Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass
Part 3
Inmitten dieser Beschäftigung sprach ihn eines Tages Frau Bordin auf der Landstraße an. Nachdem sie ihn begrüßt hatte, erkundigte sie sich nach seinem Freunde. Die schwarzen, sehr glänzenden, obgleich kleinen Augen dieser Frau, ihre kräftigen Farben, ihr sicheres Auftreten (sie hatte sogar etwas Schnurrbart), schüchterten Pécuchet ein. Er antwortete kurz und drehte ihr den Rücken, -- eine Unhöflichkeit, die Bouvard tadelte.
Dann brachen die schlechten Tage an, Kälte, starker Frost. Sie richteten sich in der Küche ein und verfertigten Flechtwerk; oder sie gingen durch die Zimmer, plauderten am Feuer, schauten zu, wie der Regen fiel.
Von Mittfasten an spähten sie nach dem Frühling, und jeden Morgen wiederholten sie: „Alles kommt!“ Aber der Frühling kam zögernd, und sie trösteten sich in ihrer Ungeduld, indem sie sagten: „Alles wird kommen!“
Endlich sahen sie die Erbsen aufgehen. Die Spargel sprossen tüchtig. Die Reben waren vielversprechend.
Da sie sich auf die Gartenbestellung verstanden, mußte es ihnen auch mit dem Ackerbau gelingen; -- und der Ehrgeiz erfaßte sie, ihren Pachthof zu bewirtschaften. Mit gesundem Menschenverstand und Studien würden sie sich zweifellos gut aus der Sache ziehen.
Zuerst mußte man sehen, wie andere zu Werke gingen; und sie setzten einen Brief auf, worin sie Herrn von Faverges um die Ehre baten, seine Bewirtschaftung ansehen zu dürfen. Der Graf gewährte ihnen sogleich eine Zusammenkunft.
Nach einer Stunde Weges kamen sie auf den Hang eines Hügels, von wo man das Tal der Orne überschaut. Der Fluß floß in Windungen in der Tiefe. Blöcke von rotem Sandstein lagen hier und dort, und größere Felsen bildeten in der Ferne eine Art Klippe, die aus dem mit reifem Korn bestandenen Gelände hervorragte. Auf dem gegenüberliegenden Hügel wucherte Grün in solcher Fülle, daß es die Häuser verbarg. Bäume, die sich als dunklere Linien inmitten des Grases abhoben, zerlegten es in ungleiche Vierecke.
Plötzlich erblickte man das Gut in seiner Gesamtheit. Schindeldächer zeigten den Pachthof an. Rechts lag das Schloß mit seiner weißen Front; dahinter erschien ein Hain, und eine Rasenfläche senkte sich zum Fluß herab, in dem eine gerade Reihe von Platanen ihr Schattenbild spiegelten.
Die beiden Freunde kamen durch ein Luzernefeld, wo man heute. Frauen mit Strohhüten, unter dem Kinn geknoteten Kattuntüchern oder Schutzschirmen aus Papier wendeten mit Rechen das Heu, das an der Erde lag; und am anderen Ende des Geländes, bei den Heuhaufen, warf man eilig die Bündel auf einen langen Wagen, der mit drei Pferden bespannt war. Der Herr Graf näherte sich ihnen, begleitet von seinem Verwalter.
Er trug einen Anzug aus geköpertem Barchent, hatte eine gerade Haltung und Koteletten. Sein Äußeres vereinigte den Beamten mit dem Dandy. Seine Gesichtszüge blieben unbeweglich, auch wenn er sprach.
Nachdem die ersten Höflichkeiten ausgetauscht waren, erklärte er sein System bezüglich der Heubereitung; man wende die Schwaden, ohne sie zu zerstören. Die Schober müßten konisch sein und die Bündel unmittelbar an Ort und Stelle gemacht, dann zu je zehn aufeinandergelegt werden. Was den englischen Harker anlange, so sei das Wiesengelände zu uneben für dieses Gerät.
