Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass

Part 19

Chapter 193,625 wordsPublic domain

In der Fähigkeit zu erkennen findet sich die rationelle Perzeption, bei der man zwei Hauptrichtungen und vier Grade unterscheiden kann.

Die Abstraktion kann für phantastische Intelligenzen Klippen bilden.

Das Gedächtnis stellt den Zusammenhang mit dem Vergangenen her wie das Voraussehen den mit dem Zukünftigen.

Die Phantasie dagegen ist eine besondere Fähigkeit sui generis.

So viel Umstände, Binsenwahrheiten zu beweisen, der pedantische Ton des Verfassers, die Eintönigkeit der Wendungen: „Wir sind bereit anzuerkennen, -- Fort mit dem Gedanken. -- Befragen wir unser Gewissen“, das ewig wiederkehrende Lob Dugald-Stewarts, kurz, der ganze Wortschwall ekelte sie so an, daß sie über das Willensvermögen hinweggingen und sich gleich an die Logik machten.

Und sie belehrte sie über Analyse, Synthese, Induktion, Deduktion und die hauptsächlichen Gründe unserer Irrtümer.

Fast alle rühren vom schlechten Gebrauch der Worte her.

„Die Sonne geht unter, das Wetter wird trübe, der Winter naht“, fehlerhafte Ausdrucksweisen, die den Glauben an persönliche Wesen hervorrufen müssen, wo es sich nur um ganz einfache Ereignisse handelt. „Ich erinnere mich jenes Gegenstandes, jenes Axioms, jener Wahrheit“, -- Täuschung! Es sind die Ideen und nicht die Dinge, die im Ich bleiben, und ein genauer Sprachgebrauch verlangte: „Ich erinnere mich eines bestimmten Vorganges in meinem Geiste, durch welchen ich das Objekt wahrgenommen, aus welchem ich das Axiom abgeleitet habe, durch welches ich zur Annahme dieser Wahrheit gekommen bin.“

Da der Ausdruck, der einen Vorgang bezeichnet, diesen nie in allen seinen Modifikationen umfaßt, so versuchten sie, nur abstrakte Wörter zu verwenden, -- so daß sie, anstatt zu sagen: „Laß uns ausgehen, -- es ist Zeit zum Essen, -- ich habe Koliken“, folgende Phrasen zutage förderten: „Ein Spaziergang wäre heilsam. -- Die Stunde, Nahrung einzunehmen, ist da. -- Ich verspüre ein Bedürfnis nach Ausleerung.“

Als sie mit der Logik vertraut geworden waren, prüften sie die verschiedenen Kriterien, zuerst dasjenige des gesunden Menschenverstandes.

Wenn der einzelne nichts wissen kann, warum sollten alle zusammen mehr wissen? Ein Irrtum, wäre er auch hundert Jahre alt, begründet deswegen, daß er alt ist, nicht eine Wahrheit! Die große Menge folgt immer dem alten Herkommen! Die Minderheit dagegen führt den Fortschritt herbei.

Soll man dem Zeugnis der Sinne Glauben schenken? Sie täuschen zuweilen, und sie belehren immer nur über den Schein. Der Kern der Dinge entgeht ihnen.

Die Vernunft bietet größere Sicherheit, da sie unwandelbar und unpersönlich ist, -- doch um in Erscheinung zu treten, muß sie Fleisch werden. Da wird die Vernunft meine Vernunft; eine Regel hat wenig Bedeutung, wenn sie falsch ist. Nichts beweist, daß jene da richtig ist.

Man empfiehlt, sie durch die Sinne zu überwachen; doch die können die Finsternis verstärken. Aus einer undeutlichen Wahrnehmung wird ein mangelhaftes Gesetz gefolgert, das später die klare Anschauung von den Dingen stört.

Bleibt noch die Moral. Damit wird Gott auf die Stufe der Nützlichkeit herabgedrückt, als ob unsere Bedürfnisse der Maßstab des Absoluten wären!

Was die Evidenz betrifft, die von dem einen geleugnet, von dem anderen behauptet wird, so ist sie ihr eigenes Kriterium. Herr Cousin hat es bewiesen.

