Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass
Part 25
Als er eines Tages eine Addition ohne Fehler ausgeführt hatte, nähte Bouvard ihm ein Band an seine Jacke, welches das Ehrenkreuz bedeuten sollte. Viktor brüstete sich damit; doch als er den Tod Heinrichs IV. vergessen hatte, setzte ihm Pécuchet eine Eselsmütze auf. Viktor begann mit solcher Heftigkeit und so lange wie ein Esel zu schreien, daß man ihm die papiernen Ohren abnehmen mußte.
Seine Schwester war gleich ihm stolz auf Lob, aber gleichgültig gegen Tadel.
Um ihr Gefühl zu wecken, gab man ihnen eine schwarze Katze, für die sie sorgen sollten; man händigte ihnen zwei, drei Sous ein, damit sie Almosen gaben. Sie fanden diese Forderung ungerecht; dieses Geld gehöre ihnen.
Auf den Wunsch ihrer Erzieher nannten sie Bouvard „Onkelchen“ und Pécuchet „Alterchen“, doch sie duzten sie, und die Unterrichtsstunden vergingen gewöhnlich zur Hälfte mit Streitigkeiten.
Viktorine mißbrauchte Marcel für ihre Launen, kletterte auf seinen Rücken, zog ihn an den Haaren.
Um über seine Hasenscharte zu spotten, sprach sie wie er durch die Nase, und der arme Kerl wagte nicht, sich zu beklagen, so sehr liebte er das kleine Mädchen. Eines Abends ertönte seine heisere Stimme sehr laut. Bouvard und Pécuchet gingen in die Küche herunter. Die beiden Zöglinge beobachteten den Kamin, und Marcel schrie händeringend:
„Hol sie heraus! Das ist zu arg! Das ist zu arg!“
Der Deckel des Topfes sprang ab, als wäre eine Granate geplatzt. Ein graues Etwas sauste bis zur Decke empor, drehte sich dann wie rasend um die eigene Achse und stieß dabei ein schreckliches Geheul aus.
Man erkannte die Katze, die ganz eingefallen und haarlos war. Ihr Schwanz glich einem Seil, und die Augen standen ihr riesengroß aus dem Kopfe hervor. Sie waren milchfarbig, wie entleert, und sandten doch Blicke.
Das entsetzliche Tier heulte immer noch, sprang in den Kamin, verschwand und fiel dann als leblose Masse in die Asche.
Es war Viktor, der diese Scheußlichkeit begangen hatte, und die beiden Biedermänner zogen sich bleich vor Entsetzen und Schauder zurück. Auf die Vorwürfe, die man ihm machte, antwortete er wie der Feldhüter hinsichtlich seines Sohnes und wie der Pächter in betreff seines Pferdes:
„Was denn! Sie gehört doch mir.“ Er sagte es ungeniert, wie selbstverständlich und mit der Ruhe eines befriedigten Triebes.
Das kochende Wasser des Topfes war auf dem Boden umhergespritzt; Pfannen, Feuerzange und Leuchter lagen auf den Fliesen.
Es dauerte einige Zeit, bis Marcel die Küche gesäubert hatte, und seine Herren und er verscharrten die arme Katze im Garten unter der Pagode.
Dann sprachen Bouvard und Pécuchet eingehend miteinander über Viktor. Das väterliche Blut schlug durch. Was tun? Ihn Herrn von Faverges zurückgeben oder ihn anderen anvertrauen, wäre ein Eingeständnis ihrer Unfähigkeit gewesen. Vielleicht würde er sich bessern.
Gleichviel! Die Hoffnung war zweifelhaft; die Liebe war verschwunden. Wie schön wäre es jedoch gewesen, an seiner Seite einen Jüngling zu haben, der nach unseren Gedanken fragt, dessen Fortschritte man beobachtet, der später zu einem Bruder wird; doch Viktor fehlte es an Klugheit und noch mehr an Herz! Und Pécuchet, der sein eines Knie mit beiden Händen umspannt hielt, seufzte.
„Die Schwester taugt ebensowenig,“ sagte Bouvard.
Er stellte sich ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen von zartem Gemüt und fröhlichem Sinn vor, das das Haus mit der Anmut seiner Jugend erfüllte; und der Biedermann weinte, als sei er ihr Vater gewesen und sie soeben gestorben.
