Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass
Part 24
Aber man mußte genau auf den Sinn der Worte achten: was man Kampflust nennt, schließt die Verachtung des Todes ein. Wenn dadurch Mordtaten vollbracht werden, so kann auch manches Menschenleben dadurch gerettet werden. Der Erwerbssinn umfaßt die Schlauheit der Betrüger und den Eifer der Kaufleute. Die Unehrerbietigkeit läuft dem kritischen Geiste parallel, die List der Umsicht. Stets teilt sich ein Instinkt in zwei Richtungen: in eine schlechte und eine gute. Man kann die eine unterdrücken, indem man die andere pflegt, und vermittels dieser Methode kann ein kühnes Kind es bis zum General bringen, das sonst ein Raubmörder geworden wäre. Der Feigling wird nur noch Vorsicht zeigen, der Geizhals Sparsamkeit, der Verschwender Großmut.
Ein glänzender Traum beschäftigte sie: wenn sie die Erziehung ihrer Zöglinge zu einem guten Ende geführt hätten, wollten sie später eine Anstalt gründen, deren Zweck es sein sollte, den Verstand zu bilden, schädliche Charakteranlagen zu bekämpfen, das Gemüt zu veredeln. Sie sprachen schon von Geldzeichnungen und dem Gebäude.
Ihr Triumph bei Ganot hatte sie berühmt gemacht, und es kamen Leute, die wissen wollten, was für Chancen sie im Leben hätten.
Es marschierten ihrer von allen Arten auf: Schädel von Kugel-, Birnen- und Zuckerhutform, viereckige, hohe, zusammengedrückte, abgeplattete, solche mit Rinderschnauzen, Vogelgesichtern, Schweinsaugen; doch eine solche Menge Menschen störte den Friseur bei seiner Arbeit. Die Ellbogen streiften den Glasschrank, der die Parfumerien enthielt; man brachte die Kämme in Unordnung, der Waschtisch zerbrach, und der Friseur setzte alle Wißbegierigen an die Luft, indem er Bouvard und Pécuchet bat, ihnen nachzufolgen, ein Ultimatum, in das sie sich ohne Murren fügten, denn sie waren die Schädelbeobachtung ein wenig leid geworden.
Als sie am folgenden Morgen an dem Gärtchen des Hauptmanns vorbeikamen, bemerkten sie ihn im Gespräch mit Girbal, Coulon, dem Feldhüter und dessen jüngstem Sohn Zéphyrin, der als Chorknabe angezogen war. Sein Gewand war ganz neu; er spazierte darin umher, bevor es wieder in die Sakristei wanderte, und man bewunderte ihn darin.
Neugierig zu erfahren, was sie von seinem Sohne dächten, bat Placquevent die Herren, den Schädel seines Jungen zu untersuchen.
Die Stirnhaut sah aus, als ob sie gespannt wäre; eine dünne, an der Spitze recht knorpelige Nase senkte sich schräg auf schmale Lippen; das Kinn war spitz, der Blick unstät, die rechte Schulter zu hoch.
„Nimm deine Mütze ab,“ sagte der Vater zu ihm.
Bouvard fuhr mit seinen Händen in das strohgelbe Haar des Knaben; dann kam Pécuchet an die Reihe, und mit leiser Stimme teilten sie einander ihre Beobachtungen mit: „Lebenstrieb ausgeprägt. Ha, ha! Gefallsucht! Gewissenhaftigkeit nicht vorhanden! Liebestrieb gleich Null.“
„Nun?“ sagte der Feldhüter.
Pécuchet öffnete seine Schnupftabakdose und nahm eine Prise.
„Meiner Treu,“ erwiderte Bouvard, „das ist nicht weit her.“
Placquevent errötete vor gekränkter Eigenliebe.
„Er wird trotzdem tun, was ich will.“
„O! o!“
„Aber ich bin sein Vater, zum Teufel! und ich habe wohl das Recht...“
„Bis zu einem gewissen Grade,“ erwiderte Pécuchet.