„Ich sehe nur noch die Offenbarung,“ sagte Bouvard. „Doch um an sie zu glauben, muß man eine vorausgehende doppelte Erkenntnis annehmen: die des Körpers, welcher empfunden hat, und die des Geistes, welcher wahrgenommen hat; man muß Empfindung und Vernunft annehmen, menschliche und infolgedessen verdächtige Zeugnisse.“

Pécuchet sann nach, legte die Arme übereinander. „Aber wir geraten in den schrecklichen Abgrund des Skeptizismus.“

Bouvard meinte, er sei nur schwachen Hirnen schrecklich.

„Danke für das Kompliment,“ erwiderte Pécuchet. „Indessen gibt es unbestreitbare Tatsachen. Man kann die Wahrheit bis zu einem gewissen Grade erlangen.“

„Bis zu welchem? Ergeben zwei und zwei immer vier? Ist der Inhalt in irgendeiner Hinsicht geringer als das Enthaltende? Was heißt ein annähernd Wahres, ein Bruchteil von Gott, der Teil einer unteilbaren Sache?“

„Ach! das sind nur Sophistereien!“ Und Pécuchet, verärgert, maulte drei Tage lang.

Sie verbrachten sie damit, die Inhaltsverzeichnisse mehrerer Bände durchzugehen. Bouvard lächelte von Zeit zu Zeit, -- und, die Unterhaltung wieder anknüpfend:

„Es ist eben schwierig, keine Zweifel zu hegen: So sind die Beweise für das Dasein Gottes bei Descartes, Kant und Leibniz nicht dieselben und vernichten sich gegenseitig. Die Entstehung der Welt durch die Atome oder durch einen Geist bleibt unfaßbar.

Ich fühle mich zugleich als Materie und Denken, ohne doch zu wissen, was das eine und was das andere sei.

Undurchdringlichkeit, Festigkeit, Schwere scheinen mir gerade so große Geheimnisse wie meine Seele, -- und um so mehr die Vereinigung von Seele und Körper.

Um sie zu erklären, hat Leibniz seine prästabilierte Harmonie erdacht, Malebranche die göttliche Bestimmung des menschlichen Willens, Cudworth einen Mittler, und Bossuet sieht darin ein beständiges Wunder, was eine Dummheit ist: ein beständiges Wunder wäre kein Wunder mehr.“

„In der Tat!“ sagte Pécuchet.

Und beide gestanden, daß sie der Philosophen überdrüssig wären. So viele Systeme verwirren. Die Metaphysik ist zwecklos. Man kann ohne sie leben.

Zudem wuchs ihre Geldverlegenheit. Sie schuldeten Beljambe drei Fässer Wein, Langlois zwölf Kilogramm Zucker, ihrem Schneider hundertundzwanzig Franken, dem Schuster sechzig. Neue Ausgaben stellten sich ständig ein, und Meister Gouy zahlte nicht.

Sie begaben sich zu Marescot, damit er ihnen Geld verschaffen sollte, sei es durch den Verkauf der Ecalles oder durch eine Hypothek auf ihren Pachthof oder durch Veräußerung ihres Hauses, das mit lebenslänglichen Renten bezahlt werden sollte und dessen Nutznießung sie behalten würden. -- Ein ungangbarer Weg, sagte Marescot, doch ein besseres Geschäft bereite sich vor und man würde sie benachrichtigen.

Dann fiel ihnen ihr armer Garten ein. Bouvard übernahm das Ausputzen des Laubenganges, Pécuchet den Schnitt des Spaliers. -- Marcel mußte die Beete umgraben.

Nach Verlauf einer Viertelstunde hielten sie an; der eine schloß sein Gartenmesser, der andere legte die Schere hin, und ganz sachte begannen sie auf- und abzugehen: Bouvard ohne Weste mit vorgestreckter Brust und bloßen Armen im Schatten der Linden; Pécuchet mit gesenktem Kopf, die Hände auf dem Rücken, den Schirm der Mütze aus Vorsicht in den Nacken gedreht, an der Mauer entlang; und sie gingen so in derselben Richtung, ohne auch nur Marcel zu sehen, der an der Hütte lehnend sich ausruhte und dabei eine Brotschnitte verzehrte.

In dieser nachdenklichen Stimmung stellten sich Gedanken ein; sie redeten einander an, um sie nicht zu vergessen; und die Metaphysik kam wieder aufs Tapet.