Dann wollte er Viktor entschuldigen und führte Rousseaus Anschauung ins Feld: Das Kind ist für sein Tun nicht verantwortlich, kann nicht moralisch oder unmoralisch sein.
Diese Kinder jedoch, so meinte Pécuchet, seien alt genug, um Unterscheidungsvermögen zu haben, und sie studierten, wie man sie bessern könne. Soll eine Strafe wirksam sein, sagt Bentham, so muß sie in Beziehung zu der Verfehlung stehen, deren natürliche Folge sie ist. Das Kind hat eine Scheibe zerbrochen; man soll keine wieder einsetzen; möge es unter der Kälte leiden; verlangt es, schon gesättigt, von einem Gericht, so gebe man ihm noch davon; eine Verdauungsstörung wird schnell Grund zur Reue geben. Ist es faul, so möge es ohne Arbeit bleiben; auf sich selbst angewiesen, wird die Langeweile es zur Arbeit zurückführen.
Doch Viktor würde nicht unter der Kälte leiden, seine Konstitution konnte Außergewöhnliches ertragen, und das Nichtstun würde ihm willkommen sein.
Sie wandten das entgegengesetzte Verfahren an, die heilsame Bestrafung; Strafarbeiten wurden ihm aufgegeben; er wurde noch fauler; man gab ihm kein Eingemachtes mehr; er wurde noch naschhafter. Vielleicht würde die Ironie Erfolg haben? Als er einmal mit schmutzigen Händen zum Frühstück gekommen war, verspottete ihn Bouvard, nannte ihn hübscher Kavalier, Stutzer, Dandy. Viktor hörte mit gesenktem Kopfe zu; dann wurde er plötzlich blaß und warf seinen Teller nach Bouvards Kopf; wütend, ihn verfehlt zu haben, stürzte er sich auf ihn. Drei Männer hätten Mühe gehabt, ihn zu halten. Er wälzte sich auf dem Boden und versuchte zu beißen. Pécuchet bespritzte ihn von weitem aus einer Wasserflasche; er beruhigte sich sogleich, war aber zwei Tage hindurch heiser. Das Mittel taugte nichts.
Sie griffen zu einem andern; bei dem geringsten Anzeichen von Wut behandelten sie ihn als Kranken und brachten ihn zu Bett; Viktor befand sich wohl darin und sang. Eines Tages stibitzte er aus der Bibliothek eine alte Kokosnuß und war dabei, sie zu zerspalten, als Pécuchet dazukam:
„Meine Kokosnuß!“
Sie war ein Andenken an Dumouchel. Pécuchet hatte sie von Paris nach Chavignolles mitgebracht und gestikulierte vor Entrüstung mit den Armen in der Luft. Viktor fing an zu lachen. „Alterchen“ hielt nicht mehr an sich, und vermittels einer kräftigen Maulschelle beförderte er den Bengel in den Hintergrund des Zimmers; dann suchte er, vor Erregung zitternd, Bouvard auf, um ihm sein Leid zu klagen.
Bouvard machte ihm Vorwürfe.
„Stellst du dich an mit deiner Kokosnuß! Die Schläge verdummen, der Schrecken entnervt. Du erniedrigst dich selbst!“
Pécuchet wandte ein, körperliche Züchtigungen seien zuweilen unerläßlich. Pestalozzi wandte sie an, und der berühmte Melanchthon gesteht, daß er ohne sie nichts gelernt haben würde. -- Doch haben grausame Bestrafungen zum Selbstmord getrieben, man liest von solchen Beispielen. Viktor hatte den Eingang zu seinem Zimmer verbarrikadiert. -- Bouvard verhandelte durch die Tür, und um sie aufzubekommen, versprach er ihm eine Pflaumentorte.
Von nun an wurde es schlimmer mit dem Jungen.
Blieb ein von dem Bischof Dupanloup empfohlenes Mittel: „der strenge Blick“. Sie versuchten, ihren Gesichtern einen schrecklichen Ausdruck zu geben, und hatten nicht den geringsten Erfolg damit.
„Wir können es nur noch mit der Religion versuchen,“ sagte Bouvard.
Pécuchet protestierte. Sie hätten die Religion aus ihrem Programm gestrichen.
