Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass
Part 17
Das gewählte Möbel war ein großer runder Tisch, an dem sich Pécuchet, Girbal, Frau Marescot und ihr Vetter, Herr Alfred, niederließen.
Der Tisch, der Rollen hatte, glitt nach rechts; die Teilnehmer folgten, ohne die Lage ihrer Finger zu ändern, seiner Bewegung, und er machte noch selbständig zwei Drehungen. Man war starr.
Da sagte Herr Alfred langsam und deutlich mit lauter Stimme:
„Geist, wie findest du meine Cousine?“
Der Tisch tat, langsam schwankend, neun Schläge.
Nach einem Verzeichnis, in dem die Anzahl der Schläge in Buchstaben übersetzt war, bedeutete das: „Entzückend“. Bravorufe ertönten.
Dann forderte Marescot, um Frau Bordin zu necken, den Geist auf, deren genaues Alter anzugeben.
Der Fuß des Tisches gab fünf Schläge.
„Wie? fünf Jahre!“ rief Girbal.
„Die Zehner zählen nicht,“ erwiderte Foureau.
Die Witwe lächelte, innerlich voll Ärger.
Die Antworten auf die übrigen Fragen waren Fehlschläge, so kompliziert war das Alphabet. Besser arbeitete die Planchette, eine schnell funktionierende Vorrichtung, deren Fräulein Laverrière sich sogar bedient hatte, um in ein Buch die direkten Mitteilungen Ludwigs XII., Clémence Isaures, Franklins, Jean Jacques Rousseaus und anderer niederzuschreiben. Diese Apparate wurden in der Rue d’Aumale verkauft; Herr Alfred versprach einen, dann wandte er sich an die Hilfslehrerin:
„Doch jetzt ein wenig Musik, nicht wahr? Eine Mazurka!“
Zwei Akkorde wurden angeschlagen und zitterten durch den Raum. Er faßte seine Cousine um die Taille, verschwand mit ihr, kam zurück. Man war durch den Luftzug des Gewandes erfrischt, das im Vorüberfliegen die Türen streifte. Sie legte den Kopf in den Nacken, er rundete seinen Arm. Man bewunderte ihre Grazie, seine elegante Haltung; und ohne auf die kleinen Kuchen zu warten, ging Pécuchet, ganz verblüfft über den Abend, heim.
Er mochte noch soviel wiederholen: „Aber ich habe es gesehen! ich habe es gesehen!“ Bouvard bestritt die Tatsachen und willigte nichtsdestoweniger ein, selbst Versuche zu machen.
Vierzehn Tage lang verbrachten sie ihre Nachmittage, einander gegenübersitzend, die Hände auf einem Tisch, dann auf einem Hut, auf einem Korbe, auf den Tellern. Alle diese Gegenstände blieben regungslos.
Die Erscheinung des Tischrückens bleibt trotzdem unbestreitbar. Der große Haufe schreibt sie Geistern zu, Faraday der Übertragung der Nervenkraft, Chevreul unbewußter Anstrengung; oder vielleicht geht, wie Ségouin annimmt, von der Ansammlung von Menschen ein Antrieb, ein magnetischer Strom aus.
Diese Hypothese versetzte Pécuchet in träumerisches Nachsinnen. Er nahm den „Führer des Magnetiseurs“ von Montacabère aus seiner Bibliothek, las ihn aufmerksam durch und weihte Bouvard in die Theorie ein.
Alle Lebewesen unterliegen dem Einfluß der Gestirne und vermitteln ihn. Ihre Einwirkung ähnelt der magnetischen Kraft. Hat man diese Kraft in der Gewalt, so kann man Kranke heilen, das ist die Grundlehre. Die Wissenschaft hat seit Mesmer Fortschritte gemacht, -- doch ist es immer noch von Wichtigkeit, das magnetische Fluidum ausströmen zu lassen und Streichbewegungen vorzunehmen, die zunächst in Schlaf versetzen sollen.
„Nun gut, schläfere mich ein!“ sagte Bouvard.
