Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass

Part 2

Chapter 23,685 wordsPublic domain

Ich ersuche Sie, sich in meinem Bureau einzufinden, um dort von dem Testamente Ihres natürlichen Vaters, des Herrn François Denys Bartholomée Bouvard, vormaligen Kaufmanns in der Stadt Nantes, verstorben in dieser Gemeinde den 10. gegenwärtigen Monats, Kenntnis zu nehmen. Dieses Testament enthält eine sehr wichtige Verfügung zu Ihren Gunsten.

Empfangen Sie, mein Herr, die Versicherung meiner Hochachtung.

Tardivel, Notar.

Pécuchet mußte sich auf einen Stein im Hofe setzen. Dann gab er das Papier zurück, wobei er langsam sagte:

„Wenn das nur... keine Possen sind!“

„Du glaubst, das seien Possen!“ erwiderte Bouvard mit erstickter Stimme, die dem Röcheln eines Sterbenden glich.

Aber der Poststempel, der Name des Bureaus in Druckschrift, die Unterschrift des Notars, alles bewies die Echtheit der Nachricht; -- und sie schauten einander an, während ihre Mundwinkel zitterten und eine Träne aus ihren starren Augen floß.

Es wurde ihnen zu enge. Sie gingen bis zum Triumphbogen, kehrten am Wasser entlang zurück, ließen Notre-Dame hinter sich. Bouvard war sehr rot. Er gab Pécuchet Püffe in den Rücken, und fünf Minuten lang redete er närrisches Zeug.

Sie grinsten wider Willen. Diese Erbschaft mußte sich sicherlich belaufen auf...

„Ach, das wäre zu schön! Sprechen wir nicht mehr davon.“

Sie sprachen wieder davon. Nichts hinderte sie, sogleich genaueren Aufschluß darüber zu verlangen. Bouvard schrieb dieserhalb an den Notar.

Der Notar schickte eine Abschrift des Testamentes, welches so schloß:

„Demzufolge vermache ich François Denys Bartholomée Bouvard, den ich als meinen unehelichen Sohn anerkenne, den Teil meiner Güter, der gesetzlich verfügbar bleibt.“

Der Biedermann hatte diesen Sohn in seiner Jugend gehabt, aber er hatte ihn sorgfältig beiseite gehalten und für seinen Neffen ausgegeben. Und der Neffe hatte ihn immer Onkel genannt, obgleich er wußte, worum es sich handelte. Gegen sein vierzigstes Jahr hatte Herr Bouvard sich verheiratet, dann war er Witwer geworden. Da seine beiden legitimen Söhne nicht nach seinen Wünschen geraten waren, hatten ihn Gewissensbisse gepackt über die Verlassenheit, in der er sein uneheliches Kind so viele Jahre gelassen hatte. Ohne den Einfluß seiner Köchin hätte er es sogar zu sich genommen. Dank dem geschickten Vorgehen der Familie verließ sie ihn, und in seiner Vereinsamung wollte er, dem Tode nahe, sein Unrecht wieder gutmachen, indem er der Frucht seiner ersten Liebe von seinem Vermögen alles vermachte, worüber er verfügen konnte. Es belief sich auf eine halbe Million, was für den Schreiber zweihundertfünzigtausend Franken ausmachte. Der ältere der Brüder, Herr Etienne, hatte sich dahin geäußert, er werde das Testament anerkennen.

Bouvard verfiel in eine Art stumpfsinnigen Brütens. Er wiederholte mit leiser Stimme, während er mit dem friedlichen Lächeln der Trunkenen lächelte: „Fünfzehntausend Franken Rente!“ -- und Pécuchet, dessen Kopf doch klarer war, konnte nicht darüberkommen.

Sie wurden durch einen Brief Tardivels unerwartet aufgerüttelt. Der zweite Sohn, Herr Alexander, erklärte die Absicht, alles gerichtlich regeln und sogar das Vermächtnis, wenn möglich, anfechten zu wollen, wobei er vor allem Versiegelung, Aufnahme, Ernennung eines Sachwalters und so weiter forderte! Bouvard bekam eine Affektion der Galle davon.

