Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass

Part 4

Chapter 43,583 wordsPublic domain

Trotz der verderblichen Kalkdüngung, der Ersparnis der zweiten Bearbeitung und der unzeitgemäßen Ausrodung hatte Bouvard im folgenden Jahre eine schöne Weizenernte vor sich. Er wollte sie durch Gärung nach dem System Clap-Mayer auf holländische Art trocknen lassen; -- das heißt, er ließ sie auf einmal schneiden und in große Haufen zusammenlegen, die man auseinanderreißen würde, sobald das Gas zu entweichen begänne; dann sollten sie der freien Luft ausgesetzt werden; -- darauf zog er sich ohne die geringste Besorgnis zurück.

Als sie am Tage darauf beim Essen saßen, hörten sie unter dem Buchengang Trommelwirbel. Germaine ging, um zu sehen, was es gab; doch der Mann war schon weit. Fast gleichzeitig begann die Glocke der Kirche heftig zu läuten.

Bouvard und Pécuchet wurden von Angst gepackt. Sie erhoben sich, und in ihrer Ungeduld, etwas zu erfahren, gingen sie ohne Kopfbedeckung in der Richtung auf Chavignolles.

Eine alte Frau kam des Weges. Sie wußte von nichts. Sie hielten einen kleinen Knaben an; er antwortete:

„Ich glaube, es brennt!“

Und der Trommler fuhr fort zu trommeln, die Glocke läutete stärker. Endlich erreichten sie die ersten Häuser des Dorfes. Der Krämer rief ihnen von weitem zu:

„Das Feuer ist bei Ihnen!“

Pécuchet setzte sich in Turnerschritt; und er sagte zu Bouvard, der im gleichen Trab an seiner Seite lief:

„Eins, zwei; eins, zwei!“ -- im Takte wie die Jäger von Vincennes.

Die Straße, die sie zurücklegten, ging bergan; das aufsteigende Gelände verbarg ihnen den Horizont. Sie kamen oben an in die Nähe des Hügels, und mit einem Blick überschauten sie das ganze Unglück.

Die sämtlichen Schober flammten hier und dort wie Vulkane auf der nackten Ebene im Abendfrieden.

Um den größten standen etwa dreihundert Personen; und unter Anweisung des Bürgermeisters, des Herrn Foureau, in dreifarbiger Schärpe, zogen Burschen mit Stangen und Haken das Stroh vom Gipfel, um das übrige zu retten.

Bouvard hätte in seinem Eifer beinahe Frau Bordin umgerannt, die dort stand. Dann bemerkte er einen von seinen Leuten und überhäufte ihn mit Schimpfreden, weil er ihn nicht benachrichtigt habe. Der Knecht war jedoch aus übermäßigem Eifer zuerst ins Haus gerannt, dann zur Kirche, schließlich zu seinem Herrn und war einen andern Weg zurückgekommen.

Bouvard verlor den Kopf. Sein Gesinde umringte ihn, alle sprachen zugleich, und er untersagte, die Schober abzutragen; er bat inständig um Hilfe, forderte Wasser, verlangte die Feuerwehr.

„Haben wir denn eine!“ rief der Bürgermeister.

„Das ist Ihre Schuld!“ erwiderte Bouvard.

Er wurde hitzig, brachte unziemliche Reden vor, und alle bewunderten Herrn Foureaus Geduld, der doch brutal war, wie seine dicken Lippen und sein Bulldoggenkiefer anzeigten.

Die Hitze der Schober wurde so stark, daß man ihnen nicht mehr nahe kommen konnte. Knisternd drehte sich das Stroh unter den verzehrenden Flammen; die Getreidekörner peitschten das Gesicht wie Bleikugeln. Dann stürzte der Haufe zu einer großen Glutmasse zusammen; Funken stoben daraus hervor; und Schimmer wogten über diese rote Masse, die in den wechselnden Tönen rotgoldene Stellen zeigte und andere, die braun waren wie geronnenes Blut. Die Nacht war hereingebrochen, der Wind blies; Rauchwirbel hüllten die Menge ein. Von Zeit zu Zeit fuhr ein Funke über den dunklen Himmel.

