Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass

Part 5

Chapter 53,584 wordsPublic domain

Die Vorhänge aus weißem Kattun mit roter Kante waren wie die des Salons vollständig vor die Fenster gezogen, und die Sonne, die den Stoff durchdrang, warf ein blondes Licht über die Wandtäfelung, die als einzigen Schmuck ein Barometer aufwies.

Bouvard setzte die beiden Damen neben sich, Pécuchet den Bürgermeister zu seiner Linken, den Pfarrer zu seiner Rechten, und man machte sich an die Austern. Sie schmeckten moderig. Bouvard war untröstlich, erging sich in Entschuldigungen, und Pécuchet erhob sich, um in der Küche Beljambe eine Szene zu machen.

Die ganze Zeit während der ersten Gänge, die aus einer Scholle, ferner einer Pastete und gedämpften Tauben bestanden, stand die Mostbereitung im Mittelpunkt der Unterhaltung.

Dann kam man auf bekömmliche und unbekömmliche Gerichte. Selbstverständlich wurde der Arzt um Rat gefragt. Seine Beurteilung der Dinge war skeptisch wie die eines Mannes, der auf den Grund der Wissenschaft geblickt hat; er duldete indessen nicht den geringsten Widerspruch.

Zu dem Lendenbraten wurde Burgunder gereicht. Er war trübe. Bouvard, der für dieses ärgerliche Vorkommnis das Spülen der Flasche verantwortlich machte, ließ drei andere ohne größeren Erfolg versuchen und schenkte dann Saint-Julien ein, der augenscheinlich zu jung war, und alle Gäste verstummten. Hurel lächelte ununterbrochen; die schweren Schritte des Kellners dröhnten auf den Fliesen.

Frau Vaucorbeil, untersetzt und mit schlechtgelaunter Miene (sie befand sich übrigens gegen Ende ihrer Schwangerschaft), hatte vollständiges Schweigen gehütet. Bouvard, der nicht wußte, womit er sie unterhalten solle, erzählte ihr vom Theater in Caen.

„Meine Frau geht niemals ins Schauspiel,“ sagte der Arzt.

Herr Marescot besuchte, wenn er sich in Paris aufhielt, einzig die italienische Oper.

„Ich,“ sagte Bouvard, „ich leistete mir zuweilen einen Parterreplatz im Vaudeville-Theater, um Schwänke zu hören.“

Foureau fragte Frau Bordin, ob sie Schwänke liebe.

„Das kommt darauf an, von welcher Art sie sind,“ sagte sie.

Der Bürgermeister neckte sie. Sie gab die Scherze zurück. Dann teilte sie ein Rezept für Gurken mit. Übrigens waren ihre Hausfrauentalente bekannt, und sie besaß ein kleines, wunderbar bewirtschaftetes Gut.

Foureau befragte Bouvard:

„Haben Sie die Absicht, Ihre Besitzung zu verkaufen?“

„Lieber Gott, bis zum Augenblick weiß ich wirklich nicht...“

„Wie! nicht einmal das Stück der Ecalles?“ fuhr der Notar fort, „das würde etwas Passendes für Sie sein, Frau Bordin.“

Die Witwe erwiderte, sich zierend:

„Die Ansprüche des Herrn Bouvard möchten zu hoch sein.“

„Man könnte ihn vielleicht mürbe machen.“

„Ich werde es nicht versuchen!“

„Pah! wenn Sie ihm einen Kuß gäben?“

„Versuchen wir es nun gerade,“ sagte Bouvard.

Und unter dem Beifall der Gesellschaft küßte er sie auf beide Wangen.

Fast zu gleicher Zeit entkorkte man den Sekt. Das Knallen der Pfropfen erhöhte die frohe Stimmung. Pécuchet gab ein Zeichen, die Vorhänge öffneten sich, und der Garten wurde sichtbar.