Ein kleines Mädchen, dessen bloße Füße in Holzpantinen steckten und dessen Leib durch die Löcher des Kleides sichtbar wurde, versorgte die Frauen mit Getränk, indem es Most aus einem Kruge schenkte, den es gegen seine Hüfte preßte. Der Graf fragte, wem dies Kind gehöre; man konnte es nicht sagen. Die Heuerinnen hatten es angenommen, damit es sie während der Ernte bediene. Er zuckte die Achseln und ließ, während er sich entfernte, einige Klagen über die Unsittlichkeit unserer Landleute laut werden.
Bouvard rühmte die Luzerne. Sie sei in der Tat recht gut geraten trotz der Verheerungen durch die Flachsseide. Die zukünftigen Ackerbaukundigen rissen die Augen auf bei dem Worte Flachsseide. Angesichts seines großen Viehbestandes richtete der Graf sein Augenmerk auf die künstlichen Wiesen; das sei übrigens eine gute Vorbereitung für die weiteren Ernten, was nicht immer auch von den Futterwurzeln gälte.
„Mir wenigstens scheint das unbestreitbar!“
Bouvard und Pécuchet wiederholten zugleich:
„O! unbestreitbar!“
Sie standen am Rande eines sorgsam gelockerten Feldes: ein Pferd, das an der Hand geführt wurde, zog einen großen Kasten, der auf drei Rädern ruhte. Sechs Pflugmesser, die nach unten gingen, zogen nebeneinander gleichlaufende feine Furchen, in die das Korn durch bis zum Boden reichende Röhren fiel.
„Hier,“ sagte der Graf, „lasse ich Steckrüben säen. Die Steckrübe ist die Basis meiner vierjährigen Kultur.“
Und er begann mit der Erklärung der Säemaschine. Doch ein Diener kam, ihn abzurufen. Man bedurfte seiner im Schloß.
Sein Verwalter, ein Mann mit verschlagenem Gesicht und kriecherischen Manieren, ersetzte ihn.
Er führte „die Herren“ zu einem andern Felde, wo vierzehn Schnitter mit bloßer Brust und gespreizten Beinen beim Roggenmähen waren. Die Sensen pfiffen in den Halmen, die sich nach rechts legten. Jeder beschrieb vor sich einen weiten Halbkreis, und alle rückten zugleich auf ein Zeichen vor. Die beiden Pariser staunten über die Arme der Leute und fühlten sich von beinahe religiöser Verehrung für den Reichtum des Bodens ergriffen.
Darauf kamen sie an mehreren Feldern vorbei, deren Bestellung soeben beendet war. Die Dämmerung fiel, Krähen ließen sich in die Furchen nieder.
Dann stießen sie auf die Herde. Die Schafe weideten zerstreut, und man hörte das beständige Abnagen des Grases. Der Hirt, der auf einem Baumstumpf saß, strickte an einem wollenen Strumpf und hatte seinen Hund neben sich.
Der Verwalter half Bouvard und Pécuchet über einen Heckenstieg, und sie durchschritten zwei Obsthöfe, wo wiederkäuende Kühe unter Apfelbäumen lagen.
Alle Gebäude des Gutshofes stießen aneinander und bildeten die drei Seiten des Hofes. Die Arbeitskraft wurde auf mechanischem Wege mit Hilfe einer Turbine erzeugt, wozu man einen Fluß benutzte, den man zu diesem Zwecke abgelenkt hatte. Lederriemen gingen von einem Dache ins andere, und inmitten des Düngers arbeitete eine eiserne Pumpe.
In den Schafställen lenkte der Verwalter ihre Aufmerksamkeit auf kleine Öffnungen zu ebener Erde und in den Schweineställen auf sinnreiche Türen, die sich von selbst schlossen.
Die Scheune war wie eine Kathedrale gewölbt in Bögen aus Ziegeln, die auf Steinmauern ruhten.
