Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass
Part 18
Welches auch immer ihr Ursprung sei, es gibt eine Urwesenheit, ein verborgenes und allgemein wirkendes Agens. Könnten wir es fassen, so brauchte man weder Kraft noch Zeitdauer. Was Jahrhunderte erfordert, würde sich in einer Minute abwickeln; jedes Wunder wäre ausführbar, und das Weltall stände zu unserer Verfügung.
Die Magie hat ihren Ursprung in dieser ewigen Begierde des menschlichen Geistes. Man hat zweifellos ihren Wert übertrieben, aber sie ist keine Lüge. Die Orientalen, welche sie besitzen, vollführen Wunder; alle Reisenden bestätigen es, und im Palais-Royal bringt Herr Dupotet die Magnetnadel mit seinem Finger aus ihrer Richtung.
Wie Magier werden? Dieser Gedanke schien ihnen zuerst wahnsinnig, doch er kam wieder, quälte sie, und sie gaben ihm nach, während sie sich zugleich stellten, als ob sie darüber lachten.
Eine vorbereitende Lebensweise war unerläßlich.
Um besser in Ekstase zu geraten, machten sie die Nacht zum Tage, fasteten, und da sie aus Germaine ein empfindlicheres Medium machen wollten, teilten sie ihr ihre Nahrung genau zu. Sie entschädigte sich am Getränk und nahm so viel Branntwein zu sich, daß sie bald vollständig veralkoholisiert war. Wenn sie durch den Gang gingen, wurde Germaine wach. Sie verwechselte das Geräusch ihrer Schritte mit ihrem Ohrensausen und den eingebildeten Stimmen, die sie aus den Wänden hervorkommen hörte. Eines Tages, als sie morgens eine Butte in den Keller gebracht hatte, bekam sie Angst, als sie den Fisch ganz mit Feuer bedeckt sah, befand sich von da an schlechter und glaubte schließlich, sie sei verhext.
In der Hoffnung, Visionen zu bekommen, drückten sie sich gegenseitig den Nacken, machten sich Säckchen aus Belladonna, nahmen die Zauberdose in Gebrauch: eine kleine Dose, aus der ein von Nägeln starrender Pilz hervorkommt, und die man vermittels eines um die Brust befestigten Bandes auf dem Herzen trägt. Alles schlug fehl; doch sie konnten mit dem Kreis Dupotets einen Versuch machen.
Pécuchet schmierte mit Kohle eine schwarze Rundung auf den Boden, um die Lebensgeister hineinzuschließen, welchen die Luftgeister helfen sollten, und glücklich, Bouvard in seiner Gewalt zu haben, sagte er mit priesterlicher Miene zu ihm:
„Ich wette, daß du nicht hinüberkommst!“
Bouvard betrachtete diese runde Stelle. Bald klopfte sein Herz, seine Augen trübten sich.
„Ach! machen wir ein Ende!“
Und er sprang hinüber, um einem unbeschreiblichen Gefühl des Mißbehagens zu entgehen.
Pécuchet, dessen Begeisterung im Wachsen war, wollte einen Toten erscheinen lassen.
Unter dem Direktorium zeigte ein Mann, Rue de l’Echiquier, die Opfer der Schreckensherrschaft. Die Beispiele von Gespenstererscheinungen sind zahllos. Ob das ein Schein sei, was tut das! es kommt darauf an, ihn zu erzeugen.
Je näher der Verstorbene uns steht, desto leichter erscheint er bei unserem Anruf; doch besaß Pécuchet kein Andenken von seiner Familie, weder einen Ring, noch ein Miniaturbild, nicht ein Haar, während Bouvard in der Lage war, seinen Vater zu beschwören; und da er Abneigung dagegen zeigte, fragte Pécuchet ihn:
„Was fürchtest du?“
„Ich? O, gar nichts! Mach, was du willst!“
Sie erkauften sich Chamberlans Dienste, der ihnen insgeheim einen alten Totenkopf verschaffte. Ein Schneider schnitt ihnen zwei weite schwarze Priesterröcke mit einer Kapuze wie an Mönchsgewändern zu. Der Wagen von Falaise brachte ihnen eine lange Rolle in einer Umhüllung. Dann machten sie sich ans Werk, der eine begierig auf die Ausführung, der andere furchterfüllt, daran zu glauben.
