Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass
Part 23
Ein Schuß krachte, ein zweiter, ein dritter, und die Kaninchen sprangen auf, überschlugen sich. Viktor stürzte sich darauf, um sie zu fassen, und keuchte, in Schweiß gebadet.
„Du gehst schön mit deinen Sachen um!“ sagte der Baron.
Seine zerfetzte Bluse war blutbefleckt.
Der Anblick des Blutes widerstrebte Bouvard. Seiner Ansicht nach durfte man kein Blut vergießen.
Herr Jeufroy erwiderte:
„Die Umstände erfordern es zuweilen. Wenn der Schuldige nicht das seinige hergibt, so ist das eines andern nötig, eine Wahrheit, welche uns die Geschichte des Erlösers lehrt.“
Nach Bouvards Ansicht hatte sie zu nichts genützt, da fast alle Menschen trotz des Opfers unseres Herrn verdammt seien.
„Aber er erneuert es täglich im Abendmahl.“
„Und das Wunder vollzieht sich durch Worte, auch wenn der Priester noch so unwürdig ist.“
„Darin liegt das Geheimnis, mein Herr.“
Indessen heftete Viktor die Augen auf die Flinte, versuchte sogar, sie zu berühren.
„Davon bleiben mit den Pfoten!“
Und Herr von Mahurot schlug einen Pfad durchs Gehölz ein.
Der Geistliche hatte Pécuchet auf der einen, Bouvard auf der andern Seite, und er sagte zu ihm:
„Achtung, Sie wissen, Debetur pueris.“
Bouvard versicherte ihm, daß er sich vor dem Schöpfer demütige, aber er sei entrüstet, daß man einen Menschen aus ihm mache. „Man fürchtet seine Rache, man müht sich ihm zu Ehren ab, er hat alle Tugenden, einen Arm, ein Auge, eine Politik, eine Wohnung. Vater unser, der du bist im Himmel, was soll das heißen?“
Und Pécuchet fügte hinzu:
„Die Welt hat sich erweitert, die Erde bildet nicht mehr den Mittelpunkt. Sie rollt unter einer unendlichen Anzahl ihresgleichen dahin. Viele übertreffen sie an Größe, und diese Herabsetzung unseres Erdballs ergibt eine erhabenere Vorstellung von Gott.“
Also mußte die Religion sich ändern. Das Paradies mit seinen Seligen, die immer in Betrachtung versunken sind, immer singen und von oben auf die Marter der Verdammung herabschauen, ist etwas Kindisches. Wenn man daran denkt, daß das Christentum einen Apfel zur Grundlage hat!
Der Pfarrer wurde ärgerlich.
„Bestreiten Sie lieber gleich die Offenbarung, das ist einfacher.“
„Wie kann Gott gesprochen haben?“ sagte Bouvard.
„Beweisen Sie, daß er nicht gesprochen hat!“ sagte Jeufroy.
„Noch einmal, wer bestätigt Ihnen das?“
„Die Kirche!“
„Ein schönes Zeugnis!“
Das Gespräch langweilte Herrn von Mahurot, und er sagte im Dahinschreiten:
„Hören Sie doch auf den Pfarrer, er versteht das besser als Sie!“
Bouvard und Pécuchet verständigten sich durch Zeichen, daß sie einen anderen Weg einschlagen wollten, dann sagten sie am grünen Kreuz:
„Recht guten Abend!“
„Diener!“ sagte der Baron.
Alles das würde Herrn von Faverges wiedererzählt werden, und ein Bruch würde vielleicht die Folge sein. Um so schlimmer. Sie fühlten sich von diesen Aristokraten verachtet. Man lud sie nie zum Diner ein, und sie hatten Frau von Noares mit ihren ewigen Ermahnungen satt.
Sie konnten jedoch den De Maistre nicht behalten, und etwa vierzehn Tage später machten sie wieder einen Besuch im Schloß im Glauben, sie würden nicht empfangen werden.
Man nahm sie an.
Die ganze Familie war im Boudoir versammelt. Hurel mit einbegriffen, und, was seltsam war, auch Foureau.
Die Zucht hatte Viktor nicht gebessert. Er weigerte sich, seinen Katechismus zu lernen, und Viktorine gebrauchte schmutzige Worte. Kurz und gut, den Jungen würde man ins Korrektionshaus stecken, das kleine Mädchen in ein Kloster geben.
