Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass

Part 15

Chapter 153,656 wordsPublic domain

Das Vestibül, in welchem drei Diener sie erwarteten, um ihnen die Überzieher abzunehmen, das Billardzimmer und zwei in derselben Flucht liegende Salons, die Pflanzen in den chinesischen Vasen, die Bronzen auf den Kaminen, die goldenen Leisten am Getäfel, die schweren Vorhänge, die bequemen Sessel, dieser ganze Luxus berührte sie sogleich wie eine Höflichkeit, die man ihnen erwies; und als man in das Eßzimmer trat, da heiterten sich alle Gesichter auf beim Anblick der mit verschiedenen Braten besetzten Tafel, die auf silbernen Schüsseln lagen; dazu die Reihe Gläser hinter jedem Teller, die hier und dort stehenden Vorspeisen, und mitten auf der Tafel ein Salm.

Sie waren ihrer siebzehn, darunter zwei begüterte Landwirte, der Unterpräfekt von Bayeux und ein unbekannter Herr aus Cherbourg. Herr von Faverges bat seine Gäste, die Gräfin, die durch eine Migräne verhindert sei, entschuldigen zu wollen; und nach Komplimenten über die Birnen und Trauben, welche vier Körbe auf den Ecken füllten, kam die Rede auf die große Neuigkeit: den Plan einer Landung in England durch Changarnier.

Heurtaux wünschte sie als Soldat, der Pfarrer aus Haß gegen die Protestanten, Foureau im Interesse des Handels.

„Sie geben mittelalterliche Anschauungen zu erkennen!“ sagte Pécuchet.

„Das Mittelalter hatte sein Gutes,“ erwiderte Marescot. „Zum Beispiel unsere Kathedralen...“

„Indessen, die Mißbräuche, mein Herr!...“

„Gleichviel, die Revolution wäre nicht gekommen!“

„Ja, die Revolution, das war das Unglück!“ sagte der Geistliche seufzend.

„Aber alle Welt hat dazu beigetragen! und -- verzeihen Sie, Herr Graf -- die Adligen selbst durch ihre Verbindung mit den Philosophen!“

„Was wollen Sie! Ludwig XVIII. hat den Raub der Güter legalisiert! Seit jener Zeit untergräbt uns das parlamentarische System die Grundlagen!...“

Ein Roastbeef wurde aufgetragen, und einige Minuten lang hörte man nur das Geräusch der Gabeln und Kinnladen zu den Schritten der Diener auf dem Parkett und der Wiederholung der beiden Worte: „Madeira! Sauternes!“

Die Unterhaltung wurde von dem Herrn aus Cherbourg wieder aufgenommen. Wie am Rande des Abgrundes einhalten?

„Bei den Athenern,“ sagte Marescot, „bei den Athenern, denen wir in gewisser Hinsicht ähneln, hielt Solon die Demokraten nieder, indem er den Wahlzensus erhöhte.“

„Besser wäre es,“ sagte Hurel, „die Kammer abzuschaffen; alle Unordnung kommt von Paris.“

„Dezentralisieren wir!“ sagte der Notar.

„In gehöriger Weise!“ fügte der Graf hinzu.

Nach Foureaus Ansicht mußte die Gemeinde die unumschränkte Herrin sein, so daß sie sogar die Benutzung ihrer Wege den Reisenden verbieten konnte, wenn es ihr gut schien.

Und während ein Gericht dem andern folgte, Huhn in Brühe, Krebse, Champignons, Gemüsesalat, gebratene Lerchen, wurden manche Fragen behandelt: das beste Steuersystem, die Vorteile der Bewirtschaftung im Großen, die Abschaffung der Todesstrafe, -- der Unterpräfekt vergaß nicht, das reizende Wort eines Mannes von Geist anzuführen: „Möchten die Herren Mörder damit anfangen!“

Bouvard war von dem Gegensatz überrascht, in welchem die Umgebung zu dem stand, was man sagte, -- denn man glaubt immer, daß die Worte der Umwelt entsprechen müssen, und daß die hohen Räume für große Gedanken geschaffen seien. Nichtsdestoweniger war er beim Nachtisch rot und sah die Kompottschüsseln in einem Nebel.