Um den Herren ein Vergnügen zu machen, streute eine Magd einige Hände voll Hafer vor die Hühner. Der Baum der Kelterpresse schien ihnen riesenhaft, und sie stiegen ins Taubenhaus empor. Vor allem die Milchkammer setzte sie in Staunen. Die Hähne in den Ecken gaben genügend Wasser, die Fliesen zu überschwemmen, und beim Eintritt spürte man eine Kühle. Braune irdene Gefäße, auf Latten gereiht, waren bis zum Rande mit Milch gefüllt. Weniger tiefe Näpfe enthielten Sahne. Die Butterwecken reihten sich aneinander wie Stücke einer Messingsäule, und der Schaum floß über den Rand der Blecheimer, die man gerade auf den Boden gesetzt hatte. Doch die Zierde des Gutshofes war der Rinderstall. Holzlatten, die senkrecht der ganzen Länge nach eingelassen waren, teilten ihn in zwei Abteilungen: die erste war für das Vieh, die zweite für die Bedienung. Man konnte nur mit Mühe darin sehen, da alle Luken geschlossen waren. Die angeketteten Rinder fraßen, und ihre Leiber strömten eine Wärme aus, welche von der niedrigen Decke zurückschlug. Doch jemand machte Licht; ein dünner Wasserstrahl ergoß sich plötzlich in die Rinne, welche an den Raufen entlang lief. Brüllen ertönte; die Hörner klangen aneinander wie Stöcke. Alle Rinder streckten ihre Mäuler zwischen den Stäben durch und soffen langsam.
Die großen Gespanne kamen in den Hof, und Füllen wieherten. Im Erdgeschoß wurden zwei, drei Laternen angezündet und verschwanden dann. Die Arbeitsleute gingen vorüber, mit ihren Holzschuhen über die Steine schlürfend, und die Glocke zum Abendessen ertönte.
Die beiden Besucher machten sich auf den Heimweg.
Alles, was sie gesehen hatten, entzückte sie; ihr Entschluß war gefaßt. Noch am selben Abend entnahmen sie ihrer Bibliothek die vier Bände des „Landhauses“; auch ließen sie sich Gasparins Abhandlungen zuschicken und nahmen ein Abonnement auf eine landwirtschaftliche Zeitung.
Um bequemer auf die Märkte zu kommen, erwarben sie eine zweirädrige Halbkutsche, die Bouvard lenkte.
In einem blauen Kittel, mit einem breitrandigen Hut, Gamaschen bis zum Knie und mit einem Roßhändlerstock in der Hand umschwärmten sie das Vieh, fragten die Arbeiter aus und verfehlten nicht, allen Landwirtschaftsfesten beizuwohnen.
Bald wurden sie Meister Gouy mit ihren Ratschlägen lästig. Sie waren vor allem mit seiner Dreifelderwirtschaft unzufrieden. Doch der Pächter hielt an seiner Erfahrung fest. Er bat um den Nachlaß eines Vierteljahrzinses unter Hinweis auf den Hagelschlag. Von Naturalien lieferte er nichts ab. Bei noch so gerechten Forderungen begann seine Frau zu zetern. Schließlich erklärte Bouvard, den Vertrag nicht wieder erneuern zu wollen.
Von dem Augenblicke an sparte Meister Gouy den Dünger, ließ das Unkraut wachsen, richtete den Boden zugrunde und zog mit einer wilden Miene ab, die Rachepläne verriet.
Bouvard hatte gedacht, daß zwanzigtausend Franken, das heißt der vierfache Betrag des Pachtgeldes, für den Anfang genügen würden. Sein Pariser Notar sandte sie ihm.
Ihre ganze Anlage umfaßte fünfzehn Hektar an Höfen und Wiesen, dreiundzwanzig an bestellbarem Lande und fünf an Brachfeld, die auf einem mit Steinen bedeckten kleinen Berge lagen, den man den Hügel nannte.
Sie verschafften sich alle notwendigen Geräte, vier Pferde, zwölf Kühe, sechs Schweine, hundertsechzig Schafe und an Personal zwei Fuhrleute, zwei Frauen, einen Hirten; dazu einen großen Hund.
Um sogleich Geld zu erhalten, verkauften sie die Futterernte: man bezahlte sie in ihrem Hause. Die Goldstücke, die auf die Haferkiste gezählt wurden, schienen ihnen glänzender, merkwürdig und besser als andere.
Im Monat November kelterten sie Most. Bouvard trieb das Pferd an, und Pécuchet, der in den Trog gestiegen war, rührte mit einer Schaufel in den Träbern.
