Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass

Part 16

Chapter 163,674 wordsPublic domain

Gorju ging davon, mit seinem Stock auf die Blätter der Bäume schlagend.

Frau Castillon weinte nicht. Sie verharrte mit offenem Munde und erloschenen Augen, ohne eine Bewegung zu machen, in Verzweiflung versteinert; sie war kein Wesen mehr, sondern ein zertrümmerter Gegenstand.

Was Pécuchet soeben belauscht hatte, war für ihn gleichsam wie die Entdeckung einer Welt, -- einer ganzen Welt! -- sie hatte einen blendenden Schimmer, eine üppige Blütenpracht, Ozeane, Stürme, Schätze, -- und Abgründe von unendlicher Tiefe; -- sie strömte Schrecken aus, was tat’s! Er träumte von Liebe, wünschte sich sehnlichst, sie so zu fühlen wie sie, sie einzuflößen wie er.

Doch verabscheute er Gorju, -- und auf der Wache kostete es ihm Mühe, ihn nicht zu verraten.

Der Liebhaber der Frau Castillon demütigte ihn durch seine schlanke Figur, seine gleichmäßigen Locken, seinen krausen Bart, seine erobernde Miene, während sein eigenes Haar wie eine feuchte Perücke an seinem Schädel klebte; er sah in seinem Rock aus wie eine lange Schlummerrolle, zwei Eckzähne fehlten ihm, und sein Gesichtsausdruck war unfreundlich. Er fand den Himmel ungerecht, kam sich vor wie ein Enterbter, und sein Freund liebte ihn nicht mehr.

Bouvard verließ ihn jeden Abend. Nach dem Tode seiner Frau hätte nichts ihn gehindert, sich wieder zu verheiraten; -- wer sollte ihn jetzt verhätscheln, sein Haus besorgen? Er war zu alt, um an dergleichen zu denken.

Doch Bouvard betrachtete sich im Spiegel. Seine Backen hatten ihre Farbe behalten, seine Haare lockten sich wie früher; nicht ein einziger Zahn war lose geworden, -- und bei dem Gedanken, daß er gefallen könne, kam ihm das Gefühl der Jugend zurück. Frau Bordin tauchte in seiner Erinnerung auf. Sie hatte sich ihm gegenüber entgegenkommend gezeigt, zuerst bei dem Brande der Schober, dann bei ihrem Diner, schließlich während der Deklamation im Museum, und letzthin war sie, ohne ihm etwas nachzutragen, drei Sonntage nacheinander gekommen. Er machte ihr also einen Besuch, fand sich öfter ein und nahm sich vor, sie zu verführen.

Seit dem Tage, an welchem Pécuchet die kleine Magd beim Wasserpumpen beobachtet hatte, sprach er öfter mit ihr; -- und mochte sie nun den Flur fegen oder Wäsche ausbreiten oder in den Kochtöpfen rühren, er konnte sich an dem Glücke, sie anzusehen, nicht genug tun, -- selbst überrascht über seine Erregung, wie in der Jugend. Sie verursachte ihm Fieber und Sehnen, -- und die Erinnerung an Frau Castillon, die Gorju herzte, verfolgte ihn.

Er fragte Bouvard, wie die Lüstlinge es anstellten, die Frauen zu verführen.

„Man macht ihnen Geschenke, man hält sie im Restaurant frei.“

„Gut! Aber wie weiter?“

„Einige stellen sich, als ob sie ohnmächtig würden, damit man sie auf ein Sofa trägt, andere lassen ihr Taschentuch zur Erde fallen. Die brauchbarsten bestellen einen einfach zum Stelldichein.“ Und Bouvard erging sich in Beschreibungen, die Pécuchets Phantasie entzündeten wie obszöne Stiche. „Vor allem darf man nicht glauben, was sie sagen. Ich habe welche gekannt, die sich den Anschein von Heiligen gaben und dabei wahre Messalinen waren! Vor allem muß man kühn sein.“

Doch die Kühnheit läßt sich nicht befehlen. Pécuchet schob täglich seinen Entschluß hinaus; und zudem schüchterte ihn Germaines Gegenwart ein.

