Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass
Part 26
Sie zeigte keine Verwirrung -- und lächelnd schenkte sie ihnen zwei Seidel ein. Pécuchet, der sich unbehaglich fühlte, verließ die Wirtschaft schnell.
Bouvard ging allein wieder hin, belustigte einige Bürger durch Spötteleien über den Bürgermeister und kam von dieser Zeit an häufiger in die Kneipe.
Sechs Wochen später wurde Dauphin aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Wie schändlich! Man hielt jetzt dieselben Zeugen für verdächtig, welche gegen sie als belastend gegolten hatten.
Und ihre Wut kannte keine Grenzen, als das Verkehrssteueramt sie benachrichtigte, daß sie die Strafe zu zahlen hätten. Bouvard griff das Verkehrssteueramt als eine für das Eigentum schädliche Einrichtung an.
„Sie irren sich!“ sagte der Steuereinnehmer.
„Ich dächte gar! Es muß ein Drittel der öffentlichen Lasten tragen!“
„Ich möchte ein weniger lästiges Steuerverfahren, ein besseres Katasterwesen, Veränderungen an der Einrichtung des Pfandbriefrechts; und außerdem sollte man die Bank von Frankreich abschaffen, die das Vorrecht des Wuchers hat.“
Girbal zeigte sich dem nicht gewachsen, sank in der Meinung der anderen und erschien nicht mehr.
Bouvard indessen sagte dem Wirt zu; er zog Leute herbei und plauderte gemütlich mit der Magd, während er auf die Stammgäste wartete.
Er äußerte sonderbare Gedanken über den Elementarunterricht. Wenn man die Schule verließ, sollte man seiner Ansicht nach imstande sein, Kranke zu pflegen, die wissenschaftlichen Entdeckungen zu verstehen, sich für die Künste zu interessieren. Die Forderungen seines Programms brachten ihn mit Petit in Streit; und er verletzte den Hauptmann durch die Behauptung, daß die Soldaten, anstatt ihre Zeit mit Übungen zu verlieren, besser täten, Gemüse zu bauen.
Als die Frage des Freihandels aufs Tapet kam, brachte er Pécuchet mit; und den ganzen Winter hindurch gab es im Café drohende Blicke, verächtliche Haltungen, Beleidigungen und Schimpfen nebst Faustschlägen auf die Tische, daß die Seidel tanzten.
Langlois und die übrigen Kaufleute verteidigten den nationalen Handel; Oudot, Spinnereibesitzer, und Mathieu, Goldwarenfabrikant, die einheimische Industrie; die Gutsbesitzer und die Pächter die einheimische Landwirtschaft, wobei jeder für sich Vorrechte zum Nachteil der Mehrheit verlangte. Bouvards und Pécuchets Reden beunruhigten.
Da man ihnen vorwarf, nichts von der Praxis zu verstehen, es auf Gleichmacherei und Sittenlosigkeit abgesehen zu haben, entwickelten sie folgende drei Anschauungen: den Familiennamen durch eine Stammrollennummer zu ersetzen; die Franzosen in Rangklassen einzuteilen, und um seinen Rang zu behaupten, solle man sich von Zeit und Zeit einem Examen unterziehen; Wegfall der Bestrafungen wie der Auszeichnungen, aber für alle Dörfer eine besondere Chronik, die auf die Nachwelt übergehen sollte.
Man wollte von ihrem System nichts wissen. Sie schrieben einen Artikel darüber für die Zeitung von Bayeux, setzten ein Schreiben an den Präfekten auf, richteten eine Eingabe an die Kammern, eine Denkschrift an den Kaiser.
Die Zeitung druckte ihren Artikel nicht ab.
Der Präfekt würdigte sie keiner Antwort.
Die Kammern blieben stumm, und sie warteten lange auf einen Briefumschlag aus den Tuilerien.
Womit beschäftigte sich denn der Kaiser? Ohne Zweifel mit Frauen.
Foureau riet ihnen auf Veranlassung des Unterpräfekten zu größerer Zurückhaltung.