Bouvard betrachtete den Brand unter leisem Weinen. Seine Augen verschwanden hinter ihren geschwollenen Lidern, und sein ganzes Gesicht war wie von Schmerz geweitet. Frau Bordin rief ihm zu, während sie mit den Fransen ihres grünen Schals spielte: „Armer Herr Bouvard!“ Sie versuchte ihn zu trösten. Da man nichts daran ändern könne, müsse er sich ins Unabänderliche fügen.

Pécuchet weinte nicht. Sehr blaß oder vielmehr erdfahl, mit offenem Munde und kaltem, klebrigem Schweiß im Haar, hielt er sich abseits, in seine Betrachtungen versunken. Doch der Pfarrer, der plötzlich aufgetaucht war, murmelte mit schmeichlerischer Stimme:

„Ach, welch ein Unglück, fürwahr; das ist sehr betrüblich! Seien Sie sicher, daß ich Anteil nehme...“

Die anderen heuchelten keine Trauer. Sie plauderten lächelnd, die Hand zum Schutz gegen die Flammen erhoben. Ein Alter hob die brennenden Halme auf, um seine Pfeife anzuzünden. Kinder begannen zu tanzen. Ein Schelm rief sogar, das sei recht spaßig.

„Ja, der ist gut, der Spaß!“ antwortete Pécuchet, der es gerade gehört hatte.

Das Feuer nahm ab, die Haufen fielen zusammen, und eine Stunde darauf waren nur noch Aschenreste übrig, die auf dem Gelände runde schwarze Stellen bildeten. Da ging man nach Hause.

Frau Bordin und der Abbé Jeufroy begleiteten die Herren Bouvard und Pécuchet bis zu ihrer Wohnung.

Auf dem Wege machte die Witwe ihrem Nachbar in sehr liebenswürdiger Weise Vorwürfe über sein ungeselliges Wesen, und der Geistliche drückte seine volle Verwunderung aus, daß er bis jetzt noch nicht die Bekanntschaft eines so ausgezeichneten Mitgliedes seines Kirchspiels habe machen können.

Alleingelassen suchten sie die Ursache des Brandes, und anstatt wie alle anderen zu erkennen, daß das feuchte Stroh sich von selbst entzündet hatte, vermuteten sie einen Racheakt. Es war ohne Zweifel das Werk Meister Gouys oder vielleicht des Maulwurffängers. Sechs Monate zuvor hatte Bouvard seine Dienste zurückgewiesen und sogar vor einem Zuhörerkreise die Ansicht vertreten, die Regierung müsse diesen Erwerbszweig untersagen, da er verderblich sei. Seit jener Zeit trieb sich der Mensch in der Umgegend umher. Er hatte seinen Bart wachsen lassen und schien ihnen furchtbar, besonders des Abends, wenn er sich am Rande der Höfe zeigte und seinen langen Stecken, der mit aufgehangenen Maulwürfen besetzt war, schüttelte.

Der Schaden war beträchtlich, und um sich über ihre Lage zu vergewissern, arbeitete Pécuchet acht Tage lang über Bouvards Buchungen, die ihm ein „wahres Labyrinth“ zu sein schienen. Nachdem er das Tagebuch, die Korrespondenz und das Hauptbuch, das mit Bleistiftnotizen und Verweisungen bedeckt war, verglichen hatte, erkannte er die Wahrheit: keine Ware zu verkaufen, keine Gelder einzukassieren, und in der Kasse nichts. An Stelle des Kapitals figurierte ein Fehlbetrag von dreiunddreißigtausend Franken.

Bouvard wollte es nicht glauben, und mehr als zwanzigmal fingen sie von neuem an zu rechnen. Sie kamen immer zu demselben Schlußergebnis. Noch zwei Jahre einer solchen Ackerwirtschaft, und ihr Vermögen ging darauf! Die einzige Abhilfe war, zu verkaufen.

Auf jeden Fall mußte man einen Notar um Rat fragen. Der Gang war peinlich; Pécuchet unterzog sich ihm.

Der Ansicht des Herrn Marescot zufolge war es besser, keine Zettel anzukleben. Er wollte ernsthaften Käufern gegenüber von dem Pachthof sprechen und deren Vorschläge abwarten.

