Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass

Part 21

Chapter 213,583 wordsPublic domain

Die Wunder wirkende Statue stand in einer Nische links im Chor, mit einem Flittergewande umhüllt; der Küster kam, er hatte für jeden von ihnen eine Kerze. Er steckte sie auf eine Art Egge, die über der Balustrade angebracht war, verlangte drei Franken, machte eine Verbeugung und verschwand.

Dann betrachteten sie die Weihgeschenke.

Inschriften auf Tafeln bezeugten die Dankbarkeit der Gläubigen. Man bewundert zwei kreuzweise übereinandergelegte Degen, die ein ehemaliger Schüler der Polytechnischen Hochschule geschenkt hat, Brautbuketts, Kriegsmedaillen, silberne Herzen und in einem Winkel am Boden einen Wald von Krücken.

Aus der Sakristei trat ein Priester, der das Gefäß mit der heiligen Hostie trug.

Nachdem er einige Minuten unten vor dem Altar verweilt hatte, stieg er die drei Stufen empor, sprach das Oremus, den Introitus und das Kyrie, das der Chorknabe kniend in einem Atem hersagte.

Der Teilnehmer waren wenige, zwölf bis fünfzehn alte Weiber. Man hörte das Klappern ihrer Rosenkränze und das Geräusch eines Hammers, der gegen die Steine klopfte. Pécuchet, der sich über seinen Betstuhl neigte, antwortete auf die Amen. Während der Verwandlung flehte er zur Mutter Gottes, sie möge ihm beständigen und unwandelbaren Glauben geben.

Bouvard, der in einem Stuhle neben ihm saß, nahm Pécuchets Gebetbuch und verweilte bei der Litanei der Jungfrau.

„Du Allerreinste, Du Allerkeuscheste, Ehrwürdige, Liebenswerte, Mächtige, Gütige, elfenbeinerner Turm, goldenes Haus, Tor des Morgens.“

Die Worte der Anbetung, diese Überschwenglichkeiten erhoben ihn zu ihr, die durch so viel Ehrerbietung gefeiert wird.

Er träumte sie, wie man sie auf den Kirchengemälden darstellt, auf einer Anhäufung von Wolken, Engel zu ihren Füßen, den Gottessohn an der Brust, -- Mutter der zärtlichen Liebe, die in aller Trübsal auf Erden angerufen wird, -- Ideal der in den Himmel versetzten Frau; denn aus ihrem Schoße hervorgegangen, steigert der Mensch seine Liebe zu ihr zur Schwärmerei und sehnt sich nur noch, an ihrem Herzen zu ruhen.

Als die Messe zu Ende war, gingen sie an den Läden entlang, die sich auf dem Platze an die Kirchenmauer lehnen. Man sieht dort Bilder, Weihwasserkessel, goldgeränderte Urnen, Christusbilder aus Kokosnuß, elfenbeinerne Rosenkränze; und das Sonnenlicht, das auf das Glas der Einrahmungen fiel, blendete ihre Augen, ließ die ganze Roheit der Malerei, die Häßlichkeit der Zeichnungen hervortreten. Bouvard, der diese Dinge zu Hause scheußlich fand, zeigte hier Nachsicht für sie. Er kaufte eine kleine Jungfrau aus blauem Porzellan. Pécuchet begnügte sich mit einem Rosenkranz, den er zur Erinnerung mitnahm.

Die Verkäufer schrien:

„Herbei! Herbei! Für fünf Franken, für drei Franken, für sechzig Centimes, für zwei Sous, weist unsere Muttergottes nicht ab.“

Die beiden Pilger schlenderten umher, ohne etwas zu wählen. Unhöfliche Bemerkungen wurden laut.

„Was wollen sie, diese Kerle!“

„Es sind vielleicht Türken!“

„Eher Protestanten!“

Eine große Frau zupfte Pécuchet am Rocke; ein Alter mit einer Brille legte ihm die Hand auf die Schulter; alle kreischten zugleich; dann verließen sie ihre Buden, stellten sich um sie herum, wurden zudringlicher mit ihren Bitten und heftiger mit ihren Beleidigungen.

Bouvard hielt es nicht mehr aus.

„Laßt uns in Ruhe, zum Teufel!“

Der Schwarm zerstreute sich.