Sie kehrten sich weder an den Unterpräfekten, noch an den Präfekten, noch an die Räte der Präfektur, ja nicht einmal an den Staatsrat. Die Verwaltungsgerichtsbarkeit sei etwas Ungeheuerliches, denn durch Gunstbezeugungen und Drohungen übe die Verwaltung eine ungerechte Herrschaft über ihre Beamten aus. Kurz, sie wurden lästig, und die Honoratioren schärften Beljambe ein, diese beiden Menschen fernzuhalten.
Da brannten Bouvard und Pécuchet vor Verlangen, sich durch ein Werk auszuzeichnen, das ihre Mitbürger blenden sollte, und sie fanden nichts anderes als Verschönerungsprojekte für Chavignolles.
Drei Viertel der Häuser sollten abgerissen werden; man würde inmitten des Ortes einen monumentalen Platz anlegen, ein Spital in der Richtung auf Falaise, ein Schlachthaus am Wege nach Caen und in der „Kuhgasse“ eine bunt gehaltene romanische Kirche bauen.
Pécuchet verfertigte mit chinesischer Tusche eine Zeichnung, wobei er nicht vergaß, den Wald gelb, die Bauten rot und die Wiesen grün auszumalen, denn die Bilder eines idealen Chavignolles verfolgten ihn bis in seine Träume; er wälzte sich schlaflos auf seiner Matratze.
Eines Nachts wurde Bouvard davon wach.
„Bist du krank?“
Pécuchet stammelte:
„Haussmann läßt mich nicht schlafen.“
Um diese Zeit erhielt er einen Brief von Dumouchel, der nach den Preisen der Seebäder an der normännischen Küste fragte.
„Er möge sich trollen mit seinen Bädern. Haben wir denn Zeit, Briefe zu schreiben?“
Und nachdem sie sich eine Meßkette, ein Winkelmaß, eine Wasserwage und eine Bussole verschafft hatten, begannen neue Studien.
Sie drangen in die Grundstücke ein; oft waren die Bürger überrascht, dort diese beiden Männer zu sehen, die Absteckpfähle einpflanzten.
Bouvard und Pécuchet sprachen mit ruhiger Miene über ihre Pläne und das, was sich daraus ergeben würde.
Die Einwohner wurden unruhig, denn schließlich konnte vielleicht die Behörde ihre Anschauung teilen.
Manchmal trieb man sie in grober Weise fort.
Viktor erkletterte die Mauern und stieg in die Dachgiebel, um ein Signal anzubringen, bezeigte guten Willen und sogar einen gewissen Eifer.
Sie waren auch mit Viktorine zufriedener.
Wenn sie Wäsche bügelte, bewegte sie ihr Eisen auf dem Brett, während sie mit zarter Stimme sang; sie zeigte Interesse für die Wirtschaft, machte Bouvard eine Mütze, und ihre Nähte trugen ihr die Komplimente Romiches ein.
Romiche war einer jener Schneider, die auf die Gutshöfe gehen, um die Kleider auszubessern. Man behielt ihn vierzehn Tage im Hause.
Er war bucklig und hatte rotumränderte Augen, glich jedoch diese körperlichen Mängel durch eine närrische Laune wieder aus. Während die Herren abwesend waren, belustigte er Marcel und Viktorine durch spaßige Erzählungen, streckte seine Zunge bis zum Kinn heraus, ahmte den Kuckuck nach, führte sich als Bauchredner vor und legte sich am Abend, um die Kosten der Herberge zu sparen, im Waschhaus schlafen.
Nun holte Bouvard eines Morgens, da er fror, zu sehr früher Stunde dort Hobelspähne, um sein Feuer anzuzünden.
Ein Anblick ließ ihn erstarren.
Hinter den Trümmern der Truhe schliefen Romiche und Viktorine auf einer Matratze.
Er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, und seine andere Hand, lang wie die eines Affen, hielt ihr Knie umfaßt; seine Lieder waren halb geschlossen, sein Gesicht noch von einem Krampf der Lust verzogen. Sie lächelte, auf dem Rücken liegend. Ihre offenstehende Nachtjacke zeigte ihren kindlichen Busen, der von den Liebkosungen des Buckligen rot gefleckt war; ihre blonden Haare hingen gelöst, und die Morgendämmerung warf über beide ein fahles Licht.