„Sehr gut,“ sagte Bouvard, „man hat Zeit vor sich.“ Er wollte einen Pächter nehmen, dann würde man sehen. „Wir werden nicht unglücklicher sein als früher; nur sind wir jetzt aufs Sparen angewiesen.“

Das durchkreuzte Pécuchets Absichten hinsichtlich der Gartenbebauung, und einige Tage darauf sagte er:

„Wir sollten uns ausschließlich der Obstbaumkultur widmen, nicht zum Vergnügen, sondern aus Spekulation. Eine Birne, die drei Sous Unkosten macht, wird in der Hauptstadt oft für fünf bis sechs Franken verkauft. Mit Aprikosen erzielen Gärtner ein Einkommen von fünfundzwanzigtausend Livres. In Sankt Petersburg bezahlt man im Winter Trauben die Dolde mit einem Napoleon. Das ist ein guter Erwerb, das wirst du zugeben. Und was sind die Kosten? Sorgfalt, Dünger und das Schleifen des Gartenmessers!“

Er regte Bouvards Einbildungskraft so an, daß sie sogleich aus ihren Büchern eine Liste der zu kaufenden Setzlinge zusammenstellten, und nachdem sie die Namen ausgewählt hatten, die ihnen am merkwürdigsten vorkamen, wandten sie sich an einen Baumschulgärtner zu Falaise; er lieferte ihnen schleunigst dreihundert Stämme, die er nicht anbringen konnte.

Sie ließen einen Schlosser für die Spalierstangen kommen, einen Eisenhändler zum Spannen des Drahtes der Spaliere, einen Zimmermann für die Stützen. Die Formen der Bäume waren im voraus gezeichnet. Auf die Mauer genagelte Lattenstücke bildeten Kandelaber. Zwei Pfähle an jedem Ende der Langbeete dienten als Stützen zur wagerechten Führung der Drähte; und im Obstgarten deuteten Reifen die Form von Vasen, dünne Stäbe in kegelförmiger Anordnung die von Pyramiden an, so daß die Besucher Teile einer unbekannten Maschinerie oder Gerüste von Feuerwerkskörpern zu sehen glaubten.

Nachdem die Pflanzlöcher ausgeworfen waren, beschnitten sie die Spitzen der Wurzeln, sowohl der guten wie der schlechten, und setzten sie in Kompost ein. Sechs Monate darauf waren die jungen Bäume eingegangen. Neue Bestellungen beim Gärtner und neue Pflanzungen in noch tiefere Löcher folgten. Doch da der Regen den Boden aufweichte, sanken die Augen von selbst in die Erde, und die Bäume wurzelten ab.

Als der Frühling gekommen war, gab Pécuchet sich an das Beschneiden der Birnbäume. Er ließ die Nebenstämme stehen, verschonte die unfruchtbaren Zweige, und da er sich darauf versteifte, die Duchesse-Birnen, die einarmige Kordons bilden sollten, rechtwinklig umzubiegen, so brach oder riß er sie unweigerlich ab. Bei den Pfirsichen konnte er sich nicht in den Leitzweigen, den früheren oder späteren Trieben zurechtfinden. Leere und volle Stellen fanden sich immer da ein, wo er sie nicht brauchen konnte; und es war unmöglich, an dem Spalier ein vollkommenes Rechteck mit sechs Zweigen zur Rechten und sechs Zweigen zur Linken zu bekommen, von den beiden Leitzweigen abgesehen, so daß das Ganze eine schöne Fischgräte gebildet hätte.

Bouvard versuchte die Aprikosen zu ziehen; sie zeigten sich widerspenstig. Er schnitt ihre Stämme bis zur Erde weg; keiner schlug wieder aus. Die Kirschbäume, denen er Einschnitte gemacht hatte, brachten Harz hervor.

Zuerst beschnitten sie sehr weit, wodurch die Augen am Grunde eingingen, dann zu kurz, was Wasserreiser zur Folge hatte; und häufig waren sie in Verlegenheit, da sie die Holztriebe nicht von den Blütenknospen unterscheiden konnten. Sie hatten sich über die Blüte gefreut; aber nachdem sie ihren Irrtum erkannt hatten, rissen sie dreiviertel davon ab, um das übrige zu kräftigen.

