Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass

Part 22

Chapter 223,640 wordsPublic domain

Der Exodus erzählt uns, daß vierzig Jahre lang in der Wüste geopfert wurde; nach Amos und Jeremias fanden keine Opfer statt. Die Bücher der Chronika und das Buch Esra stimmen nicht überein in betreff der Zählung des Volkes. Im Deuteronomium sieht Moses den Herrn von Angesicht zu Angesicht; dem Exodus zufolge konnte er ihn niemals sehen. Wo bleibt da die göttliche Eingebung?

„Nur ein Grund mehr, an sie zu glauben,“ erwiderte lächelnd Herr Jeufroy. „Betrüger brauchen Leute, die ihr Treiben begünstigen; ehrlich Überzeugte kümmern sich nicht um die Meinung anderer. Halten wir uns in unsern Verlegenheiten an die Kirche. Sie ist stets unfehlbar.“

Von wem hängt die Unfehlbarkeit ab?

Die Konzile zu Basel und Konstanz sprechen sie den Konzilen zu. Aber oft weichen die Konzile voneinander ab; ein Beweis dafür ist, wie es Athanasius und Arius erging: die zu Florenz und im Lateran weisen sie dem Papste zu. Doch Hadrian VI. erklärt, daß der Papst sich wie jeder andere irren könne.

Das sind Rabulistereien! Sie ändern nichts an dem ununterbrochenen Fortbestehen der kirchlichen Lehre.

Das Werk Hervieus hebt ihre Wandlungen hervor; die Taufe war ehemals den Erwachsenen vorbehalten. Die letzte Ölung wurde erst im neunten Jahrhundert ein Sakrament; die wirkliche Gegenwart wurde im achten beschlossen, das Fegefeuer im fünfzehnten anerkannt, die unbefleckte Empfängnis ist von gestern.

Und Pécuchet wußte schließlich nicht mehr, was er von Jesus denken sollte. Drei der Evangelisten machen einen Menschen aus ihm. An einer Stelle bei Sankt Johannes scheint er sich Gott gleichzusetzen, an einer anderen ebendort sich als ihm untergeordnet zu betrachten.

Der Abbé führte dagegen den Brief des Königs Abgar, die Akten des Pilatus und das Zeugnis der Sibyllen, „dessen Kern wahr ist“, ins Treffen. Er fand die Jungfrau bei den Galliern wieder, die Verkündigung eines Erlösers in China, die Dreifaltigkeit überall, das Kreuz auf der Mütze des Groß-Lama, in Ägypten in der Hand der Götter; -- und er wies sogar einen Stich vor, der einen Nilmesser darstellte; das war jedoch nach Pécuchets Ansicht ein Phallus.

Herr Jeufroy fragte seinen Freund Pruneau heimlich um Rat, der ihm Beweise aus Büchern suchte. Ein Kampf der Gelahrtheit entspann sich; und von Eigenliebe gepeitscht, stürzte Pécuchet sich in die Transzendentalphilosophie, in die Mythologie.

Er verglich die Jungfrau mit der Isis, das Heilige Abendmahl mit dem Haoma der Perser, Bacchus mit Moses, die Arche Noah mit dem Schiff des Xithuros; die Ähnlichkeiten bewiesen für ihn die Identität der Religionen.

Doch es kann nicht mehrere Religionen geben, da es nur einen Gott gibt, -- und wenn er mit seinen Argumenten zu Ende war, rief der Mann im Priesterrock: „Das ist ein Mysterium!“

Was bedeutet dieses Wort? Mangel an Wissen; recht schön. Aber wenn es etwas bezeichnet, das auszusprechen schon einen Widerspruch in sich schließt, so ist es eine Dummheit, -- und Pécuchet ließ Herrn Jeufroy nicht mehr los. Er überraschte ihn in seinem Garten, erwartete ihn vor seinem Beichtstuhl, stöberte ihn in der Sakristei auf.

Der Priester ersann Listen, ihm zu entgehen.

Als er eines Tages von Sassetot zurückkam, wo er jemandem die letzte Ölung erteilt hatte, ging Pécuchet ihm entgegen, so daß die Unterhaltung unvermeidlich wurde.