In der Hoffnung, sie werde kündigen, verlangte er von ihr ein Übermaß von Arbeit, merkte sich jedesmal, wenn sie betrunken war, tadelte ganz laut ihre Unsauberkeit, ihre Faulheit und richtete es so ein, daß sie entlassen wurde.

Nun war Pécuchet frei!

Mit welcher Ungeduld erwartete er Bouvards Fortgehen! Wie schlug sein Herz, sobald die Tür sich geschlossen hatte!

Mélie arbeitete an einem kleinen runden Tisch in der Nähe des Fensters beim Scheine einer Kerze; von Zeit zu Zeit biß sie ihren Faden mit den Zähnen ab, kniff dann die Augen ein, um ihn durch das Öhr der Nadel zu ziehen.

Zuerst wollte er wissen, was für Männer ihr gefielen. Waren es zum Beispiel die von Bouvards Art? Keineswegs; sie gab den mageren den Vorzug. Er wagte die Frage, ob sie schon einen Schatz gehabt habe. „Niemals!“

Sich nähernd, betrachtete er ihre feine Nase, ihren schmalen Mund und die Umrisse ihres Gesichts. Er machte ihr Komplimente und ermunterte sie zu einem ehrbaren Wandel.

Während er sich über sie beugte, bemerkte er in ihrem Mieder weiße Formen, von denen ein lauer Duft emporstieg, der ihm die Wange wärmte. Eines Abends berührte er die kurzen Löckchen ihres Nackens mit den Lippen, und er fühlte eine Erschütterung bis ins Mark der Knochen. Ein anderes Mal küßte er sie auf das Kinn, wobei er an sich halten mußte, nicht in ihr Fleisch zu beißen, so wonnig war es. Sie erwiderte seinen Kuß. Das Zimmer drehte sich. Er sah nicht mehr.

Er schenkte ihr ein Paar Stiefel und traktierte sie oft mit einem Glase Anislikör...

Um ihr Arbeit zu ersparen, erhob er sich frühzeitig, spaltete Holz, zündete Feuer an, trieb die Aufmerksamkeit so weit, Bouvards Schuhwerk zu reinigen.

Mélie wurde nicht ohnmächtig, sie ließ auch nicht ihr Taschentuch fallen, und Pécuchet wußte nicht, wozu er sich entschließen sollte, während sein Begehren durch die Furcht, es zu befriedigen, stieg.

Bouvard machte Frau Bordin beharrlich den Hof.

Sie empfing ihn, ein wenig zu fest in ihr buntschillerndes Seidenkleid eingeschnürt, das wie das Zaumzeug eines Pferdes knirschte, während sie, um sich Haltung zu geben, mit der langen goldenen Kette spielte.

Ihre Gespräche befaßten sich mit den Leuten in Chavignolles oder mit „ihrem verewigten Gatten“, der früher Gerichtsvollzieher in Livarot gewesen war.

Dann fragte sie nach Bouvards Vergangenheit, neugierig, „die Streiche seiner Jugend“ kennenzulernen, erkundigte sich beiläufig nach seinem Vermögen, welche Interessen ihn mit Pécuchet verknüpften.

Er bewunderte die Ordnung in ihrem Haushalt, und, wenn er bei ihr speiste, die Sauberkeit des Tafelgeschirres, die Vorzüglichkeit ihrer Küche. Eine Folge von Gerichten von großer Schmackhaftigkeit, die in gleichen Zwischenräumen von einem alten Pomard unterbrochen wurden, brachte sie bis zum Nachtisch, bei dem sie lange saßen und langsam den Kaffee schlürften; -- und Frau Bordin tauchte ihre fleischige Lippe, die leicht von einem dunklen Flaum beschattet war, in die Untertasse, während sie die Nasenflügel blähte.

Eines Tages erschien sie ausgeschnitten. Ihre Schultern fesselten Bouvard. Da er auf einem niedrigen Stuhle vor ihr saß, begann er, mit beiden Händen an ihren Armen entlang zu fahren. Die Witwe wurde böse. Er machte keinen neuen Versuch, aber malte sich Rundungen von wunderbarer Fülle und Festigkeit aus.

Eines Abends, als Mélies Küche ihn angewidert hatte, wurde ihm freudig ums Herz, als er in Frau Bordins Salon trat. Da hätte er leben mögen!