Sie ächzten beim Anziehen der Schraube, schöpften den Zucker aus dem Bottich, beobachteten die Spundlöcher, trugen dicke Holzschuhe und vergnügten sich über die Maßen.
Von dem Grundsatz ausgehend, daß man nicht genug Getreide haben könne, gaben sie etwa die Hälfte ihrer künstlichen Wiesen auf; und da sie keine Dungmittel hatten, bedienten sie sich der Kuchen, die sie in die Erde ließen, ohne sie zu zerkleinern, so daß der Ertrag jämmerlich war.
Im folgenden Jahre legten sie das Saatkorn sehr dicht. Unwetter stellten sich ein. Die Ähren legten sich nieder.
Nichtsdestoweniger warfen sie sich mit Eifer auf den Weizen, und sie unternahmen es, den Hügel von Steinen zu säubern. Ein kleiner Korbwagen schaffte die Steine fort. Das ganze Jahr über vom Morgen bis zum Abend, im Regen wie im Sonnenschein, sah man den ewigen Korbwagen mit demselben Mann und demselben Pferde den kleinen Hügel emporklimmen, wieder herabfahren und wieder emporsteigen. Manchmal ging Bouvard dahinter und machte auf halber Höhe halt, um sich die Stirn zu trocknen.
Da sie zu niemand Zutrauen hatten, versorgten sie die Tiere selbst und gaben ihnen Abführmittel und Klistiere.
Schwerwiegende Fälle von Unordnung kamen vor. Die Viehmagd wurde schwanger. Sie nahmen verheiratete Leute in ihren Dienst; es begann von Kindern, Vettern, Basen, Onkeln, Schwägerinnen zu wimmeln; eine ganze Horde lebte auf ihre Kosten, und sie beschlossen, abwechselnd auf dem Pachthofe zu schlafen.
Doch des Abends waren sie traurig gestimmt. Die Unsauberkeit des Zimmers war ihnen widerwärtig, und Germaine, die die Mahlzeiten herbeibrachte, brummte bei jeder Reise. Man hielt die beiden auf alle Art zum Narren. Die Drescher stopften Getreide in ihre Trinkkrüge. Pécuchet faßte einen dabei und schrie, während er ihn bei den Schultern packte und hinausjagte:
„Elender! Du bist die Schande des Dorfes, das dich zur Welt kommen sah.“
Seine Persönlichkeit flößte nicht den geringsten Respekt ein. -- Übrigens machte er sich Gewissensbisse, sooft er den Garten sah. Seine ganze Zeit würde eben ausgereicht haben, ihn in guter Ordnung zu halten. -- Bouvard wollte die Sorge um den Pachthof übernehmen. Sie berieten darüber, und diese Maßnahme war beschlossene Sache.
Der wichtigste Punkt war, gute Mistbeete zu bekommen. Pécuchet ließ eins aus Ziegeln bauen. Er selber strich die Rahmen an, und da er die Sonnenstrahlen fürchtete, beschmierte er alle Schutzgläser mit Kreide.
Bei den Steckreisern übte er die Vorsicht, die Spitzen mit den Blättern zu entfernen. Dann machte er sich emsig an das Absenken. Er versuchte verschiedene Arten der Veredelung, Pfropfen mit der Pfeife, kronenweises Pfropfen, Okulieren, krautiges Pfropfen, Veredelung auf englische Art. Mit welcher Sorgfalt paßte er die Bastenden aneinander! Wie fest er die Fäden anzog! Welch eine Menge Baumwachs er darüber legte!
Zweimal täglich nahm er seine Gießkanne und schwenkte sie über den Pflanzen, als wenn er sie beweihräucherte. Wie sie unter der Wirkung des Wassers, das als feiner Regen herabfiel, grünten, glaubte er, seinen eigenen Durst zu löschen und in ihnen wieder zu erstehen. Dann ließ er sich hinreißen, nahm die Brause von der Gießkanne und goß in vollem Strom reichlich darüber.