„Unmöglich,“ erwiderte Pécuchet, „um der magnetischen Wirkung zu unterliegen und um sie zu übertragen, ist der Glaube daran unerläßlich.“
Dann, Bouvard betrachtend:
„Ach! wie schade.“
„Wieso?“
„Ja, wenn du wolltest, würde es mit ein wenig Übung keinen besseren Magnetiseur geben als dich!“
Denn er besitze alles, was nötig sei: ein einnehmendes Wesen, einen kräftigen Körper und einen starken Willen.
Diese Fähigkeit, die man soeben an ihm entdeckt hatte, schmeichelte Bouvard. Er vertiefte sich heimlich in Montacabère.
Als dann Germaine Ohrensausen hatte, das sie schwerhörig machte, sagte er eines Abends in nachlässigem Tone:
„Wenn man es mit Magnetismus versuchte?“
Sie hatte nichts dagegen. Er setzte sich vor sie hin, nahm ihre beiden Daumen in seine Hände und blickte sie starr an, als wenn er sein ganzes Leben nichts anderes getan hätte.
Die gute Frau, einen Wärmer unter den Füßen, begann den Nacken zu beugen; ihre Augen fielen zu, und ganz sacht begann sie zu schnarchen. Nach Verlauf einer Stunde, während welcher sie sie betrachteten, sagte Pécuchet mit leiser Stimme:
„Was fühlen Sie?“
Sie erwachte.
Später würde sich ohne Zweifel das Hellsehen einstellen.
Dieser Erfolg machte sie kühn; sie nahmen die Ausübung der Medizin mit sicherer Haltung wieder auf und behandelten Chamberlan, den Küster, der über Seitenschmerzen klagte; Migraine, einen Maurer, der an einem nervösen Magenübel litt; die Mutter Varin, deren krebsige Geschwulst unterhalb des Schlüsselbeins zu ihrer Ernährung Fleischpflaster verlangte; einen Gichtkranken, den Vater Lemoine, der sich bis vor die Kneipen zu schleppen pflegte; einen Schwindsüchtigen, einen einseitig Gelähmten und noch viele andere. Sie behandelten auch Schnupfen und Frostbeulen.
Nach der Untersuchung der Krankheit verständigten sie sich durch den Blick, welche Art des Bestreichens anzuwenden sei, ob mit starkem oder schwachem Fluidum, aufwärts oder abwärts gehend, longitudinal, transversal, zwei-, drei- oder gar fünffingerig. Wenn der eine genug davon hatte, ersetzte ihn der andere. Dann, nach Hause zurückgekehrt, schrieben sie die Beobachtungen in das tägliche Behandlungsbuch.
Ihre salbungsvollen Manieren bestachen die Leute. Doch gab man Bouvard den Vorzug, und sein Ruf drang bis nach Falaise, als er die Barbée geheilt hatte, die Tochter des alten Barbey, eines ehemaligen Kapitäns, der weit herumgekommen war.
Sie fühlte eine Art bohrenden Schmerz am Hinterkopf, sprach mit rauher Stimme, nahm oft mehrere Tage keine Nahrung zu sich, verschlang dann Gips oder Kohlen. Ihre nervösen Anfälle, die mit Schluchzen einsetzten, lösten sich in einen Tränenerguß; und man hatte alle Mittel angewandt, von den Aufgüssen bis zu den Moxen, so daß sie, aller Kuren müde, Bouvards Anerbietungen annahm.
Nachdem er die Magd fortgeschickt und die Riegel vorgeschoben hatte, begann er, der Barbée den Unterleib zu reiben und drückte dabei auf die Stelle, wo der Eierstock sitzt. Ein Wohlbehagen äußerte sich durch Seufzer und Gähnen. Er legte ihr einen Finger zwischen die Augenbrauen oberhalb der Nase; plötzlich wurde sie wie leblos. Wenn man ihre Arme emporhob, fielen sie zurück; ihr Kopf behielt die Stellungen, die man ihm gab, und während ihre halbgeschlossenen Augenlider in krampfartiger Bewegung zitterten, ließen sie die Augäpfel sehen, die langsam rollten; sie blieben verzerrt in den Winkeln stehen.
Bouvard fragte sie, ob sie Schmerzen habe; sie antwortete: nein; was sie jetzt wahrnähme? Sie unterscheide das Innere ihres Körpers.
„Was sehen Sie da?“
„Einen Wurm.“
„Was muß man tun, um ihn zu töten?“
Ihre Stirn furchte sich.