Die Glocke der Lampe, die mit rosigem Papier umhüllt war, verbreitete ein ruhiges Licht. Sie saß am Feuer! und ihr Fuß sah unter dem Saum ihres Kleides hervor. Gleich nach den ersten Worten versiegte die Unterhaltung.

Indessen schaute sie ihn mit halbgeschlossenen Lidern in schmachtender Weise hartnäckig an.

Bouvard hielt es nicht länger aus! -- und auf das Parkett niederkniend, stammelte er: „Ich liebe Sie! Heiraten wir uns!“

Frau Bordin holte tief Atem, dann sagte sie mit unbefangener Miene, er scherze; sicher würde man sich über sie lustig machen, es sei nicht vernünftig. Diese Erklärung verwirrte ihn.

Bouvard wandte ein, daß sie keines Menschen Einwilligung bedürften. „Was hält Sie ab? Die Aussteuer? Unser Leinen hat dieselbe Zeichnung, ein B! Wir werden unsere Initialen vereinigen!“

Der Schluß gefiel ihr. Doch eine wichtige Angelegenheit hinderte sie, sich vor Ende des Monats zu entscheiden. Und Bouvard seufzte.

Sie erwies ihm die Aufmerksamkeit, ihn zurückzubegleiten, -- unter dem Schutze von Marianne, die eine Stocklaterne trug.

Die beiden Freunde hatten ihre Leidenschaft voreinander verborgen.

Pécuchet gedachte, seinen Liebeshandel mit der Magd immer geheim zu halten. Sollte Bouvard sich dem entgegensetzen, so wollte er mit ihr davongehen, wäre es selbst nach Algier, wo das Leben nicht teuer ist! Doch gab er sich selten solchen Vermutungen hin, er war ganz von seiner Liebe erfüllt und dachte nicht an die Folgen.

Bouvard beabsichtigte, aus dem Museum das eheliche Schlafzimmer zu machen, wofern Pécuchet es ihm nicht abschlüge; sollte das der Fall sein, so wollte er die Besitzung seiner Gattin bewohnen.

Es war an einem Nachmittage der folgenden Woche bei ihr in ihrem Garten; die Knospen begannen zu springen, und zwischen den Wolken standen weite blaue Zwischenräume. Sie bückte sich, um Veilchen zu pflücken, und sagte, sie ihm überreichend:

„Grüßen Sie Frau Bouvard!“

„Wie! So ist es wahr?“

„Durchaus wahr.“

Er wollte sie in seine Arme pressen, sie wies ihn zurück. „Welch ein Mann!“ -- Dann wurde sie ernst und teilte ihm mit, daß sie ihn bald um eine Gunst bitten würde.

„Sie ist bewilligt.“

Sie setzten die Unterzeichnung ihres Ehekontraktes auf den nächsten Donnerstag fest.

Bis zum letzten Augenblicke sollte niemand etwas davon erfahren.

„Einverstanden.“

Und er ging heim, die Augen in den Wolken, leichtfüßig wie ein Reh.

Pécuchet hatte sich am Morgen desselben Tages geschworen, zu sterben, wenn er nicht die Gunst seiner Magd erlange, und er hatte sie in den Keller begleitet in der Hoffnung, die Dunkelheit würde ihm Mut machen.

Mehrere Male hatte sie weggehen wollen; doch er hielt sie zurück unter dem Vorwande, die Flaschen zu zählen, Latten auszuwählen oder den Boden der Tonnen nachzusehen; das währte schon lange.

Sie stand ihm gegenüber im Lichte des Kellerfensters, aufrecht, die Wimpern gesenkt, die Mundwinkel etwas in die Höhe gezogen.

„Liebst du mich?“ sagte plötzlich Pécuchet.

„Ja! Ich liebe Sie!“

„Nun gut, dann beweise es mir!“

Und sie mit dem linken Arm umfassend, begann er mit der anderen Hand ihr Korsett aufzunesteln.

„Sie werden mir weh tun?“

„Nein! mein kleiner Engel! Hab keine Furcht!“

„Wenn Herr Bouvard...“

„Ich werde ihm nichts sagen! Sei unbesorgt!“

Ein Haufen Reisig lag hinter ihr. Sie ließ sich darauf fallen, die Brüste außerhalb des Hemdes, den Kopf zurückgelehnt; -- dann verbarg sie ihr Gesicht unter einem Arm, -- und ein anderer hätte gemerkt, daß es ihr nicht an Erfahrung fehlte.