Girbal unterbrach:
„Die väterliche Autorität ist unbestreitbar.“
„Aber wenn der Vater ein Idiot ist?“
„Tut nichts“, sagte der Hauptmann, „deswegen ist seine Gewalt nicht weniger absolut.“
„Im Interesse der Kinder,“ fügte Coulon hinzu.
Nach Bouvards und Pécuchets Auffassung waren die Kinder den Urhebern ihrer Tage nichts schuldig, dagegen waren die Eltern ihren Sprößlingen gegenüber zur Ernährung, Erziehung, zu entgegenkommender Behandlung, kurz zu allem verpflichtet.
Die Bürger erhoben gegen diese unmoralische Anschauung Einspruch. Sie verletzte Placquevent wie eine Beleidigung.
„Zudem sind die nett, die Sie auf der Landstraße auflesen; sie werden es weit bringen! Nehmen Sie sich in acht!“
„In acht wovor?“ fragte Pécuchet scharf.
„O! ich habe keine Angst vor Ihnen!“
„Ich ebensowenig vor Ihnen!“
Coulon trat vermittelnd dazwischen, brachte den Feldhüter zur Mäßigung und veranlaßte ihn, fortzugehen.
Ein paar Minuten sagte niemand ein Wort. Dann sprach man von den Dahlien des Hauptmanns, der seinen Besuch nicht fortließ, ohne sie eine nach der andern gezeigt zu haben.
Bouvard und Pécuchet waren auf dem Heimwege, als sie hundert Schritte vor sich Placquevent erblickten; neben ihm hob Zéphyrin die Arme wie als Schild, um sich gegen Ohrfeigen zu schützen.
Was sie soeben gehört hatten, verkörperte unter anderen Formen die Ideen des Herrn Grafen; aber das Beispiel ihrer Zöglinge sollte beweisen, wie sehr die Freiheit dem Zwange überlegen ist. Ein wenig Zucht war indessen notwendig.
Pécuchet nagelte einen Stundenplan für die Vorträge in das Museum; man wollte ein Tagebuch führen, in dem abends alles, was die Kinder tagsüber getan hatten, aufgezeichnet werden sollte, um am nächsten Morgen wieder durchgelesen zu werden. Alles sollte nach Glockenzeichen vor sich gehen. Wie Dupont von Nemours wollten sie zuerst in väterlicher Weise ermahnen, dann in militärischer, und das Du wurde untersagt.
Bouvard versuchte, Viktorine Rechenunterricht zu geben. Manchmal verrechneten sie sich und lachten beide darüber; dann küßte sie ihn auf den Hals an der Stelle, wo kein Bart war, und bat, fortgehen zu dürfen; er entließ sie.
Pécuchet mochte, wenn die Zeit der Lehrstunden nahte, das Glockenzeichen geben, so oft er wollte, und militärische Befehle aus dem Fenster herausschreien, der Schlingel kam nicht. Seine Halbstrümpfe hingen ihm immer auf die Knöchel; er steckte seine Finger selbst bei Tisch in die Nase und hielt seine Gase nicht an sich. Broussais widerrät, in dieser Beziehung Verweise zu geben, „denn man muß dem Antrieb eines erhaltenden Instinktes gehorchen.“
Viktorine und ihr Bruder bedienten sich eines scheußlichen Kauderwelsch. Sie sagten: „mé itou“ statt „moi aussi“, „bère“ statt „boire“, „al“ statt „elle“, ein „devientiau“, „de l’iau“; doch da die Grammatik für Kinder unverständlich ist und sie diese kennen, sobald sie richtig zu sprechen vermögen, so überwachten die beiden Biedermänner die Gespräche der Kinder in einer Weise, daß es ihnen allen eine Last war.
In der Geographie gingen ihre Ansichten auseinander. Bouvard meinte, es sei logischer, mit der Gemeinde anzufangen, Pécuchet, mit der Gesamtheit der Welt.
Mit einer Gießkanne und Sand wollte er zeigen, was ein Fluß, eine Insel, ein Meerbusen sei, und er opferte sogar drei Beete für die drei Erdteile; aber das, worauf es ankam, fand in Viktors Kopf keinen Eingang.