Das Museum hatte Behänge wie ein Katafalk. Drei Kerzen brannten am Rande des Tisches, der gegen die Wand unter das Porträt von Bouvards Vater geschoben war, über dem man den Totenkopf erblickte. Sie hatten sogar eine Kerze ins Innere des Schädels gesteckt, und Strahlen kamen aus den beiden Augenhöhlen hervor.
In der Mitte dampfte auf einer Kohlenpfanne Weihrauch. Bouvard stand dahinter; und Pécuchet, der ihm den Rücken wandte, warf Hände voll Schwefel in die Asche.
Bevor man einen Toten anruft, bedarf man der Einwilligung der Dämonen. Da nun dieser Tag ein Freitag war, -- welcher Tag Bechet gehört, -- so mußte man sich in erster Linie an Bechet wenden. Nachdem Bouvard nach rechts und links gegrüßt, das Kinn gesenkt und die Arme erhoben hatte, begann er:
„Bei Ethaniel, Anazin, Ischyros...“
Er hatte das übrige vergessen.
Pécuchet flüsterte ihm schnell die Worte zu, die er auf einem Stück Pappe aufgezeichnet hatte:
„Ischyros, Athanatos, Adonaï, Sadaï, Eloy, Messiasos (die Litanei war lang), ich beschwöre dich, ich beobachte dich, ich befehle dir, o Bechet!“
Dann die Stimme dämpfend:
„Wo bist du, Bechet? Bechet! Bechet! Bechet!“
Bouvard sank in einen Sessel, und er war recht froh, Bechet nicht zu sehen, denn eine innere Stimme warnte ihn vor diesem Beginnen als vor einem Frevel. Wo war die Seele seines Vaters? Konnte sie ihn hören? Wenn sie sich plötzlich einstellte?
Die Vorhänge bewegten sich langsam in der Zugluft, die durch eine zersprungene Scheibe hereinkam, -- und die Kerzen warfen schwankende Schatten über den Totenkopf und das gemalte Antlitz. Eine erdige Farbe bräunte beide in gleicher Weise. Schimmel zerfraß die Wangen, die Augen waren glanzlos; doch in den Höhlungen des Schädels flackerte ein Licht. Es schien zuweilen auf das Bild des Vaters herabzugleiten, sich auf dessen Rockkragen niederzulassen, in seinem Backenbart zu sitzen; und die halb aus dem Rahmen gelöste Leinwand schwankte, zitterte.
Allmählich glaubten sie von einem Atem gestreift zu werden und die Annäherung eines unkörperlichen Wesens zu spüren. Schweißtropfen feuchteten Pécuchets Stirn, und jetzt fingen auch Bouvards Zähne an zu klappern, ein Krampf faßte ihn an der Herzgrube; der Fußboden entwich wie eine Woge unter seinen Füßen; der Schwefel, der im Kamin brannte, schlug sich in großen Wirbeln nieder; zugleich flatterten Fledermäuse umher; ein Schrei erscholl; -- was war das?
Jeder zeigte dem andern in seiner Kapuze ein so verzerrtes Gesicht, daß ihr Entsetzen sich dadurch steigerte, und während sie weder eine Bewegung zu machen noch auch zu sprechen wagten, hörten sie hinter der Tür Seufzen, wie von einer in Not befindlichen Seele.
Endlich wagten sie sich hin.
Es war ihre alte Magd, welche ihnen, durch eine Wandspalte guckend, auflauerte und den Teufel zu sehen geglaubt hatte; und im Flur kniend, schlug sie ein Kreuz nach dem andern.
Alles Zureden war nutzlos; sie verließ noch denselben Abend das Haus, da sie bei solchen Leuten nicht im Dienst bleiben wolle.
Germaine plauderte die Sache aus. Chamberlan verlor seine Stelle, und es entstand eine stumme Koalition gegen sie, die durch den Abbé Jeufroy, Frau Bordin und Foureau gebildet wurde.
Ihre Lebensweise, die nicht die der anderen war, mißfiel. Sie wurden verdächtig und flößten sogar eine unbestimmte Angst ein.
