Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass
Part 6
Bouvard erhob Einwendungen, und er glaubte sich zu erinnern, daß man für den Gebrauch in heißen Ländern künstliche Leichname herstelle.
Barberou, dem er schrieb, gab ihm Auskunft darüber. Für zehn Franken im Monat konnte man einen dieser Kerle des Herrn Auzoux haben, und in der folgenden Woche setzte der Bote von Falaise eine längliche Kiste vor ihrem Gittertor nieder.
Ganz erregt beförderten sie sie ins Waschhaus. Als die Nägel aus den Brettern gezogen waren, fiel das Stroh ab, Hüllen aus Seidenpapier glitten herab, die Gliederpuppe lag vor ihnen.
Sie war ziegelrot, ohne Haar, ohne Haut, mit unzähligen blauen, roten und weißen Linien, die ihr ein buntes Aussehen gaben. Das ähnelte keineswegs einem Leichnam, sondern einer Art von sehr häßlichem, sehr sauberem Spielzeug, das nach Lack roch.
Dann nahmen sie die Brust ab, und sie bemerkten die beiden Lungen, die zwei Schwämmen glichen; ferner das Herz, das wie ein großes Ei aussah, ein wenig zur Seite nach hinten; das Zwerchfell, die Nieren, die ganze Masse der Eingeweide.
„An die Arbeit!“ sagte Pécuchet.
Der Tag und der Abend gingen damit hin.
Sie hatten Kittel angelegt, wie die Studenten der Medizin in den Seziersälen, und beim Scheine von drei Kerzen arbeiteten sie mit ihren Pappstücken, als ein Faustschlag die Tür erschütterte. „Machen Sie auf!“
Es war Herr Foureau in Begleitung des Feldhüters.
Germaines Herren hatten sich darin gefallen, ihr den künstlichen Mann zu zeigen. Sie war sogleich zum Krämer gelaufen, ihm die Sache zu erzählen, und das ganze Dorf glaubte jetzt, daß sie in ihrem Hause einen wirklichen Toten bargen. Foureau, der dem allgemeinen Gerede Glauben schenkte, kam, um sich von der Tatsache zu überzeugen; Neugierige standen im Hof.
Als er eintrat, lag die Gliederpuppe auf der Seite, und da die Gesichtsmuskeln abgenommen waren, quoll das Auge ungeheuerlich hervor, hatte etwas Furchtbares.
„Was führt sie zu uns?“ sagte Pécuchet.
Foureau stotterte:
„Nichts, gar nichts.“
Und indem er einen der auf dem Tische liegenden Teile in die Hand nahm, fragte er:
„Was ist das?“
„Der Trompetermuskel,“ erwiderte Bouvard.
Foureau schwieg, aber er lächelte spöttisch, eifersüchtig darauf, daß sie eine Zerstreuung hatten, die über seinen Gesichtskreis hinausging.
Die beiden Anatomen gaben sich den Anschein, ihre Untersuchungen fortzusetzen. Die Leute, die sich auf der Schwelle langweilten, waren in das Waschhaus eingedrungen, und da man sich etwas drängte, erzitterte der Tisch.
„Ah! das ist zu stark!“ schrie Pécuchet. „Schaffen Sie uns das Publikum vom Halse!“
Der Feldhüter sorgte für den Abzug der Neugierigen.
„So ist’s recht!“ sagte Bouvard, „wir bedürfen niemandes.“
Foureau verstand den Wink, und er fragte Bouvard, ob sie das Recht hätten, einen solchen Gegenstand in ihrem Hause zu haben, da sie keine Ärzte seien? Übrigens würde er dem Präfekten davon Mitteilung machen. -- Welch ein Land! Man konnte nicht dümmer, barbarischer und rückständiger sein. Der Vergleich, den sie zwischen sich und den anderen anstellten, tröstete sie; ihr Ehrgeiz dürstete danach, für die Wissenschaft zu leiden.
Auch der Arzt besuchte sie. Er urteilte abfällig über die Gliederpuppe als etwas, das sich zu weit von der Natur entferne, doch benutzte er die Gelegenheit, zu dozieren.