In einer Januarnacht führte Pécuchet ihn ins freie Feld. Während sie dahingingen, sang er das Lob der Astronomie; sie sei den Seeleuten auf ihren Reisen nützlich; Christoph Columbus hätte ohne sie seine Entdeckung nicht gemacht. Wir schulden Copernikus, Galilei und Newton Dank.
Es fror stark, und am schwarzblauen Himmel glitzerten eine Unmenge von Sternen. Pécuchet hob die Augen empor.
„Was, wo ist der große Bär?“
Als er ihn das letzte Mal gesehen hatte, stand er an einer andern Stelle; schließlich erkannte er ihn, dann zeigte er den Polarstern, der immer im Norden steht und nach dem man sich orientiert.
Am folgenden Morgen stellte er in die Mitte des Salons einen Sessel und begann, um ihn herumzuwalzen.
„Denke dir, dieser Sessel sei die Sonne und ich sei die Erde; sie bewegt sich in dieser Weise.“
Viktor betrachtete ihn voll Staunen.
Dann nahm Pécuchet eine Apfelsine, steckte ein Stäbchen hinein, das die Pole andeuten sollte, und zog um sie mit Kohle einen Kreis, der den Äquator bedeuten sollte. Darauf führte er die Apfelsine um eine Kerze herum und wies darauf hin, daß nicht alle Punkte der Oberfläche gleichzeitig erhellt seien, wodurch die klimatischen Unterschiede hervorgerufen würden; und um den Wechsel der Jahreszeiten zu erklären, neigte er die Apfelsine; denn die Erde hält sich nicht gerade, was Ursache der Tag- und Nachtgleichen und Sonnenwenden ist.
Viktor hatte nichts davon verstanden. Er glaubte, die Erde drehe sich um eine lange Nadel, und der Äquator sei ein Ring, der ihren Umfang fest umschließe.
Mit Hilfe eines Atlas erklärte Pécuchet ihm Europa; doch war Viktor von so viel Linien und Farben wie geblendet und fand sich in den Namen nicht zurecht. Die Becken und Gebirge deckten sich nicht mit den Reichen, die politische Ordnung störte die physikalische. Das alles würde ihm vielleicht durch das Studium der Geschichte klar werden.
Es wäre am praktischsten gewesen, mit dem Dorfe anzufangen, darauf den Stadtkreis, den Verwaltungsbezirk, die Provinz vorzunehmen. Doch Chavignolles besaß keine Annalen, man mußte sich wohl oder übel an die allgemeine Geschichte halten. Da sie so mit Stoff überladen ist, darf man nur das Schönste auswählen. Aus der griechischen Geschichte kommt in Betracht: „Wir werden im Schatten kämpfen.“ Der Neidische, der Aristides verbannte, und das Vertrauen Alexanders zu seinem Arzt. Aus der römischen: die Gänse des Kapitols, der Dreifuß Scävolas, das Faß des Regulus. Das Rosenbett von Guatimozin ist für Amerika von Bedeutung. Frankreich dagegen hat die Vase von Soissons, die Eiche des heiligen Ludwig, den Tod der Jungfrau von Orleans, das „Huhn im Topf“ des Bearners: man hat nur die Verlegenheit der Wahl, ganz abgesehen von „A moi, Auvergne!“ und dem Untergang des „Vengeur“.
Viktor warf die Männer, die Jahrhunderte und die Länder durcheinander. Indessen mutete ihm Pécuchet keine feinsinnigen Betrachtungen zu, und die Unmenge der Tatsachen bildete ein wahres Labyrinth.
Er wandte sich dem Namenregister der französischen Könige zu. Viktor vergaß sie, da er die Daten nicht wußte. Doch da die Mnemotechnik Dumouchels ihnen nichts genützt hatte, was sollte sie ihm helfen! Schlußfolgerung: die Geschichte läßt sich nur durch vieles Lesen erlernen. Er sollte also lesen.
Das Zeichnen ist bei einer Menge von Gelegenheiten von Nutzen; nun hatte Pécuchet die Kühnheit, selbst nach der Natur Zeichenunterricht zu geben, wobei er sich sogleich an die Landschaft machte.