Man hatte Bordeaux, Burgunder und Malaga getrunken... Herr von Faverges, der seine Leute kannte, ließ Champagner entkorken. Die Gäste tranken anstoßend auf den Erfolg der Wahl, und es war drei Uhr vorbei, als sie ins Rauchzimmer hinübergingen, um den Kaffee zu nehmen.

Zwischen Nummern des „Univers“ lag eine Karikatur des „Charivari“ auf einem Pfeilertischchen; sie stellte einen Bürger dar, unter dessen Rockschößen ein Schwanz hervorsah, der in ein Auge auslief. Marescot gab die nötige Erklärung. Man lachte tüchtig.

Sie stürzten Liköre hinunter, und die Asche der Zigarren fiel in die Polster der Möbel. Der Abbé, der Girbal überzeugen wollte, griff Voltaire an. Coulon schlummerte ein. Herr von Faverges erklärte seine Ergebenheit für Chambord. „Die Bienen zeugen für die Monarchie.“

„Aber die Ameisenhaufen für die Republik!“ Übrigens legte der Arzt keinen Wert mehr auf sie.

„Sie haben recht!“ sagte der Unterpräfekt. „Die Form der Regierung ist ziemlich gleichgültig!“

„Die Freiheit vorausgesetzt!“ wandte Pécuchet ein.

„Ein anständiger Mensch bedarf ihrer nicht,“ erwiderte Foureau. „Ich halte keine Reden! Ich bin kein Journalist! Und ich behaupte, daß Frankreich von einem eisernen Arme regiert sein will!“

Alle verlangten nach einem Retter.

Beim Fortgehen hörten Bouvard und Pécuchet Herrn von Faverges zum Abbé Jeufroy sagen:

„Man muß den Gehorsam wieder einführen. Die Autorität erstirbt, wenn man sie erörtert. Das göttliche Recht, das ist das einzig Wahre!“

„Ganz Ihrer Ansicht, Herr Graf!“

Hinter den Wäldern warf die Oktobersonne lange blasse Strahlen, ein feuchter Wind wehte; -- und während sie über abgefallene Blätter gingen, atmeten sie wie befreit.

Alles, was sie nicht hatten aussprechen können, machte sich in Ausrufen Luft:

„Welche Dummköpfe! Welche Niedrigkeit der Gesinnung! Wie ist nur solch eine Verbohrtheit denkbar! Zunächst, was versteht man unter göttlichem Recht?“

Der Freund Dumouchels, jener Professor, der sie über ästhetische Dinge unterrichtet hatte, beantwortete ihre Frage mit einem gelehrten Briefe.

Die Theorie des göttlichen Rechts ist unter Karl II. von dem Engländer Filmer formuliert worden.

Hier folgt sie:

„Der Schöpfer verlieh dem ersten Menschen die Herrschaft über die Welt. Sie ging auf seine Nachkommen über, und die Macht des Königs kommt von Gott: ‚Er ist sein Ebenbild,‘ schreibt Bossuet. Die Machtbefugnis des Vaters gewöhnt an die Herrschaft eines einzigen. Man hat die Könige nach dem Beispiel der Väter eingesetzt.

Locke widerlegte diese Doktrin. Die väterliche Machtbefugnis unterscheidet sich von der monarchischen, denn jeder Untertan hat dasselbe Recht in bezug auf seine Kinder, wie der Monarch es seinen eigenen gegenüber hat. Das Königtum existiert nur kraft der Wahl des Volkes, -- und diese Erwählung wurde sogar bei der Feierlichkeit der Salbung ins Gedächtnis zurückgerufen, wo zwei Bischöfe, indem sie den König zur Schau stellten, die Edlen und das Volk befragten, ob sie ihn als solchen anerkennen wollten.

Also kommt die Gewalt vom Volke. ‚Es hat das Recht, alles zu tun, was es will,‘ sagt Helvetius, ‚seine Verfassung zu ändern,‘ sagt Vatel, ‚sich gegen Ungerechtigkeit zu empören,‘ behaupten Glafey, Hotman, Mably und so weiter, -- und der heilige Thomas von Aquino spricht ihm die Befugnis zu, sich von einem Tyrannen zu befreien. ‚Es braucht nicht einmal recht zu haben,‘ sagt Jurieu.“

Über diesen Grundsatz erstaunt, nahmen sie Rousseaus „Gesellschaftsvertrag“ zur Hand.