Kaum war er wieder auf der Besserung, so fuhr er nach Savigny, von wo er, ohne etwas ausgerichtet zu haben und mit Kummer über die Reisekosten, zurückkehrte.

Dann folgte eine Zeit der Schlaflosigkeit; er schwankte zwischen Zorn und Hoffnung, Aufregung und Niedergeschlagenheit. Endlich beruhigte sich Herr Alexander nach Verlauf von sechs Monaten, und Bouvard trat den Besitz der Erbschaft an.

Sein erster Ausruf war gewesen: „Wir werden uns aufs Land zurückziehen!“ -- und dieses Wort, das seinen Freund in sein Glück einschloß, hatte Pécuchet ganz selbstverständlich gefunden. Denn der Bund dieser beiden Männer war vollständig und ging bis in die Tiefe.

Aber da er sich nicht von Bouvard ernähren lassen wollte, würde er nicht vor seiner Pensionierung den Dienst verlassen. Zwei Jahre noch! Gleichviel! Er blieb unbeugsam, und es war beschlossene Sache.

Um herauszufinden, wo man sich niederlassen könnte, gingen sie alle Provinzen durch. Der Norden war fruchtbar, aber zu kalt; der Süden bezauberte durch sein Klima, hatte aber sein Unangenehmes, wenn man die Stechmücken in Betracht zog; und das Zentrum bot, offen gesagt, nichts Interessantes. Die Bretagne würde ihnen ohne die Frömmelei ihrer Bewohner zugesagt haben. Was die östlichen Gegenden anlangte, so war wegen des germanischen Dialekts nicht daran zu denken. Doch es gab andere Landstriche. Wie war es zum Beispiel mit der Gegend von Forez, von Bugey, von Roumois? Die geographischen Karten gaben keine Auskunft darüber. Was tat es übrigens, ob ihr Haus an diesem oder jenem Orte stehen würde, die Hauptsache war, daß sie eins haben würden.

Sie sahen sich schon in Hemdsärmeln am Rande eines Beetes, wie sie Rosenstöcke beschnitten, die Erde umgruben, rajolten, bearbeiteten, Tulpen aus ihren Töpfen in die Erde setzten. Sie würden beim Schlag der Lerche erwachen, um dem Pfluge zu folgen, mit einem Korbe zum Äpfelpflücken gehen, zuschauen, wie die Butter bereitet, das Korn gedroschen, die Schafe geschoren, die Bienen versorgt wurden, und sie würden sich am Brüllen der Kühe und dem Duft des Heus erfreuen. Keine Schreibarbeit mehr! Keine Vorgesetzten! Nicht einmal mehr Miete zu zahlen! Denn sie würden eine eigene Behausung besitzen! -- Und sie würden die Hühner ihres Hofes, die Gemüse ihres Gartens essen, -- und sie würden ihre Mahlzeit einnehmen, während sie die Holzschuhe anbehielten! -- „Wir werden ganz leben, wie es uns gefällt! Wir werden uns den Bart wachsen lassen!“

Sie kauften sich Garteninstrumente, dann einen Haufen Sachen, „die vielleicht dienlich sein könnten,“ wie einen Werkzeugkasten (ein solcher gehört immer in ein Haus), dann Wagen, eine Feldmesserkette, eine Badewanne, für den Fall, daß sie krank würden, ein Thermometer, und sogar ein Barometer, „System Gay-Lussac“, um physikalische Beobachtungen zu machen, wenn die Lust dazu sie anwandeln sollte. Es wäre auch nicht übel (denn man kann nicht immer draußen arbeiten), einige gute literarische Werke zu besitzen, -- und sie suchten darnach -- oft in großer Verlegenheit, ob das betreffende Buch wirklich „ein Buch für eine Bibliothek“ sei. Bouvard entschied die Frage.

„Na, wir werden keine Bibliothek nötig haben!“

„Zudem habe ich die meinige,“ sagte Pécuchet.

Im voraus richteten sie sich ein. Bouvard würde seine Möbel mitnehmen, Pécuchet seinen großen schwarzen Tisch; man würde die Vorhänge benutzen, und mit etwas Küchengeschirr wäre man genügend eingerichtet.