Doch eine dicke Frau folgte ihnen eine Zeitlang auf dem Platze und schrie, daß es sie gereuen würde.

Als sie ins Wirtshaus zurückkamen, fanden sie im Café Gouttman. Sein Geschäft rief ihn in diese Gegenden, und er plauderte mit einem Menschen, der auf dem Tische vor ihnen liegende Geschäftspapiere durchsah.

Dieser Mensch trug eine Ledermütze und eine sehr weite Hose; seine Gesichtsfarbe war rot und seine Gestalt schlank trotz seiner grauen Haare; er hatte etwas von einem pensionierten Offizier und einem Schauspieler zugleich.

Von Zeit zu Zeit fluchte er; doch beruhigte er sich sogleich auf ein leiser gesprochenes Wort Gouttmans und nahm dann ein anderes Papier vor.

Bouvard, der ihn beobachtete, näherte sich ihm nach Verlauf einer Viertelstunde.

„Barberou, nicht wahr?“

„Bouvard!“ rief der Mann in der Mütze. Und sie umarmten sich.

Barberou hatte in den letzten zwanzig Jahren alle möglichen Vermögenslagen durchgemacht.

Herausgeber einer Zeitung, Versicherungsbeamter, Direktor eines Austernparks. „Ich werde Ihnen das erzählen,“ -- schließlich sei er zu seinem ersten Berufe zurückgekehrt und reise für ein Haus in Bordeaux, und Gouttman, der die Diözese „bearbeitete“, brachte für ihn Wein bei den Geistlichen unter, -- „doch erlauben Sie, in einer Minute gehöre ich Ihnen!“

Er hatte seine Rechnungsauszüge wieder vorgenommen und sprang plötzlich von der Bank auf: „Wie, zwei Tausend?“

„Ganz gewiß!“

„Nein, das ist zu stark!“

„Sie meinen?“

„Ich meine, daß ich selbst bei Hérambert gewesen bin,“ erwiderte Barberou wütend. „Die Rechnung lautet über vier Tausend; schwindeln Sie mir doch nichts vor!“

Der Trödler kam nicht aus der Fassung. „Na, sie entlastet Sie! Was wollen sie mehr?“

Barberou erhob sich; sein Gesicht war zuerst blaß, dann wurde es violett, und Bouvard und Pécuchet glaubten, er wolle Gouttman erdrosseln.

Er setzte sich wieder, legte die Arme übereinander. „Sie sind ein ganz gemeiner Schurke, das ist sicher!“

„Keine Beleidigungen, Herr Barberou; da sind Zeugen; seien Sie vorsichtig!“

„Ich werde Sie verklagen!“

„Ach, Unsinn!“ Nachdem Gouttman dann seine Brieftasche zugeschnallt hatte, lüpfte er seinen Hut: „Auf Wiedersehen!“ Und er ging hinaus.

Barberou erklärte den Tatbestand: für eine Forderung Gouttmans von tausend Franken, die sich infolge wucherischer Machenschaften verdoppelt hatte, habe er diesem für dreitausend Franken Wein geliefert. Damit sollten ihm nach Deckung seiner Schuld noch tausend Franken Überschuß verbleiben; statt dessen schuldete er dreitausend. Seine Chefs würden ihn entlassen, man würde ihn verklagen, „Lump! Räuber! dreckiger Jude! und der Kerl ißt in den Pfarrhäusern zu Mittag! Übrigens, alles was mit den Pfaffen in Berührung kommt...!“ Er schimpfte auf die Priester und schlug so heftig auf den Tisch, daß die Statuette beinahe umgefallen wäre.

„Sachte!“ sagte Bouvard.

„Sieh da, was ist das?“ Und nachdem er die kleine Jungfrau von ihrer Hülle befreit hatte: „Ein Kinkerlitzchen vom Wallfahrtsmarkt! Gehört das Ihnen?“

Anstatt zu antworten, lächelte Bouvard in zweideutiger Weise.

„Es gehört mir!“ sagte Pécuchet.

„Sie betrüben mich,“ erwiderte Barberou, „doch darüber sollen Sie das Nötige von mir erfahren, seien Sie unbesorgt!“ Und da man Philosoph sein soll und die Traurigkeit zu nichts nützt, lud er sie zum Frühstück ein.