Doch die Vernunft befriedigt nicht alle Bedürfnisse. Das Herz und die Phantasie wollen mehr. Vielen Seelen ist das Übernatürliche unentbehrlich, und sie beschlossen, die Kinder in die Katechismusstunde zu schicken.
Reine erbot sich, sie dorthin zu bringen. Sie kam wieder ins Haus und verstand, durch einnehmende Manieren sich beliebt zu machen.
Viktorine wurde plötzlich anders; sie zeigte sich zurückhaltend, wurde süßlich, lag vor der Madonna auf den Knien, bewunderte das Opfer Abrahams und hatte ein verächtliches Hohnlächeln, wenn von Protestanten die Rede war.
Sie erklärte, man habe ihr aufgegeben zu fasten. Bouvard und Pécuchet erkundigten sich: es war nicht wahr. Am Fronleichnamstage verschwanden Levkojen von einem Beete, die nachher den Altar schmückten; sie leugnete in frecher Weise, sie abgeschnitten zu haben. Ein anderes Mal entwendete sie Bouvard zwanzig Sous, die sie beim Abendgottesdienst in die Schale des Küsters legte.
Sie schlossen daraus, daß Moral und Religion verschiedene Dinge seien; wenn die letztere keinen tieferen Grund hat, ist sie von untergeordneter Wichtigkeit.
Eines Abends, während sie speisten, trat Herr Marescot ins Zimmer; im selben Augenblick entschlüpfte Viktor.
Der Notar, der es ablehnte, sich zu setzen, erzählte, was ihn herführe: der junge Touache habe seinen Sohn beinahe zu Tode geprügelt.
Da man um Viktors Herkunft wußte und er unangenehm war, nannten ihn die anderen Bengel Zuchthäusler, und soeben hatte er den jungen Herrn Marescot in unverschämter Weise verhauen. Der Körper des teuren Arnold zeigte die Spuren davon. „Seine Mutter ist in Verzweiflung, sein Anzug in Fetzen, seine Gesundheit geschädigt! Was soll daraus werden?“
Der Notar forderte eine scharfe Züchtigung, und unter anderm sollte Viktor nicht mehr die Katechismusstunde besuchen, um neue Zusammenstöße zu vermeiden!
Obwohl Bouvard und Pécuchet durch den hochfahrenden Ton verletzt waren, versprachen sie alles, was er wünschte, gaben klein bei.
War Viktor dem Antriebe des Ehr- oder dem des Rachegefühls gefolgt? Auf jeden Fall war er kein Feigling.
Doch seine Roheit erschreckte sie; die Musik würde seine Sitten mildern; Pécuchet kam auf den Gedanken, ihn die Anfangsgründe des Gesanges zu lehren.
Es machte Viktor große Mühe, die Noten fließend zu lesen und die Ausdrücke Adagio, Presto, Sforzando nicht miteinander zu verwechseln.
Sein Lehrer mühte sich ab, ihm die Tonleiter zu erklären, den Dreiklang, die diatonische, die chromatische Leiter und die beiden Arten von Intervallen, die sogenannte große und kleine Terz.
Viktor mußte sich ganz gerade hinsetzen, die Brust heraus- und die Schultern zurücknehmen und den Mund weit öffnen; und um ihn durch Beispiel zu unterrichten, gab Pécuchet selbst die Töne mit falscher Stimme an; Viktor brachte die seinige nur mit Mühe aus der Kehle, so preßte er sie zusammen; wenn der Takt mit einer Pause begann, sang er sogleich los, oder er kam zu spät.
Nichtsdestoweniger machte sich Pécuchet an den zweistimmigen Gesang. Anstatt des Bogens nahm er ein Stöckchen und bewegte seinen Arm gebieterisch hin und her, als wenn er ein Orchester dirigiert hätte; aber von zwei Verrichtungen in Anspruch genommen, kam er aus dem Takt, sein Irrtum veranlaßte neue Fehler beim Schüler, und während sie die Augenbrauen runzelten und die Halsmuskeln anspannten, fuhren sie aufs Geratewohl fort, bis sie unten auf der Seite angelangt waren.
Schließlich sagte Pécuchet zu Viktor: „Du wirst sobald noch nicht in den Gesangvereinen glänzen.“ Und er gab den Musikunterricht auf.