Ein Buchhändler in Bayeux übersandte ihm Papier, Gummi, zwei Zeichenblöcke, Bleistifte und Fixativ für ihre Werke, die hinter Glas und Rahmen das Museum schmücken sollten.
Sie erhoben sich bei Tagesanbruch und machten sich mit einem Stück Brot in der Tasche auf den Weg, und viel Zeit ging mit dem Suchen nach einem Motiv verloren. Pécuchet wollte zugleich wiedergeben, was sich unter seinen Füßen befand, den fernsten Horizont und die Wolken; aber die Ferne erdrückte immer den Vordergrund; der Fluß stürzte vom Himmel herab, der Hirt trat auf die Herde, ein schlafender Hund sah aus, als ob er davonliefe. Pécuchet selbst verzichtete auf das Zeichnen; er erinnerte sich, folgende Definition gelesen zu haben: „Die Zeichenkunst besteht aus drei Dingen: der Linie, der starken Schattierung, der feinen Schattierung, außerdem aus dem letzten vollendeten Strich. Doch diesen letzten vollendeten Strich vermag nur ein Meister hervorzubringen.“ Er verbesserte die Linie, leistete beim starken Schattieren Hilfe, überwachte die feine Schattierung und wartete auf die Gelegenheit, den letzten vollendeten Strich anzubringen. Sie kam niemals, so unverständlich war die Landschaft des Schülers.
Seine Schwester, die ebenso faul war wie er, gähnte beim Einmaleins. Fräulein Reine gab ihr Schneiderstunde, und wenn sie Wäsche zeichnete, hob sie ihre Finger so niedlich, daß Bouvard dann später nicht das Herz hatte, sie mit seiner Rechenstunde zu quälen. An einem der nächsten Tage würden sie wieder damit anfangen. Ohne Zweifel sind Rechen- und Schneiderkunst im Hauswesen notwendig; doch sei es grausam, so meinte Pécuchet, die Mädchen nur im Hinblick auf ihren späteren Gatten zu erziehen. Alle sind nicht für Hymens Bande bestimmt; wenn man will, daß sie später ohne Männer fertig werden sollen, muß man ihnen mancherlei beibringen.
Man kann Wissenschaft bei Gelegenheit der alltäglichen Dinge eintrichtern: zum Beispiel sagen, woraus der Wein besteht, und nachdem die Erklärung gegeben war, mußten Viktor und Viktorine sie wiederholen. Mit den Gewürzen, den Möbeln, der Beleuchtung hielt man es ebenso; aber das Licht war für die Kinder die Lampe, und sie hatte nichts mit dem Funken des Feuersteins, der Flamme einer Kerze, dem Schein des Mondes gemein.
Eines Tages fragte Viktorine: „Woher kommt es, daß das Holz brennt?“ Ihre Lehrmeister tauschten verlegene Blicke aus, da die Theorie der Verbrennung über ihr Wissen hinausging.
Ein anderes Mal sprach Bouvard von der Suppe bis zum Käse von den Bestandteilen der Ernährung und schüchterte die beiden Kleinen mit Faserstoff, Kasein, Fett und Glutin ein.
Dann wollte Pécuchet ihnen erklären, wie sich das Blut erneuert, und er verhedderte sich, als er vom Kreislauf sprach.
Das Dilemma ist recht unbequem; geht man von den Tatsachen aus, so erheischt die einfachste zu verwickelte Gründe, und stellt man zunächst die Prinzipien auf, so beginnt man mit dem Absoluten, dem Glauben.
Wozu sich entschließen? Die beiden Unterrichtsmethoden, die rationalistische und die empirische, verbinden? Aber ein doppeltes Mittel, das demselben Zweck dienen soll, ist das Gegenteil von Methode! Na, um so schlimmer!
Um die Kinder in die Naturgeschichte einzuführen, unternahmen sie einige wissenschaftliche Spaziergänge.
„Da siehst du“, sagten sie, auf einen Esel, ein Pferd, einen Ochsen zeigend, „Tiere mit vier Füßen; man nennt sie Vierfüßler. Gewöhnlich haben die Vögel Federn, die Reptilien Schuppen, und die Schmetterlinge gehören der Klasse der Insekten an.“ Sie hatten ein Netz, um sie einzufangen, und während Pécuchet das Tierchen vorsichtig hielt, zeigte er ihnen die vier Flügel, die sechs Füße, die beiden Fühler und den harten Rüssel, durch den es den Nektar der Blumen schlürft.