Die drei setzten sich zum Essen nieder.

Barberou war liebenswürdig, gedachte der alten Zeit, faßte das bedienende Mädchen um die Taille, wollte Bouvards Bauch messen. Er wolle sie bald besuchen und ihnen ein spaßiges Buch mitbringen.

Der Gedanke an seinen Besuch machte ihnen mittelmäßige Freude. Sie plauderten eine Stunde lang darüber im Wagen beim Trab der Pferde. Dann schloß Pécuchet die Augen. Auch Bouvard schwieg. Innerlich neigte er der Religion zu.

Herr Marescot war am Abend vorher dagewesen, um ihnen eine wichtige Mitteilung zu machen. -- Weiter konnte Marcel nichts sagen.

Der Notar konnte sie erst drei Tage später bei sich sehen; -- und sogleich legte er die Angelegenheit dar. Frau Bordin schlug Herrn Bouvard vor, ihm den Gutshof für eine Rente von siebentausend fünfhundert Franken abzukaufen.

Seit ihrer Jugend betrachtete sie ihn mit gierigen Augen, kannte die angrenzenden Grundstücke, seine Nachteile und Vorzüge; und dieser Wunsch war wie ein Krebs, der sie verzehrte. Denn die gute Frau liebte als wahre Normännin das „Gut“ über alles, weniger wegen der Sicherheit der Kapitalsanlage als um des Glückes willen, den ihr gehörigen Boden unter den Füßen zu fühlen. In der Hoffnung auf diesen da hatte sie Feststellungen gemacht, eine tägliche Überwachung ausgeführt, lange Zeit gespart, und sie erwartete mit Ungeduld Bouvards Antwort.

Er kam in Verlegenheit, denn er wollte nicht, daß Pécuchet eines Tages mittellos sei; doch man mußte die Gelegenheit ergreifen, -- die eine Wirkung der Wallfahrt war. -- Die Vorsehung zeigte sich ihnen zum zweiten Male günstig.

Sie machten ein Angebot unter folgenden Bedingungen: die Rente, die nicht siebentausend fünfhundert, sondern sechstausend betragen sollte, müsse auf den Überlebenden übergehen. Marescot wies darauf hin, daß der eine von schwacher Gesundheit sei. Die Anlagen des andern machten ihn für Schlagfluß empfänglich, und Frau Bordin, von ihrer Leidenschaft hingerissen, unterzeichnete den Kontrakt.

Bouvard wurde melancholisch davon. Jemand wünschte seinen Tod, und diese Überlegung gab ihm ernste Gedanken, Gedanken von Gott und Ewigkeit.

Drei Tage darauf lud sie Herr Jeufroy zu einem Festmahl ein, das er jährlich einmal seinen Amtsbrüdern gab.

Das Diner begann gegen zwei Uhr nachmittags, um gegen elf Uhr abends zu endigen.

Man trank Birnenmost, man gab Wortspiele zum besten. Der Abbé Pruneau verfaßte während des Mahles ein Akrostichon. Herr Bougon zeigte Kartenkunststücke, und Cerpet, ein junger Vikar, sang eine kleine Romanze mit galantem Einschlag. Solch ein Kreis zerstreute Bouvard. Er war am folgenden Tage weniger düster.

Der Pfarrer besuchte ihn häufig. Er stellte die Religion in anmutigen Farben dar. Was setzte man übrigens aufs Spiel? -- und bald willigte Bouvard ein, zum Tisch des Herrn zu kommen. Pécuchet wollte zugleich mit ihm am Abendmahl teilnehmen.

Der große Tag nahte.

Die Kirche war wegen der Firmelung voll von Menschen. Die Bürger und Bürgerinnen drängten sich in ihren Bänken, und das geringe Volk stand dahinter oder auf der Empore über der Tür.

Was jetzt vor sich gehen sollte, war unbegreiflich, dachte Bouvard, doch die Vernunft reicht nicht aus, gewisse Dinge zu verstehen. Sehr große Männer haben dieses Wunder gläubig hingenommen. Geradesogut konnte er es tun, und in einer Art Betäubung betrachtete er den Altar, das Weihrauchfaß, die Leuchter, während der Kopf ihm etwas leer war, denn er hatte nichts gegessen, und er empfand eine sonderbare Schwäche.