Pécuchet las ihn bis zu Ende; dann schloß er die Augen, warf den Kopf zurück und analysierte:

„Vorausgesetzt wird eine Vereinbarung, durch die der einzelne sich seiner Freiheit entäußerte.

Zugleich verpflichtete sich das Volk, ihn gegen die Ungleichheiten der Natur zu schützen, und machte ihn zum Eigentümer der Dinge, die er besitzt.

Wo aber ist der Beweis für den Vertrag?

Nirgends! und die Gemeinschaft bietet keine Sicherheit. Die Bürger werden sich ausschließlich mit Politik beschäftigen. Aber da man Handwerker braucht, rät Rousseau zur Sklaverei. Die Wissenschaften haben das Menschengeschlecht zugrunde gerichtet. Das Theater wirkt verderblich, das Geld ist unheilvoll, und der Staat muß eine Religion einsetzen, wenn er nicht zugrunde gehen soll.“

Wie! sagten sie sich, das ist der Vorkämpfer der Demokratie?

Alle Reformatoren haben ihn abgeschrieben, -- und sie verschafften sich die „Untersuchung über den Sozialismus“ von Morant.

Das erste Kapitel erläutert die Saint-Simonistische Lehre.

An der Spitze der „Vater“, der zugleich Papst und Kaiser ist. Abschaffung der Erbschaften, da alles bewegliche und unbewegliche Gut ein Gesellschaftskapital bildet, das durch eine hierarchisch gestufte Organisation nutzbar gemacht wird. Die Geschäftsleute verwalten das öffentliche Vermögen. Doch darum keine Furcht; man wird den zum Führer haben, „der am meisten liebt“.

Etwas fehlt noch, die Frau. Vom Erscheinen der Frau hängt das Heil der Welt ab.

„Das verstehe ich nicht.“

„Ich auch nicht!“

Und sie machten sich an die Lehre Fouriers.

Alles Unglück kommt durch den Zwang. Man lasse die Attraktion sich ungehindert betätigen, und alles wird sich harmonisch ordnen.

Unsere Seele umschließt zwölf Grundtriebe: fünf sensuelle, vier affektive und drei distributive. Die ersten beziehen sich auf das Individuum, die folgenden auf die Gruppen, die letzten auf die Gruppen der Gruppen oder Reihen, deren Gesamtheit die Phalanx bildet, eine Gesellschaft von achtzehnhundert Personen, die einen Palast bewohnen. Jeden Morgen bringen Wagen die Arbeiter aufs Land und holen sie am Abend zurück. Man trägt Fahnen, man feiert Feste, man ißt Kuchen. Jede Frau besitzt, wenn sie Wert darauf legt, drei Männer: den Ehegatten, den Liebhaber und den Erzeuger. Für die Ehelosen ist durch das Bajaderentum vorgesorgt.

„Das ist nach meinem Geschmack!“ sagte Bouvard. Und er verlor sich in Träume von der harmonischen Welt.

Durch die Verbesserung der klimatischen Verhältnisse wird die Erde schöner werden, durch die Kreuzung der Rassen das menschliche Leben länger. Man wird die Wolken lenken, wie man es schon jetzt mit dem Blitz tut, es wird des Nachts auf die Städte zu deren Reinigung regnen. Schiffe werden die unter der Einwirkung von Nordlichtern aufgetauten Polarmeere durchqueren. Denn alles vollzieht sich durch die Vereinigung eines männlichen mit einem weiblichen Fluidum, die von den Polen ausgehen; und die Nordlichter sind ein Anzeichen der Brunst des Planeten, ein Ausströmen der Zeugungskraft. „Das geht über meinen Horizont,“ sagte Pécuchet.

Nach Saint-Simon und Fourier beschränkte sich das Problem auf die Lohnfrage.

Louis Blanc will, daß man im Interesse der Arbeiter den Außenhandel abschafft; Lafarelle, daß man Maschinen einführt; ein anderer, daß man die Getränke von Steuern befreit, oder daß man die Zünfte wiederherstellt, oder daß man Suppen austeilt. Proudhon denkt an einen einheitlichen Tarif und verlangt für den Staat das Zuckermonopol.

„Deine Sozialisten verlangen immer die Tyrannei,“ sagte Bouvard.