Beständig redeten sie von Saft und Kambium, von Einspalieren, Beschneiden und Wegnehmen der Augen. In ihrem Eßzimmer hing in einem Rahmen die Liste ihrer Setzlinge, deren Nummer sich im Garten auf einem kleinen Holze am Fuße des Baumes wiederholte.

Sie erhoben sich mit der Morgenröte und arbeiteten bis in die Nacht, den Basthalter am Gürtel. Während der kühlen Frühlingsmorgen behielt Bouvard seine Trikotjacke unter seiner Bluse, Pécuchet seinen alten Rock unter seinem langen Leinwandkittel, und die Leute, die am Gitter vorübergingen, hörten sie durch den Nebel husten.

Zuweilen zog Pécuchet sein Handbuch aus der Tasche, und er studierte stehend einen Absatz; die Schaufel neben sich in der Haltung des Gärtners, der den Titel des Buches zierte. Diese Ähnlichkeit war ihm sogar sehr schmeichelhaft. Der Verfasser stieg dadurch in seiner Achtung.

Bouvard hockte beständig oben auf einer Leiter vor den Pyramiden. Eines Tages wurde er von Schwindel erfaßt, und da er nicht wagte, herunterzuklettern, schrie er, Pécuchet möge ihm zu Hilfe kommen.

Endlich zeigten sich die Birnen, und im Obstgarten gab es Pflaumen. Da wandten sie gegen die Vögel alle Künste an, die man empfiehlt. Doch die Spiegelglasscheiben flimmerten so, daß sie davon geblendet waren, das Klappern der Windmühle weckte sie in der Nacht, und die Sperlinge setzten sich auf den Strohmann. Sie verfertigten einen zweiten und sogar einen dritten, deren Kostüme sie anders gestalteten, doch ohne Erfolg.

Doch konnten sie auf ein paar Früchte hoffen. Pécuchet hatte gerade seine Aufzeichnungen darüber an Bouvard gegeben, als plötzlich der Donner grollte und der Regen fiel -- ein schwerer, heftiger Regen. Der Wind schüttelte in Zwischenräumen die ganze Fläche der Spaliere. Die Stützen legten sich eine nach der anderen zu Boden -- und an den unglücklichen Pyramiden, die im Winde schwankten, stießen die Birnen aneinander.

Pécuchet hatte sich, als er vom Sturzregen überrascht wurde, in die Hütte geflüchtet. Bouvard hielt sich in der Küche auf. Sie sahen, wie vor ihnen Holzsplitter, Zweige, Schieferstücke im Winde umherwirbelten, -- und die Seemannsfrauen, die zehn Meilen von dort an der Küste auf das Meer auslugten, schauten nicht sehnsüchtiger und waren nicht beklommener im Herzen. Dann stürzten plötzlich die Träger und Stangen der Gegenspaliere auf die Beete.

Welches Bild, als sie ihren Rundgang machten! Die Kirschen und Pflaumen bedeckten das Gras zwischen den Hagelkörnern, die schmolzen. Die Passecolmar waren vernichtet, ebenso wie die Bési-des-vétérans und die Triomphes-de-Jordoigne. Kaum, daß von den Äpfeln einige Bons-papas blieben, -- und zwölf Tétons-de-Vénus, die ganze Pfirsichernte, rollten in den Wasserlachen neben dem entwurzelten Buchsbaum.

Nach dem Mahle, bei dem sie sehr wenig aßen, sagte Pécuchet sanft:

„Wir täten gut, auf dem Pachthof nachzusehen, ob nicht etwas vorgefallen ist?“

„Pah! um noch neue Gründe zur Verstimmung zu entdecken!“

„Vielleicht! Denn wir sind keineswegs vom Schicksal begünstigt.“

Und sie jammerten über die Vorsehung und über die Natur. Bouvard, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, gab sein leises Pfeifen von sich, und da alle Schmerzen in Verbindung stehen, kamen ihm seine alten Landwirtschaftspläne ins Gedächtnis zurück, besonders die Mehlbereitung und eine neue Käseart.