In der Dämmerung war der Eindruck schrecklich. Der Fels nahm wie ein Berg den Rasen ein, das Grabmal bildete zwischen dem Spinat einen Würfel, die venezianische Brücke über den Bohnen einen Zirkumflex, -- und darüber hinaus die Hütte einen schwarzen Fleck, denn sie hatten das Strohdach angezündet, um sie poetischer zu machen. Die Taxusbäume in Form von Hirschen oder Sesseln folgten einander bis zu dem niedergeschmetterten Baum, der sich querhindurch von dem Laubengange bis zur Laube erstreckte, wo Tomaten wie Stalaktiten herabhingen. Hier und da entfaltete eine Sonnenblume ihre gelbe Scheibe. Die rotgestrichene chinesische Pagode auf dem Hügel glich einem Leuchtturm. Die von der Sonne getroffenen Pfauenschnäbel sprühten Lichter, und hinter dem Gitter, von dem man die Latten fortgenommen, schloß das ganz flache Gelände den Horizont.

Das Staunen der Gäste war für Bouvard und Pécuchet ein Hochgenuß.

Frau Bordin besonders bewunderte die Pfauen; doch das Grabmal fand kein Verständnis, ebensowenig die angezündete Hütte und die in Ruinen gelegte Mauer. Dann betrat einer nach dem andern die Brücke. Um den Teich zu füllen, hatten Bouvard und Pécuchet den ganzen Morgen hindurch Wasser angefahren. Es war zwischen den schlecht verbundenen Steinen des Grundes durchgesickert, und Schlamm bedeckte sie.

Während des Rundganges erlaubte man sich, zu kritisieren. „An Ihrer Stelle würde ich das so gemacht haben. -- Die Erbsen sind zurück. -- Offen gesagt, dieser Winkel ist nicht sauber. -- Mit einer solchen Beschneidung werden sie niemals Früchte bekommen.“

Bouvard war genötigt zu antworten, daß ihm die Früchte gleichgültig seien.

Als man den Laubengang entlang ging, sagte er mit pfiffiger Miene:

„Ah! da ist jemand, den wir stören; bitte tausendmal um Entschuldigung!“

Der Scherz blieb unerwidert. Jeder kannte die Dame aus Gips.

Nach mehreren Umwegen im Labyrinth gelangte man schließlich vor die Tür mit den Pfeifen. Betroffene Blicke wurden gewechselt. Bouvard beobachtete die Gesichter seiner Gäste, -- und voller Ungeduld, ihre Ansicht zu erfahren, fragte er:

„Was sagen Sie dazu?“

Frau Bordin platzte aus. Alle andern taten desgleichen, der Herr Pfarrer gab eine Art Glucksen von sich, Hurel hüstelte, der Arzt weinte, seine Frau litt an einem nervösen Krampf, -- und Foureau, ein Mann ohne Rücksichten, brach einen Emir ab, den er als Andenken in die Tasche steckte.

Als man aus dem Laubengang herauskam, schrie Bouvard, um seine Gäste durch das Echo in Verwunderung zu setzen, aus Leibeskräften:

„Diener! meine Damen!“

Kein Laut! Das Echo war verschwunden. Das lag an den Ausbesserungen, die man an der Scheune vorgenommen hatte: der Giebel und die Bedachung waren abgerissen.

Der Kaffee wurde auf dem Schneckenberg gereicht, -- und die Herren waren im Begriff, eine Partie Kugeln zu beginnen, als sie gegenüber, hinter dem Gitter, einen Mann sahen, der sie anblickte.

Er war mager und sonnverbrannt, trug eine zerfetzte rote Hose, eine blaue Joppe, kein Hemd; sein schwarzer Bart war kurz geschnitten; und mit heiserer Stimme stieß er einzeln die Worte hervor: „Geben Sie mir ein Glas Wein!“

Der Bürgermeister und der Abbé Jeufroy erkannten ihn sogleich wieder. Es war ein ehemaliger Schreiner aus Chavignolles.

„Nun, Gorju, macht, daß Ihr fortkommt!“ sagte Herr Foureau. „Man bettelt nicht!“

„Ich betteln!“ schrie der Mann erbost. „Ich habe sieben Jahre in Afrika gekämpft. Ich komme aus dem Spital. Keine Arbeit! Soll ich morden? Verflucht nochmal!“

Sein Zorn legte sich von selbst, und die beiden Fäuste in die Hüften gestemmt, betrachtete er die Bürger mit melancholischer und spöttischer Miene. Die Anstrengungen der Biwaks, Absinth und Fieber, ein ganzes Dasein von Elend und Völlerei offenbarte sich in seinen trüben Augen. Seine bleichen Lippen zitterten, wobei sein Zahnfleisch sich entblößte. Der weite purpurgefärbte Himmel umfing ihn mit einem blutigen Schimmer, und seine Halsstarrigkeit, dort bleiben zu wollen, verbreitete ein Gefühl von Entsetzen.