„Ich suche...; ich kann nicht, ich kann nicht.“
Bei der zweiten Sitzung verordnete sie sich einen Aufguß von Nesseln; bei der dritten Katzenkraut. Die Anfälle wurden schwächer, verschwanden. Es war wirklich wie ein Wunder.
Das Bestreichen der Nase hatte bei den anderen Kranken keinen Erfolg, und um den somnambulen Zustand herbeizuführen, gedachten sie eine mesmersche Wanne anzufertigen. Pécuchet hatte sogar schon Feilspäne gesammelt und etwa zwanzig Flaschen gereinigt, als ein Bedenken ihn anhielt. Unter den sich einstellenden Kranken würden Personen weiblichen Geschlechtes sein.
„Und was sollen wir machen, wenn sie Anfälle von Liebesraserei bekommen?“
Das hätte Bouvard nicht abgehalten; doch wegen des Klatsches und etwaiger Erpressungsversuche war es besser, davon abzustehen. Sie begnügten sich mit einer Harmonika und nahmen sie mit in die Häuser; die Kinder freuten sich darüber.
Eines Tages, als Migraine sich wieder schlechter befand, eilten sie zu ihm. Die kristallhellen Töne brachten ihn außer sich; doch Deleuze empfiehlt, über die Klagen nicht in Schrecken zu geraten; die Musik hielt an.
„Genug! Genug!“ schrie er.
„Ein wenig Geduld,“ wiederholte Bouvard.
Pécuchet klopfte schneller auf die gläsernen Plättchen, und das Instrument erzitterte, und der arme Mann heulte, als der Arzt erschien, durch den Lärm herbeigelockt.
„Wie, wieder Sie?“ rief er, wütend, sie immer bei seinen Kranken zu finden.
Sie erklärten ihr magnetisches Mittel. Da wetterte er gegen den Magnetismus, diesen Wust von Spielerei, dessen Wirkungen auf Einbildung beruhten.
Man kann indessen auch Tiere magnetisieren. Montacabère bestätigt es, und Herrn Fontaine ist es gelungen, eine Löwin zu magnetisieren. Sie hatten keine Löwin, aber der Zufall bot ihnen ein anderes Tier.
Denn am folgenden Tage um sechs Uhr morgens kam ein Ackerknecht, um ihnen zu bestellen, daß man ihrer auf dem Pachthofe wegen einer in Lebensgefahr schwebenden Kuh bedürfe.
Sie eilten hin.
Die Apfelbäume standen in Blüte, und das Gras im Hof dampfte in der aufgehenden Sonne. Am Rande des Teiches brüllte, halb mit einem Tuche bedeckt, eine Kuh. Sie zitterte unter den Eimern Wassers, die man ihr über den Leib goß, und unförmig aufgetrieben, glich sie einem Nilpferd.
Ohne Zweifel hatte sie „Gift“ gefressen, während sie im Klee weidete. Vater und Mutter Gouy waren untröstlich, denn der Tierarzt konnte nicht kommen, und ein Stellmacher, der Anschwellungen besprechen konnte, wollte sich nicht herbemühen; doch die Herren, die ja eine berühmte Bibliothek besäßen, wüßten jedenfalls ein Geheimmittel.
Nachdem sie ihre Ärmel aufgestreift hatten, stellte sich der eine vor die Hörner, der andere an das Kreuz, und mit gewaltigen Willensanstrengungen und wahnsinnigen Gebärden spreizten sie die Finger, um über das Tier Ströme des Fluidums auszugießen, während der Pächter, seine Gattin, ihr Knabe und die Nachbarn ihnen fast entsetzt zuschauten.
Knurren, das man im Bauche des Tieres hörte, verursachte Blähungen tief in den Eingeweiden. Die Kuh gab einen Wind von sich. Da sagte Pécuchet:
„Das ist ein Tor, das sich der Hoffnung öffnet, vielleicht eine Entladung.“
Die Entladung ging vor sich, die Hoffnung spritzte in einem Haufen gelber Masse heraus, die mit der Gewalt einer Granate hervorplatzte. Die Herzen wurden leichter, die Kuh nahm an Umfang ab. Eine Stunde später hatte sie wieder ihr gewöhnliches Aussehen.