Was ihnen vollends in der Meinung der anderen den Rest gab, das war die Wahl ihres Dienstboten. In Ermangelung eines andern hatten sie Marcel ins Haus genommen.
Seine Hasenscharte, seine Häßlichkeit und sein Kauderwelsch machten ihn abstoßend. Ein Findelkind, war er auf gut Glück in der freien Natur aufgewachsen und hatte von seinem langen Elend einen unersättlichen Hunger behalten. Krepierte Tiere, verdorbener Speck, ein überfahrener Hund, alles war ihm recht, wofern nur das Stück groß war, und er war sanft wie ein Lamm, doch vollständig stumpfsinnig.
Die Dankbarkeit hatte ihn getrieben, sich den Herren Bouvard und Pécuchet als Diener anzubieten; und dann hoffte er auf außerordentlichen Gewinn, da er sie für Hexenkünstler hielt.
Gleich während der ersten Tage vertraute er ihnen ein Geheimnis an. Unter der Heide von Poligny hatte ehemals ein Mann einen Goldbarren gefunden. Die Geschichte wird bei den Historikern von Falaise erzählt; sie kennen den Schluß nicht: zwölf Brüder hatten, bevor sie auf eine Reise gingen, zwölf gleiche Barren längs der Straße von Chavignolles bis Bretteville vergraben, -- und Marcel bestürmte seine Herren mit Bitten, die Nachforschungen wieder aufzunehmen. Diese Barren, so sagten sie sich, waren vielleicht zur Zeit der Auswanderung verscharrt.
Hier mußte man die Wünschelrute anwenden. Ihre Kräfte sind zweifelhaft. Jedoch studierten sie die Frage, -- und sie erfuhren, daß ein gewisser Pierre Garnier sie mit wissenschaftlichen Gründen stützt: die Quellen und Metalle sollten winzige Körperchen ausströmen, die dem Holze wahlverwandt seien.
Das ist keineswegs wahrscheinlich! Doch wer weiß? Machen wir einen Versuch!
Sie schnitten sich eine Gabel aus Haselnuß, -- und eines Morgens machten sie sich auf die Suche nach dem Schatz.
„Man wird ihn herausgeben müssen,“ sagte Bouvard.
„O nein! das wäre noch schöner!“
Nach einem Marsche von drei Stunden hielt ein Bedenken sie an: „Die Straße von Chavignolles nach Bretteville! -- war das die alte oder die neue? Es mußte die alte sein!“
Sie rannten wieder zurück und durchliefen aufs Geratewohl die Umgegend, da die Spur der alten Straße nicht leicht zu erkennen war.
Marcel lief nach rechts und links, wie ein Jagdhund auf der Suche. Alle fünf Minuten mußte Bouvard ihn zurückrufen; Pécuchet ging schrittweise vor, die Rute an den beiden Sprossen haltend, mit der Spitze nach oben. Oft war es ihm, als ziehe eine Kraft gleichsam wie eine Klammer ihn zu Boden, und Marcel machte eiligst einen Einschnitt in den nächsten Baum, um die Stelle später wiederzufinden.
Indessen verlangsamte Pécuchet seinen Schritt. Sein Mund stand offen, seine Augen verdrehten sich. Bouvard rief ihn an, schüttelte ihn an den Schultern; er regte sich nicht und blieb regungslos, genau wie die Barbée.
Dann erzählte er, daß er um das Herz eine Art von Reißen gefühlt habe, einen sonderbaren Zustand, der ohne Zweifel von der Rute herrühre; -- und er wollte sie nicht mehr anrühren.
Am folgenden Tage kehrten sie zu den mit Zeichen versehenen Bäumen zurück. Marcel grub mit einem Scheit Löcher, in keinem Falle förderte das Nachgraben etwas zutage; -- und sie waren jedesmal äußerst kleinlaut. Pécuchet setzte sich an den Rand eines Grabens; und während er mit erhobenem Kopf träumte und sich dabei anstrengte, durch seinen aromatischen Rüssel die Stimme der Geister zu vernehmen, und sich sogar fragte, ob er einen besitze, heftete er seinen Blick auf den Schirm seiner Mütze; der ekstatische Zustand vom Abend vorher erfaßte ihn wieder. Er hielt lange an, wurde furchtbar.