Foureau hatte die nötigen Schritte übernommen, und er war im Begriff zu gehen, als die Gräfin ihn zurückrief.
Man erwartete Herrn Jeufroy, um gemeinsam das Datum der Trauung festzusetzen, die viel früher auf dem Bürgermeisteramt als in der Kirche stattfinden sollte: man wollte zeigen, daß man der Ziviltrauung Hohn sprach.
Foureau versuchte, sie zu verteidigen. Der Graf und Hurel griffen sie an. Was war die Behörde im Vergleich zum Priesteramt! -- und der Baron würde sich nicht für verheiratet gehalten haben, wenn er nur vor einer dreifarbigen Schärpe getraut worden wäre.
„Bravo!“ sagte Jeufroy, der eintrat. „Da die Ehe von Jesus eingesetzt ist...“
Pécuchet unterbrach ihn: „In welchem Evangelium? In den apostolischen Zeiten dachte man so gering von ihr, daß Tertullian sie dem Ehebruch gleichsetzt.“
„Ach! das wäre noch schöner!“
„Aber ja! und sie ist kein Sakrament! Das Sakrament bedarf eines Symbols. Nennen Sie mir das Symbol der Ehe!“ Der Pfarrer antwortete vergebens, daß sie das Bündnis Gottes mit der Kirche darstelle. „Sie begreifen das Christentum nicht mehr! und das Gesetz...“
„Es zeigt seine Spur,“ sagte Herr von Faverges; „ohne das Christentum würde es die Polygamie zulassen!“
Eine Stimme erwiderte: „Was wäre schlimmes dabei?“
Es war Bouvard, der halb von einem Vorhang verborgen war.
„Man kann mehrere Frauen haben wie die Patriarchen, die Mormonen, die Muselmanen, und trotzdem ein Ehrenmann sein!“
„Nie und nimmer!“ rief der Priester. „Das Wesen des Ehrenmannes besteht darin, daß er jedem gibt, was er ihm schuldet. Wir schulden Gott Verehrung. Nur der Christ verdient den Namen Ehrenmann.“
„Nicht mehr als andere,“ sagte Bouvard.
Der Graf, der in dieser Entgegnung ein Attentat auf seinen Glauben sah, begann dessen Lob zu singen. Er habe die Sklaven befreit.
Bouvard führte Stellen an, die das Gegenteil beweisen.
„Sankt Paulus empfiehlt ihnen, ihren Herren wie Jesus zu gehorchen. -- Sankt Ambrosius nennt die Knechtschaft eine Gabe Gottes.
Der Levitikus, der Exodus und die Konzilien haben sie sanktioniert. -- Bossuet stellt sie unter die Rechte der Menschen. -- Und der Bischof Bouvier billigt sie.“
Der Graf wandte ein, daß das Christentum nichtsdestoweniger die Zivilisation gefördert habe.
„Und die Faulheit, indem es aus der Armut eine Tugend machte!“
„Aber die Moral des Evangeliums lassen Sie doch wohl gelten?“
„Nun, so gar moralisch ist diese Moral gerade nicht! Die Arbeiter der letzten Stunde werden ebenso bezahlt wie die der ersten. Man gibt dem, der hat, und nimmt dem, der nichts hat. Was die Lehre betrifft, einen Backenstreich zu empfangen, ohne ihn zu erwidern, und sich bestehlen zu lassen, so ermutigt sie die Frechen, die Feiglinge und die Schurken.“
Die Entrüstung wurde noch größer, als Pécuchet erklärt hatte, daß ihm der Buddhismus ebenso lieb sei!
Der Priester fing an zu lachen: „Ha, ha, ha! Der Buddhismus!“
Frau von Noares rang die Hände: „Der Buddhismus!“
„Wie..., der Buddhismus!“ wiederholte der Graf.
„Kennen Sie ihn?“ sagte Pécuchet zu Herrn Jeufroy, der sich in seinen Worten verfing.
