedingt Dumouchel schenken!“

Dann trafen sie auf Tiere vom Badeschwamm, Lochmuscheln, Butzkopf, aber auf kein Krokodil! In seiner Ermangelung hofften sie das Rückgrat eines Hippopotamus oder Ichthyosaurus, gleichviel welchen Knochen, aus der Zeit der Sündflut zu finden, als sie in Mannshöhe an der Klippe Umrisse wahrnahmen, die die Gestalt eines riesenhaften Fisches darstellten.

Sie berieten, auf welche Weise sie ihn bekommen könnten.

Bouvard sollte ihn oben frei machen, während Pécuchet von unten das Gestein lockern sollte, um ihn sanft ohne Beschädigung herabzulassen.

Als sie Atem schöpften, sahen sie über sich auf dem Felde einen Zollbeamten im Mantel, der gebieterisch gestikulierte.

„Ach was! Laß uns in Frieden, zum Teufel!“ Und sie setzten ihre Arbeit fort; Bouvard auf den Zehenspitzen mit der Hacke klopfend; Pécuchet in gebückter Stellung mit seinem Eisen höhlend.