Bouvard war es im ersten Augenblick gewesen, als empfange er einen Stoß mitten vor die Brust. Dann hinderte ihn die Scham, auch nur die leiseste Bewegung zu machen; schmerzliche Gedanken ergriffen ihn.
„So jung noch, und doch schon eine Verlorene!“
Dann weckte er Pécuchet und teilte ihm kurz alles mit.
„O, der Elende!“
„Wir können nichts daran ändern! Beruhige dich.“
Und lange Zeit hindurch seufzten sie, einander gegenüber sitzend: Bouvard ohne Rock und mit verschränkten Armen; Pécuchet am Rande seines Lagers, mit bloßen Füßen und in der Nachtmütze.
Romiche sollte an jenem Tage abreisen, da er seine Arbeit beendet hatte. Sie bezahlten ihn in hochfahrender Weise, ohne ein Wort zu sagen.
Doch die Vorsehung zürnte ihnen.
Marcel führte sie kurze Zeit darauf in Viktors Zimmer und zeigte ihnen unten in dessen Kommode ein Zwanzig-Frank-Stück. Der Schlingel habe ihn beauftragt, es ihm einzuwechseln.
Woher rührte es? Sicherlich aus einem Diebstahl, der während ihrer Vermessungen begangen war. Doch um es zurückzugeben, hätte man den Bestohlenen kennen müssen, und wenn man ihn aufforderte, sich zu melden, so würde es aussehen, als wären sie mitschuldig.
Schließlich riefen sie Viktor und befahlen ihm, die Schublade zu öffnen; der Napoleon war verschwunden. Der Bengel tat, als ob er nicht verstehe.
Soeben jedoch hatten sie es gesehen, dieses Geldstück, und Marcel war keiner Lüge fähig. Die Geschichte regte ihn so auf, daß er einen Brief an Bouvard seit dem Morgen in seiner Tasche vergessen hatte:
„Sehr geehrter Herr!
Da ich fürchte, daß Herr Pécuchet krank ist, wende ich mich an Ihre Liebenswürdigkeit...“
„Von wem ist denn die Unterschrift?“
„Olympe Dumouchel, geborene Charpeau.“
Sie und ihr Gatte fragten an, in welchem Badeorte, Courseulles, Langrune oder Lucques, sich die beste Gesellschaft, die am wenigsten laute, finde, und ferner wollten sie alle Beförderungswege, den Preis der Wäsche und so weiter wissen.
Ihre Wut über diese Belästigung entlud sich gegen Dumouchel; dann tauchte die Ermüdung sie in eine noch tiefere Mutlosigkeit.
Sie dachten an all die Last, die sie sich gemacht hatten; so viel Lehrstunden, so viel Sorgfalt und so viel Ängste.
„Und wenn man denkt,“ sagten sie, „daß wir einst eine Hilfslehrerin aus ihr machen wollten! Und aus ihm letzthin einen Bauführer!“
„Ach, welche Enttäuschung!“
„Wenn sie lasterhaft ist, so ist nicht ihre Lektüre daran schuld.“
„Um ihn zu einem ehrbaren Menschen zu machen, hatte ich ihn mit dem Leben Cartouches bekannt gemacht.“
„Vielleicht hat ihnen die Familie, die Sorge einer Mutter gefehlt?“
„Ich ersetzte sie ihnen!“ wandte Bouvard ein.
„Ach!“ fuhr Pécuchet fort. „Aber es gibt Naturen, die des moralischen Sinnes bar sind, -- und die Erziehung ist da ohne Einfluß.“
„Ach ja, es ist etwas Schönes um die Erziehung!“
Da die beiden Waisen kein Handwerk verstanden, würde man ihnen zwei Stellen als Dienstboten suchen; -- und dann in Gottes Namen! sie würden sich nicht mehr um sie kümmern. -- Und von nun an ließen „Onkelchen“ und „Alterchen“ sie in der Küche essen.
Doch bald langweilten sie sich; ihr Geist bedurfte einer Arbeit, ihr Dasein eines Zwecks.
Was beweist übrigens ein Mißerfolg? Was bei Kindern fehlgeschlagen war, konnte bei Männern mehr Erfolg haben. Und sie kamen auf den Gedanken, Vorlesungen für Erwachsene zu halten.