„Schön! Hören Sie! Besser als das Christentum und vor ihm hat er die Nichtigkeit der irdischen Dinge erkannt. Seine Regeln sind streng, seine Anhänger zahlreicher als die gesamte Christenheit, und was die Inkarnation betrifft, so gibt es bei Wischnu nicht eine, sondern neun! Also urteilen Sie selbst!“
„Lügen von Reisenden,“ sagte Frau von Noares.
„Die von den Freimaurern verbreitet werden,“ fügte der Pfarrer hinzu.
Und alle sprachen zugleich: „Weiter doch, fahren Sie fort! -- Sehr hübsch! -- Ich finde das köstlich. -- Nicht möglich!“ So daß Pécuchet aus der Haut fuhr und erklärte, er werde Buddhist werden!
„Sie beleidigen christliche Frauen!“ sagte der Baron. Frau von Noares sank in einen Sessel. Die Gräfin und Yolande schwiegen. Der Graf rollte die Augen; Hurel wartete auf Weisungen. Der Abbé las in seinem Brevier, um seine Fassung nicht zu verlieren.
Dieser Anblick beruhigte Herrn von Faverges, und die beiden Biedermänner betrachtend, sagte er: „Wer selbst kein makelloses Leben führt, der sollte, ehe er das Evangelium angreift, gut zu machen suchen, was...“
„Gut zu machen suchen?“
„Kein makelloses Leben?“
„Genug! meine Herren! Sie werden mich verstehen!“ Dann sich an Foureau wendend: „Sorel ist benachrichtigt! Gehen Sie zu ihm!“ Und Bouvard und Pécuchet verließen das Haus ohne zu grüßen.
Am Ende der Allee ließen sie alle drei ihren Groll aus: „Man behandelt mich wie einen Dienstboten,“ brummte Foureau, -- und da die anderen ihm zustimmten, empfand er für sie trotz der Erinnerung an die Hämorrhoiden etwas wie Sympathie.
Chausseearbeiter waren auf der Strecke beschäftigt. Der Mann, der sie beaufsichtigte, kam herbei; es war Gorju. Man begann ein Gespräch. Er überwachte das Aufschütten des Weges, dessen Anlage 1848 beschlossen war, und er verdankte die Stellung Herrn Ingenieur von Mahurot.
„Derselbe, der Fräulein von Faverges heiraten wird! Sie kommen wohl von dorther?“
„Zum letzten Male!“ sagte Pécuchet schroff.
Gorju machte ein Gesicht, als wenn er von nichts wüßte. „Ein Zerwürfnis! So, so!“
Und wenn sie seine Miene hätten sehen können, als sie ihm den Rücken wandten, so hätten sie gemerkt, daß er den Grund witterte.
Etwas weiter blieben sie vor einem umgitterten Stück Land mit Hundezwingern darauf stehen; daneben lag ein kleines Haus aus roten Ziegeln.
Viktorine stand auf der Schwelle. Hundegebell ertönte. Die Frau des Hüters erschien.
Da sie wußte, weshalb der Bürgermeister gekommen war, rief sie Viktor herbei.
Alles war im voraus fertiggemacht, und die Habseligkeiten der Kinder lagen in zwei Taschentüchern, die mit Nadeln zusammengesteckt waren.
„Gute Reise!“ rief sie ihnen nach, überglücklich, dieses Ungeziefer loszuwerden.
War es ihre Schuld, daß sie die Kinder eines Sträflings waren? Sie schienen doch ganz sanft zu sein und sich nicht einmal zu sorgen, wohin man sie bringen würde.
Bouvard und Pécuchet betrachteten sie, wie sie vor ihnen dahinschritten.
Viktorine summte undeutliche Worte vor sich hin, während sie ihr Tuch am Arme hielt wie eine Modistin, die eine Schachtel trägt. Zuweilen wandte sie sich um, und angesichts ihrer blonden Löckchen und ihrer reizenden Gestalt tat es Pécuchet leid, daß er nicht solch ein Kind hatte. Würde sie unter anderen Lebensbedingungen aufwachsen, so würde sie später entzückend werden. Welch ein Glück, sie heranwachsen zu sehen, jeden Tag ihr Vogelgezwitscher zu hören, sie so oft er wollte zu umarmen, -- und ein Gefühl der Rührung stieg in ihm empor, feuchtete seine Wimpern und machte sein Herz ein wenig schwer.