Um ein Ende zu machen, holte Bouvard den Rest einer Flasche herbei. Der Vagabund trank ihn gierig herunter und verschwand dann gestikulierend in den Haferfeldern.

Darauf tadelte man Bouvard. Durch solche Nachgiebigkeit begünstige man die Unordnung. Doch Bouvard, der durch den Mißerfolg seines Gartens gereizt war, begann das Volk zu verteidigen, -- alle sprachen zu gleicher Zeit.

Foureau hob die Regierung in den Himmel, für Hurel gab es nur Grundbesitz in der Welt. Der Abbé Jeufroy beklagte sich, daß man die Religion nicht schütze. Pécuchet schimpfte über die Steuern. Frau Bordin rief in Zwischenräumen: „In erster Linie verabscheue ich die Republik,“ und der Arzt erklärte sich für den Fortschritt. „Denn schließlich, meine Herren, haben wir Reformen nötig.“ -- „Möglich!“ antwortete Foureau, „aber alle diese Ideen schaden den öffentlichen Angelegenheiten!“ „Ich pfeife auf die öffentlichen Angelegenheiten!“ schrie Pécuchet.

Vaucorbeil fuhr fort: „Dürfen wir wenigstens die Kapazitäten heranziehen?“ Bouvard ging nicht so weit.

„Das ist Ihre Meinung?“ erwiderte der Doktor, „dann weiß man, wer Sie sind! Guten Abend! Ich wünsche Ihnen eine Sündflut, damit Sie auf Ihrem Teich Kahn fahren können.“

„Ich gehe auch,“ sagte einen Augenblick später Herr Foureau. Und auf seine Tasche weisend, in der sich der Emir befand: „Wenn ich einen neuen nötig habe, komme ich wieder!“

Bevor der Pfarrer ging, vertraute er Pécuchet schüchtern an, daß er dieses heidnische Grabmal inmitten der Gemüse nicht schicklich finde. Hurel grüßte bei seinem Aufbruch die Anwesenden sehr tief. Herr Marescot war gleich nach dem Nachtisch verschwunden.

Frau Bordin begann die Einzelheiten ihrer Gurkenbereitung von neuem, versprach ein zweites Rezept für Pflaumen in Branntwein und ging noch dreimal in der großen Allee auf und ab; als sie jedoch an der Linde vorbeikam, hakte sich der Saum ihres Gewandes fest, und sie hörten sie murmeln: „Lieber Gott! Was für eine Dummheit ist das mit diesem Baum!“

Bis Mitternacht ließen die beiden Gastgeber unter der Laube ihren Verdruß aus.

Gewiß waren zwei, drei Kleinigkeiten hier und da in dem Diner zu tadeln; indessen hatten sich ja die Gäste wie Vielfraße vollgepfropft, ein Beweis, daß es so schlecht nicht war. Was jedoch den Garten anlangte, so rührte soviel Herabsetzung von der schwärzesten Eifersucht her; und sich erhitzend, riefen sie:

„Ach! Das Wasser fehlt in dem Teich! Geduld! Man wird sogar einen Schwan und Fische darin sehen!“

„Die Pagode haben sie kaum beachtet!“

„Zu behaupten, die Ruinen seien nicht reinlich, ist die Ansicht eines Dummkopfes!“

„Und das Grabmal eine Unschicklichkeit! Warum eine Unschicklichkeit? Hat man nicht das Recht, auf seiner Besitzung so etwas zu erbauen? Ich werde mich sogar darin beisetzen lassen!“

„Still davon!“ sagte Pécuchet.

Dann gingen sie die Gäste der Reihe nach durch.

„Der Arzt sieht wie ein rechter Poseur aus.“

„Hast du Marescots Grinsen vor dem Porträt bemerkt?“

„Was für ein ungehobelter Klotz dieser Herr Bürgermeister ist! Wenn man in einem Hause speist, zum Teufel, so schont man die Sehenswürdigkeiten.“

„Und Frau Bordin?“ sagte Bouvard.