Bouvard und Pécuchet waren entzückt, und Herr Vaucorbeil lieh ihnen auf ihren Wunsch mehrere Bände seiner Bibliothek, wobei er indessen versicherte, sie würden sie nicht zu Ende lesen.
Aus dem „Dictionnaire des Sciences médicales“ merkten sie sich die besonderen Fälle von Niederkünften, Langlebigkeit, außerordentlicher Fettleibigkeit und Verstopfung. Wie schade, daß sie nicht den berühmten Kanadier von Beaumont, die Vielfraße Tarare und Bijou, die wassersüchtige Frau aus dem Eure-Departement, den Piemontesen, der alle zwanzig Tage aufs Klosett ging, Simon von Mirepoix, der verknöchert starb, und jenen ehemaligen Bürgermeister von Angoulême, dessen Nase drei Pfund wog, gekannt hatten!
Das Gehirn veranlaßte sie zu philosophischen Betrachtungen. Sie unterschieden sehr deutlich im Innern das Septum lucidum, das aus zwei Lamellen besteht, und die Zirbeldrüse, die einer roten Erbse ähnelt; doch es gab Protuberanzen und Kammern, Bögen, Pfeiler, Etagen, Nervenknoten und Adern aller Art, und das Pacchionische Foramen und das Pacinische Körperchen, kurz, eine unentwirrbare Ansammlung, genug, um sie ihr ganzes Leben zu beschäftigen.
Zuweilen nahmen sie in einer Anwandlung von Begeisterung den Leichnam vollständig auseinander und waren dann in Verlegenheit, die Teile wieder an den rechten Platz zu setzen.
Das war eine harte Arbeit, besonders nach dem Frühstück, und sie zögerten nicht einzuschlummern, Bouvard mit gesenktem Kinn und vorgestrecktem Bauch, Pécuchet den Kopf in den Händen, die beiden Ellbogen auf den Tisch gestützt.
Häufig schaute in diesem Augenblicke Herr Vaucorbeil, der seine ersten Besuche gemacht hatte, durch die Tür.
„Nun, Kollegen, wie steht’s mit der Anatomie?“
„Vorzüglich,“ erwiderten sie.
Dann stellte er ihnen Fragen, aus Vergnügen, sie in Verwirrung zu setzen.
Wenn sie das eine Organ leid waren, gingen sie zum nächsten über, und sie nahmen so der Reihe nach Herz, Magen, Ohr und Eingeweide vor und ließen sie wieder liegen, denn der Pappekerl langweilte sie, trotz ihres Bemühens, sich für ihn zu interessieren. Schließlich überraschte sie der Arzt, wie sie ihn wieder in die Kiste nagelten.
„Bravo! Das habe ich erwartet!“
In ihrem Alter könne man solche Studien nicht mehr unternehmen, -- und das Lächeln, das diese Worte begleitete, verletzte sie tief.
Welches Recht hatte er, sie für unfähig zu halten? Gehörte etwa die Wissenschaft diesem Herrn, als wenn er selbst ein bedeutender Kopf wäre?
Sie nahmen also seine Herausforderung an und gingen bis nach Bayeux, um dort Bücher zu kaufen.
Was ihnen fehlte, war die Physiologie, und ein Buchhändler verschaffte ihnen die Abhandlungen von Richerand und Adelon, die zu jener Zeit berühmt waren.
Alle Gemeinplätze über Alter, Geschlecht und Temperament schienen ihnen von der höchsten Bedeutung; und sie waren glücklich, zu erfahren, daß es im Zahnstein drei Arten von Mikroben gibt, daß der Sitz des Geschmackes auf der Zunge ist und das Hungergefühl im Magen.
Sie bedauerten, daß sie nicht, um besser die Funktionen kennenzulernen, die Fähigkeit hatten, wiederzukäuen, wie sie Montègre, Herr Gosse und der Mönch von Bérard besessen hatten, und sie kauten langsam, zerkleinerten gründlich und vermischten mit Speichel, während sie in ihren Gedanken den Speisebrei in den Eingeweiden begleiteten, ihn sogar bis in seine letzten Zustände verfolgten, voll von methodischen Skrupeln, von einer fast religiösen Aufmerksamkeit.
