Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass
Part 20
Bouvard und Pécuchet war es gleich. Die Welt verlor an Bedeutung für sie; sie sahen sie wie durch einen Nebel, der aus ihrem Gehirn kam und sich auf ihre Augen herabließ.
Ist übrigens nicht alles eine Illusion, ein böser Traum? Vielleicht halten sich, im ganzen genommen, Glück und Unglück die Wage! -- Doch das Wohlergehen der Menschheit ist für den einzelnen kein Trost.
„Was sind mir die andern!“ sagte Pécuchet.
Seine Verzweiflung betrübte Bouvard. Er hatte ihn dahin gebracht, und der Verfall ihres Heims stachelte ihren Kummer mit täglichem Ärger neu an.
Um sich wieder Mut zu machen, redeten sie einander mit Vernunftgründen zu, schrieben sich Arbeiten vor und verfielen bald wieder in größere Untätigkeit, in tiefere Entmutigung.
Am Ende der Mahlzeiten blieben sie, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, sitzen und seufzten mit betrübter Miene. Marcel riß die Augen auf, dann kehrte er in die Küche zurück, wo er sich einsam vollfraß.
In der Mitte des Sommers erhielten sie die Anzeige von der Verheiratung Dumouchels mit der verwitweten Frau Olympe-Zulma Poulet.
„Möge Gott ihn segnen!“
Und sie gedachten der Zeit, da sie glücklich waren.
Warum gingen sie nicht mehr hinter den Schnittern her? Wo waren die Tage, an denen sie in die Höfe eintraten, überall nach Altertümern suchend? Nichts vermochte jetzt mehr die so angenehmen Stunden zurückzubringen, welche das Destillieren oder die Literatur ausgefüllt hatten. Ein Abgrund trennte sie davon. Etwas Unwiderrufliches war eingetreten.
Sie wollten wie ehemals einen Spaziergang durch die Felder machen, gingen sehr weit, verirrten sich. Der Himmel war voller Schäfchen, die Glöckchen des Hafers schwankten im Winde, längs einer Wiese murmelte ein Bach, als plötzlich ein pestilenzialischer Geruch sie anhielt, und sie erblickten auf Kieseln zwischen Dornengestrüpp den Kadaver eines Hundes.
Seine vier Glieder waren vertrocknet. Der weitgeöffnete Rachen zeigte unter bläulichen Lefzen elfenbeinweiße Fangzähne; die Stelle des Bauches nahm ein Haufen von erdiger Farbe ein, der zu zittern schien, so viel Ungeziefer krimmelte darauf. Es bewegte sich, vom Sonnenlichte getroffen, unter den summenden Fliegen in diesem unerträglichen Geruch, -- einem scharfen und gleichsam verzehrenden Geruch.
Indessen faltete Bouvard die Stirn, und Tränen feuchteten seine Augen.
Pécuchet sagte stoisch: „So werden wir eines Tages sein.“
Der Gedanke an den Tod hatte sie gepackt. Auf dem Heimwege sprachen sie davon.
Letzten Endes ist er nicht vorhanden. Man entschwindet in den Tau, in die Brise, in die Sterne. Man wird etwas vom Saft der Bäume, vom Glanz der Edelsteine, vom Gefieder der Vögel. Man gibt an die Natur zurück, was sie uns geliehen hat, und das Nichts, das wir vor uns haben, hat nichts Schrecklicheres, als das Nichts, das hinter uns liegt.
Sie versuchten, es sich unter der Form einer undurchdringlichen Nacht, eines grundlosen Loches, einer dauernden Ohnmacht vorzustellen; alles andere war diesem eintönigen, widersinnigen und hoffnungslosen Dasein vorzuziehen.
Dann ließen sie ihre ungestillten Sehnsüchte an sich vorüberziehen. Bouvard hatte sich immer Pferde, Equipagen, edle Burgundergewächse und schöne, willfährige Frauen in glänzender Wohnung gewünscht. Pécuchets Ehrgeiz stand nach philosophischem Wissen. Nun kann das größte der Probleme, dasjenige, das alle andern umschließt, innerhalb einer Minute gelöst sein. Wann denn wird sie kommen? -- „Man kann geradesogut gleich ein Ende machen.“
„Wie du willst,“ sagte Bouvard.