Er sammelte Heilkräuter an den Rändern der Gräben, nannte ihre Namen, und wenn er sie nicht wußte, so erfand er welche, um seine Autorität nicht zu schädigen. Übrigens sind die Namen in der Botanik das Unwichtigste.
Er schrieb folgenden Lehrsatz an die Tafel: Jede Pflanze hat Blätter, einen Kelch und eine Blumenkrone, die einen Fruchtknoten oder eine Fruchthülle umschließt; darin ist der Same enthalten. Dann befahl er seinen Zöglingen, im Felde zu botanisieren und die erstbesten Blumen zu pflücken.
Viktor brachte ihm Butterblumen, Viktorine Büschel der Erdbeerstaude; er suchte vergeblich nach einer Fruchthülle.
Bouvard, der Pécuchets Kenntnissen mißtraute, stöberte die ganze Bibliothek durch und entdeckte im „Redouté des Dames“ die Zeichnung einer Iris, bei der die Fruchtknoten nicht in der Blumenkrone lagen, sondern unterhalb der Blütenblätter im Stengel.
In ihrem Garten wuchsen Klebe und Waldmeister, der in Blüte stand; diese Rubiazeen hatten keinen Kelch; so war der an die Tafel geschriebene Lehrsatz falsch.
„Das ist eine Ausnahme,“ sagte Pécuchet.
Zufällig aber fanden sie im Grase eine Sherardia, und sie hatte einen Kelch.
„O weh! wenn sogar die Ausnahmen nicht stimmen, was soll man glauben?“
Eines Tages hörten sie auf einem ihrer Spaziergänge Pfauen schreien, warfen einen Blick über die Mauer, und im ersten Augenblicke erkannten sie ihren Pachthof nicht wieder. Die Scheune hatte ein Schieferdach, es waren neue Gattertore da, eine Steinauflage deckte die Wege. Vater Gouy erschien: „Nicht möglich, Sie sind es?“ Was hatte sich in den drei Jahren nicht alles ereignet, unter anderm der Tod seiner Frau. Was ihn selbst beträfe, so trotze seine Gesundheit allen Stürmen. „Kommen Sie doch einen Augenblick herein.“
Es war Anfang April, und in den drei Obsthöfen reihten die blühenden Apfelbäume ihre weißen und rosigen Ballen in einer Flucht aneinander; der seidigblaue Himmel zeigte nicht eine Wolke; Tischtücher, Laken, Servietten hingen herab, senkrecht durch Holzklammern an aufgespannten Leinen festgehalten. Vater Gouy hob sie hoch, um darunter durchzukriechen, als sie plötzlich Frau Bordin erblickten, die barhäuptig und in einer Hausjacke war, und Marianne, die ihr ein schweres Wäschebündel nach dem andern reichte. „Ihre Dienerin, meine Herren! Tuen Sie, als ob Sie zu Hause wären! Ich muß mich setzen, ich bin wie zerschlagen.“
Der Pächter bot der ganzen Gesellschaft einen Trunk an.
„Jetzt nicht,“ sagte sie, „ich bin zu warm.“
Pécuchet nahm an und verschwand mit Vater Gouy, Marianne und Viktor in der Richtung der Vorratskammer.
Bouvard setzte sich neben Frau Bordin auf die Erde.
Er empfing pünktlich seine Rente, konnte sich nicht beklagen und war ihr nicht mehr gram.
Das Licht fiel voll auf ihr Profil; ihr dunkles glattgescheiteltes Haar war auf der einen Seite herabgefallen, und die kleinen Löckchen im Nacken klebten an ihrer bernsteinfarbenen Haut, die feucht von Schweiß war. Ihre beiden Brüste hoben sich bei jedem Atemzuge. Der Duft des Rasens vermischte sich mit dem angenehmen Geruch ihres gesunden Fleisches, und Bouvard fühlte ein Wiedererwachen seiner Sinne, das ihn mit Freude erfüllte. Da sagte er ihr Schmeichelhaftes über ihre Besitzung.