Viktor hatte sein Gepäck wie ein Soldat über den Rücken gelegt. Er pfiff, warf Steine nach den Krähen in den Furchen, lief unter die Bäume, um sich Stöcke zu schneiden; Foureau rief ihn zurück; und Bouvard, der ihn festhielt, fühlte mit Wonne in seiner Hand diese gesunden und kräftigen Kinderfinger. Der arme kleine Teufel verlangte nur, sich frei entwickeln zu können wie eine Pflanze in frischer Luft! Und er sollte zwischen Mauern bei Schulstunden, Strafen und einer Menge von Dummheiten verkommen! Bouvard wurde von einem aufsässigen Mitleid erfaßt, einer Entrüstung gegen das Schicksal, einem jener Wutanfälle, in denen man die Obrigkeit vernichten möchte. „Lauf!“ sagte er, „vergnüge dich! Nütze die freie Zeit!“
Der Bengel rannte davon.
Seine Schwester und er sollten im Wirtshaus übernachten, -- und bei Tagesanbruch sollte der Bote von Falaise Viktor mitnehmen, um ihn in der Strafanstalt zu Beaubourg abzuliefern; -- eine Nonne des Waisenhauses zu Grand-Camp sollte Viktorine in Empfang nehmen.
Nachdem Foureau diese Einzelheiten erzählt hatte, vertiefte er sich in seine Gedanken. Doch Bouvard wollte wissen, wieviel der Unterhalt dieser beiden Bälge kosten konnte.
„Pah!... Eine Angelegenheit von dreihundert Franken vielleicht! Der Graf hat mir fünfundzwanzig Franken für die ersten Auslagen überwiesen! Welch ein Knicker!“
Und Foureau, noch mit dem Groll über die Verachtung seiner Schärpe im Herzen, beschleunigte seine Schritte, ohne ein Wort zu sagen.
Bouvard murmelte: „Sie tun mir leid. Ich möchte mich wohl mit ihnen befassen!“ -- „Ich auch,“ sagte Pécuchet. Beiden war derselbe Gedanke gekommen.
Es gab wohl Hindernisse?
„Nicht die geringsten,“ erwiderte Foureau. Übrigens hatte er als Bürgermeister das Recht, Findelkinder wem ihm gut schien anzuvertrauen. -- Und nach langem Zögern: „Schön, gut! Nehmen Sie sie mit! Das wird ihn ärgern.“
Bouvard und Pécuchet nahmen sie mit.
Als sie nach Hause kamen, fanden sie Marcel, wie er unten im Treppenhause vor der Madonna kniete und mit Inbrunst betete. Den Kopf zurückgelehnt, die Augen halb geschlossen, den Mund mit der Hasenscharte weit aufgesperrt, so hatte er das Aussehen eines verzückten Fakirs.
„Was für ein stumpfsinniger Kerl!“ sagte Bouvard.
„Warum? Vielleicht erlebt er Dinge, um die du ihn beneiden würdest, wenn du sie sähest. Gibt es nicht zwei vollständig verschiedene Welten? Der Inhalt eines Vernunftschlusses hat weniger Gewicht als die Art und Weise, wie man schließt. Was tut der Glaube! Die Hauptsache ist, daß man glaubt.“
So wies Pécuchet Bouvards Bemerkung zurück.
X
Sie verschafften sich mehrere Werke über Erziehung, und der Weg, den sie einzuschlagen hatten, stand für sie fest. Man mußte jeden metaphysischen Gedanken fernhalten, die Experimentalmethode anwenden und dem Gang der Natur folgen. Da die beiden Zöglinge vergessen sollten, was sie gelernt hatten, so war Eile nicht vonnöten.
Obwohl sie eine kräftige Konstitution hatten, wollte Pécuchet sie in spartanischer Weise abhärten, an das Ertragen von Hunger und Durst, an die Unbilden der Witterung gewöhnen, und sie sollten sogar durchlöchertes Schuhwerk tragen, um gegen Erkältungen gefeit zu sein. Dem widersetzte sich Bouvard.
Die dunkle Kammer hinten am Flur wurde ihr Schlafzimmer. Die Ausstattung bestand in zwei Gurtbetten, zwei kleinen Lagerstätten, einem Kruge; das Guckfenster saß über ihren Köpfen, und Spinnen liefen an den Gipswänden entlang.