Es war an einem Abend gegen Ende August. Der scharlachfarbene Himmel wurde düster, und eine schwere Wetterwolke ballte sich daran, die unten einen glatten Rand hatte und oben in Spiralen auslief.

Pécuchet sprach zuerst von gleichgültigen Dingen; dann sagte er, nachdem er das Wort Märtyrer hatte fallen lassen:

„Wieviel gab es deren nach Ihrer Meinung?“

„Etwa zwanzig Millionen zum mindesten.“

„Ihre Zahl ist so groß nicht, sagt Origenes.“

„Origenes ist, wie Sie wissen, nicht glaubwürdig.“

Ein weiter ausholender Windstoß fuhr vorüber; das Gras der Gräben und die zum Horizonte verlaufenden zwei Reihen Ulmen neigten sich unter ihm.

Pécuchet fuhr fort: „Man rechnet zu den Märtyrern viele gallische Bischöfe, die im Kampf gegen die Barbaren gefallen sind, was nicht mehr zur Sache gehört.“

„Wollen Sie die Kaiser verteidigen?“

Nach Pécuchets Ansicht hatte man sie verleumdet. „Die Geschichte von der thebanischen Legion ist eine Fabel. Ich bestreite ebenso die Existenz der Symphorosa und ihrer sieben Söhne, die der Felicitas und ihrer sieben Töchter und alles, was über die sieben Jungfrauen von Ankyra erzählt wird, die noch mit siebzig Jahren dazu verurteilt wurden, genotzüchtigt zu werden, und ebenso unglaubwürdig ist die Geschichte von den elftausend Jungfrauen der heiligen Ursula, deren eine Gefährtin Undecimilla hieß, wobei ein Name mit einer Zahl gleichgesetzt wird; mehr noch, was die zehn Märtyrer von Alexandria angeht.“

„Indessen!... Indessen finden sie sich bei Autoren, die glaubwürdig sind.“

Wassertropfen fielen. Der Pfarrer öffnete seinen Regenschirm; -- und als Pécuchet darunter war, wagte er zu behaupten, daß die Katholiken mehr Juden, Moslemiten, Protestanten und Freidenker zu Märtyrern gemacht hätten, als früher alle Römer.

Der Geistliche widersprach heftig: „Aber von Nero bis zu Cäsar Galba zählt man zehn Verfolgungen!“

„Schön! Und die Blutbäder unter den Albigensern? und die Bartholomäusnacht? und die Widerrufung des Ediktes von Nantes?“

„Ohne Zweifel sind das bedauerliche Ausschreitungen, doch werden Sie diese Leute da nicht dem heiligen Stephanus, dem heiligen Laurentius, Cyprian, Polykarp, einer Unmenge von Missionaren an die Seite stellen wollen.“

„Verzeihung! Ich erinnere Sie an Hypathia, Hieronymus von Prag, Johannes Huß, Bruno, Vanini, Anne Dubourg!“

Der Regen wurde stärker, die Wasserstrahlen schossen so heftig herab, daß sie vom Boden zurücksprangen wie kleine weiße Raketen. Pécuchet und Herr Jeufroy gingen langsam, einer gegen den andern gedrückt, und der Pfarrer sagte:

„Nach schrecklichen Martern warf man sie in siedende Kessel!“

„Die Inquisition wandte ebenfalls die Tortur an, und sie briet die Leute recht ordentlich!“

„Man stellte vornehme Frauen in den Lupanaren aus!“

„Glauben Sie, daß die Dragoner Ludwigs XIV. sich sittsam benahmen?“

„Und vergessen Sie nicht, daß die Christen nichts gegen den Staat unternommen hatten!“

„Die Hugenotten ebensowenig!“

Der Wind jagte, fegte den Regen durch die Luft. Er klatschte auf die Blätter, bildete am Rande des Weges ein Rinnsal, und der schmutzig graue Himmel schien in die kahlen Felder überzugehen, die abgeerntet dalagen. Nirgends ein Dach. Nur in der Ferne die Hütte eines Hirten.

An Pécuchets dünnem Mantel war kein Faden mehr trocken. Das Wasser floß ihm den Rücken herab, drang in seine Stiefel, seine Ohren, seine Augen, trotz des Schirmes der Amoros-Mütze; der Pfarrer, der den unteren Teil seines Priesterrocks über den Arm geschlagen hatte, setzte dadurch seine Beine dem Regen aus; und die Ecken seines Dreispitzes spien das Wasser auf seine Schultern wie Traufrinnen einer Kirche.