Sie stellte sich bei Gelegenheit des Regens und des Sonnenscheins, eines Kieselsteins in ihrem Schuh, einer Blume auf dem Rasen, bei allem und jedem wieder ein.

Wenn sie eine Kerze brennen sahen, fragten sie sich, ob das Licht im Objekte oder in unserem Auge sei. Da die Sterne verschwunden sein können, wenn ihr Glanz zu uns gelangt, so bewundern wir vielleicht Dinge, welche nicht vorhanden sind.

Als sie in einer Weste eine Raspailzigarette wiederfanden, zerbröckelten sie diese auf dem Wasser, und der Kampfer drehte sich.

Es gibt also Bewegung in der Materie! Ein höherer Grad von Bewegung würde das Leben hervorrufen.

Doch wenn die sich bewegende Materie genügte, um Wesen zu schaffen, so würden diese nicht so verschieden sein. Denn am Uranfang gab es weder Erde, noch Wasser, noch Menschen, noch Pflanzen. Was ist also diese ursprüngliche Materie, die man niemals gesehen hat, die nicht identisch ist mit den Dingen dieser Welt und sie alle hervorgebracht hat?

Manchmal hatten sie ein Buch nötig. Dumouchel, der müde war, sie zu bedienen, antwortete ihnen nicht mehr, und sie verbissen sich in das Problem, besonders Pécuchet.

Sein Wahrheitsbedürfnis wurde zum brennenden Durste.

Unter dem Eindruck von Bouvards Reden ließ er vom Spiritualismus ab, nahm ihn bald wieder auf, um ihn dann wieder fallen zu lassen, und rief, den Kopf in den Händen: „O! Der Zweifel! der Zweifel! Lieber wäre mir das Nichts!“

Bouvard bemerkte die Unzulänglichkeit des Materialismus und versuchte daran festzuhalten, wobei er übrigens erklärte, daß er den Kopf darüber verlöre.

Sie begannen Vernunftschlüsse auf einer festen Basis; sie brach zusammen; -- und plötzlich waren alle Gedanken fort, wie eine Fliege davonfliegt, sobald man sie fangen will.

Während der Winterabende plauderten sie im Museum am Feuer, den Blick auf die Kohlen gerichtet. Der Wind, der im Flur pfiff, ließ die Scheiben erzittern, die schwarzen Massen der Bäume wiegten sich, und die Melancholie der Nacht verstärkte den Ernst ihrer Gedanken.

Von Zeit zu Zeit ging Bouvard bis ans Ende des Gemaches; dann kam er zurück. Die Kerzen und die Metallgeschirre an der Wand warfen schräge Schatten auf den Boden; und der Sankt Peter, den man im Profil sah, breitete über die Decke den Schattenriß seiner Nase, der einem ungeheueren Jagdhorn glich.

Nur mit Mühe konnte man zwischen den Gegenständen durchkommen, und oft stieß sich Bouvard, wenn er nicht acht gab, an der Statue. Mit ihren großen Augen, der herabhängenden Lippe und ihrer Trunkenboldsphysiognomie war sie auch Pécuchet im Wege. Seit langer Zeit wollten sie sich ihrer entledigen, doch aus Lässigkeit verschoben sie es von einem Tage zum andern.

Eines Abends stieß Bouvard inmitten eines Streites über die Monade mit seiner großen Zehe gegen die Sankt Peters, -- und seinen Zorn gegen ihn entladend:

„Der Kerl ist mir gräßlich, wir wollen ihn an die Luft setzen!“

Es war zu schwierig, ihn die Treppe hinunterzuschaffen. Sie öffneten das Fenster und neigten ihn sachte gegen den Rand. Pécuchet versuchte kniend, ihn an den Fußsohlen in die Höhe zu heben, während Bouvard gegen die Schultern drückte. Der steinerne Biedermann wankte nicht; sie mußten die Hellebarde als Hebel zu Hilfe nehmen, -- und endlich kamen sie so weit, ihn ganz niederzulegen. Dann stürzte er, nachdem er hin- und hergependelt hatte, ins Leere, die Tiara voran, -- ein dumpfes Geräusch erscholl, -- und am folgenden Morgen fanden sie ihn in zwölf Stücke zerbrochen in dem ehemaligen Kompostloch.