Und sie prüften die Frage des Selbstmordes.
Was ist Schlimmes dabei, eine Last abzuwerfen, die einen erdrückt? und eine Handlung zu begehen, die niemand Schaden bringt? Wenn sie Gott beleidigte, würden wir dann die Macht dazu haben? Sie ist keineswegs Feigheit, was man auch sage, -- und die Vermessenheit, das, was die Menschen am höchsten schätzen, sogar zum eigenen Nachteil zu verhöhnen, ist schön.
Sie beratschlagten über die Todesart.
Vergiftungen sind mit Schmerzen verbunden. Es gehört viel Mut dazu, sich die Kehle abzuschneiden. Die Erstickungsversuche führen oft nicht zum Ziel.
Schließlich trug Pécuchet zwei Taue von ihren gymnastischen Übungen auf den Boden. Nachdem er sie dann an denselben Querbalken des Daches geknüpft, ließ er einen Henkersknoten herabhängen und schob zwei Stühle darunter, damit man die Stricke erreichen konnte.
Man entschloß sich zu dieser Todesart.
Sie fragten sich, welch einen Eindruck das im Orte machen würde, wo dann ihre Bücher, ihr Geschreibsel, ihre Sammlungen bleiben würden. Der Gedanke an den Tod bewirkte bei ihnen eine Rührung, die ihrer eigenen Person galt. Jedoch gaben sie ihren Vorsatz nicht auf, und dadurch, daß sie davon sprachen, gewöhnten sie sich an den Gedanken.
Am Abend des 24. Dezember, zwischen zehn und elf Uhr, gaben sie sich im Museum, jeder in verschiedener Kleidung, ihren Gedanken hin. Bouvard hatte über seine Trikotweste eine Bluse gezogen; und Pécuchet trug seit drei Monaten aus Sparsamkeit beständig das Mönchsgewand.
Da sie heftigen Hunger hatten (denn Marcel, der mit Tagesanbruch fortgegangen war, war nicht zurückgekehrt), hielt es Bouvard aus Gesundheitsrücksichten für angebracht, ein Fläschchen Branntwein zu leeren, und Pécuchet, Tee zu nehmen.
Als er den Teekessel emporhob, verspritzte er Wasser auf das Parkett.
„Wie ungeschickt!“ rief Bouvard.
Dann wollte er, da er den Aufguß zu schwach fand, ihn noch durch zwei Löffel verstärken.
„Das wird ungenießbar werden,“ sagte Pécuchet.
„Durchaus nicht!“
Und da jeder die Dose zu sich zog, fiel das Präsentierbrett zur Erde; eine der Tassen war zerbrochen, die letzte des schönen Porzellanservices.
Bouvard erblich. -- „Nur zu! Zerstöre! Lege dir keinen Zwang auf!“
„In der Tat, ein großes Unglück!“
„Ja, ein Unglück! Ich hatte sie von meinem Vater!“
„Deinem unehelichen,“ fügte Pécuchet höhnisch hinzu.
„Ah! Du willst mich beleidigen!“
„Nein, aber ich bin dir zur Last! ich sehe es wohl! gestehe es!“
Und Pécuchet wurde von Zorn oder vielmehr von Tobsucht erfaßt. Bouvard ebenfalls. Sie schrien beide zu gleicher Zeit, der eine wütend vor Hunger, der andere durch den Alkohol gereizt. Pécuchets Kehle brachte nur noch ein Röcheln hervor.
„Solch ein Leben ist die Hölle; ich ziehe den Tod vor. Lebe wohl!“
Er nahm den Leuchter, wandte die Hacken, schlug die Tür zu.
Bouvard hatte in der Finsternis Mühe, die Tür zu finden, lief hinter ihm her, kam auf den Speicher.
Die Kerze brannte am Boden und Pécuchet stand aufrecht auf einem der Stühle, den Strick in der Hand.
Bouvard wurde vom Nachahmungstrieb gepackt.
„Warte auf mich!“
Und er stieg auf den andern Stuhl, doch plötzlich einhaltend:
„Aber... wir haben unser Testament noch nicht gemacht.“
„Ei ja! das ist richtig!“
Schluchzen hob ihre Brust. Sie traten an die Luke, um zu verschnaufen.