Man mußte haltmachen, und dem Unwetter den Rücken wendend, standen sie Gesicht gegen Gesicht, Leib gegen Leib, indem sie mit vier Händen den schwankenden Schirm hielten.

Herr Jeufroy hatte seine Verteidigung der Katholiken nicht unterbrochen.

„Haben sie Ihre Protestanten gekreuzigt, wie man es mit dem heiligen Simeon tat, oder einen Menschen von zwei Tigern zerreißen lassen, wie es mit dem heiligen Ignatius geschah?“

„Aber rechnen Sie es für nichts, daß so viele Frauen von ihren Ehegatten getrennt, so viele Kinder ihren Müttern entrissen wurden! Und das Wandern der Armen in die Verbannung über Schneefelder, an Abgründen vorbei! Man sperrte sie scharenweise in die Gefängnisse; kaum waren sie tot, so wurden sie durch den Schmutz geschleift.“

Der Abbé lächelte höhnisch: „Sie wollen mir nicht übelnehmen, wenn ich nichts davon glaube! Und unsere Märtyrer sind weniger zweifelhaft. Die heilige Blandina wurde nackt in einem Netz einer wütenden Kuh vorgeworfen. Die heilige Julia verendete unter Hieben, die man ihr gab. Dem heiligen Taracus, dem heiligen Probus und dem heiligen Andronikus hat man die Zähne mit einem Hammer ausgeschlagen, die Seiten mit eisernen Zinken zerfleischt, die Hände mit glühenden Nägeln durchbohrt, die Haut vom Schädel gerissen.“

„Sie übertreiben,“ sagte Pécuchet. „Das Ende der Märtyrer wurde in jenen Zeiten rednerisch ausgeschmückt.“

„Wieso rednerisch?“

„Aber ja doch, mein Herr, während ich dagegen Ihnen Geschichte erzähle. In Irland schlitzten die Katholiken schwangeren Frauen den Leib auf, um die Kinder herauszunehmen.“

„Niemals.“

„Und sie den Schweinen vorzuwerfen!“

„Gehen Sie!“

„In Belgien begruben sie sie bei lebendigem Leibe!“

„Welch ein Unsinn!“

„Man kennt ihre Namen!“

„Und trotzdem,“ wandte der Priester ein, während er seinen Schirm im Zorn schüttelte, „kann man sie nicht Märtyrer nennen. Außerhalb der Kirche keine Märtyrer.“

„Ein Wort noch. Wenn der Wert des Märtyrers von der Lehre abhängt, wie kann er dazu dienen, deren Vorzüglichkeit zu beweisen?“

Der Regen ließ nach; bis zum Dorfe sprachen sie nicht mehr.

Doch auf der Schwelle des Pfarrhauses sagte der Abbé:

„Sie tun mir leid! Wirklich, Sie tun mir leid!“

Pécuchet erzählte seinen Streit sogleich Bouvard. Das Gezänk hatte ihn in eine religionsfeindliche Stimmung versetzt, und eine Stunde darauf saßen sie vor einem Reisigfeuer und lasen den „Pfarrer Meslier“. Die plumpen Verneinungen des Buches mißfielen ihm; dann blätterte er, da er sich vorwarf, möglicherweise Helden verkannt zu haben, in der „Biographie“ die Geschichte der erlauchtesten Märtyrer durch.

Welchen Lärm das Volk machte, wenn sie die Arena betraten! Und wenn die Löwen und Jaguare nicht wild genug waren, so reizte man die Tiere durch Bewegung und Zuruf, vorzugehen. Man sah die Christen blutüberströmt lächelnd dastehen, den Blick zum Himmel erhoben; die heilige Perpetua knotete ihr Haar wieder, um keine Betrübnis zu zeigen. Pécuchet wurde nachdenklich. Das Fenster stand offen, die Nacht war ruhig, zahlreiche Sterne glänzten. In ihrer Seele mußten Dinge vorgehen, die wir uns nicht vorstellen können, eine Freude, eine göttliche Verzückung! Und Pécuchet sagte unter der Gewalt des Nachsinnens darüber, daß er das begriffe, daß er wie sie gehandelt haben würde.