Bald kam Bouvard zum Essen.

Das Mahl wurde schweigend eingenommen, da jeder fürchtete, sich zu verraten; Mélie bediente sie teilnahmlos, wie gewöhnlich; Pécuchet wandte den Blick ab, um dem ihrigen auszuweichen, während Bouvard die Wände betrachtete und an Verschönerungen dachte.

Acht Tage später, am Donnerstag, kam er wütend nach Hause.

„Das verdammte Luder!“

„Wer denn!“

„Frau Bordin.“

Und er erzählte, daß er die Torheit so weit getrieben habe, sie heiraten zu wollen; aber jetzt sei alles aus, seit einer Viertelstunde bei Marescot.

Sie hatte verlangt, als Morgengabe die Ecalles zu erhalten, über die er nicht verfügen konnte, da er sie wie den Pachthof zum Teil mit dem Gelde eines anderen bezahlt hatte.

„In der Tat!“ sagte Pécuchet.

„Und ich! der ich dumm genug war, ihr zu versprechen, sie dürfe sich etwas von mir wünschen! Das war’s also, was sie wollte! Ich habe mich entschieden geweigert. Wenn sie mich liebte, hätte sie nachgegeben!“ Doch die Witwe hatte sich zu Beleidigungen hinreißen lassen, hatte sein Äußeres schlecht gemacht, über seinen dicken Bauch gespottet. „Meinen dicken Bauch, ich bitte dich!“

Indessen war Pécuchet mehrere Male hinausgegangen, mit gespreizten Beinen gehend.

„Leidest du?“ sagte Bouvard.

„O! ja! ich leide!“

Und nachdem Pécuchet die Tür geschlossen, gestand er nach langem Zögern, er habe soeben entdeckt, daß er geschlechtskrank sei.

„Du?“

„Ja, ich!“

„Ach! mein armer Junge! wer hat dir das geschenkt?“

Er errötete noch mehr und sagte mit noch leiserer Stimme:

„Das kann nur Mélie sein!“

Bouvard war starr über die Eröffnung.

Das erste war, das junge Mädchen zu entlassen.

Sie protestierte mit unschuldiger Miene.

Pécuchets Fall war jedoch schwer; doch aus Scham über seine Schande wagte er nicht, den Arzt aufzusuchen.

Bouvard kam auf den Gedanken, sich an Barberou zu wenden.

Sie sandten ihm eine eingehende Beschreibung des Leidens, damit er sie einem Arzt zeige, der die Krankheit brieflich behandeln sollte. Barberou nahm sich der Sache eifrig an, in dem festen Glauben, es handele sich um Bouvard, und er nannte diesen einen alten geilen Bock, beglückwünschte ihn aber zugleich.

„In meinem Alter,“ sagte Pécuchet, „ist das nicht traurig! Doch warum hat sie mir das angetan?“

„Du gefielst ihr.“

„Sie hätte mich warnen sollen.“

„Ist die Leidenschaft vernünftig?“ Und Bouvard beklagte sich über Frau Bordin.

Oft hatte er sie überrascht, wenn sie vor den Ecalles stand, in Marescots Gesellschaft und im Gespräch mit Germaine, -- so viel Schliche um ein Stückchen Land!

„Sie ist habsüchtig! Das erklärt alles!“

So grübelten sie über ihre getäuschten Hoffnungen, während sie im kleinen Saal am Feuer saßen.

Pécuchet schluckte dabei seine Arzneien, Bouvard rauchte seine Pfeife, -- und sie ergingen sich in Betrachtungen über die Frauen.

„Seltsames Bedürfnis; ist es ein Bedürfnis? Sie verleiten zum Verbrechen, zum Heldentum und zur Vertierung. Die Hölle unter einem Unterrock, das Paradies in einem Kuß, -- Turteltaubengirren, schlangenhafte Geschmeidigkeit, Katzenkrallen, -- Tücke des Meeres, Veränderlichkeit des Mondes,“ -- sie sagten alle Gemeinplätze, die man über die Frauen in die Welt gesetzt hat.