Eine Stunde später trat der Notar herein mit einer guten Nachricht für sie. Jemand aus dem Orte würde für eine Hypothek auf ihren Pachthof tausend Taler vorschießen; und da sie sich freuten: „Verzeihen Sie! Man macht eine Bedingung dabei: daß Sie nämlich dem Geldgeber die Ecalles für fünfzehnhundert Franken verkaufen. Der Vorschuß wird noch heute bezahlt werden. Das Geld liegt bei mir im Bureau.“

Sie waren nicht abgeneigt, die beiden Vorschläge anzunehmen. Bouvard sagte schließlich: „Lieber Gott... meinetwegen!“

„Abgemacht!“ sagte Marescot. Und er teilte ihnen den Namen der Person mit. Es war Frau Bordin.

„Das dachte ich mir!“ rief Pécuchet.

Bouvard schwieg gedemütigt.

Sie oder jemand anders, was lag daran! Die Hauptsache war, aus der Verlegenheit herauszukommen.

Nachdem das Geld erhoben war (das für die Ecalles würde später folgen), bezahlten sie sämtliche Rechnungen und waren auf dem Heimwege, als sie um die Markthallen biegend vom Vater Gouy angehalten wurden.

Er war auf dem Wege zu ihnen, um ihnen ein Unglück anzuzeigen. In der vergangenen Nacht hatte der Wind zwanzig Apfelbäume in den Höfen umgeworfen, die Branntweinbrennerei niedergelegt, das Dach der Scheune fortgerissen. Sie verbrachten den Rest des Nachmittags damit, den Schaden festzustellen, und der folgende Tag verging mit Verhandlungen mit dem Zimmermann, dem Maurer und dem Dachdecker. Die Ausbesserungen würden sich zum mindesten auf achtzehnhundert Franken belaufen.

Abends fand sich dann Gouy ein. Marianne habe ihm eben selbst von dem Verkaufe der Ecalles erzählt. Ein Stück Land von prächtigem Ertrag, das ihm sehr bequem gelegen sei und fast keine Bearbeitung erfordere, das beste Stück des ganzen Gutes! -- und er verlangte einen Nachlaß.

Die Herren beschieden ihn abschlägig. Man unterbreitete den Fall dem Friedensrichter, und er entschied zugunsten des Pächters. Wenn man den Acker auf zweitausend Franken schätzte, so brachte ihm der Verlust der Ecalles einen jährlichen Schaden von siebzig, und vor Gericht würde er sicher gewinnen.

Ihr Besitz war geschmälert. Was tun? Und wie bald leben?

Sie setzten sich beide voller Entmutigung zu Tisch. Marcel verstand nichts von der Küche; dieses Mal war sein Diner noch schlechter als sonst. Die Suppe glich Spülwasser, das Kaninchen schmeckte verdorben, die grünen Bohnen waren nicht gargekocht, die Teller schmutzig, und beim Nachtisch platzte Bouvard los, indem er drohte, er wolle ihm das Ganze an den Kopf werfen.

„Seien wir Philosophen,“ sagte Pécuchet. „Etwas weniger Geld, die Intrigen einer Frau, das Ungeschick eines Dienstboten, was bedeutet das alles? Du steckst zu tief in der Materie!“

„Aber wenn sie mich doch quält,“ sagte Bouvard.

„Ich, ich bestreite ihr Dasein!“ erwiderte Pécuchet.

Er hatte letzthin eine Darstellung der Philosophie Berkeleys gelesen und fügte hinzu:

„Ich leugne die Ausdehnung, die Zeit, den Raum, sogar die Substanz! Denn die wahre Substanz ist der Geist, der die Qualitäten perzipiert.“

„Ausgezeichnet,“ sagte Bouvard. „Doch wenn man die Welt unterdrückt, so werden die Beweise für das Dasein Gottes fehlen.“

Pécuchet widersprach lebhaft und ausführlich, obgleich er an einem Schnupfen litt, den das Jodkalium verursacht hatte, -- und ständiges Fieber steigerte seine Erregung. Bouvard, der sich seinetwegen beunruhigte, ließ den Arzt rufen.

Vaucorbeil verschrieb Orangensirup mit Jod und für später Sublimatbäder.