Um künstlich die Verdauung hervorzubringen, stopften sie Fleisch in eine Phiole, in der sich der Magensaft einer Ente befand, und sie trugen sie vierzehn Tage lang unter ihrer Achselhöhle, ohne andern Erfolg als den, ihre Person zu infizieren.
Man sah sie in der Sonnenhitze mit ihren nassen Kleidern die Landstraße entlang laufen. Das geschah, um festzustellen, ob der Durst sich legt bei Anwendung von Wasser auf der Haut. Sie kehrten keuchend und beide mit einem Schnupfen zurück.
Gehör, Stimmbildung und Gesicht wurden hurtig erledigt; doch Bouvard verbreitete sich über die Frage der Zeugung.
Pécuchets Zurückhaltung in diesen Dingen hatte ihn immer überrascht. Die Ahnungslosigkeit seines Freundes schien ihm so vollständig, daß er ihn drängte, sich zu erklären, und Pécuchet machte schließlich errötend ein Geständnis.
Spaßvögel hatten ihn einst in ein übles Haus mitgeschleppt, von wo er fortgelaufen war, um sich für die Frau, die er später lieben würde, rein zu erhalten. Eine glückliche Gelegenheit hatte sich nie geboten, so daß er aus falscher Scham, Mangel an Geld, Furcht vor Krankheiten, Eigensinn, Gewohnheit, mit zweiundfünfzig Jahren trotz des Aufenthaltes in der Hauptstadt noch seine Jungfernschaft hatte.
Bouvard konnte es nur mit Mühe glauben, dann lachte er ungeheuer, hielt jedoch an, als er Tränen in Pécuchets Augen bemerkte; denn an Passionen hatte es diesem nicht gefehlt, da er sich der Reihe nach in eine Seiltänzerin, die Schwägerin eines Architekten, eine Bufettdame und zuletzt in eine kleine Wäscherin verliebt hatte; und die Ehe sollte schon geschlossen werden, als er entdeckte, daß sie von einem andern schwanger war.
Bouvard sagte zu ihm:
„Es ist immer möglich, das Versäumte wieder gut zu machen. Nun, gräme dich nicht. Ich übernehme.... wenn du willst.“
Pécuchet erwiderte seufzend, man müsse den Gedanken daran aufgeben; und sie setzten ihre Physiologie fort.
Ist es wahr, daß die Oberfläche unseres Körpers beständig einen feinen Dunst absondert? Das wird durch die Tatsache bewiesen, daß das Gewicht des Menschen mit jeder Minute abnimmt. Wenn jeden Tag ein Ersatz des Fehlenden und eine Entziehung des Überschüssigen stattfindet, muß die Gesundheit in vollkommenem Gleichgewicht erhalten bleiben. Sanctorius, der Erfinder dieses Gesetzes, verwandte ein halbes Jahrhundert darauf, täglich seine Nahrung wie alle seine Ausscheidungen zu wiegen, und er wog sich selbst und unterbrach sich dabei nur, um seine Berechnungen aufzuschreiben.
Sie versuchten, Sanctorius nachzuahmen. Doch da ihre Wage nicht beide zugleich tragen konnte, so fing Pécuchet an.
Er zog seine Kleider aus, um die Schweißabsonderung nicht zu hindern, und hielt sich vollständig nackt auf dem Wagebrett, wobei er trotz seiner Schamhaftigkeit seinen sehr langen, zylinderförmigen Rumpf nebst seinen kurzen Beinen, platten Füßen und brauner Haut sehen ließ. Auf einem Stuhle daneben sitzend las ihm sein Freund vor.
Die Gelehrten behaupten, daß die animalische Wärme sich durch die Zusammenziehung der Muskeln entwickelt und daß es möglich ist, die Temperatur eines warmen Bades zu erhöhen, wenn man die Brust und die Körperteile am Becken bewegt.
Bouvard holte ihre Badewanne, und als alles bereit war, tauchte er, mit einem Thermometer versehen, hinein.
Die Trümmer der Branntweinbrennerei, die man in den hinteren Teil des Raumes gefegt hatte, bildeten undeutlich einen kleinen Berg im Schatten. Zuzeiten hörte man das Knabbern der Mäuse; ein alter Geruch von aromatischen Pflanzen durchdrang die Luft, -- und da sie sich dort sehr wohl fühlten, plauderten sie mit Heiterkeit.