Die Luft war kalt, und zahllose Sterne glänzten am Himmel, der schwarz wie Tinte war.
Die weiße Schneedecke, welche auf der Erde lag, verlor sich in den Nebeln des Horizontes.
Sie bemerkten kleine Lichter am Erdboden; sie wurden größer, näherten sich und liefen alle auf die Kirche zu.
Neugierde trieb sie dorthin.
Es war die Mitternachtmesse der Weihnacht. Die Lichter rührten von den Laternen der Hirten her. Einige schüttelten in der Vorhalle ihre Mäntel ab.
Das Serpent summte, der Weihrauch bildete Wolken. Gläser, die in der ganzen Länge des Schiffes aufgehängt waren, bildeten drei Girlanden buntfarbiger Lichter, und im Hintergrunde, zu beiden Seiten des Sakramenthäuschens, sandten Riesenkerzen rote Flammen empor. Über die Köpfe der Menge und die Kapuzen der Frauen hinweg, jenseits der Sänger, sah man den Priester in seinem goldenen Meßgewande; seiner hellen Stimme antworteten die kraftvollen Stimmen der Männer, welche die Emporen füllten, und die hölzerne Wölbung erzitterte auf ihren Steinbögen. Bilder, die den Kreuzesweg darstellten, schmückten die Mauern. Mitten im Chor vor dem Altar lag ein Lamm, die Pfoten unter dem Leibe, die Ohren aufgerichtet.
Die warme Luft verursachte ihnen ein merkwürdiges Wohlbehagen, und ihre Gedanken, die eben noch stürmisch gewesen waren, wurden linde, wie Wogen, die sich glätten.
Sie hörten das Evangelium und das Credo an, folgten den Bewegungen des Priesters. Die Alten indessen wie die Jungen, die Bettelweiber in ihren Lumpen, die Pächtersfrauen in hoher Haube, die kräftigen Burschen mit blonden Backenbärten, sie alle beteten, in die gleiche tiefe Freude versunken, und sie sahen auf dem Stroh eines Stalles den Leib des Gottesknaben wie eine Sonne leuchten. Dieser Glaube der andern rührte Bouvard trotz seiner Vernunft und Pécuchet trotz der Verstocktheit seines Herzens.
Dann wurde es still; alle Rücken beugten sich, und beim Klange eines Glöckchens begann das kleine Lamm zu blöken.
Der Priester zeigte die Hostie, er hielt sie mit ausgestreckten Armen empor, so hoch er konnte. Und Jubelgesang erscholl und rief die Welt zu den Füßen des Königs der Engel. Unwillkürlich fielen Bouvard und Pécuchet ein, und es war ihnen, als ob eine Morgenröte heraufzöge in ihrer Seele.
IX
Am folgenden Tage um drei Uhr fand Marcel sich wieder ein, mit grünem Gesicht, roten Augen, einer Beule an der Stirn, zerrissener Hose, nach Branntwein riechend und in unsauberem Zustande.
Wie er alljährlich zu tun pflegte, hatte er sechs Meilen von dort in der Nähe von Iqueville bei einem Freunde das Weihnachtsmahl gehalten; -- er stotterte mehr als je, weinte, wollte sich schlagen und flehte um Gnade, als wenn er ein Verbrechen begangen hätte. Seine Herren verziehen ihm. Eine merkwürdige Ruhe der Seele stimmte sie zur Nachsicht.
Der Schnee war plötzlich geschmolzen, und sie gingen in ihrem Garten umher, die warme Luft einatmend, voll Freude am Leben.
War es nur ein Zufall, der sie vom Tode abgelenkt hatte? Bouvard war weich gestimmt. Pécuchet gedachte seiner ersten Kommunion; und während sie voller Dankbarkeit für die Macht, für die Urkraft waren, von der sie abhingen, kam ihnen der Gedanke, fromme Bücher zu lesen.