Das war gewiß nicht die Wirkung der Einbildungskraft. Also enthält dieses Fluidum eine besondere Kraft. Sie läßt sich in Gegenstände einschließen, aus denen man sie hervorholen kann, ohne daß sie sich verringert. Ein solches Hilfsmittel erspart Wege. Sie nahmen es in Gebrauch, und sie sandten ihren Kunden magnetisierte Münzen, magnetisierte Taschentücher, magnetisiertes Wasser, magnetisiertes Brot.
Als sie dann ihre Studien fortsetzten, gaben sie das Bestreichen zugunsten des Systems von Puységur auf, der den Magnetiseur durch einen alten Baum ersetzt, um dessen Stamm sich ein Strick schlingt.
Ein Birnbaum in ihrem Obsthof schien ihnen wie dazu geschaffen. Sie reparierten ihn, indem sie ihn zu wiederholten Malen fest umfaßten. Eine Bank wurde darunter gesetzt. Ihre Stammgäste reihten sich darauf, und sie erzielten so wunderbare Resultate, daß sie Vaucorbeil, um ihn hineinzulegen, mit den Honoratioren des Landes zu einer Sitzung einluden.
Nicht einer fehlte.
Germaine empfing sie in dem kleinen Saal, indem sie bat, „entschuldigen zu wollen“, ihre Herren würden gleich kommen.
Von Zeit zu Zeit hörte man es klingeln. Es waren die Kranken, die sie in einen anderen Raum führte. Die Eingeladenen stießen sich mit den Ellbogen an, um einander auf die staubigen Fenster, die Flecken auf dem Getäfel, auf den abblätternden Anstrich aufmerksam zu machen; und der Garten sah jämmerlich aus. Überall abgestorbenes Holz! Zwei Stöcke vor der Mauerbresche versperrten den Eingang zum Obstgarten.
Pécuchet erschien!
„Zu Ihren Diensten, meine Herren!“
Und man sah hinten unter dem Birnbaum Eduins mehrere Personen sitzen.
Chamberlan, wie ein Priester ohne Bart und in einer kurzen Sutane aus Lasting mit einem Lederkäppchen auf dem Kopfe, überließ sich einem Zittern, das seine Seitenschmerzen verursachten; Migraine, der noch immer am Magen litt, verzerrte neben ihm sein Gesicht. Die Mutter Varin trug einen mehrmals umgeschlungenen Schal, um ihre Geschwulst zu verbergen. Der alte Lemoine, dessen bloße Füße in Schlappen steckten, hatte seine Beine über seine Krücken gelegt, und die Barbée, die ihren Sonntagstaat angelegt hatte, war außerordentlich blaß.
Auf der anderen Seite des Baumes bemerkte man weitere Personen: eine Frau mit einem Albinokopf wischte die eiternden Drüsen an ihrem Halse ab. Das Gesicht eines kleinen Mädchens verschwand zur Hälfte unter blauen Brillengläsern. Ein Greis, dessen Rücken durch eine Verkrümmung verunstaltet wurde, stieß mit seinen unfreiwilligen Bewegungen Marcel, einen Idioten, der in einer zerlumpten Bluse und einer geflickten Hose steckte. Seine schlecht geflickte Hasenscharte ließ seine Schneidezähne sehen, und seine ungeheuerlich geschwollene Backe war dick in leinene Umschläge verpackt.
Alle hielten einen Bindfaden in der Hand, der vom Baume herabhing, und die Vögel sangen; der Duft des warm gewordenen Rasens wogte in der Luft. Die Sonne drang zwischen den Zweigen durch. Man schritt über Moos.
Indessen rissen die Medien, anstatt zu schlafen, die Augen weit auf.
„Bis jetzt ist die Sache recht langweilig,“ sagte Foureau. „Fangen Sie an, ich entferne mich für einen Augenblick.“
Und er kam zurück, aus einem Abd-el-Kader rauchend, dem letzten Rest der Tür mit den Pfeifen.
Pécuchet erinnerte sich eines ausgezeichneten Mittels der Magnetisierung. Er brachte die Nasen aller Kranken in seine Mundöffnung und sog ihren Atem ein, um die Elektrizität an sich zu ziehen, und zu gleicher Zeit umfaßte Bouvard den Baum, um den Strom zu verstärken.