„Na, das ist eine Intrigantin! Laß mich in Ruhe mit der!“

Von der Gesellschaft angewidert, beschlossen sie, mit niemandem mehr zu verkehren und ausschließlich für sich allein zu Hause zu leben.

Und sie brachten ganze Tage im Keller damit zu, den Weinstein von den Flaschen zu entfernen, lackierten alle Möbel neu, bohnten die Zimmer; jeden Abend erörterten sie, wenn sie das Holz brennen sahen, die besten Heizsysteme.

Aus Sparsamkeit versuchten sie, Schinken zu räuchern und die Wäsche zu waschen; Germaine, die sie belästigten, zuckte die Achseln. Um die Einmachezeit geriet sie in Wut, und sie richteten sich im Backhaus ein.

Es hatte ehemals als Waschhaus gedient und besaß unter dem gespaltenen Holz einen großen eingemauerten Kessel, der sich ausgezeichnet für ihre Pläne eignete, denn der Ehrgeiz hatte sie gepackt, Konserven herzustellen.

Vierzehn Einmachegläser wurden mit Tomaten und Erbsen gefüllt; sie dichteten den Verschluß mit ungelöschtem Kalk und Käse, setzten auf die Ränder Leinwandstreifen und stellten die Gläser in kochendes Wasser.

Es verdampfte; sie gossen kaltes nach; der Temperaturunterschied ließ die Gläser platzen. Nur drei wurden gerettet.

Dann verschafften sie sich alte Sardinenbüchsen, taten Kalbskoteletten hinein und brachten sie in ein Sandbad. Sie kamen rund wie Ballons wieder heraus; die Abkühlung sollte sie flach machen. Um den Versuch fortzusetzen, verschlossen sie in andere Büchsen Eier, Endivien, Hummer, ein pikantes Fischgericht, eine Suppe! -- und sie waren über sich selbst entzückt, wie Herr Appert, „die Jahreszeiten festgelegt zu haben“. Solche Entdeckungen gingen nach Pécuchet über die Taten der Eroberer hinaus.

Sie vervollkommneten die Mixed-pickles-Bereitung der Frau Bordin, indem sie den Essig mit Pfeffer würzten; und ihre Branntweinpflaumen waren bedeutend vorzuziehen! Durch Mazerieren erhielten sie Himbeer- und Absinth-Ratafia. In einer Bagnolser Tonne wollten sie aus Honig und Engelwurz Malagawein herstellen; und sie unternahmen ebenso die Bereitung des Champagners! Die Chablisflaschen, die vom Weinmost rissig geworden waren, platzten von selbst. Da zweifelten sie nicht mehr am Gelingen.

Ihre Kenntnisse erweiterten sich, und sie argwöhnten infolgedessen überall Fälschungen von Nahrungsmitteln.

Dem Bäcker gegenüber nörgelten sie über die Farbe des Brotes. Sie machten sich den Krämer zum Feinde, indem sie behaupteten, er fälsche seine Schokolade. Sie begaben sich nach Falaise, um Brustbeerenpaste zu verlangen -- und vor den Augen des Apothekers unterwarfen sie seine Paste der Probe durch das Wasser. Sie nahm das Aussehen einer Speckschwarte an, was Gelatinegehalt anzeigte.

Nach diesem Triumph wuchs ihr Stolz. Sie erstanden die Gerätschaften eines verkrachten Branntweinbrenners, und bald kamen in das Haus Siebe, kleine Tonnen, Trichter, Schaumlöffel, Seihebeutel und Wagen, ohne eine Mulde mit Kugel und eine Retorte mit einem Helmkühler, welche einen Schmelzofen nebst Rauchfang erforderte, zu zählen.