„Du?“

„Ganz gewiß!“

„Ohne Scherz! Glaubst du, ja oder nein?“

„Ich weiß nicht.“

Er zündete eine Kerze an; dann fielen seine Blicke auf das Kruzifix im Alkoven:

„Wieviel Betrübte haben bei jenem ihre Zuflucht gesucht!“

Und nach einer Pause:

„Man hat seinen Charakter entstellt! Daran ist Rom schuld: die Politik des Vatikans!“

Aber Bouvard bewunderte die Kirche wegen ihrer Pracht er hätte als Kardinal im Mittelalter leben mögen.

„Ich würde mich im Purpur gut ausgenommen haben, das mußt du zugeben!“

Die vor die Kohlen gelegte Mütze Pécuchets war noch nicht trocken. Während er sie glattstrich, fühlte er einen Gegenstand in ihrem Futter, und eine Münze des heiligen Joseph fiel zur Erde. Sie waren verwirrt, die Tatsache schien ihnen unerklärlich.

Frau von Noares wollte von Pécuchet wissen, ob er nicht eine Veränderung wahrgenommen habe, ein Glück, und sie verriet sich durch ihre Fragen. Sie hatte ihm einst, während er Billard spielte, die Münze in die Mütze genäht.

Allem Anschein nach liebte sie ihn; sie hätten sich heiraten können: sie war Witwe, und er ahnte nichts von dieser Liebe, die vielleicht das Glück seines Lebens gewesen wäre.

Obwohl er sich religiöser gab als Bouvard, hatte sie ihn dem heiligen Joseph geweiht, dessen Beistand für Bekehrungen ausgezeichnet ist.

Niemand kannte wie sie alle Rosenkränze und den Ablaß, der mit ihnen verbunden ist, die Wirkung der Reliquien, die Heilkräfte der wundertätigen Quellen. Ihre Uhr saß an einem Kettchen, das die Fesseln Sankt Peters berührt hatte.

Unter ihren Berlocken leuchtete eine goldene Perle, die der nachgebildet war, welche in der Kirche zu Allouagne eine Träne unseres Herrn enthält; ein Ring an ihrem kleinen Finger umschloß Haare des Pfarrers von Ars, und da sie Heilkräuter für die Kranken sammelte, so glich ihr Zimmer einer Sakristei und einem Apothekerlaboratorium.

Sie verbrachte ihre Zeit mit Briefschreiben, Besuchen bei Armen, Lösen von wilden Ehen, Austeilen von Herz-Jesu-Photographien. Ein Herr wollte ihr „Märtyrerpaste“ schicken, eine Mischung aus Osterwachs und menschlichem Staub, den man in den Katakomben gesammelt hatte und der in verzweifelten Fällen in Form von Pflaster oder Pillen angewandt wird. Sie versprach Pécuchet davon.

Er schien entsetzt über einen solchen Materialismus.

Am Abend brachte ihm ein Diener aus dem Schlosse einen Tragkorb voll kleiner Bücher, die von frommen Worten des großen Napoleon, Witzworten des Pfarrers in den Herbergen, von dem schrecklichen Ende gottloser Menschen handelten. Frau von Noares kannte das alles auswendig, dazu eine Unmenge von Wundern.

Sie erzählte deren sinnlose, Wunder ohne Zweck, als wenn Gott sie getan hätte, um die Welt in Staunen zu setzen. Ihre eigene Großmutter hatte Pflaumen, die mit einem Tuch bedeckt waren, in einen Schrank geschlossen, und als man den Schrank ein Jahr später öffnete, sah man ihrer dreizehn auf dem Tuche, die ein Kreuz bildeten.

„Erklären Sie mir das.“

Diese Wendung folgte stets ihren Geschichten, die sie mit dem Starrsinn eines Esels verfocht. Übrigens war sie eine gute Frau und von heiterem Gemüt.

Einmal jedoch „fuhr sie aus der Haut“. Bouvard bestritt ihr gegenüber das Wunder von Pezilla: eine Kompottschale, in der man während der Revolution Hostien verborgen, hatte sich ganz von selbst vergoldet.