Der Maurer hörte auf zu schluchzen, der Küster zappelte weniger, der Mann mit der Verkrümmung regte sich nicht mehr. Man konnte sich ihnen jetzt nähern, alle Versuche mit ihnen anstellen.
Der Arzt stach mit einer Lanzette Chamberlan unter das Ohr, der ein wenig zitterte. Das Empfindungsvermögen war bei den andern zweifellos vorhanden. Der Gichtleidende stieß einen Schrei aus. Die Barbée jedoch lächelte wie im Traume, und ein dünner Faden von Blut floß unter ihr Kinn. Foureau wollte sie selbst auf die Probe stellen und die Lanzette nehmen, und als der Arzt sie ihm verweigerte, kniff er die Kranke tüchtig. Der Hauptmann kitzelte ihr die Nase mit einer Feder, der Steuereinnehmer wollte ihr eine Nadel unter die Haut stecken.
„Lassen Sie sie doch,“ sagte Vaucorbeil, „es ist schließlich nichts Merkwürdiges! eine Hysterische! der Teufel würde mit seinem Witz an der zu Schanden werden!“
„Jene da,“ sagte Pécuchet, indem er auf Victoire wies, „die skrofulöse Frau ist ein Arzt! Sie erkennt die Krankheiten und gibt Heilmittel an.“
Langlois brannte vor Verlangen, sie wegen seines Katarrhs zu befragen; er wagte es nicht; doch Coulon, der kühner war, stellte eine Frage wegen seines Rheumatismus.
Pécuchet legte Coulons rechte Hand in die Linke Victoires, und mit immer geschlossenen Lidern, leicht geröteten Wangen und zitternden Lippen verordnete die Somnambule, nachdem sie erst irre geredet, „Valum becum“.
Sie hatte bei einem Apotheker in Bayeux gedient. Vaucorbeil schloß daraus, daß sie sagen wolle: „Album graecum“, ein Wort, das sie vielleicht in der Apotheke flüchtig gelesen hatte.
Dann wandte er sich dem alten Lemoine zu, der, Bouvard zufolge, Dinge durch undurchsichtige Körper wahrnahm.
Er war ein ehemaliger Schulmeister, der sich dem Trunke ergeben hatte. Weißes Haar umflatterte sein Gesicht, und gegen einen Baum gelehnt, die Handflächen geöffnet, schlief er mitten in der Sonne mit majestätischer Miene.
Der Arzt band ihm eine doppelte Binde über die Augen, und Bouvard sagte gebieterisch, ihm eine Zeitung hinhaltend:
„Lesen Sie!“
Der Alte senkte die Stirn, bewegte die Gesichtsmuskeln, warf dann den Kopf zurück und buchstabierte schließlich:
„Kon - sti - tu - tion - nel.“
Doch mit der nötigen Geschicklichkeit könne man jede Binde verschieben!
Dieser Zweifel des Arztes empörte Pécuchet. Er wagte sogar die Behauptung, daß die Barbée beschreiben könne, was gegenwärtig in Vaucorbeils Hause vorgehe.
„Gut,“ antwortete der Doktor.
Und seine Uhr ziehend:
„Womit beschäftigt sich meine Frau?“
Die Barbée zögerte lange; dann sagte sie mit verdrießlicher Miene:
„Wie! was? Ach, jetzt verstehe ich! Sie näht Bänder an einen Strohhut.“
Vaucorbeil riß ein Blatt aus seinem Notizbuch und schrieb ein Billett, das der Gehilfe Marescots hinzutragen sich beeilte.
Die Sitzung war zu Ende. Die Kranken entfernten sich.
Bouvard und Pécuchet hatten, im ganzen genommen, nicht gut abgeschnitten. Lag das an der Temperatur oder am Geruch des Tabaks, oder am Schirm des Abbés Jeufroy, der einen Beschlag aus Messing hatte, einem Metall, das dem Ausströmen des Fluidums feindlich ist?
Vaucorbeil zuckte die Achseln.
Indessen könne er nicht den guten Glauben der Herren Deleuze, Bertrand, Morin, Jules Cloquet bezweifeln. Nun versichern diese Meister, daß Somnambulen Ereignisse vorausgesagt, grausige Operationen schmerzlos überstanden haben.