Ihre Ideen konnten sie nur in einem Vortrag darlegen. Der große Saal des Wirtshauses eignete sich vorzüglich dazu.
Beljambe als Beigeordneter hatte Angst, sich bloßzustellen, und gab zuerst eine abschlägige Antwort; dann wurde er andern Sinnes, da er dachte, er könne dabei verdienen, und benachrichtigte sie davon durch seine Magd.
Bouvard küßte sie in übermäßiger Freude auf beide Backen.
Der Bürgermeister war abwesend; der andere Beigeordnete, Herr Marescot, der ganz von seinem Bureau in Anspruch genommen war, würde sich wenig um den Vortrag kümmern; so konnte er stattfinden, und der Trommler kündigte ihn für den folgenden Sonntag um drei Uhr an.
Erst am Abend vorher dachten sie an ihren Anzug.
Pécuchet hatte, dem Himmel sei Dank, einen alten Frack mit Samtkragen, zwei weiße Halsbinden und schwarze Handschuhe aufbewahrt. Bouvard legte seinen blauen Rock an, eine Nankingweste, Kastorschuhe; und sie waren sehr erregt, als sie das Dorf durchschritten und im Wirtshaus zum Goldenen Kreuz ankamen....
* * * * *
_Hier bricht das Manuskript Gustave Flauberts ab._
_Wir veröffentlichen im folgenden einen Auszug des Plans, der sich in seinen Papieren gefunden hat und der den Schluß des Werkes andeutet._
~Vortrag~
Das Wirtshaus zum Goldenen Kreuz, -- zwei hölzerne Seitengalerien im ersten Stock mit vorspringendem Balkon -- Hauptgebäude im Hintergrunde -- Café zu ebener Erde, Speisesaal, Billard; Türen und Fenster stehen offen.
Menge: Honoratioren, Leute aus dem Volke.
Bouvard: „Es handelt sich zunächst darum, die Nützlichkeit unseres Projektes zu zeigen, unsere Studien geben uns das Recht, das Wort zu nehmen.“
Rede Pécuchets, pedantisch.
Dummheiten der Regierung und der Verwaltung, -- zu viel Steuern, Ersparnisse nach zwei Richtungen anstreben; Unterdrückung des Budgets des Kultus und desjenigen der Armee.
Man wirft ihm Gottlosigkeit vor.
„Das Gegenteil ist richtig; aber wir bedürfen einer religiösen Erneuerung.“
Foureau kommt dazu und will die Versammlung auflösen.
Bouvard erregt Heiterkeit auf Kosten des Bürgermeisters, indem er an dessen dumme Prämien für Eulen erinnert. -- Entgegnung.
„Wenn man die Tiere töten soll, die den Pflanzen schaden, müßte man auch das Vieh töten, das Gras frißt.“
Foureau verläßt den Saal.
Rede Bouvards, -- ungezwungen.
Vorurteile: Zölibat der Priester, Bedeutungslosigkeit des Ehebruchs, -- Emanzipation der Frau:
„Ihre Ohrringe sind das Zeichen ihrer ehemaligen Knechtschaft.“
Menschengestüt.
Man hält Bouvard und Pécuchet den schlechten Wandel ihrer Zöglinge entgegen. -- Wozu auch die Kinder eines Sträflings annehmen?
Theorie der Rehabilitierung. Sie würden sich mit Touache an denselben Tisch setzen.
Foureau, der zurückgekehrt ist, liest, um sich an Bouvard zu rächen, eine Eingabe von ihm an den Gemeinderat vor, worin er die Errichtung eines Bordells in Chavignolles verlangt. -- (Gründe Robins.)
Der Vortrag wird inmitten des größten Tumultes abgebrochen.
Während Bouvard und Pécuchet nach Hause gehen, bemerken sie Foureaus Diener, der in gestrecktem Galopp auf der Straße nach Falaise davonreitet.
Sie legen sich sehr ermüdet nieder, ohne die Komplotte zu ahnen, die gesponnen werden; -- die Motive darlegen, welche der Pfarrer, der Arzt, der Bürgermeister, Marescot, das Volk, alle Welt haben, ihnen feind zu sein.
Am folgenden Morgen sprechen sie beim Frühstück über ihren Vortrag.