Über den Haferfeldern erschien in der Richtung eines Fußpfades ein Filzhut: es war Herr Vaucorbeil, der auf seiner Stute dahertrabte. Bouvard und Marcel riefen ihn an.
Die Krise ging zu Ende, als der Arzt ankam. Um Pécuchet besser betrachten zu können, hob er dessen Mütze in die Höhe, -- er sah nun eine mit kupferroten Stellen bedeckte Stirn und sagte:
„Aha! Fructus belli! Das ist syphilitischer Ausschlag, mein Lieber! Pflegen Sie sich! zum Teufel! Mit der Liebe ist nicht zu spaßen.“
Beschämt setzte Pécuchet seine Mütze wieder auf, eine Art flacher Kappe, die sich über einem halbmondförmigen Schirm bauschte, und zu der er das Modell in Amoros’ Illustrationen gefunden hatte.
Die Worte des Doktors machten ihn starr. Er dachte darüber nach, die Augen in der Luft, -- und plötzlich erfaßte ihn der Zustand wieder.
Vaucorbeil beobachtete ihn, dann stieß er Pécuchets Mütze mit dem geschnellten Finger an, daß sie herabfiel.
Pécuchet erlangte seine volle Besinnung wieder.
„Ich dachte es mir,“ sagte der Arzt, „der lackierte Schirm hypnotisiert Sie wie ein Spiegel, und diese Erscheinung ist bei Leuten nicht selten, die einen glänzenden Körper mit zu viel Aufmerksamkeit betrachten.“
Er gab an, wie man den Versuch mit Hühnern machen könne, bestieg seinen Klepper und verschwand langsam.
Eine halbe Stunde weiter bemerkten sie einen pyramidenförmigen Gegenstand, der sich am Horizont im Hofe eines Pachtgutes erhob. Man hätte das für eine ungeheure Dolde schwarzer Trauben halten können, die hier und dort rote Punkte zeigten. Es war, normännischem Brauch folgend, ein langer Mast mit Querstäben, auf denen Puten saßen und sich in der Sonne blähten.
„Laß uns hineingehen.“ Und Pécuchet sprach den Pächter an, der in ihren Wunsch willigte.
Mit Kreide zeichneten sie eine Linie in die Kelter, fesselten einem Puter die Pfoten, legten ihn dann lang hin, den Schnabel in der Richtung des Strichs. Das Tier schloß die Augen und schien bald wie tot. Mit den anderen ging es ebenso. Bouvard langte sie behende Pécuchet hin, welcher sie nebeneinanderlegte, sobald sie starr waren. Die Leute von dem Pachthofe bekundeten Unruhe. Die Herrin schrie, ein kleines Mädchen weinte.
Bouvard befreite das ganze Geflügel. Die Tiere belebten sich nach und nach, aber man konnte nicht wissen, was für Folgen das haben würde. Bei einer etwas abweisenden Entgegnung Pécuchets faßte der Pächter seine Mistgabel.
„Schert Euch zum Teufel! Oder ich renne Euch das Ding in den Bauch.“
Sie machten sich davon.
Einerlei! Das Problem war gelöst; der Ekstase liegt eine materielle Ursache zugrunde.
Was ist denn die Materie? Was ist der Geist? Woher kommt die Wirkung des einen auf das andere; -- und wechselweise?
Um sich darüber klar zu werden, suchten sie bei Voltaire, bei Bossuet, bei Fénelon, -- und nahmen sogar wieder ein Abonnement auf eine Leihbibliothek.
Die alten Meister waren durch die Länge ihrer Werke oder durch die Schwierigkeit ihres Idioms für sie unzugänglich, aber Jouffroy und Damiron weihten sie in die moderne Philosophie ein, -- und sie verschafften sich Bücher über die Philosophie des verflossenen Jahrhunderts.
Bouvard nahm seine Argumente aus Lamettrie, Locke, Helvetius; Pécuchet aus Herrn Cousin, Thomas Reid und Gérando. Der erstere hielt sich an die Erfahrung; das Gedankliche war alles für den letzteren. In dem einen steckte etwas von Aristoteles, der andere fühlte sich Plato verwandt, -- und sie diskutierten.