Pécuchet geriet beim Nachsinnen über die Passion Jesu-Christi in Liebesbegeisterung. Er hätte dem Herren seine Seele darbringen mögen, die der andern, -- und dazu die Verzückungen, die Visionen, die Erleuchtungen der Heiligen, alle Wesen, das ganze Weltall. Obgleich er mit Inbrunst betete, schienen ihm die verschiedenen Teile der Messe ein wenig lang.

Endlich knieten die kleinen Knaben auf der ersten Stufe des Altars nieder, wobei ihre Anzüge einen schwarzen Streifen bildeten, den blondes oder braunes Haar in ungleicher Linie überragte. Die kleinen Mädchen ersetzten sie; Schleier wallten unter ihren Kränzen herab; von weitem hätte man sie für weiße Wolken halten können, die sich in der Tiefe des Chors aneinanderreihten.

Dann kamen die großen Leute an die Reihe.

Der erste auf der Evangelienseite des Altars war Pécuchet, doch, ohne Zweifel aus zu großer Erregung, schwankte sein Kopf nach rechts und nach links. Der Pfarrer hatte Mühe, ihm die Hostie in den Mund zu stecken, und während er sie empfing, verdrehte er die Augen.

Bouvard dagegen öffnete den Mund so weit, daß seine Zunge wie eine Fahne über seine Unterlippe herabhing. Als er sich erhob, stieß er Frau Bordin. Ihre Blicke trafen sich. Sie lächelte; ohne zu wissen warum, errötete er.

Nach Frau Bordin kommunizierten zusammen Fräulein von Faverges, die Gräfin, ihre Gesellschafterin und ein Herr, den man in Chavignolles nicht kannte.

Die beiden letzten waren Placquevent und Petit, der Lehrer; -- da erschien plötzlich Gorju.

Er trug seinen kleinen Backenbart nicht mehr; und er suchte seinen Platz auf, indem er die Arme in sehr erbaulicher Weise über der Brust gekreuzt hielt.

Der Pfarrer sprach zu den kleinen Knaben, sie möchten späterhin Sorge tragen, es nicht wie Judas zu machen, der seinen Gott verriet, und sich immer das Kleid der Unschuld rein erhalten. Pécuchet gedachte des seinigen mit Reue; doch man rückte die Stühle; die Mütter beeilten sich, ihre Kinder zu umarmen.

Die Mitglieder des Kirchspiels beglückwünschten sich gegenseitig beim Ausgang. Einige weinten. Während Frau von Faverges auf ihren Wagen wartete, wandte sie sich Bouvard und Pécuchet zu und stellte ihren zukünftigen Schwiegersohn vor: „Herr Baron von Mahurot, Ingenieur!“ Der Graf machte ihnen Vorwürfe, weil sie sich nicht sehen ließen. Er würde die kommende Woche wieder zurück sein. „Merken Sie es sich, ich bitte Sie!“ Die Kutsche war angekommen, die Schloßdamen fuhren ab, und die Menge zerstreute sich.

In ihrem Hofe fanden sie mitten auf dem Rasen ein Paket. Der Briefträger hatte es, da das Haus verschlossen war, über die Mauer geworfen. Es war das Werk, das Barberou versprochen hatte: Kritik des Christentums, von Louis Hervieu, einem ehemaligen Schüler der Ecole normale. Pécuchet wies es von sich. Bouvard verzichtete darauf, es kennen zu lernen.

Man hatte ihm wiederholt gesagt, das Sakrament würde ihn verwandeln: mehrere Tage hindurch wartete er auf ein neues Sprießen in seiner Seele. Doch er blieb immer derselbe, und schmerzliches Staunen ergriff ihn.

Wie! Der Leib Gottes vermischt sich mit unserm Leib und bringt keine Wirkung darin hervor! Der Gedanke, der die Welten regiert, erleuchtet unsern Geist nicht! Die höchste Gewalt überläßt uns der Ohnmacht!

Herr Jeufroy, der ihn beruhigte, empfahl ihm den Katechismus des Abbé Gaume.