Der Abbé berichtete noch erstaunlichere Geschichten. Ein Missionar habe Brahmanen eine Wölbung mit dem Kopf nach unten durchlaufen sehen, der Groß-Lama in Tibet schlitze sich die Gedärme auf, um Orakel zu erteilen!
„Scherzen Sie?“ sagte der Arzt.
„Keineswegs!“
„Gehen Sie doch! Welch ein Schwindel!“
Und während man von der eigentlichen Frage abkam, gab jeder Anekdoten zum besten.
„Ich,“ sagte der Krämer, „ich hatte einen Hund, der immer krank war, wenn der Monat mit einem Freitag begann.“
„Wir waren vierzehn Kinder,“ hob der Friedensrichter an. „Ich bin am 14. geboren, meine Hochzeit fand am 14. statt, und mein Namensfest fällt auf den 14.! Erklären Sie mir das.“
Beljambe hatte häufig die Zahl der Reisenden geträumt, die er am folgenden Tage in seinem Gasthaus haben würde, und Petit erzählte die Geschichte vom Souper Cazottes.
Da äußerte der Geistliche diesen Gedanken:
„Soll man darin nicht ganz einfach etwas erblicken wie...“
„Die bösen Geister, nicht wahr?“ sagte Vaucorbeil.
Anstatt zu antworten, nickte der Abbé zustimmend.
Marescot sprach von der delphischen Pythia.
„Ohne allen Zweifel Miasmen.“
„Ach! nun sind es gar Miasmen.“
„Ich nehme ein Fluidum an,“ erwiderte Bouvard.
„Nervoso-sideral,“ fügte Pécuchet hinzu.
„Aber beweisen Sie es! Zeigen Sie es! Ihr Fluidum! Übrigens sind die Fluida aus der Mode gekommen; hören Sie mich an.“
Vaucorbeil schritt weiter, um in den Schatten zu kommen. Die wackeren Spießbürger folgten ihm.
„Wenn Sie zu einem Kinde sagen: ‚Ich bin ein Wolf, ich werde dich fressen,‘ so bildet es sich ein, Sie seien ein Wolf, und es bekommt Angst; es handelt sich also um einen Traum, der durch Worte anbefohlen ist. Ebenso nimmt der Somnambule alle beliebigen Phantastereien auf. Er erinnert sich und denkt nicht, gehorcht stets und hat nur Empfindungen, wenn er zu denken glaubt. Auf diese Weise sind Verbrechen suggeriert, und tugendsame Leute können sich in wilde Tiere verwandelt sehen und zu Menschenfressern werden.“
Man blickte Bouvard und Pécuchet an. Ihre Wissenschaft barg Gefahren für die Gesellschaft.
Marescots Gehilfe erschien wieder im Garten, einen Brief von Frau Vaucorbeil schwenkend.
Der Doktor erbrach ihn, wurde blaß und las schließlich die Worte:
„Ich nähe Bänder an einen Strohhut.“
Die Verblüffung ließ kein Lachen aufkommen.
„Ein Zufall, zum Teufel! Das beweist nichts.“
Und da die beiden Magnetiseure eine triumphierende Miene aufsetzten, wandte er sich unter der Tür um, um ihnen zu sagen:
„Hören Sie damit auf! Es sind gefährliche Belustigungen!“
Der Pfarrer, der seinen Küster mitnahm, wusch ihm gehörig den Kopf:
„Sind Sie verrückt! ohne meine Erlaubnis! Handlungen, die von der Kirche verboten sind!“
Alle waren seit einem Augenblick gegangen; Bouvard und Pécuchet plauderten mit dem Lehrer auf dem künstlichen Hügel, als Marcel mit gelöster Kinnbinde aus dem Obstgarten hervorbrach; er stammelte:
„Geheilt! geheilt! Gute Herren!“
„Schön! genug! Laß uns in Ruhe!“
„Ach, gute Herren, ich liebe Sie! Ihr Diener!“
Petit, ein Mann des Fortschritts, hatte die Erklärung des Arztes banal, spießbürgerlich gefunden. Die Wissenschaft sei ein Monopol, das in den Händen der Reichen liege. Sie schließe das Volk aus: auf die alte Analyse des Mittelalters müsse nunmehr eine umfassende und mutig an die Dinge herangehende Synthese folgen! Die Wahrheit müsse gefühlsmäßig erkannt werden, und indem er sich als Spiritisten zu erkennen gab, führte er mehrere Werke an, die ohne Zweifel Lücken hätten, aber eine Morgenröte anzeigten.