Der Wunsch nach Frauen hatte ihre Freundschaft ins Stocken gebracht. Gewissensbisse faßten sie. -- Keine Frauen mehr, nicht wahr? Leben wir ohne sie! -- Und gerührt umarmten sie einander.

Eine Gegenwirkung war nötig; -- und Bouvard erachtete, nachdem Pécuchet geheilt war, eine Kaltwasserbehandlung für sie von Vorteil.

Germaine, die sogleich bei dem Fortgang der andern wiedergekommen war, schleppte jeden Morgen die Badewanne in den Hausflur.

Die beiden Biedermänner, nackt wie die Wilden, übergossen sich mit tüchtigen Eimern Wassers, -- dann rannten sie, ihr Zimmer wieder zu erreichen. Man sah sie durch das Gitter; -- und es gab Leute, die darüber entrüstet waren.

VIII

Von ihrer Lebensweise befriedigt, wollten sie ihr körperliches Befinden durch Turnen verbessern.

Und sie griffen zu dem Handbuch von Amoros und sahen die Illustrationen durch.

Alle diese jungen Kerle, die kauerten, sich nach hinten bogen, die Knie beugten, die Arme streckten, die Faust ballten, Gewichte hoben, auf Balken ritten, an Leitern emporkletterten, an Trapezen sich schwangen, diese ganze Entfaltung von Kraft und Geschicklichkeit erregte ihren Neid.

Zudem erfüllte sie die Pracht der Turnhalle, die im Vorwort beschrieben wird, mit Kummer. Denn nie würden sie sich einen Vorsaal für die Geräte, ein Hippodrom für die Wettläufe, ein Bassin zum Schwimmen, noch einen „Ruhmesberg“, einen künstlichen Hügel leisten können, der zweiunddreißig Meter Höhe hätte.

Ein hölzernes Pferd zum Üben wäre wegen der Polsterarbeiten kostspielig gewesen; sie verzichteten darauf; die gefällte Linde im Garten diente ihnen als Schwebebaum; und als sie gewandt genug waren, ihn von einem Ende bis zum andern abzulaufen, pflanzten sie, um eine senkrechte Stange zu besitzen, einen der Pfosten der Spaliere in den Boden. Pécuchet erklomm sie bis zur Spitze. Bouvard glitt, fiel stets zurück und verzichtete schließlich darauf.

Die „orthosomatischen Stäbe“ sagten ihm mehr zu, das heißt zwei Besenstiele, die durch zwei Stricke verbunden waren, von denen der erste unter den Achseln durchgeht, der zweite über den Handgelenken liegt; -- und ganze Stunden lang behielt er diesen Apparat an, das Kinn erhoben, die Brust herausgestreckt, die Arme am Leib entlang.

Als Ersatz für Hanteln mußte ihnen der Stellmacher vier Stücke aus Eschenholz drechseln, die Zuckerhüten glichen, welche in einen Flaschenhals auslaufen. Man muß diese Keulen nach rechts und links, nach vorn und hinten schwingen; doch da sie zu schwer waren, entglitten sie ihren Fingern und hätten ihnen leicht die Beine zerschlagen können. Gleichviel, sie waren von ihren „persischen Mils“ begeistert, und sie rieben sie sogar jeden Abend mit Wachs und einem Stück Zeug, da sie fürchteten, sie möchten zerspringen.

Darauf suchten sie Gräben auf. Hatten sie einen ihnen zusagenden gefunden, so stützten sie eine lange Stange hinein, stießen mit dem linken Fuß ab, erreichten den anderen Rand, und fingen wieder von neuem an. Da das Gelände flach war, sah man sie von weither, -- und die Dörfler fragten sich, was das für zwei sonderbare Gestalten seien, die am Horizont herumsprangen.

Als der Herbst gekommen war, machten sie sich an die Zimmergymnastik; sie langweilte sie. Wie schade, daß sie nicht einen Schaukelstuhl oder Postsessel hatten, wie ihn unter Ludwig XIV. der Abbé von Saint-Pierre erdacht hatte. Wie war er konstruiert, wo konnte man sich darüber unterrichten? Dumouchel ließ sich nicht einmal zu einer Antwort herbei.