Dagegen hatte Pécuchets Frömmigkeit Fortschritte gemacht. Er hätte unter beiderlei Gestalt kommunizieren mögen, sang Psalmen, während er im Hausflur herumging, hielt die Einwohner von Chavignolles an, um mit ihnen Glaubensfragen zu erörtern und sie zu bekehren. Vaucorbeil lachte ihm ins Gesicht, Girbal zuckte die Achseln, und der Hauptmann nannte ihn Tartüff. Man fand jetzt, daß sie zu weit gingen.

Eine ausgezeichnete Gewohnheit besteht darin, die Dinge als ebensoviele Symbole zu betrachten. Wenn der Donner grollt, so soll man sich das Jüngste Gericht vorstellen; vor einem wolkenlosen Himmel kann man an den Aufenthalt der Seligen denken; man sage sich während seiner Spaziergänge, daß jeder Schritt dem Tode entgegenführt. Pécuchet beobachtete diese Methode. Wenn er seine Kleider nahm, gedachte er der fleischlichen Hülle, mit der die zweite Person der Dreifaltigkeit sich umkleidet hat; das Ticken der Uhr vergegenwärtigte ihm die Schläge seines Herzens, ein Nadelstich die Nägel des Kreuzes; doch es war vergebens, daß er stundenlang auf den Knien lag, daß er noch häufiger fastete und seine Einbildungskraft anstrengte, die Loslösung vom Ich wollte nicht eintreten; unmöglich, zur vollkommenen Vergeistigung zu gelangen.

Er nahm seine Zuflucht zu mystischen Schriftstellern: zur heiligen Therese, zu Johannes vom Kreuz, Ludwig von Granada, Simpoli und von neueren zu dem Bischof Chaillot. Anstatt der Erhabenheiten, die er erwartete, traf er nur Plattheiten, einen sehr nachlässigen Stil, nichtssagende Bilder und eine Unmenge Vergleiche, die dem Steinschneidergewerbe entnommen waren.

Er erfuhr jedoch, daß es eine aktive und eine passive Reinigung gibt, ein inneres und ein äußeres Schauen, vier Arten von Gebeten, neun Vollkommenheiten in der Liebe, sechs Stufen der Demut, und daß das Verwunden der Seele sich kaum vom geistigen Diebstahl unterscheidet.

Einige Punkte setzten ihn in Verlegenheit.

„Wie kommt es, daß man Gott für die Wohltat des Daseins danken muß, wo doch das Fleisch verdammt ist? Wie die Mitte halten zwischen der Furcht, die zum Heile unerläßlich ist, und der Hoffnung, die es nicht weniger ist? Was ist das Kennzeichen der Gnade?“ und so weiter.

Herrn Jeufroys Antworten waren einfach:

„Quälen Sie sich nicht. Will man allem auf den Grund kommen, so gerät man auf eine schiefe Ebene.“

Die „Katechismuslehre nach der Firmelung“ von Gaume hatte Bouvard so angewidert, daß er zu dem Bande von Louis Hervieu griff. Es war eine kurze Zusammenfassung der modernen Exegese. Die Regierung hatte ihn verboten. Barberou hatte ihn gekauft, weil er Republikaner war.

Er weckte Zweifel in Bouvards Geist, und zwar zuerst über die Erbsünde. „Wenn Gott den Menschen sündig geschaffen hat, dürfte er ihn nicht bestrafen, und das Böse ist älter als der Sündenfall, da es ja schon Vulkane, reißende Tiere gab. Kurz, dieses Dogma wirft meine Anschauungen von Gerechtigkeit über den Haufen!“

„Was wollen Sie?“ sagte der Pfarrer, „das ist eine von jenen Wahrheiten, über die alle Welt sich einig ist, ohne daß man dafür Beweise geben könnte. Und wir selbst rechnen den Kindern die Sünden ihrer Väter an. So rechtfertigen Sitten und Gesetze diesen Ratschluß der Vorsehung, den man in der Natur wiederfindet.“

Bouvard schüttelte den Kopf. Er hatte auch Zweifel an der Hölle.