„Vielleicht war auf dem Grund etwas gelbe Farbe, die von der Feuchtigkeit herrührte.“

„Aber nein! und nochmals nein! Die Vergoldung kam durch die Berührung mit dem Leibe Christi.“

Und zum Beweise führte sie die schriftliche Beglaubigung der Bischöfe an.

„Das ist derselbe Fall, sagt man, wie mit einem Schilde, einem... einem Palladium in der Diözese zu Perpignan. Fragen Sie doch Herrn Jeufroy!“

Bouvard geriet außer sich, und nachdem er seinen Louis Hervieu wieder durchgelesen hatte, nahm er Pécuchet mit.

Der Geistliche beendigte gerade sein Diner. Reine lud zum Sitzen ein und holte auf einen Wink zwei kleine Gläser, die sie mit Rosolio-Likör füllte.

Darauf legte Bouvard dar, was ihn hergeführt hatte.

Der Abbé gab keine offene Antwort.

„Alles ist bei Gott möglich, und die Wunder sind ein Beweis für die Wahrheit der Religion.“

„Aber es gibt doch Gesetze.“

„Das ändert nichts daran. Er durchbricht sie, um zu unterweisen, zu bessern.“

„Wie können Sie wissen, ob er sie durchbricht?“ erwiderte Bouvard. „Solange die Natur ihren alten Weg geht, denkt man nicht daran; doch in einer außerordentlichen Erscheinung sehen wir die Hand Gottes.“

„Sie kann darin wirksam sein,“ sagte der Geistliche, „und wenn ein Ereignis durch Zeugen bekräftigt wird?“

„Die Zeugen fallen auf alles herein, gibt es doch falsche Wunder.“

Der Priester wurde rot.

„Gewiß... zuweilen.“

„Wie sie von den echten unterscheiden? Und wenn die echten, die als Beweise gelten müssen, selbst der Beweise nötig haben, wozu deren tun?“

Reine mischte sich ein, und gleich ihrem Herrn einen Predigerton annehmend, sagte sie, man müsse sich unterwerfen.

„Das Leben ist eine Durchgangszeit, aber der Tod ist ewig!“

„Kurz,“ fügte Bouvard hinzu, indem er den Rosolio hinuntergoß, „die früheren Wunder sind nicht besser bewiesen als die heutigen; die der Christen wie die der Heiden werden mit gleichen Gründen verteidigt.“

Der Pfarrer warf seine Gabel auf den Tisch.

„Jene waren falsch, sag ich noch einmal! Es gibt keine Wunder außerhalb der Kirche!“

„Sieh da,“ sagte sich Pécuchet im stillen, „das ist dasselbe Argument wie bei den Märtyrern: die Lehre stützt sich auf die Tatsachen und die Tatsachen stützen sich auf die Lehre.“

Nachdem Herr Jeufroy ein Glas Wasser getrunken hatte, fuhr er fort:

„Trotzdem Sie sie leugnen, glauben Sie daran. Die Welt, die durch zwölf Fischer bekehrt wird, das ist, so scheint mir, ein herrliches Wunder!“

„Keineswegs!“

Pécuchet erklärte das auf andere Weise.

„Der Monotheismus kommt von den Hebräern, die Dreieinigkeit von den Indern, der Logos gehört Plato und die jungfräuliche Mutter Asien.“

Gleichviel! Herr Jeufroy hielt am Übernatürlichen fest, wollte nicht zugeben, daß das Christentum den geringsten menschlichen Daseinsgrund habe, obgleich er bei allen Völkern Vorboten oder Entstellungen desselben sah. Die spottsüchtige Gottlosigkeit des achtzehnten Jahrhunderts, die hätte er geduldet; doch die moderne Kritik mit ihrer Höflichkeit brachte ihn außer sich.

„Mir ist ein lästernder Atheist lieber als ein spitzfindiger Skeptiker!“

Dann blickte er sie in herausfordernder Weise an, als wenn er sie verabschieden wolle.

Pécuchet ging in melancholischer Stimmung nach Hause. Er hatte darauf gehofft, Glauben und Vernunft in Einklang zu bringen.