Oft kam ihnen das Innere einer Hütte, in der man sich zankte, in die Erinnerung zurück.
Ihr Vater war eines Nachts mit blutigen Händen zurückgekehrt. Einige Zeit darauf waren die Gendarmen gekommen. Dann hatten sie in einem Walde gewohnt. Männer, die Holzschuhe machten, küßten ihre Mutter. Sie war gestorben; ein Wägelchen hatte die Kinder fortgebracht. Man schlug sie viel; es ging ihnen erbärmlich. Dann sahen sie in der Erinnerung den Feldhüter wieder, Frau von Noares, Sorel; und ohne sich nach dem Grunde zu fragen, waren sie in diesem neuen Hause glücklich. Auch war ihr Erstaunen schmerzlich, als nach Verlauf von acht Monaten der Unterricht wieder begann. Bouvard befaßte sich mit der Kleinen, Pécuchet mit dem Jungen.
Viktor konnte die Buchstaben unterscheiden, doch wollte es ihm nicht gelingen, Silben zu bilden. Er stotterte sie hervor, blieb plötzlich stecken und sah aus wie ein Idiot. Viktorine stellte Fragen. Woher kommt es, daß ch in „orchestre“ wie q und in „archéologique“ wie k gesprochen wird? Zuweilen muß man zwei Vokale verbinden, zu andern Malen sie abtrennen. Das alles hat keinen Sinn. Sie war entrüstet.
Die Lehrer unterrichteten zur selben Stunde, jeder in seinem Zimmer, und da die Verbindungswand dünn war, bildeten diese vier Stimmen, eine dünne, eine tiefe und zwei hohe, eine scheußliche Katzenmusik. Um dem ein Ende zu machen und die beiden Bälge durch den Wetteifer anzustacheln, kamen sie auf den Gedanken, sie zusammen im Museum arbeiten zu lassen, und der Schreibunterricht begann.
Die beiden Schüler schrieben jeder an einem Ende des Tisches eine Vorlage ab; aber ihre Körperhaltung war schlecht. Man mußte sie aufrichten, ihre Blätter fielen zur Erde, ihre Federn spalteten sich, das Tintenfaß fiel um.
An gewissen Tagen ging es mit Viktorine die ersten drei Minuten gut, dann zeichnete sie Kritzeleien, und, von Entmutigung erfaßt, verharrte sie, den Blick zur Decke gerichtet. Viktor zögerte nicht einzuschlafen, wobei er sich mitten auf den Schreibtisch flegelte.
Vielleicht litten sie? Eine zu starke Anspannung ist für junge Gehirne schädlich.
„Machen wir eine Pause,“ sagte Bouvard.
Nichts ist stumpfsinniger als auswendig lernen zu lassen; wenn man jedoch das Gedächtnis nicht übt, verliert es sich, und sie trichterten ihnen die ersten Fabeln Lafontaines ein. Die Kinder fanden Geschmack an der Ameise, die aufspeichert, an dem Wolf, der das Lamm frißt, an dem Löwen, der alle Teile für sich nimmt.
Als sie kühner geworden waren, verwüsteten sie den Garten. Aber welch einen Zeitvertreib sollte man ihnen geben?
Im „Emile“ rät Jean-Jacques dem Erzieher, den Zögling sein Spielzeug selbst machen zu lassen, indem er ihm etwas dabei hilft, ohne daß das Kind es merkt. Bouvard war nicht imstande, einen Reifen herzustellen; Pécuchet brachte es nicht fertig, einen Ball zu nähen. Sie gingen zu den belehrenden Spielen über, wie dem Ausschneiden. Pécuchet zeigte ihnen sein Mikroskop. Nachdem Bouvard eine Kerze angezündet hatte, bildete er mit dem Schatten seiner Finger auf der Wand den Umriß eines Hasen oder eines Schweins. Die Zuschauer hatten bald genug davon.
Einige Verfasser preisen als Vergnügen ein ländliches Frühstück; einen Ausflug im Boot; war das, offen gesagt, tunlich? Und Fénelon empfiehlt von Zeit zu Zeit eine „harmlose Unterhaltung“. Unmöglich, auch nur eine einzige zu erfinden.