Locke hat übrigens vielleicht recht: „Die Musik führt in so liederliche Gesellschaft, daß man besser tut, sich mit etwas anderm zu befassen.“
Ohne einen Schriftsteller aus Viktor machen zu wollen, hielten sie es für angebracht, wenn er verstände, einen ordentlichen Brief zuwege zu bringen. Eine Überlegung hielt sie zurück: man kann den Briefstil nicht erlernen, denn er gehört ausschließlich den Frauen.
Sie gedachten sodann, ihm ausgewählte Stücke aus der Literatur ins Gedächtnis zu trichtern und, da sie in Verlegenheit waren, was sie wählen sollten, zogen sie das Werk der Frau Campan zu Rate. Sie empfiehlt die Eliacin-Szene, die Chöre aus Esther, Jean-Baptiste Rousseau ganz.
Das alles ist etwas veraltet. Was die Romane anlangt, so untersagt sie deren Lektüre, da sie die Welt in zu günstigen Farben malen.
Indessen gestattet sie „Clarissa Harlowe“ und den „Familienvater“ von Miß Opy. -- Wer ist diese Miß Opy?
Sie konnten ihren Namen in der „Biographie Michaud“ nicht entdecken. Blieben die Märchen. „Sie werden sich Hoffnung auf Diamantenpaläste machen,“ sagte Pécuchet. Die Literatur entwickelt den Geist, aber sie erhitzt die Leidenschaften.
Viktorine wurde wegen der ihrigen aus der Katechismusstunde gewiesen. Man hatte sie überrascht, wie sie den Sohn des Notars küßte, und Reine verstand keinen Spaß: ihr Gesicht unter ihrer Haube mit den großen Röhrenfalten war ernst.
Wie konnte man nach einem solchen Skandal ein so verdorbenes junges Mädchen behalten?
Bouvard und Pécuchet erklärten den Pfarrer für ein altes Roß. Seine Magd verteidigte ihn brummend: „Man kennt Sie! Man kennt Sie!“ Sie gaben’s ihr zurück, und sie ging, während sie die Augen schrecklich rollte.
Viktorine hatte sich in der Tat in Arnold verliebt, so reizend fand sie ihn in seinem gestickten Kragen, seiner Samtweste, mit seinem angenehm duftenden Haar, und sie brachte ihm Sträuße mit bis zu dem Augenblick, wo sie durch Zéphyrin angezeigt wurde.
Wie lächerlich war dieses Abenteuer; die beiden Kinder waren ja vollständig unschuldig!
Sollte man sie über das Geheimnis der Zeugung belehren? „Ich sähe nichts Schlimmes darin,“ sagte Bouvard. Der Philosoph Basedow erklärte es seinen Zöglingen, wobei er jedoch nur auf die Schwangerschaft und die Geburt genauer einging.
Pécuchet dachte anders. Viktor begann ihn zu beunruhigen.
Pécuchet hatte ihn im Verdacht, eine böse Angewohnheit zu haben. Weshalb nicht? Es gibt ernste Männer, die sie ihr ganzes Leben hindurch behalten, und man behauptet, daß der Herzog von Angoulême sich ihr hingab.
Er fragte seinen Zögling in einer Weise, daß er ihm die Augen öffnete, und bald darauf sah er seinen Argwohn bestätigt.
Da nannte er ihn Verbrecher und wollte ihn zur Heilung Tissot lesen lassen. Dieses Meisterwerk wirkte nach Bouvards Ansicht eher verderblich als nutzbringend. Besser sei, ihm ein poetisches Gefühl einzuflößen. Aimé Martin berichtet, daß eine Mutter in einem ähnlichen Falle ihrem Sohne die „Neue Héloise“ zu lesen gab, und um der Liebe würdig zu werden, begab sich der junge Mensch schleunigst auf den Pfad der Tugend.
Doch Viktor war nicht fähig, eine Sophie zu erträumen.
„Wie wär’s, wenn wir ihn in ein Bordell führten?“
Pécuchet gab seinen Abscheu gegen die öffentlichen Dirnen zu erkennen.
Bouvard hielt das für dumm und sprach sogar davon, dieserhalb eine Reise nach le Havre zu machen.