Pécuchet sieht schwarz in die Zukunft der Menschheit.
Der moderne Mensch ist minderwertig und zur Maschine geworden.
Schließliche Anarchie des Menschengeschlechts (Büchner I und II).
Unmöglichkeit des Friedens (id.).
Barbarei infolge von übermäßigem Individualismus und dem Wahnsinn, in den die Wissenschaft verfallen ist.
Drei Hypothesen: erstens: der pantheistische Radikalismus wird jedes Band mit der Vergangenheit zerreißen, und ein unmenschlicher Despotismus wird daraus hervorgehen; zweitens: wenn der theistische Absolutismus triumphiert, so unterliegt der Liberalismus, der seit der Reformation die Menschheit durchdrungen hat, und es erfolgt ein allgemeiner Umsturz; drittens: wenn die Zuckungen, in denen seit 89 die menschliche Gesellschaft sich windet, endlos und, ohne die eine oder die andere Lösung zu finden, anhalten, so wird dieses Schwanken uns durch seine eigene Kraft ins Verderben reißen. Es wird kein Ideal, keine Religion, keine Moral mehr geben.
Amerika wird die Erde erobert haben.
Zukunft der Literatur.
Allgemeine Verlümmelung: überall wird es hergehen wie bei einem Arbeitersaufgelage.
Ende der Welt, weil der Wärmevorrat aufhört.
Bouvard sieht die Zukunft der Menschheit rosig. Der moderne Mensch ist auf dem Wege des Fortschritts.
Europa wird durch Asien verjüngt werden. Da es ein historisches Gesetz ist, daß die Zivilisation vom Orient zum Okzident kommt -- Rolle Chinas --, so werden die beiden Menschheiten schließlich ineinander aufgehen.
Künftige Erfindungen: Arten zu reisen, Ballon. -- Unterseeboote mit Scheiben, bei beständiger Ruhe, denn die Bewegtheit des Meeres ist nur auf der Oberfläche. -- Man wird Fische und Landschaften auf dem Grunde des Ozeans vorbeiziehen sehen. -- Gezähmte Tiere. -- Alle Kulturen.
Zukunft der Literatur (Gegenteil der industriellen Literatur). Künftige Wissenschaften. -- Die magnetische Kraft regulieren.
Paris wird ein Wintergarten werden. -- Spaliere mit Früchten auf dem Boulevard! Die Seine filtriert und warm, -- Unmenge von künstlichen Edelsteinen -- verschwenderisch angebrachte Vergoldungen -- Erleuchtung der Häuser, -- man wird das Licht aufspeichern, denn es gibt Körper, die diese Eigenschaft besitzen, wie der Zucker, das Fleisch gewisser Mollusken und der Bologneser Phosphor. Man wird angehalten werden, die Vorderseite der Häuser mit einer phosphoreszierenden Masse anzustreichen, und ihre Strahlung wird die Straße erleuchten.
Verschwinden des Bösen infolge Verschwindens des Mangels. Die Philosophie wird zur Religion werden.
Geistesgemeinschaft aller Völker. Öffentliche Feste.
Man wird auf die Sterne gehen -- und wenn die Erde verbraucht sein wird, wird die Menschheit nach den Sternen auswandern.
Kaum hat er geendet, da erscheinen die Gendarmen. -- Ankunft der Gendarmen.
Bei ihrem Anblick Aufregung der Kinder, hervorgerufen durch ihre vagen Erinnerungen.
Trostlosigkeit Marcels.
Erregung Bouvards und Pécuchets. -- Will man Viktor verhaften?
Die Gendarmen zeigen einen Verhaftungsbefehl vor.
Der Grund ist der Vortrag. Man beschuldigt sie, die Religion, die öffentliche Ordnung angegriffen, zum Widerstand gegen die Staatsgewalt aufgereizt zu haben, usw.
Plötzliche Ankunft von Herrn und Frau Dumouchel mit ihrem Gepäck; sie wollen ins Seebad. Dumouchel hat sich nicht verändert, die gnädige Frau trägt eine Brille und verfaßt Fabeln. -- Ihre Verdutzung.