„Denn jede Züchtigung muß auf Besserung des Schuldigen abzielen, was bei einer ewigen Strafe unmöglich wird; und wie viele müssen sie erdulden! Denken Sie doch, alle die Alten, die Juden, die Muselmanen, die Götzendiener, die Häretiker und die ohne Taufe verschiedenen Kinder, diese von Gott erschaffenen Kinder, und zu welchem Zweck? um sie für eine Sünde zu bestrafen, die sie nicht begangen haben!“

„Das ist die Ansicht des heiligen Augustin,“ fügte der Geistliche hinzu, „und Sankt Fulgentius dehnt die Verdammung bis auf den Foetus aus. Die Kirche hat allerdings in dieser Hinsicht nichts entschieden. Eine Bemerkung jedoch: es ist nicht Gott, sondern der Sünder selbst, welcher sich verdammt, und da die Versündigung unendlich ist, denn Gott ist unendlich, so muß die Strafe unendlich sein! Ist das alles, mein Herr?“

„Erklären Sie mir die Dreieinigkeit,“ sagte Bouvard.

„Mit Vergnügen. Bedienen wir uns eines Vergleiches: die drei Seiten des Dreiecks, oder besser noch unsere Seele, die umfaßt: Sein, Erkennen und Wollen; was man Vermögen beim Menschen nennt, ist Person bei Gott. Das ist das ganze Geheimnis.“

„Aber die drei Seiten des Dreiecks sind nicht jede ein Dreieck; diese drei Vermögen der Seele ergeben nicht drei Seelen, und Ihre Personen der Dreifaltigkeit sind drei Gottheiten.“

„Lästern Sie nicht!“

„Dann gibt es nur eine Person, einen Gott, eine Substanz, der drei Arten des Seins eigen sind!“

„Lassen Sie uns anbeten, ohne zu begreifen,“ sagte der Pfarrer.

„Schön,“ sagte Bouvard.

Er hatte Furcht, für gottlos zu gelten, im Schlosse mit bösen Augen angesehen zu werden.

Sie gingen jetzt dreimal in der Woche gegen fünf im Winter dorthin, und die Tasse Tee erwärmte sie angenehm. Der Herr Graf erinnerte durch seine Manieren „an den Chic des ehemaligen Hofes“; die Gräfin, die friedfertig und fett war, zeigte auf allen Gebieten große Urteilsfähigkeit. Fräulein Yolande, ihre Tochter, war der vollkommene „Typus des jungen Mädchens“, der Engel der Keepsakes, und Frau von Noares, ihre Gesellschafterin, ähnelte Pécuchet, denn sie hatte dessen spitze Nase.

Als sie zum erstenmal in den Salon traten, verteidigte Frau von Noares jemand.

„Ich versichere Ihnen, er ist verwandelt; sein Geschenk beweist es.“

Dieser jemand war Gorju. Er hatte soeben den zukünftigen Ehegatten einen gotischen Betstuhl überreicht. Man brachte ihn herbei. Die Wappen der beiden Familien prangten darauf in farbigem Relief. Herr von Mahurot schien davon befriedigt, und Frau von Noares sagte zu ihm:

„Werden Sie sich meines Schützlings erinnern?“

Dann brachte sie zwei Kinder herbei, einen Knaben von etwa zwölf Jahren und seine Schwester, die vielleicht zehn Jahre alt war. Durch die Löcher ihrer Lumpen sahen ihre von Kälte geröteten Glieder. Der Knabe trug alte Pantoffeln an den Füßen, das Mädchen hatte nur noch einen Holzschuh. Ihre Stirnen verschwanden unter ihrem Haar, und sie blickten mit brennenden Augen um sich wie junge, verängstigte Wölfe.

Frau von Noares erzählte, sie habe die Kinder am Morgen auf der Landstraße getroffen. Placquevent wußte nichts Genaueres über sie.

Man fragte sie nach ihrem Namen.

„Viktor, Viktorine.“

Wo ihr Vater sei?

„Im Gefängnis.“

Und was er vorher machte?

„Nichts.“

Ihre Heimat?

„Saint-Pierre.“

Aber welches Saint-Pierre?