„Was fällt dir ein? Man könnte uns hineingehen sehen!“
„Na, schön! Kaufe ihm ein Schutzmittel!“
„Aber der Bandagist dächte vielleicht, es sei für mich,“ sagte Pécuchet.
Ein aufregendes Vergnügen wie die Jagd tat ihm not; sie würde die Ausgabe für eine Flinte, für einen Hund mit sich bringen; sie zogen vor, ihn zu ermüden, und unternahmen es, mit ihm in der Gegend umherzustreifen.
Der Schlingel entschlüpfte ihnen, obwohl sie einander ablösten: sie waren wie erschlagen, und am Abend hatten sie nicht mehr die Kraft, die Zeitung zu halten.
Während sie auf Viktor warteten, plauderten sie mit den Vorübergehenden, und aus Bedürfnis, ihren Lehrtrieb zu betätigen, versuchten sie, den Leuten hygienische Maßregeln beizubringen, beklagten den Verlust der Abwässer, die Vergeudung des Düngers, wetterten gegen den Aberglauben, das Anbringen eines Drosselskelettes in der Scheune, eines geweihten Buchsbaumes hinten im Stall, gegen den Sack mit Würmern auf den Füßen der Fieberkranken.
Sie besuchten sogar die Ammen, und sie entrüsteten sich über die Art, wie sie die Säuglinge behandelten; einige ernährten sie mit Grieß, wodurch die Kinder aus Schwäche zugrunde gingen; andere stopften sie mit Fleisch, noch ehe sie sechs Monate alt waren, und die Kleinen starben an Verdauungsstörungen; manche reinigten sie mit ihrem eigenen Speichel, alle behandelten sie roh.
Wenn sie über der Tür eine gekreuzigte Eule bemerkten, so traten sie in den Hof und sagten:
„Das ist unrecht von Ihnen -- diese Tiere leben von Ratten, Feldmäusen; im Magen eines Käuzchens hat man eine Menge Raupenlarven gefunden.“
Die Dörfler kannten sie, denn sie hatten sie zuerst als Ärzte, dann nach alten Möbeln fahndend, schließlich beim Steinesuchen gesehen, und sie antworteten:
„Gehen Sie, Sie Spaßmacher! Wollen Sie doch nicht klüger sein als wir.“
Ihre Überzeugung geriet ins Wanken; denn die Sperlinge reinigen die Gemüsegärten, aber zugleich fressen sie die Kirschen ab. Die Eulen verschlingen die Insekten und ebenso die Fledermäuse, die nützlich sind, -- und wenn die Maulwürfe die Schnecken fressen, wühlen sie andrerseits die Erde auf. Eines stand für sie fest, nämlich, daß man alles Wild ausrotten müsse, da es dem Ackerbau schade.
Eines Abends gingen sie durch den Wald von Faverges; sie kamen vor das Haus, wo Sorel am Wege zwischen drei Männern gestikulierte.
Der erste war ein gewisser Dauphin, ein Schuhflicker, klein, mager, mit tückischem Gesichtsausdruck. Der zweite, der alte Aubain, der Botendienste in den Dörfern tat, trug einen alten gelben Rock zu einer Hose aus blauem Zwillich. Der dritte, Eugen, Diener bei Herrn Marescot, zeichnete sich durch einen Bart aus, der wie die Bärte der Beamten geschnitten war.
Sorel zeigte ihnen eine Schlinge aus Kupferdraht, die an einem Seidenfaden saß; letzterer wurde von einem Ziegel festgehalten; -- man nenne das eine Dohne, -- und er hatte den Schuhflicker beim Legen derselben gefunden.
„Sie sind Zeugen, nicht wahr?“
Eugen nickte in zustimmender Weise, und der alte Aubain erwiderte:
„Wenn Sie es sagen.“
Was Sorel in Wut setzte, war die Frechheit, daß man eine Schlinge so nahe bei seiner Wohnung gelegt habe; der Lump bilde sich ein, daß man nicht auf den Gedanken komme, an dieser Stelle so etwas zu vermuten.
Dauphin nahm eine weinerliche Miene an:
„Ich trat darauf, ich wollte sie sogar zerreißen.“ Man beschuldige ihn immer, man hasse ihn, er sei sehr unglücklich!