Der Bürgermeister, der weiß, daß die Gendarmen bei Bouvard und Pécuchet sind, kommt, durch ihre Gegenwart ermutigt.
Gorju, der sieht, daß die Obrigkeit und die öffentliche Meinung gegen sie sind, will daraus Gewinn schlagen und begleitet Foureau. Da er Bouvard für den reicheren der beiden hält, wirft er ihm vor, Mélie früher verführt zu haben.
„Ich, niemals!“
Und Pécuchet zittert.
„Und ihr sogar eine Krankheit gelassen zu haben.“
Bouvard protestiert.
„Wenn er ihr nicht wenigstens für das Kind, das sie erwartet, eine Rente zahlen will, denn sie ist schwanger.“
Dieser zweiten Beschuldigung liegt der vertrauliche Verkehr Bouvards im Café zugrunde.
Das Publikum nimmt allmählich das Haus ein.
Barberou, der durch eine geschäftliche Angelegenheit in die Gegend gerufen worden, hat soeben im Wirtshaus erfahren, was vor sich geht, und kommt dazu.
Er hält Bouvard für schuldig, nimmt ihn beiseite und redet ihm zu, nachzugeben, eine Rente zu zahlen.
Es kommen der Arzt, der Graf, Reine, Frau Bordin, Frau Marescot unter ihrem Sonnenschirm und andere Honoratioren. Die Bengel des Dorfes lärmen draußen vor dem Gitter, werfen Steine in den Garten. (Er ist jetzt gut gehalten, und die Bevölkerung ist darauf eifersüchtig.)
Foureau will Bouvard und Pécuchet ins Gefängnis stecken.
Barberou legt sich ins Mittel, und wie er verwenden sich Marescot, der Arzt und der Graf mit einem beleidigenden Mitleid für sie.
Den Verhaftungsbefehl motivieren. Bei Empfang von Foureaus Brief hat der Unterpräfekt ihnen einen Verhaftungsbefehl gesandt, um ihnen Angst zu machen, dazu einen Brief an Marescot und an Faverges geschrieben, worin er sagt, man solle sie in Ruhe lassen, wenn sie Reue zeigten.
Auch Vaucorbeil sucht sie zu verteidigen.
„Man müßte sie vielmehr ins Irrenhaus stecken; sie sind verrückt. -- Ich werde deshalb an den Präfekten schreiben.“
Alle beruhigen sich.
Bouvard wird Mélie eine Rente aussetzen.
Man kann ihnen die Erziehung der Kinder nicht lassen. -- Sie zeigen sich widerspenstig, doch da sie die Waisen nicht gesetzmäßig adoptiert haben, nimmt der Bürgermeister sie ihnen.
Die Kinder zeigen eine empörende Gefühllosigkeit. -- Bouvard und Pécuchet weinen darüber.
Herr und Frau Dumouchel gehen.
So ist ihnen alles unter den Händen zerbrochen.
Sie haben kein Interesse mehr am Leben.
Guter Gedanke, den jeder von ihnen heimlich genährt hat. Sie verheimlichen ihn einer vor dem anderen. -- Von Zeit zu Zeit lächeln sie, wenn er ihnen kommt, -- dann sprechen sie ihn schließlich gleichzeitig aus:
Abschreiben wie einst.
Anfertigung eines Schreibtisches mit doppeltem Pult. -- (Sie wenden sich deshalb an einen Tischler. Gorju, der von ihrer Erfindung gehört hat, erbietet sich, ihn anzufertigen. -- An die Truhe erinnern.)
Einkauf von Eintragebüchern, Utensilien, Sandarak, Radiermessern, und so weiter.
Sie machen sich ans Werk.
Nachwort des Übersetzers
Es war am 8. Mai 1880. Flaubert hatte die Tage gezählt bis zur Beendigung von „Bouvard und Pécuchet“, da nahm ihm der Tod die Feder aus der Hand.
Aufgeschlagen lag das Manuskript dieses Werkes auf seinem Schreibtisch, als sein großes edles Herz den letzten Schlag tat. Es ist das literarische Testament Flauberts. Es ist die Rache, die er an seinem Jahrhundert nahm.