Das Evangelium hob ihre Seele, blendete sie wie eine Sonne. Sie sahen Jesus, wie er auf dem Berge stand, erhobenen Armes, die Menge darunter, die ihm zuhörte, -- oder auch am Ufer des Sees unter den Aposteln, die Netze zogen, -- dann auf der Eselin inmitten des Hallelujarufens, während sein Haar mit schwanken Palmwedeln gefächelt wurde, -- schließlich oben am Kreuze gebeugten Hauptes, von dem ewig ein Tau auf die Welt herabträufelt. Was sie hinriß, was sie ergötzte, das war die Liebe zu den Niedrigen, das Eintreten für die Armen, die Erhöhung der Unterdrückten. Und in diesem Buche, in dem der Himmel sich entfaltet, gab es nichts Theologisches trotz all des Lehrhaften; kein Dogma, keine Forderung als nur die der Reinheit des Herzens.
Über die Wunder erstaunte ihre Vernunft nicht, seit ihrer Kindheit waren sie ihnen vertraut. Die Tiefe des heiligen Johannes entzückte Pécuchet und machte ihn fähig, die „Nachfolge Jesu-Christi“ besser zu verstehen.
In diesem Buche gibt es keine Vergleiche, keine Blumen, keine Vögel; sondern Klagen, ein Zurückziehen der Seele in sich selbst. Bouvard wurde traurig, während er in diesen Seiten blätterte, die bei nebeldüsterem Wetter tief in einem Kloster zwischen einem Glockenturm und einem Grabe geschrieben zu sein schienen. Unser irdisches Leben erscheint darin so jammervoll, daß man, seiner vergessend, sich Gott zuwenden muß; -- und die beiden Biedermänner empfanden nach all ihren Enttäuschungen das Bedürfnis, einfach zu sein, irgend etwas zu lieben, ihren Geist auszuruhen.
Sie machten sich an das Buch Jesus Sirach, an Jesaias und Jeremias.
Doch die Bibel mit ihren löwenstimmigen Propheten, den Donnerlauten in den Wolken, all dem Schluchzen der Hölle, und mit ihrem Gott, der Reiche zerstreut wie der Wind die Wolken, flößte ihnen Furcht ein.
Sie lasen des Sonntags um die Stunde des Nachmittagsgottesdienstes, wenn die Glocke läutete.
Eines Tages gingen sie zur Messe und besuchten sie dann häufiger. Es war eine Zerstreuung am Ende der Woche. Der Graf und die Gräfin von Faverges grüßten sie von weitem, was bemerkt wurde. Der Friedensrichter sagte zu ihnen, mit den Augen blinzelnd: „Ausgezeichnet! Ich kann Sie dazu nur beglückwünschen!“ Alle Bürgerfrauen sandten ihnen jetzt geweihtes Brot.
Der Abbé Jeufroy machte ihnen einen Besuch; sie erwiderten ihn; man verkehrte miteinander, und der Priester vermied es, von Religion zu sprechen.
Seine Zurückhaltung setzte sie in Erstaunen, so daß Pécuchet ihn mit gleichgültiger Miene fragte, wie man es machen müsse, um gläubig zu werden.
„Befolgen Sie zunächst die Vorschriften der Kirche.“
Und sie machten sich daran, die Vorschriften der Kirche zu befolgen, der eine hoffnungerfüllt, der andere aus Trotz, denn Bouvard war überzeugt, daß er niemals gläubig werden würde. Einen Monat lang wohnte er regelmäßig dem Gottesdienste bei, wollte sich jedoch im Gegensatz zu Pécuchet nicht dem Fasten anbequemen.
War es eine hygienische Maßregel? Man weiß, was die Hygiene wert ist. Eine Sache der Konvenienz? Nieder mit der Konvenienz! Ein Zeichen der Unterwerfung unter die Kirche? Auch darauf pfiff er! Kurz, er erklärte diese Maßregel für verrückt, pharisäisch und dem Geiste des Evangeliums widersprechend.
Am Karfreitag der vorhergehenden Jahre hatten sie gegessen, was Germaine ihnen auftrug.
Doch dieses Mal hatte Bouvard sich ein Beefsteak bestellt. Er setzte sich an den Tisch, zerschnitt das Fleisch; -- und Marcel betrachtete ihn entrüstet, während Pécuchet mit ernster Miene seinen Stockfisch abhäutete.