Pécuchet atmete lärmend, und während er sich Tabakprisen in die Nasenlöcher stopfte, dachte er, wenn das Schicksal es gewollt hätte, wäre er jetzt Mitglied eines Vereins für Ackerbau, er würde auf den Ausstellungen glänzen und in den Zeitungen genannt sein.

Bouvard ließ kummervolle Blicke umherschweifen.

„Meiner Treu! ich habe Lust, mich des ganzen Krams zu entledigen, damit wir uns anderswo ansiedeln können!“

„Wie du willst,“ sagte Pécuchet.

Und einen Augenblick später:

„Die Verfasser empfehlen, jeden direkten Zufluß zu unterbinden. Der Saft wird dadurch in seinem Laufe gehemmt, und der Baum leidet notwendigerweise darunter. Um sich wohl zu befinden, müßte er keine Früchte tragen. Indessen bringen die, welche man niemals beschneidet und nie düngt, Früchte, allerdings weniger große, aber desto schmackhaftere. Man gebe mir den Grund davon an! -- und es verlangt nicht nur jede Art ihre besondere Behandlung, sondern sogar jede einzelne Pflanze, gemäß dem Klima, der Temperatur, ein Wirrwarr von Dingen! Wo ist da die Regel? Und welche Hoffnung haben wir auf irgendeinen Erfolg oder Nutzen?“

Bouvard antwortete ihm:

„Du wirst bei Gasparin sehen, daß der Nutzen nicht den zehnten Teil des Anlagekapitals übersteigen kann. Also täte man besser, dieses Kapital in eine Bank zu legen. Nach fünfzehn Jahren würde man durch Anhäufung der Zinsen die doppelte Summe besitzen, ohne sich die Gesundheit zu verderben.“

Pécuchet senkte den Kopf.

„Sollte die Baumzucht wohl Schwindel sein?“

„Wie die Wissenschaft vom Ackerbau!“ erwiderte Bouvard.

Dann klagten sie sich an, zu ehrgeizig gewesen zu sein, und sie beschlossen, fortan mit ihrer Mühe und ihrem Gelde sparsamer zu wirtschaften. Im Obstgarten würde ein Ausputzen der Bäume von Zeit zu Zeit genügen. Die Gegenspaliere wurden verworfen, und sie wollten die eingegangenen und umgebrochenen Bäume nicht ersetzen; doch würden sich sehr häßliche Zwischenräume ergeben, wofern man nicht alle noch stehenden wegnehmen wollte. Wie dabei verfahren?

Pécuchet entwarf mehrere Zeichnungen, wobei er sich seines Reißzeuges bediente. Bouvard gab ihm Ratschläge. Sie kamen zu keinem befriedigenden Resultat. Glücklicherweise fanden sie in ihrer Bibliothek das Werk von Boitard, „Der Gartenarchitekt“ betitelt.

Der Verfasser teilt sie in eine unendliche Anzahl von Arten ein. Zunächst gibt es da die melancholisch-romantische Art, die sich durch Immortellen zu erkennen gibt, durch Ruinen, Grabmäler und „ein Votiv-Bild mit einer Jungfrau, das die Stelle anzeigt, wo ein vornehmer Herr unter dem Stahl eines Mörders gefallen ist“. Das schreckliche Genre stellt man mit Hilfe von überhangenden Felsen, zerschmetterten Bäumen, in Brand gesetzten Hütten her; das exotische Genre, indem man peruanische Fackeldisteln pflanzt, „um einem Pflanzer oder Reisenden Erinnerungen wachzurufen“. Das ernste Genre muß gleich Ermenonville einen Tempel der Philosophie aufweisen. Die Obelisken und Triumphbögen charakterisieren das majestätische Genre. Moos und Grotten das geheimnisvolle; ein See das träumerische Genre. Es gibt sogar ein phantastisches Genre, dessen schönstes Beispiel vor kurzem in einem Garten in Württemberg zu sehen war, -- denn man sah dort nacheinander einen Eber, einen Eremiten, mehrere Grabmäler und eine Barke, die von selbst vom Ufer abstieß, um den Besucher in einen Raum zu bringen, wo Wasserkünste ihn überschütteten, wenn man sich auf das Sofa setzte.