„Nicht doch!“

„Ganz gewiß!“

„Du redest Unsinn!“

„Du empörst mich!“

Sie ließen sich die Werke kommen, die sie nur ihrem Hauptinhalte nach kannten. Bouvard merkte mehrere Stellen an und sagte, auf sie hinweisend:

„Lies selbst! Sie stellen uns als Beispiel die Essener, die Herrnhuter, die Jesuiten von Paraguay, sogar die Gefängnisordnung hin.

Bei den Ikariern wird das Frühstück in zwanzig Minuten eingenommen, die Frauen kommen im Krankenhaus nieder; was die Bücher anlangt, so besteht das Verbot, deren ohne Ermächtigung der Republik zu drucken.“

„Aber Cabet ist ein Idiot!“

„Hier etwas aus Saint-Simon: die Publizisten haben ihre Arbeiten einem Komitee von Handelsleuten zu unterbreiten.

Und aus Pierre Leroux: das Gesetz wird die Bürger zwingen, einen Redner zu hören.

Und aus Auguste Comte: die Priester werden die Jugend erziehen, alle Werke des Geistes leiten und die Staatsgewalt anhalten, das Zeugungsgeschäft zu regeln.“

Diese Lehren bekümmerten Pécuchet. Beim Diner am Abend erwiderte er:

„Daß es bei den Utopisten manches Lächerliche gibt, das gebe ich zu; indessen verdienen sie unsere Liebe. Die Häßlichkeit der Welt schmerzte sie, und um sie schöner zu machen, haben sie alles erduldet. Erinnere dich der Enthauptung des Morus, der siebenmaligen Folterung Campanellas; wie Buonarotti eine Kette um den Hals trug, Saint-Simon im Elend litt, und vieler anderer. Sie hätten in Frieden leben können; aber nein! sie sind ihren Weg gegangen wie Helden, erhobenen Hauptes.“

„Glaubst du,“ erwiderte Bouvard, „daß die Welt infolge der Theorien eines solchen Herrn sich ändern wird?“

„Was tut das!“ sagte Pécuchet, „es ist an der Zeit, daß man nicht mehr im Egoismus verfault! Suchen wir das beste System!“

„Dann rechnest du darauf, es zu finden?“

„Gewiß!“

„Du?“

Und das Lachen, von dem Bouvard erfaßt wurde, erschütterte seine Schultern und seinen Bauch in gleichen Stößen. Roter als die Konfitüren, die Serviette unter der Achsel, lachte er immer wieder von neuem:

„Ha! ha! ha!“ Es war aufreizend.

Pécuchet verließ daß Zimmer und schlug die Tür zu.

Germaine rief ihn, durch das ganze Haus suchend, -- und man fand ihn schließlich in seinem Zimmer in einem Lehnsessel, ohne Feuer und Licht, während er die Mütze tief in die Stirn hinabgezogen hatte. Er war nicht krank, sondern er gab sich seinen Betrachtungen hin.

Nachdem die Mißstimmung zwischen beiden verflogen war, erkannten sie, daß eine Grundlage ihren Studien fehlte: die Nationalökonomie.

Sie unterrichteten sich über Angebot und Nachfrage, Kapital und Zins, Einfuhr, Ausfuhrverbot.

Eines Nachts wurde Pécuchet durch das Knarren eines Stiefels im Hausflur geweckt. Am Abend hatte er, wie gewöhnlich, alle Riegel vorgeschoben -- und er weckte Bouvard, der fest schlief.

Sie harrten regungslos unter ihren Decken. Das Geräusch ließ sich nicht wieder hören.

Die Mägde, darum befragt, wollten nichts gehört haben.

Doch als sie in ihrem Garten umhergingen, bemerkten sie auf einem Beet in der Nähe des Gitters den Abdruck einer Stiefelsohle, -- und zwei Stäbe des Zaunes waren zerbrochen. Augenscheinlich war jemand hinübergestiegen.

Der Feldhüter mußte benachrichtigt werden.

Da er nicht auf dem Bürgermeisteramt war, begab sich Pécuchet zum Krämer.

Wen sah er in der Hinterstube des Ladens an der Seite Placquevents mitten unter den Trinkern? Gorju! -- Gorju, in feiner Kleidung und die andern freihaltend.

Sie legten der Begegnung keine weitere Bedeutung bei.

Bald kamen sie zur Frage des Fortschritts.