„Die Seele ist unkörperlich!“ sagte der eine.
„Keineswegs!“ sagte der andere. „Wahnsinn, Chloroform, ein Aderlaß werfen sie um, und da sie nicht immer denkt, so ist sie durchaus keine Substanz, die aus reinem Denken besteht.“
„Indessen“, wandte Pécuchet ein, „habe ich in mir selbst etwas, das meinem Körper überlegen ist und ihm zuweilen widerstreitet.“
„Ein Wesen im Wesen? Der homo duplex! geh doch! Verschiedene Tendenzen zeigen entgegengesetzte Motive an. Das ist alles.“
„Doch dieses Etwas, diese Seele bleibt identisch bei allen Veränderungen im Äußeren. Also ist sie einfach, unteilbar und folglich unkörperlich.“
„Wenn die Seele einfach wäre,“ erwiderte Bouvard, „so müßte das Neugeborene Erinnerung haben, denken wie der Erwachsene. Das Denken kommt dagegen mit der Entwicklung des Gehirns. Was die Unteilbarkeit anlangt, so lassen sich der Duft einer Rose oder der Hunger eines Wolfes ebensowenig in zwei Teile zerlegen wie das Wollen oder eine Behauptung.“
„Das schadet nichts!“ sagte Pécuchet, „die Seele ist frei von den Eigenschaften der Materie!“
„Glaubst du an die Schwerkraft?“ fuhr Bouvard fort. „Wenn nun die Materie fallen kann, so kann sie auch denken. Da unsere Seele einen Anfang genommen hat, muß sie auch ein Ende nehmen und, da sie von den Organen abhängt, mit ihnen verschwinden.“
„Ich dagegen behaupte, daß sie unsterblich ist! Gott kann nicht wollen...“
„Aber wenn Gott nicht existiert?“
„Wie?“ Und Pécuchet führte die drei cartesianischen Beweisgründe an: „Primo, Gott ist in der Idee einbegriffen, die wir von ihm haben; secundo, seine Existenz ist möglich; tertio, da ich begrenzt bin, wie könnte ich eine Idee vom Unbegrenzten haben? -- und da wir diese Idee haben, so kommt sie mir von Gott, also existiert Gott!“
Er ging zum Zeugnis aus dem Gewissen, zur Überlieferung der Völker, zur Notwendigkeit eines Schöpfers über.
„Wenn ich eine Uhr sehe...“
„Ja! ja! kennen wir! doch wo ist der Vater des Uhrmachers?“
„Es muß doch eine Ursache vorhanden sein!“
Bouvard setzte Zweifel in die Kausalität. „Daraus, daß eine Erscheinung auf die andere folgt, schließt man, daß sie deren Folge ist. Beweise es!“
„Doch der Anblick des Weltalls läßt eine Absicht, einen Plan erkennen.“
„Wieso? Das Übel ist gerade so vollkommen organisiert wie das Gute. Der Wurm, der im Kopfe des Hammels entsteht und seinen Tod verursacht, hat, anatomisch genommen, denselben Wert wie der Hammel. Die Monstruositäten sind den normalen Bildungen überlegen. Der menschliche Körper könnte besser eingerichtet sein. Drei Viertel des Erdballs sind unfruchtbar. Der Mond, diese große Leuchte, zeigt sich nicht immer. Glaubst du, daß der Ozean für die Schiffe und das Holz der Bäume zur Heizung unserer Häuser bestimmt sei?“
Pécuchet antwortete:
„Indessen ist der Magen zum Verdauen da, das Bein zum Gehen, das Auge zum Sehen, wenn es auch Verdauungsschwäche, Brüche und grauen Star gibt. Keine Anordnungen ohne Zweck! Die Wirkungen zeigen sich gleich oder später. Alles beruht auf Gesetzen. Also gibt es Endursachen.“
Bouvard dachte, Spinoza könne ihm vielleicht Argumente liefern, und er bat Dumouchel um die Übersetzung von Saisset.