Sie nahmen die Lehrstunden wieder auf, und die facettierten Kugeln, die Linienblätter, das zusammensetzbare Alphabet, das alles hatte keinen Erfolg, als sie auf eine List verfielen.
Da Viktor zur Leckerei neigte, zeigte man ihm den Namen eines Gerichtes; bald las er fließend im „Französischen Koch“. Viktorine, die gefallsüchtig war, sollte ein Kleid bekommen, wenn sie darum an die Schneiderin schriebe. In weniger als drei Wochen vollbrachte sie dieses Wunder. Es hieß ihren Fehlern schmeicheln, was ein verderbliches, aber erfolgreiches Mittel war.
Was sollte man ihnen jetzt, da sie lesen und schreiben konnten, beibringen? Neue Verlegenheit.
Die Mädchen brauchen nicht gelehrt zu sein wie die Knaben. Gleichviel! Gewöhnlich erzieht man sie in wahrem Stumpfsinn, denn ihr ganzer geistiger Ballast beschränkt sich auf mystische Albernheiten.
Ist es richtig, ihnen Sprachen beizubringen?
„Spanisch und Italienisch“, so behauptet der Schwan von Cambray, „führen nur dazu, gefährliche Werke zu lesen.“ Dieser Einwand schien ihnen dumm. Indessen würde Viktorine mit diesen Sprachen nichts anzufangen wissen, während Englisch verbreiteter ist. Pécuchet studierte seine Regeln; er zeigte gravitätisch, wie ein th ausgesprochen wird. „Sieh, so, the, the, the!“ Doch bevor man an den Unterricht eines Kindes geht, muß man dessen Fähigkeiten kennen. Man erschließt sie durch die Phrenologie. Sie vertieften sich in diese Wissenschaft; wollten dann, was sie behauptet, an sich selbst nachweisen. Bouvard zeigte die Buckel des Wohlwollens, der Phantasie, der Ehrfurcht und der Liebesenergie, vulgo Erotismus.
An Pécuchets Schläfenbein wurden philosophische Veranlagung und Enthusiasmus festgestellt, wozu sich der Geist der List gesellte.
In der Tat, so waren ihre Charaktere. Noch mehr überraschte sie, daß sich bei dem einen wie bei dem andern der Hang zur Freundschaft erkennen ließ, und, entzückt über die Entdeckung, umarmten sie gerührt einander.
Dann dehnten sie ihre Untersuchungen auf Marcel aus. Sein größter Fehler war ihnen recht wohl bekannt; es war sein außerordentlicher Appetit. Nichtsdestoweniger waren Bouvard und Pécuchet erschrocken, als sie oberhalb der Ohrmuschel in der Höhe des Auges den Nahrungstrieb feststellten. Mit den Jahren würde ihr Diener vielleicht wie die Frau in der Salpêtrière werden, die täglich acht Pfund Brot aß, einmal vierzehn Teller Suppe und ein anderes Mal sechzig Schalen Kaffee vertilgte. Das würde über ihre Kräfte gehen.
Die Schädel ihrer Schüler hatten nichts Merkwürdiges; gewiß faßten sie die Sache nicht richtig an; ein sehr einfaches Mittel brachte ihnen größere Erfahrung.
An den Markttagen schlichen sie sich unter die Bauern auf dem Platze, zwischen die Hafersäcke, die Käsekörbe, die Kälber, die Pferde, ohne des Gedränges zu achten; und wenn sie einen Jungen bei seinem Vater fanden, so erboten sie sich, ihm den Schädel zu einem wissenschaftlichen Zweck zu betasten.
Die meisten gaben überhaupt keine Antwort; andere, die glaubten, es handle sich um eine Salbe gegen den Grind, schlugen ärgerlich ab; einige ließen sich aus Gleichgültigkeit unter die Vorhalle der Kirche führen, wo man ungestörter sein würde.
Eines Morgens, als Bouvard und Pécuchet dort ihre Untersuchungen begannen, erschien plötzlich der Pfarrer, und als er sah, was sie machten, erhob er gegen die Phrenologie den Vorwurf, daß sie zum Materialismus und Fatalismus führe.
Der Dieb, der Mörder, der Ehebrecher, sie brauchen ihre Verbrechen nur auf das Schuldkonto ihrer Buckel zu setzen.