Sie hatten sich geschworen, über all das zu schweigen, aber ihre Gesichter strahlten. Auch fanden ihre Kollegen sie sonderbar. Bouvard, der auf seinem Pulte liegend schrieb, die Ellbogen darüber hinaus, um seiner Bastardschrift mehr Schwung zu geben, ließ sein Pfeifen hören, während er schelmisch mit seinen dicken Augenlidern zwinkerte. Pécuchet, der auf einem hohen Strohsitz hockte, verwendete seine Sorge auf die Grundstriche seiner langen Schrift -- doch während er die Nasenflügel blähte, kniff er die Lippen zusammen, als wenn er Furcht gehabt hätte, sein Geheimnis zu verraten.

Nach anderthalb Jahren des Herumsuchens hatten sie noch nichts gefunden. Sie reisten in der ganzen Umgebung von Paris umher, von Amiens bis nach Evreux und von Fontainebleau bis nach le Havre. Sie wollten eine Gegend, die durchaus ländlich war, ohne gerade eine pittoreske Lage zu verlangen; ein enger Horizont wiederum stimmte sie traurig.

Sie flohen die Nachbarschaft der Wohnhäuser und fürchteten doch die Einsamkeit.

Manchmal faßten sie einen Entschluß; dann kam die Furcht, ihn später zu bereuen, und sie änderten ihre Absicht, da ihnen der Ort ungesund oder zu sehr dem Meereswinde ausgesetzt, zu nah an einer Fabrik oder zu schwer zugänglich schien.

Barberou erlöste sie.

Er wußte um ihren Traum, und eines schönen Tages kam er mit der Nachricht, man habe ihm von einem Gute bei Chavignolles zwischen Caen und Falaise gesprochen. Es bestand aus einem Pachthof von achtunddreißig Hektar, mit einer Art Schloß und einem sehr ertragfähigen Garten.

Sie verfügten sich in den Calvados und waren begeistert. Nur verlangte man für den Pachthof wie das Haus (das eine sollte nicht ohne das andere verkauft werden) hundertdreiundvierzigtausend Franken. Bouvard wollte nur hundertzwanzigtausend geben.

Pécuchet bekämpfte seine Halsstarrigkeit, bat ihn, nachzugeben, erklärte schließlich, er würde den Rest dazuzahlen. Das war sein ganzes Vermögen, es rührte aus dem Erbteil seiner Mutter und aus seinen Ersparnissen her. Niemals war ein Wort davon über seine Lippen gekommen, denn er hielt dieses Kapital für eine große Gelegenheit zurück.

Gegen Ende des Jahres 1840, sechs Monate vor seiner Pensionierung, war alles bezahlt.

Bouvard war nicht mehr Schreiber. Zuerst hatte er seine Beschäftigung aus Mißtrauen gegen die Zukunft fortgesetzt, aber einmal der Erbschaft sicher, hatte er sie aufgegeben. Indessen ging er noch gern zu den Herren Descambos, und am Abend vor seiner Abreise lud er das ganze Kontor-Personal zu einem Punsch ein.

Pécuchet dagegen zeigte sich seinen Kollegen gegenüber übellaunig und schlug am letzten Tage beim Fortgehen die Tür heftig zu.

Er hatte das Einpacken zu überwachen, eine Menge Besorgungen und auch noch Einkäufe zu machen und mußte von Dumouchel Abschied nehmen.

Der Professor schlug ihm einen Briefwechsel vor, durch den er ihn literarisch auf dem Laufenden halten würde; und nachdem er ihm nochmals zu seinem Glück gratuliert hatte, wünschte er ihm gute Gesundheit.

Barberou zeigte mehr Gefühl, als Bouvard ihm Lebewohl sagte. Er sagte eigens deshalb eine Partie Domino ab, versprach, ihn dort unten zu besuchen, bestellte zwei Anisliköre und umarmte ihn.

Als Bouvard nach Hause gekommen war, tat er auf seinem Balkon einen tiefen Atemzug in der frischen Luft und sagte im stillen: „Endlich!“ Die Lichter der Kais zitterten im Wasser, das Rollen der Omnibusse verhallte in der Ferne. Er rief sich die glücklichen Tage zurück, die er in dieser großen Stadt verbracht hatte, die Picknicks im Restaurant, die Abende im Theater, das Geschwätz der Portierfrau, alle seine Gewohnheiten; und er fühlte, wie eine Schwäche sein Herz überkam, eine Traurigkeit, die er nicht wagte, sich zu gestehen.