Indessen fühlte Bouvard eine leichte Kühle.
„Bewege deine Glieder!“ sagte Pécuchet.
Er bewegte sie, ohne etwas am Thermometer zu ändern. „Das ist ganz gewiß kalt.“
„Ich habe es auch nicht gerade warm!“ erwiderte Pécuchet, der selbst vor Frost zitterte. „Bewege doch die Beckengegend, bewege sie!“
Bouvard öffnete seine Schenkel, krümmte die Flanken, wiegte seinen Bauch, prustete wie ein Pottfisch, -- dann sah er auf das Thermometer, das immer sank. „Das geht über meinen Verstand! Ich bewege mich doch!“
„Nicht genug!“
Und er fing seine Übungen von neuem an.
Sie hatten drei Stunden gedauert, als er noch einmal das Thermometer in die Hand nahm.
„Wie, zwölf Grad! Ah! gute Nacht! Ich gehe heraus!“
Ein Hund kam herein, halb Dogge, halb Hühnerhund, mit braunem Fell, von Grind bedeckt; die Zunge hing ihm aus dem Maul.
Was tun? Eine Schelle war nicht zur Hand! Und ihre Magd war taub. Sie klapperten vor Frost, doch wagten sie nicht, sich zu rühren, aus Furcht, gebissen zu werden.
Pécuchet hielt es für angebracht, Drohungen auszustoßen, wobei er die Augen rollte.
Da bellte der Hund; -- und er sprang um die Wage, auf der Pécuchet, an die Stricke geklammert und die Knie beugend, sich so hoch wie möglich zu heben suchte.
„Das fängst du nicht richtig an!“ sagte Bouvard, und er begann den Hund anzulächeln und freundliche Worte zu ihm zu sprechen.
Der Hund verstand sie ohne Zweifel. Er wollte Bouvard liebkosen, legte seine Pfoten fest auf dessen Schultern und ritzte sie mit seinen Krallen.
„Da, sieh nur, jetzt hat er meine Hose fortgenommen!“
Er legte sich darauf und blieb ruhig.
Endlich wagten sie unter den größten Vorsichtsmaßregeln, der eine von der Wage herabzusteigen, der andere das Bad zu verlassen; -- und als Pécuchet wieder angekleidet war, entschlüpfte ihm der Ausruf:
„Du, mein guter Kerl, du wirst uns für unsere Versuche dienen.“
Für was für Versuche?
Man konnte ihm Phosphor einspritzen, ihn dann in den Keller sperren, um zu sehen, ob er Feuer aus den Nasenlöchern speien würde. Doch wie die Einspritzung machen? Und zudem würde man ihnen keinen Phosphor verkaufen.
Sie dachten daran, ihn unter eine pneumatische Glocke zu setzen, ihn Gase einatmen zu lassen, ihm als Getränk Gifte zu geben. Das alles würde vielleicht nicht lustig sein. Endlich wählten sie die Magnetisierung des Stahls durch die Berührung mit dem Rückenmark.
Bouvard, der seine Erregung niederkämpfte, hielt Pécuchet einen Teller mit Nadeln hin, die dieser am Rückgrat entlang einsteckte. Sie zerbrachen, entglitten der Hand, fielen zur Erde; er nahm andere und pflanzte sie aufs Geratewohl eilig hinein. Der Hund zerriß seine Fesseln, sauste wie eine Kanonenkugel durch die Scheiben, rannte durch den Hof, den Hausflur und erschien in der Küche.
Germaine fing an zu schreien, als sie ihn ganz blutüberströmt mit Bindfäden an den Pfoten erblickte.
Ihre Herren, die hinter ihm herrannten, kamen im selben Augenblick herein. Er machte einen Satz und war verschwunden.
Die alte Magd hielt ihnen eine Standrede.
„Das ist wieder eine von Ihren Verrücktheiten, das ist sicher! -- Und meine Küche, die ist sauber! -- Das wird ihn vielleicht toll machen! Man sperrt Leute ins Gefängnis, die Ihnen noch nicht gleichkommen!“
Und sie eilten ins Laboratorium, um die Nadeln zu versuchen.
Nicht eine einzige zog den kleinsten Feilspan an.