Bouvard bezweifelte ihn nicht auf wissenschaftlichem Gebiet. Doch in der Literatur zeigt er sich weniger klar; und wenn auch der Wohlstand zunimmt, so ist doch der Glanz des Lebens verschwunden.

Um ihn von seiner Ansicht zu überzeugen, nahm Pécuchet ein Stück Papier: „Ich zeichne eine schräg verlaufende Wellenlinie. Wer ihren Weg nimmt, wird jedesmal bei der Senkung den Horizont nicht mehr sehen. Und doch hebt sie sich, und trotz ihrer Krümmungen wird er den Gipfel erreichen. Das ist das Bild des Fortschritts.“

Frau Bordin trat ein.

Es war der 3. Dezember 1851. Sie brachte die Zeitung mit.

Sie lasen schnell, in dasselbe Blatt sehend, den Aufruf an das Volk, die Auflösung der Kammer, die Gefangensetzung der Abgeordneten.

Pécuchet wurde blaß. Bouvard sah die Witwe an.

„Wie! Sie sagen nichts!“

„Kann ich’s ändern?“ Sie vergaßen, ihr einen Stuhl anzubieten. „Ich war gekommen in dem Glauben, Ihnen ein Vergnügen zu machen! O! Sie sind heute wenig liebenswürdig!“ Und sie ging, von ihrer Unhöflichkeit beleidigt.

Die Überraschung hatte sie stumm gemacht. Dann gingen sie ins Dorf, ihrer Entrüstung Ausdruck zu geben.

Marescot, der sie, mit seinen Verträgen beschäftigt, empfing, dachte anders. Das Geschwätz der Kammer höre auf, dem Himmel sei Dank. Man würde hinfort eine Politik der Tatsachen haben.

Beljambe wußte nichts von den Ereignissen, sie waren ihm zudem gleichgültig.

An der Markthalle hielten sie Vaucorbeil an.

Der Arzt hatte sich von all dem frei gemacht. --

„Sie tun unrecht, sich damit zu quälen!“

Foureau kam an ihnen vorüber und sagte mit spöttischer Miene: „Hineingelegt, die Demokraten!“ -- Und der Hauptmann an Girbals Arm rief von weitem: „Es lebe der Kaiser!“

Aber Petit mußte sie verstehen, und nachdem Bouvard an die Scheibe geklopft, verließ der Schulmeister seine Klasse.

Er fand es außerordentlich komisch, daß Thiers im Gefängnis saß. Das war eine Rache für das Volk. -- „Ha! ha! meine Herren Abgeordneten, die Reihe ist an Ihnen!“

Die Füsilladen auf den Boulevards fanden die Billigung der Einwohner von Chavignolles. Keine Gnade für die Besiegten, kein Mitleid für die Opfer! Sobald man sich empört, ist man ein Verbrecher.

„Danken wir der Vorsehung!“ sagte der Pfarrer, „und nächst ihr Louis Bonaparte. Er umgibt sich mit den ausgezeichnetsten Männern. Der Graf von Faverges wird Senator werden.“

Am folgenden Tage erhielten sie den Besuch Placquevents.

Die Herren hätten viel geredet. Er verpflichtete sie zu schweigen.

„Willst du meine Ansicht wissen?“ sagte Pécuchet:

„Da die Bürger blutdürstig, die Arbeiter eifersüchtig, die Priester Kriecher sind, -- und da dem Volk jeder Tyrann recht ist, vorausgesetzt, daß man ihm sein Maul im Troge läßt, so hat Napoleon recht getan! -- Mag er es knebeln, mit Füßen treten und vertilgen! -- Es wird nie eine genügende Strafe sein für seinen Haß gegen das Recht, seine Feigheit, seine Dummheit, seine Verblendung!“

Bouvard dachte: „Ach, der Fortschritt, welch ein Schwindel!“ Er fügte hinzu: „Und die Politik, eine schöne Schweinerei!“

„Sie ist keine Wissenschaft,“ erwiderte Pécuchet. „Die Kriegskunst steht höher, man sieht voraus, was eintrifft; wir sollten uns daran machen.“

„Nein, danke!“ erwiderte Bouvard. „Alles widert mich an. Laß uns lieber unsere Bude verkaufen und laß uns, zum Himmeldonnerwetter, zu den Wilden gehen!“

„Wie du willst!“

Im Hofe pumpte Mélie Wasser.