Pécuchet wanderte bis zwei Uhr morgens in seinem Zimmer umher. Er würde es nicht wiedersehen, um so besser! Und um doch noch etwas von sich zurückzulassen, kritzelte er seinen Namen in den Gips des Kamins.

Die großen Frachtstücke waren schon am Abend vorher abgegangen. Die Gartengeräte, die Bettstellen, die Matratzen, die Tische, die Stühle, ein Sparherd, die Badewanne und drei Fässer mit Burgunder sollten auf der Seine bis nach le Havre gehen und von dort bis Caen verfrachtet werden, von wo aus Bouvard, der sie erwarten sollte, sie nach Chavignolles befördern ließ.

Das Bild seines Vaters hingegen, die Sessel, das Likörservice, die Bücher, die Stutzuhr, alle wertvollen Gegenstände wurden in einen Möbelwagen verladen, der den Weg über Nonancourt, Verneuil und Falaise nehmen sollte. Pécuchet wollte ihn begleiten.

Er richtete sich auf der Bank neben dem Wagenführer ein, und, in seinen ältesten Rock gehüllt, mit einem Schal, Fausthandschuhen und dem Fußsack, den er im Geschäft benutzt hatte, versehen, verließ er Sonntag den 20. März bei Tagesanbruch die Hauptstadt.

Die Bewegung und das Ungewohnte der Reise beschäftigten ihn während der ersten Stunden. Dann verlangsamten die Pferde ihren Schritt, was einen Wortwechsel mit dem Wagenführer und dem Fuhrmann zur Folge hatte. Sie suchten fürchterliche Herbergen auf, und obwohl sie die Verantwortung für alles trugen, übernachtete Pécuchet aus übertriebener Vorsicht doch in denselben Schlafstätten.

Am folgenden Tage ging es mit der Morgenröte weiter; und immer dehnte sich die gleiche Straße bis zum Rande des Horizontes empor. Ein Steinhaufen folgte auf den andern, die Gräben waren voll Wasser, das Gelände breitete sich in großen Flächen von eintönigem und kaltem Grün aus, Wolken zogen am Himmel, von Zeit zu Zeit fiel Regen. Am dritten Tage erhoben sich plötzliche Windstöße. Die schlecht befestigte Wagendecke klatschte im Winde wie das Segel eines Schiffes. Pécuchet duckte seinen Kopf unter seiner Mütze, und jedesmal, wenn er seine Tabakdose öffnete, mußte er, um sich die Augen zu schützen, sich vollständig umwenden. An den holprigen Stellen hörte er hinter sich sein ganzes Gepäck schwanken und ließ es nicht an guten Ermahnungen fehlen. Da er sah, daß sie nutzlos waren, änderte er seine Taktik; er spielte den Liebenswürdigen, zeigte Gefälligkeiten, bei schwierigen Aufstiegen schob er mit den Leuten am Rade; er ging so weit, ihnen nach dem Essen den Kaffee zu bezahlen. Von da an kamen sie schneller von der Stelle, wodurch in der Gegend von Gauburge die Achse brach und der Wagen, auf die Seite geneigt, stehen blieb. Pécuchet untersuchte sogleich das Innere; die Porzellantassen lagen in Scherben. Er erhob die Arme, mit den Zähnen knirschend, und verwünschte diese beiden Dummköpfe; und der folgende Tag ging verloren, weil der Fuhrmann sich betrank; doch Pécuchet hatte nicht die Kraft zu klagen; der Kelch des Leidens war voll.

Bouvard hatte Paris erst den zweitnächsten Tag verlassen, um noch einmal mit Barberou zusammen speisen zu können. Er kam erst in der letzten Minute auf den Posthof, wachte dann in Rouen vor der Kathedrale wieder auf; er hatte die falsche Post genommen.