Bouvard hielt eine Zeitlang die Gabel in der einen, das Messer in der andern Hand. Dann entschloß er sich, einen Bissen an die Lippen zu bringen. Plötzlich begannen seine Hände zu zittern, sein dickes Gesicht erblaßte, sein Kopf fiel nach hinten.
„Ist dir schlecht?“
„Nein! Doch!“ -- und er machte ein Geständnis. Infolge seiner Erziehung (es war das stärker als er), konnte er an diesem Tage kein Fleisch essen, weil er fürchtete, davon zu sterben.
Ohne seinen Sieg zu mißbrauchen, machte Pécuchet ihn sich zunutze, um auf seine Weise zu leben.
Eines Tages kam er heim, auf dem Gesichte den Ausdruck einer wirklichen Freude, und, das Wort wagend, sagte er, daß er soeben gebeichtet habe.
Da sprachen sie über die Bedeutung der Beichte.
Bouvard ließ die Beichte der ersten Christen, die öffentlich war, gelten: heute wird sie einem zu leicht gemacht. Indessen leugnete er nicht, daß dieses Befragen unserer selbst ein Element des Fortschritts sei, daß es eine moralische Gärung hervorrufe.
Pécuchet, der nach Vollendung strebte, suchte nach seinen Lastern; die Hochmutsanwandlungen waren seit langem verschwunden. Sein Sinn für Arbeit bewahrte ihn vor Faulheit; was die Gefräßigkeit betraf, so war niemand mäßiger. Zuweilen ließ er sich vom Zorne fortreißen.
Er schwor bei sich, das abzulegen.
Dann mußte man Tugenden erwerben; in erster Linie die Demut, -- das heißt, sich jedes Verdienstes für unfähig, der geringsten Belohnung für unwürdig halten, seinen Geist opfern und sich so erniedrigen, daß man wie der Schmutz der Straße mit Füßen getreten wird. Er war noch weit entfernt von dieser Verfassung.
Er ermangelte einer anderen Tugend: der Keuschheit. -- Denn innerlich bedauerte er, daß Mélie nicht mehr da war, und das Pastellbild der Dame in Louis XV.-Tracht störte ihn durch das Dekolleté.
Er schloß es in einen Schrank, und seine Schamhaftigkeit wurde so groß, daß er sogar fürchtete, seine eigene Blöße zu sehen, und er legte sich in seiner Unterhose schlafen.
So viel Vorsichtsmaßregeln gegen die Wollust entwickelten sie. Besonders des Morgens hatte er heftige Kämpfe zu bestehen, wie deren der heilige Paulus, der heilige Benedikt und der heilige Hieronymus in sehr vorgeschrittenem Alter hatten; dann hatten sie sich sogleich an wütende Bußübungen gemacht. Der Schmerz ist eine Sühne, ein Heilmittel und ein Weg, eine Ehrerbietung vor Jesus Christus. Jede Liebe fordert Opfer, und welches wäre schwerer als das unseres Leibes.
Um sich zu kasteien, verzichtete Pécuchet auf den Likör nach den Mahlzeiten, beschränkte sich auf vier Prisen täglich und setzte bei großer Kälte keine Mütze auf.
Eines Tages stellte Bouvard, als er den Wein anband, eine Leiter gegen die Mauer der Terrasse am Hause, -- und zufällig fiel sein Blick in Pécuchets Zimmer.
Sein Freund, bis zum Gürtel nackt, versetzte sich mit der Klopfpeitsche sanfte Schläge auf die Schultern, zog dann in steigender Erregung seine Hose aus, peitschte seine Hinterbacken und fiel atemlos auf einen Stuhl.
Bouvard war verwirrt, wie bei der Entdeckung eines Geheimnisses, das verborgen bleiben muß.
Seit einiger Zeit sahen ihm die Scheiben reinlicher aus, hatten die Servietten weniger Löcher, war das Essen besser; -- Veränderungen, die man dem Eingreifen der Reine, der Magd des Herrn Pfarrers, verdankte.
Sie verband das Kirchliche mit den Küchenangelegenheiten, war kräftig wie ein Ackerknecht und opferfreudig, wenn auch unehrerbietig. Sie verschaffte sich Eingang in die Haushaltungen, gab Ratschläge, wurde dort zur Herrscherin. Pécuchet setzte volles Vertrauen in ihre Erfahrung.