Die hölzerne Pumpe hatte einen langen Schwengel. Um ihn hinabzudrücken, krümmte sie sich, -- und man sah alsdann ihre blauen Strümpfe bis hinauf zu den Waden. Dann hob sie mit einer schnellen Bewegung ihren rechten Arm, während sie den Kopf ein wenig drehte, -- und Pécuchet fühlte bei ihrem Anblick etwas ganz Ungewohntes, einen Reiz, ein unendliches Vergnügen.

VII

Traurige Tage begannen.

Aus Furcht vor Enttäuschungen studierten sie nicht mehr; die Einwohner von Chavignolles hielten sich von ihnen fern; die Zeitungen, soweit sie erscheinen durften, brachten keine Neuigkeiten, -- und ihre Einsamkeit war tief, ihre Untätigkeit vollständig.

Zuweilen öffneten sie ein Buch und schlossen es wieder; wozu? An anderen Tagen kam ihnen der Gedanke, den Garten zu säubern; nach Verlauf einer Viertelstunde wurden sie von Müdigkeit ergriffen; oder ihren Gutshof zu besuchen; dann kamen sie, den Tod in der Seele, heim; oder sich um ihren Haushalt zu kümmern, dann fing Germaine an zu lamentieren; sie verzichteten darauf.

Bouvard wollte einen Katalog des Museums aufstellen und erklärte den Krimskrams für stumpfsinnig.

Pécuchet lieh sich Langlois’ Enten-Flinte, um Lerchen zu schießen; die Waffe platzte beim ersten Schuß und hätte ihn beinahe getötet.

Sie lebten also in jener ländlichen Langeweile, die so schwer lastet, wenn der weiße Himmel mit seiner Eintönigkeit ein hoffnungsarmes Herz umschmeichelt. Man horcht auf den Schritt eines Mannes in Holzschuhen, der an der Mauer entlang geht, oder auf die Regentropfen, die vom Dache auf die Erde fallen. Zuweilen streift ein abgefallenes Blatt die Scheibe, wirbelt umher und fliegt davon. Der Wind führt ein undeutliches Trauerläuten mit sich. Aus der Tiefe des Stalles brüllt eine Kuh.

Sie gähnten einander an, sahen in den Kalender, schauten auf die Uhr, erwarteten die Mahlzeiten; und der Horizont blieb immer der gleiche; geradeaus Felder, rechts die Kirche, links eine Reihe Pappeln; beständig wiegten sich ihre Wipfel im Nebel. Es war ein melancholischer Anblick.

Angewohnheiten, die früher jeder dem andern hingehen ließ, begannen, ihnen lästig zu werden. Pécuchets Vorliebe, sein Taschentuch auf das Tischtuch zu legen, war unausstehlich; Bouvard legte seine Pfeife nicht mehr aus der Hand und wiegte sich beim Sprechen hin und her. Hader entstand wegen der Gerichte oder der Qualität der Butter. Wenn sie zusammen waren, dachte jeder an etwas anderes.

Ein Ereignis hatte Pécuchet aus der Fassung gebracht.

Zwei Tage nach dem Aufstande in Chavignolles wollte er seinen politischen Verdruß spazieren führen und geriet auf einen Weg, den dichtbelaubte Ulmen deckten; da hörte er hinter sich eine Stimme rufen: „Halt!“

Es war Frau Castillon. Sie rannte auf der anderen Seite, ohne ihn zu bemerken. Ein Mann, der vor ihr ging, wandte sich um. Es war Gorju; -- und einen Klafter von Pécuchet entfernt, sprachen sie einander an, während die Baumreihe sie von ihm schied.

„Ist das wahr?“ sagte sie, „du willst in den Kampf?“

Pécuchet glitt in den Graben, um das weitere Gespräch zu hören.

„Na ja!“ erwiderte Gorju, „ich werde mich schlagen! Was geht dich das an?“

„Er fragt!“ rief sie, die Hände ringend. „Aber wenn du getötet wirst, mein Schatz! O bleibe!“ Und ihre blauen Augen flehten noch stärker als ihre Worte.

„Laß mich in Ruhe! Ich muß fort!“

Sie zeigte ein zorniges Hohnlächeln.