„Wozu?“ erwiderte Pécuchet. „Den einen oder andern Tag wird die Form vergehen. Die Essenz geht nicht unter!“

„Ohne Zweifel,“ sagte der Arzt, „ist die Materie unzerstörbar! Indessen...“

„Aber nein! Aber nein! Das Unzerstörbare ist das Wesen. Dieser Leib, der da vor mir steht, der Ihrige, Doktor, hindert mich, Ihre Persönlichkeit zu kennen, ist sozusagen nur eine Verkleidung, oder vielmehr eine Maske.“

Vaucorbeil glaubte, Pécuchet sei verrückt geworden.

„Guten Abend! Pflegen Sie Ihre Maske!“

Pécuchet ließ nicht ab. Er verschaffte sich eine Einführung in die Hegelsche Philosophie, wollte sie Bouvard auseinandersetzen.

„Alles, was vernünftig ist, ist wirklich. Das einzig Wirkliche ist die Idee. Die Gesetze des Geistes sind die Gesetze des Weltalls, die Vernunft des Menschen ist identisch mit derjenigen Gottes.“

Bouvard stellte sich, als ob er verstehe.

„Also ist das Absolute zugleich das Subjekt und das Objekt, die Einheit, in der sich alle Unterschiede zusammenfinden. So werden die Gegensätze überwunden. Der Schatten macht das Licht möglich, das mit dem Warmen vermischte Kalte bringt die Temperatur hervor, der Organismus erhält sich nur durch die Zerstörung des Organismus, überall gibt es ein Prinzip, das trennt, ein Prinzip, das vereint.“

Sie waren auf dem künstlichen Hügel, und der Geistliche ging am Zaune vorbei, das Brevier in der Hand.

Pécuchet bat ihn, einzutreten; er wollte in seiner Gegenwart den Vortrag über Hegel zu Ende führen, um einmal zu sehen, was der Abbé dazu sagen würde.

Der Mann im Priesterrock setzte sich zu ihnen, und Pécuchet wandte sich dem Christentum zu.

„Keine Religion hat so fest die Wahrheit begründet, daß die Natur nur ein Moment der Idee ist!“

„Ein Moment der Idee!“ murmelte der Priester verdutzt.

„Ja doch! Indem Gott eine sichtbare Einkleidung annahm, hat er seine konsubstantielle Einheit mit ihr gezeigt.“

„Mit der Natur? O! O!“

„Durch sein Hinscheiden hat er die Wesenheit des Todes bezeugt; also war der Tod in ihm, bildete, bildet einen Teil von Gott.“

Der Geistliche runzelte die Stirn.

„Keine Gotteslästerung! Nur zum Heile der Menschheit hat er die Leiden erduldet.“

„Irrtum! Man betrachtet den Tod im Individuum, wo er ohne Zweifel ein Übel ist. Doch in bezug auf die Dinge ist das anders. Sie dürfen nicht Geist und Materie trennen!“

„Indessen, mein Herr, vor der Schöpfung...“

„Es hat keine Schöpfung stattgefunden. Sie ist immer dagewesen. Sonst wäre das ein neues Wesen, das zu dem göttlichen Gedanken hinzukommt, was widersinnig wäre.“

Der Priester erhob sich, Amtsgeschäfte riefen ihn.

„Ich schmeichle mir, ihn hineingelegt zu haben!“ sagte Pécuchet. „Noch ein paar Worte! Da die Existenz der Welt nur ein beständiger Durchgang des Lebens zum Tode und des Todes zum Leben ist, so ist, weit entfernt, daß alles sei, vielmehr nichts. Aber alles wird, begreifst du?“

„Ja! ich begreife, oder vielmehr nein!“

Der Idealismus brachte Bouvard schließlich zur Verzweiflung.

„Ich will nichts mehr davon hören; das berühmte cogito macht mich rasend. Man nimmt die Ideen der Dinge für die Dinge selbst. Man setzt auseinander, wovon man sehr wenig versteht, mit Hilfe von Worten, die man überhaupt nicht versteht! Substanz, Ausdehnung, Kraft, Materie und Seele. Lauter Abstraktionen, Phantastereien. Was Gott betrifft, unmöglich zu wissen, wie er ist, ob er überhaupt ist! Ehemals war er der Urheber des Windes, des Blitzes, der Revolutionen. Gegenwärtig nimmt seine Macht ab. Übrigens sehe ich seinen Nutzen nicht ein.“

„Und wo bleibt bei alledem die Moral?“

„Ja, da ist nichts zu machen!“

„Ihr fehlt die tatsächliche Grundlage,“ sagte sich Pécuchet im stillen.