Am Abend waren alle Plätze nach Caen vorherbestellt; da er nicht wußte, was er anfangen sollte, ging er ins Theatre des Arts, und er lächelte seinen Nachbarn zu und erzählte ihnen dabei, daß er sich vom Geschäft zurückgezogen habe und seit kurzem im Besitz eines Gutes in der Umgebung sei. Als er am Freitag in Caen landete, waren seine Frachtstücke noch nicht da. Er empfing sie am Sonntag und sandte sie auf einem Karren weiter, nachdem er den Pächter benachrichtigt hatte, daß er in einigen Stunden nachkommen würde.

In Falaise, am neunten Tage der Reise, nahm Pécuchet ein Aushilfspferd, und bis zum Sonnenuntergang kam man gut vorwärts. Nachdem er jenseits von Bretteville die Landstraße verlassen hatte, geriet er auf einen Richtweg und glaubte jeden Augenblick den Giebel von Chavignolles zu sehen. Indessen wurden die Wagenspuren undeutlicher; sie verschwanden ganz, und sie befanden sich mitten in bebauten Feldern. Die Nacht brach an. Was sollte werden? Endlich ließ Pécuchet den Wagen stehen, und durch den Schmutz watend, ging er auf die Suche. Wenn er sich den Gehöften näherte, bellten die Hunde. Er schrie aus Leibeskräften, um den Weg zu erfahren. Keine Antwort. Er hatte Furcht und lief davon. Plötzlich glänzten zwei Laternen auf. Er bemerkte ein Gefährt und stürzte darauf zu, um es einzuholen. Bouvard saß darin.

Doch wo konnte der Möbelwagen sein? Eine Stunde lang riefen sie danach in der Dunkelheit. Endlich fand er sich wieder, und sie gelangten nach Chavignolles.

Ein großes Feuer aus Reisig und Fichtenzapfen flammte im Saale. Zwei Gedecke waren aufgelegt. Die auf dem Karren angelangten Möbel füllten die Vorhalle. Nichts fehlte. Man setzte sich zu Tisch.

Man hatte ihnen Zwiebelsuppe, ein Huhn, Speck und harte Eier gemacht. Die alte Frau, die das Essen zubereitete, kam von Zeit zu Zeit, um sich zu vergewissern, wie es ihnen schmecke. Sie antworteten: „O! sehr gut! sehr gut!“, und das grobe Brot, das sich schlecht schneiden ließ, die Sahne, die Nüsse, alles mundete ihnen herrlich. Der Steinfußboden zeigte Löcher, die Mauern waren feucht. Indessen ließen sie ihre Blicke befriedigt umherschweifen, während sie an dem kleinen Tische aßen, auf dem eine Kerze brannte. Ihre Gesichter waren von der frischen Luft gerötet. Sie streckten ihre Bäuche vor. Sie lehnten sich kräftig gegen die Lehnen ihrer Stühle, die davon krachten, und sie wiederholten: „Da wären wir also! Welch eine Wohltat! Es kommt mir vor wie ein Traum!“

Obgleich es Mitternacht war, kam Pécuchet auf den Gedanken, einen Gang durch den Garten zu machen. Bouvard hatte nichts dagegen. Sie nahmen das Licht, und während sie es mit einer alten Zeitung vor der Zugluft schützten, gingen sie an den Beeten entlang. Es machte ihnen Vergnügen, die Gemüse laut zu benennen: „Sieh da, Mohrrüben! Ah, Kohl!“

Dann besichtigten sie die Spaliere. Pécuchet suchte Knospen zu entdecken. Zuweilen rannte plötzlich eine Spinne an der Mauer davon, und die beiden Schatten ihrer Körper zeichneten sich in Vergrößerung darauf und wiederholten ihre Bewegungen. Die Spitzen der Gräser troffen von Tau. Die Nacht war vollständig schwarz, und alles lag regungslos in tiefem Schweigen, in tiefem Wohlsein. In der Ferne krähte ein Hahn.

Ihre beiden Zimmer hatten eine kleine Verbindungstür, die von der Tapete verdeckt war. Soeben waren dadurch, daß man mit einer Kommode dagegen stieß, die Nägel herausgesprungen. Sie fanden sie offen stehend. Das war eine Überraschung.