Ohne zu antworten, hatte Sorel ein Notizbuch, eine Feder und Tinte aus der Tasche gezogen, um ein Protokoll aufzunehmen.
„O! nicht doch!“ sagte Pécuchet.
Bouvard fügte hinzu: „Lassen Sie ihn laufen, er ist ein ordentlicher Kerl!“
„Der, ein Wilddieb!“
„Und wenn das wirklich der Fall wäre?“ Und sie begannen, die Wilddieberei zu verteidigen: „Zunächst steht fest, daß die Kaninchen die jungen Sprossen abnagen, die Hasen das Getreide verderben, ausgenommen die Schnepfe vielleicht ...“
„Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe.“ Und der Waldhüter schrieb mit zusammengebissenen Zähnen.
„Welch ein Starrsinn!“ murmelte Bouvard.
„Noch ein Wort, und ich hole die Gendarmen.“
„Sie sind ein ungeschliffener Mensch!“ sagte Pécuchet.
„Und ich schere mich den Teufel um Sie,“ erwiderte Sorel.
Bouvard, sich vergessend, nannte ihn Tölpel, Lakai, und Eugen sagte immerfort: „Ruhe! Ruhe! Achten wir das Gesetz!“ während der alte Aubain, drei Schritte davon auf einem Steinhaufen sitzend, stöhnte.
Durch die Stimmen erregt, kamen alle Hunde der Meute aus ihren Hütten; man sah ihre funkelnden Augen, ihre schwarzen Schnauzen durch das Gitter, und bald hierhin, bald dorthin rennend, bellten sie schrecklich.
„Ärgern Sie mich nicht länger,“ schrie ihr Herr, „oder ich lasse sie auf Ihre Hosen los!“
Die beiden Freunde entfernten sich, trotz alledem befriedigt, weil sie den Fortschritt, die Zivilisation unterstützt hatten.
Sogleich am folgenden Tage erhielten sie eine Vorladung vor das Polizeigericht wegen Beleidigung des Waldhüters, der auf hundert Franken Buße angetragen habe, vorbehaltlich eines Antrages seitens des Staatsanwalts wegen der durch sie begangenen Übertretungen: „Kosten 6 Frank 75 Cents. Tiercelin, Gerichtsvollzieher.“
Was sollte dabei der Staatsanwalt? Der Kopf schwindelte ihnen; dann beruhigten sie sich und bereiteten ihre Verteidigung vor.
Am vorgeschriebenen Tage begaben sich Bouvard und Pécuchet eine Stunde zu früh auf das Bürgermeisteramt. Niemand zeigte sich. -- Stühle und drei Sessel standen um einen ovalen Tisch, der mit einer Decke bedeckt war; in die Mauer war eine Nische zur Einsetzung eines Ofens gebrochen, und die Büste des Kaisers, die auf einem Sockel stand, schaute auf das Ganze herab.
Sie durchstreiften das Haus bis zum Boden, wo eine Löschpumpe, mehrere Fahnen und in einem Winkel auf der Erde noch andere Gipsbüsten lagen: der große Napoleon ohne Diadem, Ludwig XVIII. mit Epauletten über dem Frack, Karl X., der an seiner herabhängenden Lippe zu erkennen war, Ludwig Philipp mit geschweiften Augenbrauen und einer spitz gekämmten Tolle; sein Nacken berührte die schräge Neigung des Daches; und alle Büsten waren von Fliegen und Staub beschmutzt. Dieser Anblick verstimmte Bouvard und Pécuchet. Ein Gefühl des Mitleids für die Regierungen ergriff sie, als sie in den großen Saal zurückkehrten.
Hier fanden sie Sorel und den Feldhüter; der eine hatte sein Schildchen am Arm, der andere trug ein Käppi. Etwa ein Dutzend Personen plauderten miteinander; sie waren angezeigt, weil sie nicht genügend gefegt oder weil sie ihre Hunde hatten herumlaufen lassen, weil die Laterne am Wagen gefehlt oder weil sie während der Messe die Schankwirtschaft offen gehalten hatten.
Endlich kam Coulon in einer Amtsrobe aus schwarzer Sarsche und einem runden Barett, das einen unteren Rand aus Samt hatte. Sein Schreiber setzte sich zu seiner Linken, der Bürgermeister in der Schärpe nahm rechts von ihm Platz, und bald darauf wurde die Angelegenheit Sorel gegen Bouvard und Pécuchet aufgerufen.