Bouvard gab ihm diese Stelle aus Louis Hervieu zu lesen:

„Um den trennenden Abgrund zu ermessen, stelle man ihre Axiome einander gegenüber:

Die Vernunft sagt euch: Das Ganze umschließt den Teil; und der Glaube antwortet euch: Durch die Transsubstantiation hatte Jesus, während er mit seinen Jüngern das Abendmahl aß, seinen Körper in der Hand und sein Haupt im Munde.“

„Die Vernunft sagt euch: Man ist nicht verantwortlich für anderer Verbrechen; und der Glaube antwortet: Durch die Erbsünde.“

„Die Vernunft sagt euch: Drei ist drei; und der Glaube erklärt: Drei ist eins.“

Sie verkehrten nicht mehr mit dem Abbé.

Es war zur Zeit des Italienischen Krieges.

Die gutgesinnten Leute zitterten für den Papst. Man schimpfte auf Emanuel. Frau von Noares stand nicht an, seinen Tod zu wünschen.

Bouvard und Pécuchet protestierten nur schüchtern. Wenn die Tür des Salons sich vor ihnen öffnete und sie sich im Vorüberschreiten in den hohen Spiegeln sahen und durch die Fenster die Alleen erblickten, wo die rote Weste eines Dieners sich von dem Grün abhob, empfanden sie ein Wohlgefühl; und der Luxus dieser Sphäre machte sie gegen das, was man dort sagte, nachsichtig.

Der Graf lieh ihnen die sämtlichen Werke des Herrn De Maistre. Er trug die darin enthaltenen Grundsätze in vertraulichem Kreise vor: vor Hurel, dem Pfarrer, dem Friedensrichter, dem Notar und dem Baron, seinem zukünftigen Schwiegersohn, der von Zeit zu Zeit für vierundzwanzig Stunden im Schloß zu Besuch weilte.

„Das Schrecklichste,“ sagte der Graf, „ist der Geist von 89! Zuerst bestreitet man das Dasein Gottes; dann kritisiert man die Regierung; dann kommt die Freiheit; die Freiheit für Beschimpfungen, für Auflehnung, für Sinnenlust oder besser gesagt, die Freiheit alles drunter und drüber gehen zu lassen, so daß schließlich die Religion und die Staatsgewalt die Freiheitsschwärmer, die Häretiker ächten müssen. Die Folge war allerdings, daß man über Verfolgung zeterte, als wenn die Henker die Verbrecher verfolgten. Ich sage kurz: Kein Staat ohne Gott! Denn das Gesetz kann nur geachtet werden, wenn es von oben kommt, und gegenwärtig handelt es sich nicht um die Italiener, sondern darum, ob die Revolution oder der Papst, Satan oder Jesus Christus den Sieg davonträgt.“

Herr Jeufroy gab seine Zustimmung durch kurze Zwischenrufe zu erkennen, Hurel durch ein Lächeln, der Friedensrichter durch Wiegen des Kopfes. Bouvard und Pécuchet blickten zur Decke; Frau von Noares, die Gräfin und Yolande machten Arbeiten für die Armen, und Herr von Mahurot sah, neben seiner Braut sitzend, die Zeitungen durch.

Dann traten Pausen ein, in denen jeder in die Untersuchung eines Problems vertieft schien. Napoleon III. war kein Retter mehr, und er gab sogar ein bedauerliches Beispiel, indem er die Maurer Sonntags an den Tuilerien arbeiten ließ.

„Das sollte nicht erlaubt sein,“ war die ständige Redensart des Herrn Grafen.

Wirtschaftspolitik, schöne Künste, Literatur, Geschichte, wissenschaftliche Doktrinen, über alles entschied er in seiner Eigenschaft als Christ und Familienvater, und wollte Gott, daß die Regierung in dieser Hinsicht dieselbe Strenge zeigte, die er in seinem Hause walten ließ! Die Regierung allein hat zu entscheiden, inwieweit die Wissenschaft gefährlich ist; zu weit verbreitet, erregt sie beim Volke verhängnisvollen Ehrgeiz. Es war glücklicher, dieses arme Volk, als die vornehmen Herren und die Bischöfe den Absolutismus des Königs mäßigten. Jetzt beuteten die Industriellen es aus. Es wird in Sklaverei verfallen.

Und alle beklagten den Verlust des alten Regimes: Hurel aus Unterwürfigkeit, Coulon aus Unwissenheit, Marescot als Künstler.