Statt jeder Antwort sagten die beiden Kleinen schnüffelnd:

„Weiß nicht, weiß nicht.“

Frau von Noares legte dar, wie gefährlich es sein würde, sie sich selbst zu überlassen; sie rührte die Gräfin, nahm den Grafen bei der Ehre, wurde von der Komtesse unterstützt, zeigte hartnäckigen Eifer, hatte Erfolg. Die Frau des Feldhüters sollte die Kinder in Obhut nehmen. Später würde man Beschäftigung für sie finden, und da sie weder lesen noch schreiben konnten, so wollte Frau von Noares sie selbst unterrichten, um sie auf die Katechismusstunde vorzubereiten.

Wenn Herr Jeufroy in das Schloß kam, holte man die beiden Bälge; er befragte sie, dann trug er vor, wobei er mit Rücksicht auf den Zuhörerkreis gewählt sprach.

Als er einmal über die Patriarchen geredet hatte, verunglimpfte Bouvard sie gehörig, während er mit dem Pfarrer und Pécuchet fortging.

Jakob habe sich durch Spitzbubenstreiche ausgezeichnet, David durch Mordtaten, Salomo durch seine Ausschweifungen.

Der Abbé antwortete ihm, man müsse tiefer sehen. Abrahams Opfer sei ein Symbol der Passion; Jakob ein anderes für den Messias, wie Joseph, wie die eherne Schlange, wie Moses.

„Glauben Sie,“ sagte Bouvard, „daß er den Pentateuch geschrieben hat?“

„Ja, ohne Zweifel!“

„Doch man erzählt seinen Tod darin; dieselbe Beobachtung gilt für Josua, und der Verfasser der Richter belehrt uns, daß zu der Zeit, deren Geschichte er schreibt, Israel noch keine Könige hatte. Das Werk wurde also unter den Königen geschrieben. Auch die Propheten setzen mich in Erstaunen!“

„Jetzt wird er wohl gar die Existenz der Propheten leugnen!“

„Keineswegs! Doch ihr überhitzter Geist sah Jehova unter verschiedenen Formen, als Feuer, als Busch, als Greis, als Taube, und sie waren der erhaltenen Offenbarung nicht gewiß, da sie immer ein Zeichen verlangen.“

„So! Und wo haben Sie diese schönen Sachen entdeckt?...“

„Bei Spinoza.“

Der Pfarrer fuhr auf.

„Haben Sie ihn gelesen?“

„Gott behüte mich!“

„Indessen, mein Herr, die Wissenschaft...“

„Mein Herr, es gibt keine Wissenschaft ohne Christentum.“

Die Wissenschaft machte ihn sarkastisch.

„Kann sie eine Ähre wachsen lassen, Ihre Wissenschaft? Was wissen wir?“ sagte er.

Doch er wußte, daß die Welt für uns geschaffen ist; er wußte, daß die Erzengel über den Engeln stehen, er wußte, daß der menschliche Körper so wiederauferstehen wird, wie er gegen das dreißigste Jahr ist.

Seine priesterliche Sicherheit fiel Bouvard auf die Nerven. Da er zu Louis Hervieu kein Vertrauen hatte, schrieb er an Varlot, und Pécuchet, der besser unterrichtet war, ersuchte Herrn Jeufroy, ihm gewisse Stellen der Heiligen Schrift zu erklären.

Die sechs Tage der Genesis sollen sechs große Zeiträume bedeuten. Der Raub der kostbaren Gefäße, den die Juden bei den Ägyptern vollführten, soll als geistiger Reichtum verstanden werden, als Kunst, deren Geheimnis sie entwendet hatten. Jesaias entblößt sich nicht vollständig, denn „nudus“ bedeutet im Lateinischen nackt bis zu den Hüften; so rät Virgil, sich bei der Landarbeit zu entblößen, und dieser Schriftsteller würde keine das Schamgefühl verletzende Vorschrift gegeben haben! Es hat nichts Außergewöhnliches, daß Ezechiel ein Buch verschlingt; sagt man nicht, eine Broschüre, eine Zeitung verschlingen?

Aber wenn man in allem eine bildliche Ausdrucksweise sieht, was wird dann aus den Tatsachen? Der Abbé behauptete indessen, es handele sich um wirklich geschehene Dinge.

Diese Art der Auslegung schien Pécuchet unredlich. Er setzte seine Nachforschungen fort und kam mit einer Zusammenstellung von Widersprüchen in der Bibel.