Louis Martial Eugène Lenepveur, Kammerdiener in Chavignolles (Calvados), benutzte seine Eigenschaft als Zeuge, alles darzulegen, was er über eine Unmenge von Dingen wußte, die nichts mit dem Streit zu tun hatten.
Nicolas Juste Aubain, Tagelöhner, fürchtete, Sorels Mißfallen zu erregen und andrerseits den Herren zu schaden; er hatte grobe Worte gehört, zweifelte jedoch daran; er berief sich auf seine Taubheit.
Der Friedensrichter ließ ihn sich wieder setzen; dann wandte er sich an den Waldhüter:
„Bleiben Sie bei Ihrer Aussage?“
„Ganz gewiß.“
Dann fragte Coulon die beiden Angeschuldigten, was sie zu sagen hätten.
Bouvard bestritt, Sorel beleidigt zu haben; er habe vielmehr durch seine Parteinahme für den Wilderer das Interesse unserer Felder gewahrt; er erinnerte an die Mißbräuche der Feudalzeit, die vernichtenden Jagden der vornehmen Herren.
„Einerlei! die Übertretung...“
„Ich muß Sie unterbrechen,“ rief Pécuchet. „Die Worte Übertretung, Verbrechen und Vergehen sind ohne Wert. Die strafbaren Vorgänge so klassifizieren, heißt, von einer willkürlichen Basis ausgehen.
Ebensogut könnte man den Bürgern sagen: ‚Kümmert euch nicht um den Wert eurer Handlungen, er wird nur durch die Strafen der Regierung bestimmt.‘ Übrigens erscheint mir das Strafgesetzbuch als ein unsinniges, der Grundsätze bares Werk.“
„Das mag sein!“ erwiderte Coulon.
Und er wollte sein Urteil sprechen; doch Foureau als Vertreter der Staatsanwaltschaft erhob sich. Man habe den Waldhüter bei Ausübung seiner Amtsbefugnisse beleidigt. Wenn man die Eigentumsrechte nicht mehr achte, so sei alles verloren.
„Kurz, möge es dem Herrn Friedensrichter gefallen, das Höchstmaß der Strafe anzuwenden.“
Sie betrug zehn Franken als Buße an Sorel.
„Bravo!“ rief Bouvard.
Coulon war noch nicht zu Ende:
„Verurteilt sie außerdem zu fünf Frank Geldstrafe als schuldig der von dem Staatsanwalt geltend gemachten Übertretung.“
Pécuchet wandte sich an die Zuhörer:
„Die Geldstrafe ist eine Bagatelle für den Reichen, aber ein Unglück für den Armen. Mir macht sie nichts!“
Und er sah aus, als mache er sich über den Gerichtshof lustig.
„Wirklich,“ sagte Coulon, „ich wundere mich, daß Leute von Verstand...“
„Sie überhebt das Gesetz der Mühe, welchen zu haben!“ erwiderte Pécuchet. „Der Friedensrichter verwaltet sein Amt auf unbegrenzte Lebenszeit, während der Richter des Oberappellationsgerichtes nur bis zum fünfundsiebenzigsten Jahre für amtsfähig gilt und derjenige der ersten Instanz nur bis zum siebenzigsten.“
Doch auf ein Zeichen Foureaus trat Placquevent vor. Sie protestierten.
„Ja, wenn Sie im Wettbewerb ernannt würden!“
„Oder durch die Kreisstände.“
„Oder von einer Kommission von Sachverständigen auf Grund einer zuverlässigen Liste.“
Placquevent trieb sie vorwärts, -- und sie gingen hinaus unter den Hohnrufen der übrigen Angeschuldigten, die glaubten, sich durch diese Gemeinheit dem Richter angenehm zu machen.
Um sich ihre Entrüstung vom Herzen zu reden, gingen sie am Abend zu Beljambe; sein Café war leer; die Honoratioren waren gewohnt, gegen zehn Uhr von dort fortzugehen. Man hatte die Lampe herabgeschraubt; die Wände und der Zahltisch lagen im Nebel, -- eine Frau kam. Es war Mélie.