Bouvard wandte ein, daß das Organ für die Tat geneigt mache, ohne indessen dazu zu zwingen. Wenn ein Mensch den Keim eines Lasters in sich trage, sei damit noch nicht gesagt, daß er lasterhaft sein wird.
„Übrigens bewundere ich die Orthodoxen; sie behaupten das Vorhandensein angeborener Ideen und wollen von den Trieben nichts wissen. Welch ein Widerspruch!“
Doch nach Herrn Jeufroys Ansicht leugnete die Phrenologie die göttliche Allmacht, und es sei ungehörig, sie im Schatten des heiligen Ortes, gar angesichts des Altars, auszuüben.
„Nein, nicht hier! Ich bitte Sie, nicht hier!“
Sie ließen sich bei dem Friseur Ganot nieder. Um jedes Bedenken zu besiegen, verstanden sich Bouvard und Pécuchet dazu, auf eigene Kosten die Eltern rasieren oder frisieren zu lassen.
Eines Nachmittags kam der Doktor, um sich das Haar schneiden zu lassen. Während er sich in den Sessel setzte, sah er im Spiegel, wie die beiden Phrenologen mit ihren Fingern auf den Kinderköpfen herumfuhren.
„Sind Sie jetzt bei diesem Unsinn angelangt?“ fragte er.
„Warum Unsinn?“
Vaucorbeil lächelte verächtlich, dann versicherte er, es gäbe im Gehirn keineswegs mehrere Organe.
So verdaue der eine Mensch ein Nahrungsmittel, welches einem andern nicht bekommt. Solle man deshalb im Magen ebensoviele Mägen annehmen als es Geschmäcker gibt? Indessen lasse eine Arbeit von einer anderen ausruhen, eine geistige Anstrengung nähme nicht zugleich alle Fähigkeiten in Anspruch, jede habe einen besonderen Sitz.
„Die Anatomen haben ihn nicht gefunden,“ sagte Vaucorbeil.
„Weil sie nicht richtig seziert haben,“ erwiderte Pécuchet.
„Wieso?“
„Na ja; sie zerlegen in Schnitte, ohne Rücksicht auf den Zusammenhang der Teile,“ sagte Pécuchet, eine Stelle aus einem Buche zitierend, deren er sich erinnerte.
„Das ist dummes Geschwätz,“ rief der Arzt. „Der Schädel modelt sich nicht nach dem Gehirn, das Äußere nicht nach dem Innern.
Gall irrt, und ich wette, daß Sie die Richtigkeit seiner Lehre nicht erweisen können, wenn Sie aufs Geratewohl drei Personen im Laden vornehmen.“
Die erste war eine Bäuerin mit blauen Glotzaugen.
Pécuchet sagte, sie beobachtend:
„Sie hat ein gutes Gedächtnis.“
Ihr Gatte bestätigte es und bot sich selbst zur Untersuchung an.
„O! Ihr, mein Guter, Ihr seid schwer zu leiten.“
Die anderen sagten aus, daß es auf der Welt keinen größeren Starrkopf gäbe.
Der dritte Versuch wurde mit einem Knaben angestellt, der von seiner Großmutter begleitet war.
Pécuchet erklärte, er müsse die Musik lieben.
„Das kann man wohl sagen,“ sagte die gute Frau; „zeig das gerade diesen Herren doch mal.“
Der Junge zog eine Maultrommel aus seiner Bluse und begann hineinzublasen.
Man hörte ein Krachen; es war die Tür, die der davoneilende Doktor heftig zuschlug.
Sie zweifelten nicht mehr an sich selbst, riefen ihre Zöglinge und begannen die Untersuchung ihrer Hirnschalen von neuem.
Diejenige Viktorinens war im großen ganzen glatt, was ein Zeichen von Gleichgewicht war; aber ihr Bruder hatte einen beklagenswerten Schädel: eine starke Erhöhung im Winkel des Scheitelbeinansatzes ließ das Organ der Zerstörung, des Mordes erkennen, und weiter unten war eine Anschwellung, das Zeichen der Begehrlichkeit, des Diebstahls. Bouvard und Pécuchet waren acht Tage lang darob bekümmert.