Dann beunruhigte sie Germaines Vermutung. Der Hund konnte die Tollwut bekommen, unversehens zurückkehren, sich auf sie stürzen.
Am folgenden Tage wandten sie sich nach allen Seiten, um Erkundigungen einzuziehen, -- und mehrere Jahre lang machten sie draußen einen Umweg, sobald ein Hund erschien, der jenem ähnelte.
Die übrigen Versuche mißglückten. Entgegen der Angabe der Verfasser starben die Tauben, denen sie ihr Blut abzapften, in demselben Zeitraum, gleichviel, ob ihr Magen voll oder leer war. Kleine Katzen verendeten, unter Wasser gehalten, nach Verlauf von fünf Minuten; und eine Gans, die sie mit Türkischrot gestopft hatten, zeigte eine vollkommen weiße Knochenhaut.
Die Ernährung beunruhigte sie.
Wie kommt es, daß derselbe Saft Knochen, Blut, Lymphe und die Ausscheidungsstoffe hervorbringt? Doch man kann die Verwandlungen eines Nahrungsmittels nicht verfolgen. Ein Mensch, der nur ein einziges verbraucht, ist in chemischer Hinsicht demjenigen gleich, der mehrere in sich aufnimmt. Vauquelin, der den ganzen Kalk berechnet hatte, der im Haferfutter eines Huhnes enthalten ist, fand mehr davon in den Schalen seiner Eier. Also findet eine Neuschaffung der Substanzen statt. Auf welche Weise? Darüber weiß man nichts.
Man weiß nicht einmal, wie groß die Kraft des Herzens ist. Borelli nimmt an, sie müsse groß genug sein, um ein Gewicht von hundertachtzigtausend Pfund zu heben, und Kiell schätzt sie auf ungefähr acht Unzen, woraus sie schlossen, daß die Physiologie (einem alten Wort zufolge) der Roman der Medizin ist. Da sie unfähig waren, sie zu verstehen, so glaubten sie nicht daran.
Ein Monat ging in Untätigkeit hin. Dann dachten sie an ihren Garten.
Der abgestorbene Baum, der mitten darin lag, war hinderlich; sie hieben ihn in Stücke. Die Arbeit ermüdete sie. Bouvard war sehr oft genötigt, sich seine Werkzeuge beim Schmied aufarbeiten zu lassen.
Als er sich eines Tages dorthin begab, vertrat ihm ein Mann mit einem Leinwandsack auf dem Rücken den Weg. Er bot ihm Almanache, fromme Bücher, geweihte Münzen, schließlich das „Handbuch der Gesundheit“ von François Raspail an.
Die kleine Schrift gefiel ihm so, daß er an Barberou schrieb, er möge ihm das große Werk schicken. Barberou sandte es und gab in seinem Briefe eine Apotheke für die Arzneimittel an.
Die Klarheit der Lehre bestach sie. Alle krankhaften Zustände rühren von Würmern her. Sie verderben die Zähne, höhlen die Lungen, verursachen Schwellungen der Leber, verheeren die Eingeweide und verursachen Geräusche darin. Das beste Mittel gegen die Würmer ist der Kampher. Bouvard und Pécuchet nahmen ihn in Gebrauch. Sie schnupften ihn, knabberten ihn und verteilten Zigaretten, Fläschchen mit Beruhigungswasser und Aloepillen. Sie unternahmen sogar die Behandlung eines Buckligen.
Es war ein Knabe, den sie an einem Jahrmarktstage zufällig gefunden hatten. Seine Mutter, ein Bettelweib, brachte ihn jeden Morgen zu ihnen. Sie rieben seinen Buckel mit kamphorisiertem Fett, legten zwanzig Minuten lang einen Senfumschlag darauf, bedeckten ihn dann mit Bleipflaster und gaben ihm, um sicher zu sein, daß er wiederkäme, zu frühstücken.