Als Bouvard glücklich wieder zu Hause war, stärkte er sich an Lamettrie, Holbach usw.; und Pécuchet sagte einem Glauben Valet, der ein Mittel der Regierung geworden war. Herr von Mahurot hatte am Abendmahl teilgenommen, um dadurch einen vorteilhafteren Eindruck auf „die Damen“ zu machen, und wenn er zum Gottesdienste ging, so geschah es wegen der Dienstboten.

Er war Mathematiker und Verehrer der Künste, spielte Walzer auf dem Klavier, bewunderte Töpffer und zeichnete sich durch eine Art vornehmer Skepsis aus. Was man über Mißbräuche der Feudalen, die Inquisition und die Jesuiten erzähle, seien Vorurteile, und er pries den Fortschritt, obschon er alles verachtete, was nicht Edelmann oder auf der Polytechnischen Hochschule gewesen war.

Auch Herr Jeufroy mißfiel ihnen. Er glaubte an Zauberei, machte Scherze über die heidnischen Götter, versicherte, daß alle Sprachen vom Hebräischen abgeleitet wären; seine Rhetorik beschränkte sich auf hergebrachte Wendungen; unfehlbar kam der zu Tode gehetzte Hirsch, Honig und Wermut, Gold und Blei, Spezereien, Urnen und der Vergleich der Seele des Christen mit dem Soldaten, die angesichts der Sünde sagen muß: „Hier ist kein Zugang für dich!“

Um seinen Vorträgen zu entgehen, gingen sie so spät wie möglich ins Schloß.

Eines Tages jedoch trafen sie ihn dort.

Seit einer Stunde wartete er auf seine beiden Schüler. Plötzlich trat Frau von Noares ein.

„Die Kleine ist verschwunden. Ich bringe Viktor. Ach! der Unselige!“

Sie hatte in seiner Tasche einen silbernen Fingerhut gefunden, der seit drei Tagen vermißt wurde; dann von Schluchzen erstickt:

„Das ist nicht alles! Das ist nicht alles! Während ich ihn schalt, hat er mir sein Hinterteil gezeigt.“

Und ehe der Graf und die Gräfin zu Worte gekommen waren:

„Übrigens bin ich schuld; verzeihen Sie mir!“

Sie hatte ihnen verborgen, daß die beiden Waisen die Kinder des Touache wären, der jetzt im Zuchthaus saß.

Was tun?

Wenn der Graf sie fortschickte, waren sie verloren, und die Tat der Nächstenliebe würde ihm als eine Laune ausgelegt werden.

Herr Jeufroy war nicht überrascht. Da der Mensch von Natur verderbt ist, muß man ihn züchtigen, um ihn zu bessern.

Bouvard war anderer Ansicht. Milde sei besser.

Aber der Graf erging sich noch einmal über die eiserne Faust, die bei Kindern wie für Völker unerläßlich sei. Diese hier steckten voller Laster; das kleine Mädchen sei lügnerisch, der Schlingel roh. Diesen Diebstahl wollte man schließlich entschuldigen; die Unverschämtheit niemals; die Erziehung mußte die Schule der Achtung sein.

Also sollte Sorel, der Waldhüter, dem jungen Manne sogleich eine tüchtige Tracht Prügel verabfolgen.

Herr von Mahurot, der ihm etwas mitzuteilen hatte, übernahm den Auftrag. Im Vorzimmer griff er nach einer Flinte und rief Viktor, der mit gesenktem Kopf im Hofe stehen geblieben war.

„Folge mir!“ sagte der Baron.

Da der Weg zum Waldhüter wenig von der Richtung auf Chavignolles abführte, begleiteten Herr Jeufroy, Bouvard und Pécuchet den Baron.

Hundert Schritte vom Schlosse bat er sie, nicht mehr zu sprechen, solange man am Gehölz entlang ginge.

Das Gelände fiel bis zum Flußufer ab, wo sich große Felsblöcke erhoben. Der Fluß bildete goldene Flächen in der untergehenden Sonne. Auf der anderen Seite bedeckte sich das Grün der Hügel mit Dunkel. Ein scharfer Wind blies.

Kaninchen kamen aus ihrem Bau und fraßen den Rasen ab.