Sie ließen sie sich zusenden.
Der Spiritismus stellt das Dogma einer vom Schicksal vorherbestimmten Veredelung des Menschengeschlechts auf. Die Erde wird eines Tages zum Himmel werden, und deshalb bezauberte diese Doktrin den Lehrer. Ohne rechtgläubig zu sein, geht sie auf Sankt Augustin und den heiligen Ludwig zurück. Allan Kardec veröffentlicht sogar Bruchstücke, die von ihnen diktiert und auf der Höhe der Anschauungen unserer Zeit sind. Sie ist nützlich, förderlich und entschleiert uns wie das Teleskop höhere Welten.
Nach dem Tode und in der Ekstase werden die Geister dorthin versetzt. Aber zuweilen steigen sie auf unsern Erdball herab, wo sie die Möbel knacken lassen, an unsern Belustigungen teilnehmen, die Schönheiten der Natur und die Vergnügen der Kunst genießen.
Indessen besitzen manche unter uns einen aromatischen Rüssel, das heißt hinten am Schädel eine lange Röhre, die von den Haaren bis zu den Planeten emporsteigt und uns erlaubt, mit den Geistern des Saturn zu sprechen; die übersinnlichen Dinge sind nicht weniger wirklich, und von der Erde zu den Sternen, von den Sternen zur Erde besteht ein Kommen und Gehen, ein Übertragen, ein beständiger Austausch.
Da schwoll Pécuchets Herz von unendlichem Sehnen, und als die Nacht gekommen war, überraschte ihn Bouvard an seinem Fenster bei Betrachtung jener leuchtenden Räume, die von Geistern bewohnt werden.
Swedenborg hat dort große Reisen gemacht. Denn in weniger als einem Jahre hat er Venus, Mars, Saturn und dreiundzwanzigmal Jupiter erforscht. Außerdem hat er in London Jesus Christus gesehen, er hat Sankt Paul gesehen, er hat Sankt Johannes gesehen, er hat Moses gesehen, und im Jahre 1736 hat er sogar das Jüngste Gericht gesehen.
Auch gibt er uns Beschreibungen des Himmels.
Man findet dort Blumen, Paläste, Märkte und Kirchen genau so wie bei uns.
Die Engel, die früher Menschen waren, legen ihre Gedanken auf Blättern nieder, plaudern von den Dingen der Wirtschaft oder auch von geistigen Angelegenheiten, und die geistlichen Ämter gehören denjenigen, die sich in ihrem irdischen Leben mit der Heiligen Schrift befaßt haben.
Die Hölle jedoch ist mit einem stinkenden Geruch erfüllt, mit schlechten Hütten, einem Haufen Unreinigkeiten, Schmutzlöchern, schlecht gekleideten Personen.
Pécuchet zerwühlte sich den Verstand, um zu begreifen, was diese Offenbarungen Schönes enthielten. Sie erschienen Bouvard als der Wahnsinn eines Einfaltspinsels. Alles das geht über die Grenzen der Natur hinaus! Wer kennt sie indessen? Und sie gaben sich folgenden Betrachtungen hin:
Schwindler vermögen die Menge zu täuschen; ein Mann, der starke Leidenschaften hat, wird damit andere hervorrufen; doch wie vermag der bloße Wille die leblose Materie zu beeinflussen? Ein Baier, sagt man, brachte Trauben zur Reife; Herr Gervais hat ein Heliotrop wieder belebt; ein stärkerer zu Toulouse vertreibt die Wolken.
Soll man eine Zwischensubstanz zwischen der Welt und uns annehmen? Das Od, ein neuer ätherischer Stoff, eine Art Elektrizität, ist vielleicht nichts anderes. Seine Ausströmungen erklären den Schimmer, den die Magnetisierten zu sehen glauben: die Irrlichter der Friedhöfe, die Gespenstererscheinungen.
Diese Bilder waren demnach keine Täuschung, und die außerordentlichen Gaben der Besessenen, die denen der Somnambulen ähnlich sind, hätten eine physische Ursache?