Dann brachten sie im Backhaus eine Armschaukel an. Über zwei an der Decke festgeschraubte Rollen lief eine Schnur, die an jedem Ende einen Querbalken hatte. Sobald sie ihn ergriffen hatten, stieß der eine mit den Fußspitzen von der Erde ab, während der andere die Arme bis zum Boden senkte; der erste zog durch sein Gewicht den zweiten, der, dem Strick etwas nachgebend, seinerseits in die Höhe stieg; in weniger als fünf Minuten troffen ihre Glieder von Schweiß.

Um die Vorschriften des Handbuchs zu befolgen, suchten sie sich beider Hände zu bedienen, ja sogar sich der rechten Hand zeitweise zu enthalten. Sie taten mehr: Amoros gibt die Lieder an, die man bei den Übungen singen soll, und Bouvard und Pécuchet wiederholten beim Marschieren den Gesang Nr. 9:

_Ein König, ein gerechter König ist ein Gut auf Erden._

Wenn sie sich die Brustmuskeln schlugen:

_Freunde, die Krone und der Ruhm usw._

Im Laufschritt:

_Uns gehört das scheue Tier! Den hurt’gen Hirsch erjagen wir! Ja! Zum Sieg heran! Voran! Voran! Voran!_

Und heftiger keuchend als Hunde spornten sie einander durch den Klang ihrer Stimmen an.

Eine Seite der Gymnastik begeisterte sie: ihre Anwendung als Rettungsmittel.

Aber man hätte Kinder haben müssen, wollte man lernen, sie in Säcken zu tragen, -- und sie baten den Schulmeister, ihnen einige zu stellen. Petit wandte ein, daß die Eltern böse werden würden. Sie hielten sich an der Hilfeleistung für Verwundete schadlos. Der eine stellte sich ohnmächtig, und der andere fuhr ihn in einer Schiebkarre mit jeder nur möglichen Vorsicht.

Was die militärischen Ersteigungen anlangt, so rühmt der Verfasser die Leiter Bois-Rosé, die ihren Namen von dem Hauptmann hat, der einst Fécamp überraschte, indem er an der Klippe emporkletterte.

Der Abbildung im Buche entsprechend, besetzten sie ein Tau mit Stäben und befestigten es unter dem Schuppen.

Sobald man rittlings auf dem ersten Querstab sitzt und den dritten erfaßt hat, schwingt man die Beine auswärts, damit der zweite Stab, der sich eben in Brusthöhe befand, gerade unter die Schenkel kommt. Man richtet sich auf, man faßt den vierten, und fährt so fort. Trotz der fabelhaftesten Verrenkungen war es ihnen unmöglich, auf die zweite Sprosse zu kommen.

Vielleicht macht es weniger Mühe, wenn man sich mit den Händen an die Steine klammert, wie die Soldaten Bonapartes beim Angriff auf das Fort Chambray es taten? -- und um einen dazu fähig zu machen, hat Amoros in seiner Anstalt einen Turm.

Die zerfallene Mauer konnte ihn ersetzen. Sie versuchten, sie zu erklimmen.

Doch Bouvard, der seinen Fuß zu schnell aus einem Loche gezogen hatte, bekam Furcht und wurde schwindlig.

Pécuchet hielt ihre Methode für falsch: sie hatten die Vorschriften für die Fingerglieder vernachlässigt, so daß sie sich zunächst wieder an die Anfangsgründe machen mußten.

Seine Ermahnungen waren vergeblich; -- und in seinem Dünkel und seiner Anmaßung machte er sich ans Stelzenlaufen.

Die Natur schien ihn hierzu bestimmt zu haben, denn er nahm sogleich das große Modell, das die Trittklötze vier Fuß über dem Boden hat, -- und sich im Gleichgewicht darauf haltend durchmaß er den Garten in großen Schritten, einem riesigen daherspazierenden Storch ähnlich.

Bouvard sah ihn vom Fenster aus schwanken, dann wie einen Sack auf die Bohnen niederstürzen, deren Stangen zerbrachen und seinen Sturz abschwächten. Man hob ihn auf; er war mit Erde bedeckt, seine Nase blutete, er war leichenblaß, -- und er glaubte, sich einen Bruch zugezogen zu haben.