Am Ende des Laubenganges, in der Nähe der Gipsdame, erhob sich eine Art Hütte aus Stangenholz. Pécuchet verwahrte dort seine Geräte, und er verbrachte hier wundervolle Stunden mit dem Aussuchen der Sämereien, dem Schreiben von Etiketten, der Ordnung seiner kleinen Töpfe. Wenn er sich ausruhte, setzte er sich auf eine Kiste vor die Tür und träumte dann von Verschönerungen.
Unten an der Freitreppe hatte er zwei Körbe mit Geranien angebracht; zwischen die Zypressen und die pyramidenförmig geschnittenen Obstbäume pflanzte er Sonnenblumen; -- und da die Beete mit Butterblumen und alle Wege mit frischem Sand bedeckt waren, so blendete der Garten durch eine Überfülle von gelben Farben.
Doch das Mistbeet wimmelte von Larven; trotz der neuen Bedüngung mit trockenem Laub entstand hinter den gestrichenen Rahmen und unter den beschmierten Schutzgläsern nur eine verkrüppelte Vegetation. Die Stecklinge faßten nicht Wurzel; die Pfropfreiser fielen ab, die Satzreiser trieben nicht mehr, die Bäume hatten den Schimmel an der Wurzel; die Samenbeete waren ein Jammer. Der Wind schien eine Lust daran zu finden, die Bohnenstangen niederzuwerfen. Die übermäßige Bedüngung mit Jauche schadete den Erdbeerpflanzen, die mangelhafte Beschneidung den Tomaten.
Er hatte denselben Mißerfolg mit Rosenkohl, Auberginen, Rüben und Brunnenkresse, die er in einem Kübel hatte ziehen wollen. Als das Tauwetter zu Ende war, waren alle Artischocken dahin. Der Kohl war sein Trost. Besonders ein Kohlkopf machte ihm Hoffnungen. Er entfaltete sich, schoß empor, wurde schließlich ein Wunder und war vollkommen ungenießbar. Gleichviel, Pécuchet war zufrieden, ein solches Ungeheuer zu besitzen.
Dann machte er einen Versuch in dem, was ihm der Gipfel der Kunst zu sein schien: in der Melonenkultur.
Er säte Körner verschiedener Sorten in Teller, die mit Humuserde gefüllt waren, und die er in sein Mistbeet einsetzte. Dann legte er ein zweites Mistbeet an; und als es seine Hitze verloren hatte, setzte er die schönsten jungen Pflanzen um, mit den Schutzgläsern darüber. Er beschnitt sie ganz nach den Vorschriften des „Guten Gärtners“, achtete auf die Blüten, ließ die Früchte ansetzen, wählte eine auf jedem Zweig, vernichtete die anderen, und sobald sie die Dicke einer Nuß hatten, schob er unter ihre Schale ein kleines Brett, um sie am Faulen durch Berührung mit dem Mist zu hindern. Er begoß sie, setzte sie der Luft aus, wischte mit seinem Taschentuch den Niederschlag von den Schutzgläsern ab, -- und wenn sich Wolken zeigten, trug er eilig Strohmatten herbei.
Des Nachts ließen sie ihn nicht schlafen. Mehrere Male erhob er sich sogar wieder; und mit bloßen Füßen in den Schuhen und im Hemde zitternd durchschritt er den ganzen Garten, um seine Bettdecke über die Treibkästen zu breiten.
Die Warzenmelonen reiften. Bei der ersten schnitt Bouvard eine Grimasse. Die zweite war nicht besser, die dritte ebenfalls nicht. Pécuchet hatte jedesmal eine neue Entschuldigung bis zur letzten, die er aus dem Fenster warf, wobei er erklärte, daß er das nicht verstehe.
In der Tat, da er die verschiedenen Arten beieinander gezogen hatte, hatten sich die Zuckermelonen mit den Netzmelonen vermischt, die dicke portugiesische mit der großen mongolischen, -- und da die Nachbarschaft der Tomaten die Zuchtlosigkeit voll machte, waren schreckliche Kreuzungen entstanden, die den Geschmack von Kürbissen hatten.
Dann warf sich Pécuchet auf die Blumenzucht. Er schrieb an Dumouchel wegen Samenpflanzen, kaufte einen Vorrat Heideerde und machte sich entschlossen ans Werk.