Dumouchel schickte ihm ein Exemplar, das seinem Freunde, dem Professor Varelot gehörte, der am zweiten Dezember verbannt war.
Die Ethik mit ihren Axiomen, ihren Folgesätzen erschreckte sie. Sie lasen nur die Stellen, die mit Bleistift angestrichen waren, und sie begriffen dieses:
Substanz ist das, was aus sich selbst, durch sich selbst, ohne Ursache, ohne Ursprung ist. Diese Substanz ist Gott.
Er allein ist Ausdehnung, -- und die Ausdehnung hat keine Grenzen. Wodurch sollte sie begrenzt sein?
Doch obwohl sie unbegrenzt ist, ist sie nicht das Absolut-Unendliche, denn sie enthält nur eine Art der Vollkommenheit, und das Absolute enthält sie alle.
Oft hielten sie ein, um den Gedanken fester zu fassen. Pécuchet nahm eine Prise nach der andern, und Bouvard war rot vor Aufmerksamkeit.
„Findest du das lustig?“
„Ja, gewiß! lies nur weiter!“
Gott entwickelt sich in einer Unzahl von Attributen, die jedes auf seine Weise die Unendlichkeit seines Wesens ausdrücken. Wir kennen ihrer nur zwei: die Ausdehnung und das Denken.
Vom Denken und von der Ausdehnung sind die unzähligen Modi abgeleitet, die wieder andere enthalten.
Der, welcher auf einmal alle Ausdehnung und alles Denken umfaßte, würde darin keine Zufälligkeit, nichts Grundloses, sondern eine geometrische Folge von Gliedern sehen, die untereinander durch notwendige Gesetze verbunden sind.
„Ach, das wäre schön!“ sagte Pécuchet.
Also gibt es Freiheit weder für den Menschen noch für Gott.
„Da hörst du’s!“ rief Bouvard.
Wenn Gott einen Willen, einen Zweck hätte, wenn er aus einem Grunde handelte, dann hätte er ein Bedürfnis, ermangelte er einer Vollkommenheit. Er wäre nicht Gott.
So ist unsere Welt nur ein Punkt in der Gesamtheit der Dinge, -- und das unserm erkennenden Geiste verschlossene Weltall ist ein Teil einer unendlichen Zahl von Welten, die neben der unserigen unendlich viele verschiedengestaltete Welten bilden. Die Ausdehnung schließt unsere Welt in sich und wird ihrerseits von Gott umschlossen, welcher in seinem Denken alle möglichen Welten enthält, und sein eigenes Denken ist in seiner Substanz eingeschlossen.
Es war ihnen, als würden sie nächtlicherweile bei eisiger Kälte in einem Ballon in endloser Fahrt gegen eine grundlose Tiefe fortgerissen, -- ohne etwas anderes als das Unfaßbare, Unbewegliche, Ewige um sich herum. Es war zu viel für sie. Sie gaben es auf.
Und von dem Wunsche nach etwas weniger Schwierigem beseelt, kauften sie den Lehrgang der Philosophie von Guesnier, der für den Schulgebrauch bestimmt ist.
Der Verfasser wirft die Frage auf, welches die beste Methode sei, die ontologische oder die psychologische.
Die erste ist der Kindheit der menschlichen Gesellschaft angemessen, als der Mensch seine Aufmerksamkeit auf die äußere Welt richtete. Doch gegenwärtig, wo er sich auf sich selbst besinnt, „halten wir die zweite für wissenschaftlicher“, und Bouvard und Pécuchet entschieden sich für diese.
Der Zweck der Psychologie ist, die Tatsachen zu studieren, die „im Busen des Ich“ vor sich gehen; man entdeckt sie durch Beobachtung.
„Beobachten wir!“ Und vierzehn Tage lang suchten sie regelmäßig nach dem Frühstück in ihrem Bewußtsein auf gut Glück, in der Hoffnung, große Entdeckungen darin zu machen, und machten keine, was sie sehr in Staunen setzte.
Ein Phänomen erfüllt das Ich, nämlich die Idee. Welcher Natur ist sie? Man hat vermutet, die Dinge spiegelten sich im Gehirn und das Gehirn schicke diese Bilder unserem Geiste, der uns die Kenntnis davon mitteilt.