Und er versank in Schweigen, denn er war in eine Sackgasse geraten, eine Folge der Prämissen, die er selbst aufgestellt hatte. Es war für ihn wie eine Überraschung, wie ein vernichtender Stoß.

Bouvard glaubte nicht einmal mehr an die Materie.

Die Gewißheit, daß nichts existiert (so jammervoll sie auch ist), ist darum nicht weniger eine Gewißheit. Wenige Menschen sind fähig, sie zu ertragen. Diese geistige Überlegenheit erfüllte sie mit Stolz, und sie hätten sie öffentlich bekunden mögen: eine Gelegenheit bot sich.

Als sie eines Morgens Tabak holten, sahen sie eine Menschenansammlung vor Langlois’ Tür. Man umringte die Post von Falaise, und man sprach von Touache, einem Sträfling, der in der Gegend vagabundierte. Der Wagenführer hatte ihn bei Croix-Verte zwischen zwei Gendarmen getroffen, und die Einwohner von Chavignolles stießen einen Seufzer der Erleichterung aus.

Girbal und der Hauptmann blieben auf dem Platze; dann kam der Friedensrichter, der neugierig war, etwas zu erfahren, und Herr Marescot in Samtbarett und schafledernen Pantoffeln.

Langlois lud sie ein, seinen Laden mit ihrer Gegenwart zu beehren. Sie würden es dort gemütlicher haben, und trotz der Kunden und des Geräusches der Klingel fuhren die Herren fort, die Schandtaten des Touache zu besprechen.

„Lieber Gott!“ sagte Bouvard, „er hatte schlechte Triebe, das erklärt alles!“

„Man bezwingt sie durch die Tugend,“ erwiderte der Notar.

„Aber wenn man keine Tugend hat?“

Und Bouvard bestritt mit Bestimmtheit die Willensfreiheit.

„Indessen“, sagte der Hauptmann, „kann ich tun, was ich will! Es steht mir zum Beispiel frei, mein Bein zu bewegen.“

„Nein, mein Herr, denn Sie haben einen Beweggrund, es zu bewegen!“

Der Hauptmann suchte eine Antwort, fand keine. Doch Girbal schoß diesen Pfeil ab:

„Ein Republikaner, der gegen die Freiheit spricht, das ist komisch!“

„Das ist zum Lachen!“ sagte Langlois.

Bouvard stellte ihm die Frage:

„Weshalb geben Sie Ihr Vermögen nicht den Armen?“

Der Krämer überflog unruhigen Blicks seinen ganzen Laden.

„Ei ja! bin nicht so dumm! Ich behalte es für mich!“

„Wenn Sie der heilige Vinzenz von Paul wären, würden Sie anders handeln, da Sie dann seinen Charakter hätten. Sie gehorchen dem Ihrigen. Also sind Sie nicht frei!“

„Das ist Wortklauberei,“ antwortete die Versammlung im Chore.

Bouvard ließ sich nicht stören, und auf die Wage auf dem Ladentisch weisend:

„Die bleibt regungslos, solange eine der Wagschalen leer ist. Ebenso der Wille; und das Schwanken der Wage zwischen zwei Gewichten, die gleich scheinen, gibt ein Bild der Arbeit unseres Geistes, wenn er über die Beweggründe mit sich zu Rate geht, bis zu dem Augenblicke, wo der stärkere den Sieg davonträgt, ihn bestimmt.“

„Alles das,“ sagte Girbal, „beweist nichts für Touache und hindert nicht, daß er ein recht lasterhafter Schurke ist.“

Pécuchet nahm das Wort:

„Die Laster sind Eigenheiten der Natur, wie die Überschwemmungen, die Stürme.“

Der Notar hielt ihn an, und sich bei jedem Wort auf den Zehenspitzen in die Höhe hebend:

„Ich finde Ihr System vollkommen unmoralisch. Es läßt allen Zügellosigkeiten freien Lauf, entschuldigt die Verbrechen, wäscht die Schuldigen rein.“