Schon entkleidet und im Bett, schwatzten sie noch einige Zeit; dann schliefen sie ein, Bouvard auf dem Rücken, mit offenem Munde und bloßem Kopf; Pécuchet auf der rechten Seite, die Knie an den Unterleib gezogen, in eine wollene Nachtmütze gehüllt; und alle beide schnarchten im Mondenlicht, das durch die Fenster fiel.

II

Welche Freude am folgenden Tage beim Erwachen! Die Pfeife, die Bouvard rauchte, und die Prise, die Pécuchet nahm, erklärte ein jeder für die beste seines Lebens. Dann setzten sie sich ins Fenster, um die Aussicht zu betrachten.

Geradeaus hatte man die Felder vor sich, zur Rechten eine Scheune, daneben den Kirchturm; und zur Linken eine Wand von Pappeln.

Zwei Hauptalleen, die ein Kreuz bildeten, zerlegten den Garten in vier Teile. Die Gemüse standen auf den Langbeeten, wo in Abständen Zwergzypressen und spindelförmig geschnittene Obstbäume aufragten. Auf der einen Seite endete ein Laubengang auf einen Schneckenberg; auf der andern stützte eine Mauer die Spaliere; und ein Gitter schloß hinten den Garten gegen die Felder ab. Jenseits der Mauer war ein Obstgarten, hinter dem Laubengang ein kleiner Hain; hinter dem Gitter ein schmaler Pfad.

Das alles betrachteten sie, als ein Mann mit ergrautem Haar in einem schwarzen Überzieher auf dem Fußwege ging, wobei er mit seinem Stock an sämtlichen Stäben des Gitters entlang fuhr. Die alte Dienerin teilte ihnen mit, es sei Herr Vaucorbeil, ein berühmter Arzt des Ortes.

Die übrigen Honoratioren seien: der Graf von Faverges, der früher Abgeordneter war und dessen Kuhställe berühmt wären; der Bürgermeister, Herr Foureau, der Holz, Gips und sonst noch alles mögliche verkaufte; der Notar, Herr Marescot; der Abbé Jeufroy und die verwitwete Frau Bordin, die von ihren Zinsen lebte. -- Was sie selbst anbetraf, so nannte man sie Frau Germaine, nach ihrem verstorbenen Gatten Germain; sie ging tageweise in Arbeit, würde aber bereit sein, ganz in den Dienst der Herren zu treten. Sie nahmen sie und machten sich auf den Weg nach ihrem Pachthof, der in einer Entfernung von einem Kilometer gelegen war.

Als sie in den Gutshof traten, schalt der Pächter, Meister Gouy, einen Knecht aus, und die Pächtersfrau saß auf einem Schemel und hatte einen Puter fest zwischen den Beinen, den sie mit Mehlklößen stopfte. Der Mann hatte eine niedrige Stirn, eine feine Nase, einen versteckten Blick und kräftige Schultern. Die Frau war sehr blond, hatte Sommersprossen auf den Backen und hatte jenen Anstrich von Einfalt, den die ländlichen Gestalten auf den Kirchenfenstern zeigen.

In der Küche hingen Hanfbündel an der Decke. Drei alte Flinten reihten sich auf dem hohen Kamin. Eine Anrichte, die mit geblümtem Steingut besetzt war, nahm die Mitte der Wand ein; und die Scheiben aus Butzenglas warfen über die Gerätschaften aus Blech und rotem Kupfer ein blasses Licht.

Die beiden Pariser wünschten die Besichtigung vorzunehmen, denn sie hatten die Besitzung erst einmal flüchtig gesehen. Meister Gouy und seine Gattin geleiteten sie; und die Litanei von Klagen begann.

Sämtliche Gebäude, von dem Wagenschuppen bis zur Branntweinbrennerei, hätten Ausbesserungen nötig. Es wäre erforderlich gewesen, ein Nebenhaus für die Käse zu bauen, an die Tore neue Eisenbeschläge zu setzen, die Erdwälle zu erhöhen, den Teich zu vertiefen und ein gut Teil Apfelbäume in die drei Höfe zu pflanzen.