Aber er pflanzte die Passionsblumen in den Schatten, die Stiefmütterchen in die Sonne, bedeckte die Hyazinthen mit Dünger, begoß die Lilien nach der Blüte, vernichtete die Rhododendren durch übermäßiges Abbinden der Zweige, trieb die Fuchsien mit Leim und dörrte einen Granatbaum, indem er ihn dem Feuer in der Küche aussetzte.
Beim Herannahen der Kälte schützte er die Heckenrosen mit Schutzhüllen aus starkem Papier, das mit Talglicht zusammengekittet war; sie sahen aus wie Zuckerhüte, die an Stöcken in der Luft schwebten.
Die Stangen der Dahlien waren ungeheuerlich, -- und man bemerkte zwischen diesen geraden Stöcken die gewundenen Zweige einer Sophora japonica, die in unverändertem Zustande verharrte, ohne auszugehen und ohne zu wachsen.
Da indessen die seltensten Bäume in den Gärten der Hauptstadt gediehen, mußten sie auch in Chavignolles fortkommen; und Pécuchet verschaffte sich indischen Flieder, chinesische Rosen und den Eukalyptus, der damals gerade in Mode gekommen war. Alle seine Versuche schlugen fehl. Er war jedesmal sehr erstaunt darüber.
Gleich ihm stieß Bouvard auf Hindernisse. Sie fragten einander um Rat, schlugen ein Buch auf, griffen zu einem anderen und wußten dann nicht, wofür sie sich bei der Verschiedenheit der Ansichten entscheiden sollten.
So empfiehlt zum Beispiel Puvis den Mergel; das Handbuch Roret verwirft ihn.
Was den Gips anlangt, so scheinen trotz Franklins Vorgang Riefel und Herr Rigaud nicht dafür begeistert.
Das Brachliegen der Felder war Bouvard zufolge ein gotisches Vorurteil. Indessen verzeichnet Leclerc Fälle, wo es beinahe unerläßlich ist. Gasparin führt einen Einwohner von Lyon an, der während eines halben Jahrhunderts Getreide auf demselben Felde baute: das widerlegt die Theorie der Koppelwirtschaft. Tull preist die Bearbeitung auf Kosten der Bedüngung; und da kommt der Major Beetson und verwirft die Bedüngung zugleich mit der Bearbeitung!
Um das Wetter im voraus bestimmen zu können, studierten sie die Wolken nach der Einteilung von Luke-Howard. Sie betrachteten jene, die sich wie eine Mähne lang hinbreiten, die, welche Inseln gleichen, die, welche man für Schneeberge halten könnte, wobei sie versuchten, die Nimbus- von den Cirrusformen, die Stratus- von den Cumulusbildungen zu unterscheiden; die Formen veränderten sich, ehe sie die Namen gefunden hatten.
Das Barometer täuschte sie, durch das Thermometer erfuhren sie nichts; und sie nahmen ihre Zuflucht zu dem Mittel, das sich ein Priester in der Touraine unter Ludwig XV. ausgedacht hatte. Ein Blutegel in einer Glasglocke sollte bei Regenwetter emporsteigen, bei beständig gutem sich auf dem Grunde halten, sich regen, wenn Unwetter drohte. Aber fast immer widersprach der Luftdruck dem Blutegel. Sie setzten noch drei andere zu diesem ersten. Alle vier benahmen sich auf verschiedene Weise.
Nach reiflicher Überlegung erkannte Bouvard, daß er sich getäuscht hatte. Sein Gut erforderte eine Bewirtschaftung im großen, eine starke Anspannung, und er setzte aufs Spiel, was ihm von verfügbaren Kapitalien blieb, dreißigtausend Franken.