Sie war entzückt und sprach von ihren Plänen.
Um die Höfe zu vergrößern, wollte sie die Erdwälle niederlegen lassen.
Gerade in dem Augenblicke erklomm Viktorine deren Böschung und pflückte Primeln, Hyazinthen und Veilchen, ohne Furcht vor einer alten Mähre, die am Fuße das Gras abfraß.
„Sie ist niedlich, nicht wahr?“ sagte Bouvard.
„Ja, das ist etwas Nettes, ein kleines Mädchen!“
Und die Witwe stieß einen Seufzer aus, der den langen Kummer eines ganzen Lebens in sich zu schließen schien.
„Sie hätten Kinder haben können.“
Sie senkte den Kopf.
„Es hat nur an Ihnen gelegen.“
„Wieso?“
Er warf ihr einen Blick zu, daß sie errötete, wie unter der Empfindung einer brutalen Zärtlichkeit; doch sie sagte sogleich, sich mit dem Taschentuche Luft zufächelnd:
„Sie haben den Anschluß verpaßt, mein Lieber.“
„Ich verstehe nicht.“
Und ohne aufzustehen, näherte er sich ihr.
Sie schaute ihn lange von Kopf bis zu Fuß an; dann sagte sie lächelnd, mit feuchten Augen:
„Es war Ihre Schuld.“
Die Laken rings schlossen sie wie die Vorhänge eines Bettes ein.
Er neigte sich, auf seinen Ellbogen gestützt, und streifte ihre Knie mit seinem Gesichte.
„Warum? Wieso? Warum?“
Und da sie schwieg und er in einer Stimmung war, wo die Schwüre einem leicht werden, versuchte er, sich zu rechtfertigen, klagte sich der Torheit, der Vermessenheit an:
„Verzeihung! Es soll wie früher sein! Wollen Sie?“
Und er hatte ihre Hand ergriffen, die sie in der seinigen ließ.
Ein plötzlicher Windstoß hob die Laken, und sie sahen zwei Pfauen, ein Männchen und ein Weibchen. Das Weibchen hielt sich regungslos mit eingeknickten Beinen, das Hinterteil emporgestreckt. Das Männchen spazierte um es herum, schlug sein Rad, blähte sich, gluckste, sprang dann darauf, indem es sein Gefieder niederschlug; seine Federn bedeckten das Weibchen wie eine Laube, und die beiden Vögel erzitterten in demselben Liebesschauer.
Bouvard fühlte ihn in der Handfläche Frau Bordins. Sie machte sich hastig frei. Vor ihnen stand mit offenem Munde und wie versteinert der kleine Viktor und schaute zu; etwas weiter lag Viktorine in der vollen Sonne auf dem Rücken und sog den Duft all der Blumen ein, die sie gepflückt hatte.
Der alte Gaul, durch die Pfauen erschreckt, zerriß ausschlagend eine der Leinen, verwickelte sich mit den Beinen hinein und zog, während er in den drei Höfen herumgaloppierte, die Wäsche mit sich.
Auf das wütende Geschrei Frau Bordins eilte Marianne herbei. Der Vater Gouy verfluchte sein Pferd: „Schuft von einem Gaul! Schindmähre! Spitzbube!“ -- versetzte ihm Fußtritte in den Leib und Schläge mit dem Peitschenstiel auf die Ohren.
Bouvard war entrüstet, daß man ein Pferd schlug.
Der Bauer antwortete:
„Das darf ich: es gehört mir!“
Das sei kein Grund.
Und Pécuchet, der dazukam, fügte hinzu, daß auch die Tiere ihre Rechte hätten, denn sie hätten eine Seele wie wir, vorausgesetzt, daß die unsrige überhaupt existiere.
„Sie sind ein gottloser Mensch!“ rief Frau Bordin.
Dreierlei versetzte sie in Ärger: die neu zu waschende Wäsche, die Beleidigung dessen, was sie glaubte, und die Furcht, soeben in einer verdächtigen Situation gesehen worden zu sein.
„Ich hätte Sie für vorurteilsloser gehalten!“ sagte Bouvard.