Doch wenn die Idee geistig ist, wie kann man die Materie vorstellen? Daher Zweifel, was die von außen kommenden Wahrnehmungen betrifft. Wenn sie materiell ist, so würden die geistigen Dinge nicht vorgestellt werden können. Daher Zweifel in Hinsicht auf unsere inneren Wahrnehmungen.
„Übrigens gebe man acht! Diese Hypothese würde uns zum Atheismus führen.“
Denn da ein Bild ein begrenztes Ding ist, ist es ihm unmöglich, das Grenzenlose darzustellen.
„Indessen“, wandte Bouvard ein, „wenn ich an einen Wald, an eine Person, an einen Hund denke, sehe ich diesen Wald, diese Person, diesen Hund. Also stellen die Ideen diese Dinge dar.“
Und sie machten sich an den Ursprung der Ideen.
Nach Locke haben sie zwei Quellen, die sinnliche Wahrnehmung und die Reflexion, -- und Condillac führt alles auf die sinnliche Wahrnehmung zurück.
Doch dann wird der Reflexion die Grundlage fehlen. Sie bedarf eines Subjektes, eines empfindenden Wesens; und sie ist unvermögend, uns die großen, fundamentalen Wahrheiten zu geben: Gott, gute und böse Werke, das Gerechte, das Schöne und so weiter, Vorstellungen, die man als angeboren bezeichnet, das heißt als solche, die den Tatsachen und der Erfahrung vorausgehen und allgemein sind.
„Wenn sie allgemein wären, würden wir sie gleich bei unserer Geburt haben.“
„Man meint mit diesem Worte Veranlagungen, und Descartes ...“
„Dein Descartes quatscht! Denn er behauptet, der Fötus sei ihrer teilhaftig und an einer anderen Stelle gibt er zu, es sei nur implicite der Fall.“
Pécuchet war erstaunt.
„Wo findet sich das?“
„Bei Gérando!“ Und Bouvard gab ihm einen leichten Schlag auf den Bauch.
„Laß mich in Ruhe!“ sagte Pécuchet. Dann sich Condillac zuwendend: „Unsere Gedanken sind nicht Metamorphosen der sinnlichen Wahrnehmung. Sie verursacht sie, setzt sie in Bewegung. Um sie in Bewegung zu setzen, ist ein Antrieb nötig. Denn die Materie kann aus sich selbst die Bewegung nicht hervorbringen, -- und das habe ich in deinem Voltaire gefunden,“ fügte Pécuchet hinzu, indem er Bouvard eine tiefe Verbeugung machte.
So kauten sie dieselben Argumente wieder, -- jeder voll Verachtung für die Ansicht des andern, und ohne ihn von der seinigen überzeugen zu können.
Doch die Philosophie hob sie in ihrer eigenen Achtung. Mitleidig gedachten sie ihrer Beschäftigung mit Ackerbau und Politik.
Gegenwärtig widerte das Museum sie an. Am liebsten hätten sie den alten Kram verkauft, -- und sie machten sich an das zweite Kapitel: von den Fakultäten der Seele.
Man zählt ihrer drei, nicht mehr! Diejenige zu empfinden, die zu erkennen und die zu wollen.
Bei dem Empfindungsvermögen unterscheiden wir die physische und die seelische Empfindung.
Die physischen Eindrücke zerfallen naturgemäß in fünf Arten, da sie durch die Sinneswerkzeuge vermittelt werden.
Die Vorgänge bei den seelischen Eindrücken dagegen haben nichts mit dem Körper zu tun. „Was gibt es Gemeinsames zwischen der Freude eines Archimedes, als er die Gesetze der Schwere fand, und der unreinen Lust eines Apicius, als er einen Eberkopf verzehrte!“
Die seelische Empfindung hat vier Gattungen, und ihre zweite Gattung, „moralische Wünsche“, zerfällt in fünf Arten, und die Erscheinungen der vierten Gattung, „Affektion“, zerfallen wieder in zwei neue Arten, unter ihnen die Eigenliebe, „ohne Zweifel ein berechtigter Hang, der jedoch, wenn ausgeartet, den Namen Egoismus annimmt“.