All den Ingrimm, die Wut, die Galle, die er seiner Zeit gern ins Gesicht gespien, hatte er ein ganzes langes Leben hindurch hinabgewürgt. Es war ein heroischer Verzicht, -- der Kunst zuliebe. Denn er verachtete das Schaffen aus Affekt, fand es klein und erbärmlich, sein persönliches Leid in das Werk zu tragen.
„Je prépare mon vomissement“, so nennt er es, als er an die Vorarbeiten zu diesem letzten Werke geht. Was es bis zum Platzen erfüllt und ihm einen so bitteren Geschmack gibt, ist das persönliche, das besondere Leid seiner Seele: die Dummheit zu sehen und sie nicht ertragen zu können.
Wenn es das leidvollste, das bitterste und schwärzeste aller seiner Werke geworden ist, so ist es zugleich auch das klarste, hellste, geistigste, nüchternste, in dem eine dünne, harte, trockene Luft weht, die ganz erfüllt ist von glühendem Erkenntnisdrang.
Mit unerhörter Elastizität spannt sich sein Geist durch die Jahrhunderte des menschlichen Gedankens. Denn hier wollte er -- ein geradezu wahnwitziges Unterfangen -- das gesamte Wissen seiner Zeit zu kritischer Revue aufmarschieren lassen.
Jedes seiner Werke war für Flaubert wie eine lange Seereise, mit Stürmen, Bedrängnissen, Qualen, Todesnöten, aber auch mit tiefen Entzückungen und Erholungen in glühender Lichtfülle und mit blendenden Visionen wunderbarer Landstriche. Dieses hier war die einsamste, grausigste Fahrt in die Polargegend des Gedankens. Er wußte: niemand würde ihm folgen wollen in diese Nacht voll eisigen Nebels; doch den Rückkehrenden würden sie alle mit Kot bewerfen.
Oft hatte er geäußert, daß dies Werk ihn töten würde, -- und er behält recht. Einmal muß er die übermenschliche Anstrengung unterbrechen, um sich an den „Drei Erzählungen“ zu erholen. Dann aber hält er aus bis zuletzt.
In „Bouvard und Pécuchet“ legt Flaubert die Axt an die gesamte Geisteskultur seiner Zeit. So entsteht das radikalste Werk, das die moderne französische Literatur kennt. Ein Fragezeichen steht hinter allen Denkresultaten. Mit unheimlicher Lautlosigkeit stürzen Gedankenkatarakte in das Nichts.
Von schwindelnder Höhe zeigt er uns, ganz in der Tiefe, mit fast unwahrscheinlicher Deutlichkeit das koboldartige Treiben der Spießer. Und während er ihre winzigen Gestalten so saftstrotzend auf die Beine stellt, fallen ihre Schatten riesengroß in die Unendlichkeit des Weltenraums.
Er schuf in dieser eisigen Satire ein neues Genre: die Komik der Ideen. Systeme der Wissenschaft führen einen Faschingstanz auf, bis das Gebäude in Flammen steht und sie selbst mit in Rauch aufgehen.
Doch in diesem aus Glut und Eis gemischten Werke wollte Flaubert nicht etwa den Geist treffen, sondern all das Unzulängliche, Halbe, Platte, Gemeine, Muffige und Stickige seiner anmaßlichen, dünkelhaften Äußerung, kurz das, was er unter der „Dummheit des Spießers“ verstand, die er haßte mit dem Haß des Gequälten und die ihn doch wieder anzog in ihrer Monumentalität und Ungeheuerlichkeit.
Trotz der Grimasse ist kein Zweifel: hinter dem Werke steht ein unendlich großer, reicher, tiefer Mensch, der in seiner Größe das Werk noch weit überschattet.
Wenige Tage vor seinem Tode schreibt Flaubert seiner Nichte mit Beziehung auf „Bouvard und Pécuchet“: „Ich hatte recht!... Meine Auskunft stammt von dem Professor der Botanik am Botanischen Garten, und ich hatte recht, weil das Schöne immer das Wahre ist, und weil man sich in einem gewissen Stadium der Intelligenz (sofern man Methode hat) überhaupt nicht irrt. Die Wirklichkeit beugt sich zwar niemals dem Ideale, aber sie bestätigt es.“
*
GUSTAVE FLAUBERT
_ÄGYPTEN_