Dann besichtigte man die Äcker: Meister Gouy machte sie herunter. Sie erforderten zu viel Bedüngung, das Anfahren sei kostspielig; unmöglich, die Steine daraus fortzubringen; Unkraut verderbe die Wiesen; und diese Verunglimpfung seines Bodens dämpfte die Freude, die Bouvard empfand, darüberzuschreiten.

Sie gingen durch den Hohlweg unter Buchen zurück. Von dieser Seite zeigte das Haus seinen Staatshof und die Front.

Es war weiß gestrichen und hatte Ornamente in gelber Farbe. Der Schuppen und das Vorratshaus, das Backhaus und der Holzstall bildeten zwei hinten rechtwinklig anschließende niedrigere Flügel. An die Küche stieß ein kleiner Saal. Dann gelangte man zum Hausflur, einem zweiten größeren Saal und dem Salon. Die vier Zimmer des ersten Stockes hatten ihren Ausgang auf einen Korridor, der nach dem Hofe zu lag. Eins davon nahm Pécuchet für seine Sammlungen. Das letzte wurde für die Bibliothek bestimmt; und als sie die Schränke öffneten, fanden sie andere Schmöker, aber sie hatten jetzt keine Lust, die Titel zu lesen. Das eiligste war der Garten.

Als Bouvard am Laubengange vorbeikam, entdeckte er unter den Zweigen eine weibliche Figur aus Gips. Mit zwei Fingern hob sie ihren Rock, während sie in hockender Stellung saß und ihr Kopf auf der Schulter lag, als fürchtete sie, überrascht zu werden. -- „Ah! Verzeihung! Genieren Sie sich nicht!“ und dieser Scherz belustigte sie so, daß sie ihn mehr als drei Wochen jeden Tag zwanzigmal wiederholten.

Indessen wünschten die Bürger von Chavignolles ihre Bekanntschaft zu machen: man suchte sie durch das Gitter zu beobachten. Sie nagelten die Zwischenräume mit Brettern zu. Die Bevölkerung war erbost.

Um sich vor der Sonne zu schützen, trug Bouvard ein turbanartig geknüpftes Taschentuch auf dem Kopfe, Pécuchet seine Mütze; und er hatte eine große Schürze umgebunden, die vorn eine Tasche hatte, in der seine Baumschere, sein Tuch und seine Schnupftabakdose baumelten. Mit bloßen Armen, einer an der Seite des andern, ackerten sie, gäteten sie, putzten sie Bäume aus, ließen sich’s sauer werden und aßen so schnell wie möglich; doch gingen sie, um den Kaffee zu nehmen, auf den Schneckenberg, damit sie die Aussicht genießen konnten.

Wenn sie eine Schnecke sahen, näherten sie sich und zertraten sie, indem sie die Mundwinkel verzogen, wie wenn man eine Nuß knackt. Sie gingen nie ohne ihr Grabscheit aus, und sie zerhieben die Engerlinge in der Mitte mit solcher Kraft, daß der eiserne Teil des Gerätes drei Zoll tief in den Boden eindrang.

Um die Raupen zu vertilgen, schlugen sie die Bäume wie wütend mit heftigen Stockschlägen.

Bouvard pflanzte mitten auf den Rasen eine Pfingstrose, und Tomaten unter die Wölbung des Laubenganges. Sie sollten wie Leuchter herabhängen.

Pécuchet ließ vor der Küche ein großes Loch graben und teilte es in drei Teile, in denen er Kompost herstellen wollte; der würde eine Menge Dinge sprießen lassen, deren verweste Reste neues Wachstum hervorbringen sollten, und das sollte wieder neue Dungmittel ergeben, alles das bis ins Unendliche; und er stand träumend am Rande der Grube und sah dabei in der Zukunft Berge von Früchten, eine Überfülle von Blumen, Lawinen von Gemüsen. Doch der Pferdedünger, der so ausgezeichnet für die Mistbeete ist, fehlte ihm. Die Ökonomen verkauften keinen, die Herbergswirte behielten ihn für sich. Nach langem Suchen entschloß er sich endlich trotz Bouvards Bitten und mit Aufopferung alles Schamgefühls, „selbst den Pferdemist aufkratzen zu wollen!“