Während Pécuchet sich eifrig mit den Eingeweidewürmern beschäftigte, bemerkte er auf Frau Bordins Wange einen sonderbaren Fleck. Der Doktor behandelte sie seit langer Zeit mit Aufgüssen von bitteren Kräutern; anfangs rund wie ein Frankenstück, hatte dieser Fleck sich vergrößert und bildete einen rosigen Kreis. Sie wollten sie davon befreien. Sie willigte ein, aber unter der Bedingung, daß Bouvard ihr die Einreibungen mache. Sie setzte sich ans Fenster, hakte den oberen Teil ihrer Taille auf und verharrte mit gebeugter Wange, während sie ihn mit einem Blick ansah, der ohne Pécuchets Gegenwart gefährlich gewesen wäre. Trotz der Furcht vor Quecksilber wandten sie in den erlaubten Dosen Kalomel an. Einen Monat später war Frau Bordin geheilt.
Sie warb ihnen Anhänger, -- und der Steuereinnehmer, der Schreiber auf dem Bürgermeisteramt, sogar der Bürgermeister, alle Welt in Chavignolles lutschte Federkiele.
Indessen wurde der Bucklige nicht gerade. Der Steuereinnehmer gab die Zigarette auf, sie verstärkte seine Atemnot. Foureau beklagte sich über die Aloepillen, die ihm Hämorrhoiden verursachten, Bouvard hatte Magenschmerzen und Pécuchet fürchterliche Migränen. Sie verloren das Vertrauen zu Raspail, doch hüteten sie sich, etwas davon zu sagen, aus Furcht, ihr Ansehen zu verringern.
Und sie zeigten großen Eifer für die Schutzpockenimpfung, lernten an Kohlblättern zur Ader lassen und erstanden sogar einen Schnepper.
Sie begleiteten den Arzt zu den Armen und schlugen dann in ihren Büchern nach.
Die von den Verfassern vermerkten Symptome waren nicht die, welche sie soeben gesehen hatten. Die Krankheiten selber hatten lateinische, griechische, französische Namen, es war ein buntes Durcheinander aller Sprachen.
Man zählt sie nach Tausenden, und die Linnésche Klassifikation mit ihren Gattungen und Arten ist recht bequem; doch wie die Gattungen aufstellen? Da verirrten sie sich in die Philosophie der Medizin.
Sie sannen über die Urkraft Van Helmonts nach, über Vitalismus, Brownianismus, Organicismus; sie fragten den Doktor, woher der Skrofelkeim komme, wo sich die ansteckende Mikrobe festsetze, und sie wollten ein Mittel wissen, um in allen Krankheitsfällen Ursache und Wirkung unterscheiden zu können.
„Ursache und Wirkung vermengen sich,“ sagte Vaucorbeil.
Sein Mangel an Logik widerte sie an, und sie besuchten die Kranken ganz allein, indem sie sich unter dem Vorwande der Nächstenliebe in die Häuser einführten.
Hinten in den Zimmern lagen auf schmutzigen Kissen Leute, deren Gesicht nach einer Seite hing; bei andern war es aufgedunsen und von scharlachfarbener Röte oder zitronengelb oder auch violett; dazu spitze Nasen, zitternder Mund, Röcheln, Schlucksen, Schweiß, Ausdünstungen wie von Leder und altem Käse.
Sie lasen die Rezepte der Ärzte und waren ganz überrascht, daß die Beruhigungsmittel zuweilen Erregungsmittel, die Brechmittel Abführmittel seien, daß dieselbe Arznei für verschiedene Krankheiten gut sei und daß eine Krankheit unter entgegengesetzten Behandlungen schwinde.
Nichtsdestoweniger gaben sie Ratschläge, hoben den Mut, hatten die Kühnheit, die Brust zu behorchen.
Ihre Einbildungskraft war in Fluß. Sie schrieben an den König, man möge im Calvados eine Schule für Krankenpfleger errichten, die sie anlernen würden.
Sie begaben sich zum Apotheker von Bayeux (der von Falaise war ihnen noch gram wegen seiner Brustbeerenpaste), und sie drangen in ihn, gleich den Alten pila purgatoria herzustellen, das heißt Kügelchen aus Arzneimitteln, die dadurch, daß man sie in der Hand drehte, vom Individuum absorbiert wurden.
Gemäß dem Satze, daß man die Entzündungen vertreibt, wenn man das Fieber herabdrückt, hingen sie eine an Hirnhautentzündung leidende Frau mit ihrem Sessel an den Balken der Decke auf, und sie schaukelten sie aus Leibeskräften, als der Ehemann dazukam und sie zur Tür hinauswarf.