Sie erwiderte in verweisendem Tone:
„Ich liebe die lockeren Vögel nicht!“
Und Gouy machte die Herren für die Beschädigung seines Pferdes verantwortlich, das aus den Nüstern blutete. Er brummte ganz leise:
„Verdammte Unglückskerle! Ich wollte es anbinden, da kamen sie.“
Die beiden Biedermänner gingen achselzuckend davon.
Viktor fragte sie, warum sie sich mit Gouy gezankt hätten.
„Er mißbraucht seine Kraft, das ist unrecht.“
„Warum ist das unrecht?“
Sollten die Kinder keine Vorstellung von Gerechtigkeit haben? Vielleicht.
Und noch denselben Abend begann Pécuchet, während er Bouvard zur Rechten, vor sich ein paar Aufzeichnungen und gegenüber die beiden Zöglinge hatte, einen Kursus der Moral.
Diese Wissenschaft lehrt uns die Grundsätze, nach denen wir unser Handeln einzurichten haben.
Es hat zwei Motive: das Vergnügen und das Interesse; und ein drittes gebieterischeres: die Pflicht.
Die Pflichten zerfallen in zwei Klassen: erstens in solche gegen uns selbst, die darin bestehen, unsern Körper zu pflegen, uns vor allerlei Unbill zu schützen. Die Kinder begriffen das vollkommen. Zweitens in Pflichten gegen die andern, das heißt, man soll stets ohne Falsch, gütig und sogar brüderlich sein, denn das Menschengeschlecht bildet nur eine große Familie. Oft sagt uns etwas zu, das unsern Mitmenschen schadet; das Interesse ist vom Guten verschieden, denn der Begriff des Guten läßt sich auf keinen andern Begriff zurückführen. Die Kinder verstanden nicht. Er verschob die Strafen, die die Verletzung der Pflichten nach sich zieht, auf das nächste Mal.
Bei alledem habe er, so meinte Bouvard, das Gute nicht definiert.
„Wie willst du es definieren? Man fühlt es.“
Dann würden die moralischen Unterweisungen nur moralischen Leuten zukommen, und Pécuchets Vorlesung wurde nicht fortgesetzt.
Sie ließen ihre Zöglinge die kleinen Geschichten lesen, die darauf abzielen, Liebe zur Tugend zu erwecken. Sie langweilten Viktor tödlich.
Um seine Einbildungskraft anzuregen, hing Pécuchet an die Wände seines Zimmers Bilder, die das Leben des ordentlichen Menschen und das des liederlichen darstellten. Der erstere, Adolf, umarmte seine Mutter, lernte eifrig Deutsch, half einem Blinden und kam auf die polytechnische Hochschule.
Der liederliche, Eugen, fing mit Ungehorsam gegen seinen Vater an, hatte Streit in einem Café, schlug seine Frau, stürzte vollständig betrunken hin, zerschlug einen Schrank und ein letztes Bild zeigte ihn im Zuchthaus, wo ein Herr der von einem Knaben begleitet war, auf ihn weisend sagte:
„Hier siehst du, mein Sohn, die Gefahren eines schlechten Lebenswandels.“
Doch für die Kinder ist die Zukunft nicht vorhanden. Man speiste sie vergeblich bis zum Überdruß mit dem Grundsatz: „daß die Arbeit ehrenvoll sei und daß der Reichtum nicht immer glücklich mache.“ Sie hatten Arbeiter gekannt, die keineswegs geehrt wurden, und sie gedachten des Schlosses, wo das Leben angenehm schien.
Die Qualen des Gewissens wurden ihnen mit solchen Übertreibungen ausgemalt, daß sie die Aufschneiderei witterten und bei allem übrigen Mißtrauen zeigten.
Man versuchte, sie bei der Ehre zu fassen, durch den Gedanken an die öffentliche Meinung und das Gefühl für Auszeichnung, indem man ihnen die großen Menschen rühmte, besonders die, welche ihren Mitmenschen von Nutzen gewesen waren, wie Belzunce, Franklin, Jacquard! Viktor bezeugte nicht die geringste Neigung, es ihnen gleichzutun.