Vor diesem Horizont von Wundern waren Bouvard und Pécuchet wie geblendet. Das phantastische Genre schien ihnen Fürsten vorbehalten zu sein. Der Tempel der Philosophie würde zu viel Platz einnehmen. Das Votiv-Bild mit der Madonna würde des Sinnes entbehren angesichts der fehlenden Mörder, und die amerikanischen Pflanzen -- um so schlimmer für die Pflanzer und die Reisenden -- würden zu viel Geld kosten. Aber die Felsen lagen im Bereich der Möglichkeit, ebenso die zerschmetterten Bäume, die Immortellen und das Moos, -- und in immer zunehmender Begeisterung stellten sie nach vielem Hin- und Hersuchen mit Hilfe eines einzigen Dieners und für eine ganz geringe Summe einen Wohnsitz her, wie er im ganzen Orte nicht seinesgleichen hatte.

Der hier und da durchbrochene Laubengang öffnete sich auf eine Anpflanzung, die nach Art eines Labyrinthes von gewundenen Alleen durchzogen war. In der Spaliermauer hatten sie eine Bogenwölbung herstellen wollen, durch die man die Fernsicht wahrnehmen sollte. Da der obere Teil sich nicht in der Schwebe halten konnte, war ein ungeheurer Mauerbruch entstanden, dessen Trümmer auf der Erde umherlagen.

Sie hatten die Spargel geopfert, um ein etruskisches Grabmal an deren Stelle bauen zu können, das heißt einen Würfel aus schwarzem Gips, der sechs Fuß Höhe hatte und aussah wie eine Hundehütte. Vier Koniferen standen an den Ecken dieses Grabmals, das von einer Urne überragt und mit einer Inschrift geschmückt werden sollte.

In einem andern Teile des Gemüsegartens überspannte eine Art Rialto einen Teich, dessen Ufer mit Miesmuscheln ausgelegt waren. Die Erde schluckte das Wasser; gleichviel! Es würde sich eine Tonschicht bilden, die es aufhalten würde.

Der Schuppen war mit Hilfe von farbigem Glas in eine ländliche Hütte umgewandelt.

Auf dem Gipfel des Schneckenberges trugen sechs vierkantig behauene Bäume einen Hut aus Eisenblech mit umgebogener Krämpe, und das Ganze stellte eine chinesische Pagode vor.

Sie hatten an den Ufern der Orne Granitstücke ausgewählt, sie zerschlagen, numeriert und selbst auf einem Karren herbeigeschleppt. Dann hatten sie die einzelnen Stücke mit Zement verbunden, während sie sie aufeinander häuften; und mitten auf dem Rasen erhob sich ein Fels, ähnlich einer riesigen Kartoffel.

Es fehlte noch etwas, um den harmonischen Eindruck zu vervollständigen. Sie schlugen die größte Linde des Laubenganges um -- sie war übrigens zu Dreivierteln eingegangen -- und legten sie ihrer ganzen Länge nach durch den Garten, so daß man glauben konnte, sie sei durch einen Sturzbach angeschwemmt oder vom Blitz zu Boden gestreckt.

Als sie damit fertig waren, rief Bouvard, der auf der Freitreppe stand, von weitem:

„Von hier sieht man besser!“

„Sieht man besser!“ wiederholten die Lüfte.

Pécuchet antwortete:

„Ich komme!“

„Komme!“

„Sieh da, ein Echo!“

„Echo!“

Bis dahin hatte die Linde es verhindert, sich bemerkbar zu machen, und es wurde durch die Pagode begünstigt, die der Scheune gegenüberstand; ihr Giebel überragte den Laubengang.

Um das Echo zu erproben, belustigten sie sich damit, Scherzworte zu rufen; Bouvard brüllte anstößige Zoten.

Er war mehrere Male unter dem Vorwande, Geld zu erheben, in Falaise gewesen, und er kehrte immer mit kleinen Paketen zurück, die er in seine Kommode einschloß. Pécuchet reiste eines Tages nach Bretteville und kam sehr spät heim mit einem Handkorb, den er unter seinem Bette verbarg.