Einmal führte sie ihm einen feisten Menschen mit kleinen, geschlitzten Augen und einer Hakennase zu. Es war Herr Gouttman, Händler in Devotionalien -- und er packte ihrer einige, die in Schachteln verschlossen waren, unter dem Schuppen aus: Kreuze, Münzen und Rosenkränze von allen Größen, Leuchter für Kapellen, tragbare Altäre, Sträuße aus Flittergold und Darstellungen des Herzen Jesu auf blauer Pappe, heilige Josephs mit rotem Bart, Kalvarienberge aus Porzellan. Pécuchet hätte sie gern gehabt. Der Preis allein hielt ihn zurück.
Gouttman verlangte kein Geld. Er zog Tauschgeschäfte vor, und nachdem sie ins Museum emporgestiegen, bot er für das alte Eisen und das ganze Blei einen Vorrat seiner Waren an.
Sie schienen Bouvard scheußlich. Doch Pécuchets Blick, Reines dringende Bitten und der Wortschwall des Trödlers überzeugten ihn schließlich. Als Gouttman ihn so nachgiebig sah, wollte er noch die Hellebarde dazu haben; Bouvard, müde, ihre Handhabung zu zeigen, gab sie hin. Nachdem alles abgeschätzt worden war, schuldeten die Herren noch hundert Franken. Man einigte sich auf vier Dreimonatswechsel, -- und sie wünschten sich Glück zu dem vorteilhaften Geschäft.
Ihre Erwerbungen wurden auf sämtliche Zimmer verteilt. Eine mit Heu gefüllte Krippe und eine Kirche aus Kork zierten das Museum.
Auf Pécuchets Kamin stand ein Johannes der Täufer aus Wachs; auf dem Flur reihten sich die Bilder der bischöflichen Berühmtheiten, und unten im Treppenhause sah man unter einer Kettenlampe eine heilige Jungfrau in azurfarbenem Mantel mit einer Sternenkrone. Marcel reinigte diese Herrlichkeiten und dachte, es könne im Paradiese nichts Schöneres geben.
Wie schade, daß der Sankt Peter zerbrochen war, wie schön würde er sich in der Vorhalle ausgenommen haben! Pécuchet blieb zuweilen vor der ehemaligen Kompostgrube stehen, in der man die Tiara, eine Sandale und den Zipfel eines Ohres erkennen konnte; gab Seufzer von sich und setzte dann die Gartenarbeit fort; denn jetzt verband er körperliche Arbeiten mit religiösen Übungen, grub, mit dem Mönchsgewand bekleidet, die Erde um, während er sich mit dem heiligen Bruno verglich. Diese Verkleidung mochte eine Lästerung sein; er legte sie ab.
Doch er nahm, ohne Zweifel durch den häufigen Verkehr mit dem Pfarrer, geistliche Manieren an. Er hatte dasselbe Lächeln, dieselbe Stimme, und er steckte mit frostiger Miene seine beiden Hände bis zu den Handgelenken in die Ärmel. Es kam der Tag, wo das Krähen des Hahnes ihm unangenehm wurde, wo die Rosen ihn anekelten; er ging nicht mehr aus und hatte grimmige Blicke für die Natur.
Bouvard ließ sich in die Marienandachten führen. Die Kinder, die Hymnen sangen, die Fliedersträuße, die Girlanden aus Grün ließen ihm wie das Gefühl einer unvergänglichen Jugend. Gott offenbarte sich seinem Herzen durch die Form der Nester, die Klarheit der Quellen, die Wohltat der Sonne, und die Frömmigkeit seines Freundes schien ihm überspannt, langweilig.
„Warum seufzest du bei den Mahlzeiten?“
„Wir sollen mit Seufzen essen,“ antwortete Pécuchet, „denn auf diese Weise hat der Mensch seine Unschuld verloren,“ ein Satz, den er im „Handbuch des Seminaristen“, zwei Duodezbänden, die ihm Herr Jeufroy geliehen, gelesen hatte, und er trank Saletter Wasser, gab sich hinter verschlossenen Türen Stoßgebeten hin, hoffte in die Brüderschaft des heiligen Franziskus einzutreten.