Sie lernten, wie Zucker geläutert wird, und welche verschiedene Arten man durch Einkochen erzielen kann, den groß- und den kleingeperlten, den Schaumzucker, den aufgegangenen, den schleimigen und den Karamellzucker. Doch es verlangte sie, die Retorte zu gebrauchen; und sie machten sich an die Likörbereitung, wobei sie mit dem Anisschnaps anfingen. Die Flüssigkeit führte fast immer die festen Bestandteile mit, oder diese setzten sich auf dem Grunde fest; dann wieder hatten sie sich in betreff des Mengungsverhältnisses geirrt. Um sie glänzten die großen kupfernen Abdampfschalen, die Kolben streckten ihre spitzen Schnäbel aus, die Pfannen hingen an den Wänden. Oft sortierte der eine Kräuter auf dem Tisch, während der andere die Kanonenkugel in der aufgehängten Mulde bewegte; sie rührten mit den Löffeln um, sie kosteten die Mischungen.

Bouvard, dem immer der Schweiß herunterlief, trug nur Hemd und Hose, welch letztere er mit seinen kurzen Hosenträgern bis zur Magenhöhlung emporgezogen hatte; aber verwirrt wie ein Vogel, vergaß er die Scheidewand des Kolbens, oder er feuerte zu stark.

Pécuchet, unbeweglich in seiner langen Bluse, eine Art Kinderkittel mit Ärmeln, murmelte Berechnungen; und sie hielten sich für sehr ernsthafte Menschen, die sich mit nützlichen Dingen beschäftigten.

Schließlich träumten sie von einem feinen Likör, der alle anderen übertrumpfen sollte. Sie wollten Koriander zusetzen wie beim Kümmel, Kirsch wie beim Maraschino, Ysop wie beim Chartreuse, Bisam wie beim Vespetro, Magenwurz wie beim Krambambuli; und durch Sandelholz sollte er eine rote Farbe erhalten. Doch unter welchem Namen sollten sie ihn in den Handel bringen? Denn man brauchte einen leicht zu behaltenden, aber doch absonderlich klingenden Namen. Nachdem sie lange gesucht hatten, entschlossen sie sich, ihn „Bouvarine“ zu nennen.

Gegen Ende des Herbstes zeigten sich Flecke in den drei Konservengläsern. Die Tomaten und die Erbsen waren verdorben. Sollte das vom Verschluß herrühren? Da quälte sie das Problem des Verschließens. Um neue Methoden zu erproben, fehlte es ihnen an Geld. Ihr Pachthof machte ihnen Kummer.

Mehrere Male hatten sich Pächter zur Übernahme angeboten, Bouvard hatte nichts davon wissen wollen. Aber sein erster Knecht bewirtschaftete den Hof nach seinen Anweisungen mit einem gefährlichen Sparsystem der Art, daß die Ernten geringer wurden, alles dem Untergange entgegenging, und sie sprachen von ihren Verlegenheiten, als Meister Gouy in ihr Laboratorium trat, von seiner Frau begleitet, die sich furchtsam zurückhielt.

Dank aller Bearbeitung, die man dem Boden hatte zuteil werden lassen, war das Land besser geworden, -- und er kam, um den Pachthof wieder zu übernehmen. Er machte ihn herunter. Trotz aller ihrer Mühen seien die Erträgnisse vom Zufall abhängig; mit einem Wort, wenn er wünschte, ihn wieder zu übernehmen, so sei es aus Liebe zur Scholle und aus Sehnsucht nach so guten Herren. Man entließ ihn kühl. Er kam noch denselben Abend wieder.

Pécuchet hatte Bouvard lange darüber vorgepredigt; sie wollten nachgeben. Gouy verlangte eine Herabsetzung des Pachtzinses, und da die Gegenpartei heftig protestierte, begann er mehr zu brüllen als zu sprechen, indem er den lieben Gott zum Zeugen anrief, seine Mühsale aufzählte, seine Verdienste rühmte. Als man ihn aufforderte, seinen Preis zu sagen, senkte er, anstatt zu antworten, den Kopf. Da begann seine Frau, die, einen großen Korb auf den Knien, an der Tür saß, dieselben Beteuerungen, indem sie mit scharfer Stimme wie ein verwundetes Huhn kreischte.

Schließlich wurde der Vertrag zu der Bedingung von dreitausend Franken Jahreszins abgeschlossen; das war ein Drittel weniger als früher.

Noch in derselben Sitzung machte Meister Gouy den Vorschlag, das Inventar zu kaufen, und die Wechselreden begannen von neuem.