Am folgenden Tage hatte Bouvard beim Erwachen eine Überraschung. Die beiden vorderen Taxusbäume, die am gestrigen Abend noch kugelförmig gewesen waren, hatten die Gestalt von Pfauen, und ein Horn mit zwei Porzellanknöpfen bildete den Schnabel und die Augen. Pécuchet hatte sich bei Tagesanbruch erhoben, und zitternd, er möchte entdeckt werden, hatte er die beiden Bäume nach Angabe der von Dumouchel übersandten Werke beschnitten.

Seit sechs Monaten suchten die anderen Bäume hinter diesen beiden mehr oder weniger glücklich Pyramiden, Würfel, Zylinder, Hirsche oder Sessel nachzuahmen. Aber nichts kam den Pfauen gleich. Bouvard sprach in hohen Lobreden seine Anerkennung darüber aus.

Unter dem Vorwande, sein Scheit vergessen zu haben, zog er seinen Gefährten in das Labyrinth, denn er hatte Pécuchets Abwesenheit benutzt, um auch seinerseits etwas Außerordentliches zu leisten.

Die Tür nach den Feldern war mit einer Gipslage überzogen, auf der sich in schöner Ordnung fünfhundert Pfeifenköpfe aneinanderreihten. Sie stellten Emire, Neger, nackte Frauen, Pferdefüße und Totenköpfe vor.

„Begreifst du meine Ungeduld?“

„Ganz gewiß!“

Und in der Erregung umarmten sie sich.

Wie alle Künstler hatten sie das Bedürfnis nach Beifall, und Bouvard gedachte ein großes Diner zu geben.

„Gib acht! Du wirst dich ins Empfangen stürzen. Das ist ein Abgrund.“

Indessen wurde die Veranstaltung beschlossen.

Solange sie die Gegend bewohnten, hatten sie sich abseits gehalten. Alle nahmen, von dem Wunsche beseelt, sie kennen zu lernen, ihre Einladung an, ausgenommen der Graf von Faverges, den Geschäfte in die Hauptstadt riefen. Sie hielten sich dafür an Herrn Hurel, sein Faktotum.

Beljambe, der Wirt, ehemaliger Küchenchef in Lisieux, sollte gewisse Schüsseln zubereiten. Er stellte einen Kellner. Germaine hatte die Viehmagd zu Hilfe genommen. Marianne, die Magd der Frau Bordin, sollte auch kommen. Mit dem vierten Glockenschlage wurde das Gittertor weit geöffnet, und die beiden Besitzer erwarteten voll Ungeduld ihre Gäste.

Hurel blieb unter dem Buchengange stehen, um seinen Rock wieder anzuziehen. Dann näherte sich der Geistliche, der eine neue Soutane angelegt hatte, und einen Augenblick später kam Herr Foureau in einer Sammetweste. Der Doktor führte seine Frau am Arm, die mühsam vorwärtsschritt, während sie sich mit dem Sonnenschirm schützte. Eine Flut von roten Bändern wogte hinter ihnen, es war die Haube der Frau Bordin, die in einer schönen buntseidenen Robe steckte. Ihre goldene Uhrkette schlug gegen ihre Brust, und ihre Ringe blitzten an ihren beiden Händen, die von schwarzen Halbhandschuhen bedeckt waren. Endlich erschien der Notar, einen Panama auf dem Kopfe, ein Glas im Auge, denn der Beamte ertötete in ihm nicht den Mann von Welt.

Der Salon war so glatt, daß man kaum darin stehen konnte. Die acht Utrechter Sessel standen mit ihren Lehnen an der Wand entlang; ein runder Tisch in der Mitte trug das Likörservice, und über dem Kamin erblickte man das Bild des alten Bouvard. Das im darauf fallenden Licht sichtbar werdende Nachdunkeln des Bildes gab dem Munde einen verzogenen Ausdruck und den Augen einen schielenden Blick, und etwas Schimmel auf den Wangen verstärkte den Eindruck von Koteletten. Die Gäste stellten eine Ähnlichkeit zwischen dem alten Bouvard und seinem Sohne fest, und Frau Bordin fügte hinzu, er müsse ein sehr schöner Mann gewesen sein, wobei sie Bouvard ansah.

Nachdem man eine Stunde gewartet, kündigte Pécuchet an, man könne in den Saal hinübergehen.