„Ganz recht,“ sagte Bouvard. „Der Unglückliche, welcher seinen Begierden folgt, ist ebenso in seinem Recht, wie der ehrbare Mann, der der Vernunft Gehör gibt.“

„Verteidigen Sie nicht die Ungeheuer!“

„Warum Ungeheuer? Wenn ein Blinder, ein Idiot, ein Mörder geboren wird, so scheint uns das gegen die Ordnung, als ob uns die Ordnung bekannt wäre, als wenn die Natur zu einem Endzweck handelte!“

„Dann leugnen Sie die Vorsehung?“

„Ja, ich leugne sie!“

„Sehen Sie vielmehr auf die Geschichte,“ rief Pécuchet. „Gedenken Sie der Königsmörder, der Hinmetzelungen der Völker, der Zwistigkeiten in den Familien, des Kummers der einzelnen.“

„Und zu gleicher Zeit,“ fügte Bouvard hinzu -- denn sie erhitzten sich aneinander -- „sorgt diese Vorsehung für die kleinen Vögel und läßt die Scheren der Krebse wieder wachsen. Ja, wenn Sie unter Vorsehung ein Gesetz verstehen, das alles ordnet, so will ich es gelten lassen, und auch nur unter Vorbehalt!“

„Indessen, mein Herr,“ sagte der Notar, „gibt es Prinzipien!“

„Was schwatzen Sie da! Eine Wissenschaft ist nach Condillac um so größer, als sie ihrer nicht bedarf! Sie resümieren nur die erworbenen Erkenntnisse und verweisen uns auf solche Erkenntnisse, die gerade bestreitbar sind.“

„Haben Sie wie wir“, fuhr Pécuchet fort, „die Geheimnisse der Metaphysik erforscht, durchwühlt?“

„Allerdings nicht, meine Herren, allerdings nicht!“

Und man ging auseinander.

Doch Coulon zog sie beiseite und sagte ihnen in väterlichem Tone, daß er sicherlich nicht fromm sei und sogar die Jesuiten verabscheue. Indessen gehe er nicht so weit wie sie! O nein! sicherlich nicht; -- und an der Ecke auf dem Platze kamen sie an dem Hauptmann vorbei, der sich seine Pfeife wieder anzündete, wobei er brummte:

„Ich tue doch, was ich will, in Teufels Namen!“

Bouvard und Pécuchet gaben auch bei andern Gelegenheiten ihre scheußlichen Paradoxe zum besten. Sie zogen die Redlichkeit der Menschen, die Keuschheit der Frauen, die Einsicht der Regierung, den gesunden Verstand des Volkes in Zweifel, kurz, sie untergruben die Grundlagen.

Foureau geriet darüber in Erregung und bedrohte sie mit Gefängnis, wenn sie derartige Reden fortsetzten.

Ihre augenscheinliche Überlegenheit verletzte. Da sie unmoralische Thesen verteidigten, mußten sie unmoralisch sein; Verleumdungen wurden erfunden.

Da entwickelte sich eine bedauerliche Fähigkeit in ihrem Geiste, nämlich die, die Dummheit zu sehen und sie nicht zu ertragen.

Unbedeutende Dinge betrübten sie: die Reklamen der Zeitungen, das Profil eines Spießbürgers, eine dumme Bemerkung, die sie zufällig gehört.

Wenn sie daran dachten, was man in ihrem Dorfe redete, und sich vorstellten, daß es bis zum andern Ende der Welt nur neue Coulons, neue Marescots, neue Foureaus gäbe, fühlten sie gleichsam das ganze Gewicht der Erde auf sich lasten.

Sie gingen nicht mehr aus, sahen niemand mehr bei sich.

Eines Nachmittags hörten sie in ihrem Hofe ein Zwiegespräch zwischen Marcel und einem Herrn in breitkrämpigem Hut und schwarzer Schutzbrille. Es war der Akademiker Larsoneur. Es konnte ihm nicht entgehen, daß man einen Vorhang zurückzog, daß Türen geschlossen wurden. Sein Besuch bedeutete einen Aussöhnungsversuch, und er ging wütend davon, indem er den Diener beauftragte, er solle seinen Herren sagen, sie seien ungezogene Menschen.