Sicherlich, das Turnen paßte nicht für Leute ihres Alters; sie gaben es auf, wagten aus Furcht vor Unfällen sich nicht mehr zu bewegen, und sie saßen den lieben langen Tag über in ihrem Museum, auf anderen Zeitvertreib sinnend.

Dieser Wechsel in ihren Gewohnheiten wirkte auf Bouvards Gesundheit ein. Er wurde schwerfällig, prustete nach den Mahlzeiten wie ein Pottfisch, wollte mager werden, aß weniger, und seine Kräfte nahmen ab.

Auch Pécuchet hielt seine Gesundheit für „untergraben“, hatte Hautjucken und rote Stellen im Rachen. „Es will nicht mehr,“ sagte er, „es will nicht mehr.“

Bouvard kam auf den Gedanken, ins Wirtshaus zu gehen und einige Flaschen spanischen Wein auszusuchen, um seine Maschine wieder in Gang zu setzen.

Als er wieder herauskam, brachten Marescots Notariatsgehilfe und drei Leute Beljambe einen großen Tisch aus Nußbaumholz; „ihr Herr“ ließe ihm bestens dafür danken. Der Tisch habe sich ausgezeichnet bewährt.

Bouvard hörte auf diese Weise von der neuen Mode des Tischrückens. Er zog den Gehilfen damit auf.

Indessen verwendeten in ganz Europa, in Amerika, in Australien und in Indien Millionen von Sterblichen ihre Zeit darauf, Tische zum Drehen zu bringen, -- und man entdeckte, wie man Zeisige zu Propheten machen könne, Konzerte ohne Instrumente geben, mit Hilfe von Schnecken korrespondieren. Die Presse bestärkte das Publikum in seiner Leichtgläubigkeit, indem sie ihm die Flausen in ernsthafter Form vorsetzte.

Die Klopfgeister waren im Schlosse von Faverges gelandet, von dort aus hatten sie sich im Dorfe verbreitet, -- und besonders der Notar befragte sie.

Da er sich über Bouvards Skeptizismus ärgerte, lud er die beiden Freunde auf einen Abend zum Tischrücken ein.

War es eine Falle? Frau Bordin würde dort sein. Pécuchet ging allein hin.

Es waren dort als Teilnehmer der Bürgermeister, der Steuereinnehmer, der Hauptmann, andere Bürger mit ihren Frauen, Frau Vaucorbeil, Frau Bordin in der Tat; außerdem eine frühere Hilfslehrerin der Frau Marescot, ein Fräulein Laverrière, eine etwas zweideutige Person, deren graues Haar in Spiralen nach der Mode von 1830 auf die Schultern herabfiel. In einem Sessel lehnte ein Vetter aus Paris, der einen blauen Frack trug und von impertinentem Äußeren war.

Die beiden Bronzelampen, die Etagere mit den Kuriositäten, auf dem Klavier liegende Romanzen mit Titelvignetten und winzige Aquarelle in riesenhaften Rahmen bildeten stets das Erstaunen von Chavignolles. Doch an diesem Abend richteten sich alle Blicke auf den Mahagonitisch. Man wollte ihn sogleich versuchen, und er hatte die Wichtigkeit von Dingen, die ein Geheimnis umschließen.

Zwölf der Eingeladenen nahmen rings um ihn Platz, die Hände ausgestreckt, wobei die kleinen Finger aneinander lagen. Man hörte nur das Ticken der Stutzuhr. Die Gesichter verrieten eine tiefe Aufmerksamkeit.

Nach Verlauf von zehn Minuten klagten mehrere über Krimmeln in den Armen. Pécuchet fühlte sich unbehaglich.

„Sie drücken!“ sagte der Hauptmann zu Foureau.

„Durchaus nicht!“

„Doch!“

„Bitte sehr, mein Herr!“

Der Notar beruhigte sie.

Durch übermäßige Anspannung des Gehörsinns glaubte man ein Knacken im Holze zu hören. -- Es war Täuschung. Nichts regte sich.

Neulich, als die Familien Aubert und Lormeau von Lisieux gekommen waren und man eigens zu dem Zwecke Beljambes Tisch geliehen hatte, war alles so gut gegangen! Doch dieser da zeigte einen Eigensinn... Warum?

Zweifellos störte ihn der Teppich, -- und man ging ins Eßzimmer.