Die Schätzung der Gegenstände dauerte vierzehn Tage. Bouvard war von der Anstrengung halb tot. Er gab alles für eine so lächerliche Summe hin, daß Gouy zuerst die Augen aufriß, und „Abgemacht“ ausrufend, in seine Hand einschlug.

Darauf luden die Besitzer dem Brauche gemäß zu einem kleinen Imbiß in ihrer Wohnung ein, und Pécuchet entkorkte, weniger aus Großmut, als in der Hoffnung, etwas Schmeichelhaftes zu hören, eine Flasche seines Malaga.

Doch der Bauer sagte, die Nase rümpfend:

„Das schmeckt wie Lakritzensaft.“

Und seine Frau verlangte, „um den Geschmack von der Zunge zu bekommen“, ein Glas Branntwein.

Eine wichtigere Angelegenheit nahm sie in Anspruch! Alle Bestandteile des „Bouvarine“-Likörs waren endlich zusammen.

Sie füllten damit den Kolben, fügten Alkohol hinzu, zündeten das Feuer an und warteten. Unterdessen nahm Pécuchet, dem der mißlungene Malaga keine Ruhe ließ, die Blechdosen aus dem Schrank, löste den Deckel der ersten, dann der zweiten, der dritten. Wütend warf er sie hin und rief Bouvard.

Bouvard schloß den Hahn des Kühlrohrs und stürzte sich auf die Konserven. Die Enttäuschung war vollständig. Die Kalbfleischscheiben ähnelten gekochten Sohlen. Der Hummer hatte sich in eine schmutzige Flüssigkeit verwandelt. Das Fischgericht war nicht mehr zu erkennen. Pilze waren auf der Suppe gewachsen, -- und ein unerträglicher Geruch verpestete das Laboratorium.

Plötzlich zersprang die Retorte mit dem Knalle einer Granate in tausend Scherben, die bis zur Decke flogen, die Töpfe zerschlugen, die Schaumlöffel platt drückten, die Gläser zerschmetterten; die Kohle zerstreute sich, der Ofen war entzwei, -- und am folgenden Tage fand Germaine im Hofe einen Spatel.

Die Kraft des Dampfes hatte das Instrument zersprengt, und das um so eher, als der Kolben am Knauf geschlossen war.

Pécuchet hatte sich sogleich hinter den Bottich geduckt, und Bouvard war auf einen Schemel gesunken. Zehn Minuten lang verharrten sie in dieser Stellung, nicht wagend, eine Bewegung zu machen, bleich vor Schrecken inmitten der Scherben. Als sie die Sprache wiedererlangt hatten, fragten sie sich, was der Grund zu so viel Unglück, besonders zu dem letzten, sei; und sie begriffen nichts davon, ausgenommen, daß sie beinahe umgekommen wären. Pécuchet schloß mit folgenden Worten:

„Vielleicht ist der Grund der, daß wir nichts von der Chemie verstehen!“

III

Um sich Kenntnisse in der Chemie anzueignen, verschafften sie sich die Abhandlung von Regnault und erfuhren zunächst, „daß die einfachen Körper vielleicht zusammengesetzt sind.“

Man teilt sie in Metalloide und Metalle -- ein Unterschied, der „nichts Absolutes“ hat, sagt der Verfasser. Ebenso gilt für die Säuren und die Basen, „daß ein Körper sich nach Art der Säuren oder der Basen, ganz den Umständen zufolge, verhalten kann“.

Die Bemerkung schien ihnen seltsam. -- Die multiplen Proportionen setzten Pécuchet in Verwirrung.

„Da ein Molekül von A, so nehme ich an, sich mit mehreren Teilen von B verbindet, so scheint mir, daß dieses Molekül sich in ebenso viele Teile teilen muß; doch wenn es sich teilt, hört es auf, Einheit, das ursprüngliche Molekül, zu sein. Kurz, das verstehe ich nicht.“

„Ich auch nicht!“ sagte Bouvard.

Und sie nahmen ihre Zuflucht zu einem weniger schwierigen Werke, dem von Girardin, wo sie die Gewißheit erlangten, daß zehn Liter Luft hundert Gramm wiegen, daß die Bleistifte kein Blei enthalten, und daß der Diamant nur aus Kohlenstoff besteht.

Was sie übermäßig in Verwunderung setzte, war, daß die Erde als Element nicht existiert.