„Die andere hat es erlaubt, was?“

„Still davon!“ Er erhob die geballte Faust.

„Nein, mein Freund! Nein! Ich schweige, ich sage nichts.“ Und dicke Tränen liefen ihr die Wangen hinab bis in die Rüschen ihrer Halskrause.

Es war Mittag. Die Sonne strahlte über dem Gelände, das mit gelben Halmen bedeckt war. Ganz in der Ferne glitt langsam die Plane eines Wagens dahin. Eine schläfrige Stille lag in der Luft, -- kein Vogelschrei, kein Insektensummen. Gorju hatte sich ein Spazierstöckchen geschnitten und schabte die Rinde davon ab. Frau Castillon erhob ihren Kopf nicht.

Die arme Frau dachte an die Vergeblichkeit ihrer Opfer, an die Schulden, die sie bezahlt, die Verpflichtungen, die sie für die Zukunft eingegangen, an ihren vernichteten Ruf. Anstatt zu klagen, erinnerte sie ihn an die ersten Zeiten ihrer Liebe, als sie ihn jede Nacht in der Scheune aufgesucht hatte, -- so daß einmal ihr Gatte, da er einen Dieb vermutete, mit der Pistole aus dem Fenster geschossen hatte. Die Kugel steckte noch in der Mauer. „Von dem Augenblicke an, da ich dich gekannt, bist du mir schön wie ein Prinz erschienen. Ich liebe deine Augen, deine Stimme, deinen Gang, deinen Geruch!“ Leiser fügte sie hinzu: „Ich bin toll vor Liebe zu dir!“

Er lächelte, in seinem Stolze geschmeichelt.

Sie faßte mit beiden Händen seine Flanken und bog, wie in Anbetung, ihren Kopf zurück.

„Mein teures Herz, mein süßer Schatz! meine Seele! mein Leben! Laß sehen, sprich, was willst du? -- Geld? Es wird sich auftreiben lassen. Ich war im Unrecht! ich ärgerte dich! verzeih! und bestell dir Kleider beim Schneider, trink Champagner, amüsiere dich, ich erlaube dir alles, -- alles.“ Sie murmelte mit höchster Überwindung: „Sogar sie!... wenn du nur zu mir zurückkehrst!“

Er neigte sich über ihren Mund, einen Arm um ihre Taille, um sie am Fallen zu hindern, und sie stammelte: „Teures Herz! Süßer Schatz! wie schön du bist! mein Gott, wie schön du bist!“

Regungslos und keuchend sah Pécuchet über den Grabenrand ihnen zu.

„Keine Schwäche!“ sagte Gorju, „ich brauchte nur die Post zu versäumen! Es steht ein ordentlicher Putsch in Aussicht; ich bin dabei! -- Gib mir zehn Sous, damit ich dem Postschaffner einen Kaffee mit Schnaps bezahlen kann.“

Sie zog ein Fünffrankstück aus ihrer Börse. „Du wirst sie mir bald zurückerstatten. Hab ein wenig Geduld! Wie lange schon ist er gelähmt! denke doch! -- Und wenn du wolltest, könnten wir zur Kapelle von La Croix-Janval gehen -- und da, mein Schatz, wollte ich vor der heiligen Jungfrau schwören, dich zu heiraten, sobald er tot ist!“

„Je nun! er stirbt nie, dein Gatte!“

Gorju hatte die Hacken gewandt. Sie holte ihn ein; -- und sich an seine Schultern klammernd:

„Laß mich mit dir gehen! Ich will deine Magd sein! Du hast jemanden nötig. Aber geh nicht fort! Verlaß mich nicht! Lieber den Tod! Töte mich!“

Sie schleppte sich auf den Knien, versuchend, seine Hände zu fassen, um sie zu küssen; ihre Haube fiel zu Boden, dann ihr Kamm, und ihre kurzen Haare lösten sich. Hinter den Ohren waren sie weiß, -- und als sie ihn, heftig schluchzend, von unten mit ihren roten Augenlidern und ihren geschwollenen Lippen ansah, packte ihn die Wut; er stieß sie zurück.

„Fort mit dir, alte Hexe! Jetzt ist’s aus!“

Als sie sich erhoben hatte, riß sie das goldene Kreuz ab, das an ihrem Halse hing, und es ihm nachwerfend:

„Da! Du Lump!“