Um die Gabe der Standhaftigkeit zu erlangen, beschloß er, eine Wallfahrt zur heiligen Jungfrau zu machen.
Die Wahl des Ortes bereitete ihm Verlegenheit. Sollte er zur Mutter Gottes von Fourvières, von Chartres, von Embrun, von Marseille oder von Auray gehen? Die zu la Délivrande, die näher war, tat dieselben Dienste.
„Du wirst mich begleiten!“
„Da wäre ich ein rechter Einfaltspinsel!“ sagte Bouvard.
Er konnte schließlich noch gläubig zurückkehren, wies das nicht zurück und gab aus Gefälligkeit nach.
Die Wallfahrten müssen zu Fuß gemacht werden. Doch dreiundvierzig Kilometer würden hart sein; und da die Postkutschen der andächtigen Betrachtung nicht günstig sind, nahmen sie einen Einspänner, der sie nach einer Fahrt von zwölf Stunden vor dem Wirtshaus absetzte.
Sie hatten ein Zimmer mit zwei Betten, zwei Kommoden, die zwei in kleinen, ovalen Waschbecken stehende Wasserkannen trugen, und der Wirt belehrte sie, daß dies das „Zimmer der Kapuziner“ unter der Schreckensherrschaft gewesen sei. Man hatte darin die Jungfrau von la Délivrande mit so viel Vorsicht verborgen, daß die guten Patres darin heimlich die Messe lasen.
Das machte Pécuchet Vergnügen, und er las laut einen Bericht über die Kapelle, den er unten in der Küche gefunden hatte.
Sie ist im Anfang des zweiten Jahrhunderts von dem heiligen Regnobert, dem ersten Bischof von Lisieux, oder von dem heiligen Ragnebert, der im siebenten Jahrhundert lebte, oder von Robert dem Prachtliebenden in der Mitte des elften gegründet worden.
Die Dänen, die Normannen und besonders die Protestanten haben sie zu verschiedenen Zeiten gebrandschatzt und verwüstet.
Gegen 1112 wurde die ursprüngliche Statue durch einen Hammel entdeckt, der mit dem Fuße aufstampfte und dadurch auf einem Anger den Ort angab, wo sie lag, und an dieser Stelle errichtete der Graf Balduin ein Heiligtum.
Ihre Wunder sind ohne Zahl. Ein Kaufmann aus Bayeux, der in sarazenischer Gefangenschaft war, rief sie an: seine Ketten fallen und er entschlüpft. Ein Geizhals entdeckt in seinem Speicher eine Herde Ratten, ruft die Jungfrau zu Hilfe, und die Ratten entfernen sich. Ein alter Materialist in Versailles bereute seine Sünden auf dem Totenbette, nachdem er mit einer Medaille in Berührung gekommen war, die eine Nachbildung der Statue gestreift hatte. -- Sie gab dem Herrn Adeline die Sprache wieder, die er infolge von Gotteslästerungen verloren hatte; und unter ihrem Schutz hatten Herr und Frau von Becqueville die Kraft, im Ehestande keusch zu leben.
Unter denjenigen, die sie von unheilbaren Krankheiten befreit hat, nennt man Fräulein von Palfresne, Anne Lirieux, Marie Duchemin, François Dufai und Frau von Jumillac, geborene von Osseville.
Bedeutende Persönlichkeiten haben sie aufgesucht: Ludwig XI., Ludwig XIII., zwei Töchter Gastons von Orleans, der Kardinal Wiseman, Samirrhi, der Patriarch von Antiochien; der Bischof Véroles, der apostolische Vikar der Mandschurei; und der Erzbischof von Quélen kam, ihr für die Bekehrung des Fürsten von Talleyrand Dank zu sagen.
„Sie könnte dich auch bekehren!“ sagte Pécuchet.
Bouvard, der schon im Bette lag, gab eine Art Grunzen von sich und schlief vollends ein.
Am nächsten Morgen um sechs Uhr gingen sie in die Kapelle.
Man war beim Neubau einer zweiten; Leinwand und Bretterverschläge sperrten das Schiff ab, und das im Rokokostil gehaltene Bauwerk mißfiel Bouvard, besonders der Altar aus rotem Marmor mit seinen korinthischen Pilastern.