Sie machten sich an die Handhabung des Lötrohrs, befaßten sich mit Gold, Silber, Wäschelauge, dem Verzinnen von Bratpfannen. Dann stürzten sie sich ohne alle Bedenken in die organische Chemie.

Wie wunderbar, bei den lebenden Wesen dieselben Stoffe wiederzufinden, aus denen die Minerale bestehen. Nichtsdestoweniger fühlten sie eine Art von Demütigung bei dem Gedanken, daß ihre Person Phosphor wie die Streichhölzer, Albumin wie das Weiße der Eier, Wasserstoffgas wie die Laternen enthielt.

Nach den Farben und den Fettkörpern kam die Gärung an die Reihe.

Sie brachte sie auf die Säuren, -- und das Gesetz des Mengenverhältnisses bereitete ihnen noch einmal Verlegenheit. Sie versuchten, mit der Atomtheorie Licht hinein zu bringen; das verwirrte sie vollends.

Um das alles zu verstehen, hätte man nach Bouvards Ansicht Instrumente haben müssen.

Die Ausgabe war beträchtlich, und sie hatten schon zu viele gehabt.

Doch der Doktor Vaucorbeil konnte sie jedenfalls aufklären.

Sie fanden sich zur Zeit seiner Sprechstunden ein.

„Meine Herren! Ich bin ganz Ohr! Was fehlt Ihnen?“

Pécuchet erwiderte, sie seien nicht krank, und nachdem er den Zweck ihres Besuches auseinandergesetzt, sagte er:

„Wir wünschen in erster Linie die höhere Atomlehre kennenzulernen.“

Der Arzt wurde sehr rot, dann tadelte er sie, daß sie die Chemie erlernen wollten.

„Ich leugne nicht deren Bedeutung, seien Sie dessen versichert. Doch heutzutage bringt man sie mit allem und jedem in Verbindung. Auf die Medizin übt sie einen Einfluß aus, den man beklagen muß.“

Und das Gewicht seines Wortes wurde durch den Anblick der Dinge der Umgebung verstärkt.

Bleipflaster und Binden lagen auf dem Kamin umher. Der Kasten mit den chirurgischen Instrumenten stand mitten auf dem Schreibtisch, in einer Ecke des Zimmers lagen Sonden in einer Schale und an der Wand hing die Darstellung einer Muskelfigur.

Pécuchet machte dem Arzt ein Kompliment.

„Das muß ein interessantes Studium sein, die Anatomie.“

Herr Vaucorbeil erging sich über den Reiz, den das Sezieren einst für ihn gehabt hatte; und Bouvard fragte, welche Beziehungen zwischen dem Innern der Frau und dem des Mannes beständen.

Um ihre Neugierde zu befriedigen, entnahm der Arzt seinem Büchervorrat einen Band anatomischer Tafeln.

„Nehmen Sie sie mit! Sie werden sie zu Hause mit mehr Muße betrachten!“

Das Skelett setzte sie durch den hervorstehenden Unterkiefer, die Höhlen der Augen und die erschreckende Länge seiner Hände in Verwunderung. -- Ein erklärendes Werk fehlte ihnen; sie begaben sich wieder zu Herrn Vaucorbeil, und dank dem Handbuch von Alexander Lauth lernten sie die Einteilung des Knochengerüstes kennen, wobei sie über das Rückgrat in Staunen gerieten, das, wie man sagt, sechzehnmal stärker ist, als wenn es der Schöpfer gerade gemacht hätte. -- Warum gerade sechzehnmal?

Die Mittelhandmuskeln machten Bouvard untröstlich; und Pécuchet, der sich mit Eifer an den Schädel gemacht, verlor den Mut vor dem Keilbein, obschon es einem „türkischen oder türkesischen Sattel“ ähnelt.

Was die Gelenke betraf, so wurden sie von zu viel Bändern verdeckt, -- und sie machten sich an die Muskeln.

Aber die Ansatzstellen waren schwer aufzufinden, und als sie zu den Höhlungen an der Wirbelsäule gekommen waren, verzichteten sie vollständig darauf.

Da sagte Pécuchet:

„Wenn wir uns wieder an die Chemie machten, wäre es auch nur, um das Laboratorium zu benutzen.“