Von Pécuchet angeregt, geriet er in eine Begeisterung für Dünger. In die Kompostgrube wurden Strauchwerk, Blut, Gedärme, Federn, alles, was er entdecken konnte, geworfen. Er verwandte belgischen Blutdünger, Schweizer Aschendünger, Laugenwasser, saure Heringe, Seetang, Lumpen, ließ Guano kommen, versuchte, welchen herzustellen, -- und seine Prinzipien auf die Spitze treibend, duldete er nicht, daß der Urin verloren ging; er schaffte die Aborte ab. Man brachte Tierleichen in seinen Hof, mit denen er die Erde düngte. Ihr zerschnittenes Aas wurde auf die Felder geworfen. Bouvard lächelte inmitten dieser Verpestung. Eine Pumpe, die auf einem Karren befestigt war, spie Jauche auf die Erntefelder. Zu denen, die sich davon angewidert zeigten, sagte er:
„Aber das ist Gold! Das ist Gold!“
Und er bedauerte, nicht noch mehr Dünger zu haben. Glücklich die Länder, in denen man natürliche Höhlen ganz voller Vogelmist findet!
Der Raps war kläglich, der Hafer mittelmäßig, und das Korn verkaufte sich schlecht wegen seines Geruchs. Eine sonderbare Tatsache war, daß der Hügel, nachdem er von Steinen gereinigt war, weniger hervorbrachte als früher.
Er hielt es für geraten, seine Geräte zu erneuern. Er kaufte eine Messeregge, System Guillaume, einen Grubberpflug, Marke Valcourt, eine englische Säemaschine und den räderlosen Pflug des Mathieu von Dombasle; doch der Pflüger machte ihn herunter.
„Lerne damit umzugehen!“
„Gut! Zeigen Sie es mir!“
Er versuchte, ihn vorzuführen, kam nicht zurecht damit, und die Bauern lachten höhnisch.
Nie vermochte er, sie an das Glockenzeichen zu gewöhnen. Unaufhörlich schrie er hinter ihnen her, rannte bald hier-, bald dorthin, schrieb seine Beobachtungen in ein Notizbuch, bestellte sie zu sich und dachte nicht mehr daran, -- und sein Kopf kochte von Unternehmergedanken. Er hatte vor, Mohn anzubauen im Hinblick auf die Opiumgewinnung, und besonders den Tragant, den er als „Familienkaffee“ verkaufen wollte.
Um die Ochsen schneller zu mästen, ließ er ihnen alle vierzehn Tage zur Ader.
Er ließ kein einziges von den Schweinen schlachten und stopfte sie mit gesalzenem Hafer. Bald wurde der Schweinestall zu eng. Sie versperrten den Hof, stießen die Einfriedigungen ein, bissen die Leute.
Während der großen Hitze wurden fünfundzwanzig Hammel von der Drehkrankheit befallen und krepierten bald darauf.
In derselben Woche verendeten drei Ochsen, eine Folge der Aderlässe Bouvards.
Um die Engerlinge zu vernichten, kam er auf den Gedanken, die Hühner in einen rollenden Käfig zu sperren, den zwei Männer hinter dem Pflug herschoben; -- was nicht verfehlte, den Tieren die Pfoten zu zerbrechen.
Er stellte Bier aus den Blättern des Gamander her und gab es den Schnittern an Stelle von Most. Erkrankungen der Eingeweide waren die Folge. Die Kinder weinten, die Frauen wimmerten, die Männer waren wütend. Sie drohten alle fortzugehen, und Bouvard gab nach.
Um sie jedoch von der Unschädlichkeit seines Getränkes zu überzeugen, trank er in ihrer Gegenwart mehrere Flaschen herunter, fühlte sich unwohl, verbarg aber seine Schmerzen unter einer lustigen Miene. Er ließ sich das Gebräu sogar ins Haus bringen. Am Abend trank er mit Pécuchet davon, und beide gaben sich Mühe, es gut zu finden. Übrigens durfte es nicht ungenützt verloren gehen.
Da Bouvards Kolik immer heftiger wurde, holte Germaine den Arzt.
Der Arzt war ein ernster Mann mit gewölbter Stirn, der damit anfing, seinen Patienten Furcht einzujagen. Die Cholerine des Herrn müsse von dem Bier herrühren, von dem man im ganzen Orte sprach. Er wollte die Zusammensetzung wissen und tadelte sie in wissenschaftlichen Ausdrücken, wobei er die Achseln zuckte. Pécuchet, der das Rezept geliefert hatte, war tief gedemütigt.