Schließlich hatten sie zum großen Ärgernis des Herrn Pfarrers die neue Mode angenommen, Thermometer in die After einzuführen.
Der Typhus nahm in der Umgegend überhand; Bouvard erklärte, er werde sich nicht damit befassen. Doch die Frau ihres Pächters Gouy kam jammernd zu ihnen. Ihr Mann sei seit vierzehn Tagen krank, und Vaucorbeil vernachlässige ihn.
Pécuchet opferte sich.
Linsenartige Flecke auf der Brust, Schmerzen in den Gelenken, aufgetriebener Leib, rote Zunge, das waren alle Anzeichen von Dothien-Enteritis. Er erinnerte sich des Raspailschen Wortes, daß man durch Aufgeben der Diät das Fieber unterdrückt, und er verordnete Bouillon, ein wenig Fleisch! Plötzlich erschien der Arzt.
Sein Kranker war beim Essen, zwei Kissen hinter dem Rücken, zwischen der Pächterin und Pécuchet, die ihn nötigten.
Vaucorbeil näherte sich dem Bett und warf den Teller zum Fenster hinaus, indem er rief:
„Das ist ja der reine Mord!“
„Warum?“
„Sie durchlöchern den Darm, da der Typhus eine Affektion der Drüsenschleimhaut ist.“
„Nicht immer!“
Und es erhob sich ein Streit über das Wesen der Fieber. Pécuchet glaubte an deren selbständige Natur. Vaucorbeil ließ sie von den Organen abhängig sein: „Auch halte ich alles fern, was irgendwie reizen kann!“
„Doch die Diät schwächt das vitale Prinzip!“
„Was schwatzen Sie da von vitalem Prinzip? Wie verhält es sich damit? Wer hat es gesehen?“
Pécuchet verwickelte sich in seine Worte.
„Übrigens“, sagte der Arzt, „will Gouy keine Nahrung.“
Der Kranke in seiner wollenen Mütze machte eine zustimmende Bewegung.
„Gleichviel! Er braucht sie!“
„Keineswegs! Sein Puls zeigt achtundneunzig Schläge.“
„Was besagen die Pulsschläge?“ Und Pécuchet nannte seine Autoritäten.
„Lassen wir die Systeme beiseite!“ sagte der Doktor.
Pécuchet kreuzte die Arme.
„Dann sind Sie also Empiriker?“
„Keineswegs! Aber wenn man beobachtet...“
„Und wenn man falsch beobachtet?“
Vaucorbeil nahm dieses Wort für eine Anspielung auf die Flechte der Frau Bordin, eine Angelegenheit, welche die Witwe herumgeplaudert hatte. Die Erinnerung daran ärgerte ihn.
„In erster Linie muß man praktische Erfahrung haben.“
„Die, welche Umwälzungen in der Wissenschaft herbeigeführt haben, hatten keine! Van Helmont, Boerhaave, selbst Broussais.“
Ohne zu antworten, beugte sich Vaucorbeil über Gouy und sagte mit erhobener Stimme:
„Wen von uns beiden wählen Sie zu Ihrem Arzt?“
Der Kranke bemerkte durch seine Schlaftrunkenheit hindurch zornentstellte Gesichter und fing an zu weinen.
Seine Frau wußte ebenfalls nicht, was sie antworten sollte; denn der eine war geschickt, aber der andere besaß vielleicht ein Geheimnis.
„Schön!“ sagte Vaucorbeil, „da Sie schwanken zwischen einem Manne, der ein Diplom besitzt...“ -- Pécuchet lächelte spöttisch. -- „Warum lachen Sie?“
„Weil ein Diplom nicht immer etwas beweist!“
Der Doktor war in seinem Broterwerb, in seinen Vorrechten, in seiner sozialen Stellung bedroht. Sein Zorn brach hervor:
„Das werden wir sehen, wenn Sie wegen unerlaubter Ausübung der Medizin vor Gericht kommen werden!“ Dann wandte er sich an die Frau des Pächters: „Lassen Sie ihn durch den Herrn töten, ganz wie es Ihnen gefällt, und ich will mich eher hängen lassen, als daß ich meinen Fuß noch einmal in Ihr Haus setze!“